Ein Label, das zu schwanken beginnt?

Es ist schon lange her, die Veranstaltung auf Einladung des Verlegers Dirk Vaihinger von Nagel & Kimche zum Austausch ins schöne Hotel Waldstätterhof in Brunnen am Vierwaldstättersee. Es versammelten sich Autorinnen, Verleger, Buchhändlerinnen, Journalisten und anderweitig Publizierende. Wir saßen in einem feudalen Saal, das Fenster stand offen und gab die Sicht frei auf die Urner Berge hinter gleißendem Wasser und vor stahlblauem Himmel. Als die Podienteilnehmenden fast alle zugleich und mit etwas Sehnsucht rausschauten, fuhr in diesem Moment ein hornendes Schiff vorbei mit wehender Schweizer Flagge. Da konnte der damalige Hanser-Verleger und heute freischaffender Lyriker Michael Krüger, nicht anders als auszurufen: «Was sorgt sich die Schweiz, schaut Euch das an, diese herrlich glitzernden Berge!» so sinngemäß, wie gesagt, ist schon eine Weile her. Da ergriff der beliebteste Literaturwissenschaftler Peter von Matt das Wort, zeigend mit dem Finger auf die selben Berge: «Und drinnen, drinnen donnert die Hölle!» Das Publikum verstand sofort die Anspielung der beiden Medaillenseiten der Schweiz. Betrachten wir die sogenannte Kehrseite derselben. Was macht sie den aus, die Schweiz oder die Idee der Schweiz? Müssen wir uns Sorgen machen um die die zahlreichen Gütesiegel, die für ein Lebensprinzip namens Schweiz garantieren? Nach dem Grounding der Swissair, zerkratzten die UBS und die Credit Suisse mit ihren Risikogeschäften ziemlich das Image des Alpenstaates und die Raiffeisen stolperte im Expansionswahn gleich hinterher. Ähnlich wie sich die Schweizerische Post immer mehr vom Otto Normalverbraucher entfernt, verspielte die Postauto AG dank den Gelüsten auf mehr Boni das Vertrauen der landesweiten Mitinhabern, sprich Steuerzahler. Die SBB, wohl lernunfähig und beratungsresistent, schliddert immer mehr in die Negativzeilen mit ihrer Preispolitik bei Kindern mit Rentnern und als aufstrebenden Immobilien-Giganten mit Fokus auf Rendite, koste was es wolle. Das Gesundheitssystem verlässt das gemeinnützige Ideal durch Privatisierung von Spitälern und psychiatrischen Kliniken. Es wird ständig diskutiert, wer die Kosten für die Räumungsarbeiten in Bondo bezahlen soll, was die Sicherheit am WEF in Davos kostet und in Bundesbern wird über die Kürzung der Sozialleistungen für Menschen am Rand der satten Gesellschaft debattiert.

Sie haben Recht, jetzt sieht es der Verfasser doch allzu pessimistisch. Wir haben ja unsere SRF gerettet, die Zürcher Kantonsregierung schuf den 5-Frankenzuschlag auf den Schiffen ab und schlussendlich sind unsere Seen inzwischen so sauber, dass überall darin gebadet werden kann, auch wenn die Berufsfischer für sich engmaschigere Fangnetze reklamieren, da die Fische nicht mehr so groß werden, wie damals im trüben Wasser … jetzt muss ich schauen, dass ich mich nicht verheddere.

Urs Heinz Aerni

 

Der passende Buchtipp: „Total alles über die Schweiz“, Susann Sitzler, Folio Verlag, ISBN 978-3-85256-673-3

Die Kolumne erschien zuerst in der Bündner Woche.

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Beginnt ein Label zu schwanken?

