Gegenmittel

Am 29. Mai 2021 blätterte ich die NZZ auf um den Artikel «Dünger als Philosophie» zu lesen, der mit den Worten «Eine spirituelle Lehre gerät in der Pandemie unter Verdacht» angekündigt wurde. Birgit Schmid versuchte der von Rudolf Steiner (1861 – 1925) gegründeten Anthroposophie für die Zeitung auf den Grund zu gehen, was ihr lesefreundlich gelang.

Die Reformation befreite ab dem 16. Jahrhundert ganze Völker von Dogmen der Katholischen Kirche, wobei der Pegel der Intoleranz nach calvinistischer Manier in neue Extreme ausschlug. Im Fahrwasser der verheerenden Unterwerfung der Welt durch die Kolonialmächte nutzten Forscher die Entdeckungen exotischer Flora und Fauna für neue Rückschlüsse, die wieder festgezurrte Weltbilder zum Erodieren brachten. Charles Darwin (1809 – 1882) ebnete mit der Evolutionstheorie den Niedergang alter Gottesbilder und den Weg der Funktionalität mit Auswirkungen in Wirtschaft und Politik. Charles Dickens (1872 – 1870) beobachtete literarisch die Früchte der Industrialisierung wie Gier und Armut. In dieser Zeit entstanden viele neue Denkversuche und Bewegungen um für das elende Dasein neue Visionen oder auch nur Trost zu finden. Sigmund Freud (1856 – 1939) suchte Antworten in den Tiefen der Seelen, Carl Gustav Jung (1875 – 1961) weitete diese Suche mit Symbolik, Alchemie und Farben aus. Im 19. Jahrhundert entstanden Gemeinschaften wie «Ernste Bibelforscher», «Adventisten», die «Heilsarmee», die «Neuapostolische Kirche» oder die «Mormonen» um nur einige zu nennen. Denkmuster und Visionen sind Resultate gesellschaftlicher Biotope. Jede neue Denkweise beginnt als Revolution und sickert mit der Zeit in unser Alltaggefüge in einer erträglichen Restdosis.

Und doch enden wir frei nach Bertold Brecht (1989 – 1956) so: «Wir sehn betroffen – Den Vorhang zu und alle Fragen offen.»

Urs Heinz Aerni

Der passende Buchtipp: „Monte Verità – 1900 der Traum vom alternativen Leben beginnt“ von Stefan Bollmann.

Supplement: „Nicht der Kormoran ist das Problem“

Aerni’s Depesche

Liebe Leserin, lieber Leser

Startschuss zum Chorsingen in der ganzen Schweiz

Am 31. Mai um 9 Uhr startet bei «Einsingen um 9» die Woche «Alles einsteigen, bitte!». Zu diesem Zeitpunkt werden sich alle Singfreudigen vor ihren Bildschirmen einfinden, um gleichzeitig mit tausenden anderen ihre Stimmen wieder fit für das Chorsingen zu machen. Mehr als 2000 Menschen, schaffen sie das?

http://www.berglink.de/31-mai-2021-9-00h-startschuss-zur-wiederaufnahme-des-chorsingens-in-der-schweiz/

Haben die Vögel einen Sinn für schöne Musik?

Jetzt im Frühling wird gezwitschert und geträllert in der Natur, was das Zeug hält. Die Vögel geben alles und uns freut’s. Doch haben die gefiederten Freunde eigentlich auch Spaß daran oder gar einen Sinn für Ästhetik? Das fragt mich die Reporterin Regula Tobler für den Kanal DIE REDAKTION:

Filme für die Erde

Seit 10 Jahren ist «Filme für die Erde» das Kompetenzzentrum für Film und Nachhaltigkeit. Eine von der UNESCO ausgezeichnete Bildungsinitiative, die Morgen wieder über die Leinwände gehen wird.

