Kippende Stimmung im stehenden Zug

Nichts geht mehr. Rucksack, Zeitungen und Handys liegen am Boden. Das Licht flackert, der Zug steht still. Mit einem „Hoppla!“ bücke ich mich nach den Sachen im vordersten Waggon der Gotthard-Matterhorn-Bahn, oberhalb von Sedrun. Stille, etwas Ächzen in den blechigen Wänden. Ich ziehe die Fensterscheiben runter und blicke nach vorne,  zur Lok. Sie steckt im Schnee, der sich genau bei der Ausfahrt einer tunnelartigen Galerie breit machte. Eine junge Frau betritt das Abteil: „Hier brennt wenigstens noch Licht, bei uns ist es duster.“ Sie zieht aus ihrem Rucksack zwei Bücher, „hier kann ich wenigstens lesen, bis wir wieder draußen sind“. Die Bücher tragen die Titel: „Das kleine Buch der Ruhe und Gelassenheit“ und „Das Leben ist zu kurz für später“. Dann stolpern drei Männer in voller Ski-Montur ins Abteil, die den Zug irgendwie verlassen wollen, was aber nicht geht. Wir alle kommen ins Gespräch. Die Frau ist Marketingexpertin bei einem Großverteiler, die drei Männer lernten sich über ein Online-Portal für Bergferien kennen, zwei aus Frankfurt, einer aus Basel. Und während ein sehr kümmernder Kondukteur uns allen einen Getränke-Gutschein fürs Bahnhofbuffet verteilt, zeigt sich eine Niederländische Familie großzügig mit leckeren Keksen.

Drei Stunden stecken wir hier fest und die Stimmung wird immer besser. Irgendwann werden wir rückwärts nach Sedrun zurückgezogen und steigen in eine Bar auf Gleisen ein, in der wir die Gutscheine einlösen, bei einem unglaublich witzigen Barkeeper, der so richtig Ballermann-Schlager aus den Lautsprecherboxen scheppern lässt. Nicht oft herrscht in der Bahn solch lebensfröhliche Stimmung, in der über das Leben und den Sinn desselben geplaudert wird. So geschehen am 22. Februar 2019.

Liebe Bahn, falls wieder mal irgendwo vor einem Tunnel Schnee liegen sollte, so ruft mich an, damit ich wieder einsteigen kann.

Urs Heinz Aerni

 

Die passenden Buchtipps, von der Dame aus dem Zug im Schnee lauten: „Das kleine Buch der Ruhe und Gelassenheit“ und „Das Leben ist zu kurz für später“ beide von Ashley Davis Bush (Heyne und MVG)

Dieser Beitrag erschien auch in der Zeitung Bündner Woche

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Vorsicht beim Telefonieren

 

 

Entlassungen, Liebeserklärungen, Qualifikationsgespräche, Rechtsverfahren, intime Gesundheitsprobleme ja Betreibungen waren schon Themen, die ich im Zug oder Bus live bei mir völlig fremden Menschen miterleben durfte. Es wird dergestalt laut telefoniert in der Öffentlichkeit, dass es für jeden Detektiv nur so eine Freude sein dürfte. Ist Ihnen auch aufgefallen, dass die Stimme an einem Telefon in der Regel deutlicher zu vernehmen ist als das Plaudern zweier physisch anwesenden Mitreisenden?

Einmal saß ich im Tram und zu meiner Linken neben mir, telefonierte eine junge und blonde Frau (das mit dem blond ist echt Zufall). Mit ihrem Freund. Es scheint gerade nicht so gut zu laufen mit den beiden. Sie redete laut und über alles. Es wurde immer stiller um uns herum, alle hörten mit, im Tram, als hätten sie alle ausgefahrene Antennen auf dem Kopf, voll auf Empfang. Die Frau vergaß sich und die Umwelt und redete intensiv auf ihre krisengeschüttelte Liebe am anderen Ende ein. Langsam allerdings begann es echt zu nerven, bis bei mir der Geduldsfaden riss und ich handeln musste. Ich rutschte etwas näher zu ihrem Handy hin und sagte mit tiefer Stimme: „Liebling, komm zurück ins Bett.“ Alle schwiegen, die Frau auch, sie schaute mich kurz an und sagte: „Sorry Schatz, aber nein, ich kenne den nicht, wirklich! Ich bin im Tram…“ Ein Grinsen ging durch die Reihe der Fahrgäste und zum Glück musste ich an der nächsten Haltestelle aussteigen, bevor sie zu ende telefonierte. Ob sie mit ihrem Freund heute noch zusammen ist?