Es ist schon lange her, die Veranstaltung auf Einladung des Verlegers Dirk Vaihinger von Nagel & Kimche zum Austausch ins schöne Hotel Waldstätterhof in Brunnen am Vierwaldstättersee. Es versammelten sich Autorinnen, Verleger, Buchhändlerinnen, Journalisten und anderweitig Publizierende. Wir saßen in einem feudalen Saal, das Fenster stand offen und gab die Sicht frei auf die Urner Berge hinter gleißendem Wasser und vor stahlblauem Himmel. Als die Podienteilnehmenden fast alle zugleich und mit etwas Sehnsucht rausschauten, fuhr in diesem Moment ein hornendes Schiff vorbei mit wehender Schweizer Flagge. Da konnte der damalige Hanser-Verleger und heute freischaffender Lyriker Michael Krüger, nicht anders als auszurufen: «Was sorgt sich die Schweiz, schaut Euch das an, diese herrlich glitzernden Berge!» so sinngemäß, wie gesagt, ist schon eine Weile her. Da ergriff der beliebteste Literaturwissenschaftler Peter von Matt das Wort, zeigend mit dem Finger auf die selben Berge: «Und drinnen, drinnen donnert die Hölle!» Das Publikum verstand sofort die Anspielung der beiden Medaillenseiten der Schweiz. Betrachten wir die sogenannte Kehrseite derselben. Was macht sie den aus, die Schweiz oder die Idee der Schweiz? Müssen wir uns Sorgen machen um die die zahlreichen Gütesiegel, die für ein Lebensprinzip namens Schweiz garantieren? Nach dem Grounding der Swissair, zerkratzten die UBS und die Credit Suisse mit ihren Risikogeschäften ziemlich das Image des Alpenstaates und die Raiffeisen stolperte im Expansionswahn gleich hinterher. Ähnlich wie sich die Schweizerische Post immer mehr vom Otto Normalverbraucher entfernt, verspielte die Postauto AG dank den Gelüsten auf mehr Boni das Vertrauen der landesweiten Mitinhabern, sprich Steuerzahler. Die SBB, wohl lernunfähig und beratungsresistent, schliddert immer mehr in die Negativzeilen mit ihrer Preispolitik bei Kindern mit Rentnern und als aufstrebenden Immobilien-Giganten mit Fokus auf Rendite, koste was es wolle. Das Gesundheitssystem verlässt das gemeinnützige Ideal durch Privatisierung von Spitälern und psychiatrischen Kliniken. Es wird ständig diskutiert, wer die Kosten für die Räumungsarbeiten in Bondo bezahlen soll, was die Sicherheit am WEF in Davos kostet und in Bundesbern wird über die Kürzung der Sozialleistungen für Menschen am Rand der satten Gesellschaft debattiert.

Sie haben Recht, jetzt sieht es der Verfasser doch allzu pessimistisch. Wir haben ja unsere SRF gerettet, die Zürcher Kantonsregierung schuf den 5-Frankenzuschlag auf den Schiffen ab und schlussendlich sind unsere Seen inzwischen so sauber, dass überall darin gebadet werden kann, auch wenn die Berufsfischer für sich engmaschigere Fangnetze reklamieren, da die Fische nicht mehr so groß werden, wie damals im trüben Wasser … jetzt muss ich schauen, dass ich mich nicht verheddere.

Urs Heinz Aerni

(Die Kolumne erschien zuerst in der Zeitung Bündner Woche)

Der passende Buchtipp: „Total alles über die Schweiz“, Susann Sitzler, Folio Verlag, ISBN 978-3-85256-673-3

