Mob im Web?

Haben Sie gewusst, dass sich Swisscom-Kunden gegen die massive Gebührenerhöhung für Papierrechnungen mit einem Brief erfolgreich wehren können? Doch etwas anderes beschäftigt mich mehr:

Von uns Medienschaffenden wird in der Regel erwartet, Hintergründe erfahren zu wollen, besonnen zu recherchieren, Umstände sachlich einzuschätzen, aufzuklären und mit sprachlichem Feingefühl zu informieren, zu kommentieren und komplexe Ereignisse in unserer komplizierten Welt einzuordnen. Es gab Zeiten, in denen ihre Arbeit auf klar definierten Kanälen wie Zeitung, Magazin, Radio und Fernsehen genossen oder konsumiert und auch die Möglichkeit genutzt werden konnte, sich per Leserbrief an der Debatte einzuschalten. Für das Medium stand eine Redaktion in der Verantwortung, für Qualität der Texte, der Seriosität der Inhalte und der Mäßigung des Tones bei der Meinungsäußerung.

Bis irgendwann, jede und jeder die Macht erhielt, dergestalt sich öffentlich äußern zu können, wie es die offiziellen Medien es bis dato kannten. Im World Wide Web und den daraus entstandenen Plattformen der sogenannten Sozialen Medien. Das Resultat? Statt des völkerverbindenden Dialoges, gibt’s nationalistische Hassreden. Statt Förderung von Bildung und Wissen sind egozentrische Verlautbarungen von festbetonierten Weltbildern zu lesen. Es wird pauschalisiert und mit dem Zweihänder ausgeteilt. Und spätestens hier, wäre die Kompetenz von Profi-Medienschaffenden wieder vonnöten, mit kühlem Kopf aufzuklären. Doch stattdessen lese ich von einer Berufskollegin folgenden Kommentar, den sie zum tragischen Fall im Frankfurter Hauptbahnhof auf Facebook postete: „Was hat man sich nur für Dreckspack ins Land geholt????“ Klar, Journalistinnen sind auch nur Menschen aber was denken wir von einem Polizisten, der betrunken am Steuer sitzt?

Urs Heinz Aerni

Der passende Buchtipp: „Ethik des Journalismus – Wie steht es um Ethik und Moral im Journalismus?“ von Hila Kakar, 978-3-639-87423-5, AV Akademikerverlag

Genossenschaft

Liebe Eidgenossinnen und Eidgenossen

Einer Einladung zur 1.-August-Rede sagte ich geehrt und dankend ab. Und doch, in Anbetracht dessen, dass sich viele Bewohnerinnen und Bewohner der Schweiz in diesen Tagen über den Sinn und Zweck ihres Landes Gedanken machen, erlauben Sie mir analog der eidgenössischen Gepflogenheiten, außer Landes kommende Kräfte zu nutzen, hier und jetzt ein paar Weisheiten wiederzugeben, die für eine nachhaltige Reflexion zum Label Schweiz anregen werden.

Der Kabarettist und Lyriker Heinz Erhardt (1909 – 1979) meint:

„Ein jedes Land hat seinen Reiz

so auch die Schweiz.

Doch frage ich mich, andererseits,

was wäre die Schweiz,

wärn die Berge, die zum Himmel streben,

eben.“

Der Dozent für deutsche Sprache an der Staatlichen Akademie für angewandte Technik in Nürnberg, Richard Pekrun vermittelt im Jahre 1963 im Zürcher Stauffacher Verlag erscheinen Buch „Das deutsch Wort“ folgende Assoziationen zu „Schweizer“:

„Schweizer, der: Einwohner der Schweiz : Kuhknecht : Kuhmeister : Leiter einer Molkerei : Türhüter : Aufseher in kath. Kirchen : Erdeichhorn (…) Schweizerpillen Mz: Abführpillen…“

Der ungarische Schriftsteller Alexander Roda Roda (1872 – 1945) gab folgendes zu: „Als Schweizer geboren zu werden, ist ein großes Glück. Es ist auch schön, als Schweizer zu sterben. Aber was tut man dazwischen?“

Der Franzose André Gide (1869 – 1951) erhielt nicht nur den Literaturnobelpreis 1947, sondern kam zum Schluss, dass ‚jeder Schweizer seinen Gletscher in sich trage’.

