Vom Zwang, schönen Sätzen hinterherzujagen

Auf Anfrage der Verkehrsvertriebe Glattal AG (VBG) in Zürich sollte ich eine Geschichte schreiben, die sich der Ortschaft Dällikon widmet. Ich fuhr hin, sah mir das Dorf an und schickte dann diesen Text, der nun in dem Buch „Unterwegs – 25 Gute-Fahrt-Geschichten“ erschienen ist.

 

Vom Zwang, schönen Sätzen hinterherzujagen

Arthur hat ein Problem, ein massives. Er liebt schöne Sätze. Er liebt sie so sehr, dass von einer Sucht gesprochen werden muss. Arthur leidet unter dem Zwang, schönen Sätze hinterherzujagen und sie zu sammeln. Arthur leidet unter der Schön-Sätze-Sucht. Um stressfreie Phasen zu haben, saß er in seiner kleinen Wohnung, trank Tee und lauschte dem Straßenlärm wohl wissend, wie viele interessante Sätze da draußen gesagt werden.

Ein Freund riet ihm, sich mehr zu bewegen, irgendwo, wo es nicht von schönen Sätzen wimmelt. Er riet ihm, einen Ort aufzusuchen, von dem gesagt wird, dass er zwar bewohnt ist aber nirgends schöne Sätze zu finden seien. Da könne er mal in einem Dorf sein unter Passanten, aber bar jeglicher Gefahr rückfällig zu werden. Auf seine Frage, wo das denn sei, hieß es: «Dän … warte, nein Dällikon ist’s. Genau, Dällikon. Da kommst Du prima mit der ÖV hin.»

Der Bus 491 hält, entfaltet die Tür, Arthur steigt aus. Nun steht er mitten in diesem Dällikon, bereits etwas irritiert, da er mit dem Bus zweimal an der Gemeindebibliothek Regensdorf vorbeifahren musste. Wollte der Bus ihn vielleicht provozieren und fuhr extra zweimal da vorbei? Zum Glück war die Bibliothek zu.

Sei`s drum. Er sieht sich um. «Casa da Nico», eine Pizzeria. Ohne nach einer Zeitung zu verlangen, bestellt er eine Pizza Calzone. Erste Entzugserscheinungen stellen sich ein. Nichts zu lesen, geht irgendwie nicht, er steht auf, sieht sich um; keine Zeitungen, nichts. Glück gehabt, bis er auf einem Tisch ein Heft liegen sieht. Nach Blicken links und rechts, schnappt er sich dieses und setzt sich wieder, gierig aufblätternd. Er kannte das Heft nicht: «BEST OF KANTON ZÜRICH». Na ja, man liest halt, was in die Hände fällt. «Zürichs Offenheit und Vielfalt machen unsere Stadt einzigartig» schreibt die Stadtpräsidentin im Vorwort. Arthur stellt erleichtert fest, dass ein solcher Satz seine Sucht mitnichten aktiviert und blättert weiter. Er hält inne: «Mein Aktionsfeld bedingt ein laufendes Gagen-Verhältnis zu vielen Leuten.» Arthurs linke Braue beginnt zu zucken, was meint dieser Beat Schlatter damit? Irgendwie unorthodox formuliert. Denkt der nur ans Geld oder was …? Arthur muss sich beherrschen und stellt fest, dass er nicht mehr stöbert, sondern sucht, nach guten Sätzen. Die Pizza lenkt ihn ab.

Arthur geht durchs Dorf. Einfamilienhäuser mit Vorgärten, bewacht von kleinen fahrenden Geräten, die von Geisterhand über den sonnenverbrannten Rasen ruckeln. Arthur wird nervös, vor einem alten Haus bleibt er stehen und sieht hoch: «Sys Huus ist myn und doch nyt myn. Der nach mir komet dem wird’s auch nyt syn. Ach Gott! Wer wird der Letzte syn» Das kann doch nicht wahr sein! Dällikon wird dem Schön-Satzsüchtigen Arthur zum Verhängnis. Jetzt beginnt er zu rennen, auf der Flucht vor seiner Sucht, wieder bleibt er stehen: «Für die nachfolgenden Gräber ist die gesetzliche Ruhezeit von 20 Jahren abgelaufen. Die Ruhestätten werden im September aufgehoben.» Arthur entsinnt sich nicht, so etwas schon mal in einem Buch gelesen zu haben.

Weiter Arthur, lass Dich nicht reinziehen. Ein Plakat beim Gemeindehaus mit dem Titel «Sauhund? Sauerei!» übersieht er, doch schon fällt er in die nächste Satzfalle: «Wer die verlangte Mindestleistung das erste Mal und auch in der ersten bzw. zweiten Wiederholung nicht erreicht, gilt als verblieben und wird in einen Verbliebenenkurs aufgeboten.» Arthur schwankt, was für ein Satz, was für ein Wort! «Verbliebenenkurs». Schweißperlen auf den Unterarmen, die Brillengläser schlagen an. Ist Dällikon der falsche Ort für Schön-Sätze-Süchtige?

«Vom 1. Januar an können alle eintragungsbedürftigen aber nicht eingetragenen dinglichen Rechte gegenüber gutgläubigen Dritten nicht mehr geltend gemacht werden und verlieren, sofern sie nicht binnen zwei Jahren von dem gennannten Zeitpunkt an zur Eintragung gelangen, ihre Wirkung, auch unter den Parteien.» Was für ein schönes Konstrukt, hier, wo er doch vor solchen Zeilen floh! Arthur stolpert, weg von diesen Sätzen. Er fiebert durchs Dorf, seine Sinne gieren nach Sätzen. Jetzt steht Arthur vor einem Schaufenster: «Mediothek». Das wurde ihm verheimlicht, Dällikon hat eine Bibliothek, voll von Büchern mit schönen Sätzen! In der Auslage verheißen Schülerarbeiten Lese-Kicks; «Kleinkaliber-schießen» von einem Simon, 6. Klasse oder hier «Sun Diego / Spongebozz Gunshot», was für herrliche Wörter! Arthur klebt am Glas. «Ich muss da rein! All die Sätze, sie warten auf mich…»

Wie Arthur es schaffte, in die Mediothek zu gelangen, ist bis zur Drucklegung dieses Textes nicht bekannt. Trotz intensiver Suche durch seine Therapeutin und den Behörden, bleibt Arthur nicht auffindbar. Der gut gemeinte Ratschlag für einen Süchtigen nach schönen Sätzen, sich in Dällikon davon zu erholen, ist offensichtlich falsch. Falls Sie, liebe Leserin, lieber Leser, mit einem Patienten ähnlicher Symptome zu tun haben sollten, so schicken Sie ihn vielleicht nach Dänikon aber sicher nicht nach Dällikon.

