Archiv der Kategorie: Kultur

Liegt es an den langen Nächten?

Nein, es liegt nicht nur an den langen Winternächten, dass Norwegen uns in der Lesekultur was vormacht.  Laut Studien lesen die Norwegerinnen und Norwegen pro Jahr 15,5 Bücher und für weniger als 10’000 Einwohnerinnen und Einwohner steht eine Buchhandlung zur Verfügung. 100 Verlage veröffentlichen jährlich rund 5’000 Titel, davon 60 bis 70 Prozent von einheimischen Schreibenden.

Die Leselust und die Lesequalität werden ermöglicht durch eine vorbildliche staatliche Literaturförderung. Dazu gehört der Verzicht einer Mehrwertsteuer auf Bücher und Mindestabnahme-Garantien für die Verlage durch staatliche Institutionen. Das nimmt den wirtschaftlichen Druck der Verlage, die als Gegenleistung sich mehr auf Qualität konzentrieren, als ständige Kompromisse eingehen zu müssen, die die Quote fordert, und zugleich wird der Zugang zum Buch für das Publikum einfacher und günstiger. Es handelt sich um eine Art bildungstechnische Grundversorgung, so wie wir hier froh sind wenn Sender wie Deutschlandfunk oder 3sat, uns von den unsäglichen Programmen der Privaten retten. In Norwegen spielen auch die öffentlichen Bibliotheken eine immens wichtige Rolle für Rückzugsorte, die Ruhe und Geborgenheit bieten, vor allem auch für Kinder aus nicht einfachen Verhältnissen.

Wie gesagt, es liegt nicht die langen Nächte im Winter, es liegt an der wahrgenommenen politischen Verantwortung, etwas für die Bildungs- und Kulturqualität zu tun. Eine Investition in die Lebensqualität. Richtig, Norwegen ist reich, die Schweiz aber auch…

Urs Heinz Aerni

Hier kann die Buchwelt Norwegens nach der Frankfurter Buchmesse entdeckt werden,  an den Literaturtagen Zofingen vom 25. – 27. Oktober 2019 www.literaturtagezofingen.ch

Wo ist Welt?

Irgendwer meinte, dass es auffallend sei, wie viele junge Männer sich unter den Flüchtlingen aus Afrika, Afghanistan oder Syrien befänden. Aber wer denn sonst soll fliehen oder auf die Suche machen, wo Geld fürs Leben zu finden ist?

Mit siebzehn Jahren zog der Sohn eines Müllers und Kleinbauers aus Alvaneu-Bad nach Odessa, wo er eine Bäckerlehre absolvierte. Er hiess Peter Balzer, das war im Jahre 1814. Flurin Lozza verliess Marmorea um sich als Tellerwäscher in Spanien und Frankreich durchzuschlagen. Sie gehören zu den vielen jungen Männern und auch Frauen, die im 19. Jahrhundert Graubünden verliessen um im Ausland ein Auskommen als Söldner, Zuckerbäcker, Cafétiers, Ladendiener und Hausangestellte zu finden. Mir wurde zugetragen, dass der Bürgermeister von Palermo mit seinem Team zum Strand geht, so bald ein neues Flüchtlingsboot angekündigt wird, um die Menschen in Empfang zu nehmen und zu fragen, welche berufliche Erfahrungen sie mitbrächten. Je nach Antwort, organisiere er, dass sie gleich den entsprechenden Branchen zugeteilt würden. Wie gesichert diese Information ist, weiss ich nicht aber es liest sich couragiert an, nicht? So waren sicher die damals ausgewanderten Bündnerinnen und Bündner froh, auf Menschen zu treffen, die sie aufnahmen und engagierten. Basierend auf ein Zitat in einem damaligen Brief in die Heimat lautet das Buch von Donat Rischatsch „Auch hier ist Welt“. Die darin erzählten Geschichten von Menschen im Bündnerland, die das Glück und das Weite suchten, lösten die ersten Kulturtage in Lain, Muldain und Zorten aus, die vom 11. bis 13. Oktober dauern und nicht nur dokumentieren, sondern das Damalige mit dem Jetzigen vermischen, in verschiedenen Disziplinen der Kunst. Das Programm berührt alle Sinne und verführt uns mit Sicherheit zu neuen Zugängen in der Frage, was denn unsere Welt ausmache und wo sie sein könnte.

