Das Kongo Tribunal

Was da in Kongo passiert, ist eine unsagbare Katastrophe und wie der Rest der Welt damit umgeht, eine zusätzliche. Dieser Film von Milo Rau verdient höchste Aufmerksamkeit und Anerkennung. Aber was dann? Wie geht es weiter? Wie viele Verantwortungsträger wird dieser Film aufrütteln? Und was tun wir? Aus dem Kino gehen, einen Beruhigungs-Schnapps bestellen und dann das neuste Smartphone für unseren Neffen zu Weihnachten kaufen? Ich befürchte, so wird es sein. Das „Kongo Tribunal“ könnte als Tribunal ausgeweitet werden über die Gleichgültigkeit seitens der Welt, die nur noch eines kennt: die Maximalrendite. Liebe Leserinnen und Leser, schauen Sie sich den Film an und wer weiß, vielleicht sehe ich doch zu schwarz und es passiert was.

„Das Kongo Tribunal“ ist transmedial und bedient viele Formate. Aus Theaterevent und Dokumentarfilm ist ein grosses interaktives Webprojekt entstanden. Verknüpft mit dem Doku-Game „Zeuge J“ führt ein umfassendes Online-Archiv Informationsstränge, Hearings und Analysen zusammen: http://www.the-congo-tribunal.com/

Hier geht es zum Trailer

Advertisements

Kommt nach der Panik der Mut?

Eisbären leiden nicht nur durch den Eisschwund, sondern auch unter Abenteuern. Es geschah am 11. April 2017. Evelyne Binsack stand mit einer Expeditions-Gruppe kurz vor dem Ziel, dem Nordpol. Eine japanische Kollegin verköstigt sich während einer Pause mit Salami und legt diesen auf den Schlitten. Eisbären brauchen für ihr Überleben eine gute Nase und genau eine solche treibt ein Tier direkt auf die Menschen zu. Der Bär frisst die Salami vom verwaisten Schlitten, doch die Angst der Abenteurer führt zu einem Warnschuss mit der Signalpistole und zu einem gezielten Schuss, der den Bären trifft. Evelyn Binsack gibt in einem TV-Interview zu, dass der Gruppenführer diesen Vorfall verschweigen wollte, doch sie rapportiert alles der Polizei. Dieses Ereignis „machte mich so hilf- und ratlos, dass es es für mich fertig und Schluss ist, mit solchen Sachen.“ Eine Nachricht vom 19. April lässt Binsack wissen, dass der Bär durch die Verletzung am Kopf nicht mehr jagen und richtig fressen könne und wohl einen Hungertod erleiden werde.

Dieser Vorfall und der Tod des Extrembergsteigers Ueli Steck löste eine breite Debatte aus, über die Frage, was das alles soll. Binsack erntete Applaus über Ihren Entscheid, mit dem sportmotiviertem Extremreisen aufzuhören und noch mehr dafür, dass sie die peinliche Tragödie um den Eisbären nicht verheimlichte. War es Mut? Oder war ihr klar, dass früher oder später die Sache doch ans Tageslicht gekommen wäre? Die Angst vor dem Versagen und der Enthüllung lässt eigentlich nur einen Gegenangriff zu, eine Strategie, die jeder Medienberater empfiehlt. Warum tun sich Menschen das überhaupt an? Sind Extrem-Abenteurer mutig? Wem müssen sie sich beweisen? War es vielleicht die Angst, ein durchschnittliches Leben führen zu müssen ohne Anerkennung? Der Schuss auf den Eisbären war nicht eine feige Tat, sondern ein Reflex aus der puren Panik. Die Deklaration der Feigheit bekommt die Tat erst aus der Sicht des Publikums vor der Glotze in beheizter Stube. Braucht die Welt solche Helden, die einen Mut präsentieren, den es gar nicht gibt? Gier und Lust generieren Taten, über die andere staunen. Eveylne Binsack erhielt 2016 von der SRF-Sendung „Glanz & Gloria“ den Golden Glory in der Kategorie „Crazy“. Vielleicht brauchte es hier Mut, diesen Preis abzuholen.

Urs Heinz Aerni

Der passende Buchtipp: „Wie Angst mutig macht“ von Gerhard Buzek, Verlag Business Village

Ist das Heilmittel auch die Ursache?