Urs Heinz Aerni

 

Auch hier wurde dieser Beitrag publiziert…

Mit einer Illustration von Ruedi Widmer

 

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„Bilder im Kopf das Laufen zu lehren“

Wie haben es Schreibende eigentlich mit ihrem Tun und ihrem Verhältnis zu Büchern und zur Sprache an der Arbeit. Fragen an den Schriftsteller und Hörspielautor Ulrich Land

 

Urs Heinz Aerni: Die Kraft der Sprache ermöglicht…

Antwort: … lauter Leute, die man kennt, und noch mehr, die man nicht kennt, einsteigen zu lassen in eine Kutsche, die losfährt und erst unterwegs damit rausrückt, wohin die Reise geht. Oder wohin nicht.

Aerni: Mein Lieblingsschreibort ist:

Ulrich Land: … ganz eindeutig der fahrende Zug. Smartphone ausgestellt, Landschaft vorbeirauschen lassen, zwei, drei Gesprächsfetzen aufschnappen, vielleicht sogar einbauen – und weiter und weiter schreiben. Und weiter. Raus in die Welt. In die Welt, die draußen vorbeifließt.

Aerni: Der Lesende darf meine Bücher…

Land: … gern auf den Kopf stellen. Fließt kein Blut raus. Das steckt hoffentlich zwischen und in den Zeilen. Und er darf auch die letzte Seite zuerst aufschlagen – bei meinen Krimis wird er allerdings wenig Glück haben; dann auf der letzten Seite steht meistens irgendein mehr oder weniger halbgares Kochrezept.

Aerni: Eine Welt ohne Bücher würde…

Land: … ein Leben ohne Atmen bedeuten. Okay, fast. Jedenfalls ohne eine gepfefferte Fantasiebeigabe. Überleben würde man wahrscheinlich auch ohne Bücher, aber das Erleben anderer Lebensdimensionen, das Eintauchen in andere Leben und andere Welten, die einem nicht via Leinwand oder Bildschirm vorgekaut werden, das würde wegfallen. Ein ewiger Verlust. Eine Verarmung. – Interessant aber, dass man sich die Frage überhaupt stellt. Dass man die Vorstellung einer Welt ohne Bücher überhaupt in den Kopf nimmt. Schon das ein Zeichen der Zeit. Und der Zeiten.

Aerni: Die Fähigkeit des Lesens ermöglicht…

Land: … die Bilder im Kopf das Laufen zu lehren.

Aerni: Die Arbeit mit Sprache und Geschichten bedeutet für mich…

Land: … mein Lebenselexier. Wüsste gar nicht, was ich sonst mit den Tagen anfangen sollte. Nee, echt.

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Ulrich Land, *1956 in Köln, lebt und schreibt in Freiburg. Neben Lyrik, Erzählungen und Essays hat er 40 Hörspiele und über 60 Radiofeatures veröffentlicht. »Krätze eiskalt« ist sein siebter Krimi in der Reihe »Mord und Nachschlag«. Land lotet in seinen Texten mit Vorliebe die Ränder des süßen Grauens und skurrile Alltagsereignisse aus. Krisen und Katastrophen, Süchte und Sehnsüchte, Mut und Unmut, Tod und Teufel sind sein Metier.
Sein aktuelles Buch: „Krätze eiskalt – Finnland-Krimi mit Rezepten, Mord und Nachschlag“

Wiederlesen mit Elke

„Keiner kennt meine Geschichten so genau wie ich.“ Das sagte Elke Heidenreich auf meine Frage, ob sie beim Vorlesen, auch mal spontan was ändere im Text. Dieses Interview wurde im St. Galler Tagblatt 2001 veröffentlicht. Wir trafen uns an den Solothurner Literaturtagen, nebenan saß Peter Bichsel. Meine Güte, wie viel Wasser ist seit dann durch den Rhein geflossen. Heidenreich ist eine unglaubliche Vielleserin und gehört zu den temperamentvollsten Literaturvermittlerinnen, was ich sehr schätze. Nun, nach so vielen Jahren werde ich sie wieder treffen, an der Novitätenschau im Literaturhaus Zürich am 13. Dezember um 19:30 Uhr, dann werden wir zusammen mit den Gastgeberinnen Gesa Schneider und Isabelle Vonlanthen neu entdeckte Bücher präsentieren. Welche Bücher die anderen drei vorstellen werden, weiß ich nicht. Aber es ist interessant, wie sich im Laufe des Lebens die literarische Vorliebe verändern kann. Oder tut sie es doch nicht? Egal, da Sie liebe Leserin und lieber Leser vielleicht nicht den Weg zu dieser Veranstaltung unter die Räder nehmen werden, darf ich Ihnen dafür heute schon meine Entdeckungen preisgeben.