Urs Heinz Aerni

Der passende Link: https://www.kulturampass.ch

Der Beitrag erscheint auch in der Bündner Woche und auf Berglink.de

Jagd nach Schwein oder Glück?

Die Kolumne in der Bündner Woche läuft bekanntlich unter «Aufgefallen» und wissen Sie was, zwischen den Abgabeterminen fällt mir sehr Vieles auf, was es verdiente, darüber zu schreiben. Beispiele? Ich wuchs in der Nähe der Grenze zu Deutschland auf und liebte den Radiosender SWF3 mit «Pop Shop» oder Else Stratmann. Nun wollte ich modern sein, kaufte mir ein portables DAB-Radio und höre da, dieses neue System lässt nicht mehr zu, dass wir SWR oder ORF hören können, sondern nur noch CH-Sender von Radio Zentralschweiz bis Radio Argovia, die ziemlich alle denselben Sound bringen. Kurz: Die digitale Revolution engt den audiotechnischen Horizont ein. Im Kanton Solothurn erlegte ein Jäger aus Versehen drei Haus-Wollschweine, in den Wäldern Niederösterreichs wird nach einem Känguru gesucht, von dem jede Spur fehlt, bis zur Drucklegung dieses Textes und in Rom dürfen Touristen sich nicht mehr auf die Spanische Treppe setzen.

Und dieses Buch fiel mir nicht nur vor kurzem auf, sondern in die Hände: Vallotton konnte nicht nur malen, das Schreiben beherrschte er ebenso. Der aus Lausanne stammende Maler und Grafiker (1865 – 1925) verbrachte die letzten 43 Jahre in Paris. Die Stadt ist auch Schauplatz seines Romans, der heute übersetzt vorliegt. Erzählt wird das Leben eines Mannes, der in der Kindheit mit traumatischen Unglücksfällen konfrontiert wurde und doch immer wieder die Lebensfreude zurückgewann. Leidenschaft bilden die Koordinaten dieser Geschichte über die unglückliche Jagd nach dem Glück. Der Unglücksjäger übrigens, bat öffentlich beim Wollschweinbesitzer um Entschuldigung.

Urs Heinz Aerni

Das Buch: „Das mörderische Leben“ von Félix Vallotton, NZZ Libro, ISBN 978-3-03823-586-6

Wo beginnt der Wahn?

„Wir lieben nicht, wir tanzen wie Nachtfalter um das künstliche Licht“, dies schrieb Christine Lavant in ihren Aufzeichnungen, die 1946 entstanden sind. Damals zeigte sich der Verleger begeistert, doch seinem Wunsch, den Schluss „fromm“ zu gestalten, konnte die Autorin nicht entsprechen. Jahrzehntelang lag das Manuskript brach. Erfreulicherweise ist nun dieser bemerkenswerte Text als Buch greifbar. Christine Lavant begab sich damals freiwillig in eine „Irren-Anstalt“. Die Ich-Erzählerin beschreibt in berührender Weise die Zustände im Heim, das Leben der Insassen und des Personals. Auch die eigene Person ist Bestandteil der schonungslosen Analyse. Vermutlich hätte das Buch in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts einen Skandal ausgelöst, und wahrscheinlich bewegen diese Worte auch die Leserin und den Leser heute zutiefst. Die Nähe zwischen Genialität und Wahn, Ironie und Zerfall war und ist heute noch oft die Ursuppe großer Literatur, was Namen wie Joesph Roth, Friedrich Glauser oder Robert Walser bestätigen. Christine Lavant beweist mit ihren neu zu entdeckenden Texten zudem einmal mehr, dass die Grenze zwischen Wahn und „Normalität“ alles andere als klar ist.

Das Buch: „Aufzeichnungen aus dem Irrenhaus“ von Christine Lavant, Wallstein Verlag, 978-3-8353-1967-7,  (2001 wiederaufgelegt vom Otto Müller Verlag)

Mob im Web?

