„Theater, ein Fest des Augenblicks!“

Der bekannte Schauspieler Hanspeter Müller-Drossaart steht oft auf dem Dreh-Set und ebenso leidenschaftlich auf der Bühne. Nach der Tournee mit „Der Trafikant“ von Robert Seethaler, folgt nun die Umsetzung des Romans „Bajass“ von Flavio Steimann. Er erklärt, warum und wie er mit der cornabedingten Auftrittspause umgeht.

 

Urs Heinz Aerni: Ihre Umsetzung des Romans „Der Trafikant“ von Robert Seethalers heimste sehr viel Lob seitens Publikum und Kritik ein, und Auftritte stehen noch bevor. Nun bringen Sie den Roman von Flavio Steimann „Bajass“ auf die Bühne, der zwar weniger bekannt ist aber irgendwie eine atmosphärische Verwandtschaft zum „Trafikant“ zu haben scheint. Warum haben Sie sich für „Bajass“ entschieden?

Hanspeter Müller-Drossaart:  Als ich vor ein paar Jahren den Roman las, hat es mich schlichtweg umgehauen: Was für ein Stoff! Was für wunderbare atmosphärische Bilder! Eine berührende Kriminalgeschichte in eine großartige, ungemein elaborierte und kunstvolle Sprache gesetzt. Die von Buschi Luginbühl und mir am Radio SRF produzierte und erfolgreiche Hörspielfassung des Romans hat die Idee bekräftigt: „Bajass“ muss als nächstes Werk auf die Erzähltheater-Bühne!

Aerni: Während der „Trafikant“ sich kurz vor und während dem Zweiten Weltkrieg in der Weltstadt Wien abspielte, führen Sie nun mit „Bajass“ die Besucherinnen und Besucher in die Zeit von ca. 1910 in die ländliche Provinz der Schweiz. Wo lagen die Herausforderung-en für Sie bei der Sprachausarbeitung ohne den Wienerischen Sound?

Müller-Drossaart: Die größere Nähe meiner eigenen Identität zum helvetisch-bäuerlichen Wesen, galt es in der darstellerischen Ansiedlung sozusagen als Fundament zu setzen, um in der Reibung mit der gestalteten Sprache spannende Farben zu erreichen. Flavio Steimann setzt immer wieder ganz bewusst seltene, zeitbezogene Helvetismen ein, die uns in die Welten der Geschichte begleiten. Diese ausgeklügelten Sprachnoten fordern viel Übung in gedanklicher und artikulatorischer Geläufigkeit. Mund-und Hirn-Handwerk sozusagen.

Aerni: Was muss ein Text mitbringen, damit er von Ihnen auf die Bühne getragen wird?

Müller-Drossaart: Als erstes muss er mich überraschend am Leselust-Schlawittchen packen! Alsdann sollte der Stoff und die Personen bewegend und relevant sein und das Ganze in einer sinnlichen Sprache.

Aerni: Das aktuelle Stück ist ein Kriminalfall, in etwa auch in der Glauserischen Manier. Würden Sie dem zustimmen?

Müller-Drossaart:  Eindeutig! Wir verfolgen einen alternden Kriminalkommissar, einen „Menschenjäger und Fallensteller“ wie er sich selber beschreibt in seinem letzten Kriminalfall, wo er, wie der uns bekannte Wachtmeister Studer aus Friedrich Glausers Romanen mit einer analytischen aber auch menschlich-warmen Zugewandtheit zum schuldigen Täter eine eigene Vorstellung von Gerechtigkeit entwickelt.

Aerni: Das große Publikum kennt sie durch Filme wie „Grounding“, „Die Herbszeitlosen“ oder „Sennentuntschi“ oder durch TV-Serien wie „Bozen Krimi“. Was fasziniert Sie am reduzierten Spiel mit Text und Mimik auf der Kleinkunstbühne?

Müller-Drossaart:  Die unmittelbare Begegnung zwischen Sprache und Publikum! Die unaufwendige, karge Form des  Geschichten-Erzählens, wo die Bilder in den Köpfen der Zuhörenden und Zu-schauenden entstehen können- Jetzt im Moment, unverfälscht im analogen Spiel.

Aerni: Mittlerweile publizierten Sie als Autor zwei erfolgreiche Mundart-Lyrik-Bände. Wenn Sie ein Buch lesen, wie schnell geht es, dass Sie die passenden Stimmen dazu im Kopf hören?

