Neulich beim Jazz

Mir ist endgültig aufgefallen, dass ein bestimmtes Phänomen nicht nur die Jugend kennt. Also das war so. Eine Jazzband kündigte in einer Kneipe ein Konzert an. Ich habe die schon mal gehört und war begeistert, wie genau und fantasievoll die komponieren und ihren Funk-Jazz-Stil wuchtig mit viel Verve zum Besten geben.

Nun, ich verschickte eine Rundum-E-Mail an ausgesuchte Bekannte und Freunde, von denen ich dachte, dass sie an dieser Musik genauso Spaß haben könnten wie ich. Sicherheitshalber reservierte ich gleich mal einen Tisch für fünf bis acht Personen. Erfreulich war, dass tatsächlich alle Stühle besetzt wurden. Die einen bestellten ihren Drink, die anderen dazu Pasta oder Pizza. Die Stimmung war fröhlich und alle schienen sich auf das Konzert zu freuen. Beim Jazz ist es ja so, dass während der Musik auch gegessen oder das eine oder andere Wort gesagt werden kann. Die sechs Musiker nahmen hinter den Instrumenten ihre Position ein und nach dem Begrüßungsapplaus stellte der Bandleader seine Kollegen vor und dann legten sie los.

Der Groove ging ins Blut, der Rhythmus bannte einen sofort, verspielt und clever zugleich lösten sich Piano, Sax und Gitarre bei den Soli ab, und Percussion, Schlagzeug und der Bass schienen die ganze Band von unten her richtig einzupacken.

Aber, liebe Leserin und Leser, was geschieht bei gewissen Anwesenden, die sich doch so zwischen dem 40. und 60. Altersjahren befinden? Sie greifen während die Musiker da vorne Gas geben, zum Smartphone und scrollen durch ihre Facebookseiten und checken E-Mails. Wir saßen in der ersten Reihe, die Band gab alles und eintrittzahlende Gäste spielen an ihrem Handy rum, als hockten sie in einem Wartesaal. Ich wusste nicht, was ich davon halten soll. Doch alle applaudierten am Schluss und als ich vorsichtig fragte, wie es ihnen denn gefallen habe, meinten die Handymenschen, dass sie das Konzert großartig fanden…

 

Um diese Band geht es, deren Musik ich zur Entdeckung empfehle:

Journeys, mit Philippe Mal am Sax, Willy Kotoun an der Percussion, Ueli Gasser an der Gitarre, Robert Mark am Schlagzeug, Angela Signore am Keyboard oder Klavier und Luciano Maranta am Bass.

Und diese CDs sei Ihnen ins gute Abspielgerät empfohlen: „Transit“ und „New Destination“ www.journeys.ch

Urs Heinz Aerni

Legitim?

Heute lag dieser Prospekt einer Firma, die u. a. Textilien und Schuhe verkauft im Briefkasten. Die junge schwedische Klimaaktivistin Greta Thunberg dient hier als Covergirl und Eye-Catcher.

Es stellen sich hier Fragen, wie:

– Weiß das Mädchen davon und verdient sie was?

– Wurde das Bild offiziell als Presse- oder Agenturbild erstanden aber für ein Werbeprodukt verwendet?

– Wo ist die Grenze zwischen Werbung und Journalismus?

Was meinen Sie?

Urs Heinz Aerni

Amuse bouche für Lesende

Es ist Bücherfrühling. Neben meinem Computer steht ein Stapel Bücher, die ich empfehlen möchte aber wie soll ich das auf so wenig Platz tun? Ah, ich pflücke daraus je ein Satz, so quasi als Amuse bouche:

«Manchmal ist’s, als schliefen wir um eines Traumes Willen», Hans Ulrich Bänziger aus «Ahnungslose Beute» (Wolfbach). «Ihre Augen wurden feucht, vom Rauch der Kerzen?» Markus Ramseier aus «In einer unmöbilierten Nacht» (Haymon). «Ich fühle den Wanderweg mehr unter mir, als ich ihn sehe.» Johanna Romberg aus «Federnlesen» (Lübbe). «Das Sterben ist das Schönste am Tod» Aglaja Veteranyi  aus «Wörter statt Möbel» (Der gesunde Menschenversand). «Todesanzeigen enthalten in der Regel drei Informationen, die von größter Bedeutung sind.» Elias Schneitter aus «Über die Jahre» (Anthologie Pyjamaguerilleros). «Die Antworten auf die Frage nach den Grenzen der Pädagogik haben immer einen mythischen Anteil.» Martin Kunz aus «Die stille Erotik der Melancholie» (Bucher). «Die Frau am Empfang sieht uns an, als beträten zwei Aliens ihr Haus.» Beat Glogger aus «Zweimaltot» (Reinhardt). «Nur bin ich nicht die werbeträchtige Luxusuhr, die vom Vater auf seinen Sohn übergeht.» Christof Gasser aus «Blutlauenen» (Emons). «Du müsstest unbedingt mal indische Philosophie lesen, gerade du, Vanessa.» Patrizia Hausheer aus «Was soll das alles» (Arisverlag). «Es ist ihr klar, dass sie Luca nicht einfach aushalten kann.» David Weber aus «Reduit» (Knapp). «Sofort begann es zu schäumen und sich blutrot zu färben.» Alexander Günsberg aus «Tanz der Vexiere» (Münster). «Nun war es Sonntag, sein Veston verbeult und sein Anzug lamentabel.» Benedikt Meyer aus «Nach Ohio» (Zytglogge). «Selbstverständlich habe ich Sie manipuliert, was erwarten Sie?» Markus Bundi aus «Alte Bande» (Septime). «Mein Gott, Anke, ich … ich … wusste ja nicht …» Wolfgang Marx aus «Am grauen Meer» (Kameru). «Im Grunde sah man nur einen Wuschel schwarzer Haare.» Simon Libsig aus «Der Velodieb, der unters Auto kam» (Librium).

Und wenn Sie noch Fragen haben sollten, so treffen Sie mich anlässlich «Berg & Buch» vom 18. – 21. April im Hotel Schweizerhof Lenzerheide.

Urs Heinz Aerni

 

«Bauchkraulzentrale»?

In der Aargauer Zeitung äußerte sich die Kollegin Anne-Sophie Scholl sehr pointiert über das Kerngeschäft des Journalismus’ unter dem Druck von Schriftstellern (bewusst hier auf die feminine Variante verzichtend), die eine nachhaltige Rezension ihres Buches erwarten oder mindestens eine Mitteilung, wenn ihr Buch auf einer Bestenliste gelandet ist. Ein hierzulande sehr bekannter Schriftsteller hätte sich mit einem Interview schwergetan, da er der Ansicht sei, dass eine Besprechung dem Verkauf seines Buches mehr diente. Und ein anderer Schriftsteller soll sich über die Auswahl des Bildes in der Zeitung geärgert haben und zudem hätte die falsche Person sein Buch besprochen und sie sei trotz Einladung, nie bei einer seiner Lesungen erschienen. Die Kollegin gab dann folgendes zu verstehen: «Wir Journalisten schreiben für unsere Leserinnen und Leser. Wir sind nicht das PR-Büro der Autoren, die Bauchkraulzentrale auch nicht.»

Liebe Zunft der Schriftstellerei, fürwahr, wir alle haben das Pech, mit unserem Leben im Zeitgeist des schrumpfenden Feuilletons gelandet zu sein. Kulturredaktionen wandeln sich zu Abteilungen für Gesellschaft und People, die Printmedien versuchen die wegerodierenden Werbeeinnahmen und Abonnenten mit verdünnter Berichterstattung, pointierten Gastkommentaren, Lokalkolorit und Onlineangebote wett zu machen. Ergo: Schluss mit ausufernden Rezensionen über Bücher, Kunst und Theater, hin zu Tipps und Interviews. Und da, wo es sich noch halten kann, das gute alte Feuilleton, werden überwiegend Bücher aus großen Konzernverlagen besprochen. So ist es nun, lieber Freund der Literatur und des Kulturjournalismus’, wir texten in finsteren Zeiten bis wir uns alle in die passenden Nischen gekuschelt haben, so wie es die Vinyl-Schallplatten-Fans oder die Jazzfreunde mit ihrer CD-Sammlung uns vorgemacht haben.

