Archiv der Kategorie: Gesellschaft

Eine Wahlkampagne mit Fragezeichen

Die Schweizerische Volkspartei SVP (mit nicht unähnlichem Programm wie AfD und FPÖ) behauptet in ihrem Wahlkampf-Extrablatt, dass Feuerwehrleute und das Pflegefachpersonal diese Partei wähle, am 20. Oktober.

Da ich das nicht wusste, fragte ich bei Verbänden nach, ob das stimme. Bin gespannt auf die Antworten…

Ausschnitt aus besagten dem Extra-Wahlkampf-Blatt

Erste Reaktionen auf die Behauptung der SVP finden sich auch hier…

Jagd nach Schwein oder Glück?

Die Kolumne in der Bündner Woche läuft bekanntlich unter «Aufgefallen» und wissen Sie was, zwischen den Abgabeterminen fällt mir sehr Vieles auf, was es verdiente, darüber zu schreiben. Beispiele? Ich wuchs in der Nähe der Grenze zu Deutschland auf und liebte den Radiosender SWF3 mit «Pop Shop» oder Else Stratmann. Nun wollte ich modern sein, kaufte mir ein portables DAB-Radio und höre da, dieses neue System lässt nicht mehr zu, dass wir SWR oder ORF hören können, sondern nur noch CH-Sender von Radio Zentralschweiz bis Radio Argovia, die ziemlich alle denselben Sound bringen. Kurz: Die digitale Revolution engt den audiotechnischen Horizont ein. Im Kanton Solothurn erlegte ein Jäger aus Versehen drei Haus-Wollschweine, in den Wäldern Niederösterreichs wird nach einem Känguru gesucht, von dem jede Spur fehlt, bis zur Drucklegung dieses Textes und in Rom dürfen Touristen sich nicht mehr auf die Spanische Treppe setzen.

Und dieses Buch fiel mir nicht nur vor kurzem auf, sondern in die Hände: Vallotton konnte nicht nur malen, das Schreiben beherrschte er ebenso. Der aus Lausanne stammende Maler und Grafiker (1865 – 1925) verbrachte die letzten 43 Jahre in Paris. Die Stadt ist auch Schauplatz seines Romans, der heute übersetzt vorliegt. Erzählt wird das Leben eines Mannes, der in der Kindheit mit traumatischen Unglücksfällen konfrontiert wurde und doch immer wieder die Lebensfreude zurückgewann. Leidenschaft bilden die Koordinaten dieser Geschichte über die unglückliche Jagd nach dem Glück. Der Unglücksjäger übrigens, bat öffentlich beim Wollschweinbesitzer um Entschuldigung.

Urs Heinz Aerni

Das Buch: „Das mörderische Leben“ von Félix Vallotton, NZZ Libro, ISBN 978-3-03823-586-6

«LUFTIGE MIGRATION»

Liebe Leserin, lieber Leser,

Diesmal ist der Beitrag nicht hier zu lesen, sondern im Magazin GR HEUTE. Wenn Sie diese Zeilen anklicken, landen Sie direkt beim Beitrag.

Auf ein baldiges Wiederlesen!

Urs Heinz Aerni

Das Bild stammt aus der Region Flims (Graubünden), wohin ich den Filmer Marc Tschudin begleitete für den Kinofilm „Welcome to Zwitscherland“. Er soll im Herbst als DVD erscheinen.

Mob im Web?

Haben Sie gewusst, dass sich Swisscom-Kunden gegen die massive Gebührenerhöhung für Papierrechnungen mit einem Brief erfolgreich wehren können? Doch etwas anderes beschäftigt mich mehr:

Von uns Medienschaffenden wird in der Regel erwartet, Hintergründe erfahren zu wollen, besonnen zu recherchieren, Umstände sachlich einzuschätzen, aufzuklären und mit sprachlichem Feingefühl zu informieren, zu kommentieren und komplexe Ereignisse in unserer komplizierten Welt einzuordnen. Es gab Zeiten, in denen ihre Arbeit auf klar definierten Kanälen wie Zeitung, Magazin, Radio und Fernsehen genossen oder konsumiert und auch die Möglichkeit genutzt werden konnte, sich per Leserbrief an der Debatte einzuschalten. Für das Medium stand eine Redaktion in der Verantwortung, für Qualität der Texte, der Seriosität der Inhalte und der Mäßigung des Tones bei der Meinungsäußerung.