Müller-Drossaart: Zuweilen, in besonders glückhaften Momenten reden die Figuren direkt aus den Sätzen heraus, springen auf die Zunge! Dieser schauspielerische Kern-Reflex ist sehr genussvoll und ermöglicht mir theatrale Polyphonien im Kopf! die ganze commedie humaine marschiert manchmal vor meinen Augen auf!

Aerni: Trotz digitalisierte Unterhaltungsindustrie scheint das Schauspiel auf der Bühne durch real existierende Menschen noch zu funktionieren. Warum?

Müller-Drossaart: Weil es jetzt im selben Raum im gemeinsamen Kontakt zwischen Künstlern und Publikum stattfindet und dadurch etwas Einmaliges zum Ausdruck kommt. Genau diese Menschen des Abends werden nie mehr so zusammenkommen! Theater ist, wenn’s gelingt eine Feier des Augenblicks!

Aerni: In welcher Gemütsverfassung sollte das Publikum Ihre aktuelle Aufführung besuchen kommen?

Müller-Drossaart: schaulustig, geschichtsgierig und verführungsbereit!

Aerni: Es wurden viele bis alle Kulturanlässe wegen Corona abgesagt. Wie gehen Sie damit um?

Müller-Drossaart: Ich versuche im Dialog mit den Veranstaltern unbedingt Verschiebedaten zu organisieren, was in vielen Fällen möglich ist, aber die aktuell leere Familienkassennot nicht erleichtert. Daneben erhöhe ich die Arbeit an weiteren Projekten, die ich später als selbständig tätiger Kunstschaffender anbieten kann. Es gibt viel zu tun.

Aerni:  Sie wirken auch als Schriftsteller, vielleicht eine Zukunft abseits der Bühne und des Films?

Müller-Drossaart: Glücklicherweise habe ich in den letzten Jahren bereits meine anderen «art-skills» erforscht und weiterentwickelt. Der Umgang mit Sprache und Inhalten kann in verschiedenen Medien stattfinden und das kreative Schreiben kommt mir sehr entgegen. Da der Spielraum Schweiz im weitesten Sinne gesehen, sehr klein ist, muss man als Schauspieler erfinderisch auch Grenzbereiche erforschen, um eine kontinuierliche Existenz zu finden.

Aerni:  Humor, Witz und Kabarett gehörten stets ins Programm Ihrer Schauspiel-Laufbahn. Können Sie etwas aus diesen Kompetenzen für die Realität des Lebens schöpfen?

Müller-Drossaart: Ja, gewiss! Humor in seiner ursprünglichen Bedeutung von «Lebenssaft» wird in der akuten Pandemiezeit plötzlich mehr als eine frivole Koketterie mit fernen, fiktiven Untergangsfabeln. Wir sind angehalten, unsere Werte zu befragen und aufs Wesentliche zurück zu finden. Der schwertriefenden moralische Entrüstung und Schuld-Menetekelei, die in diesen Tagen auch ihre verurteilenden Runden dreht, gilt es mit Verstand und ironisch befragender Distanz zu begegnen. Humor hilft uns, nicht in die Abgründe des Ausweglosen zu versinken. Witz, Geist nicht als Strafnebel, sondern als die konstruktive Kraft der Erkenntnis zur Lösung der Probleme.

Ein weiteres Interview mit Hanspeter Müller-Drossaart mit Ausschnitten des aktuellen Stückes ist auf dem Sender DIE REDAKTION zu sehen. Hier per Mausklick.

Über aktuelle Projekte von Hanspeter Müller-Drossaart erfahren Sie hier mehr: www.hanspeter-mueller-drossaart.com

 

Info: Hanspeter Müller-Drossaart, 1955 in Sarnen geboren, in Erstfeld aufgewachsen, war als Schauspieler am Schauspielhaus Zürich und dem Wiener Burgtheater tätig. Die Öffentlichkeit kennt Hanspeter Müller-Drossaart aus TV- und Film- Produktionen sowie auch als Vorleser bei Radio und Fernsehen («Literaturclub» SRF/3sat). Von ihm sind die beiden Gedichtbände «zittrigi fäkke» in Obwaldner Mundart und der Urner Lyrikband «gredi üüfe». Mit dem literarischen Bühnenstück «Bajass»  tourt er durch die ganze Schweiz.