Auf jeden Fall meine Damen und Herren, nehmen Sie sich in Acht, wenn sie in meiner Anwesenheit irgendwo über Dinge telefonieren, die mich nichts angehen.

Urs Heinz Aerni

 

Der passende Buchtipp: „Telefonieren – Professionelle Gesprächstechniken“ von Holger Backwinkel und Peter Sturtz, Verlag Haufe Lexware, ISBN 978-3-648-12226-6

Fasnacht? Also echt jetzt!

«Schreiben Sie doch was über Fasnacht» Ganz ehrlich jetzt? Ist echt nicht so mein Ding. Obwohl als ein der Fröhlichkeit zugeneigter Zeitgenosse, fliehe ich vor Konfettischlacht, Guggemusik und herumtanzende Maskierte. Auch wenn ich als kleiner Bub in Cowboy-Montur im Dorf mein Unwesen trieb und später in verrauchten Restaurants das Gelächter und Halligalli noch lustig fand, entschwand im Laufe der Jahre mein Interesse, diesem Treiben einen Sinn oder eine Art Kultur abzugewinnen. Als Ladenbesitzer musste ich damals in Basel vor dem Morgestraich alle Lämpchen ausmachen und das Schaufenster lichtmäßig so abdichten, dass ja nichts die Gasse zu erhellen vermag. Sonst musste mit einer Buße gerechnet werden. Ok, die Schnitzelbänke brillieren teilweise mit ihrem politisch-karikierendem Witz aber Hand auf’s Herz: Was soll das Lärmen und Krachen mit all der Wein- und Bierschwemme? Eine Art Ventil, ein Gegenmittel zur Alltags-Vernünftigkeit? Bekanntlich stammen Karneval, Fasching oder Fasnacht von den uralten Bräuchen rund um die Wintervertreibung respektive deren bösen Geister ab, aus denen dann die Kirche es in sogenannte christliche Symbolik umwandelte und noch das Fasten herausstrich, wohl analog zur Beichte, die alles wieder ins Lot brachte, nachdem die Sau rausgelassen wurde.

Ich habe ja auch Mühe, mit der überregulierten und leistungsorientierten Gesellschaft, die nur noch auf Karriere und Rentabilität pocht. Vielleicht hilft die Fasnacht, aus diesem Hamsterrad auszubrechen, aber nach Aschermittwoch steigen ja alle wieder in dasselbige hinein. Kann es sein, dass während der Pause zwischen zwei Fasnachten man guttäte, mehr zu leben, zu genießen und weniger alles tierisch ernst zu nehmen? «Schmutziger Donnerstag» hieß der Schweizer Tatort 2013, der mitten in der Luzerner Fasnacht spielt. Es habe damals Streit gegeben über den Ruf der Stadt und ihrem urtypischen Fest, unter etwas chaotischen Umständen musste gedreht werden aber, genau diese Folge soll zu den besten Luzerner Tatorts gehört haben, der ja massiv unter Kritik stand. Okay, wenn die Fasnacht den Ruf einer Schweizer Krimiserie zu retten vermag, dann ist das auch nicht schlecht. Aber trotzdem, diese Fasnacht … ist echt nicht mein Ding.

Urs Heinz Aerni

Der passende Buchtipp: «Der Karneval der Tiere» nach Camille Saint-Saëns von Roger Willemsen und Volker Kriegel (Illustrationen), S. Fischer, ISBN 978-3-596-19717-0

Dieser Beitrag erschien auch in den Magazinen Berglink.de und Bündner Woche.

WEF Davos 2019 und der angekündigte erneute Besuch Donald Trumps

Ein offenes Wort an Veranstalter und Gastgeber Klaus Schwab

Sehr geehrter Herr Schwab

Dank dem World Wide Web ist der Welt der letztjährige Auftritt von Donald Trump in bester Erinnerung:

https://www.youtube.com/watch?v=UT7GlaDc060

Nach dem Bekanntwerden, dass Herr Trump auch 2019 mit seiner Entourage wieder nach Davos kommen wolle, erlaube ich Ihnen, Herr Schwab, folgende wohlgemeinte Worte zu widmen.