Eine Kolumne mit gleich zu drei Sachen

Das neue Online-Magazin «Republik» gewann viele zahlende Lesende, die sich einen offenen, kritischen und unabhängigen Journalismus wünschten. Mit Spannung aufgeladener Anlauf- und Vorbereitungszeit gespickt mit vielen originellen Newslettern und Infomails wurde die «Republik» vor ein paar Monaten live im Web aufgeschaltet. Die Texte sind gut, die Recherchen brillant, die Themen und Stoffe ausgesucht und die Kompetenz der Mitwirkenden überzeugend. Aber: Warum muss ich mich immer wieder per E-Mail-Bestätigung einloggen, wenn mich im Gegensatz Netflix auf jedem Gerät via IP-Adresse gleich erkennt? Warum bietet Republik nicht einzelne Beiträge zum Verkauf an, wie es zum Beispiel Somedia mit Einzelausgaben der Zeitungen tut? Und, was soll ich tun, wenn ich Texte der Dimension von Reportagen und des Feuilletons doch halt lieber auf Papier lese als am Schirm? Obwohl ich doch einen schönen Betrag für ein Jahres-Abo überwies, ertappe ich mich, dass ich für ausführliche Lektüre dann doch eher die NZZ am Samstag, «Die Zeit», den «Wiener Falter», die «Wochenzeitung», den «Zeitpunkt», die «Reportagen» oder den «Merkur» am Kiosk kaufe, statt lesend mein Abo bei «Republik» einlöse?

Die zweite Sache betrifft die Holzfäll-Unternehmen und Forstverantwortlichen. Unseren Wäldern geht es nicht ganz so schlecht, liefern uns heimisches Holz für Möbel und Wärme und über den industriell-maschinellen Holzschlag mit verlehmten Boden danach, wurde schon oft debattiert. Was aber stört, ist der Umstand, dass die Plastik-Markierungen, die den Leuten und Maschinen den Weg weisen, nach getaner Arbeit recht oft vergessen gehen. Der wandernde Tourist stößt immer wieder mitten im Wald auf oft weiß-roten Plastikfetzen an Ästen, die vor sich hingammeln. Der Kampf gegen den zerstörerischen Plastik beginnt beim PET-Sammeln, gebührenpflichtige Plastiktüten und rigorose Maßnahmen in Skandinavien aber endet beim Einsammeln der Kennzeichnungen für den Forstbetrieb?

Und zu guter Letzt ein Wort an die Bewohnerinnen und Bewohner der Gemeinde Urdorf, eingeklemmt in der Zürcher Agglo aber am schönen Waldhang: Was habt Ihr mit der Beiz namens «Bahnhöfli» gemacht? Auf einer Wanderung kehrte ich dort auf ein Weizenbier ein. Ich mag orientalische Musik, ebenso auch die Küche und von mir aus können auch die neuen Bildschirme den Sportwettenden das richtige Rennpferd zeigen aber schön wäre es, wenn der Herr hinter dem Tresen wüsste, was ein Weizenbier ist und noch wichtiger, dass er mich versteht, obwohl mein Hochdeutsch nicht so schlecht sein soll.

So liebende Lesende, die nächste Kolumne beschäftigt sich wieder mit einer Frage, die Sie umhauen wird.

Urs Heinz Aerni

Der passende Buchtipp: «Richtig reklamieren» von Otto N. Bretzinger, Verlag Bräutigam, ISBN 978-3-86336-614-9

