Mit Durst und Hunger auf dem Zürichsee

Eine Kritik über die Strategie bezüglich Gäste-Service der Zürichsee Schifffahrt

Am Montagabend, 20. September 2020 bestieg ich mit Begleitung das Schiff in Meilen mit Ziel Bürkliplatz. Wir beabsichtigen 1. Klasse zu buchen, etwas zu essen und zu trinken. Dann wurde uns mitgeteilt, dass kein Restaurant an Bord in Betrieb sei. Auch keine Getränke. Und nicht mal einen Getränkeautomaten stünde zur Verfügung.

Wir standen da, schauten uns an, hatten eine Stunde Schifffahrt vor uns auf dem Zürichsee in einem der reichsten Kantone der Schweiz ohne einen einzigen Tropfen zu trinken. Mitfühlend bot ein ZSG-Mitarbeiter an, Wasser bieten zu können, falls es schwierig werden sollte.

Es ist unfassbar, wie eine kleinspartenmäßig geplante wirtschaftliche Struktur dafür sorgt, Gäste, Passagiere und Kunden zu enttäuschen.

Es ist nicht nachvollziehbar, dass nach dem 5-Franken-Zuschlag-Coup nun eine weitere Sparaktion den Ruf des Kantons Zürich und seinem touristischen Angebot beschädigt wird. Eine Aktion, die weder auf dem Neuenburgersee, auf dem Rhein, auf dem Vierwaldstättersee oder Bodensee bekannt ist oder angewandt wird. Es ist peinlich, als Zürcher einer Begleitung einen solchen Zustand erklären zu müssen.

Einmal mehr scheint eine kurzfristige Rendite wichtiger zu ein als die mittel- und langfristige Image- und Finanzplanung. Auch in Zeiten von Corona.

Eine Schifffahrt ist ein ganzheitliches Erlebnis, mit allem Drum und Dran: die Fortbewegung, saubere Toiletten, freundliche Crew, einem gut ausgebildeten Kapitän, gepflegtes Ambiente, genug Rettungsringe und eben eine Verpflegung, da ja Menschen transportiert werden sollen, nicht Holzlatten oder Altpapier beispielsweise. Wären die WC-Reinigung, das gedruckte Werbematerial und der Strom für das Licht auch an wirtschaftliche Subunternehmen ausgelagert worden, müssten wir dann mit dem Schlimmsten rechnen?

Verpflegung der Passagiere – ohne die es ja keine Schifffahrt gäbe – gehört zu einem Rundum-Angebot der ZSG. Wenn das nicht mehr der Fall ist, können die Abteilungen Akquise, Marketing und Werbung auch gleich weggespart werden.

Zu guter Letzt wird der Zürichsee zum ersten See, auf dem Touristen und Heimaturlauber nur noch rudern dürfen.

Urs Heinz Aerni

 

PS: Falls Sie es doch mal wagen sollten, ein Passagierschiff auf dem schönen Zürichsee zu besteigen, dann einfach das Survival-Set nicht vergessen.

Hier geht es zum Fahrplan der ZSG…

Fragen zu einer Abstimmungskampagne in der Schweiz

Soeben landete das „Extrablatt“ der Schweizerischen Volkspartei (SVP) in allen Briefkasten zur kommenden Abstimmung. Sie kämpfen mit allen fragwürdigen Mitteln für ihre patriotische und nationalistische Weltsicht. Jetzt für ein Gesetz gegen Einwanderung mit dem Argument, dass die Schweiz übervölkert und verbaut würde.

 

Liebe SVP,

ja es stimmt, die Schweiz wird verbaut, zubetoniert, zersiedelt und der Boden immer mehr versiegelt. Liegt es wirklich an den Menschen, die hierher gekommen sind, die die Arbeit verrichten, die wir „Schweizerinnen“ und „Schweizer“ nicht mehr machen wollen? Frühmorgens in der Straßenbahn sitzen links und rechts von mir in der Tat Menschen, die zur Frühschicht in die Fabrik, in den Küchenservice der Restaurants, zum Regaleinräumen der Großverteiler oder auf Baustellen müssen.

Mich stört es nicht, wenn ich in solchen Momenten kein Schweizerdeutsch höre, sondern dass genau diese Menschen als Ursache für die Vernichtung von natürlichen Landflächen sein sollen.