Der Co-Geschäftsleiterin von «Filme für die Erde», Barbara Roth, konnte ich dazu Fragen stellen. Ihre Antworten sind unter anderem in der Jungfrau-Zeitung zu lesen:

https://www.jungfrauzeitung.ch/artikel/184624/

Vögel und mehr an drei Orten

Auf Einladung des Naturschutzvereins Tägerig (Kanton Aargau), gibt es einen Vogelabendspaziergang:

«birds & words» – Ein Spaziergang zu den Vögeln mit Zitaten aus der Weltliteratur. Zusammen mit Hanspeter Müller-Drossaart in Seon:

https://seon.biblioweb.ch/aktuelles/1

Von Kappel nach Rifferswil

Organisierst vom Kulturclub La Marotte spazieren wir zur Natur und in die Geschichte des Säuliamt, zusammen mit dem Historiker Bernhard Schneider:

https://www.lamarotte.ch/content/lama/pages/spielplan.html?limit=3

Das war’s für heute und ich wünsche Ihnen gute Gesundheit und viel Fröhlichkeit!

Ihr

Urs Heinz Aerni

www.ursheinzaerni.com

Demnächst:

Philosophische und andere Notizen in einem merkwürdigen Jahr. Von Martin Kunz.
Mit einem Vorwort von Zora del Buono und einem Gespräch mit Urs Heinz Aerni.

Kontaktchaos

Der Rekord war fünfmal das Treppenhaus runter und rauf für fünf Pakete. Dabei lernte ich keuchend die Mitarbeiter der Firmen Schweizerische Post, DHL, Planzer, UPS, DPD und Quickpac kennen. Fünfmal hat es geklingelt und fünfmal durfte ich für jedes einzelne Paket meine Unterschrift für die Empfangsbestätigung auf fünf verschiedene elektronische Geräte kritzeln.

Wenn Sie so ungefähr in meinem zarten Alter sein sollten, dann haben wir das Vorrecht, uns an die Zeit zurückzuerinnern, als die Post zwar zweimal klingelte aber nur einmal alle für uns vorgesehenen Pakete überreichte und wir wieder an die Arbeit konnten. Seit der Liberalisierung der Paketpost partizipieren viele Unternehmen mit eigenen Logistikzentren und läuten uns x mal im Tag zur Haustüre runter. Ein Fortschritt im Sinne der Kundenfreundlichkeit in Preis und Service? Werden wir in ein paar Jahren zehnmal zur Tür rennen müssen oder vielleicht wieder auch nur einmal am Tag nach wettbewerbsbedingter Reinigung?

Neulich ließ mich Hugo wissen, dass er via Instagramm und Signal erreichbar sei aber nicht über Threema und WhatsApp. Annelies schickte mir ein WhatsApp in dem sie mitteilte, dass sie nun neu nur auf Telegram kontaktierbar sei, Yvonne fragte mich, ob sie mich über Messenger-Facebook erreichen könne und Sebastian meint, dass er am liebsten über Skype mit mir reden würde … oder meinte er FaceTime?

Ist ja schön, wie wir unter Freunden und Geschäftsleuten den Kontakt suchen und pflegen und erst noch kostenlos und allen so ziemlich egal zu sein scheint, dass all diese Gratisanbieter uns für die Werbung durchleuchten, Daten entlocken und als bald Gesichtserkennungsprogramme über unsere Antlitze schicken werden.

Es gab irgendwann mal Zeiten, in denen uns der Kontakt mit einem Menschen noch etwas Geld wert war. Sei es als Briefmarke, Telefonat, E-Mail-Account oder SMS. Diese Geiz-Kultur treibt mich nun zum zeitraubenden Verwaltungs- und Abspeicherungsaufwand um die richtige Person in ihrer gewünschten Kommunikationsform zu registrieren und wieder zu finden.

Liebe Leserin, lieber Leser, gerne bin ich für Sie da und beantworte Ihre Fragen. Und nun wünsche ich Ihnen abenteuerliche Freude beim Herausfinden, auf welchem Kanal das möglich sein könnte.