Diese Kolumne erschien zuerst in der Zeitung „Bündner Woche“

Schöne neue genormte Welt

Jede Treppe hat die selben Stufenhöhe, alle Briefumschläge und Briefpapiere sind in der Größe definiert. Instanzen wie das Deutsche Institut für Normierung geben Maße und Formen vor, in denen wir uns bewegen und arbeiten. Die DIN ISO 272 beispielsweise regelt bei der Luft- und Raumfahrt die Aufbockpunkte am Luftfahrzeug. DIN ISO 7331 widmet sich den Skistöcken im Alpin-Skilauf für die sicherheitstechnischen Anforderungen. Wie heißt die Nummer für den Leitfaden bei der Behandlung von Reklamationen in Organisationen? Genau das ist die DIN ISO 10002. Noch ein Beispiel? Gerne: da wäre DIN ISO/IEC 28360 für die Ermittlung der chemischen Emissionsraten von elektronischen Bürogeräten. Als die EU wollte, dass jedes Restaurant Olivenöl nur noch in geschlossenen Flaschen auf den Tisch stellen sollen, hagelte es Proteste. In Zürich stieß der Entscheid des Stadtrates, einen gut laufenden Imbissstand an der Limmat abzureißen, weil er nicht ins Stadtbild passe auf Unverständnis. Die Kultur des Normierens zieht auch immer mehr in das Gesundheitssystem, durch definierte Höchst- oder Tiefstwerte von Cholesterin, Zucker oder Eisen. Die Menge an absolvierten Schritte, die mindestens nötig sind, um fit zu bleiben mausert sich zu einer Doktrin. Ein Arzt sagte einem älteren Patienten, dass das Medikament an über 600 Klienten in seinem Alter getestet wurde. Der Herr antwortete: „Aber da war ich ja gar nicht dabei.“

Der Normen-Wahn führt dazu, dass die Individualität neutralisiert wird, oft so, dass die Opfer es gar nicht bemerken. Zeigen Sie mir einen „Einzelkämpfer“ ohne die Tattoos am Nacken, Oberarm oder oberhalb seinem Hintern. Ich rasierte meinen Fünftage- und später Vollbart ab, als ich mich in der Stadt nur noch Bärtigen gegenübersah. Seit Fußballer Ihre Haarpracht seitig wegschneiden aber oben in die Höhe gestalten lassen, wähne ich mich in nicht wenigen Lokalen mitten zwischen Fußballern. Die Dekoration der Nachrichtenstudios der großen Fernsehanstalten gleichen sich dergestalt an, dass nur noch die Sprache individuell zu sein scheint. Es macht sich ein Einheitsbrei breit, in Sachen Lebensführung, Alltagssprache, Outfit ja bis hin zur Messlust jedes Pulses im eigenen Körper. Man will wissen, wie viel Schritte pro Tag, wie wie viele Pulsschläge in der Minute und wie viele Orgasmen im Monat erledigt wurden. Alles muss gezählt, gespeichert, ausgewertet und registriert sein. Um daraus wohl wieder neue Normen zu definieren.

Auf eine fehlende Norm bin ich allerdings sauer. Das Elektrokabel und die Kopfhörer des neuen iPhone passen weder ins alte iPad geschweige in ein anderes Smartphone!

 

Urs Heinz Aerni

 

Der passende Buchtipp: „DIN EN ISO 14001:2015 – Vergleich mit DIN EN ISO 14001:2009, Änderungen und Auswirkungen – Mit den deutschen Texten der Normen“ von Bernhard Schwager und Katherina Wührl, Beuth Verlag, ISBN 978-3-410-25991-6, Fr. 309.00

Dieser Beitrag erschien zuerst in der Zeitung Bündner Woche

MINNE meets POETRY

Vom 7. bis 11. März 2018 geht das Festival MINNE meets POETREY an verschiedenen Orten in Konstanz über die Bühnen. Es ist der finale Höhepunkt des Jubiläums „600 Jahre Konstanzer Konzil 2017 – 2018“. Nach Mitwirkung in der Kunst-Jury durfte ich zusammen mit dem Kulturamt-Team das Programm des Festivals zusammenstellen…

Ein paar Worte vorab

Sie suchten das Seelenheil, die Macht, ein neues Europa oder auch nur das Geld, damals in Konstanz von 1414 bis 1418. Seit daher kamen und gingen Herrscher und Päpste, und so mancher Krieg zerzauste den Kontinent. Was blieb? Die Sehnsucht nach neuen Horizonten und die Neugier. Aber auch das Vergnügen, wissen zu wollen, wie damals es hier in der Stadt am Bodensee zu und her ging. Immer wieder versuchen wir herauszufinden, was die Menschen vor 600 Jahren glaubten, fühlten und dachten. Von 2014 bis 2017 widmeten sich Kunst- und Kulturschaffende den verbliebenen Spurenelementen des Konzils und bereicherten die Stadt mit Visionen, mit kreativem Esprit. Sie beschäftigten sich mit den selben Fragen ans Leben, die uns nicht ruhen lassen.