 

Liebe Funktionärinnen und Funktionäre der SVP,

habt Ihr Euch eigentlich auch schon mal Gedanken gemacht, welche Rollen die Expansionen Eurer Konzerne, die riesigen Villen, Eure Zweit- und Drittwohnung im Engadin und Tessin samt den Rasen, die Parkplätze, Garagen für die SUV’s und die Autos von den Kindern spielen, beim Landverlust Eurer einzigartigen Schweiz?

Was tut Ihr konkret zur Schonung der Ressourcen Eurer kleinen, so innig und heiß geliebten Insel?

Bin gespannt auf Eure Antworten.

 

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Diese Frage wurde via Facebook an Politkerinnen und Politiker der besagten Partei versand. Falls Antworten eintreffen sollten, wären sie hier zu lesen.

 

Der wahre Feind

Zum Gastkommentar «Religion als Feindin des Friedens?» von Giuseppe Gracia im Bündner Tagblatt vom 13. August.

«Der Atheismus hat mehr Menschen getötet als alle Religionen», sagt der Churer Bistumsangestellte Giuseppe Gracia mit dem Versuch, diese fragwürdige Aussage mit Zitaten aus der Weltliteratur zu untermauern. Folgende Fragen zu ausgesuchten Kernaussagen im Kommentar gehören debattiert:

Gracia: Kommunismus und Nationalismus forderten 50 Millionen Leben. Stimmt. War Hitler nicht Katholik? Hatte die Katholische Kirche nicht schon immer die Juden als Jesus-Mörder gebrandmarkt, allerdings flankiert von Bewegungen aus der Reformation und Freikirchen? Wurden das Zarenreich und die kommunistische Diktatur nicht getragen von der Orthodoxen Kirche? Ohne hier ausführlich auf all die anderen Diktaturen wie in Chile, Argentinien, Spanien und Ländern in Afrika eingehen zu müssen, stellt sich die Frage, wo die Kirche das Gewissen der Menschenrechte einbrachte, abgesehen von der Befreiungstheologie.

Gracia: Wie frei sind die Menschen wirklich? Wie frei durften Kinder und Jugendliche in Internaten denken und leben? Wie frei sind heute Menschen mit den Altlasten der sexuellen Übergriffe von Männern, die unter einem unbiblischen Gelübde Druck abbauten?

Gracia: Leistungsorientierte Selbstoptimierung generiert Erschöpfungszusammenbrüche, ein spirituelles Vakuum, Depressionen und «Selbstmorde». Stimmt, doch wie vielen depressionskranken Menschen, die keinen Ausweg als Suizid sahen, wurde eine Abdankungsmesse verweigert? Wie viele psychiatrische Patienten wurden in kirchlich geführten Anstalten eingesperrt statt therapiert? Warum wurde die Anerkennung von Geisteskrankheiten erst durch die Wissenschaft ermöglicht? Wie viele unschuldige Frauen wurden als Hexen verbrannt und ertränkt, auf Geheiß der Kirche? Wie viele psychisch kranke Menschen wurden durch Exorzisten und Dämonenaustreibungen gequält statt behandelt?

Gracia: Alle Staaten ohne garantierte Religionsfreiheit sind verbrecherisch. Stimmt. Sind es nicht die säkular und demokratisch gestalteten Staaten, die das bieten? Unterdrücken nicht die sogenannten «theokratisch» getrimmten Regierungen jegliche andersglaubende Lebenshaltung? Jan Hus wurde 1415 in Konstanz trotz gegenteiligem Versprechen auf Befehl der Kirche verbrannt. Verfolgen nicht Banden heute noch im religiösen Wahn sogenannte Ungläubige? Kann sich ein Muslim für eine Arbeit in der Vatikan-Stadt für einen Job bewerben?

Gracia zitiert Rosa Luxemburg: «Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden.» Dachten damals die Kreuzritter das auch, bevor sie im «Verheissenen Land» Schädel von Gross und Klein einschlugen? War das die Gesinnung der Kapitäne und Kriegsherren, die in der Neuen Welt einmarschierten, um den indigenen Völkern den Garaus zu machen, es sei denn, sie, die «Heiden», hätten bereut? Versuchten nicht die Missionare den heimischen Völkern in der Südsee ein Glaubens- und Lebenssystem aufzuzwingen, das sie nicht brauchten? Wie viel Gottessehnsucht und Scheuklappen-Weltsicht führte zu unsäglichem Elend im Jugoslawienkrieg und in Nordirland?

