Rothus Verlag

Vielfalt – auch im Tourismus

Dass es nicht ungefährlich ist, der großen bunten Zeitung ein mündliches Interview zu geben, erfuhr ein Tourismuschef irgendwo in Graubünden. Aus dem langen Gespräch blieb ein Satz übrig, der besagt, dass Biker mehr Geld in die Ferienregion brächten als Wanderer. Logisch, dass darüber diskutiert wurde. Obwohl nicht sicher ist, aus welchem Zusammenhang dieser Satz gerissen wurde, fragte ich mich etwas herum, was man so denke, über die Zukunft des Tourismus mit velofahrenden und wandernden Feriengästen.

Unser Wasserbotschafter Ernst Bromeissieht die Zukunft im Miteinander und weiß von einer Wanderin aus Arosa und einem Biker aus Lenzerheide, die sich auf dem Hörnligrat verliebten. Seitdem würden sie gemeinsam durchs Leben radeln und wandern.

Peter-Lukas Meier, Herausgeber des Wandermagazins Schweiz, schätzt die Zahl der Genusswanderer immer noch höher ein, die auch beim Essen und der Unterkunft Geld fürs Genießen ausgeben möchten und fährt fort: „Mit den E-Bikes verändert sich der Markt im Moment noch einmal radikal, bald werden die Hardcore-Biker an den Rand gedrängt werden“, so dass sich Tourismus-Chefs zusätzliche Angeboten ausdenken müssten. Er sei froh, dass dieses Thema öffentlich diskutiert würde.

Die Herausforderung oder sagen wir, die Lust auf neue Konzepte, müssen auf jeden Fall eine Vielfalt an Bedürfnissen abdecken; vom Kamikaze-Biker über die Extremkletterin und Blümchenbestauner bis zum Dauerwellnesser. Das entspricht dem Gesetz der Biologie, das besagt, dass die größte Biodiversität das Überleben sichert…

Passende Lektüre: Wandermagazin Schweiz – kann am Kiosk und im Buchhandel gekauft oder abonniert werden

image

Lust statt Angst

Soeben fand ein sehr inspirierendes Gespräch im Hotel Schweizerhof in Lenzerheide statt.
Mit Rolf Lyssy, Giancarlo Pallioppi (Kurhaus) und Ehepaar Züllig (Schweizerhof) am Podium über die Zukunft Schweiz unter der Leitung von Urs Heinz Aerni.

Fazit: Zu dem stehen, was wir haben, Lust am Job, Interesse an Inhalten und kreativ die Zukunft gestalten wollen.

Zum Schluss betonte Lyssy, dass jegliche Angstmachereien durch populistisch agierende Politik weder helfen noch nützen.

Ein Bericht zu diesem Anlass folgt demnächst in der Zeitung NOVITATS.

Foto von Nicole Trucksess („Novitats“) zeigt auch Lukas Moos (Präsident der örtlichen Lions) bei der Begrüßung.

Uniflame Barbecue Grill Models:
GBC730W - GBC750W - NSG3902B - NSG4303 - Patriot - SG380 - SG380-2 - Wellington.

Die Lust am Grill

Oder wie wir uns wieder grillend in die Zivilisation zurückverwandeln

Hier stand ich, mit der Zange in der Hand, die glühende Kohle vor mir im Grill und lässig das Küchentuch über der linken Schulter liegend. Ich war der Grilleur vom Dienst. Die Gäste trafen langsam ein, der Tisch im Garten war gedeckt, die Flaschen entkorkt und meine Frau schien an meine Grillkompetenz zu zweifeln. So interpretierte ich ihre ständigen Blicke auf meinen Grill, der mit seinem Rauch unsere Nachbarhäuser poetisch umnebelte. Ab und zu hörte man heftiges Fensterschließen aber das löste bei mir nur noch mehr heftiges Kohlestöbern aus. Gelassen und mit Profiblick ruhte ich in mir als die ersten Herren der geladenen Gäste mich am Grill begrüßten und erste fachmännische Begutachtungen vom Rost vornahmen. Zuerst sprachen wir über Fußball und das neue Bauverordnungsgesetz bis dann die ersten Kommentare über die Kunst des Bratens auf offenem Feuer die Runde machten … „Diese Wurst musst Du wenden“, „Da hat es zu viel Glut“, „Das Fleisch hier hat genug“, „Willst Du nicht mal…“
„Stopp!“ Alle schwiegen und sahen mich an. Ich legte dem einen das Tuch über die Schulter, dem anderen drückte ich die Zange in die Hand: „Jungs, Ihr macht das prima, ich freue mich auf das Essen.“ Ich drehte mich um und ging zu den Damen am Tisch um mit ihnen mit dem Cüpli anzustoßen.

