Donna Leon und die Amerikanisierung

Donna Leon signierte die Bücher und hörte freundlich zu, als die Leser ihr an einer Veranstaltung in Zürich Komplimente machten oder Fragen stellten. Das war damals so etwa beim fünften Fall von
Commissario Brunetti. Die sehr sympathische Lady erklärte dann im Gespräch, dass ihre Krimis nicht ins Italienische übersetzt werden, damit sie weiterhin in Venedig leben könne. Mittlerweile gibt es ja schon den 23. Fall ihres Kommissars und die Autorin genießt eine riesige Fangemeinde im deutschsprachigen Raum und in Grossbritannien. Sie lebt übrigens ja auch regelmäßig im Schweizer Kanton Graubünden. Auf die Frage, warum ihre Romane in ihrer Heimat, den Vereinigten Staaten, keinen ähnlichen Anklang fänden, meinte die Bestsellerautorin: «Brunetti philosophiert übers Leben und seine Frau ist Literaturdozentin. Meinen Sie, das interessiert die Amerikaner?»

Wie gesagt, diese Situation liegt schon einige Jahre zurück. Seit damals habe ich Frau Leon nur noch einmal kurz an einem Verlagsfest getroffen, aber zur Lage der amerikanischen Nation kamen wir nicht mehr ins Gespräch. Liebend gerne hätte ich ihre Meinung zu dem ganzen Zirkus erfahren, mit dem superreichen Präsidenten namens Donald Trump als Clown in der Manege. Sie hätte vielleicht die Augen verdreht und mir zu verstehen gegeben, dass Inszenierungen von politischen Selbstdarstellern auch in Europa langsam amerikanische Züge annehmen.

Vielleicht hätte sie mir gezeigt, wie überhaupt hier bei uns alles amerikanisiert würde, von den Polizeiuniformen in gewissen Schweizer Kantonen aber auch Bundesländern über das Fernsehprogramm bis hin zu den Weihnachtsmännern, die in der Shoppingmeile «ho ho ho» rufen. Sie hätte als Wahlschweizerin vielleicht vor den selben Fehlern wie der Ökonomisierung der Grundversorgung oder der Sparprogramme an den Schulen bei der Allgemeinbildung gewarnt.

Ich weiß es nicht, aber ich könnte es mir vorstellen.

Der passende Buchtipp: „Abc 4 USA – Amerika verstehen“ von Arthur Honegger, Stämpfli Verlag

Der Beitrag ist auch in der Zeitung BÜNDNER WOCHE erschienen.

Witz, eine verkannte Kunst?

Meine Güte, was haben wir in der Lobby gelacht. Nach einer Veranstaltung mit dem Schauspieler Hanspeter Müller-Drossaart in Lenzerheide lud ich ihn zu einem Drink ein und die Gäste setzten sich zu uns. Er zeigte sich auch nach dem offiziellen Programm als begnadeter Erzähler von Witzen und er kennt eine Unmenge davon. Da war mir wieder klar, dass der Witz eine unterschätzte Konversations-Kunst ist. „Witz“ gehört sprachhistorisch zu den Wortfamilien Verstand und Wissen, so das Herkunftswörterbuch Duden. Im 17. Jahrhundert kam im Deutschen die Verwendung im Sinne von „Esprit, Gabe des geistreichen Formulierens“ auf. „Witzeln“ oder „Spötteln“ standen im 16. Jahrhundert für „klug reden“. Witze werden erzählt um Dummheit und Nichtwissen bloß zu stellen. Ein Scherz funktioniert nur, wenn alle wissen, was die Realität ist. Ohne wahre Tatsachen gäbe es den Humor nicht. Wenn jemand einen Witz erzählt, muss er voraussetzen können, dass seine Zuhörer genug gebildet sind, um diesen zu verstehen. Die Konsumenten müssen also ein Mindestwissen haben, so dass sie die erzählte Geschichte als eine Unmöglichkeit erkennen. Satire, Comedy und Kabarett sind Formen des Witzes, zugeschnitten auf ein passendes Publikum, je nach Ort und Anlass. Der Witz legt Schwachstellen im System bloß und deckt Mängel in der Gesellschaft und Politik auf. Wer welche Art von Witz erzählen darf, ist auch eine Frage der Position. Während die Herkunft der Appenzeller-, Österreicher- oder Ostfriesenwitze  unterschiedlich interpretiert wird, haben die Jüdischen Witze eine tiefe historische Kultur. Und wenn Sie mal eine Gesellschaft unterhalten möchten, dann sind Sie sich bewusst, dass der Inhalt des Witzes Ihren Geist und Stil widerspiegelt. Das ist das eine. Nun kommt aber die zweite maßgebende Herausforderung! Der Witz ist erst gelungen, wenn er auch entsprechend mit Rhetorik, Modulation und Charakterspiel zum Besten gegeben wird. Und hier wäre für so manchen Witzliebhaber noch ein Workshop fällig. Stimmts?

