Der Unvollendete

Der Dramatiker und Autor Lukas Linder schreibt vom glückssuchenden Anatol und schmückt damit das Programm der Literaturtage Zofingen vom 23. bis 25. Oktober 2020.

Dem in Bern lebenden Autor Lukas Linder liest man die Lust, mit schrägen Figuren zu spielen und das gewonnene Handwerk am Theater zu Papier zu bringen, aus jeder Zeile. Die Nichtakzeptanz, dass die guten Tage längst passé sind, scheint ein perfekter Nährboden für allerlei Visionen und Übungen der Unmöglichkeiten zu sein. Kauzigkeit kann im Alltag nerven, in den Romanen lieben wir sie, die kauzigen, schrulligen und weltfremden Charakteren.

Der Umstand, dass Linder auch das polnische Lodz als sein zweiter Wohnort nennt, könnte der Verdacht zulassen, dass der großartige André Kaminski (1923-1991) mit polnischen Wurzeln mit seiner Kunst, das Allzumenschliche liebevoll zu karikieren, etwas Pate stand. Vom verdientermaßen erfolgreichen Erstling steigt bekanntlich in der Literaturszene die Spannung auf das zweite Buch. Erst recht, wenn dazwischen nur zwei Jahre liegen.

„Der Unvollendete“ lautet der Titel des neuen Romans von Linder. Nach Alfred befassen wir uns mit Anatol. Statt des Heldentums, soll hier das Glück gefunden werden. Auch Anatol mutet sich zu, etwas erreichen zu wollen. Wir schauen ihm zu, amüsiert, da und dort vielleicht auch mit einem Wiedererkennungslachen und Staunen ob Settings wie diesem hier: „In seinem Bett küsste sich überhaupt niemand. In seinem Bett hörte man sich die Erinnerungen von Alt-Bundesräten an und machte sich ein paar gedankliche Notizen. Andererseits: So atmete doch kein Mensch, der einem Alt-Bundesrat zuhörte.“

Lukas Linder reist am Wochenende vom 23. bis 25. Oktober von Bern nach Zofingen, mit seinem neuen Buch unterm Arm. Da heuer das vorgesehene Gastland Kanada, das nach der Frankfurter Buchmesse in den Aargau hätte kommen sollen, nicht an den Literaturtagen teilnehmen kann, haben sich die Verantwortlichen entschlossen, dem heimischen Schaffen und Verlegen eine Bühne zu geben. Ein Fest der Worte und Gedanken soll es sein, von der Sprachmusik von Leontina Lergier-Caviezel, über die Liebe in den Bergen von Thomas Röthlisberger und duftender Erde von Samira El-Maawi bis hin zum Schicksal einer „illegalen Pfarrerin“ von Christina Caprez. Viele Überraschungen, vieles zu entdecken.

ZOFINGEN
23.-25. Oktober
www.literaturtagezofingen.ch

Link: Buch und Autor

Der Beitrag erschien zuerst im Kulturmagazin AKUU

Charakterköpfe

Liebe Leserin, lieber Leser,

Als Freischaffender kommt man nicht umhin, auch Eigenwerbung zu machen, aber wie, ohne dass es peinlich wird? Im Frühling rief mich der Verleger Robert Galitz an und fragte mich, ob ich zusammen mit Elke Heidenreich Texte zu Fotografien von Tom Krausz verfassen möchte. Während meiner Bedenkzeit wurden mir Schwarzweißbilder gesandt, die einfach zum schriftlichen Schwadronieren verlockten. Nun ist das Buch erschienen. Und hier lesen Sie, um was es geht

„Von Andenkondor bis Zebrafink, von Blaubussard bis Ypecaharalle – sie alle bannen uns mit ihren eindringlichen Blicken in den eindrucksvollen Schwarz-Weiß-Fotografien von Tom Krausz. Mit Texten von Elke Heidenreich und Urs Heinz Aerni versehen sind 60 Vogelportraits in dem Buch »Aves | Vögel. Charakterköpfe« versammelt, das im Dölling und Galitz Verlag erscheint.  Über ein schwules Pärchen aus der Familie der Humboldtpinguine schreibt Elke Heidenreich ebenso humor- und liebevoll wie über den Basstölpel, der im wahrsten Sinne ein Tölpel sei, da Vertreter seine Gattung sich immer wieder zutraulich auf Schiffsdecks niederließen – ohne zu begreifen, dass man sie dort eben fangen und braten würde.