Es scheint sich die klischierte These zu bestätigen, dass archaische Grundinstinkte, die noch immer in uns aus der Steinzeit schlummern, je nach Situation auszubrechen drohen. Was müssen das für Zeiten gewesen sein, als die Männer sich auf die behaarte Brust hämmerten und ihren erlegten Dinosaurier in Stücke aufs Feuer warfen. Dem Weibchen zu zeigen, was man für ein potenter Ernährer ist, wird zum Beispiel beim Vogel namens Neuntöter schön deutlich. Das Männchen spießt Molche und Frösche auf einer Hecke auf, mit der Botschaft an das Weibchen: „Schau her, ich kann für Weib und Kind sorgen“.

 

Archaische Spurenelemente
Je moderner wir wurden, desto mehr kehrte das Grillen wieder in unsere Zivilisation. Auch nach dem Sommer endet die Grillsaison nie und nimmer. Auf den Balkonen stehen die komplexesten Geräte mit Namen wie „Performer Deluxe GBS Gourmet“ – laut einem Onlineanbieter – und werden im tiefsten Winter hochgefahren. Während die Damen drinnen das Prosecco-Glas erheben, stehen draußen die Kerle in der Kälte, vom Grillrauch eingelullt und klopfen sich gegenseitig auf die Schulter bei jeder erfolgreich gar gewordener Wurst.
Verstehen Sie mich bitte nicht miss, das hier ist keine Kritik noch Satire gegenüber den Spurenelementen der Männlichkeit aus vergangener Zeiten. Das ist doch gut so, nicht? Aber in solchen Momenten frage ich mich, ob eine perfekte Gleichstellung der Geschlechter mit all den edlen Absichten oft daran scheitert, die femininen und maskulinen Seiten der Menschheit völlig neutralisieren zu wollen. Bewege ich mich auf dünnem Eis mit diesem Thema? Wahrscheinlich schon.

 

Krawatte und Fett
Die Renaissance des Zubereitens auf offenem Feuer macht vielleicht auch das Bedürfnis sichtbar, wieder näher zur Natur zu rücken, zumal im Bereich der Kulinarik. Es scheint sich eine Lust auszubreiten, die Designerklamotten nach Feierabend in den Wäschekorb zu schmeißen, sich in T-Shirt und Shorts zu stürzen um ins Freie zu hechten um saftiges Fleisch aufs glühende Gitter zu legen. Der Rauch, das Brutzeln, das Zischen durch das ins Feuer triefende Fett, halb angesengte Finger beim Fleischwenden und alles andere ist ein heilendes Kontrastprogramm zur Karrierequal in der Teppich-Etage mit Krawatte, die die Kehle zuzuschnüren scheint. Eine Zuspitzung des natürlichen Erlebnisses könnte durch ein Joggen vor dem Grillen entstehen, denn im Schweiße des Angesichts lässt sich noch besser mit dem beißenden Rauch kämpfen.

 

Eine Grillwende?

Nur etwas irritiert: die Wende vom naturbelassenem Bräteln hin zur Hightech-Grill-Kultur. Eine Industrie tut sich immer mehr auf, die die Grilleure ob der schieren Vielfalt an technischen Raffinessen taumeln lässt. Da wären die Aluschalen, die das Fett auffangen oder die „dreiseitige Grillbürste“ für die „Reinigung der Rostzwischenräume und schwer zugänglicher Stellen an den Kanten der Grillfläche.“ Und weiter heißt es: „Die Prozellanemaillierung wird durch die langlebigen Edelstahlborsten nicht angegriffen.“ Im Katalog steht auch, dass sie über „einen ergonomischen Griff für eine komfortable Benutzung sowie einer Aufhängemöglichkeit aus Leder“ verfügen. Da wird das Polieren zum perfekten Vorspiel des Grillierens. Und damit wirklich der erste Funken springen kann, gibt es einen „Anzündkamin plus Zündwürfel“. Diese Angebote sind bei einem großen Grillzubehör-Anbieter online zu lesen, der sogar einen Help-Online-Service anbietet. Allerdings nur Montags bis Freitags von 8:00 bis 18:00 Uhr, also genau dann, wenn in der Regel selten grilliert wird. Und wenn mal Hilfe gebraucht werden sollte, dann bitte mit Angabe der Rechnungs- oder Kundennummer. Unsere Vorfahren in den dunklen Wäldern hätten sich ob so eines Services die Augen gerieben.