Nun geht es mit dem „Jahr der Kultur“ ins Finale des Konziljubiläums mit dem Festival „MINNE meets POETRY“. Dieses mannigfaltige Programm wurde im Geist von Oswald von Wolkenstein programmiert und zusammengestellt. Ein Minnesänger, Ritter und Diplomat aus Südtirol, der nicht nur hier seine Spuren hinterlässt, sondern quer durch Europa. Er war ein Lebemann, ein Händler und Verhandler mit allen Hochs und Tiefs, er taktierte, kannte das Leben in Saus und Braus und das Schmachten in der Zelle. Diese mit allen Wassern gewaschene Biografie inspiriert das Festival mit der Absicht, Kunst und Poesie mit dem Leben zu verbinden, das alltäglich uns auf Trab hält. Bevor Sie, liebe Leserin, lieber Leser, nun das Programm studieren um dann in neue Welten des Sinn und Geistes hinüberzuwechseln, möchte ich einen großen Dank ausrichten.

Dieser Dank gebührt dem ganzen Team des Kulturamtes und der Konzilstadt Konstanz für eine Zusammenarbeit, die man sich einfach nur wünschen kann. Auch den Mitwirkenden im Beirat ganz zu Beginn der Planung, die mit Ihren Ideen und Erfahrungen wunderbare Bereicherungen waren und maßgeblich zum Esprit des Festivals beigetragen haben, übermitteln wir einen großen Dank.

Liebe Besucherinnen und Besucher des Festivals, das Leben zu verstehen, wird uns wohl auch nicht im letzten Jahr des Konziljubiläums nicht gelingen aber es zu entdecken und zu genießen hoffentlich schon.

Urs Heinz Aerni

Hier gehts zu mehr Informationen und zum detaillierten Programm.

Fragen zur wachsenden Macht der Technologie

Konzerne wie Google, Amazon, Alibaba und Facebook fördern die Globalisierung, so sagt man. Parallel wachsen politische Kräfte für Nationalismus, Sezession und Lokalpatriotismus. Zurzeit läuft in Zürich das World Web Forum, an dem Manager und Politiker über die Frage diskutieren und referieren, wie stark die Digitalisierungs-Riesen auf die Wahlen, das politische Verhalten und das Weltbild Einfluss nehmen.

Das Programm kann heute hier live verfolgt werden, dank SRF …

 

Für diejenigen, die sich die obigen und ähnliche Fragen stellen aber Lust haben auf gute Lektüre am Kaminfeuer, kann ich diese Bücher empfehlen:

JOEL LUC CACHELIN: INTERNETGOTT, Stämpfli Verlag

In diesem Buch wird aufgezeigt, wie fast unmerklich eine neue Art Gottheit in digitaler Form auferstanden ist. Die Hörigkeit an die digitale Macht und Vision fördert ähnliche Mechanismen wie damals das Nachbeten und Verbeugen vor den Mächten, die behaupteten, Gott zu vertreten. Chachelin warnt davor, dass diese Kräfte beginnen die Wahrheit für sich zu beanspruchen und im Namen ihrer mit uns zu machen, was wir eigentlich nicht wollen.

 

GERD LEONHARD: TECHNOLOGY VS. HUMANITY – Unsere Zukunft zwischen Mensch und Maschine, Vahlen Verlag

Hier wird nicht nur dokumentiert, wie eine gesellschaftliche Umwälzung in einem rasanten Tempo geschieht, ohne dass sich die Betroffenen dessen bewusst sind. Die Technik entwickelte der Mensch als Werkzeug, nun wird sie aber immer mehr zum Selbstzweck. Das heißt, wir überliefern den Maschinen nicht nur immer mehr freiwillig Informationen und intime Details über uns, sondern überlassen ihnen auch Verantwortung, Steuerungshoheit ja sogar die Auswertung und Einschätzung der Verwendbarkeit der erhaltenen Daten. Gehen wir mit der Technologie einen Deal ein, ähnlich dem literarischen Vorbild von Faust?

