„Ich schreibe wie ein galoppierendes Pferd“

Künstler und Schriftsteller Giorgio Avanti gibt Auskunft zu seinem neuen Buch «Bourgeoiserien». 

urs heinz aerni: Der Titel deines neuesten Buches heißt «Bourgeoiserien». Dieser Begriff erinnert mich an geblümte Tapeten, Nippes und Nierentischchen. Der Titel ist ja ganz witzig, aber … 

giorgio avanti: Der Titel «Bourgeoiserien» ist Programm und bezieht sich auf groß- und kleinbürgerliche Episoden aus dem Umfeld der fiktiven Figur Jakob. Sie sind im 20. und 21. Jahrhundert angesiedelt, aus dem Leben gegriffen, gesellschaftskritisch, ironisch, skurril, schmerzlich, aber auch lustvoll und komisch. Es geht um das Schicksal von Fahrenden, von Homosexuellen, um die Irritation zwischen Katholizismus und Protestantismus. Einige Geschichten widerspiegeln Alltags- und Beziehungsbilder, erzählen von Untreue, Verzweiflung und Bigotterie. Dazwischen finden sich allerhand schräge Beobachtungen, Impressionen von Reisen nach Bäretswil oder Saigon sowie Betrachtungen aus dem Innenleben des Erzählers.

aerni: Du kommentierst, erzählst und beschreibst. Ist die sprachliche Aufzeichnung von Vergangenem vielleicht ein nochmaliges Erleben von Vergangenem, eine Wiederholung in Zeitlupe? 

avanti: Ja, Erlebtes, Bilder aus der fernen und nahen Vergangenheit werden beim Schreiben wieder präsent, oftmals klarer, intensiver, bunter. Es ist eine Art des Sichinnewerdens und unmittelbaren Wahrnehmens, auch von längst Vergessenem.

aerni: Heißt das, die Charaktere deiner Erzählungen existieren tatsächlich? 

avanti: Die Geschichten sind teils autobiografisch, aus der Vergangenheit und dem Jetzt notiert, spontan hingeworfen oder vom Hörensagen nacherzählt. Die Grenze zwischen «Dichtung und Wahrheit» ist oft fließend. Das verhält sich ähnlich wie bei meinen Bildern: Da gibt es schrille, überzeichnete Figuren, die der künstlerischen Fantasie oder dem Traum entspringen. Aber natürlich schöpfe ich auch aus der Erinnerung. Die Bezüge sind manchmal offensichtlich, oft expressiv, nur angedeutet oder verschlüsselt – aber nie naturalistisch.

aerni: Hilft das Malen für das Schreiben oder ist es umgekehrt? Oder haben Schreiben und Malen nichts miteinander zu tun?

avanti: Beides gebiert Abbilder und Geschichten. Deshalb ist Malen Schreiben, und Schreiben ist Malen. Das Blatt Papier ist die Leinwand, Worte und Emotionen werden zu Farbe und Pinselstrich.

aerni: Wo schreibst du am liebsten?

avanti: Da bin ich völlig ungebunden. Meistens schreibe ich reisend, sei es im Kopf, in Graubünden, im Bisistal, in Paris, Venedig, Kambodscha oder sonst wo. Ich schreibe dort, wo mich etwas anfällt, mir etwas einfällt. Es kommt schon vor, dass ich dann meine Eingebungen auf Papierservietten am Frühstückstisch, auf einen Bierteller in einer Beiz, einen Stadtplan oder in mein schwarzes Tagebuch, so ich es zur Hand habe, kritzle.

aerni: Deine Bücher fallen auch durch eine sorgfältige Gestaltung auf. Liest das Auge mit? 

avanti: Ohne Auge kein Lesen. Das klingt banal. Aber schließlich ist es immer das Auge des Lesers, das einen Text – subjektiv – gestaltet und vereinnahmt. Wichtig ist folglich, wie der Leser den Inhalt mitgestaltet, miterlebt, und sich dabei selber erlebt und projiziert. Jegliches Lesen ist Interpretieren. «Nimm mein Auge und schau», pflegte mein Vater zu sagen. Dabei ist die Gestaltung eines Buchs, wie es daherkommt, wie es in der Hand liegt, wie es sich anfühlt, ein entscheidender Faktor. So ist die Gestaltung stets auch ein Indiz für den Inhalt und spielt prima vista – Liebe auf den ersten Blick – eine durchaus wichtige Rolle. Das Buch soll den Leser anspringen, ihn neugierig machen und zu weiteren Entdeckungen anregen.

aerni: Nach mehreren Publikationen mit Erzählungen und Gedichten von dir, stellt sich die Frage, wann du ein Romanprojekt in Angriff nehmen wirst. 

avanti: Dazu fehlt mir schlichtweg die Geduld. Ich schreibe wie ich male: ungeduldig, oftmals gehetzt, von innen getrieben, quasi wie ein galoppierendes Pferd. Aber wer weiß, vielleicht lerne ich noch traben oder einfach gehen. Dann wäre ein Roman schon vorstellbar.

aerni: Wenn ich ein Bild eines lesenden Menschen mit deinem Buch in den Händen malen müsste, wie sollte dieses aussehen? 

avanti: Eine lächelnde Frau, das aufgeschlagene Buch in ihrer Hand betrachtend, auf dem Schoß eine schnurrende rote Katze, daneben ein Mann, das Buch auf dem Kopf balancierend, im Vordergrund eine Flasche Bordeaux.

Giorgio Avanti lebt als Künstler und Autor bei Zug (Schweiz)

 
Titel: BourgeoiserienUntertitel: Kurzgeschichten Autor:Giorgio Avanti ISBN:978-3-99018-395-3 Format:Fester Einband Verlag: Bucher GmbH & Co.KG

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