Urs Heinz Aerni

 

Der passende Buchtipp:

„Feuilleton – Schreiben an der Schnittstelle zwischen Journalismus und Literatur“ von Hildegard Kernmayer und Simone Jung, Transcript Verlag, 978-3-8376-3722-9

 

Fasnacht? Also echt jetzt!

«Schreiben Sie doch was über Fasnacht» Ganz ehrlich jetzt? Ist echt nicht so mein Ding. Obwohl als ein der Fröhlichkeit zugeneigter Zeitgenosse, fliehe ich vor Konfettischlacht, Guggemusik und herumtanzende Maskierte. Auch wenn ich als kleiner Bub in Cowboy-Montur im Dorf mein Unwesen trieb und später in verrauchten Restaurants das Gelächter und Halligalli noch lustig fand, entschwand im Laufe der Jahre mein Interesse, diesem Treiben einen Sinn oder eine Art Kultur abzugewinnen. Als Ladenbesitzer musste ich damals in Basel vor dem Morgestraich alle Lämpchen ausmachen und das Schaufenster lichtmäßig so abdichten, dass ja nichts die Gasse zu erhellen vermag. Sonst musste mit einer Buße gerechnet werden. Ok, die Schnitzelbänke brillieren teilweise mit ihrem politisch-karikierendem Witz aber Hand auf’s Herz: Was soll das Lärmen und Krachen mit all der Wein- und Bierschwemme? Eine Art Ventil, ein Gegenmittel zur Alltags-Vernünftigkeit? Bekanntlich stammen Karneval, Fasching oder Fasnacht von den uralten Bräuchen rund um die Wintervertreibung respektive deren bösen Geister ab, aus denen dann die Kirche es in sogenannte christliche Symbolik umwandelte und noch das Fasten herausstrich, wohl analog zur Beichte, die alles wieder ins Lot brachte, nachdem die Sau rausgelassen wurde.

Ich habe ja auch Mühe, mit der überregulierten und leistungsorientierten Gesellschaft, die nur noch auf Karriere und Rentabilität pocht. Vielleicht hilft die Fasnacht, aus diesem Hamsterrad auszubrechen, aber nach Aschermittwoch steigen ja alle wieder in dasselbige hinein. Kann es sein, dass während der Pause zwischen zwei Fasnachten man guttäte, mehr zu leben, zu genießen und weniger alles tierisch ernst zu nehmen? «Schmutziger Donnerstag» hieß der Schweizer Tatort 2013, der mitten in der Luzerner Fasnacht spielt. Es habe damals Streit gegeben über den Ruf der Stadt und ihrem urtypischen Fest, unter etwas chaotischen Umständen musste gedreht werden aber, genau diese Folge soll zu den besten Luzerner Tatorts gehört haben, der ja massiv unter Kritik stand. Okay, wenn die Fasnacht den Ruf einer Schweizer Krimiserie zu retten vermag, dann ist das auch nicht schlecht. Aber trotzdem, diese Fasnacht … ist echt nicht mein Ding.

Urs Heinz Aerni

Der passende Buchtipp: «Der Karneval der Tiere» nach Camille Saint-Saëns von Roger Willemsen und Volker Kriegel (Illustrationen), S. Fischer, ISBN 978-3-596-19717-0

Dieser Beitrag erschien auch in den Magazinen Berglink.de und Bündner Woche.