 

Noch haben wir es in der Hand, aber wie lange noch? Lesen Sie die beiden Bücher und stellen Sie die soeben gestellte Frage nochmals.

Ausgehtipp zum Thema:

„Machen wir uns bereit – Die Herausforderungen der Digitalisierung“

Zwei Tage für dieses Thema. Freitag, 26. und Samstag, 27. Januar im Atelier für Kunst und Philosophie, Albisriederstraße 164, 8003 Zürich.

Das Programm und den Kontakt finden Sie hier…

 

REPUBLIK und seine Newsletter

Nach langem Vorspiel und mit viel Startgeld startete das journalistische Projekt REPUBLIK in Zürich mit der Arbeit. Im Vorfeld wurden wir Abonnentinnen und Abonnenten mit sehr vielen Newslettern beliefert. Soeben ist wieder ein Newsletter eingetroffen, der mich zu folgendem Schreiben veranlasste:

 

Liebe Kolleginnen und Kollegen der Republik

Nach einer Unmenge von Newslettern und Ankündigungs- Vorfreude-Mails ist Eure eigentliche Arbeit gestartet.
Nun wähne ich mich in gespannter Erwartung als Abonnent und Leser auf die News, Infos, also die Resultate Eures neuen Jobs.

Nun, nach dieser heutigen neuen E-Mail über Details aus Eurer Redaktion wie über fehlende Links und PDFs und schlafenden Informatikers und erste Entschuldigungen für zu lange Texte und Einladungen zum Reden und Feedbacks, gestattet Ihr mir die Meinung, dass es für mich noch zu viel Brimborium drum herum herrscht. Jetzt wäre es doch mal an der Zeit, sich in den journalistischen Alltag zu knien, zu produzieren, zu recherchieren und zu berichten.

Wir, die auch täglich nach unserem täglich Brot schauen müssen, sprich arbeiten, haben schlicht nicht die Zeit, Euch so viel Aufmerksamkeit zu schenken, um bei jedem Newsletter Fragen zu stellen, mitzudenken oder zu kommentieren. Und nebst der „Republik“ gibt es nicht wenige Digital-Journale, die ihre Sache auch nicht schlecht machen wie Zentralplus, Watson, Nau, TagesWoche, Tsüri, Finews, Onlinereports, Inside Paradeplatz und Infosperber ohne diejenigen zu erwähnen, die ja auch schon sehr digital aktiv sind wie Spiegel, Focus, Vice, Standard etc.

Liebe Kolleginnen und Kollegen von Republik, nun habt Ihr ein schönes Sümmchen Startgeld, macht was draus und überzeugt uns als Lesende, dass Ihr uns so richtig verwöhnt mit gutem, fundierten Journalismus mit Esprit und Überraschenungen.

Herzliche und kollegiale Grüße
Urs Heinz Aerni
Redaktion Berglink.de Berlin

 

Dieser Text entstand nach dem Erhalt dieses Newsletters:
______________________________________________
Gesendet: Dienstag, 16. Januar 2018 um 07:00 Uhr
Von: Republik
An: Urs Heinz Aerni
Betreff: Ihre Kritik verbessert die Republik (bevor Sie durch Roboter ersetzt werden)

Ladies and Gentlemen,

langsam erholt sich die Crew von den Aufregungen des Starts: Die schreibende Redaktion hat wieder geduscht, während die IT noch immer schläft, nach zwei Nächten, die sie durchgearbeitet hat.