 

 

 

Tödliche Oliven

Für die Zeitung BÜNDNER WOCHE möchte ich mal dokumentieren, wie Kulturschaffende und Medienleute in Deutschland und Österreich auf das Wort «Graubünden» reagieren, doch…

…beim Start dieser Umfrage ereilte mich die Information, dass eine spezielle Oliven-Erntetechnik Millionen Singvögel tötet. Erntemaschinen fahren durch die Olivenhaine und holen durch Schütteln und Einsaugen die Früchte von den Bäumen und dies meistens in der Nacht, um das Aroma der Oliven zu halten. Zwischen November und März überwintern viele Zugvögel aus Nordeuropa in den Olivenbäumen und fallen dabei dieser industrialisierten Ernteform zum Opfer. Nun, statt der oben erwähnten Umfrage, bat ich Lebensmittel-Händler um eine Reaktion zu dieser Tragödie. Sie fallen sehr unterschiedlich aus: Während, Edeka und Volg bis zur Abfassung dieser Kolumne schwiegen und Lidl sich später doch noch meldete, schreibt Aldi Suisse: «Nein, von diesen schrecklichen Vorfällen haben wir noch nichts gewusst. Wir haben Ihre Nachricht umgehend an unsere CR Abteilung weitergeleitet. Sie prüfen, ob das uns betrifft und was gegen diese Vorfälle unternommen werden kann. Wir melden uns schnellstmöglich wieder zurück.» Coop antwortet: «Sämtliche Oliven unserer Biobauern für die naturaplan-Öle stammen aus traditionellen Olivenhainen und es besteht somit keinerlei Gefahr für die Zugvögel bei der Ernte. Obwohl unsere Bio-Olivenöle nicht davon betroffen sind, verfolgen wir das Problem mit der vollmechanischen Nachternte im superintensiven Anbau, welches bereits Ende 2018 in Andalusien publiziert wurde. Inzwischen wurden laut Medienberichten sowohl durch die Behörden als auch die Produzenten Maßnahmen ergriffen, die Gefahr für die Vögel einzudämmen.» Was das auch immer heissen mag aber immerhin. Von Migros Schweiz kam noch nichts aber von der Migros Ostermundigen diese Rückmeldung: «Vielen Dank für die Anfrage. Gerne kläre ich die Sache bei unseren Produktespezialisten ab und melde mich wieder, sobald ich eine Antwort erhalte.» MPREIS ist ein Großverteiler in Österreich mit gutem Ruf und schönen Läden schreibt: «Vielen Dank für Ihre Nachricht. Wir können Ihnen dazu leider noch nichts sage. Wir haben uns bereits mit unserem Einkauf in Verbindung gesetzt und werden das intern prüfen lassen.»

Vorläufiges Fazit: Der Skandal ist groß aber die ersten Reaktionen von Unternehmen mit Verantwortung sind ermutigend und bestätigen, dass wir als Konsumierende auch die Verantwortung haben, aktiv zu werden, wenn mal was aus dem Ruder läuft.

Urs Heinz Aerni

Der passende Buchtipp: «Tödliche Oliven» Kriminalroman von Tom Hillenbrand, Kiepenheuer & Witsch, ISBN 978-3-462-04695-3

Elke Heidenreich

Am Festival Sprachsalz in Hall bei Innsbruck unterhielt ich mich für DIE REDAKTION mit Elke Heidenreich über Berliner Eigenarten, Ihr Leben mit Büchern und über ein Projekt, das bei ihr momentan auf dem Tisch liegt.

Diesmal gibt es mehr zu sehen und zu hören als zu lesen. Bitte diesen Link betätigen:

Tun, was geht

Die eidgenössischen Parlamentswahlen sind vorbei und die Resultate zeigen, wie Klima und Umwelt zu Themen Nummer eins wurden und man darf gespannt sein, wie sie die neue personelle Besetzung unter der Bundeshauskuppel herausfordern werden. Und jetzt kam noch von der Schweizer Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) die Info, dass in den letzten zehn Jahren ein Drittel aller Insektenarten verschwunden sind.