Haben Sie gewusst, dass sich Swisscom-Kunden gegen die massive Gebührenerhöhung für Papierrechnungen mit einem Brief erfolgreich wehren können? Doch etwas anderes beschäftigt mich mehr:

Von uns Medienschaffenden wird in der Regel erwartet, Hintergründe erfahren zu wollen, besonnen zu recherchieren, Umstände sachlich einzuschätzen, aufzuklären und mit sprachlichem Feingefühl zu informieren, zu kommentieren und komplexe Ereignisse in unserer komplizierten Welt einzuordnen. Es gab Zeiten, in denen ihre Arbeit auf klar definierten Kanälen wie Zeitung, Magazin, Radio und Fernsehen genossen oder konsumiert und auch die Möglichkeit genutzt werden konnte, sich per Leserbrief an der Debatte einzuschalten. Für das Medium stand eine Redaktion in der Verantwortung, für Qualität der Texte, der Seriosität der Inhalte und der Mäßigung des Tones bei der Meinungsäußerung.

Bis irgendwann, jede und jeder die Macht erhielt, dergestalt sich öffentlich äußern zu können, wie es die offiziellen Medien es bis dato kannten. Im World Wide Web und den daraus entstandenen Plattformen der sogenannten Sozialen Medien. Das Resultat? Statt des völkerverbindenden Dialoges, gibt’s nationalistische Hassreden. Statt Förderung von Bildung und Wissen sind egozentrische Verlautbarungen von festbetonierten Weltbildern zu lesen. Es wird pauschalisiert und mit dem Zweihänder ausgeteilt. Und spätestens hier, wäre die Kompetenz von Profi-Medienschaffenden wieder vonnöten, mit kühlem Kopf aufzuklären. Doch stattdessen lese ich von einer Berufskollegin folgenden Kommentar, den sie zum tragischen Fall im Frankfurter Hauptbahnhof auf Facebook postete: „Was hat man sich nur für Dreckspack ins Land geholt????“ Klar, Journalistinnen sind auch nur Menschen aber was denken wir von einem Polizisten, der betrunken am Steuer sitzt?

Urs Heinz Aerni

Der passende Buchtipp: „Ethik des Journalismus – Wie steht es um Ethik und Moral im Journalismus?“ von Hila Kakar, 978-3-639-87423-5, AV Akademikerverlag

Willkommen in was für einem Land?

Jetzt  wird der Film von Marc Tschudin „Welcome to Zwitscherland“ im Fernsehen gezeigt, eine Art Hommage an ein Land samt seinen gefiederten Mitbewohnern, aber nicht ohne Fragezeichen.

Der Journalist, Filmer und Biologe widmete die letzten drei Jahre einem cineastischen Projekt, das den Alpenstaat mitten in Europa als Porträt einzukreisen versucht. Dies tut er aus der Sicht einer Existensebene, die oft übersehen oder überhört wird, aus der Sicht der Vögel. Tschudin verblüfft mit einer Ästhetik der Bilder, die er oft mit liebevoller Ironie auf die Schweiz mit all seiner Schönheit fokussiert, die allerdings anfällig geworden zu sein scheint.

Eine Geschichte zwischen Ankommen und Abschied

Ist die Schweiz eventuell eine Idee, die gewahrt und weiterentwickelt werden muss? Der Rahmen dieses erzählenden Dokumentarfilms ist eine familienbedingte Rückkehr in die alte Heimat mit einer Überraschung im Haus des Vorfahren, die eine ungewöhnliche Tour de Suisse nach sich zieht, bevor es wieder heißt, Abschied nehmen zu müssen. Aber mit einer neuen Beziehung zu dem Land, aus dem man herkommt.

Die Bandbreite der Vielfalt in Kultur und Natur sei in diesem kleinen Land zwischen großen Staaten immens, davon ist Marc Tschudin überzeugt. Und das visualisiert er in seinem ersten abendfüllenden Film, der erfolgreich in den Kinos lief. Szenen mit brütenden Feldlerchen, alles niederwalzenden Kampfpanzern, auf Wellen schaukelnden Reiherenten, tanzenden Menschenmengen, singendem Girlitz und glockenschweren Alpaufzügen veranschaulichen wie Gegensätze aufeinanderprallen oder auch Parallelwelten, die möglich sind, zwischen dem Genfer- und Bodensee, zwischen dem Rhein und dem Ticino oder zwischen dem Jura und dem Engadin.