Bis irgendwann, jede und jeder die Macht erhielt, dergestalt sich öffentlich äußern zu können, wie es die offiziellen Medien es bis dato kannten. Im World Wide Web und den daraus entstandenen Plattformen der sogenannten Sozialen Medien. Das Resultat? Statt des völkerverbindenden Dialoges, gibt’s nationalistische Hassreden. Statt Förderung von Bildung und Wissen sind egozentrische Verlautbarungen von festbetonierten Weltbildern zu lesen. Es wird pauschalisiert und mit dem Zweihänder ausgeteilt. Und spätestens hier, wäre die Kompetenz von Profi-Medienschaffenden wieder vonnöten, mit kühlem Kopf aufzuklären. Doch stattdessen lese ich von einer Berufskollegin folgenden Kommentar, den sie zum tragischen Fall im Frankfurter Hauptbahnhof auf Facebook postete: „Was hat man sich nur für Dreckspack ins Land geholt????“ Klar, Journalistinnen sind auch nur Menschen aber was denken wir von einem Polizisten, der betrunken am Steuer sitzt?

Urs Heinz Aerni

Der passende Buchtipp: „Ethik des Journalismus – Wie steht es um Ethik und Moral im Journalismus?“ von Hila Kakar, 978-3-639-87423-5, AV Akademikerverlag

Willkommen in was für einem Land?

Jetzt  wird der Film von Marc Tschudin „Welcome to Zwitscherland“ im Fernsehen gezeigt, eine Art Hommage an ein Land samt seinen gefiederten Mitbewohnern, aber nicht ohne Fragezeichen.

Der Journalist, Filmer und Biologe widmete die letzten drei Jahre einem cineastischen Projekt, das den Alpenstaat mitten in Europa als Porträt einzukreisen versucht. Dies tut er aus der Sicht einer Existensebene, die oft übersehen oder überhört wird, aus der Sicht der Vögel. Tschudin verblüfft mit einer Ästhetik der Bilder, die er oft mit liebevoller Ironie auf die Schweiz mit all seiner Schönheit fokussiert, die allerdings anfällig geworden zu sein scheint.

Eine Geschichte zwischen Ankommen und Abschied

Ist die Schweiz eventuell eine Idee, die gewahrt und weiterentwickelt werden muss? Der Rahmen dieses erzählenden Dokumentarfilms ist eine familienbedingte Rückkehr in die alte Heimat mit einer Überraschung im Haus des Vorfahren, die eine ungewöhnliche Tour de Suisse nach sich zieht, bevor es wieder heißt, Abschied nehmen zu müssen. Aber mit einer neuen Beziehung zu dem Land, aus dem man herkommt.

Die Bandbreite der Vielfalt in Kultur und Natur sei in diesem kleinen Land zwischen großen Staaten immens, davon ist Marc Tschudin überzeugt. Und das visualisiert er in seinem ersten abendfüllenden Film, der erfolgreich in den Kinos lief. Szenen mit brütenden Feldlerchen, alles niederwalzenden Kampfpanzern, auf Wellen schaukelnden Reiherenten, tanzenden Menschenmengen, singendem Girlitz und glockenschweren Alpaufzügen veranschaulichen wie Gegensätze aufeinanderprallen oder auch Parallelwelten, die möglich sind, zwischen dem Genfer- und Bodensee, zwischen dem Rhein und dem Ticino oder zwischen dem Jura und dem Engadin.