An der Frankfurter Buchmesse diskutierten Expertinnen und Fachleute, was denn gegen das Artensterben und die Wetterextreme unternommen werden könne und immer wieder wird die Politik in die Pflicht genommen, was ja auch ihr Job ist, aber dann stellte der Moderator die Frage, was denn jede und jeder im Alltag für den blauen Planeten tun könne und wissen Sie was, ich kann diese Frage nicht mehr hören, deshalb liste ich nun hier ein für allemal auf, was wir als Otto-Normal-Menschen zu tun mächtig sind:

1. Den Rasen nicht mehr oder nur noch wenig mähen. 2. Automotor abstellen beim Um- und Beladen. 3. Wilder und bunter Garten wachsen lassen. 4. Nicht nur Pet, Alu und Glas aus dem Müll sortieren, sondern Plastik, und die neuen Recycling-Angebote nutzen. 5. Jahreszeitgemässer Gemüseinkauf und nur noch Produkte aus der Region verspeisen und trinken. 6. Nächtliches unnötiges Dekorationslicht löschen und alle Standby-Lämpchen an Stromschienen und Elektrogeräte ausschalten. 7. Urlaubsziele an Eisenbahnschienen bevorzugen. 8. Giftfreie Wasch- und Haushaltsputzmittel verwenden. 9. Lokal statt digital einkaufen. 10. Zuwarten mit dem Kauf des neuesten Smartphones oder Tablet. 11. Kein Deluxe-Futter für Haustiere. 12. Weniger Haustiere. 13. Weniger Babys. 14. Entsprechend Abstimmen wie zum Beispiel gegen Baueinzonungen, Pestizide und für Naturpärke. 15. Mehr Leitungswasser trinken als importiertes Mineralwasser. 16. Am Tag wandern statt in der Nacht im Wald biken. 17. Weniger große Räume bewohnen. 18. Den Laubbläser in den Elektroschrott schmeissen. 19. Beim Heimatfußballclub auf Naturrasen plädieren.

Habe ich was vergessen?

Urs Heinz Aerni

Der passende Buchtipp: „Was schulden wir künftigen Generationen? Herausforderung Zukunftsethik“ von Kirsten Meyer, Reclam Verlag

Dieser Beitrag erschien auch in der Zeitung Bündner Woche.

 

Weihwasser gegen Schnaps?

Die Kleinstadt Twer, nordöstlich von Moskau, habe ein Problem. Überdurchschnittlich viele Bewohnerinnen und Bewohner seien hier dem Alkohol verfallen. In ganz Russland sterben pro Jahr Tausende Menschen an den Folgen dieser Sucht. Heuer seien es schon 17 Prozent mehr als im Vorjahr. Nun, zu erwarten wären Gegenmaßnahmen wie Bekämpfung der Armut und Arbeitslosigkeit, Förderung von Aufklärung, Bildung und Eigenkreativität, Gründung von Selbsthilfegruppen, Einrichtung von psychologischen Hilfestellungen, Ausbau des Freizeit- und Vereinsangebots und ähnliches. Doch stattdessen besteigt ein russisch-orthodoxer Geistlicher ein Kleinflugzeug und gießt auf dem Überflug der genannten Stadt aus einemgoldenen Kelch durch eine Luke in 300 Meter Höhe 70 Liter Weihwasser über die Stadt aus. Das solle helfen, nüchtern zu bleiben. Vor ein paar Tagen bestellte ich bei meinem Lieblings-Imbissstand in der Zürcher Altstadt ein Glas Rotwein und ein Poulet-Bein mit Brötchen. Der freundliche junge Mann servierte, wünschte einen guten Appetit und sah etwas verträumt auf den Passantenstrom in der Gasse. Da Schweigen nicht ganz mein Ding ist, fragte ich ihn, ob er hier schon länger arbeite. Im weiteren Gesprächsverlauf erfuhr ich, dass seine Familie aus Mazedonien undSlowenien stamme, er eine ziemlich schlimme Geschichte hinter sich hätte, einem Freund seinen Reichtum durch den Profifußball gönne, auch wenn er selber nur Würstchen verkaufe und, dass er trotz seines zarten Alters von 27 Jahren sich innerlich eher 55 Jahre alt fühle. Er war offen und ehrlich, ich beeindruckt ob seinem Schicksal. Beim Zahlen gab er mir die Hand und dankte warm und innig für diese Konversation.Wer sagt dem russischen Priester, dass es noch andere Methoden gäbe um Menschen zu helfen als Weihwasser aus dem Flugzeug zu kippen?