An Heidenreichs Seite notiert der Schweizer Autor Urs Heinz Aerni seine Beobachtungen zur Harpyie und ihrem Gastauftritt in der US-amerikanischen Fantasyserie »Game of Thrones« oder warnt davor, mit einem Zwergspitz spazieren zu gehen, wenn ein Blaubussard im Anflug ist. Der krallt sich nämlich Beutetiere bis drei Kilo.

So gruppiert sich um die sensiblen Vogelporträts von Krausz mit den Geschichten von Heidenreich und Aerni ein Gesamtkunstwerk – ergänzt um ein Essay zur Physiognomie der Vögel von Literaturwissenschaftler Dietmar Schmidt sowie biologische Kurzmerkmale und Silhouetten aller 60 Vögel des Buches.“

Quelle: Natalie Fingerhut, Dölling und Galitz Verlag, Hamburg

Das Buch ist im Buchhandel erhältlich oder per Mail hier mit Rechnung bestellbar: buch-news@web.de

176 Seiten, 90 Duplexabbildungen, Hardcover mit Fadenheftung und Lesebändchen, 19,5 x 25,5 cm ISBN 978-3-86218-133-9, € 32,00 

Mit Durst und Hunger auf dem Zürichsee

Eine Kritik über die Strategie bezüglich Gäste-Service der Zürichsee Schifffahrt

Am Montagabend, 20. September 2020 bestieg ich mit Begleitung das Schiff in Meilen mit Ziel Bürkliplatz. Wir beabsichtigen 1. Klasse zu buchen, etwas zu essen und zu trinken. Dann wurde uns mitgeteilt, dass kein Restaurant an Bord in Betrieb sei. Auch keine Getränke. Und nicht mal einen Getränkeautomaten stünde zur Verfügung.

Wir standen da, schauten uns an, hatten eine Stunde Schifffahrt vor uns auf dem Zürichsee in einem der reichsten Kantone der Schweiz ohne einen einzigen Tropfen zu trinken. Mitfühlend bot ein ZSG-Mitarbeiter an, Wasser bieten zu können, falls es schwierig werden sollte.

Es ist unfassbar, wie eine kleinspartenmäßig geplante wirtschaftliche Struktur dafür sorgt, Gäste, Passagiere und Kunden zu enttäuschen.

Es ist nicht nachvollziehbar, dass nach dem 5-Franken-Zuschlag-Coup nun eine weitere Sparaktion den Ruf des Kantons Zürich und seinem touristischen Angebot beschädigt wird. Eine Aktion, die weder auf dem Neuenburgersee, auf dem Rhein, auf dem Vierwaldstättersee oder Bodensee bekannt ist oder angewandt wird. Es ist peinlich, als Zürcher einer Begleitung einen solchen Zustand erklären zu müssen.

Einmal mehr scheint eine kurzfristige Rendite wichtiger zu ein als die mittel- und langfristige Image- und Finanzplanung. Auch in Zeiten von Corona.

Eine Schifffahrt ist ein ganzheitliches Erlebnis, mit allem Drum und Dran: die Fortbewegung, saubere Toiletten, freundliche Crew, einem gut ausgebildeten Kapitän, gepflegtes Ambiente, genug Rettungsringe und eben eine Verpflegung, da ja Menschen transportiert werden sollen, nicht Holzlatten oder Altpapier beispielsweise. Wären die WC-Reinigung, das gedruckte Werbematerial und der Strom für das Licht auch an wirtschaftliche Subunternehmen ausgelagert worden, müssten wir dann mit dem Schlimmsten rechnen?

Verpflegung der Passagiere – ohne die es ja keine Schifffahrt gäbe – gehört zu einem Rundum-Angebot der ZSG. Wenn das nicht mehr der Fall ist, können die Abteilungen Akquise, Marketing und Werbung auch gleich weggespart werden.

Zu guter Letzt wird der Zürichsee zum ersten See, auf dem Touristen und Heimaturlauber nur noch rudern dürfen.

Urs Heinz Aerni

 

PS: Falls Sie es doch mal wagen sollten, ein Passagierschiff auf dem schönen Zürichsee zu besteigen, dann einfach das Survival-Set nicht vergessen.