Geduld mit dem Unberechenbaren

Die Idee zu diesem Projekt entstand während der Arbeiten zum Ausstellungsfilm für die Schweizerische Vogelwarte Sempach. Die Identität eines Landes im Kontext der vielfältigen aber verletzlichen Natur- und Vogelwelt in der Art eines Filmes zu formulieren, trieb Marc Tschudin an, die vielen Orte aufzusuchen, die das ermöglichen. Zu den Herausforderungen hätten nicht nur die Geduld mit der Unberechenbarkeit der Vögel und des Wetters gehört, sondern auch gute Nerven bei der Bewältigung der Administration bei Anfragen und Bewilligungen.

Der Forscher und seine Fragen

Der gebürtige Basler wollte einst Archäologe oder aber Biologe werden; von Expeditionen in abgelegene Wüsten und Urwäldern hatte er geträumt. Er entschied sich für das Biologie-Studium, das ihn schlussendlich in die Welt der Medien führte, vom Printjournalismus über die Fotografie zum Film. Das Besondere, das Irritierende oder gar das Abgründige wollte er entdecken, was er nicht nur in der Welt des Menschen fand, sondern auch in der Naturwissenschaft. Theorien unterschiedlichster Disziplinen, die Suche nach Zusammenhängen und die Hinterfragung unserer Zivilisation und ihrem Verhältnis zur Um- und Mitwelt ließen ihn privat und beruflich nie in Ruhe. Nach Jahren als Dokufilmer und Dozent bei SRF realisierte Marc Tschudin seinen ersten großen Kinofilm über ein Thema, das ihn umtreibt und uns ebenso noch umtreiben wird.

Der Film kann nun auf SRF in der Mediathek gesehen werden…

Persönliche Notiz: Meine Wenigkeit durfte Marc Tschudin auf vielen seinen Filmreisen nicht nur begleiten und assistieren, sondern schoss noch diverse Fotos während seiner Arbeit (die im Magazin Berglink zu sehen sind) und räumte für eine Szene die ganze Bibliothek aus dem Raum.

Weitere Informationen zum Filmprojekt finden Sie auch hier…

Vorsicht beim Draufkleben

Offeriert man in Deutschland einen Umtrunk mit Häppchen beim Antritt einer neuen Arbeitsstelle oder zum Abschied von der Firma, können die «Ausgaben als Werbungskosten bei der Steuererklärung geltend gemacht werden». Das war im «Offenburger Tageblatt» zu lesen. «Dabei sollten die Kosten zur beruflichen Stellung und der Anzahl der Gäste passen», heisst es weiter. Also darf sich einAngestellter in der Spedition nicht dieselbe Apéro-Dimension leisten wie der CEO einer Privatbank. Wie das in der Schweiz ist, weiß ich grad nicht, aber ich durfte Folgendes lernen:

Ich gab bei der Post ein Paket nach Hamburg auf. Wissend, dass Schweizer Briefmarken im Ausland geschätzt werden, klebte ich eine schöne Anzahl als Anzahlung aufs Paket. Die Dame am Schalter sah mich an, zog die Augenbrauen hoch und sagte: «Leider dürfen wir Ihnen diese Briefmarken für dieses Paket mit diesem Gewicht nicht anrechnen.» Ich: «Wie meinen?» Sie: «Entweder nehmen Sie diese Briefmarken wieder ab oder nehmen etwas aus dem Paket, aber diese Marken sind nicht gültig.» Nach dem misslungenen Versuch, die nicht wenigen Franken als Briefmarken vom Karton abzukniefeln, resignierte ich und sie klebte eine computergedruckte neue Frankatur von etwa 50 Franken darüber. Ich schenkte der Post Geld, weil ich nicht wusste, dass Briefmarken von der Post für ein Postpaket ab einem bestimmten Gewicht nicht mehr als Zahlungsmittel gelten. Wüssten Sie einen Volkshochschulkurs für mich zum Thema wie etwa «Wie werde ich ein kompetenter Postkunde»?