Urs Heinz Aerni

Der passende Buchtipp: „Exit – Warum wir weniger Religion brauchen“, Mit Beiträgen von Constanze Kleis, Helmut Ordner, Andreas Altmann, Philipp Möller, Richard Dawkins, Michael Schmidt-Salomon und Hamed Abdel-Samad.Nomen Verlag, ISBN 978-3-939816-61-4

Der Beitrag erschien auch in der Zeitung Bündner Woche

Jagd nach Schwein oder Glück?

Die Kolumne in der Bündner Woche läuft bekanntlich unter «Aufgefallen» und wissen Sie was, zwischen den Abgabeterminen fällt mir sehr Vieles auf, was es verdiente, darüber zu schreiben. Beispiele? Ich wuchs in der Nähe der Grenze zu Deutschland auf und liebte den Radiosender SWF3 mit «Pop Shop» oder Else Stratmann. Nun wollte ich modern sein, kaufte mir ein portables DAB-Radio und höre da, dieses neue System lässt nicht mehr zu, dass wir SWR oder ORF hören können, sondern nur noch CH-Sender von Radio Zentralschweiz bis Radio Argovia, die ziemlich alle denselben Sound bringen. Kurz: Die digitale Revolution engt den audiotechnischen Horizont ein. Im Kanton Solothurn erlegte ein Jäger aus Versehen drei Haus-Wollschweine, in den Wäldern Niederösterreichs wird nach einem Känguru gesucht, von dem jede Spur fehlt, bis zur Drucklegung dieses Textes und in Rom dürfen Touristen sich nicht mehr auf die Spanische Treppe setzen.

Und dieses Buch fiel mir nicht nur vor kurzem auf, sondern in die Hände: Vallotton konnte nicht nur malen, das Schreiben beherrschte er ebenso. Der aus Lausanne stammende Maler und Grafiker (1865 – 1925) verbrachte die letzten 43 Jahre in Paris. Die Stadt ist auch Schauplatz seines Romans, der heute übersetzt vorliegt. Erzählt wird das Leben eines Mannes, der in der Kindheit mit traumatischen Unglücksfällen konfrontiert wurde und doch immer wieder die Lebensfreude zurückgewann. Leidenschaft bilden die Koordinaten dieser Geschichte über die unglückliche Jagd nach dem Glück. Der Unglücksjäger übrigens, bat öffentlich beim Wollschweinbesitzer um Entschuldigung.

Urs Heinz Aerni

Das Buch: „Das mörderische Leben“ von Félix Vallotton, NZZ Libro, ISBN 978-3-03823-586-6

Wo beginnt der Wahn?

„Wir lieben nicht, wir tanzen wie Nachtfalter um das künstliche Licht“, dies schrieb Christine Lavant in ihren Aufzeichnungen, die 1946 entstanden sind. Damals zeigte sich der Verleger begeistert, doch seinem Wunsch, den Schluss „fromm“ zu gestalten, konnte die Autorin nicht entsprechen. Jahrzehntelang lag das Manuskript brach. Erfreulicherweise ist nun dieser bemerkenswerte Text als Buch greifbar. Christine Lavant begab sich damals freiwillig in eine „Irren-Anstalt“. Die Ich-Erzählerin beschreibt in berührender Weise die Zustände im Heim, das Leben der Insassen und des Personals. Auch die eigene Person ist Bestandteil der schonungslosen Analyse. Vermutlich hätte das Buch in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts einen Skandal ausgelöst, und wahrscheinlich bewegen diese Worte auch die Leserin und den Leser heute zutiefst. Die Nähe zwischen Genialität und Wahn, Ironie und Zerfall war und ist heute noch oft die Ursuppe großer Literatur, was Namen wie Joesph Roth, Friedrich Glauser oder Robert Walser bestätigen. Christine Lavant beweist mit ihren neu zu entdeckenden Texten zudem einmal mehr, dass die Grenze zwischen Wahn und „Normalität“ alles andere als klar ist.

Das Buch: „Aufzeichnungen aus dem Irrenhaus“ von Christine Lavant, Wallstein Verlag, 978-3-8353-1967-7,  (2001 wiederaufgelegt vom Otto Müller Verlag)

Lob und Tod

Lob, Leid und Tod können so nahe beieinander sein. Im Bahnhofsbuffet Olten sagte mir ein Mann aus Zizers, dass er immer gerne meine Kolumnen in der Bündner Woche lese. Ich beherrschte mich, ihn zu umarmen.  Aber liebe Leserinnen und Leser, selbstredend ist mir bewusst, dass ich auch Kritik auf mich nehmen muss. Also nur zu, schreiben Sie mir, mit offenem Visier.