Hier geht es zum Fahrplan der ZSG…

Kino made in Switzerland und Filme für die Erde

Das Zurich Filmfestival 2020 ehrt das Gesamtwerk von Rolf Lyssy. Seine Dok- und Spielfilme drehen sich immer um gesellschaftliche Themen, die mit viel Charme, Empathie und Humor eingekreist werden. Sein neuester Streifen „Eden für jeden“, wieder eine Komödie über uns allzu bekannte menschliche Facetten feiert in Zürich Premiere.

Nebst der Erinnerung an unseren Lesungen aus unserem gemeinsamen Buch denke ich an 2012 zurück, als wir in La Punt auf der Bühne über die Rolle des Schweizer Films auf dem Markt diskutierten. Dabei waren auch Oscar-Preisträger Xavier Koller, damalige SRF-Filmkritikerin Monika Schärer und der Filmemacher Paul Riniker. Das Gespräch wurde im Magazin FILMBULLETIN veröffentlicht und ist heute noch hier zu lesen. Viel Vergüngen: „Wir sind halt ein eigenartiges Land“.

Der Verein «Filme für die Erde» zeigt in diversen Ländern, so auch in der Schweiz, Doku-Filme mit Themen wie Umwelt, Naturschutz, Klima und generell über unseren Umgang mit der Erde. Der Schweizer Co-Geschäftsleiterin, Barbara Roth, stellte ich Fragen zu Konzept und Programm und über die Stärke des Filmes bei der Vermittlung von Wissen und Anliegen. Das Interview ist in verschiedenen Medien zu lesen, hier per Link in der Jungfrau Zeitung: «Filme haben die Kraft, viel auszulösen».

Einen fröhlichen Restsommer und viel Vergnügen beim Lesen und mit den vielen neuen Kunstwerken auf der Leinwand.

Urs Heinz Aerni

Talk mit Rolf Lyssy und Urs Heinz Aerni im Dorfmuseum Lengnau (Aargau) 2008.

Barbara Roth ist Co-Präsidentin des Vereins „Filme für die Schweiz“


Fragen zu einer Abstimmungskampagne in der Schweiz

Soeben landete das „Extrablatt“ der Schweizerischen Volkspartei (SVP) in allen Briefkasten zur kommenden Abstimmung. Sie kämpfen mit allen fragwürdigen Mitteln für ihre patriotische und nationalistische Weltsicht. Jetzt für ein Gesetz gegen Einwanderung mit dem Argument, dass die Schweiz übervölkert und verbaut würde.

 

Liebe SVP,

ja es stimmt, die Schweiz wird verbaut, zubetoniert, zersiedelt und der Boden immer mehr versiegelt. Liegt es wirklich an den Menschen, die hierher gekommen sind, die die Arbeit verrichten, die wir „Schweizerinnen“ und „Schweizer“ nicht mehr machen wollen? Frühmorgens in der Straßenbahn sitzen links und rechts von mir in der Tat Menschen, die zur Frühschicht in die Fabrik, in den Küchenservice der Restaurants, zum Regaleinräumen der Großverteiler oder auf Baustellen müssen.

Mich stört es nicht, wenn ich in solchen Momenten kein Schweizerdeutsch höre, sondern dass genau diese Menschen als Ursache für die Vernichtung von natürlichen Landflächen sein sollen.

 

Liebe Funktionärinnen und Funktionäre der SVP,

habt Ihr Euch eigentlich auch schon mal Gedanken gemacht, welche Rollen die Expansionen Eurer Konzerne, die riesigen Villen, Eure Zweit- und Drittwohnung im Engadin und Tessin samt den Rasen, die Parkplätze, Garagen für die SUV’s und die Autos von den Kindern spielen, beim Landverlust Eurer einzigartigen Schweiz?

Was tut Ihr konkret zur Schonung der Ressourcen Eurer kleinen, so innig und heiß geliebten Insel?

Bin gespannt auf Eure Antworten.

 

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Diese Frage wurde via Facebook an Politkerinnen und Politiker der besagten Partei versand. Falls Antworten eintreffen sollten, wären sie hier zu lesen.

 

Der wahre Feind

Zum Gastkommentar «Religion als Feindin des Friedens?» von Giuseppe Gracia im Bündner Tagblatt vom 13. August.