Beat Gloor ist Sprachforscher und treibt in seinem Buch „uns ich er“ (Salis) ein herrliches Sinnspiel mit ungewöhnlichen Worttrennungen. Nicht ganz ein neues Werk aber eines, das würdig ist, noch von vielen sprachliebenden Zeitgenossen entdeckt zu werden. Neu ist von Hans Ulrich Bänziger „Ahnungslose Beute“ (Wolfbach), mit Miniaturen wie: „Ohne Schwerkraft wären wir schon längst im Himmel.“ oder „Er ging auf dem rechten Weg, doch in der falschen Richtung.“ „Wörter statt Möbel“ (Gesunde Menschenversand) macht deutlich, wie intensiv die verstorbene Autorin Aglaja Veteranyi in der Sprache lebte und nun ermöglicht uns ihr damaliger Bühnenpartner, Jens Nielsen, neue Zugänge in ihre Kunst. Matthias Jäger nimmt den Lesenden im „Der letzte Schritt der Vernunft“ (Bucher) mit, zu Ereignissen und Menschen in alter Zeit, die heute noch nachhallen und er versteht es, die Vergangenheit ins Hier und Jetzt zurück zu holen. Und dann wäre noch das grandios schön gemachte Buch „Das Gedicht & sein Double“ (Azur), das von Lyrikerinnen und Lyriker ein ausgesuchtes Gedicht einem ästhetischen Schwarzweißportrait gegenüberstellt, so, dass quasi die eine Seite mit der anderen den Dialog aufnimmt.

Diese Bücher bringe ich mit zur Novitätenschau aber, Sie können diese selbstverständlich kaufen aber noch nicht verraten, es soll am 13. Dezember eine Überraschung sein.

Urs Heinz Aerni

Link zum Anlass…

Dieser Beitrag erschien auch in der Zeitung BÜNDNER WOCHE

Das Leben auf der Bühne und mit Büchern und der Dialekt

Das Leben auf der Bühne und mit Büchern

Thomas Sarbacher spielt Rollen und Figuren vor der Kamera und auf der Bühne und er liest brillant aus Büchern im Literaturclub SRF/3sat oder an Festivals wie Sprachsalz in Tirol. An zwei Abenden am schönen Thunersee unterhalten wir uns über das Spiel mit Charakteren, das Lesen und das Leben drum herum.

Am 3. und 5. Dezember 2018 im Hotel Beatus Merligen. Hier geht es zum Veranstalter…

Die Mundart – und was sie mit uns macht

«Gredi üüfe» lautet das brandneue Gedichtbuch von Hanspeter Müller-Drossaart. Der erste Band des Autors erschien auf Obwaldnerisch, der zweite nun im Urner Dialekt. Seine Lesungen sind legendär, sein Spiel mit der Mundart ebenso. Was führt Hanspeter Müller-Drossaart dazu, so zu schreiben, wie den Menschen in den Bergtälern der Schnabel gewachsen ist? Erfährt die Poesie eine andere Erlebnisebene je nach Färbung mit Lokalkolorit?
Was passiert mit Ihnen, wenn Sie in einem «Tatort» schwäbisch hören, oder alemannisch oder auch tirolerisch? Genau, es heimelt an. Und in der Regel sind Figuren im Film, die Mundart sprechen, selten die Bösewichte. Meine Gesprächsgäste und ich nehmen Platz am literarischen Kaminfeuer in der guten Wortstube: Der Schauspieler Hanspeter Müller- Drossaart verwandelt sich im Rahmen seines Berufes wie kein anderer verbal in einen Bayer, Bündner oder Basler. Markus Gasser beantwortet als Redaktor der SRF-Sendung «Schnabelweid» Fragen rund um unsere Mundart. Als Experte meinte er in einem Zeitungs-Interview, dass «jeder Dialekt schön» sei. Ist dem so? Wir werden sehen.

Am 7. Dezember im La Marotte Affoltern am Albis. Hier geht es zum Veranstalter…

 

Und, am 13. Dezember ist die letzte Veranstaltung von 2018 angesagt, mit Elke Heidenreich in Zürich. Aber davon kurz vorher mehr auf diesem Kanal.

Bis bald und herzliche Grüße

Ihr Urs Heinz Aerni

Zum Tod des Literaten und Wortmenschen Ernst Nef

Ernst Nef (1931 – 2018)

Ernst Nef prägte die Geschichte des Literarischen Clubs Zürich (vormals Lesezirkel Hottingen) als Präsident und Vorstandsmitglied durch seine wunderbare entspannte Art, durch seine Lust an Literatur und dank seiner charmanten Weise der Vermittlung von Autorinnen und Autoren mit ihren Werken.

Ernst Nef wurde 1931 in Basel geboren und wuchs in Krefeld in Deutschland und in Goldach im Kanton St. Gallen auf. Sein Studium der Germanistik, Anglistik und Philosophie in Zürich und London bereitete den Boden, auf dem er sein Schaffen für die Literatur, das Feuilleton und die Sprachkultur weiterentwickelte und mit sehr viel Verve vorantrieb. Seine Arbeit als Gymnasiallehrer und als Literaturkritiker wurde von Schülerinnen und Schülern und der Leserschaft der Zeitungen Tages-Anzeiger, NZZ und Die Zeit sehr geschätzt bzw. gerne gelesen.

Seit 1996 wirkte er für die Zweimonatsschrift „Sprachspiegel“, in der er regelmäßig Artikel über Tendenzen und Trends in unserer Sprache publizierte, mit Esprit, scharfen Beobachtungen und punktueller Ironie.

Seine schriftstellerischen Arbeiten waren nicht für die Bestseller-Listen gedacht, die ihn auch nicht besonders interessierten. Seine Themen waren einerseits Persönlichkeiten wie Gottfried Benn, Carl Einstein oder Wolfgang Hildesheimer und andererseits seine Wahrnehmung der Welt und Beobachtungen in der Gesellschaft, die er in lyrische Texte münden ließ, oft so, dass bei der Leserin oder beim Leser ein Schmunzeln nicht zu verhindern war, was ein Buchtitel wie „Mach die Linsen scharf“ (1999) schon verspricht und  wofür er die Ehrengabe des Kantons Zürichs erhielt.

Ob als Vermittler von Literatur oder Schreibender: Ernst Nef gehörte zu den hellen Geistern der gelassenen Art. Er stopfte seine Pfeife, während er fragte oder herzlich lachte.

 

In seinem letzten Buch „Sei’s drum“ ist folgendes zu lesen:

 

In den alten Spiegel schauend entdecke ich

an meinem Kinn das Grübchen der Ehrgeizigen

und wundere mich

wie Menschen sich verstellen können.

 

Eine bedachte und lebensfröhliche Stimme ist nun verstummt. Schön, dass wir sie hören konnten und sie heute noch immer lesen dürfen.