Wir danken Ihnen für Ihr Lob, aber auch Ihre Kritik. Wir haben dadurch schon einiges gelernt. In den Diskussionsforen etwa fehlen die Möglichkeiten zu Absätzen und Links – und überall sauber druckbare PDFs. Wir werden uns an die Arbeit machen, sobald der erste Informatiker wieder aufwacht.

Und der Autor unseres gestrigen Monsterartikels über Politik und Irrationalität, Constantin Seibt, hat sich vorgenommen, sich künftig einen Hauch kürzer zu fassen. Besonders wenn ein Essay mit dem Fazit «Nimm dich nicht so wichtig» endet, sollte man davor nicht 50’000 Zeichen schreiben, so interessant man das Thema auch findet.

Nun, nach dem Anschlag gestern lassen wir es heute ruhiger angehen. Sie finden nur einen Artikel, aber der behandelt die vierte industrielle Revolution. Und damit die Frage, ob Ihr Job von einer Maschine ersetzt wird.

Das zentrale Problem, das der Artikel «Aufstieg der Maschinen» von Mark Dittli debattiert, lautet: Ist diesmal alles anders? Denn drei Mal ging es bisher gut: Jede Welle von technologischen Erneuerungen schuf mehr Jobs, als sie vernichtete. Doch wurden drei Mal nur Muskeln von Menschen ersetzt – bei der Digitalisierung nun geht es um die kognitiven Fähigkeiten.

Dittlis These: Die Jobs sind nicht einmal die entscheidende Frage. Sondern etwas anderes.

Was? Das lesen Sie am besten bei einem Kaffee, einem der Dinge, bei dem der menschliche Hals bei der Anwendung noch lange jeder Computertastatur weit überlegen sein wird.

Mit besten Grüssen
Ihre Crew der Republik

 

+++

Hier geht es zum neuen Magazin…

Trump kommt in die Schweiz kommen. Hm … wie soll das Land ihn empfangen?

Diese Frage stellte ich auf Facebook und dann entstand dieser Dialog zwischen Paul Ott und Beat Gloor:

Paul Ott „Das Land“ soll gar nichts tun. Der Privatgastgeber WEF soll ihn anständig empfangen. Man empfängt Gäste immer anständig, auch wenn man sie nicht mag.

Beat Gloor Ja, aber man ladet keine Leute ein, die man nicht mag. Schon gar keine wandelnden Shitstorms.