Urs Heinz Aerni

Fragen an Schauspielerinnen und Schauspielern zu Ihrer Aktion „Alles dicht machen“

Mehr als 50 Film- und Fernsehschauspieler äußern sich in einer koordinierten Protestaktion gegen die staatliche Corona-Politik. Die Reaktionen von den sogenannten „Querdenkern“ und rechten Parteien münden in Applaus und Zustimmung. Differenzierend denkende Menschen schütteln über diese Aktion den Kopf. Ich kann die Kritik an den Maßnahmen der Regierungen nachvollziehen, in der Meinung, dass über alles offen diskutiert werden müsse, auch wenn noch sehr viele Unsicherheiten bestehen, in unserem Wissen über diesen Virus, der sich noch durch neue Mutationen präsentieren wird. Und doch, diese Aktion ist misslungen und hilft niemanden. Apropos gesellschaftliches Engagement, dazu seien diese Fragen erlaubt.

Liebe Schauspielerinnen und Schauspieler

Euer gesellschaftliches Engagement in Ehren, egal wie das nun herauskommt ist, aber wo sind Eure radiophonen Stimmen und telegenen Gesichter wenn es um die Zunahme des Nationalismus‘ geht, der demokratische Werte in immer mehr Ländern unterwandert und für einen weltweiten Rekord an Militärausgaben sorgt?

Wo ist Euer kritischer Esprit in der Zeit der größten Krise für die Artenvielfalt, die sich durch Insektensterben, Vogelschwund und der abnehmenden Flächen auf denen die Natur gedeihen kann auswirkt; eigentlich die Lebensversicherung für unsere Kinder?

Wo mischt Ihr Euch politisch ein, wenn durch Gier nach Rentabilität immer mehr Bereiche der Grundversorgung privatisiert und dem freien Markt zugeführt werden mit dem Effekt der Zunahme an Kosten für die Verbraucherin und den Verbraucher mit einem gleichzeitigen Verlust der Qualität und Kundenfreundlichkeit?

Wo ist Euer Lärm gegen die global zunehmende Massenproduktion von Gütern in armen Ländern um sie in den reichen billig einzukaufen? Die daraus entstehende Vernichtung von immens vielen Ressourcen an Luft, Boden und Natur drängt immer mehr Menschen an den Abgrund einer Existenz-Sicherheit. Auf dem Planet agierende Konzerne liefern uns immer mehr digitalen Schnickschnack, saugen unsere persönlichsten Daten ab und schicken uns in eine digitalisierte Diktatur, ohne dass wir murren. Wo ist hier Euer Protest?

Aber erst der Versuch einer Regierung, einem noch recht unbekannten und sich mutierenden Virus Paroli bieten zu wollen, ruft Menschen aus der Welt der schauspielenden Prominenz auf die Polit-Bühne. Nicht dass man mit diesem Versuch einverstanden sein muss, aber hey, was ist mit den gigantischen Problemen drum herum?

Urs Heinz Aerni

„Verrat an der Grundidee“

Der Vorstand von Bio Suisse lehnt mehr Bio ab – aus Gründen des Profits – und sorgt damit für einen Skandal

Am 13. Juni 2021 entscheidet die Schweizer Bevölkerung, ob die industrialisierte Landwirtschaft mit Pestiziden, Antibiotikaresistenzen und Gülle weiterhin das Trinkwasser belasten darf oder nicht.

Die Trinkwasserinitiative verlangt, dass die Steuermilliarden zukünftig in eine pestizidfreie Lebensmittelproduktion fließen, die Antibiotika nicht prophylaktisch einsetzt und einen Tierbestand hält, den sie mit einheimischem Futter ernähren kann.

Aus Gründen des Profit entscheidet sich ausgerechnet der Vorstand der Vereinigung Bio-Bauern «Bio Suisse» für ein Nein zu dieser Initiative. Das machten Medien wie «Kassensturz» von SRF und das Magazin «K-Tipp» publik.

Karl Schefer von Delinat Bioweine in St. Gallen sagt gegenüber SRF: «Das ist ein Verrat an der Grundidee» und «Wir können nicht unsere Lebensgrundlage weiter zerstören».