Giuseppe Gracia arbeitet mit Sprache, Text und Denken, und wieso fällt es dem Verfasser schwer, seine Weltsicht nicht als einlullende Betriebsblindheit zu interpretieren, hegend jedoch mit der stillen Hoffnung, dass er im gemütlich eingerichteten Glaubens-Zimmer mal alle vier Wände umstossen wird, um sich neuem frischen Wind auszusetzen.

Urs Heinz Aerni

Dieser Beitrag ist auch im BÜNDNER TAGBLATT und in der BÜNDNER WOCHE erschienen.

Buchtipp:

Der Mann hinter INSIDE PARADEPLATZ: Lukas Hässig

Inside Paradeplatz wird abonniert und von Bankern gefürchtet. Der Journalist Lukas Hässig schrieb für verschiedene Zeitungen und Wirtschaftsmedien sowie Bücher über die UBS und das Bankgeheimnis. Seit 2011 betreibt er den News-Blog und sorgte schon mit machen Enthüllungen für viel Unruhe in der Finanzwelt.

Für den Kanal DIE REDAKTION stellte ich Lukas Hässig in Zürich Fragen über seine Arbeit, seine Herausforderungen und seinen Umgang mit Kritik.

Für uns da?

Neulich wollte ich einem Freund in Österreich ein Buch als Geschenk schicken. Am Postschalter verlangte ich nach dem grünen Zollaufkleber. Den gebe es nicht mehr, man müsse sich jetzt im Internet bei der Post einloggen und ein Zollformular ausfüllen mit allen Details wie Inhalt und Gewicht. Dann könne das Paket verschickt werden. Ansonsten müsste ich am Schalter eine zusätzliche Gebühr entrichten. Statt Service also Homeoffice für den Kunden.

Dann lag kurz darauf eine saftige Rechnung der Ausgleichskasse (in der Schweiz obligatorische Altersvorsorge für Freischaffende, sogenannte 1. Säule) im Briefkasten und setzte mit einem fetten Verzugszins-Betrag den buchhalterischen Höhepunkt. Es ging dabei noch um Steuerrechnungen aus früheren Jahren, die durch irgendwelche Verzögerungen verspätet bearbeitet wurden. Die damaligen Steuererklärungen wurden von meiner damit beauftragten Expertin fristgerecht eingereicht. Ich rief an und man erklärte mir, dass ich als Freischaffender verpflichtet sei, die definitive Steuerrechnung der Ausgleichskasse zu melden, damit die AHV-Beiträge berechnet werden können. Das stünde irgendwo auch ge- schrieben.

Während die Krankenkassen im Kanton Zürich automatisch gebührentechnisch auf die Steuerrechnungen reagieren, muss die Ausgleichskasse aktiv informiert werden. Nach dem coronabedingten Totalausfall von dreieinhalb Monatseinkommen kam die Formularschlacht, die das Wirtschaftsamt und die besagte Ausgleichskasse verlangten. Nach gewissenhaftem Ausfüllen, was nicht wenig an Arbeitsstunden kostete, kam von der Ausgleichskasse etwas Geld, das einem durchschnittlichen Monatsumsatz entsprach. Vom Wirtschaftsamt Zürich hieß es später am Telefon, dass keine Unterstützung möglich sei, da ich als Freischaffender ohne Angestellte, Firmenauto, Geschäftslokal mit Sortiment und Miete lediglich ein kleines Risiko für die Gesellschaft sei, falls ich finanziell «hops» ginge. Zugegeben: Salopp von mir zusammengefasst.

«Wir sind für Euch da» sagte Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga an der Medienkonferenz zu Beginn der Covid-19- Krise.

Hmm – wie könnte sie das denn gemeint haben?

Urs Heinz Aerni

Ist auch in der Zeitung Bündner Woche  erschienen

Kulturtipp für Büchermenschen in Graubünden…

Eine falsche Frage zum Bartgeier

Ein Journalist in der Wochenzeitung aus Zürich, stellte an ein Forscherpaar, das sich mit einer Stiftung für die Wiederansiedlung des Bartgeiers in den Alpen einsetzen, die Frage: «Sind die Bartgeier überhaupt nützlich?»