Donald Trump wirkt Kraft seines Amtes als US-Präsident:

  1. Gegen die Bemühungen der Welt, eine Klimakatastrophe abzuwenden
  2. Für eine Verschärfung des Konflikts im Nahen Osten
  3. Für eine noch nie dagewesene Fluktuation des Personals im Weißen Haus
  4. Für eine regelmäßige Brüskierung seinen internationalen Partnern
  5. Für eine Verschleierung der laufenden rechtlichen Verfahren und Untersuchungen gegen ihn
  6. Für eine Lockerung und Aufhebung von Naturschutzzonen um an Öl zu gelangen
  7. Gegen Medien, die ihn für seine Politik kritisieren
  8. Für eine zunehmende Agressivität in der internationalen Politik
  9. Gegen die Chance, andere Menschen verstehen zu können
  10. Für die Möglichkeit, dass Psychologen und Psychiater sich in einem Buch über seine geistige, charakterliche und mentale Gesundheit Gedanken machen (Buchtitel siehe unten)

 

Aus diesen 10 Gründen, die nur eine Auswahl darstellen, darf die Frage zugelassen werden, inwiefern sich der immense Aufwand an Personal, Kosten und Kerosin lohnt, Herrn Trump zum zweiten Mal die Bühne zur Selbstdarstellung analog zu 2018 zu überlassen. Sie seien ein herzlicher Gastgeber, Herr Schwab, so wurde mir es zugetragen und Ihr Ziel sei es mit dieser Veranstaltung, Verbindungen und den Austausch zwischen Menschen mit großer Verantwortung für unsere Gesellschaft zu ermöglichen, ja zu fördern. Die prächtige Bergwelt Graubündens trägt sicherlich dazu bei, Ihre edlen Absichten mitzuprägen, so dass in Gelassenheit und Empathie die Kultur des Verstehens zwischen den Welten möglich gemacht werden kann.

Wenn in diesem Sinn und Geist Herr Trump miteingebunden werden kann, in den Dialog, dem Zuhören, dem Lernen und der Findung von Kompromissen und konstruktiven Kooperationen der Nachhaltigkeit, dann könnte dem logistischen und sicherheitstechnischen Aufwand einen Sinn abgerungen werden. Und wenn es Ihnen gelingt, Herr Schwab, mit Herrn Trump bei einem gemütlichen Fondue ohne Blaskapelle, das eigentliche Anliegen der Menschheit so zu formulieren, dass er nickt und endlich begreift, dann macht das WEF uns allen ein schönes Geschenk. Mit den besten Wünschen für Ihre Arbeit und das Leben drum herum, verbleibe ich

mit freundlichen Grüßen

Urs Heinz Aerni

Das erwähnte Buch: „Wie gefährlich ist Donald Trum?“  27 Stellungnahmen aus Psychiatrie und Psychologie, Psychosozial Verlag, ISBN 978-3-8379-9

Dieser Beitrag erschien auch auf Berglink Berlin und Zürich

Das Leben auf der Bühne und mit Büchern und der Dialekt

Das Leben auf der Bühne und mit Büchern

Thomas Sarbacher spielt Rollen und Figuren vor der Kamera und auf der Bühne und er liest brillant aus Büchern im Literaturclub SRF/3sat oder an Festivals wie Sprachsalz in Tirol. An zwei Abenden am schönen Thunersee unterhalten wir uns über das Spiel mit Charakteren, das Lesen und das Leben drum herum.

Am 3. und 5. Dezember 2018 im Hotel Beatus Merligen. Hier geht es zum Veranstalter…

Die Mundart – und was sie mit uns macht

«Gredi üüfe» lautet das brandneue Gedichtbuch von Hanspeter Müller-Drossaart. Der erste Band des Autors erschien auf Obwaldnerisch, der zweite nun im Urner Dialekt. Seine Lesungen sind legendär, sein Spiel mit der Mundart ebenso. Was führt Hanspeter Müller-Drossaart dazu, so zu schreiben, wie den Menschen in den Bergtälern der Schnabel gewachsen ist? Erfährt die Poesie eine andere Erlebnisebene je nach Färbung mit Lokalkolorit?
Was passiert mit Ihnen, wenn Sie in einem «Tatort» schwäbisch hören, oder alemannisch oder auch tirolerisch? Genau, es heimelt an. Und in der Regel sind Figuren im Film, die Mundart sprechen, selten die Bösewichte. Meine Gesprächsgäste und ich nehmen Platz am literarischen Kaminfeuer in der guten Wortstube: Der Schauspieler Hanspeter Müller- Drossaart verwandelt sich im Rahmen seines Berufes wie kein anderer verbal in einen Bayer, Bündner oder Basler. Markus Gasser beantwortet als Redaktor der SRF-Sendung «Schnabelweid» Fragen rund um unsere Mundart. Als Experte meinte er in einem Zeitungs-Interview, dass «jeder Dialekt schön» sei. Ist dem so? Wir werden sehen.