Der Vorstand Bio Suisse schreibt in einem Brief an die Medien «Bei einem Ja ist davon auszugehen, dass die große Mehrheit der Grünlandbetriebe auf Bio umstellen wird. Eine massive Überversorgung der Märkte mit Bio-Milch und -Fleisch würde in diesem Fall das heute faire Preisgefüge gefährden.»

Kurz: Rendite und Profit sind der Nährboden, dass ausgerechnet Bio Suisse dagegen ist, kein Gift mehr in den Boden und ins Wasser zu leiten.

Am 14. April entscheiden die Delegierten von Bio Suisse ob sie den Entscheid ihres Vorstandes unterstützen oder sich für eine Zukunft einer giftfreien Landwirtschaft entscheiden, in einem der reichsten Länder der Welt.

Urs Heinz Aerni

Links:

Bericht Kassensturz SRF und K-Tipp: https://www.srf.ch/play/tv/sendung/kassensturz?id=78a6014e-8058-4bdd-88aa-824f846ca6f0

Bio Suisse: https://bio-suisse.ch/

Bio-Richtlinien für den Weinbau: https://www.delinat.com/richtlinien.html

Initiative für sauberes Trinkwasser: https://www.initiative-sauberes-trinkwasser.ch/

Der Karl

Mit dem Versuch, einer von ihnen zu sein, setze ich mich mit einer Bierdose auf eine Holzbank, an einem Platz in einer Stadt in unserem Land. Es ist ein Platz, auf dem am Samstag der Gemüse- und Blumenmarkt die jungen Familien aus den besseren Wohnvierteln zum Bio-Einkauf anlockt. Noch immer herrscht Lockdown, zwar mit offenen Läden aber noch mit geschlossenen Kneipen. In Zeiten zuvor setzte ich mich nach getaner Schreibarbeit gerne mit meiner Lieblingszeitung zu einem Feierabendbier an den Tresen der Bar meines Vertrauens, oft in Gesprächen mit Menschen, die hier mehr als ihre Freizeit verbringen.

Dieses Refugium beim Rosi im «Sternen» oder bei der Martha im «Löwen» wurde ihnen auf amtlichem Wege genommen. Ich kann gut damit leben, mit meiner Liebsten in unserer schönen Wohnung mit vielen Büchern und einem Garten. Aber was ist mit ihnen? Den Sololebenden, die nach Werkstatt und Baustelle, ihrem Alltag durch Hocken an der Bar und sicher mit genug Bier ein Schnippchen schlagen wollen? Was tun die jetzt? Ein Teil von ihnen finden sich hier, auf diesem erwähnten Platz. Mit Dosen bewehrt, besetzen sie die Bänke und Betonmäuerchen rund herum. Ich sitze als Fremder unter ihnen, werde aber mit «Servus» gegrüßt. Sie geben sich freundschaftlich die Ellbogen oder die Fäuste. Diese Formulierung wäre vor Corona wohl anders verstanden worden.

Das Leben in der Kneipe, Beiz oder Beisl (je nach Land) wurde trotz Wind und Wetter auf diesen Platz verlegt, hoffend, die Gefühls-Oase in dieser sich selbstoptimierenden Gesellschaft ersetzen zu können. Ich stehe auf und gehe zum Bus. Mit mir steigt ein alter Mann mit zerzaustem Haar und Maske unter der Nase ein. «Wir haben uns doch grad gesehen…»

«Ja, drüben auf dem Platz»

Er setzt sich hin, schaut mich an.

Ich erfahre von ihm, dass er alt ist, alleinstehend, und zwei Wochen in der Intensivstation lag, wegen Corona. Er drückt den Knopf, lächelt und sagt Tschüss beim Aussteigen.

Laut ist der Protest der Wirtschaft gegen die Corona-Maßnahmen, laut die Nöte der Kulturschaffenden und des Medizinpersonals, doch wer denkt an ihn, den Karl oder Rudi ohne «Sternen» und «Löwen»?

Urs Heinz Aerni

Erschienen in der Zeitung BÜNDNER WOCHE

Sind wir normal?