Jetzt mal ehrlich, gibt es Tiere oder Pflanzen, die im ökologischen System eine überflüssige Rolle einnehmen? Der in alter Zeit als Lämmergeier verschriener Vogel wurde durch bildungsferne Alpenvölker ausgerottet, da dieser nebst jungen Schafen auch Kinder verschleppt haben soll. Heute wurde er nicht nur wieder erfolgreich angesiedelt, sondern man weiß auch mehr über ihn. Wie alle Geier hat auch er es ausschließlich auf Aas abgesehen, aber nicht nur auf Fleischresten und Innereien, sondern der Bartgeier vertilgt blanke Knochen restlos. 70 Prozent seiner Nahrung machen sogar Knochen und das Knochenmark aus, die von einem unempfindlichen Magen samt hoch konzentrierten Säuren zersetzt werden. Ohne innere Verletzung schluckt der Bartgeier bis 20 cm lange Knochen und sollten sie doch zu groß sein, dann lässt er sie auf Felsen fallen, damit sie zersplittern. Oft sind es ausgesuchte Felsplatten und wenn mal was daneben gehen sollte, holt er es sich durch Sturzflug zurück. Falls das Angebot den Bedarf nicht decken sollte, dann konnte auch schon mal beobachtet werden, dass er durch seine Flugkunst Beutetiere zum Absturz bringen kann, gegen Fleisch hat er ja eigentlich nichts. Er reguliert also das Steinwild und räumt erst noch bis zum letzten Knochen auf.

Und was gaben die Geier-Experten zur Antwort? «Vielleicht hat er nur einen Nutzen in sich selbst. Während andere Geier das Aas entsorgen und damit auch helfen, Krankheiten zu vermeiden, bietet der Bartgeier keinen vergleichbaren Service an.» Und die Kollegin meint, dass die Bartgeier als «Flagships» benutzt werden, weil er «viele Sympathien» genössen.

Solche Antworten öffnen Tor und Tür zum Abschuss von Tieren, deren „Nützlichkeit“ in Frage gestellt würden und liefern dem Artenschutz damit einen Bärendienst.

Urs Heinz Aerni

 

Surftipps:

Infos und schöne Bilder zum Bartgeier von Michael Gerber

Alpenzoo Innsbruck über den Bartgeier

WWF über den Bartgeier

Hier geht es zum oben erwähnten Interview in der Wochenzeitung WOZ

 

Zweihänder

Am 30. April verschüttete ich Kaffee, als ich in der «Südostschweiz» Seite 12 aufschlug. In einem Leserbrief verglich Assunta Collenberg-Deplazes aus Lumbrein den WWF mit den alten Römern und die heutigen Bauern mit den Sklaven in der Arena, umringt von Löwen – sprich heute Wölfen. Liebe Frau Collenberg-Deplazes, erlauben Sie mir den Versuch, hier aufzuzeigen, dass Ihr Vergleich doch recht deplatziert ist.

Die alten Römer überrannten Völker, zerstörten für Millionen von Menschen ein eigenständiges Leben, Freiheit, die Existenz. Bis jetzt – auch nach intensiven Recherchen – kann ein ähnliches Gebaren weder dem WWF noch ähnlichen Organisationen wie Greenpeace, Pro Natura oder BirdLife angelastet werden.

Zu den Löwen. Die bedauernswerten Geschöpfe verloren damals durch Jagd, Fang und einer nicht artgerechten Haltung ihre Würde. Das macht aggressiv und hungrig. Während die Löwen in die Städte transportiert wurden, lebten hier bei uns die Wölfe, bevor wir Menschen «Hä?» sagen konnten. Wenn wir bei diesem Bild bleiben möchten, kommen wir nicht umhin, zu konstatieren, dass es genau umgekehrt wäre. Die Menschen (also die Römer) überrannten Täler und Wälder, verbauten und holzten, verdrängten und jagten, erschossen und vergifteten einen Großteil der Lebewesen, die da waren. Mit dem Effekt des schnellsten Artensterbens, das der blaue Planet je erlebt hatte. Deplatziert ist auch der Vergleich mit den heutigen Bauern und Hirten mit den damaligen Sklaven. Mir ist nicht bekannt, dass die bemitleidenswerten Menschen in der Arena Mittel zur Verteidigung gehabt hätten wie: Rechtliche Massnahmen, Kompensationszahlungen, Schutzmaßnahmen (Herdenhunde, Zäune etc) und die Chance, vor der Menge, also der Öffentlichkeit, sich zu äußern, Hilfen zu beantragen und eine Debatte anzustoßen.

Die Frage, wie wir mit den Lebewesen, die vor uns in den Alpen ihre Daseinsberechtigung hatten, umgehen sollen, muss gemeinsam am runden Tisch diskutiert werden. Jedoch der besagte Leserbrief gleicht einem Zweihänder aus der Römerzeit.