Der passende Buchtipp: „Soll das ein Witz sein?“ von Helmuth Karasek, Heyne Verlag

Diese Kolumne erschien zuerst in der Zeitung Bündner Woche

Lernen aus einem großen Denkfehler der SBB?

Soviel ich weiß, möchte die SBB (Schweizerischen Bundesbahnen) noch immer die mobile Minibar abschaffen, aus Gründen der unzureichenden Rentabilität. Warum sind solche Entscheide ein Riesenfehler?

Nehmen wir als Beispiel ein Hotel. Die Gäste freuen sich auf ein breites Angebot an Service und Einrichtungen wie Wellness, Hallenbad, Bikes, Abendessen, Zimmerservice, Lobby, Fitnessraum, Billard oder Ausflüge mit Guide. Die Auswahl und die Aussicht, das alles benutzen zu können ohne zu müssen, beglückt den Gast und befeuert die Vorfreude. Was aber, wenn der Gast in seinem Urlaub mal den Pool nicht benutzt, dafür zwei Ausflüge bucht? Oder er ginge dreimal Billardspielen aber nie ins Hamam? Würde deshalb der Pool trockengelegt und das Hamam zugesperrt werden? Mitnichten!

Weil der Pool oder das Hamam oder sonst ein Angebot in sich selber nicht rentabel sein muss. Alle Optionen gehören zum Gesamtbild des Hotels. Dieses Gesamtkonzept definiert ein Label, eine Marke mit einer ausstrahlenden Attraktivität, die entsprechend wirkt und Kundschaft generiert. Dasselbe gilt für Destinationen, Regionen ja sogar Kantone. Sogenannte strukturarme dafür naturreiche Gegenden müssen für das Label Graubünden mit urbanen und mainstreamigen gekoppelt und als Ganzheit angepriesen werden. Denkte jedes Tal im Alleingang ans liebe Geld, würde es zur totalen Verschandelung der Landschaft führen, die weder Biker, Snöber noch Naturfreunde und Wanderer locken könnte. Wenn Konzerne wie die Bahn für jeden einzelnen Service eine eigene Rendite erwirtschaften wollten, dann verlöre das Reisen mit dem Zuge den Ruf, von dem sie bisher lebten.

Erschienen in der Bündner Woche

Der passende Buchtipp: „Nachhaltigkeits-Marketing-Management“ von Christin Emrich, Verlag De Gruyter

Brauchen wir Helden?

 

Der Gang zum Kiosk war für mich als Kind jeweils ein Ritual mit großer Vorfreude. Ich guckte hoch zur Dame, der Königin der vielen Comicshefte um sie herum. Sie reichte mir feierlich entweder Bessy, Asterix, Superman oder das Zack mit Leutnant Bluberry und Michel Vaillant. Sie retteten uns kleinen Jungs damals nicht nur die Welt, sondern auch den verregneten Mittwochnachmittag.

Helden brauchen wir dann, wenn wir überfordert, verzweifelt und hoffnungslos sind. Helden werden durch Elend und Not geboren oder produziert. Wann braucht es sie nicht? Wenn Machtlosigkeit durch Wissen, Eigenverantwortlichkeit, Kreativität, Mut, Aktivität und Courage verhindert oder umgangen werden kann. Seit der Aufklärung schienen die Chancen gegeben zu sein, von Theokratien und Monarchien abzurücken um sich der Demokratie hin zu entwickeln. Es war Zeit, jedem Einzelnen mehr Verantwortung und Mitspracherecht zu übergeben. Nach dem Wahn von Diktatoren, die zu Weltkriegen, Arbeitslagern und Hirnwäsche führte, schimmerte am Horizont die Hoffnung auf Vernunft und Differenzierung. Was passiert nun?