 

Weitere Informationen zu den Publikationen von Ernst Nef finden Sie hier in der Nationalbibliothek Bern.

Der Beitrag erschien zuerst in der P. S. Zeitung Zürich.

Sprachsalz 2018 in Hall in Tirol

Am kommenden Wochenende bespielen die Internationalen Literaturtage Sprachsalz einmal mehr die Säle, Bühnen und Terrassen des Parkhotel Hall und des Medienturm Ablinger.Garber: Freuen kann man sich u. a. auf Mark Z. Danielewski, Gert Loschütz, Yannick Haenel, Antonia Baum, Que Du Luu, Serhij Zhadan und David Schalko. Der Eintritt ist frei.

TERMINE

Parkhotel-Autoren-Empfang:
DO, 13. September 2018, ab 19.00 Uhr
(Eröffnung, Presse herzlich willkommen!)

Beginnzeiten:
FR, 14. September, ab 13.00 Uhr
SA, 15. September, ab 11.00 Uhr
SO, 16. September, ab 11.00 Uhr

Großer Sprachsalzabend mit David Schalko, Mark Z. Danielewski u. a.:
SA, 15. September, Einlass 18.00 Uhr, Essen 19.00 Uhr, Programmbeginn 20.30 Uhr
Reservierungen erforderlich, Details hier

Das gesamte Programm finden Sie hier

AUTORINNEN und AUTOREN 2018
Thomas Antonic (Österreich), musikalisch begleitet von Michael Fischer
Antonia Baum (Deutschland)
Zora del Buono (Schweiz) Mark Z. Danielewski (USA)
Meret Gut (Schweiz)
Yannick Haenel (Frankreich)
Gert Loschütz (Deutschland)
Que Du Luu (Deutschland)
Jürgen & Thomas Roth (Deutschland)
Robert Rotifer (Österreich/England)
Jaroslav Rudiš (Tschechien)
David Schalko (Österreich)
Bernd Schuchter (Österreich)
Andrzej Stasiuk (Polen)
Serhij Zhadan (Ukraine)

Details zu allen AutorInnen hier

SPRACHSALZ 2018

Alle Autoren und das Detailprogramm sind unter www.sprachsalz.com.
Bildmaterial sowie alle Presseunterlagen finden Sie als Download hier

Für Ihr Interesse und Ihre Unterstützung bedanken sich die Sprachsalz-OrganisatorInnen:
Valerie Besl, Magdalena Kauz, Max Hafele, Heinz D. Heisl, Elias Schneitter, Urs Heinz Aerni, Ulrike Wörner

 

Experimentell und mehrdimensional, hochaktuell und politisch ­– das Spektrum der vorgestellten Texte und Bücher bei den 16. Literaturtagen Sprachsalz (14.–16. September) präsentiert sich literarisch wie inhaltlich welthaltig: Mark Z. Danielewski führt durch kunstvolle Text- und Wahrnehmungsspiralen, Gert Loschütz, Yannick Haenel und Antonia Baum berichten aus der Mitte unserer Gesellschaft und Que Du Luu, Serhij Zhadan und David Schalko erzählen von den Folgen von Krieg und Gewalt. Alle Veranstaltungen sind bei freiem Eintritt zu besuchen.

 

„Das Begreifen der Welt durch Geschichten, aber auch durch die Sprache, die sie ausmacht, ist seit jeher zentrales Anliegen der Texte, die bei Sprachsalz eine Bühne bekommen“, so Magdalena Kauz, die gemeinsam mit Urs Heinz Aerni, Heinz D. Heisl, Elias Schneitter und Ulrike Wörner das Programm verantwortet. Der US-amerikanische Autor Mark Z. Danielewski ist einer der AutorInnen, die beides vereinen: Schon in seinem gefeierten Prosadebüt „Das Haus – House of Leaves“ schickt er seine Leserschaft durch typografische Labyrinthe und Textspiralen und treibt seine Geschichten mit Ironie und Wortspielen lustvoll und unerbittlich voran.

 

GESELLSCHAFT UND POLITIK

Der Verleger und Schriftsteller Bernd Schuchter eröffnet das Festival mit der traditionelle Lesung durch einen Tiroler Autor: In „Herr Maschine oder vom wunderlichen Leben und Sterben des Julien Offray de La Mettrie“ porträtiert Schuchter den französischen Arzt und Philosophen, der das Konzept des Menschen als Maschine vorformuliert hat und damit nicht nur die konservativen Kräfte im Europa des 18. Jahrhunderts gegen sich aufbrachte.

Kann Literatur die Welt verändern? Der französische Schriftsteller Yannick Haenel erzählt Geschichten aus der Mitte unserer Gesellschaft: In seinem gesellschaftstheoretischen Roman „Die bleichen Füchse“ über die Festung Europa begleitet er seinen Helden bei dessen Kampf für humane Werte und untersucht das entpolitisierte Frankreich von heute auf rebellische Unterströmungen.

Ausgangspunkt von Gert Loschütz‘ Roman „Ein schönes Paar“ – mit dem er soeben für den Deutschen Buchpreis nominiert wurde – ist die politische Teilung Deutschlands und die daraus resultierenden privaten Folgen: Der Tod der Eltern und die anschließende Spurensuche führen den Ich-Erzähler in die eigene Kindheit zwischen Ost und West und zu den Geheimnissen einer Liebes- und Ehegeschichte.

Auch die deutsche Journalistin und Autorin Antonia Baum widmet „Tony Sonprano stirbt nicht“ einer Eltern-Kinder-Beziehung: Ihr berührendes Buch über den Tod und das Schreiben erzählt von Kindern, die ständig um das Leben ihres risikoverliebten Vaters fürchten, und darüber wie es sich anfühlt, wenn aus Fiktion plötzlich Realität wird.

Das Dunkle und Undurchschaubare, die Geheimnisse der Menschen und der Orte, an denen sie leben: Das sind die großen Themen der Schweizer Autorin Zora del Buono. Im Roman „Hinter Büschen, an eine Hauswand gelehnt“ prägen die Ereignisse um Edward Snowden und den WikiLeaks-Skandal eine radikale Liebesgeschichte zwischen einer Dozentin und einem Studenten.