«Ich bin nicht normal. Und Du?» Das Zitat entstammt von Mona Vetsch auf Instagram. Sie besuchte für ihre TV-Sendung eine Schule für Kinder mit Autismus und stellte in Gesprächen fest, wie relativ das Wort «Normalität» ist.

Das Deutsche Institut für Normung (DIN) ist eine Plattform für weltweite Standardisierung. «Normen beinhalten das gebündelte Wissen aller am Markt teilnehmenden Partner und werden in einem Entwicklungsprozess erarbeitet» heißt es da. Was bei Duschwände gut zu funktionieren scheint, scheitert bei menschlichen Gemütern und Mentalitäten. Aber Grundvoraussetzungen für gewisse Jobs müssen ja gegeben sein, wie Plauderfreudigkeit für Moderatoren, Fitness für Polizistinnen, Mindestkörpergröße für Soldaten oder Schönheit für Models … doch wer definiert die Normen für das richtige Aussehen fürs Rampenlicht?

Verhaltensmuster und Charakteren, die der Allgemeinheit nicht weh tun, werden wahrscheinlich als normal oder üblich taxiert, bis es allen langweilig wird im Alltag. Der Genetiker Markus Hengstschläger erklärte mal in einem Vortrag, warum heute so wenige Genies aus Europa kommen, während aus Amerika helle Köpfe mit Google und Twitter die Welt auf den Kopf stellen. Ganz einfach: ist das Kind schlecht in Mathe aber gut im Deutsch, wird so lange in die schwache Seite pädagogisch gehämmert, bis dass das Kind in beiden Fächern schlussendlich Durchschnitt ist.

Dabei braucht die Welt kein normiertes Mittelmaß, sondern Fantasie für die Bewältigung der gesellschaftlichen Herausforderungen. Oder verlangen Sie von Ihrem Gärtner, dass er genauso Auskunft über Ihre Arthrose geben kann?

Spezialisierung ist nur möglich, wenn andere Bereiche vernachlässigt werden. Eine Computerfirma in Zürich stellt ausschließlich Menschen mit Autismus an, weil sie genau die gewünschte Qualität mitbringen: Fokussierung aufs Wesentliche ohne Knatsch im Pausenraum.

Sind Sie normal? Dann antworten Sie einfach: «Für was denn?» Normalerweise ende ich ungern mit einem Zitat aber die Worte von Vincent van Gogh passen perfekt: «Die Normalität ist eine gepflasterte Straße; man kann gut darauf gehen – doch es wachsen keine Blumen auf ihr.»

Urs Heinz Aerni

Der passende Buchtipp: „Die Durchschnittsfalle“ von Markus Hengstschläger, Verlag Ecowin

Service und Tipps:

2022 im Kino aber jetzt schon dabei sein: Der Wanderfilm

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Der Künstler und sein All, Oli allein zu Hause, die Freiheit des Fleischessens oder kein Grund, Krähen zu abzuknallen: Episode 13 von DIE REDAKTION.

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Wenn bei nächtlichem Stromausfall ein Modell entdeckt wird, Dramen und Glück hinter der nächsten Wand abspielen und Menschen in Büchern uns ganz nah werden, weil wir vielleicht nicht anders ticken: Der neue Roman von Edith Nielsen Saad-Moor.

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Das dunkle, heiße Afrika scheint sich jeder Logik zu entziehen. Und es ist eine Suche nach sich selbst: Als Forscher wird er vor die Wahl gestellt, sich in sein Fach zu vergraben – oder an der wirklichen Welt teilzunehmen. Auch wenn sie akademische Lehrsätze sprengt. Verlosung dreier Exemplare des neuen Romans von H. S. Eglund: „Nomaden von Laetoli“. Tielnahme durch E-Mail an buch-news@web.de

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Das Magazin 50plus u. a. mit neuen Kolumnen von Hanspeter Müller-Drossaart, Vogelgeschichten von Urs Heinz Aerni, Winterwandern mit Meersicht im Glarnerland, Wertschriften: Warum Aktienanleger immer die gleichen Fehler machen, Mein Garten: WC-Papier für den Garten, Fünf Menschen, fünf Neuanfänge. Das und mehr in der neuen Ausgabe.