Urs Heinz Aerni

Ist zuerst in der Zeitung BÜNDNER WOCHE erschienen.

Freiheit oder Risiko?

In der NZZ AM SONNTAG erklären Expertinnen und Experten, dass das Sars-CoV-2 nur ein Ziel hat: sich vermehren und verbreiten. Das ist ein Naturgesetz. Deshalb sind bei allen Viren laufende Mutationen zu beobachten, um sich neuen Situationen anzupassen. Was bei Corona, für das es noch kein Impfmittel gibt im Gegensatz zu den Grippe-Viren, anders ist und wie viel wir noch nicht wissen, macht dieser Bericht deutlich, den Sie hier lesen können:

https://nzzas.nzz.ch/wissen/corona-bulletin-8-sauerstoffsaettigung-zuhause-messen-ld.1555703#subtitle-wie-das-coronavirus-mutiert-second

Parallel zu diesem noch großen Unwissen seitens Wissenschaftler über das Phänomen Corona, werden die Proteste gegen die Schutzmaßnahmen der Regierungen und Behörden lauter. Nun, in der Tat könnte diese Krise den Machthabern mit diktatorischen Gelüsten und Parteien mit nationalistischen Vorstellungen in die Hände spielen. Und doch, haben die demokratisch gewählten Behörden die Pflicht und die Verantwortung, das Leben und die Gesundheit über wirtschaftliche Interessen zu stellen.

Immer mehr Menschen gehen nun auf die Straßen und verlangen das normale Leben zurück. Zu ihnen gesellen sich aber immer mehr Leute, die Corona als normale Grippe abtun oder sogar behaupten, dass es ein Produkt von Gehimdiensten sei. Über die verschiedenen Maßmahmen und Entscheidungen der Regierungen kann und soll diskutiert werden. Diese Krise sei eine „demokratische Zumutung“, so die Deutsche Bundeskanzerlin Angela Merkel und zeigt, wie jetzt die Demokratien mit ihrer Meinungsvielfalt und Pluralismus auf dem Prüfstand stehen.

Dass sich jetzt immer mehr Menschen öffentlich getrauen, Theorien zu verbreiten, deren Quellen und Absicherungen mehr als fraglich sind, verblüfft einerseits und überrascht andererseits nicht, denn solche Bewegungen sind immer wieder entstanden, von der Spanischen Grippe, in Zeiten von Kriegen oder nach Umweltkatastrophen.

Doch heute? Noch nie war der Zugang zu Wissen und Bildung so einfach und frei. Die Aufklärung hätte bewirken sollen, sich von Halbwahrheiten, seltsamen Glaubensbkundungen und ungesicherte Thesen befreien zu können. Und was geschieht stattdessen? Menschen gehen lärmend auf die Plätze und Straßen und pauken Meinungen in die Luft, als hätten sie das ganze Wissen der Welt unter ihrem Schädel.

Im sogenannten Zeitalter der Kommunikation fristet nach wie vor eine Kunst ein Schattendasein. Die Kunst, Fragen zu stellen mit dem Ziel, das eigene Verstehen zu optimieren und anzuerkennen, dass diese Fähigkeit nie enden wird.

Urs Heinz Aerni

Die Bilder stammen vom Fotografen Konstanin Weiss von einer Demonstration am 10. Mai 2020 in Zürich.

© Konstantin Weiss, Dottikon (Schweiz) 10. Mai 2020 in Zürich

© Kontantin Weiss, Dottikon (Schweiz) 10. Mai 2020 in Zürich

 

«LUFTIGE MIGRATION»

Elf Küken springen dreißig Meter tief aus dem Festungsloch eines Schlosses im schweizerischen Aargau. Vor zwei Tagen aus dem Ei gepellt und schon knallen sie auf dem Kiesboden auf, wie Tennisbälle. Der Bauer staunt, die Katze faucht und ein Straßenarbeiter dreht sich um. Die elf Gänsesäger-Küken richten sich piepsend auf und schauen zu, wie die Mutter vor ihnen landet. Nun watscheln alle Richtung Bach durch Gärten, Wiesen und über eine Hauptstraße. Sie überleben alle. Vor einem Jahr schaffte es fast keines, dafür wurden die Krähen satt.