Und erst kürzlich erklärte ein Zeitgenosse, welches die stärkste Droge der Schweiz sei: „Die SBB. Ein Zug und du bist weg.“

Ja liebe Genossinnen und Genossen, diese Zeilen machen wach und nachdenklich, nicht?

Laut UNO steht die Schweiz auf dem zweiten Platz im „Index der menschlichen Entwicklung“. Nach Landesgrösse belegt das Land den 133. Rang, nach der Anzahl der Einwohner den 98. jedoch unter den grössten Volkswirtschaften der Erde nimmt die kleine Schweiz Platz 20 ein (Stand 2017).

Es ist wie bei Grossunternehmen im Lebensmittel- und Immobilienbereich, wo hört sie auf, die Genossenschaft, und wo fängt er an, der Konzern?

Urs Heinz Aerni

Der passende Buchtitpp zum Jahrestag der Eidgenossenschaft: „Die tintenblauen Eidgenossen – Über die literarische und politische Schweiz“ von Peter von Matt, DTV, 978-3-423-34094-6

Willkommen in was für einem Land?

Jetzt  wird der Film von Marc Tschudin „Welcome to Zwitscherland“ im Fernsehen gezeigt, eine Art Hommage an ein Land samt seinen gefiederten Mitbewohnern, aber nicht ohne Fragezeichen.

Der Journalist, Filmer und Biologe widmete die letzten drei Jahre einem cineastischen Projekt, das den Alpenstaat mitten in Europa als Porträt einzukreisen versucht. Dies tut er aus der Sicht einer Existensebene, die oft übersehen oder überhört wird, aus der Sicht der Vögel. Tschudin verblüfft mit einer Ästhetik der Bilder, die er oft mit liebevoller Ironie auf die Schweiz mit all seiner Schönheit fokussiert, die allerdings anfällig geworden zu sein scheint.

Eine Geschichte zwischen Ankommen und Abschied

Ist die Schweiz eventuell eine Idee, die gewahrt und weiterentwickelt werden muss? Der Rahmen dieses erzählenden Dokumentarfilms ist eine familienbedingte Rückkehr in die alte Heimat mit einer Überraschung im Haus des Vorfahren, die eine ungewöhnliche Tour de Suisse nach sich zieht, bevor es wieder heißt, Abschied nehmen zu müssen. Aber mit einer neuen Beziehung zu dem Land, aus dem man herkommt.

Die Bandbreite der Vielfalt in Kultur und Natur sei in diesem kleinen Land zwischen großen Staaten immens, davon ist Marc Tschudin überzeugt. Und das visualisiert er in seinem ersten abendfüllenden Film, der erfolgreich in den Kinos lief. Szenen mit brütenden Feldlerchen, alles niederwalzenden Kampfpanzern, auf Wellen schaukelnden Reiherenten, tanzenden Menschenmengen, singendem Girlitz und glockenschweren Alpaufzügen veranschaulichen wie Gegensätze aufeinanderprallen oder auch Parallelwelten, die möglich sind, zwischen dem Genfer- und Bodensee, zwischen dem Rhein und dem Ticino oder zwischen dem Jura und dem Engadin.

Geduld mit dem Unberechenbaren

Die Idee zu diesem Projekt entstand während der Arbeiten zum Ausstellungsfilm für die Schweizerische Vogelwarte Sempach. Die Identität eines Landes im Kontext der vielfältigen aber verletzlichen Natur- und Vogelwelt in der Art eines Filmes zu formulieren, trieb Marc Tschudin an, die vielen Orte aufzusuchen, die das ermöglichen. Zu den Herausforderungen hätten nicht nur die Geduld mit der Unberechenbarkeit der Vögel und des Wetters gehört, sondern auch gute Nerven bei der Bewältigung der Administration bei Anfragen und Bewilligungen.