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Eine famose Idee eines Weinguts für alle, die nun nicht an Weinmessen und Degustationen gehen können!

Haben Banken noch einen Sinn?

In der Zeitung DER BUND las ich, dass die künftige US-Finanzministerin und ehemaliges Mitglieder der US-Notenbank, Janet Yellen, von Schweizer Banken eingeladen wurde, Reden zu halten.

Im März 2019 trat sie bei der Credit Suiss (CS) auf und erhielt dafür 292’500 Dollar und für eine zweite Rede im September gleich nochmals 67`500 Dollar!

Im Juni 2019 kassierte Yellen von der UBS 112’500 Dollar für einen Vortrag und für ihre neun Auftritte bei der Citigroup satte 992’000 Dollar.

Dann erfährt man durch einen Bericht im Schweizer Radio SRF und INSIDE PARADEPLATZ, dass die UBS von Ihrer Kundschaft nicht nur Schaltergebühren in Rechnung stellt, sondern nun auch noch für Bargeldbezüge am Bancomat Gebühren und für die Kundenkarte pro Jahr 10 Franken abknöpft.

Mark Twain (1835 – 1910) meinte mal folgendes: «Ein Bankier [heute Banker, Anmerkung des Autors] ist ein Mensch, der seinen Schirm verleiht, wenn die Sonne scheint, und ihn sofort zurückhaben will, wenn es zu regnen beginnt.»

Und der Philosoph und Schriftsteller, Manfred Hinrich (1926 – 2015) bilanziert: «Banken vermehren ihr Geld aus Deiner Tasche».

Kein Wunder bringen es die Banken fertig, dass der Kleinsparer und die Normalverdienerin mit dem Gedanken spielt, das Geld bar zu Hause aufzubewahren mit null Kontogebühren und Service-Kosten. Oder das Geld physisch im Schrankfach und Tresor einlagert. Die Kantonalbank Graubünden verlangt für ein Fach in der Höhe von 5, in der Breite von 30 und in der Tiefe 43 cm großes Fach 70 Franken pro Jahr. Das größte Fach ist 550 Franken pro Jahr teuer. Die Mehrwertsteuer kommt noch dazu.

Der Rest ist Rechnen.

Urs Heinz Aerni

Nützlich?

Ein Journalist in der Wochenzeitung aus Zürich, stellte einem Forscherpaar, das sich für die Wiederansiedlung des Bartgeiers in den Alpen engagiert, die Frage: »Sind die Bartgeier überhaupt nützlich?«

Jetzt mal ehrlich, gibt es Tiere oder Pflanzen, die in der Natur eine überflüssige Rolle einnehmen? Der in alter Zeit als Lämmergeier verschriener Vogel wurde durch bildungsferne Alpenvölker ausgerottet, da dieser nebst jungen Schafen auch Kinder verschleppt haben soll. Heute wurde er nicht nur wieder erfolgreich angesiedelt, sondern man weiß auch mehr über ihn. Wie alle Geier hat auch er es ausschließlich auf Aas abgesehen. Nicht nur auf Fleischreste, sondern er vertilgt blanke Knochen restlos. Diese machen 70 Prozent seiner Nahrung aus, verdaut und zersetzt von einem unempfindlichen Magen samt seinen Säuren.

Ohne innere Verletzung schluckt der Bartgeier bis 20 cm lange Knochen und sollten sie doch zu groß sein, dann lässt er sie auf Felsen fallen, bis sie splittern. Und wenn mal was daneben gehen sollte, holt er es sich im Sturzflug zurück. Falls das Angebot den Bedarf nicht decken sollte, kann er mit seiner Flugkunst Tiere zum Absturz bringen, gegen Frischfleisch hat er nämlich nichts. Er reguliert also das Steinwild und räumt erst noch bis zum letzten Knochen auf.