Windmühlen gegen den Vogelzug

Es ist doch verrückt, dass Laub- und Rohrsänger tausende Kilometer hinter sich bringen, nur um hier Insekten zu fressen und die nächste Generation ins Nest zu setzen. Alles Wirtschaftsflüchtlinge, die ohne diese Reise nicht überleben könnten. Ein komplexes Atmungssystem, das eher einem Dudelsack gleicht, befähigt Vögel zu Höchstleistungen in dünner Luft, so dass auch mal ein Himalaya-Bergsteiger Gänse über sich hinweg ziehen sieht. Vögel, die Insekten fressen statt Beeren und Samen, müssen dahin, wo auch zwischen November und März das Richtige auf dem Speiseplan steht. Die Zivilisation scheint dieses Gewohnheitsrecht verhindern zu wollen: Strommasten fangen Störche ab, Windräder schlitzen Flussseeschwalben auf, Malteser schießen sich Feldlerchen in den Kochtopf und Alpensegler geraten in die Düsen von Flugzeugen.

Warum in die Ferne schweifen

Als ich diese Zeilen einem Biologen vorlas, meinte er, der Begriff „Reisen“ passe nicht zu den Vögeln, da damit eher Bildungsoder Erholungsreisen gemeint seien. Aber reisen wir nicht oft auch aus Widerwillen? Arbeitssuche, Verwandtenbesuche, Beerdigungen bis hin zur Flucht vor Unterdrückung, Hunger und Krieg. Das Reisen zur Erholung und Weiterbildung begann erst mit den Briten im ausgehenden 19. Jahrhundert.

Vögel haben Gründe für ihre Reisen – und die ändern sich. Rotmilane stellen fest – um es in uns vertraute Worte zu fassen –, dass der Schnee immer mehr ausbleibt und so die Sicht auf herumlaufende Mäuse offenlässt. Störche scheinen sich den Aufwand für ihre Reise an die Feder zu stecken, wenn die Sümpfe nicht mehr gefrieren und die Felder auch im tiefsten Winter alles bieten. Stare sind schon länger Pendler, die sich immer wieder relativ spontan für Norden und Süden entscheiden. Der Wandel des Klimas lässt also die Vögel nicht kalt, sie reagieren.

Was wird mit den Gästen aus dem Norden geschehen? Zu Tausenden bewohnen die Reiherenten Europas hiesige Seen im Winter und bieten nicht nur ein bezauberndes Bild, sondern halten die Wandermuschelbestände im Zaum. Die aus dem Norden kommenden Rotkehlchen ersetzen im winterlichen Wald den Gesang derjenigen, die gen Süden zogen. Im Frühling ist dann Schichtwechsel, dann, wenn die Nordischen wieder nach Hause ziehen und die Heimischen aus dem Süden kommen.

Aber auch der Ruf als Transitland für Zugvögel steht auf dem Spiel. Millionen von Bergfinken überziehen unsere Breitengrade und immer wieder schmücken einige Kraniche unsere Moorgebiete bei einer Rast auf ihrer langen Reise. Vögel mit Namen wie Sichelstrandläufer oder Mornellregenpfeifer verzücken Ornithologen, wenn sie als Durchzugsgäste zu sehen sind.

Ein paar Fakten zum Vogelzug

• Noch immer ist die Navigationstechnik der Zugvögel ein weites Forschungsfeld. Wie stark die topografischen Verhältnisse oder die Sternenkonstellation oder das Learning by Doing eine Rolle spielen, ist unklar und variiert je nach Art. Während die Jungtiere bei Störchen und Kranichen mit den Erwachsenen fliegen, muss der elternlose Kuckuck alleine den Weg in den Süden finden.

• Extreme Wetterverhältnisse können Vögel von der Flugroute abbringen, so kam auch schon mal aus Versehen ein Meisenwaldsänger aus Nordamerika in Westeuropa an.

• Sogenannte Kurzzieher wie die Haubenlerche fliegen nach Südeuropa oder Nordafrika, Langzieher wie den Berglaubsänger zieht es bis südlich der Sahara, Südafrika oder gar Südostasien. Vertikalzieher bleiben zwar im Land, aber überwintern eher in tieferen Lagen, so zum Beispiel der Mauerläufer.

• Stare bringen gerne auch mal Geräusche mit aus dem Süden. So kann es vorkommen, dass die nachahmungsfreudigen Vögel einen arabisch anmutenden Geräusche-Teppich hinter die blühenden Obstbäume im Thurgauer Hinterland legen.