In der Türkei hieven die Massen einen Machtbesessenen in den Palast, der iliegalerweise in einem Naturschutzgebiet steht. In den USA wird ein polternder Selbstdarsteller ins Weiße Haus gewählt. In Italien glaubten viele das, was ein Macho durch seine eigenen Sender plärrte. In Russland wird nach dem Zarenterror einen neuen Zaren mit Krawatte verehrt. In Deutschland bringt es ein Mann fertig, mit lauten Reden, die Wähler in Rage zu bringen obwohl sein Programm aus dem besteht, was andere schon versprechen. In der Schweiz verlernt man hoffentlich nicht das Zuhören, Abwägen und das Entscheiden im Interesse für Mensch und seine Umwelt. Wenn doch, dann kaufe ich mir am Kiosk meinen Superman.

 

Der Beitrag erschien auch in der Zeitung Bündner Woche

Wird die Vielfalt des Marktes übersehen?

Ziemlich geschafft setzte ich mich in Leipzig in den Zug, der mich zurück in den alpinen Süden bringen wird. Aber ich bin wieder beeindruckt von den unglaublich vielen neuen Büchern, die an der Buchmesse präsentiert wurden. Im deutschsprachigen Raum erscheinen pro Jahr rund 100.000 neue Titel allein im Bereich Belletristik.

Mir wurde gesagt, dass kein anderer Sprach- raum eine so gigantische Vielfalt an Büchern aufweise, Jahr für Jahr. Ein Zeichen für Aufklärung, offene Gesellschaft und agile Intellektualität weit und breit? Das ist ein anderes Thema.

Der Anwalt für Autoren

Als Literaturagent und Vermittler erhalte ich erfreulich viel Manuskripte, die einen Verlag suchen und meine Seminare «Wie veröffentliche ich ein Buch» sind sehr gut besucht. Es wird also geschrieben, was das Zeug hält. In der Rolle des Anwalts für Autoren kritisiere ich nicht öffentlich Bücher, ich äußere mich lobend. Aber das könnte sich ändern, denn auch angesichts der Mannigfaltigkeit der aktuellen Literaturszene schrumpfen die Besprechungen in den Kultur- und Feuilletonseiten der Medien zur Einfältigkeit.

Ganz ehrlich, ich habe nichts gegen Martin Suter, Lukas Bärfuss oder Milena Moser. Sie treffen mit ihren Werken viele lesende Her- zen. Doch warum rollt jede Zeitung, jede Li- teratursendung und jedes Heft gleich den roten Teppich aus, wenn von ihnen ein neues Buch das Licht der Buchhandlung erblickt? Wieso besprechen alle Kritiker immer gleich und sofort dieselben Bestseller?

Literarische Biodiversität

Die literarische Biodiversität gehört beachtet und macht unsere Kultur reich. Wenn schon immer mehr Platz und Geld für die Kulturseiten weggespart wird, warum wird dann auf den übrig gebliebenen Zeilen nicht mehr Platz für Bücher reserviert, die nicht schon überall in aller Munde sind?

Möchten sich die Kritiker auf den Buchdeckeln der zweiten Auflage mit Zitat erwähnt sehen? Stehen die Redaktionen in irgendeiner Schuld der Verlage? Besteht zwischen den Rezensenten eine Wette beim Besprechen? Dabei gibt es eine grosse Flut an neuen Büchern, von denen gesagt werden kann, dass es auch glücklich machen kann, diese zu entdecken. Liebe Literaturkritiker, greifen Sie ein Buch aus dem Stapel und wenn wieder ein Suter herauskommen sollte, so können Sie das auch Ihren Kollegen überlassen. Sie werden überrascht sein, was es sonst noch Schönes zu lesen gibt.