Wissenschaftler reden von Intervallen der Naturgesetze und von sich wiederholenden Phasen, beim Klima mit seinen Katastrophen. Ähnliches gelte auch in der Geschichte des Menschen, was Brauchtum und soziale Rituale angehe. Die Flucht aus der guten alten Küche in den Garten und auf die Terrasse mit Lattenrost und Feuer dreht sich langsam zur komplexen Kunst einer hochtechnologisierten Zubereitung von Wurst und Kotelett, am liebsten in der perfektionierten Ambiente umgeben von Schaltern und Displays.

Deshalb, liebe Leserin und lieber Leser, geben Sie Acht auf eine gute Pflege Ihrer Küche; wir landen bald wieder hier, in der wettergeschützten Schaltzentrale des Garens.

 

PS: Die erwähnten Grillprodukte und Katalogzitate entstammen einem Anbieter, dessen Namen wir aus werbetechnischen Gründen hier nicht nennen dürfen aber gerne schicken wir Ihnen auf E-Mail-Anfrage den Link.

Werbung für den SwissPass

Wenn die SBB Geld will

Mein Generalabonnement (jetzt SwissPass) läuft ab. Mit dieser Karte kann in der ganzen Schweiz gereist werden, mit Schiff, Straßenbahn, Eisenbahn, Bus und mit vielen Bergbahnen. Wenn wir ins Ausland reisen, stellen wir das Abo gegen eine Gebühr zurück und erhalten dann eine Gutschrift für diese Zeit. So weit, so gut.

So ein SwissPass kostet für ein Jahr 3.655 Franken. Und die Jahresrechnung kam wieder pünktlich, aber:

  • nicht per Post, sondern als Link zu einer Website, auf der man sich registrieren muss um an sie zu kommen.
  • nicht mit den Gutschriften für die Zeiten, in der wir eben nicht im Land waren.

Ich fragte nach. Zuerst hieß es, dass die Gutschriften erst nach der Kündigung des SwissPasses gutgeschrieben würden. Ich muss also kündigen, damit ich zu meinem gutgeschriebenen Geld komme? Ja, lautet zuerst die Antwort.

Bei meiner zweiten Anfrage, wurde mir mitgeteilt, dass die Gutschrift bei einem Neukauf eines SwissPasses abgezogen würden. Bitte?

Bei der nächsten Anfrage, bat man mich um Verzeihung, denn nun würde die Gutschrift auf der Jahresrechnung in Abzug gebracht werden.

Dann erhielt ich eine neue E-Mail mit dem Link zu meiner Rechnung. Ich loggte mich dann auf der SBB-Website wie gewünscht ein: „Es ist ein unbekannter Fehler aufgetreten“.

Ich reklamierte wieder und bat einfach um eine Rechnung. Diese kam dann in Form einer E-Mail und dann auch noch per Post.

An jedem Kiosk kann ich eine Zeitung und eine Schockoriegel mit der Kreditkarte zahlen (was ja auch verrückt genug ist) aber wenn ein Konzern von einem Kunden 3.655 Franken will, heißt es Helm auf und einen halben Arbeitstag investieren.

Buchtipp für alle, die die Schweiz noch nicht so recht kennen.

Sieht gut aus, oder?

Eine Rede zur aktuellen Lage, gedruckt.

Sehr geehrte Damen und Herren,

Sie lesen hier Zeilen, die auch als Rede ausgedruckt werden kann. Sie darf öffentlich vorgelesen werden ohne Probleme mit dem Urheberrecht zu bekommen, ehrlich.