Paul Ott Ich nicht. Aber wer ist „man“?
Beat Gloor WEF und Berset. Berset soll hat die Aufgabe, die Schweiz zu vertreten. Da gehören wir alle dazu. Ich würde schätzen, wenn die direkte Demokratie etwas schneller wäre, würden wir feststellen, dass mehr als die Hälfte im Land keine Grobiane und Dreckschleudern im Land haben möchten. Ich weiss, die Höflichkeit gebietet so einiges. Aber der Anstand verbietet es. Haltung bewahren.
Paul Ott Berset hat ihn nicht eingeladen. Wenn schon das WEF. Und die laden ja alle wohl „Leader“ ein, denn je mehr kommen, desto bedeutsamer fühlt man sich. Dass der Bundesrat Schlange steht (heute in der Tagesschau Schneider-Ammann), um den US-Präsidenten zu treffen, ist ein anderes Thema. Die Person lässt sich leider nicht vom Amt trennen.
Letztes Jahr war ja der Chinese dabei und hat sich als Hüter des Welthandels zelebriert. Vielleicht will T. diesen Auftritt kontern?
Irgendwie ist es wie mit Nordkorea. Man möchte die Typen gern missachten. Aber dann sind sie gekränkt und werden noch unberechenbarer. 
Mögen die Tage schnell an uns vorübergehen …
Beat Gloor Meines Erachtens ist jemand ein Gast, der eingeladen wird. In diesem Fall hat das WEF eingeladen und die Politiker stehen Schlange, wie du sagst. Nicht vergessen werden darf, wer das alles bezahlt – mit Geld und seinem guten Namen. Das ist der Bund. Dem zahlen wir Steuern. Ich komme nicht um die Erkenntnis herum, dass der Bund Donald Trump willkommen heisst, solange die Schweizer Bürgerinnen und Bürger dafür aufkommen. Und dagegen will ich meinen Protest einlegen, und zwar in aller Schärfe:
Ich bitte Sie sehr um Entschuldigung, Herrr Bundespräsident Berset, aber das Arschloch Trump wollen wir hier in der Schweiz nicht haben. Wem sollte der Besuch eines geistig Elfjährigen mit dem Ego eines Elefanten etwas bringen? Der Schweiz? Der Welt? Nicht einmal den USA. Der Einzige, dem es etwas bringt, ist der Aufmerksamkeitsstaubsauger, der hinten raus sozial giftigen Feinstaub verteilt: pmurt.
Muss sich die Schweiz wirklich mit jedem Grobian der Weltpolitik gemein machen! Ich weiss schon, die Höflichkeit gebietet es. – Aber Sie sollen wissen: Der Anstand verbietet es.
Paul Ott Ich bin einverstanden.
Das Problem ist nur:
1. T. ist von den US-Bürger/innen zum Präsidenten gewählt worden. Er ist nicht irgendein Hinterzimmer-Diktator.
2. Als Politiker (aber wohl auch als Mensch) kann man nicht nur mit Leuten reden, die einem „sympathisch“ sind oder die eine genehme Politik betreiben.
3. In der Schweiz haben wir mehrere männliche und weibliche Mini-Trumps, die teilweise sogar im Parlament rumfurzen. Was machen wir mit denen?
Beat Gloor Ich würde so antworten
1. Wenn er von den Amerikanern gewählt wurde, sollen ihn die auch ertragen. Solange so ein Kerl Präsident ist, sollten wir die Beziehungen zu diesem Land aus politischem Anstand sich selber und der eigenen Bevölkerung gegenüber einstellen.
2. Einverstanden. Es gibt aber eine Grenze nach unten, da verliert man die eigene Haltung, den Respekt vor sich selber und den der Bevölkerung. Meinen Respekt hat Berset verloren, so viel ist klar.
3. s. oben: Solange der Obertrumpel durchkommt mit seinem Programm, weil alle kuschen, ermuntert das immer mehr Minitrumpel, es ebenfalls zu versuchen. Ich halte das für schädlich und ungesund. Da sollte niemand mitmachen, der seine fünf Sinne noch beisammen hat.

Das Kongo Tribunal

Was da in Kongo passiert, ist eine unsagbare Katastrophe und wie der Rest der Welt damit umgeht, eine zusätzliche. Dieser Film von Milo Rau verdient höchste Aufmerksamkeit und Anerkennung. Aber was dann? Wie geht es weiter? Wie viele Verantwortungsträger wird dieser Film aufrütteln? Und was tun wir? Aus dem Kino gehen, einen Beruhigungs-Schnapps bestellen und dann das neuste Smartphone für unseren Neffen zu Weihnachten kaufen? Ich befürchte, so wird es sein. Das „Kongo Tribunal“ könnte als Tribunal ausgeweitet werden über die Gleichgültigkeit seitens der Welt, die nur noch eines kennt: die Maximalrendite. Liebe Leserinnen und Leser, schauen Sie sich den Film an und wer weiß, vielleicht sehe ich doch zu schwarz und es passiert was.

„Das Kongo Tribunal“ ist transmedial und bedient viele Formate. Aus Theaterevent und Dokumentarfilm ist ein grosses interaktives Webprojekt entstanden. Verknüpft mit dem Doku-Game „Zeuge J“ führt ein umfassendes Online-Archiv Informationsstränge, Hearings und Analysen zusammen: http://www.the-congo-tribunal.com/

Hier geht es zum Trailer