 

KRIEG UND DIE FOLGEN

Der ukrainische Schriftsteller Serhij Zhadan widmet sich den Folgen von Krieg und Gewalt: Seine Bücher spiegeln die aktuelle Situation in der Ostukraine, voll Absurdität, Anarchie und Chaos, unmittelbar und authentisch wider. Die Auseinandersetzung mit dem Krieg im Donbass findet nun mit seinem Roman „Internat“ ihren vorläufigen Höhepunkt, in dem Zhadan die vertraute Umgebung in ein unheimliches apokalyptisches Territorium verwandelt.

Die Texte des polnischen Schriftstellers Andrzej Stasiuk sind im Unterwegssein verankert: Er begibt sich an die östliche Peripherie, in die Grenzgebiete und zu den Übergängen, um in den Landschaften die Spuren der Geschichte zu finden. So auch in seinem aktuellen Werk „Der Osten“, einer Summe seines Reisens und Schreibens über Europa jenseits des Grauens einer kriegerischen Vergangenheit und Gegenwart.

Das tschechische Multitalent Jaroslav Rudiš schlüpft in seinem brillanten Monolog „Nationalstraße“ in den Kopf und den Körper eines Schlägers zur Zeit der samtenen Revolution in Prag. Rudiš hat sich als Romancier einen Namen gemacht, aber auch als Dramatiker, Verfasser der verfilmten Graphic-Novel-Trilogie „Alois Nebel“ und als Musiker, unter anderem mit der Kafka Band.

Von der Suche nach Glück und Identität handelt Que Du Luus „Im Jahr des Affen“: Als gebürtige Chinesin flüchtete Du Luu nach Ende des Vietnamkriegs wie Millionen andere Boatpeople über das Meer. Auch in ihrem klugen, unterhaltsamen und hochaktuellen Entwicklungsroman steht eine chinesische Einwandererfamilie zwischen Vergangenheit und Gegenwart, Tradition und neuer deutscher Heimat im Zentrum.

Regisseur und Schriftsteller David Schalko gelingt in seinem neuen Roman „Schwere Knochen“ ein faszinierender Einblick in das Innere von Menschen, deren Seele durch den Nationalsozialismus zerstört wurde: Inspiriert durch wahre Begebenheiten, erzählt mit viel schwarzem Humor und großer Empathie zeichnet Schalko ein Porträt der österreichischen Nachkriegsgesellschaft und ihre Unterweltszene zwischen furiosem Gangster- und atypischem Heimatroman.

 

TEXTE UND BILDER

Beeinflusst von US-amerikanischen Beatautoren bedient sich der österreichische Autor und Musiker Thomas Antonic in seinem zweisprachigen Buch „Flackernde Felsbilder übler Nachtvögel / Flickering Cave Paintings of Noxious Nightbirds“ der Assoziation: Mittels Montage- und cut-up-Techniken mischt er Zitate, Gesprächs- und Gedankensplitter zu einem furiosen wie rauschhaften Szenarium. Bei Sprachsalz wird er musikalisch von Michael Fischer begleitet.

Berauschend sind auch die Naturerlebnisse, die die Schweizer Molekularbiologin und Lyrikerin Meret Gut in ihrem Debüt zeichnet: Der Band „Einen Knochen tauschen wir“ versammelt Hymnen auf das starke, erschöpfende Leben, auf Nacktheit und Natur, aber auch auf Melancholie und Verflüchtigung.

AMUSE BOUCHE

Die Sprachsalz-Reihe „Amuse Bouche“ stellt auch in diesem Jahr Autoren vor, die auf verschiedenen Ebenen mit ihrem Werk präsent sind: Der in London lebende Schweizer Kulturjournalist Hanspeter „Düsi“ Künzler spricht mit dem österreichischen Musiker, Musikjournalisten und Radiomoderator Robert Rotifer darüber, was Songs von Singer-Songwritern mit Literatur zu tun haben. Rotifer, der seit 20 Jahren in England lebt, hat zuletzt das Album „Not Your Door“ veröffentlicht, in dem er unter anderem an seine Großmutter, die Widerstandskämpferin und Kommunistin Irma Schwager, erinnert.

Ein Spaziergang in Hall mit Vogelschau erwartet die BesucherInnen bei „Amuse Bouche – unter Vögeln“: Urs Heinz Aerni spricht mit dem Schriftsteller und Journalisten Jürgen Roth und dem Historiker Thomas Roth über ihre witzige Naturkunde „Kritik der Vögel“, in der die beiden eine Auswahl aus 11.000 Vogelarten präsentieren und mit Hilfe von Fallbeispielen bis heute unbeantwortete Fragen stellen.

 

SPRACHSALZ-CLUB

Einmal mehr wird im Rahmen von drei Sprachsalz-Clubs auch über das Schreiben gesprochen: „Wie ist das mit dem Schreiben in Tirol?“ fragt Boris Schön bei einer Lesung mit Gespräch den Schriftsteller und Verleger Bernd Schuchter. Moderiert von Alexander Kluy gibt Mark Z. Danielewski Einblicke in seine experimentellen und konzeptuellen Arbeitsprozesse. „Wie weit darf ich gehen? Und wann tut es weh?“ ist das Thema einer Diskussion über Autobiografie, Erinnern und Historie mit Sprachsalz-AutorInnen und Alexander Kluy.

 

SPRACHSALZ-GALA

Der Festabend am Sprachsalz-Samstag bietet Kulinarisches und Literarisches: Neben Lesungen – etwa von Mark Z. Danielewski oder David Schalko – gibt es ein Sprachsalz-Menü. Einlass 18.00 Uhr, ab 19.00 Uhr Vorspeise und Hauptgänge, Lesungen ab 20.30 Uhr, Dessertpause. Reservierung nur mit Menü möglich (VVK à 39 Euro/Person, ohne Getränke): online https://www.sprachsalz.com/reservationen/ oder unter reservation@sprachsalz.com bzw. T: 0043 676 5126635.