Vom Zwang, schönen Sätzen hinterherzujagen

Auf Anfrage der Verkehrsvertriebe Glattal AG (VBG) in Zürich sollte ich eine Geschichte schreiben, die sich der Ortschaft Dällikon widmet. Ich fuhr hin, sah mir das Dorf an und schickte dann diesen Text, der nun in dem Buch „Unterwegs – 25 Gute-Fahrt-Geschichten“ erschienen ist.

 

Vom Zwang, schönen Sätzen hinterherzujagen

Arthur hat ein Problem, ein massives. Er liebt schöne Sätze. Er liebt sie so sehr, dass von einer Sucht gesprochen werden muss. Arthur leidet unter dem Zwang, schönen Sätze hinterherzujagen und sie zu sammeln. Arthur leidet unter der Schön-Sätze-Sucht. Um stressfreie Phasen zu haben, saß er in seiner kleinen Wohnung, trank Tee und lauschte dem Straßenlärm wohl wissend, wie viele interessante Sätze da draußen gesagt werden.

Ein Freund riet ihm, sich mehr zu bewegen, irgendwo, wo es nicht von schönen Sätzen wimmelt. Er riet ihm, einen Ort aufzusuchen, von dem gesagt wird, dass er zwar bewohnt ist aber nirgends schöne Sätze zu finden seien. Da könne er mal in einem Dorf sein unter Passanten, aber bar jeglicher Gefahr rückfällig zu werden. Auf seine Frage, wo das denn sei, hieß es: «Dän … warte, nein Dällikon ist’s. Genau, Dällikon. Da kommst Du prima mit der ÖV hin.»

Der Bus 491 hält, entfaltet die Tür, Arthur steigt aus. Nun steht er mitten in diesem Dällikon, bereits etwas irritiert, da er mit dem Bus zweimal an der Gemeindebibliothek Regensdorf vorbeifahren musste. Wollte der Bus ihn vielleicht provozieren und fuhr extra zweimal da vorbei? Zum Glück war die Bibliothek zu.

Sei`s drum. Er sieht sich um. «Casa da Nico», eine Pizzeria. Ohne nach einer Zeitung zu verlangen, bestellt er eine Pizza Calzone. Erste Entzugserscheinungen stellen sich ein. Nichts zu lesen, geht irgendwie nicht, er steht auf, sieht sich um; keine Zeitungen, nichts. Glück gehabt, bis er auf einem Tisch ein Heft liegen sieht. Nach Blicken links und rechts, schnappt er sich dieses und setzt sich wieder, gierig aufblätternd. Er kannte das Heft nicht: «BEST OF KANTON ZÜRICH». Na ja, man liest halt, was in die Hände fällt. «Zürichs Offenheit und Vielfalt machen unsere Stadt einzigartig» schreibt die Stadtpräsidentin im Vorwort. Arthur stellt erleichtert fest, dass ein solcher Satz seine Sucht mitnichten aktiviert und blättert weiter. Er hält inne: «Mein Aktionsfeld bedingt ein laufendes Gagen-Verhältnis zu vielen Leuten.» Arthurs linke Braue beginnt zu zucken, was meint dieser Beat Schlatter damit? Irgendwie unorthodox formuliert. Denkt der nur ans Geld oder was …? Arthur muss sich beherrschen und stellt fest, dass er nicht mehr stöbert, sondern sucht, nach guten Sätzen. Die Pizza lenkt ihn ab.

Arthur geht durchs Dorf. Einfamilienhäuser mit Vorgärten, bewacht von kleinen fahrenden Geräten, die von Geisterhand über den sonnenverbrannten Rasen ruckeln. Arthur wird nervös, vor einem alten Haus bleibt er stehen und sieht hoch: «Sys Huus ist myn und doch nyt myn. Der nach mir komet dem wird’s auch nyt syn. Ach Gott! Wer wird der Letzte syn» Das kann doch nicht wahr sein! Dällikon wird dem Schön-Satzsüchtigen Arthur zum Verhängnis. Jetzt beginnt er zu rennen, auf der Flucht vor seiner Sucht, wieder bleibt er stehen: «Für die nachfolgenden Gräber ist die gesetzliche Ruhezeit von 20 Jahren abgelaufen. Die Ruhestätten werden im September aufgehoben.» Arthur entsinnt sich nicht, so etwas schon mal in einem Buch gelesen zu haben.