Die Natur zieht sich in Reservate zurück

Der Mensch scheint alles daran zu setzen, dass Vögel nicht mehr ziehen können. Damit Vögel zwischen Skandinavien und Afrika oder Südostasien pausieren können, brauchen sie passende Orte – Seen, Feuchtgebiete, Moore, Flachgewässer, weite Brachlandschaften, Kies- und Sandbänke. Doch die Kulturlandschaft verwandelt sich zunehmend in ausgelaugte Felder für die Nahrungsmittel- und Biogasindustrie. Die Zersiedelung der Restlandschaft vernichtet grünes Land im Stundentakt. Die Gärten um die Häuschen und Wohnblocks sind ohne Naturwert: Monokultur in den Hecken, englischer Rasen, der den Boden verlehmen lässt statt Leben bringt, exotische Sträucher ohne Nutzen für Insekten und damit auch für Vögel. Der Artenvielfalt ist damit nicht gedient. Irgendwie scheint der Homo sapiens einen Instinkt zu haben, allen anderen auf dem noch blauen Planeten das Leben schwer zu machen. Gönnen wir doch den Zugvögeln die Reisefreiheit, die auch wir beanspruchen und lassen wir ihnen die Natur, die sie – und wir – so dringend brauchen!

Urs Heinz Aerni

Dieser Beitrag erschien auch im Magazin Zeitpunkt (Solothurn),  im Magazin Die Mittelländische, in den Zeitungen Kurier (Dietlikon-Zürich), Bündner Woche (Chur) und in der Zeitung Malmoe (Wien)

Norbert Blüm, ein Antisemit?

Der frühere Arbeitsminister Deutschlands, Norbert Blüm, ist mit 84 Jahren verstorben. Ich habe ihn als engagierten bürgerlichen Politiker in Erinnerung, der durch seine temperamentvollen Auftritte viel Widerspruch und Zustimmung erntete.

Miklós Klaus Rózsa reagierte auf einen Kommentar von mir auf Facebook, wie aus der Hüfte geschossen mit dem Kurzkommentar «Der ewige Antisemit» mit einem Link zu einem Beitrag des Mediums haGalil.com, in dem Blüm in die Reihen der Antisemiten gestellt wird, mit Schlussfolgerungen zu Zitaten, die hinterfragt werden müssen (siehe Textausschnitt unten oder oben per Link).

Es ist richtig, dass Blüm in seiner Empörung über den Umgang von Israelischen Soldaten gegenüber Menschen, Formulierungen gebrauchte, die gute Kommunikationsberatende nicht zugelassen hätten.

Während Politikerinnen und Politiker eher der linken Parteien dafür bekannt waren oder es sind, für die Sache der Palästinenser und gegen die Israelischen Politik zu stehen – ich erinnere mich noch sehr gut, an eine von mir moderierten Veranstaltung über die Besatzungspolitik Israels mit Roland Merk, Mustafa Atrash, Yves Kugelmann, Karin Wenger und dem mittlerweile verstorbenen Grüne-Politiker Daniel Vischer 2009 in Bern – überraschte Blüms Haltung als CDU-Politiker die Öffentlichkeit.

Sein Entsetzen in der  ARD-Sendung «Hart aber fair» über seine Eindrücke auf einer Reise im Nahen Osten gehen nicht so schnell vergessen:

https://www.youtube.com/watch?v=qzHLxOCo9IA

Darf Norbert Blüm deswegen als «Antisemit» tituliert werden, was ja eigentlich «Judenhasser» bedeutet?

Jens Joffe, Autor des Buches «Der gute Deutsche» (C. Bertelsmann) schrieb in der ZEIT vom 25. April 2018):

«Auf die emotionale Ladung kommt es an. Sätze wie ‘Israel nutzt unverhältnismäßige Gewalt’ oder ‘Die Siedlungen gefährden den Friedensprozess’ mögen richtig oder falsch sein; sie transportieren weder Israel- noch Judenfeindschaft.»

Das Norbert Blüm von «Vernichtungskrieg» der Israelis sprach, muss kritisiert werden, da solche Begriffe in der Tat an das Grauen des Zweiten Weltkriegs erinnern und nicht mehr in das Heute gehören.