 

SPRACHSALZ-MINI

Auch in diesem Jahr bietet Sprachsalz-Mini mit einer Buchwerkstatt für Kinder Einblicke hinter die Kulissen und lädt zum Selbermachen ein. Währenddessen wird es kurze Leseeinheiten von Sprachsalz-Autorinnen und -Autoren mit Texten für Kinder geben. (Eintritt frei, für Kinder von 7–12 Jahren, Material wird zur Verfügung gestellt – Anmeldung empfohlen: https://www.sprachsalz.com/programm/sprachsalz-mini/

 

Sprachsalz-Audiofiles

Sprachsalz stellt bereits während dem Festival Audiofiles und vereinzelt auch Videos im Sprachsalz Audio-Archiv online zur Verfügung. Teile des Festivals können so nachgehört werden, auch dank der Unterstützung durch das Innsbrucker Zeitungsarchiv. https://www.sprachsalz.com/audios/

 

Zwei entdeckte Bücher

Es war in der Pause eines Theorieabends über Vögel in Zürich. Der Verfasser dieser Zeilen kam mit Meret Gut ins Plaudern, auch über Literatur. Sie outete sich als Lyrikerin. Die Neugier war geweckt und führte ihn dazu, sie zu fragen, ob er etwas lesen dürfe. Am nächsten Theorieabend – es ging um Limikolen – händigte sie ihm das Manuskript aus. Noch in der Straßenbahn ließ er sich auf ihrem Wortteppich durch die nächtliche City gleiten. Jedoch nicht im taumelnden Traum der Verklärung, es ist eher eine Art der Erdung, die hier bei der Lektüre geschieht. Als würde man auf einem moosigen weichen Waldboden gehen, irgendwie archaisch, direkt und naturnah. Die 1989 geborene Meret Gut schloss mit einem Master in Molekularbiologie ab, unterrichtet Biologie, kämpft für den Naturschutz … und schreibt Poesie! Eine Poesie, die nach deren Genuss weiter austreibt und gedeiht. Dies zum ersten entdeckten Buch.

Als Radio SRF eine Besprechung eines literarischen Buches über Vögel ankündigte, wurde der Verfasser als Leser und Hobby-Ornithologe hellhörig. Und fürwahr, nach dem Interview mit den beiden Brüdern und Autoren Jürgen und Thomas Roth wurde das Buch beschafft. Jürgen Roth wurde 1968 geboren und lebt als Schriftsteller in Frankfurt am Main, er schreibt für Medien wie FAZ, taz oder die Titanic. Thomas Roth wurde 1971 geboren und lebt als Historiker im Rheinland. Beide fanden schon früh ihre große Liebe zu den Vögeln.

Aus den rund 11´000 Vogelarten besprechen die beiden ausgesuchte Arten wie andere Filme oder Romane. Sie kreisen all die Eigenarten der gefiederten Subjekte fabulierend und aus der Fachliteratur zitierend solchermaßen ein, dass der Lesende zu staunen beginnt. Ein Staunen über den Umstand, wie etwa in alter Zeit die Tierwelt interpretiert wurde und wie Esprit und Witz der Sprache guttun kann. Und erst recht ein Staunen über all das Wunderbare, was in der Welt der Piepmätze geschieht.

 

Urs Heinz Aerni

Die Angaben zu den Büchern: „Einen Knochen tauschen wir“ Gedichte von Meret Gut, Wolfbach Verlag, ISBN 978-3-906929-00-2; „Kritik der Vögel – Klare Urteile über Kleiber, Adler, Spatz und Specht“ von Jürgen und Thomas Roth, Verlag Blumenbar bei Aufbau, ISBN 978-3-351-05032-0

Die drei oben erwähnten Schreibende werden am Festival Sprachsalz 2018 in Hall in Tirol zu Gast sein. Hier gelangt man zum Programm.

Muss Schreiben legitimiert werden?

Soeben komme ich zurück aus Innsbruck. Dort unterhielt ich mich an einem Podium mit Autorinnen und Autoren über Fragen wie: «Wie gelingt es mir, zeitliche und örtliche Schreiboasen zu finden?», «Wie viel Struktur braucht ein literarischer Text?», «Wie finde ich einen Verlag?», «Was macht ein guter Verlag für mich?», «Warum wird mein Buch in den Medien nicht wahrgenommen?», «Auf was ist bei einer öffentlichen Lesung zu achten?» oder «Ist Schreiben ein monologischer oder dialogischer Akt?»

Meine Seminare als Literaturagent an den Volkshochschulen sind stets gut besucht und ich beginne jeweils mit den Worten: «Meine Damen und Herren, Sie wissen, dass die Welt auf Ihr Buch wartet.» Ein Lachen geht durchs Auditorium, weil sie wissen: die Welt ist voll von Büchern. Aber, das ist gut so! Schreiben gehört zu den wichtigsten Künsten über die der Mensch verfügt. Schreiben ist der Versuch, zu verstehen, begreifen, einzuschätzen, abwägen, bewältigen und ist ein Mittel für Gegenmaßnahmen. Schreiben ist ein Umkehrschub, der die innere Welt gegen außen stülpen lässt, ein proaktives Agieren. Texte lassen in Seelen blicken, sie lassen erkennen, was in Herz und Sinn des Verfassenden rumort. Texte widerspiegeln Zeitgeist, sie verändern sich analog zur Mediennutzung. Niedergeschriebene Sprache mutiert sich in die Formen der Medien. Das schöne dicke Buch lässt sich noch immer in den Händen von lesenden Menschen finden, im Wartesaal oder auf der Parkbank. Lesende halten sich oft in dichtgedrängten S- und U-Bahnen oben mit einer Hand fest und mit der anderen scrollen Sie Texte auf dem Smartphone. Ohne Text, keine Gesellschaft. Ohne Sprache keine Welt.