Weiter Arthur, lass Dich nicht reinziehen. Ein Plakat beim Gemeindehaus mit dem Titel «Sauhund? Sauerei!» übersieht er, doch schon fällt er in die nächste Satzfalle: «Wer die verlangte Mindestleistung das erste Mal und auch in der ersten bzw. zweiten Wiederholung nicht erreicht, gilt als verblieben und wird in einen Verbliebenenkurs aufgeboten.» Arthur schwankt, was für ein Satz, was für ein Wort! «Verbliebenenkurs». Schweißperlen auf den Unterarmen, die Brillengläser schlagen an. Ist Dällikon der falsche Ort für Schön-Sätze-Süchtige?

«Vom 1. Januar an können alle eintragungsbedürftigen aber nicht eingetragenen dinglichen Rechte gegenüber gutgläubigen Dritten nicht mehr geltend gemacht werden und verlieren, sofern sie nicht binnen zwei Jahren von dem gennannten Zeitpunkt an zur Eintragung gelangen, ihre Wirkung, auch unter den Parteien.» Was für ein schönes Konstrukt, hier, wo er doch vor solchen Zeilen floh! Arthur stolpert, weg von diesen Sätzen. Er fiebert durchs Dorf, seine Sinne gieren nach Sätzen. Jetzt steht Arthur vor einem Schaufenster: «Mediothek». Das wurde ihm verheimlicht, Dällikon hat eine Bibliothek, voll von Büchern mit schönen Sätzen! In der Auslage verheißen Schülerarbeiten Lese-Kicks; «Kleinkaliber-schießen» von einem Simon, 6. Klasse oder hier «Sun Diego / Spongebozz Gunshot», was für herrliche Wörter! Arthur klebt am Glas. «Ich muss da rein! All die Sätze, sie warten auf mich…»

Wie Arthur es schaffte, in die Mediothek zu gelangen, ist bis zur Drucklegung dieses Textes nicht bekannt. Trotz intensiver Suche durch seine Therapeutin und den Behörden, bleibt Arthur nicht auffindbar. Der gut gemeinte Ratschlag für einen Süchtigen nach schönen Sätzen, sich in Dällikon davon zu erholen, ist offensichtlich falsch. Falls Sie, liebe Leserin, lieber Leser, mit einem Patienten ähnlicher Symptome zu tun haben sollten, so schicken Sie ihn vielleicht nach Dänikon aber sicher nicht nach Dällikon.

Urs Heinz Aerni

 

Auch hier wurde dieser Beitrag publiziert…

Mit einer Illustration von Ruedi Widmer

 

Wiederlesen mit Elke

„Keiner kennt meine Geschichten so genau wie ich.“ Das sagte Elke Heidenreich auf meine Frage, ob sie beim Vorlesen, auch mal spontan was ändere im Text. Dieses Interview wurde im St. Galler Tagblatt 2001 veröffentlicht. Wir trafen uns an den Solothurner Literaturtagen, nebenan saß Peter Bichsel. Meine Güte, wie viel Wasser ist seit dann durch den Rhein geflossen. Heidenreich ist eine unglaubliche Vielleserin und gehört zu den temperamentvollsten Literaturvermittlerinnen, was ich sehr schätze. Nun, nach so vielen Jahren werde ich sie wieder treffen, an der Novitätenschau im Literaturhaus Zürich am 13. Dezember um 19:30 Uhr, dann werden wir zusammen mit den Gastgeberinnen Gesa Schneider und Isabelle Vonlanthen neu entdeckte Bücher präsentieren. Welche Bücher die anderen drei vorstellen werden, weiß ich nicht. Aber es ist interessant, wie sich im Laufe des Lebens die literarische Vorliebe verändern kann. Oder tut sie es doch nicht? Egal, da Sie liebe Leserin und lieber Leser vielleicht nicht den Weg zu dieser Veranstaltung unter die Räder nehmen werden, darf ich Ihnen dafür heute schon meine Entdeckungen preisgeben.