Ein Reiseleiter meinte nach einer Führung: „Wenn es Ihnen gefallen hat, dann schreiben Sie eine E-Mail, wenn nicht, dann schreiben Sie einen Brief und werfen ihn als B-Post in einen abgelegenen Briefkasten.“ Mir dürfen Sie mailen…

Apropos Lob, Ehre und Ruhm, hier noch ein Buchtipp für ein garantiertes Leseglück:

Am 29. Juni 1910 kommt eine beliebte Sopranistin durch Pistolenschüsse ums Leben. Der Täter: Dirigent Aloys Obrist. Das Opfer: Anna Sutter. Das Ereignis ist identisch und wahr. Anna Sutter stammt aus der Schweiz und nach Umwegen feiert sie Erfolg an Erfolg auf den Bühnen Deutschlands. Sie singt sich als perfekte „Carmen“ nicht nur in die Herzen der Mengen, sie bricht auch welche. Das Leben auf den Brettern, die angeblich die Welt bedeuten, vermischt sich leise und gemächlich mit dem privaten Sein.

Die Geschichte beginnt im Zimmer der toten Anna Sutter, an der zwei Männer eine Gipsmaske abnehmen. Draussen warten trauernd Operettenfreunde und in der Küche befragt der diensthabende Kommissar das aufgelöste Hausmädchen.

Nach eingehender Recherche erzählt Alain Claude Sulzer dieses Drama und spinnt den Faden auf seine grossartige Manier weiter. Eine Geschichte, ein Buch, das hoffentlich zur Lesegemeinde finden wird, die es zu schätzen weiss, dass solches prädestiniert ist für die Lektüre im Gartenstuhl oder wo auch immer.

 

Urs Heinz Aerni

 

Das Buch: „Annas Maske“ von Alain Claude Sulzer, Suhrkamp Verlag, ISBN 978-518-45785-6

„Die Poesie verträgt alles“

Florian Bissig versammelt und kommentiert 20 Gedichte aus der Schweiz und hat Mühe mit Poesie im öffentlichen Raum.

Urs Heinz Aerni: Herr Bissig, Sie lesen und besprechen Gedichte, die nun gesammelt als Buch erschienen sind. Im Vorwort steht, dass Lyrik im Trend liege. Ist dem wirklich so und wie machen Sie das fest?

Florian Bissig: Im gesamten deutschsprachigen Raum lässt sich beobachten, dass sich brillante Schriftstellerinnen und Schriftsteller ganz auf die Lyrik konzentrieren – statt nach einem Bändchen gleich zum Roman zu wechseln. Von Berlin ausgehend ist die deutsche Dichtung seit 2000 zu einer neuen Blüte herangereift. Das schlägt sich in den Feuilletons nieder und auch bei wichtigen Literaturpreisen, die in jüngster Zeit mehrfach an Lyriker vergeben wurden. In der Schweiz bekommt die Lyrik auch im Zusammenhang mit der Performance-Kunst wieder mehr Aufmerksamkeit.

Aerni: Sie wählten zwanzig Gedichte aus, um sie zu präsentieren und zu kommentieren. Über Poesie zu reden ist nicht leicht, wie gingen Sie denn vor?

Bissig: Ja, vielen fällt es schwer, über Gedichte zu reden. Das geht auch regelmäßigen Lesern wie mir so.

Aerni: Wieso eigentlich?

Bissig: Der Grund liegt in der Eigenschaft der Lyrik, die Welt in ganz eigenwilliger Weise zur Sprache zu bringen, an die man als Leser zunächst nicht anknüpfen kann. Ich bin aber davon überzeugt, dass es sich lohnt, dem Gefühl der Verständnislosigkeit und Sprachlosigkeit zu trotzen und Lyrik zu lesen und zu diskutieren. Dabei übt man nebenbei Fähigkeiten, die auch anderweitig hilfreich sind, etwa den Umgang mit Vieldeutigkeit und mit anderen Perspektiven. Wenn man nicht aufpasst, erweitert man dabei seinen Horizont! (lacht)

Aerni: Es finden sich Texte u. a. von Gerhard Meier, Klaus Merz, Eugen Gomringer, Franz Hohler, Ilma Rakusa, ja sogar von Mani Matter und Robert Walser. Was muss ein Text haben, damit dieser von Ihnen beachtet wird?