Eine Rede oder eben auch einen Text zu beginnen, zur Befindlichkeit des Landes, ist fürwahr kein Kinderspiel. Zumal bis anhin abertausende Zeilen verfasst wurden mit Rat, Anliegen, Empfehlungen und Mahnungen an uns alle und keiner weiß, ob davon irgendwie und irgendwo Einfluss hatte in der Gestaltung der Gesellschaft und Politik. Wie viele Politikerinnen, Funktionäre und Persönlichkeiten des öffentlichen Interesses standen hinter dem Rednerpult, stützten sich mit beiden Armen ab, ließen Blicke oberhalb der Brille ins Publikum schweifen und erklärten, was zu tun sei oder was falsch läuft. Sicher fällt Ihnen auch immer auf, wie viele Rednerinnen und Redner am Mikrofon rummachen. Einmal wird es nach oben korrigiert um dann gleich wieder es nach unten zu drücken. Aber, meine Damen und Herren, Sie stellen fest, ich komme vom Thema ab.
Packen wir es an. Wie steht es mit uns in der Schweiz, im Hochsommer 2016? Nehmen wir mal das Geld. An einer Veranstaltung zusammen mit Hanspeter Müller-Drossaart stellten wir dem Publikum in einem Kellertheater im Aargau die Frage, wer 30.000 Franken vom Konto abheben könne ohne gleich ins Minus zu geraten. Überraschend viele Anwesende hoben die Hand. Alle Achtung, nicht? Kommen wir zum Tourismus. Der Ruf der Schweiz ist fabelhaft. Soeben traf ich Gäste aus Köln und Gäste aus Stans auf der Lenzerheide in Graubünden und beide gaben an, dass sie gerne mehr Geld ausgäben, wenn der Service stimme, die Herzlichkeit zu spüren und die Natur intakt sei. Ich schüttelte allen beherzt die Hände und offerierte einen Drink.

Wie steht es um die Politik? In den Parlamenten in Bern und in den Kantonen sind ziemlich alle Farben und Facetten der Parteien präsent und engagiert. Also keine Gefahr von Radikalisierung oder Übergewichtung von seltsamen Absichten und Machenschaften. Schaut gut aus, oder?
Und beim Service Public können wir doch auch gute Noten geben. Einverstanden? Die Ferienumleitung der Post funktioniert perfekt und die Damen lächeln in der Regel immer wenn man sie am Schalter besucht.
Kommen wir vom Gelben zum Grünen Riesen, die Armee. Trotz ständiger Debatten über Neuausrichtung ohne Gripen tut sich doch was. Wir sehen bei Großanlässen – zum Beispiel Bike-Weltmeisterschaften – wie junge kräftige Männer in Tarn-Tenüs Leitplanken aufstellen oder genießen wir den Ausbau der Luftpolizei, damit sie nicht nur zu Bürozeiten funktioniert, so dass sie sich tags darauf für den abgegangenen Überschallknall bei einem „Heißen Einsatz“ um Entschuldigung bitten müssen.

Die Bahnen geben genauso ihr Bestes, die Durchsagen am Bahnsteig sind deutlich verständlich, der Swisspass zeigt sich in richtig schweizerischem Rot und die Bahnbegleitung fragt in der Regel fröhlich nach dem Fahrschein.
Und Hand aufs Herz, die SRF macht ja so viel richtig, finde ich. Bei Meteo werden Ortschaften angezeigt, von denen man nie was gehört hat. Wenn Moderatorinnen ohnmächtig werden, erscheinen herrliche Landschaften und im Radio kümmert man sich für alle Bedürfnisse, von den Senioren (SRF1) zu den Kulturfreaks (SRF2 Kultur) bis zur wochendsüchtigen jungen Leute, die etwas andere Musik möchten als bei den Privatsendern (SRF3). Nicht zu vergessen die Tradition der Landeshymne um Mitternacht, die jeden Nachtgänger in sich kehren lässt.
Und was den finanziell gesicherten Lebensabend angeht, Klagen sind doch angesichts bei den Sicherheitsstufen von der ersten bis zur dritten Säule samt Sozialämtern gänzlich unangebracht. Die Ärztedichte ist hoch, das rentable Gesundheitssystem ist in famoser Form, die Freundlichkeiten der Polizisten und Grenzwächter erfreuen die Einwanderinnen und Einwanderer, der überaktive Straßenunterhalt bringt Staus und Leben in den Autos. Und die Regelmäßigkeit der Nachrichten, die uns mit gelungenen Strategieausrichtungen der Banken um sich selber retten zu können, beruhigen auch immer wieder.

Aber nun soll mit dem Loben hier Schluss sein.

Denn, sehr verehrte Damen und Herren, ein Vorwärtskommen ist nur gewährleistet, wenn die Mängel, die Probleme und die besorgniserregenden Tendenzen genauso gebührend unsere Aufmerksamkeit bekommen, und um die ginge es hier jetzt.