Beat Gloor ist Sprachforscher und treibt in seinem Buch „uns ich er“ (Salis) ein herrliches Sinnspiel mit ungewöhnlichen Worttrennungen. Nicht ganz ein neues Werk aber eines, das würdig ist, noch von vielen sprachliebenden Zeitgenossen entdeckt zu werden. Neu ist von Hans Ulrich Bänziger „Ahnungslose Beute“ (Wolfbach), mit Miniaturen wie: „Ohne Schwerkraft wären wir schon längst im Himmel.“ oder „Er ging auf dem rechten Weg, doch in der falschen Richtung.“ „Wörter statt Möbel“ (Gesunde Menschenversand) macht deutlich, wie intensiv die verstorbene Autorin Aglaja Veteranyi in der Sprache lebte und nun ermöglicht uns ihr damaliger Bühnenpartner, Jens Nielsen, neue Zugänge in ihre Kunst. Matthias Jäger nimmt den Lesenden im „Der letzte Schritt der Vernunft“ (Bucher) mit, zu Ereignissen und Menschen in alter Zeit, die heute noch nachhallen und er versteht es, die Vergangenheit ins Hier und Jetzt zurück zu holen. Und dann wäre noch das grandios schön gemachte Buch „Das Gedicht & sein Double“ (Azur), das von Lyrikerinnen und Lyriker ein ausgesuchtes Gedicht einem ästhetischen Schwarzweißportrait gegenüberstellt, so, dass quasi die eine Seite mit der anderen den Dialog aufnimmt.

Diese Bücher bringe ich mit zur Novitätenschau aber, Sie können diese selbstverständlich kaufen aber noch nicht verraten, es soll am 13. Dezember eine Überraschung sein.

Urs Heinz Aerni

Link zum Anlass…

Dieser Beitrag erschien auch in der Zeitung BÜNDNER WOCHE

Das Leben auf der Bühne und mit Büchern und der Dialekt

Das Leben auf der Bühne und mit Büchern

Thomas Sarbacher spielt Rollen und Figuren vor der Kamera und auf der Bühne und er liest brillant aus Büchern im Literaturclub SRF/3sat oder an Festivals wie Sprachsalz in Tirol. An zwei Abenden am schönen Thunersee unterhalten wir uns über das Spiel mit Charakteren, das Lesen und das Leben drum herum.

Am 3. und 5. Dezember 2018 im Hotel Beatus Merligen. Hier geht es zum Veranstalter…

Die Mundart – und was sie mit uns macht

«Gredi üüfe» lautet das brandneue Gedichtbuch von Hanspeter Müller-Drossaart. Der erste Band des Autors erschien auf Obwaldnerisch, der zweite nun im Urner Dialekt. Seine Lesungen sind legendär, sein Spiel mit der Mundart ebenso. Was führt Hanspeter Müller-Drossaart dazu, so zu schreiben, wie den Menschen in den Bergtälern der Schnabel gewachsen ist? Erfährt die Poesie eine andere Erlebnisebene je nach Färbung mit Lokalkolorit?
Was passiert mit Ihnen, wenn Sie in einem «Tatort» schwäbisch hören, oder alemannisch oder auch tirolerisch? Genau, es heimelt an. Und in der Regel sind Figuren im Film, die Mundart sprechen, selten die Bösewichte. Meine Gesprächsgäste und ich nehmen Platz am literarischen Kaminfeuer in der guten Wortstube: Der Schauspieler Hanspeter Müller- Drossaart verwandelt sich im Rahmen seines Berufes wie kein anderer verbal in einen Bayer, Bündner oder Basler. Markus Gasser beantwortet als Redaktor der SRF-Sendung «Schnabelweid» Fragen rund um unsere Mundart. Als Experte meinte er in einem Zeitungs-Interview, dass «jeder Dialekt schön» sei. Ist dem so? Wir werden sehen.