Am 7. Dezember im La Marotte Affoltern am Albis. Hier geht es zum Veranstalter…

 

Und, am 13. Dezember ist die letzte Veranstaltung von 2018 angesagt, mit Elke Heidenreich in Zürich. Aber davon kurz vorher mehr auf diesem Kanal.

Bis bald und herzliche Grüße

Ihr Urs Heinz Aerni

Willkommen in was für einem Land?

Im November kommt der Film von Marc Tschudin „Welcome to Zwitscherland“ in die Schweizer Kinos, eine Art Hommage an ein Land samt seinen gefiederten Mitbewohnern, aber nicht ohne Fragezeichen.

Der Journalist, Filmer und Biologe widmete die letzten drei Jahre einem cineastischen Projekt, das den Alpenstaat mitten in Europa als Porträt einzukreisen versucht. Dies tut er aus der Sicht einer Existensebene, die oft übersehen oder überhört wird, aus der Sicht der Vögel. Tschudin verblüfft mit einer Ästhetik der Bilder, die er oft mit liebevoller Ironie auf die Schweiz mit all seiner Schönheit fokussiert, die allerdings anfällig geworden zu sein scheint.

Eine Geschichte zwischen Ankommen und Abschied

Ist die Schweiz eventuell eine Idee, die gewahrt und weiterentwickelt werden muss? Der Rahmen dieses erzählenden Dokumentarfilms ist eine familienbedingte Rückkehr in die alte Heimat mit einer Überraschung im Haus des Vorfahren, die eine ungewöhnliche Tour de Suisse nach sich zieht, bevor es wieder heißt, Abschied nehmen zu müssen. Aber mit einer neuen Beziehung zu dem Land, aus dem man herkommt.

Die Bandbreite der Vielfalt in Kultur und Natur sei in diesem kleinen Land zwischen großen Staaten immens, davon ist Marc Tschudin überzeugt. Und das visualisiert er in seinem ersten abendfüllenden Film. Szenen mit brütenden Feldlerchen, alles niederwalzenden Kampfpanzern, auf Wellen schaukelnden Reiherenten, tanzenden Menschenmengen, singendem Girlitz und glockenschweren Alpaufzügen veranschaulichen wie Gegensätze aufeinanderprallen oder auch Parallelwelten, die möglich sind, zwischen dem Genfer- und Bodensee, zwischen dem Rhein und dem Ticino oder zwischen dem Jura und dem Engadin.

Geduld mit dem Unberechenbaren

Die Idee zu diesem Projekt entstand während der Arbeiten zum Ausstellungsfilm für die Schweizerische Vogelwarte Sempach. Die Identität eines Landes im Kontext der vielfältigen aber verletzlichen Natur- und Vogelwelt in der Art eines Filmes zu formulieren, trieb Marc Tschudin an, die vielen Orte aufzusuchen, die das ermöglichen. Zu den Herausforderungen hätten nicht nur die Geduld mit der Unberechenbarkeit der Vögel und des Wetters gehört, sondern auch gute Nerven bei der Bewältigung der Administration bei Anfragen und Bewilligungen.

Der Forscher und seine Fragen

Der gebürtige Basler wollte einst Archäologe oder aber Biologe werden; von Expeditionen in abgelegene Wüsten und Urwäldern hatte er geträumt. Er entschied sich für das Biologie-Studium, das ihn schlussendlich in die Welt der Medien führte, vom Printjournalismus über die Fotografie zum Film. Das Besondere, das Irritierende oder gar das Abgründige wollte er entdecken, was er nicht nur in der Welt des Menschen fand, sondern auch in der Naturwissenschaft. Theorien unterschiedlichster Disziplinen, die Suche nach Zusammenhängen und die Hinterfragung unserer Zivilisation und ihrem Verhältnis zur Um- und Mitwelt ließen ihn privat und beruflich nie in Ruhe. Nach Jahren als Dokumentarfilmer und Dozent bei SRF realisierte Marc Tschudin seinen ersten großen Kinofilm über ein Thema, das ihn umtreibt und uns ebenso noch umtreiben wird.