Statistiken belegen allerdings, dass solche Textlängen fast nie digital gelesen werden. Deshalb überlasse ich Ihnen den zweiten Teil der Rede zur freien Gestaltung.

Liebe Rednerinnen und Redner, ich möchte nochmals betonen, dass Sie die bis hierher getippte Rede als Rede reden können und viel Freude beim Vollenden des zweiten Teils.
Und uns allen wünsche ich, dass das Gute, das funktioniert, so bleibt.

Urs Heinz Aerni

 

Die Schweizerischen Post AG

Als der Postbote zweimal…

Michael* wohnte in einem Dorf irgendwo in der Schweiz und liebte Denise*. Sie lebte im Nachbardorf. Er liebt sie so sehr, dass er ihr Briefe schrieb, einen am Vormittag, den sie am Nachmittag erhielt und einer am Nachmittag, den sie am nächsten Vormittag erhielt. Er verziehrte die Umschläge mit Zeichnungen und Zierschriften so sehr, dass es für sie nur so eine Wonne war. Das war so Anfangs der 80er Jahre, als der Postbote zweimal den Briefkasten heimsuchte. Zweimal im Tag konnte Denise den Briefkasten leeren und die Mutter rief aus der Küche ob was gekommen sei. Denise rief zurück: „Nichts!“ während sie den Brief von Michael ans Herz presste. Damals entstand viel Großes mit einem Brief, wie heute die Post wirbt.

Neulich gab ich einen Kartonumschlag am Schalter auf, der noch als Brief durchging. Liebevoll schrieb ich die Anschrift in leserlichen Lettern. Die Dame am Schalter sah mich ernst an und klebte eine Etikette über meine Schrift. Ich fragte nach, sie antwortete. Man müsse diese Etikette verwenden. Aha. Und man dürfe nur in Großbuchstaben schreiben. Oha. Und auch keine Zwischenzeile sei erlaubt. Ah ja. Umgehend käme das Ding zurück. Das wollen wir ja nicht. Klar. Eben, sonst könne der Computer den
Empfänger nicht lesen. Ja, und die Damen an den Schaltern erhielten Ermahungen von oben. Nun denn, da wollen wir als moderne Konsumenten nicht zurück stehen und den Maschinen geben was sie brauchen: Kalte klare Schrift auf genormten Etiketten damit für teures Geld unser Brief hoffentlich noch in der gleichen Woche ankommt. Oder noch besser, die Volkshochschule bietet einen neuen Weiterbildungskurs an. Titel: „Kompetenter Postkunde – Eine Herausforderung, die ich annehme“.

uha

Das erste Interview mit der Nacht

Urs Heinz Aerni: Liebe Nacht, vielen Dank für Ihre Bereitschaft zu diesem Interview. Aber warum gelangen Sie erst jetzt an die Öffentlichkeit?

Nacht: Mein Frust trieb mich dazu.

Aerni: Ihr Frust?

Nacht: Ja, so wie es heute aussieht, schätzt niemand mehr meine Arbeit, obwohl ich den Job seit Jahrtausenden recht gut mache.

Aerni: Wieso denn? Was ist heute anders?

Nacht: Man nimmt mich nicht mehr ernst. Statt mich so zu nehmen wie ich bin, werde ich mit Lärm und Licht quasi neutralisiert.

Aerni: Wie meinen Sie das?

Nacht: Sehen Sie, nur schon vor 200 Jahren begab man sich mit bescheidenem Kerzenlicht zu Bett, sobald ich zu wirken begann. Ich wurde akzeptiert, ohne Wenn und Aber. Doch heute beginnen die Menschen erst zu leben, wenn es dunkel ist. Scheinwerfer gehen an, Fußballspiele werden neuerdings erst um 21 Uhr angepfiffen und Leuchtschriften geben mir – vor allem in den Städten – den Rest. Alles funkelt und glitzert und wo bleibt meine Arbeit? Ich hab schon Autofahrer gesehen, denen nicht mal mehr aufgefallen ist, ob sie mit oder ohne Licht fahren. Die sehen mich gar nicht mehr!

Aerni: Nun, hat der Mensch nicht schon immer das Nachtleben geliebt? Er sucht eben Geselligkeit. Ein Nachtclub ist ein Lokal in dem die Tische reservierter sind als die Gäste, soll Charlie Chaplin mal gesagt haben (lächelt).