«Der Atheismus hat mehr Menschen getötet als alle Religionen», sagt der Churer Bistumsangestellte Giuseppe Gracia mit dem Versuch, diese fragwürdige Aussage mit Zitaten aus der Weltliteratur zu untermauern. Folgende Fragen zu ausgesuchten Kernaussagen im Kommentar gehören debattiert:

Gracia: Kommunismus und Nationalismus forderten 50 Millionen Leben. Stimmt. War Hitler nicht Katholik? Hatte die Katholische Kirche nicht schon immer die Juden als Jesus-Mörder gebrandmarkt, allerdings flankiert von Bewegungen aus der Reformation und Freikirchen? Wurden das Zarenreich und die kommunistische Diktatur nicht getragen von der Orthodoxen Kirche? Ohne hier ausführlich auf all die anderen Diktaturen wie in Chile, Argentinien, Spanien und Ländern in Afrika eingehen zu müssen, stellt sich die Frage, wo die Kirche das Gewissen der Menschenrechte einbrachte, abgesehen von der Befreiungstheologie.

Gracia: Wie frei sind die Menschen wirklich? Wie frei durften Kinder und Jugendliche in Internaten denken und leben? Wie frei sind heute Menschen mit den Altlasten der sexuellen Übergriffe von Männern, die unter einem unbiblischen Gelübde Druck abbauten?

Gracia: Leistungsorientierte Selbstoptimierung generiert Erschöpfungszusammenbrüche, ein spirituelles Vakuum, Depressionen und «Selbstmorde». Stimmt, doch wie vielen depressionskranken Menschen, die keinen Ausweg als Suizid sahen, wurde eine Abdankungsmesse verweigert? Wie viele psychiatrische Patienten wurden in kirchlich geführten Anstalten eingesperrt statt therapiert? Warum wurde die Anerkennung von Geisteskrankheiten erst durch die Wissenschaft ermöglicht? Wie viele unschuldige Frauen wurden als Hexen verbrannt und ertränkt, auf Geheiß der Kirche? Wie viele psychisch kranke Menschen wurden durch Exorzisten und Dämonenaustreibungen gequält statt behandelt?

Gracia: Alle Staaten ohne garantierte Religionsfreiheit sind verbrecherisch. Stimmt. Sind es nicht die säkular und demokratisch gestalteten Staaten, die das bieten? Unterdrücken nicht die sogenannten «theokratisch» getrimmten Regierungen jegliche andersglaubende Lebenshaltung? Jan Hus wurde 1415 in Konstanz trotz gegenteiligem Versprechen auf Befehl der Kirche verbrannt. Verfolgen nicht Banden heute noch im religiösen Wahn sogenannte Ungläubige? Kann sich ein Muslim für eine Arbeit in der Vatikan-Stadt für einen Job bewerben?

Gracia zitiert Rosa Luxemburg: «Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden.» Dachten damals die Kreuzritter das auch, bevor sie im «Verheissenen Land» Schädel von Gross und Klein einschlugen? War das die Gesinnung der Kapitäne und Kriegsherren, die in der Neuen Welt einmarschierten, um den indigenen Völkern den Garaus zu machen, es sei denn, sie, die «Heiden», hätten bereut? Versuchten nicht die Missionare den heimischen Völkern in der Südsee ein Glaubens- und Lebenssystem aufzuzwingen, das sie nicht brauchten? Wie viel Gottessehnsucht und Scheuklappen-Weltsicht führte zu unsäglichem Elend im Jugoslawienkrieg und in Nordirland?

Giuseppe Gracia arbeitet mit Sprache, Text und Denken, und wieso fällt es dem Verfasser schwer, seine Weltsicht nicht als einlullende Betriebsblindheit zu interpretieren, hegend jedoch mit der stillen Hoffnung, dass er im gemütlich eingerichteten Glaubens-Zimmer mal alle vier Wände umstossen wird, um sich neuem frischen Wind auszusetzen.

Urs Heinz Aerni

Dieser Beitrag ist auch im BÜNDNER TAGBLATT und in der BÜNDNER WOCHE erschienen.

Buchtipp:

Der Mann hinter INSIDE PARADEPLATZ: Lukas Hässig

Inside Paradeplatz wird abonniert und von Bankern gefürchtet. Der Journalist Lukas Hässig schrieb für verschiedene Zeitungen und Wirtschaftsmedien sowie Bücher über die UBS und das Bankgeheimnis. Seit 2011 betreibt er den News-Blog und sorgte schon mit machen Enthüllungen für viel Unruhe in der Finanzwelt.