An dem erwähnten Anlass in Innsbruck überraschte mich eine Frage besonders: «Wie legitimiere ich mein Schreiben?» Wie bitte? «Ja, meine Freunde und Familie tun sich schwer zu akzeptieren, dass ich viel Zeit fürs Schreiben verwende und zudem ich nicht mal damit Geld verdiene.» Unglaublich, nicht? Da lassen andere teure Drohnen starten, reisen ihrer Fußallmannschaft hinterher und basteln stundenlang an ihrem Opel Manta rum, alles unter dem Akzeptanz-Titel «Hobby». Liebe Schreibende, bleiben Sie dran, lassen Sie nicht nach, tun Sie’s weiter und schenken Sie der Welt neue Texte.

 

Urs Heinz Aerni

Info: Am 24. Und 25. November bietet der Autor den Workshop «Wie veröffentliche ich ein Buch?» in Lenzerheide an. Infos und Anmeldungen: ursaerni@web.de

Der passende Buchtipp: «Frauen, die schreiben, leben gefährlich» von Elke Heidenreich, Insel, 978-3-458-35995-1, CHF 14.90

Diese Kolumne erschien zuerst in der Zeitung BÜNDNER WOCHE

Die Kunst des digitalen Grüßens

Wie grüßen Sie? Also nicht auf der Straße oder im Laden, sondern digital, am Schluss einer E-Mail. Hier herrschen ganz eigene Gesetze. Nirgend sonst in der Kommunikation wird dergestalt mit der Grußformel gespielt und variiert wie im Mail-Verkehr.

Wenn die Presseabteilung eines Verlages anfragt, ob ich ein Buch besprechen möchte, wird immer «herzlich» gegrüßt. Die ungeschriebenen Grußgesetze zeigen den Aggregatszustand der Beziehungen an. Da war zum Beispiel die Dame, mit der ich für ein Projekt zu tun hatte. Wir wechselten via Mail vom «Sie» zum «Du». Jede Mail in der Startphase schloss mit «Liebe Grüße» oder «Herzliche Grüße» oder gar nur mit «Herzlich». Dann kamen die ersten Herausforderungen in Planung und Budgetierung etc. Hier begannen die ersten unterschiedlichen Ansichten und Arbeitsmethoden zum Vorschein zu kommen, also auch Meinungsunterschiede. Demgemäß schienen sich die Grußworte der Stimmungslage anzupassen. Vom «Herzlich» mutierte es sich herunter auf «Beste Grüße» und «Gruß». Wenn kalter Krieg herrscht, so liest man dann wieder «Freundliche Grüße», der eisige Tiefstand in der Austauschkultur. Im Comics hätten die Sprechblasen dann Eiszapfen. Ich wollte es schon mit dem veralteten «Hochachtungsvoll» versuchen aber das wäre eines zu viel aufgesetzt. Wir hüpfen also heutzutage zwischen «Herzlichst», was ja schon eine Umarmung bedeutet, und dem Formalen, wo wir uns fast zwingen müssen, überhaupt zu grüßen. Ich stelle mir die Frage, was heutzutage Freundschaften noch auszuhalten vermögen. Da ich nicht weiß, was Sie von meinen Kolumnen halten, schließe ich mit folgendem Gruß … Moment, in der Kneipe, in der ich diese Zeilen schreibe, grüßt mich der Wirt, der frei heraus erklärt, dass er schwer krank ist …

Da verpixelt mein obiges Gedankenspiel zum Luxusproblem, nicht?

Herzlich, Ihr

Urs Heinz Aerni

 

Der passende Buchtipp: «Duden Ratgeber – Briefe und E-Mails gut und richtig schreiben» Bibliographisches Institut, ISBN 978-3-411-74303-2

Beitrag erschien auch in der Bündner Woche und Berglink Berlin

„Es gibt Menschen, die vor allem in Bildern, Klängen und Düften denken“

Mit neuen Begriffen zu einem neuen Menschenbild. Die siebente Flugschrift von Rupert Bucher widmet sich dem Begriff der Sprache der Handlung. Diese, als Grundsprache nicht nur des Menschen, sondern aller Lebewesen, soll uns die Wurzeln und Gemeinsamkeiten allen Lebens aufzeigen. Ich stellte dem Denker und Autor Fragen dazu.

Ihre Flugschriftenreihe, deren 7.Band unter dem Titel „Die Sprache der Handlung“ aktuell erschienen ist, steht unter dem Motto „Neues sehen – Neues wagen“. Welcher Grundgedanke findet sich dahinter?

Stellen Sie sich vor, Sie gehen einen Weg, den noch niemand gegangen ist und wissen nicht, wohin er führt – das ist Wagnis. Vernunft, Verstand, Bewusstsein, Unbewusstes, Intuition, Selbst, Fantasie, Trieb, Instinkt, Moral, Gewissen und Sexualität, Erziehung und Rolle sind die Grundbegriffe des autoritären Weltbildes. In diesen ist unser Denken über uns selbst und den Menschen im Allgemeinen fest verankert und mit dem Prinzip der Hierarchie verkettet. Durch deren weitere Verwendung halten wir das alte Weltbild am Leben. Über die Verabschiedung dieser Begriffe das Denken und Handeln frei zu machen, war der erste Schritt.

Das hieße, wir müssten neue Wörter für ein neues Denken erfinden…?

Korrekt. Die Formulierung und Anwendung neuer, von der Geschichte unbelasteter Begriffe, ist das Anliegen der Flugschriftenreihe. Diese kreiert das Gemälde eines neuen Menschenbildes, das dann in der letzten Flugschrift unter dem Titel „Was den Menschen zum Menschen macht!“ zusammengefasst werden soll. In der Gesellschaft sehen wir die Verabschiedung des alten patriarchalen Weltbildes in aller Deutlichkeit am Zerfall der Familien. In allen anderen gesellschaftlichen Organisationen, die noch dem Prinzip der Hierarchie folgen, kämpft der alte Geist um sein Überleben. Es gibt große Betriebe, in denen herrscht in der einen Abteilung ein tyrannischer Vorgesetzter, gleich welchen Geschlechts, der seine Mitarbeiter in die Verzweiflung oder einen Burn-out treibt und in der anderen beobachten wir ein partnerschaftlich-kollegiales Miteinander. Die Zeichen des Umbruchs sind unverkennbar.