Und was gaben die Geier-Experten zur dem obengenannten Journalisten als Antwort? »Vielleicht hat er nur einen Nutzen in sich selbst.« Und die Kollegin meint, dass die Bartgeier als »Flagships« benutzt werden, weil sie »viele Sympathien« genössen. Aha, wegen Sympathien schützen wir heute diesen Vogel, weil er in früheren Zeiten mal unsympathisch war?

Solche Fragen und solche Antworten sind fehl am Platz, denn unsere Verantwortung gegenüber der Um- und Mitwelt mit all ihren Arten von Leben lässt sich nicht mit Argumenten der Nützlichkeit fundieren, sondern durch die Notwendigkeit einer reichen und gut funktionierenden Natur als unsere Lebensgrundlage. Stellen Sie sich vor, wenn die Natur plötzlich beginnen würde über die Nützlichkeit des Menschen nachzudenken.

Urs Heinz Aerni

Der passende Buchtipp 1: Weyrich, Hansruedi (Fotografien) / „Baumgartner, Hansjakob / Hegglin, Daniel / Lörcher, Franziska: Der Bartgeier – Seine erfolgreiche Wiederansiedlung in den Alpen“, Haupt Verlag

Der passende Buchtipp 2: „Aves – Vögel: Charakterköpfe“ mit Fotografien von Tom Krausz und Texten von Elke Heidenreich, Urs Heinz Aerni und Dietmar Schmidt. Galitz Verlag

2,5 Rappen Schlosskultur pro Tag und pro Einwohner

In der Schweizer Gemeinde Bad Zurzach im Kanton Aargau, stimmt die Bevölkerung ab, ob der Unterhalt des privaten aber öffentlich zugänglichen Schlossparks durch die Mitfianzierung der Gemeinde unterstützt werden soll.
Roy Oppenheim ist Kulturschaffender und Kulturvermittler und nimmt dazu Stellung, mit Überlegungen, die Grundsätzliches ansprechen, nämlich dass ein Leben ohne Kultur kein Leben ist und dass die öffentliche Gesellschaft auch hierfür eine maßgebende Verantwortung trägt.
Dieser Gastbeitrag ist zuerst in der Zeitung «Die Botschaft» erschienen.

2,5 Rappen Schlosskultur pro Tag und pro Einwohner. Soviel kostet der umstrittene Beitrag an die Unterhaltskosten im Schlosspark. Die Debatte gibt vor, es gehe um finanzielle Fragen. Im Grunde geht es um die Frage, ob wir Bürger bereit sind, in Partnerschaft mit engagierten Privaten kulturelle Initiativen zu unterstützen.  Aber es geht wohl kaum ums Geld allein; man möchte ein Exempel statuieren und stellt die Frage, die öffentliche Hand eine private Unternehmung finanziell unterstützen soll. Und dabei spielt immer auch ein Stück Neid mit; unsere Eidgenossenschaft hat sich in den letzten Jahrzehnten zu einer «Neidgenossenschaft» entwickelt (so die Luzerner Ständerätin Josi Meier, anlässlich ihrer letzten 1.August-Rede 2004).

Das Schlosspark-Referendum erinnert mich an ein legendäres Kulturreferendum in Basel. Es ging um die Kunstsammlung Peter A. Staechelin. Sein Vater hatte diese Familiensammlung in eine Stiftung überführt. Mit der Auflage, die Bilder dürften nicht verkauft werden, es sei denn, ein Familienmitglied gerate in finanzielle Not. Und in dieser Not befand sich nun aus verschiedenen Gründen der Sohn. Franz Meyer, der damalige Direktor des Kunstmuseums Basel, brachte Politiker, Kunstfreunde und Peter A. Staechelin soweit, dass die Stadt für 8,4 Millionen Franken die beiden Gemälde kaufen konnte. 2,4 Millionen musste von privater Seite erbracht werden, die restlichen 6 Millionen wollte die Stadt zahlen. Doch gegen den Staatsbeitrag wurde das Referendum ergriffen. Was nun folgte, war beispiellos. Die Basler Jugend ging auf die Strasse und kämpfte für den Bilderankauf. Die ganze Stadt war auf den Beinen, sogar der FCB warb mit einer Plakataktion dafür.