Für den Kanal DIE REDAKTION stellte ich Lukas Hässig in Zürich Fragen über seine Arbeit, seine Herausforderungen und seinen Umgang mit Kritik.

Für uns da?

Neulich wollte ich einem Freund in Österreich ein Buch als Geschenk schicken. Am Postschalter verlangte ich nach dem grünen Zollaufkleber. Den gebe es nicht mehr, man müsse sich jetzt im Internet bei der Post einloggen und ein Zollformular ausfüllen mit allen Details wie Inhalt und Gewicht. Dann könne das Paket verschickt werden. Ansonsten müsste ich am Schalter eine zusätzliche Gebühr entrichten. Statt Service also Homeoffice für den Kunden.

Dann lag kurz darauf eine saftige Rechnung der Ausgleichskasse (in der Schweiz obligatorische Altersvorsorge für Freischaffende, sogenannte 1. Säule) im Briefkasten und setzte mit einem fetten Verzugszins-Betrag den buchhalterischen Höhepunkt. Es ging dabei noch um Steuerrechnungen aus früheren Jahren, die durch irgendwelche Verzögerungen verspätet bearbeitet wurden. Die damaligen Steuererklärungen wurden von meiner damit beauftragten Expertin fristgerecht eingereicht. Ich rief an und man erklärte mir, dass ich als Freischaffender verpflichtet sei, die definitive Steuerrechnung der Ausgleichskasse zu melden, damit die AHV-Beiträge berechnet werden können. Das stünde irgendwo auch ge- schrieben.

Während die Krankenkassen im Kanton Zürich automatisch gebührentechnisch auf die Steuerrechnungen reagieren, muss die Ausgleichskasse aktiv informiert werden. Nach dem coronabedingten Totalausfall von dreieinhalb Monatseinkommen kam die Formularschlacht, die das Wirtschaftsamt und die besagte Ausgleichskasse verlangten. Nach gewissenhaftem Ausfüllen, was nicht wenig an Arbeitsstunden kostete, kam von der Ausgleichskasse etwas Geld, das einem durchschnittlichen Monatsumsatz entsprach. Vom Wirtschaftsamt Zürich hieß es später am Telefon, dass keine Unterstützung möglich sei, da ich als Freischaffender ohne Angestellte, Firmenauto, Geschäftslokal mit Sortiment und Miete lediglich ein kleines Risiko für die Gesellschaft sei, falls ich finanziell «hops» ginge. Zugegeben: Salopp von mir zusammengefasst.

«Wir sind für Euch da» sagte Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga an der Medienkonferenz zu Beginn der Covid-19- Krise.

Hmm – wie könnte sie das denn gemeint haben?

Urs Heinz Aerni

Ist auch in der Zeitung Bündner Woche  erschienen

Kulturtipp für Büchermenschen in Graubünden…

„Genießen statt vernichten“

Medien berichteten von der Gefahr der Weinvernichtung wegen zu volle Weinkeller durch gute Erntejahre und pandemiebedingte rückläufige Absätze. Und die nächste Lese ist bald. Das Weingut zum Sternen in Würenlingen macht aus dieser Herausforderung eine Tugend.

Die Neue Zürcher Zeitung vom 13. Juni 2020 berichtete von übervollen Weinlagern in der Schweiz, sinkender Absatz und von einer neuen reichen Ernte im Herbst, mit dem Titel „In der Not müssen die Winzer Millionen Liter Wein vernichten“. Das möchte das Weingut zum Sternen in Würenlingen unbedingt verhindern. Mit dem neuen Tafelwein rot und Tafewein weiß engagiert sich das Familienunternehmen mit der Kampagne „Füllhorn – Ein Dank der Natur“ und teilt mit: „Nach einer übermäßigen Fülle an Trauben und qualitativ hochwertigen Veredelungsprozessen sind die Tanks der Weinkeller sowie die Vorräte der Gastronomie aufgrund der Corona-bedingten Ereignisse üppig gefüllt. Mit diesen beiden Tafelweinen können wir die Vorräte aufbrauchen und Platz schaffen, für die kommende Saison ohne weitere Verluste hinnehmen zu müssen.“