Wenn eine „verlorene Seele“ durch Prediger und Missionare von Süchten befreit wird, ist das ja was Gutes, nicht? Auch wenn die Geld- und Machtgier der großen Religionen die Entwicklung von Zivilisationen eher prägte. Mit heiligen Symbolen, Schwertern und Maschinengewehren wurden ganze Kulturen überrannt und niedergetrampelt. Nicht nur vom Abendland aus Richtung Osten und Süden; unter den Völkern vor der Kolonialzeit und im Altertum sah es nicht anders aus: Kopf ab bei einem Nein zum Übertritt. Überzeugt vom eigenen Weltbild, versuchte der Mensch immer, andere davon zu überzeugen, und wenn dann noch eine Heilshoffnung durch diese Tätigkeit gestärkt wird, erst recht. Es liegt nun mal in seinem Naturell (Gott weiß warum), dass der Mensch erstens nach Antworten und Erlösung sucht, und zweitens, bei deren Fündigkeit, anderen davon enthusiastisch Mitteilung machen will. Dann nistet sich die Mehrheit in einen kuscheligen Glauben, der für alles eine Antwort weiß. Oft ist die Suche dann abgeschlossen, und der Absolutheitsanspruch würgt jegliches bescheidene Weiterfragen- oder gar suchen ab. Die Gründer von Religionen und Glaubensbewegungen wünschten nun mal das Weitersagen ihrer Botschaften, und wenn das heute Missionare zwischen Steppen und Dschungel, in Einkaufsstraßen oder vor Kameras tun, kommt dann und wann eine gestrandete Seele vom Alkohol oder Glücksspiel los. Gut und schön. Nur die Frage, warum er zur Sucht gekommen ist, könnte uns wieder zum Anfang eines Kreislaufes führen: Siehe oben.

Der passende Buchtipp: „Religion, Gewalt und Krieg“ von Heinz-Günther Stobbe, Kohlhammer Verlag

Das Ende eines Volkssports?

Die UEFA Champions League können im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, also SRF, ARD, ZDF und ORF nicht mehr gezeigt werden. Grund: zu teuer für die Sender. Auch die 1. und 2. Bundesliga können die klassischen Sender nicht mehr zeigen, zum Teil sogar auch die Zusammenfassungen nicht. Deshalb baut das Schweizer Fernsehen SRF die Berichterstattung der Super Leage (Nationaliga A) aus, wohl als Kompensation und Trost für Fußballfreunde, die sich die Abonnemente der Pay-TVs nicht leisten können oder wollen. Der gemeinsame Fußballabend mit Freunden zuhause vor dem Fernseher geht nur noch bei jemanden, der den richtigen Kanal für das gewünschte Spiel abonniert hat. UEFA baut die beiden Europaligen aus, damit sie mehr verdienen. FIFA hat seine Glaubwürdigkeit seit die Hoffnungen auf den neuen Chef sich in Luft aufgelöst haben, vollends verspielt. Privatbesitzer von Clubs leisten sich 220 Millionen Euro für einen Spieler und die Bandenwerbung in den großen Stadion wurden zu kleinen Kinos, die das richtige Produkt genau dann zeigen, wenn das Spiel daran vorbeizieht. Ein Präsident eines spanischen Clubs drohte den Steuerbehörden gemäß eines Berichtes der ARD, dass sie den Spielbetrieb einstellen würden, wenn die Ermittlungen wegen Steuerhinterziehung weiterliefen.

Das, was im Spitzenfußball geschieht ist nichts anderes als ein Spiegel der restlichen Gesellschaft; es geht nicht mehr um Inhalte, es geht nur noch um den Reingewinn. Was tun wir? Mit der Faust im Sack die teuren TV-Abos bezahlen oder mit unseren Kindern auf den nächsten Regionalfußballplatz gehen um einen genau so spannenden Match zu erleben?

Hopp FC Rhäzüns!*

 

* Rhäzüns ist eine Gemeinde im Schweizer Kanton Graubünden mit beeindruckender Fußballtradition

Für Leserinnen und Leser aus Deutschland würde ich „Hopp FC 03 Radolfzell“ rufen (schönes Städtchen am Bodensee) und für Leserinnen und Leser aus Österreich rufe ich „Hopp SV Hall“ (ein Städtchen in Tirol umgeben von Bergen, mit dem ich langjährig durch das Festival Sprachsalz verbunden bin).

Der passende Buchtipp: „Spielfeld Europa: Landschaften der Fußball-Amateure“ von Hans van der Meer, Steidl Verlag

Die Kolumne erschien auch in der Zeitung BÜNDNER WOCHE