Der Forscher und seine Fragen

Der gebürtige Basler wollte einst Archäologe oder aber Biologe werden; von Expeditionen in abgelegene Wüsten und Urwäldern hatte er geträumt. Er entschied sich für das Biologie-Studium, das ihn schlussendlich in die Welt der Medien führte, vom Printjournalismus über die Fotografie zum Film. Das Besondere, das Irritierende oder gar das Abgründige wollte er entdecken, was er nicht nur in der Welt des Menschen fand, sondern auch in der Naturwissenschaft. Theorien unterschiedlichster Disziplinen, die Suche nach Zusammenhängen und die Hinterfragung unserer Zivilisation und ihrem Verhältnis zur Um- und Mitwelt ließen ihn privat und beruflich nie in Ruhe. Nach Jahren als Dokufilmer und Dozent bei SRF realisierte Marc Tschudin seinen ersten großen Kinofilm über ein Thema, das ihn umtreibt und uns ebenso noch umtreiben wird.

Der Film kann nun auf SRF in der Mediathek gesehen werden…

Persönliche Notiz: Meine Wenigkeit durfte Marc Tschudin auf vielen seinen Filmreisen nicht nur begleiten und assistieren, sondern schoss noch diverse Fotos während seiner Arbeit (die im Magazin Berglink zu sehen sind) und räumte für eine Szene die ganze Bibliothek aus dem Raum.

Weitere Informationen zum Filmprojekt finden Sie auch hier…

Spenden oder nur Wünschen?

Zuerst fand ich das eine gute Idee. Eine Bekannte startete anlässlich ihres Geburtstages via Facebook eine Spende-Aktion für eine gemeinnützige Organisation, wohl mit der Überlegung, dass die Leute nichts schenken sollen, sondern etwas Gutes unterstützen. Aber bei Lichte betrachtet, ist es doch nicht so optimal, dieses Konzept. Warum?

Erstens, soll nicht erwartet werden, überhaupt beschenkt werden zu müssen. Zweitens, gibt es Zeitgenossen, die einfach alles Gute wünschen möchten, ohne Geld ausgeben zu wollen. Drittens, die zu unterstützende gute Sache finden vielleicht nicht alle genau so gut. Viertens, wenn Freunde nur Glückwünschen können, wenn eine Spende damit gekoppelt ist, erzeugt das einen unangenehmen Druck.

Bei der besagten Bekannten, wünschte also mal nur alles Gute. Resultat: Keine Antwort und dann wird auf der publizierten Liste mit allen Spenderinnen und Spendern erkennbar, dass mein Name fehlt und ich dann als Erbsenzähler verdächtigt werde.

Also meine Lieben, zu meinem 56. biologischen Betriebsjubiläum, kann freiwillig hier gespendet werden: BirdLife, «Kultur am Pass», Pro Natura, NABU, Ärzte ohne Grenzen, Naturschutzbund Österreich, Sprachsalz oder Deutsch Schweizer PEN, dies als kleine Auswahl.

Auf jeden Fall, lasst uns das Glas erheben, auf Gesundheit, Fröhlichkeit und in Gedenken an liebe Menschen und vor allem an solche, die nicht mehr mit bei uns auf dem blauen Planeten weilen.