Mit der Reaktion von Miklós Klaus Rózsa hat der Verfasser dieser Zeilen aus folgenden Gründen Mühe:

  1. Er verweist auf die Plattform haGalil.com (auch Antisemitismus.net), deren edlen und löblichen Absicht, den Antisemitismus zu bekämpfen etwas in Schräglage bringt, weil das Impressum, die Besitzerverhältnisse und die Finanzierungsquellen nicht optimal transparent offengelegt werden. Man möge mir diese Informationen zukommen lassen, falls ich sie nicht gefunden haben sollte. Die Grundarchitektur hinter dieser Website scheint ein Verteidigungswall für die heutige Politik des modernen Staates Israel zu sein als nur die Absicht einer Bekämpfung von rassistischen und menschenrechtsverltzenden Tendenzen. Im Editorial dieser Website lautet ein Untertitel: «Judentum heißt auch Lernen», was auch für jede Gesinnung und soziale Zugehörigkeit zutreffen muss. Deshalb, sei hier Offenheit signalisiert für allfällige nötige Korrekturen für das Obengesagte.

 

  1. Die heutige SRF-Korrespondentin, Karin Wenger, veröffentlichte 2008 das Buch «Checkpoint Huwara» (NZZ Verlag), in dem sie damals als Journalistin im Nahen Osten sehr offen und kritisch über die Zustände beider Seiten berichtete. Sie ging Fragen nach wie «Wohin hat der Konflikt die zwei Gesellschaften geführt?», «Was motivierte einen Selbstmordattentäter zu seiner Tat?» oder «Wie sieht die Gedankenwelt eines israelischen Panzerschützen aus?» Sehr gerne erinnere ich mich an viele gemeinsamen öffentliche Veranstaltungen zurück. Wenger legte ihren journalistischen Finger auf Wunden und Fehler, auch deren der Politik und des Kriegsmanagements des Staates Israels. Sie wurde deshalb nicht als «Antisemitin» diffamiert.

 

  1. Zeitgeister aus Politik, Philosophie und Journalismus äußern Kritik an aktuellen Zuständen und an öffentlich agierenden Menschen mit Macht. Davon sind alle politischen Gesinnungen, Staatsführungen und militärische Machthaber betroffen. Somit auch der moderne Staat Israel. Aber die Frage, wo der Antisemitismus zu beginnen hat, scheiden sich immer wieder die Geister, das zeigt auch der Beitrag im Magazin «Cicero»: https://www.cicero.de/innenpolitik/wo-fängt-antisemitismus/41450

 

So komplex die Frage ist, so differenziert sollte der Versuch, Antworten zu finden, sein. Aufgrund der doch recht hemdsärmeligen Kritik von Miklós Klaus Rózsa, kristallisiert sich der Verdacht heraus, dass auf wichtige Fragen immer öfters und schneller einfache und simple Meinungen folgen. Auf den Vorstoß des obengenannten geschätzten Zeitgenossen, stellte ich die Blüm-Frage auch sehr geschätzten Publizisten wie Yves Kugelmann, Herausgeber der Jüdischen Medien in Zürich, Schriftsteller Robert Menasse und weiteren nachdenkenden Menschen mit jüdischem Hintergrund. Die Antworten fielen nicht nur unterschiedlich aus, sondern auch gewinnbringend für das eigene Einschätzen. Falls dieses Thema des weiteren Diskutierens bedarf, können die Rückmeldungen eingebracht werden.

Die größte menschliche Katastrophe mit dem Höhepunkt des Zweiten Weltkrieges und der Ermordung Millionen unschuldiger Menschen konnte nur entstehen, weil die Massen mit simplen Weltbildern gefüttert wurden und so jegliches eigenverantwortliches Fragen und Denken zubetonierte.

Laufen wir nicht im überhitzten digitalen Zeitalter wiederum Gefahr, auf alles sofort eine Meinung haben und verbreiten zu wollen? Wieso werden immer weniger in den Sozialen Medien und in Talk-Shows ehrlich gemeinte und offene Fragen gestellt, mit dem Ziel, lernen zu wollen?

Nun, den Angehörigen von Norbert Blüm – egal welcher Welthaltung – sei von Mensch zu Menschen viel Mut und Kraft gewünscht.

Urs Heinz Aerni

 

Auszug aus Facebook vom 24042020 – Auslöser dieser Gedanken.

Norbert Blüm in der ARD-Sendung Hart abe fair – Bildschirmfoto

haGalil.com über Norbert Blüm (Auschnitt)

Berner Kulturagenda 2009 – Ankündigung des besagten Abends über die Israelische Besetzung von Palästina in den 1940er Jahren

Das erwähnte Buch von Jens Joffe.

Das erwähnte Buch von Karin Wenger, Verlag Neue Zürcher Zeitung