Und das neue Sehen? Was zeigt sich diesem?

Ein mächtiges gesellschaftliches Tabu! Die Gewalt der autoritären Frau und ihr verstecktes Matriarchat. Nun kann sie sich nicht mehr hinter dem Bild der heiligen Mutter und des ewigen Opfers verstecken.

Folgt der Aufbau der Reihe einer Systematik, bzw. in welchem Verhältnis stehen die einzelnen Titel der Reihe zueinander?

Ihre Entstehung gleicht dem eines Bildes, einer Skulptur oder eines Gedichts. Über die einzelnen Titel formt sich ein neues Bild des Menschen.

Mit anderen Worten, Sie erschaffen mit all den Büchern eine Art Skulptur, die einen neuen Blick auf den Menschen visualisiert.

Kann man so sagen. In all den Jahrzehnten meiner Arbeit als Psychotherapeut, mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen, sind mir viele Menschen begegnet, die unter der schulischen Rationalitätsdressur, anders kann man das nicht nennen, sehr gelitten haben. Waren das einfach die Dummen, die halt nichts begriffen haben? Gewiss nicht! Es gibt Menschen, die vor allem in Bildern, Klängen und Düften denken, nicht in der logischen Schlussfolgerung.

Also dürfen gewohnte Wörter nicht ins Recycling gelangen, sondern in den verbalen Sondermüll?

Richtig. Es gibt noch weitere Gründe, warum es an der Zeit ist, sich von den alten Begriffen der antiken Sklavenhalter-Gesellschaften, insbesondere der griechisch-römischen Kultur, zu verabschieden. Die Beziehung von Frau und Mann hat sich in den letzten Jahrzehnten grundlegend verändert. Gleichzeitig vollzieht sich der Umbruch in der Kernzelle der Gesellschaft. Die Familien lösen sich auf.

Zudem hat die technische Entwicklung ein schwindelerregendes Tempo angenommen.

All diese Veränderungen und die damit verbundenen Aufgaben sind mit den alten Begriffen aus längst vergangenen Zeiten nicht mehr zu bewältigen. Gemeint sind die Begriffe, in denen sich der Mensch selbst zu verstehen versucht. Wagen wir es, diesen, vom Hauch des autoritären Weltbildes durchwehten Begriffen Adieu zu sagen.

Wen möchten Sie besonders mit der Flugschriftenreihe ansprechen?

Alle Menschen auf der Suche nach sich selbst, dem Leben und immer neuer Erkenntnis. Der Leser ist eingeladen, an dem Projekt, mit neu zu formulierenden Begriffen am Entstehen eines gänzlich anderen Menschenbildes unmittelbar teilzunehmen. Über die Lektüre der stetig sich erweiternden Flugschriftenreihe kann der Leser eintauchen in dieses Abenteuer. Er kann in neue Denkwelten vorstoßen, sodass sich ihm unbekannte Einblicke und Einsichten eröffnen werden.

Was erwartet den Lesenden der Flugschriften?

2013 betrat ich den Pfad der neuen Worte. Seit 2014 sind jedes Jahr ein bis zwei neue Titel erschienen, was auch in den folgenden Jahren so bleiben soll. Der Leser befindet sich gemeinsam mit dem Autor auf diesem Pfad, von dem niemand weiß, wohin er führen wird. Er ist unmittelbar beteiligt an diesem Projekt gleich einem Fortsetzungsroman, das ist einmalig in dieser Form von Erkenntnisabenteuer.

Wirken sich diese neuen Einsichten für die Leserin und den Leser auch auf die Praxis des Lebens aus? Wenn ja, wie?

Ja gewiss. Mit den neuen Begriffen wird sich seine Wahrnehmung in sozialen Situationen verändern. Er kann dadurch die familiären Muster seiner Herkunft und die anderer in allen erdenklichen Situationen sofort erkennen. Das ist besonders hilfreich in der Partnerschaft, im familiären Alltag mit den Kindern und bei Konflikten im Berufsleben. Aber es geht darüber hinaus um sehr viel mehr: um eine Vision der Überwindung des menschlichen Leidens, der Leere des Nichts, die wir Depression nennen.

Welche Begriffe stellten Sie denn in den vorherigen Büchern auf den Prüfstand?

Die Auseinandersetzung startete mit den Begriffen Trieb, Instinkt, Sexualität, Erziehung und Rationalität, wandte sich dann dem Thema der autoritären Frau zu, um dann bei der Suche nach dem wahren Selbst zu landen. Immer steht im Zentrum, die neuen Begriffe in der konkreten Anwendung vorzustellen. Der Anspruch ist ja, über sie zu vertiefter Erkenntnis vorzudringen.

Im aktuellen, siebten Band der Flugschriftenreihe wird der neue Begriff der Sprache der Handlung eingeführt. Er soll uns die Grundsprache des Menschen, die er mit allen Lebewesen gemeinsam hat, näherbringen. Auch hier erwarten den Leser überraschende Einsichten.

In welches begriffliche Neuland werden Sie uns in den kommenden Bänden entführen?

Der nächste Band wird den Titel „Das Ich-Gesicht“ haben. In ihm wird gezeigt, dass das Ich des Menschen aus den Drehbüchern unserer familiären Geschichte besteht. Ihm folgt dann eine Flugschrift über die Depression, die über das Ich-Gesicht und die Sprache der Handlung ihre Rätselhaftigkeit verliert. Durch den völlig neuen Zugang eröffnen sich die Wege der Bewältigung und der Übergang in eine grundlegend veränderte Lebenshaltung.

Rupert Bucher, geboren 1950 in Lindau am Bodensee. Er studierte Philosophie in München und Marburg, Psychologie an der Christian-Albrechts-Universität und Bildhauerei an der Fachhochschule (ehemalige Muthesius-Schule), beide in Kiel. Seit 1982 zurück in Lindau, arbeitet er als Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut, Psychologischer Psychotherapeut und Supervisor in eigener Praxis.

Das aktuelle Buch oder Flugschrift: Rupert Bucher: „Die Sprache der Handlung“, Bucher Verlag, 978-3-99018-441-7