Ein legendäres Bettelfest wurde organisiert. Am 17. Dezember 1967 entschied die Basler Stimmbevölkerung an der Urne, dass die zwei Gemälde von Pablo Picasso mit Steuergeldern gekauft werden. «All You Need Is Pablo»: Mit diesem Slogan kämpften junge Basler 1967 für den Ankauf von zwei Picasso-Bildern. Sie bewegten die Basler Stimmbürger dazu, mehr als sechs Millionen Franken auszugeben. Dieser legendäre Volksentscheid führte zu einer wundersamen Picassobilder-Vermehrung. – Pablo Picasso war derart von der Reaktion der Basler Bevölkerung, von der «Jeunesse de Bâle», gerührt, dass er Basel einige millionenschwere Bilder schenkte. Andere Private zogen nach – etwa Maja Sacher u.a. Basel besitzt dank diesen Schenkungen heute eine der weltweit bedeutendsten Picasso-Sammlung. Unbezahlbar…

Bad Zurzach, wo zur Zeit ein Referendum gegen die Beteiligung der Gemeinde an den Unterhaltskosten des Schlossparks in der Höhe von jährlichen 37’000 Franken ergriffen wurde, hat einst einmal eine Pionierrolle in der Kulturförderung gespielt. Zurzach, wie es früher hiess, führte als erste Gemeinde der Schweiz 1958 das «Kulturprozent» (1 Prozent der Steuereinnahmen) ein. Es war Dr. Walter Edelmann, damals Gemeindeammann, der die Idee zum Kulturprozent erfand. Walter Edelmann hatte 1957, ein Jahr zuvor, die «Gemeinnützige Stiftung für Zurzacher Kuranlagen» ins Leben gerufen. Eine Stiftung, die entscheidend zum wirtschaftlichen und kulturellen Aufschwung von Zurzach/Bad Zurzach beigetragen hat – bis heute.

Für diese beispiellose Entwicklung war und ist das geschickte Zusammenspiel von privatem Engagement und öffentlicher Hand unabdingbar. Dazu gehören ein kreatives Miteinander, ein soziales Denken, ein Geben und Nehmen. Die besondere helvetische Variante dieses Zusammenspiels ist der soziale Aspekt, dass auch die Bevölkerung am Wohlstand wohlhabender Bürger partizipieren kann. Zurzach hatte dank einer Reihe von bedeutenden Persönlichkeiten und dank dem Kulturprozent bedeutende kulturelle Erfolge: Kunstkollektionen wurden aufgebaut, Skulpturen an wichtigen Orten des Fleckens errichtet; die Gemeinde trat sogar als Käuferin von Kunst auf.

Bad Zurzach verdankt all diesen partnerschaftlichen Aktivitäten seinen guten Ruf – bis heute. Sollte das aktuelle Referendum Ende Monat angenommen werden, wäre das ein schlechtes Fanal für die Zukunft. – Doch es geht hier nicht nur um eine finanzielle Frage; es geht um Kultur, um das nämlich, was uns Menschen zu Menschen macht. In Zeiten der Pandemie könnte man sogar sagen: Zivilisation ist ein Lebensmittel – Kultur ein Überlebensmittel.

Wer in unserer Zeit minimalste kulturelle Unterstützungen durch die öffentliche Hand ablehnt, hat nicht begriffen, um was es im menschlichen Leben geht: um unser seelische Überleben.

Roy Oppenheim



Roy Oppenheitm wurde 1940 in Baden geboren und lebt als Kulturpublizist nach beruflichen Stationen beim Schweizer Radio- und Fernsehen SRF, S Plus und Arttv.ch in Lengnau im Schweizer Kanton Aargau. Unter anderem verfasste er diverse Bücher und produzierte Filme. Weitere Infos sind hier per Mausklick zu finden.

Hier geht es zu weiteren Informationen über das Schloss Bad Zurzach.