Nacht: Witzig finde ich das nicht. Gut, in gewisser Hinsicht gebe ich Ihnen Recht. Schon immer wurden Nachtlokale und dubiose Veranstaltungen von Individuen besucht, doch das große Mehr schätzte die Ruhe und die Romantik. Es gab Zeiten, da war ich am Drücker. Kaum im Einsatz, stand alles still! Lesen Sie doch mal in der Bibel Johannes Kapitel 9, Vers 4: „Es kommt die Nacht, da niemand wirken kann.“ Ob Handel und Krieg – nichts lief! Und das nur wegen mir. Ist das nicht toll? Oder denken Sie an den Dichter Gryphius. Das ist nicht mal so lange her, im 17. Jahrhundert war es. Sie können sich nicht erinnern? Da zeigten die Menschen mir gegenüber noch Respekt! „Die Nacht ist keines Menschen Freund“, schrieb er im Verliebten Gespenst.

Aerni: Ist es das, was man will? Unbeliebt auf allen Seiten?

Nacht: Ehrfurcht ist nicht Antipathie! Ricarda Huch wusste noch, wie man über mich zu schreiben hat: „Uralter Worte kundig kommt die Nacht;/ Sie löst den Dingen Rüstung ab und Bande.“ Oder nehmen Sie beispielsweise das ägyptische Sprichwort: „Die Rede der Nacht ist mit Butter getränkt: Wenn der Tag darauf scheint, zerfließt sie.“ Wer kann dem heute noch nachfühlen? Nach Rambazamba und Party-Halligalli wird ausgeschlafen bis am Nachmittag. Von einer Romantik der Dämmerung ist keine Rede mehr.

Aerni: Aber was wollen Sie denn? Dass während Ihrer Arbeitszeit nichts mehr geht? Alles tot?

Nacht: Sagen Sie, wann waren Sie zum letzten Mal um Mitternacht im Wald? Hören Sie das Scharren der Dachse, die zirpenden Grillen oder das Heulen der Eulen? In meiner Arbeitszeit lebt es, und wie! Die Natur weiß noch, was sich gehört. Da ist noch Ordnung und Harmonie. Bei den Kaffernadlern ist zum Beispiel üblich, dass das Weibchen die ganze Nacht über auf den Eiern sitzt. Stellen Sie sich vor, was passierte, wenn auch die noch den Tag mit mir verwechselten.

Aerni: Liebe Nacht, wir Menschen sind aber keine Kaffernadler. Bei uns handelt es sich um eine Spezies, die mehr erreichen will, als Eier ausbrüten.

Nacht: Ich verlange nur mehr Beachtung für meine Sache. Es geht nicht an, dass meine Mühen, die von Flora und Fauna geschätzt wird, durch die Krönung der Schöpfung mit Gleichgültigkeit bestraft werden. Wenn’s mich nicht gäbe, wäre Amerika nicht entdeckt worden.

Aerni: Wie bitte?

Nacht: 12. Oktober 1492. „Tierra! Tierra!“, rief der Matrose auf der Pinta während der Nachtwache! Nicht am Vormittag und nicht am Nachmittag. Und Sie wollen mir weiß machen, dass zu meiner Zeit nichts läuft.

Aerni: Jetzt müssen Sie mir nur noch sagen, dass wir uns für all die nächtlichen Verkehrsunfälle, Flugzeugabstürze, Einbrüche und dergleichen bedanken sollen. Das geht doch zu weit.

Nacht: Einerseits bin ich Ihnen also zu langweilig und andererseits möchten Sie nur die Art von Action, bei der doch nichts passiert. Ihr Menschen seid für uns ein Rätsel.

Aerni: Uns?

Nacht: Ja. Schließlich treffe ich mich regelmäßig mit dem Tag. Wir haben uns über Euch Erdbewohner unterhalten.

Aerni: Worüber denn?

Nacht: Fusionen scheinen bei Euch beliebt zu sein. Nun, wir – also der Tag und ich – befinden uns in den Vorverhandlungen bezüglich einer Fusion.

Aerni: Fusion?

Nacht: Da Ihr Menschen mit Neigungen zum Diffusen behaftet seid, wäre es doch angebracht, die Erde in eine stete Dämmerung zu tauchen.

Aerni: Habt Ihr vielleicht schon einen Termin?

Nacht: Das nicht, aber Sie werden es auf jeden Fall merken.