Am 7. Dezember im La Marotte Affoltern am Albis. Hier geht es zum Veranstalter…

 

Und, am 13. Dezember ist die letzte Veranstaltung von 2018 angesagt, mit Elke Heidenreich in Zürich. Aber davon kurz vorher mehr auf diesem Kanal.

Bis bald und herzliche Grüße

Ihr Urs Heinz Aerni

Der Witz – die unterschätzte literarische Gattung

Der Schauspieler Hanspeter Müller-Drossaart und der Journalist Urs Heinz Aerni sind überzeugt, dass die Literaturgattung „Witz“ sehr unterschätzt wird. Die beiden befinden sich nach Recherchen im Pointenfieber und garantieren einen Abend, der sich dem Lachen widmet – und vielleicht mehr?

Datum: Donnerstag, 29. November 2018
Zeit: 19.30 Uhr, anschließend gemütlicher Ausklang

Ort: Mediothek Dällikon (Kanton Zürich) Eintritt: frei, freiwilliger Unkostenbeitrag

Zum Tod des Literaten und Wortmenschen Ernst Nef

Ernst Nef (1931 – 2018)

Ernst Nef prägte die Geschichte des Literarischen Clubs Zürich (vormals Lesezirkel Hottingen) als Präsident und Vorstandsmitglied durch seine wunderbare entspannte Art, durch seine Lust an Literatur und dank seiner charmanten Weise der Vermittlung von Autorinnen und Autoren mit ihren Werken.

Ernst Nef wurde 1931 in Basel geboren und wuchs in Krefeld in Deutschland und in Goldach im Kanton St. Gallen auf. Sein Studium der Germanistik, Anglistik und Philosophie in Zürich und London bereitete den Boden, auf dem er sein Schaffen für die Literatur, das Feuilleton und die Sprachkultur weiterentwickelte und mit sehr viel Verve vorantrieb. Seine Arbeit als Gymnasiallehrer und als Literaturkritiker wurde von Schülerinnen und Schülern und der Leserschaft der Zeitungen Tages-Anzeiger, NZZ und Die Zeit sehr geschätzt bzw. gerne gelesen.

Seit 1996 wirkte er für die Zweimonatsschrift „Sprachspiegel“, in der er regelmäßig Artikel über Tendenzen und Trends in unserer Sprache publizierte, mit Esprit, scharfen Beobachtungen und punktueller Ironie.

Seine schriftstellerischen Arbeiten waren nicht für die Bestseller-Listen gedacht, die ihn auch nicht besonders interessierten. Seine Themen waren einerseits Persönlichkeiten wie Gottfried Benn, Carl Einstein oder Wolfgang Hildesheimer und andererseits seine Wahrnehmung der Welt und Beobachtungen in der Gesellschaft, die er in lyrische Texte münden ließ, oft so, dass bei der Leserin oder beim Leser ein Schmunzeln nicht zu verhindern war, was ein Buchtitel wie „Mach die Linsen scharf“ (1999) schon verspricht und  wofür er die Ehrengabe des Kantons Zürichs erhielt.

Ob als Vermittler von Literatur oder Schreibender: Ernst Nef gehörte zu den hellen Geistern der gelassenen Art. Er stopfte seine Pfeife, während er fragte oder herzlich lachte.

 

In seinem letzten Buch „Sei’s drum“ ist folgendes zu lesen:

 

In den alten Spiegel schauend entdecke ich

an meinem Kinn das Grübchen der Ehrgeizigen

und wundere mich

wie Menschen sich verstellen können.

 

Eine bedachte und lebensfröhliche Stimme ist nun verstummt. Schön, dass wir sie hören konnten und sie heute noch immer lesen dürfen.

 

Weitere Informationen zu den Publikationen von Ernst Nef finden Sie hier in der Nationalbibliothek Bern.

Der Beitrag erschien zuerst in der P. S. Zeitung Zürich.