„Welcome to Zwitscherland“ von Marc Tschudin: www.welcome-to-zwitscherland.ch

Und noch ein Tipp für humorige Büchermenschen, die auch zurück zur Natur möchten: „Zurück zur Natur mit Loriot“, Diogenes Verlag, ISBN 978-3-257-02144-8

Zum Tod des Literaten und Wortmenschen Ernst Nef

Ernst Nef (1931 – 2018)

Ernst Nef prägte die Geschichte des Literarischen Clubs Zürich (vormals Lesezirkel Hottingen) als Präsident und Vorstandsmitglied durch seine wunderbare entspannte Art, durch seine Lust an Literatur und dank seiner charmanten Weise der Vermittlung von Autorinnen und Autoren mit ihren Werken.

Ernst Nef wurde 1931 in Basel geboren und wuchs in Krefeld in Deutschland und in Goldach im Kanton St. Gallen auf. Sein Studium der Germanistik, Anglistik und Philosophie in Zürich und London bereitete den Boden, auf dem er sein Schaffen für die Literatur, das Feuilleton und die Sprachkultur weiterentwickelte und mit sehr viel Verve vorantrieb. Seine Arbeit als Gymnasiallehrer und als Literaturkritiker wurde von Schülerinnen und Schülern und der Leserschaft der Zeitungen Tages-Anzeiger, NZZ und Die Zeit sehr geschätzt bzw. gerne gelesen.

Seit 1996 wirkte er für die Zweimonatsschrift „Sprachspiegel“, in der er regelmäßig Artikel über Tendenzen und Trends in unserer Sprache publizierte, mit Esprit, scharfen Beobachtungen und punktueller Ironie.

Seine schriftstellerischen Arbeiten waren nicht für die Bestseller-Listen gedacht, die ihn auch nicht besonders interessierten. Seine Themen waren einerseits Persönlichkeiten wie Gottfried Benn, Carl Einstein oder Wolfgang Hildesheimer und andererseits seine Wahrnehmung der Welt und Beobachtungen in der Gesellschaft, die er in lyrische Texte münden ließ, oft so, dass bei der Leserin oder beim Leser ein Schmunzeln nicht zu verhindern war, was ein Buchtitel wie „Mach die Linsen scharf“ (1999) schon verspricht und  wofür er die Ehrengabe des Kantons Zürichs erhielt.

Ob als Vermittler von Literatur oder Schreibender: Ernst Nef gehörte zu den hellen Geistern der gelassenen Art. Er stopfte seine Pfeife, während er fragte oder herzlich lachte.

 

In seinem letzten Buch „Sei’s drum“ ist folgendes zu lesen:

 

In den alten Spiegel schauend entdecke ich

an meinem Kinn das Grübchen der Ehrgeizigen

und wundere mich

wie Menschen sich verstellen können.

 

Eine bedachte und lebensfröhliche Stimme ist nun verstummt. Schön, dass wir sie hören konnten und sie heute noch immer lesen dürfen.

 

Weitere Informationen zu den Publikationen von Ernst Nef finden Sie hier in der Nationalbibliothek Bern.

Der Beitrag erschien zuerst in der P. S. Zeitung Zürich.

Die Basler Versicherung bekämpft Hagel mit Gift – Fragen

Sie haben es sicher vernommen: Die Basler Versicherung chartert ein Flugzeug, dass bei Hagelgefahr die Wolken mit einem Gift besprüht, das die Hagelkörner kleiner machen soll.

Hier ein Bericht im Tages-Anzeiger.

BirdLife Schweiz meint dazu: “ Gift versprühen für 10% weniger Hagel – das macht aus unserer Sicht keinen Sinn. Das Gift gelangt in die Böden und ins Wasser. -> nicht nachhaltig.“

Nun, ich bat von der Basler Versicherung eine Stellungnahme dazu und erhielt diese Rückmeldung:

 

Sehr geehrter Herr Aerni

Die Basler Versicherung hat ein ökotoxikologisches Gutachten für das Bundesamt für Zivilluftfahrt (BAZL) und das Bundesamt für Umwelt (BAFU) zum Einsatz des Hagelfliegers erstellen müssen.