Bissig: Wenn ich die Gedichte nach einem einzelnen Kritierum ausgewählt hätte, wäre das Buch langweilig geworden. Gerhard Meiers «Rondo» etwa fesselt mich durch einen verblüffenden Gedankengang. Klaus Merz «Nach Homer» ist eine ultrakurze, raffinierte Anspielung an die Odysseus-Sage. Und der Text der jungen Dichterin Marina Skalova ist eine formal spannende und sehr musikalische Begegnung der deutschen mit der französischen Sprache. Ich wollte mit dem Bändchen nicht zuletzt die Vielfalt der Schweizer Lyrik zeigen, der heutigen wie derjenigen seit der Moderne.

Aerni: Sie studierten zudem Philosophie, wieviel Poesie verträgt die Philosophie oder anders gefragt, wäre die Lyrik ein guter Weg zur Philosophie?

Bissig: Die Poesie verträgt alles. Darum ist sie seit Pindar und Sappho auch nicht totzukriegen. Sie hält philosophische Spekulation und religiöses Schmachten ebenso aus wie Betrachtungen über die Banalitäten des Alltags. Entscheidend ist, dass das Gedicht nie ganz im Dienst an irgendeiner Sache aufgeht, sondern eben ein gewisses poetisches Etwas mit sich führt. Wie die Philosophie zielt auch die Lyrik oft auf ein Innehalten ab, auf ein radikales Hinterfragen, oder auf einen ganz neuen Blickwinkel.

Aerni: Wir treffen uns in Zürich West, einem schnell wachsenden Stadtteil, wie überhaupt in ganz Zürich. Wo täte im Stadtbild mehr Poesie gut?

Bissig: Ich bin nicht unbedingt ein großer Freund von Poesie im öffentlichen Raum. Man kann ja Gedichte auf Hausfassaden malen und hoffen, dass sie dann von ein paar Menschen mehr wahrgenommen werden. Aber irgend jemand wird sich dann belästigt oder beleidigt fühlen und die Übermalung fordern. Der Sache der Dichtung dienen solche Streitereien nicht wirklich. Am liebsten sehe ich es, wenn die Menschen ihre Nasen in schöne Gedichtbände stecken –  ich meine natürlich nicht nur mein Büchlein (lacht). Das kann im Tram oder am Dorfbach sein. Und es tut auch dem Stadtbild bestimmt besser als die üblichen Smartphone-Zombies.

 

Florian Bissig, geboren 1979, studierte in Zürich, Berlin und Austin. Nach dem Lizenziat in Philosophie promovierte er in Englischer Philologie mit einer Studie zu Samuel Taylor Coleridge. Er schreibt als freier Journalist für verschiedene Schweizer Zeitungen und Zeitschriften über Literatur, Musik und Philosophie und arbeitet an der Übertragung von Coleridges Lyrik ins Deutsche. Florian Bissig lebt mit seiner Familie in Affoltern am Albis bei Zürich.

Florian Bissig: „Mauerlängs durch die Nacht – Kleine Anthologie der Schweizer Lyrik“, Limbus Verlag, ISBN 978-3-99039-131-0, Gebunden mit Lesebändchen, 96 Seiten.

 

Dieses Interview ist auch in der P. S. Zeitung, im Anzeiger Bezirk Affoltern, in Zürich West und Berglink.de

 

Wenn Kundenfragen zur Werbe-Idee werden

Fragen seitens der Kundschaft können für Schaufenster inspirieren. Das zeigt die von Corina Friderich inhabergeführte Buchhandlung Mattmann in der Kleinstadt Zofingen im Schweizer Kanton Aargau. Der Text auf dem Plakat lautet auf Deutsch: „Ich weiß den Titel nicht mehr, aber das Cover war blau!“ Dieses Kundenzitat landete nun im Schaufenster und mit einem kurzen „OK“ werden eben Bücher in Blau präsentiert.
Übrigens, die Buchhandlung Mattmann wurde für die „Buchhandlung des Jahres“ vom Schweizer Buchhändler- und Verlegerverband (SBVV) nominiert.

 

Schaufenster Buchhandlung Mattmann Zofingen (Schweiz) – uha