Diese Kolumne erschien auch in der Zeitung BÜNDNER WOCHE

Das war der Kulturwinter 2017 im Hotel Schweizerhof Lenzerheide

Mit der 9. BERG & BUCH endet der Kulturwinter des Hotels Schweizerhof Lenzerheide.“So bald ich endlich die Fütterungszeiten im Zoo kannte, wollten die Kinder lieber in den Europapark.“ Eine der vielen Szenen aus dem aktuellen Programm von Christoph Simon. Oder haben Sie auch schon versucht den Trennstab des Kassenfließbandes in der Migros zu kaufen? Gar nicht so einfach. Simon vergnügte das Publikum mit Wahrnehmungen eines jungen Vaters so treffend, dass das Lachen bei vielen aus einem Wiedererkennen herrührte. Falls Sie sein Programm „Zweite Chance“ noch nicht erlebt haben sollten; er ist damit auf Tour durch die Schweiz.

Die 9. BERG & BUCH mit vielen Büchern in der Lobby, einer Duo-Lesung mit Sandra Lüpkes und Jürgen Kehrer in der Gemeindebibliothek, dem Loblied auf die Literatur von Manuela Hofstätter von Lesefieber.ch und dem Kabarett mitten aus dem Leben von Christoph Simon war der Schlusspunkt des Winter-Kulturprogramms 2017 im Hotel Schweizerhof Lenzerheide.

Durch den Winter 2017 verführten Künstlerinnen, Kabarettisten, Schriftsteller, Filmer, Käser und Kartoffelbauern in andere Welten. In der Reihe „Talk am Berg“ 2017 waren diese Gäste dabei: Mona Vetsch, Marc Tschudin, Martin Bienerth, Marcel Heinrich, René Schnoz und OHNE ROLF.

Für die Frühlings- und Sommersaison stehen Exkursionen mit BirdLife auf dem Programm und ein reiches Angebot an Ausflügen in den Sommerferien. Zudem bietet MouTeenCamp Schreibworkshops mit Gabrielle Alioth, Ralf Schlatter, Ruth Grünenfelder und Arno Rautenberg. Und das Kulturprogramm für den nächsten Winter steht schon … fast.

Kann man den Beruf Literat erlernen?

Was haben Silvio Huonder, Michael Stauffer und Ruth Schweikert gemein? Richtig, sie schreiben Bücher, also Romane. Aber sie unterrichten auch am Literaturinstitut Biel „Literarisches Schreiben“. Der Sinn einer Ausbildung zum Schriftsteller ist in der Literaturszene nach wie vor umstritten. In den Vereinigten Staaten werden einige Starautoren aus entsprechenden Schulen besonders gefördert und von Verlagen und Presse gehätschelt; das lässt befürchten, dass Talente, ja Genies, die untauglich für disziplinierte Schulbetriebe sind, keine Chance mehr bekämen. Die Gefahr der Aufzucht einer Textkultur mit Normen, die dem zahlungsfreudigen Zeitgeistpublikum entsprechen, läge da auf der Hand. Anbieter und Dozenten werden dies heftig in Abrede stellen und auf die grundsätzlichen Handfertigkeiten verweisen, die ja in jeder Kunstform ebenso erlernt werden müssten wie beispielsweise in der Bildenden Kunst oder im Journalismus.

Schreiben Autorinnen und Autoren bewusst auf ein Zielpublikum hin? Weiß der Schreibende ob er einen Leser bedienen möchte,  der eher einen flüssigen Plot oder verschwurbelte Sprachkapriolen oder eine tiefenpsychologische Innenschau bevorzugt? Welche Sprache wird zur Literatur? Ist es, nebenbei gefragt, ein Unterschied, ob ich für DIE ZEIT oder ZÜRICH WEST schreibe? Müsste ich meinen Stil der Blätter anpassen?

Zurück zur hohen Literatur. Der Schriftsteller Felix Philipp Ingold bemängelte vor kurzem in der NZZ das durchschnittliche Sprachniveau des Großteils der aktuellen Literatur. Wirken die Schreibschulen wie diejenige in Biel einem solchen Mangel entgegen? Allerdings ist es erstens schwierig, eine erwünschte Qualität zu definieren; zweitens wäre auch die Diskussion darüber zu führen, ob sich zurzeit Verlegerinnen und Verleger überhaupt noch auf das dünne Eis der Neuentdeckungen wagen – ohne auf Absatzzahlen zu schielen. Womit man bei der Frage angelangt wäre, ob die Kunst vor dem Markt war oder umgekehrt.

 

Der passende Buchtipp: „Literarisches Schreiben“ von Lajos Egri, Autorenhaus Verlag, 978-3-86671-124-2