Das Weingut lädt Weinfreunde in der Nachbarschaft und weitherum ein, dieses Sommer-Angebot zu nutzen und zu genießen. Der Tafelwein kann per Internet, Telefon bestellt werden, oder wie Winzer Andreas Meier besonders betont, direkt auf dem Weingut in Würenlingen abgeholt werden. „Wir würden uns freuen, wenn Menschen uns direkt besuchen kommen! Wir sind gerne für sie da und zeigen auch die Rebhänge und unsere Weinkeller, als Blick hinter die Kulissen der so reichen Weinkultur in unserer schönen Region.“

Die Region Unteres Aaretal zwischen Würenlingen und Bad Zurzach, zwischen der Aare, dem Naturschutzgebiet Klingnauer Stausee, dem Rhein und Südschwarzwald ist nicht nur reich an südlich ausgerichteten Rebhängen und viel Natur, sondern bietet mit der lebendigen Kulturgeschichte und vielfältigem Angebot an Restaurants und Hotel schöne Entdeckungen im nächsten Urlaub. Deshalb empfiehlt Winzer Andreas Meier dringend, nicht nur einen leeren Kofferraum im Auto mit nach Würenlingen zu bringen, „sondern auch Wanderschuhe und Sonnencreme mit dabei zu haben.“ In anbetracht des großen Jammertals zwischen Wirtschaftskrise und Coronawellen, muss auch mal über so etwas berichtet werden. Prost.

Web: www.weingut-sternen.ch

Auf Berglink erschien mit Andreas Meier und Markus Utiger ein Interview über einen gemeinsamen Wein und Tendenzen in der Weinkultur.

Eine falsche Frage zum Bartgeier

Ein Journalist in der Wochenzeitung aus Zürich, stellte an ein Forscherpaar, das sich mit einer Stiftung für die Wiederansiedlung des Bartgeiers in den Alpen einsetzen, die Frage: «Sind die Bartgeier überhaupt nützlich?»

Jetzt mal ehrlich, gibt es Tiere oder Pflanzen, die im ökologischen System eine überflüssige Rolle einnehmen? Der in alter Zeit als Lämmergeier verschriener Vogel wurde durch bildungsferne Alpenvölker ausgerottet, da dieser nebst jungen Schafen auch Kinder verschleppt haben soll. Heute wurde er nicht nur wieder erfolgreich angesiedelt, sondern man weiß auch mehr über ihn. Wie alle Geier hat auch er es ausschließlich auf Aas abgesehen, aber nicht nur auf Fleischresten und Innereien, sondern der Bartgeier vertilgt blanke Knochen restlos. 70 Prozent seiner Nahrung machen sogar Knochen und das Knochenmark aus, die von einem unempfindlichen Magen samt hoch konzentrierten Säuren zersetzt werden. Ohne innere Verletzung schluckt der Bartgeier bis 20 cm lange Knochen und sollten sie doch zu groß sein, dann lässt er sie auf Felsen fallen, damit sie zersplittern. Oft sind es ausgesuchte Felsplatten und wenn mal was daneben gehen sollte, holt er es sich durch Sturzflug zurück. Falls das Angebot den Bedarf nicht decken sollte, dann konnte auch schon mal beobachtet werden, dass er durch seine Flugkunst Beutetiere zum Absturz bringen kann, gegen Fleisch hat er ja eigentlich nichts. Er reguliert also das Steinwild und räumt erst noch bis zum letzten Knochen auf.

Und was gaben die Geier-Experten zur Antwort? «Vielleicht hat er nur einen Nutzen in sich selbst. Während andere Geier das Aas entsorgen und damit auch helfen, Krankheiten zu vermeiden, bietet der Bartgeier keinen vergleichbaren Service an.» Und die Kollegin meint, dass die Bartgeier als «Flagships» benutzt werden, weil er «viele Sympathien» genössen.

Solche Antworten öffnen Tor und Tür zum Abschuss von Tieren, deren „Nützlichkeit“ in Frage gestellt würden und liefern dem Artenschutz damit einen Bärendienst.

Urs Heinz Aerni

 

Surftipps:

Infos und schöne Bilder zum Bartgeier von Michael Gerber

Alpenzoo Innsbruck über den Bartgeier

WWF über den Bartgeier

Hier geht es zum oben erwähnten Interview in der Wochenzeitung WOZ