Dabei haben wir aus einer Liste des BAFU ein Gutachter-Institut wählen können. Das erstellte Gutachten bescheinigt dem Einsatz von Silberjodid in bezug auf die angewandte Methode und Menge die Unbedenklichkeit für Wasser und Boden.
In dem Gutachten wird von einem internationalen Wert ausgegangen, der für Silberjodid massgeblich im Hinblick auf die Umweltschädlichkeit ist.
Es handelt sich dabei um den sogenannten PNEC-Wert. PNEC steht für Predictive-No-Effect-Concentration. Per Definition die Konzentration im Umweltkompartiment, welche auch bei langfristiger Exposition keinen Einfluss auf Umweltorganismen hat.
Das Gutachten hat ergeben, dass wir mit der Methode des Hagelfliegers diesen Wert um ein Mehrfaches unterschreiten.

Dr. Krähenbühl, Leiter klinische Toxikologie der Universität Basel, hat gegenüber Telebasel erklärt, dass Silberjodid in der Form als unbedenklich zu qualifizieren sei. Es habe z.B. in Gewässern aus Gebieten, in denen der Hagelflieger aktiv war, gegenüber Gewässern aus nicht betroffenen Regionen keine erhöhte Silberjodid-Konzentration festgestellt werden können. In anderen Ländern wie z.B. Deutschland und Österreich wird die Methode des Hagelfliegers bereits seit Jahren angewendet – in Österreich seit 1978!

Die Verwendung von Silberjodid zur Hagelbekämpfung ist aber auch in der Schweiz nicht neu. Der Hagelabwehrverband Ostschweiz beispielsweise bekämpft seit Jahren die Hagelbildung vom Boden aus. Mit Raketen werden die Gewitterwolken mit Silberjodid ‚geimpft‘.
Einzig die effizientere Verwendung eines Hagelfliegers ist für die Schweiz ein Novum.

Sehr geehrter Herr Aerni, die Basler Versicherung ist sich ihrer Verantwortung gegenüber Mensch, Flora und Fauna sehr bewusst. Wir haben in den letzten 2.5 Jahren alle erdenklichen Auswirkungen eines Hagelfliegereinsatzes sorgfältig geprüft und sind zum Schluss gekommen, dass wir es versuchen möchten. Auch wenn die Wirksamkeit der Methode kontrovers diskutiert wird.

Freundliche Grüsse
Sacha Truffer
lic. iur.
Leiter Kundenzufriedenheit
Mitglied der Direktion
Basler Versicherungen

Diese ausführliche Stellungnahme ist beeindruckend. Was meinen Sie dazu? Lohnende Aktion oder zusätzliche Belastung für Flora und Fauna?

Muss Schreiben legitimiert werden?

Soeben komme ich zurück aus Innsbruck. Dort unterhielt ich mich an einem Podium mit Autorinnen und Autoren über Fragen wie: «Wie gelingt es mir, zeitliche und örtliche Schreiboasen zu finden?», «Wie viel Struktur braucht ein literarischer Text?», «Wie finde ich einen Verlag?», «Was macht ein guter Verlag für mich?», «Warum wird mein Buch in den Medien nicht wahrgenommen?», «Auf was ist bei einer öffentlichen Lesung zu achten?» oder «Ist Schreiben ein monologischer oder dialogischer Akt?»

Meine Seminare als Literaturagent an den Volkshochschulen sind stets gut besucht und ich beginne jeweils mit den Worten: «Meine Damen und Herren, Sie wissen, dass die Welt auf Ihr Buch wartet.» Ein Lachen geht durchs Auditorium, weil sie wissen: die Welt ist voll von Büchern. Aber, das ist gut so! Schreiben gehört zu den wichtigsten Künsten über die der Mensch verfügt. Schreiben ist der Versuch, zu verstehen, begreifen, einzuschätzen, abwägen, bewältigen und ist ein Mittel für Gegenmaßnahmen. Schreiben ist ein Umkehrschub, der die innere Welt gegen außen stülpen lässt, ein proaktives Agieren. Texte lassen in Seelen blicken, sie lassen erkennen, was in Herz und Sinn des Verfassenden rumort. Texte widerspiegeln Zeitgeist, sie verändern sich analog zur Mediennutzung. Niedergeschriebene Sprache mutiert sich in die Formen der Medien. Das schöne dicke Buch lässt sich noch immer in den Händen von lesenden Menschen finden, im Wartesaal oder auf der Parkbank. Lesende halten sich oft in dichtgedrängten S- und U-Bahnen oben mit einer Hand fest und mit der anderen scrollen Sie Texte auf dem Smartphone. Ohne Text, keine Gesellschaft. Ohne Sprache keine Welt.