Urs Heinz Aerni

Der passende Buchtipp: Zumstein Katalog Schweiz Liechtenstein 2019, kartonierter Einband, 978-3-909278-80-0. Vermerk: Achtung, diese schönen Briefmarken gelten nicht mehr als Zahlungsmittel für Pakete ins Ausland ab einem bestimmten Gewicht…

Politische Information oder eher…?

In allen Briefkästen lag das «Extrablatt» der Schweizerischen Volkspartei, kurz SVP. Die Schlagzeilen und die Tonart in diesem Printprodukt schlagen jeden Versuch, nur ein bisschen Verständnis für diese Partei aufbringen zu wollen, endgültig in den Wind. Ein paar Beispiele:

Klimawandel: «Links-grüne Ideologen versuchen, diese Situation schamlos auszunutzen, um ihre untauglichen Rezepte salonfähig zu machen.»

Als parteiloser Journalist bin ich für ein Verbot von Gift in der Landwirtschaft, den Umverlad von LKWs auf die Schiene durch die Alpen und ein Stopp der Zersiedelung von noch grünen Landschaften. Was soll daran ein untaugliches Rezept sein?

Und der Parteipräsident Albert Rösti schreibt: «Auf die schrille Panikmache soll der sozialistische Umbau unserer Gesellschaft folgen.» Oder: «Hinter dem grünen Mäntelchen verstecken sich roter Zwang und knallharte Machtpolitik.»

Wie viel Macht ballt sich hinter den Konzernen, denen Expansion über alles geht, lieber Herr Rösti?

«Schon in der Bibel drohten Propheten mit dem Untergang der Menschheit. Warum? Man kann über verängstigte Menschen Macht ausüben.» (Peter Keller, SVP Hergiswil). Wir wissen nicht, ob Herr Keller an die Bibel und den dazugehörenden Gott glaubt, wenn ja, dann hat er ein Problem, denn die Propheten wurden ja von Gott gesandt um sein Volk zu warnen…

Im Versuch, moderat zu bleiben, darf durchaus erwähnt werden, dass die Beiträge von Nadja Pieren aus Heimiswil (BE) oder Walter Wobmann aus Gretzenbach (SO) oder Marcel Dettling aus Oberiberg (SZ) oder Andreas Aebi aus Alchensdorf (BE) Anlass geben, um am runden Tisch weiter zu diskutieren. Nebenbei sei vermerkt, dass nirgends ein Text aus einer Großstadt zu lesen ist.

Wenn aber Roger Köppel meint, es gäbe «keinen wissenschaftlichen Beweis», dass «der Mensch einen maßgeblichen Einfluss aufs Klima» habe, und dass hauptsächlich die Zuwanderung die Umwelt belaste aber unseren Verbrauch an Wohnbedarf, die Swimmingpools, die im Ausland mit Billiglöhnen produzierten Produkte mit Schweizer Label und das zunehmende Geschäft mit der Fliegerei nirgends erwähnt, degradiert er dieses «Extrablatt» als oberflächliches Werbemittel, das eigentlich nicht in den Briefkästen landen durfte auf denen ein Reklameverbot klebt. Im Impressum steht: «Bei dieser Zeitung handelt es sich weder um Werbung noch um Reklame, sondern um eine politische Information. Darum darf sie auch in jene Briefkästen verteilt werden, auf denen sich ein Stopp-Kleber befindet.»

Wenn jedoch ein namenloser Maturand in diesem Blatt folgendes sagt: «Ich sehe aus wie ein Hippie. Auch bei Regen und Schnee laufe ich mit Sandalen und kurzen Hosen herum. Für meine Maturaarbeit entwickle ich eine Schneekanone für den Garten. Und ich wähle SVP, weil sie sich für eine starke und eigenständige Schweiz einsetzt», dann ist das keine politische Information, sondern Kabarett.

Urs Heinz Aerni