Geduld mit dem Unberechenbaren

Die Idee zu diesem Projekt entstand während der Arbeiten zum Ausstellungsfilm für die Schweizerische Vogelwarte Sempach. Die Identität eines Landes im Kontext der vielfältigen aber verletzlichen Natur- und Vogelwelt in der Art eines Filmes zu formulieren, trieb Marc Tschudin an, die vielen Orte aufzusuchen, die das ermöglichen. Zu den Herausforderungen hätten nicht nur die Geduld mit der Unberechenbarkeit der Vögel und des Wetters gehört, sondern auch gute Nerven bei der Bewältigung der Administration bei Anfragen und Bewilligungen.

Der Forscher und seine Fragen

Der gebürtige Basler wollte einst Archäologe oder aber Biologe werden; von Expeditionen in abgelegene Wüsten und Urwäldern hatte er geträumt. Er entschied sich für das Biologie-Studium, das ihn schlussendlich in die Welt der Medien führte, vom Printjournalismus über die Fotografie zum Film. Das Besondere, das Irritierende oder gar das Abgründige wollte er entdecken, was er nicht nur in der Welt des Menschen fand, sondern auch in der Naturwissenschaft. Theorien unterschiedlichster Disziplinen, die Suche nach Zusammenhängen und die Hinterfragung unserer Zivilisation und ihrem Verhältnis zur Um- und Mitwelt ließen ihn privat und beruflich nie in Ruhe. Nach Jahren als Dokufilmer und Dozent bei SRF realisierte Marc Tschudin seinen ersten großen Kinofilm über ein Thema, das ihn umtreibt und uns ebenso noch umtreiben wird.

Der Film kann nun auf SRF in der Mediathek gesehen werden…

Persönliche Notiz: Meine Wenigkeit durfte Marc Tschudin auf vielen seinen Filmreisen nicht nur begleiten und assistieren, sondern schoss noch diverse Fotos während seiner Arbeit (die im Magazin Berglink zu sehen sind) und räumte für eine Szene die ganze Bibliothek aus dem Raum.

Weitere Informationen zum Filmprojekt finden Sie auch hier…

Vorsicht beim Draufkleben

Offeriert man in Deutschland einen Umtrunk mit Häppchen beim Antritt einer neuen Arbeitsstelle oder zum Abschied von der Firma, können die «Ausgaben als Werbungskosten bei der Steuererklärung geltend gemacht werden». Das war im «Offenburger Tageblatt» zu lesen. «Dabei sollten die Kosten zur beruflichen Stellung und der Anzahl der Gäste passen», heisst es weiter. Also darf sich einAngestellter in der Spedition nicht dieselbe Apéro-Dimension leisten wie der CEO einer Privatbank. Wie das in der Schweiz ist, weiß ich grad nicht, aber ich durfte Folgendes lernen:

Ich gab bei der Post ein Paket nach Hamburg auf. Wissend, dass Schweizer Briefmarken im Ausland geschätzt werden, klebte ich eine schöne Anzahl als Anzahlung aufs Paket. Die Dame am Schalter sah mich an, zog die Augenbrauen hoch und sagte: «Leider dürfen wir Ihnen diese Briefmarken für dieses Paket mit diesem Gewicht nicht anrechnen.» Ich: «Wie meinen?» Sie: «Entweder nehmen Sie diese Briefmarken wieder ab oder nehmen etwas aus dem Paket, aber diese Marken sind nicht gültig.» Nach dem misslungenen Versuch, die nicht wenigen Franken als Briefmarken vom Karton abzukniefeln, resignierte ich und sie klebte eine computergedruckte neue Frankatur von etwa 50 Franken darüber. Ich schenkte der Post Geld, weil ich nicht wusste, dass Briefmarken von der Post für ein Postpaket ab einem bestimmten Gewicht nicht mehr als Zahlungsmittel gelten. Wüssten Sie einen Volkshochschulkurs für mich zum Thema wie etwa «Wie werde ich ein kompetenter Postkunde»?

Urs Heinz Aerni

Der passende Buchtipp: Zumstein Katalog Schweiz Liechtenstein 2019, kartonierter Einband, 978-3-909278-80-0. Vermerk: Achtung, diese schönen Briefmarken gelten nicht mehr als Zahlungsmittel für Pakete ins Ausland ab einem bestimmten Gewicht…