Herzlich
Euer Urs

Vorsicht beim Draufkleben

Offeriert man in Deutschland einen Umtrunk mit Häppchen beim Antritt einer neuen Arbeitsstelle oder zum Abschied von der Firma, können die «Ausgaben als Werbungskosten bei der Steuererklärung geltend gemacht werden». Das war im «Offenburger Tageblatt» zu lesen. «Dabei sollten die Kosten zur beruflichen Stellung und der Anzahl der Gäste passen», heisst es weiter. Also darf sich einAngestellter in der Spedition nicht dieselbe Apéro-Dimension leisten wie der CEO einer Privatbank. Wie das in der Schweiz ist, weiß ich grad nicht, aber ich durfte Folgendes lernen:

Ich gab bei der Post ein Paket nach Hamburg auf. Wissend, dass Schweizer Briefmarken im Ausland geschätzt werden, klebte ich eine schöne Anzahl als Anzahlung aufs Paket. Die Dame am Schalter sah mich an, zog die Augenbrauen hoch und sagte: «Leider dürfen wir Ihnen diese Briefmarken für dieses Paket mit diesem Gewicht nicht anrechnen.» Ich: «Wie meinen?» Sie: «Entweder nehmen Sie diese Briefmarken wieder ab oder nehmen etwas aus dem Paket, aber diese Marken sind nicht gültig.» Nach dem misslungenen Versuch, die nicht wenigen Franken als Briefmarken vom Karton abzukniefeln, resignierte ich und sie klebte eine computergedruckte neue Frankatur von etwa 50 Franken darüber. Ich schenkte der Post Geld, weil ich nicht wusste, dass Briefmarken von der Post für ein Postpaket ab einem bestimmten Gewicht nicht mehr als Zahlungsmittel gelten. Wüssten Sie einen Volkshochschulkurs für mich zum Thema wie etwa «Wie werde ich ein kompetenter Postkunde»?

Urs Heinz Aerni

Der passende Buchtipp: Zumstein Katalog Schweiz Liechtenstein 2019, kartonierter Einband, 978-3-909278-80-0. Vermerk: Achtung, diese schönen Briefmarken gelten nicht mehr als Zahlungsmittel für Pakete ins Ausland ab einem bestimmten Gewicht…

Dergestalt mega

Ich las einen Roman, der sich in den 1930er Jahren in Berlin abspielte. Ich stieß auf eine Passage, in der ein Mann einen anderen fragte, ob ihm der soeben besuchte Anlass gefallen habe. Da antwortete der Andere: «Nicht wirklich.» Dann musste ich das Buch weglegen. Wissen Sie warum? Weil diese Wendung damals nicht üblich war, die kam erst so im 21. Jahrhundert im deutschsprachigen Raum auf. «Das geht gar nicht», dachte ich und hielt inne mit der Feststellung, dass auch diese Formulierung noch nicht lange bei uns gebräuchlich ist. Interessant ist, wie wir seit einigen Jahren uns erkenntlich zeigen mit «Ich danke Dir» und nicht mehr einfach nur «Danke» sagen und es mit «Gerne» quittiert bekommen statt «Gern geschehen». Eingebürgert hat sich die Rückmeldung in Restaurants bei der Aufgabe von Bestellungen mit «sehr gerne». Die Sprache ist in Bewegung, mutiert sich, übernimmt von da einen Sound und woanders her ganze Satzteile. Spurenelemente zeugen von Herkunft und vergangenen Kulturen. So muss der Jugend erklärt werden, dass die «gemeine» Amsel nicht eine hinterhältige ist und die «Wählscheibe» eigentlich aus der alten Welt der Kommunikation stammt. Wir könnten uns doch mal vornehmen, dergestalt ältere aber noch taugliche Wörter zu verwenden, dass unser Gegenüber zur Feststellung gelangen könnte, wie mega cool es sein kann, wenn man versuchte, mit archäologischer Manier aus dem Vollen zu schöpfen.

 

Hochachtungsvoll

Urs Heinz Aerni

 

Der passende Buchtipp: «Die deutsche Sprache – Ursprünge, Entwicklung und Wandel» von Herbert, Genzmer Matrix Verlag

Beitrag erschien auch in der BÜNDNER WOCHE