An dem erwähnten Anlass in Innsbruck überraschte mich eine Frage besonders: «Wie legitimiere ich mein Schreiben?» Wie bitte? «Ja, meine Freunde und Familie tun sich schwer zu akzeptieren, dass ich viel Zeit fürs Schreiben verwende und zudem ich nicht mal damit Geld verdiene.» Unglaublich, nicht? Da lassen andere teure Drohnen starten, reisen ihrer Fußallmannschaft hinterher und basteln stundenlang an ihrem Opel Manta rum, alles unter dem Akzeptanz-Titel «Hobby». Liebe Schreibende, bleiben Sie dran, lassen Sie nicht nach, tun Sie’s weiter und schenken Sie der Welt neue Texte.

 

Urs Heinz Aerni

Info: Am 24. Und 25. November bietet der Autor den Workshop «Wie veröffentliche ich ein Buch?» in Lenzerheide an. Infos und Anmeldungen: ursaerni@web.de

Der passende Buchtipp: «Frauen, die schreiben, leben gefährlich» von Elke Heidenreich, Insel, 978-3-458-35995-1, CHF 14.90

Diese Kolumne erschien zuerst in der Zeitung BÜNDNER WOCHE

Die Kunst des digitalen Grüßens

Wie grüßen Sie? Also nicht auf der Straße oder im Laden, sondern digital, am Schluss einer E-Mail. Hier herrschen ganz eigene Gesetze. Nirgend sonst in der Kommunikation wird dergestalt mit der Grußformel gespielt und variiert wie im Mail-Verkehr.

Wenn die Presseabteilung eines Verlages anfragt, ob ich ein Buch besprechen möchte, wird immer «herzlich» gegrüßt. Die ungeschriebenen Grußgesetze zeigen den Aggregatszustand der Beziehungen an. Da war zum Beispiel die Dame, mit der ich für ein Projekt zu tun hatte. Wir wechselten via Mail vom «Sie» zum «Du». Jede Mail in der Startphase schloss mit «Liebe Grüße» oder «Herzliche Grüße» oder gar nur mit «Herzlich». Dann kamen die ersten Herausforderungen in Planung und Budgetierung etc. Hier begannen die ersten unterschiedlichen Ansichten und Arbeitsmethoden zum Vorschein zu kommen, also auch Meinungsunterschiede. Demgemäß schienen sich die Grußworte der Stimmungslage anzupassen. Vom «Herzlich» mutierte es sich herunter auf «Beste Grüße» und «Gruß». Wenn kalter Krieg herrscht, so liest man dann wieder «Freundliche Grüße», der eisige Tiefstand in der Austauschkultur. Im Comics hätten die Sprechblasen dann Eiszapfen. Ich wollte es schon mit dem veralteten «Hochachtungsvoll» versuchen aber das wäre eines zu viel aufgesetzt. Wir hüpfen also heutzutage zwischen «Herzlichst», was ja schon eine Umarmung bedeutet, und dem Formalen, wo wir uns fast zwingen müssen, überhaupt zu grüßen. Ich stelle mir die Frage, was heutzutage Freundschaften noch auszuhalten vermögen. Da ich nicht weiß, was Sie von meinen Kolumnen halten, schließe ich mit folgendem Gruß … Moment, in der Kneipe, in der ich diese Zeilen schreibe, grüßt mich der Wirt, der frei heraus erklärt, dass er schwer krank ist …

Da verpixelt mein obiges Gedankenspiel zum Luxusproblem, nicht?

Herzlich, Ihr

Urs Heinz Aerni

 

Der passende Buchtipp: «Duden Ratgeber – Briefe und E-Mails gut und richtig schreiben» Bibliographisches Institut, ISBN 978-3-411-74303-2

Beitrag erschien auch in der Bündner Woche und Berglink Berlin