Somedia

Szene in einem Asylbüro in Innsbruck

«Setzen Sie sich.»

«Dangge.»

«Sie suchen also bei uns einen Job.»

«Ja, wissen Sie …»

«Was für Berufserfahrungen bringen Sie denn mit?»

«Nun, ich arbeitete als Skilehrer, Pistenfahrzeugfahrer, Schneekanonen­
bediener, als Gondelbahntechniker, Münzleerer der Billettautomaten …»

«Hmm …»

«Ich habe auch im Service ausgeholfen, an der Bar Drinks gemixt, den Touristinnen in den Pelzmantel geholfen und …»

«Okay, okay, klingt ja alles gut und schön. Das sind natürlich alles Erfahrun­ gen, die wir hier im Tirol brauchen können. Wie schaut es denn mit Sprache und Umgangsformen aus?»

«Mein Bündnerdeutsch kam immer saugut an, denn natürlich habe ich Englisch, Russisch und Italienisch gebüffelt. Aber seit die Touris immer mehr wegblieben …»

«Wir kennen euer Problem. Aber dass Sie gleich um einen Asylantrag bei uns hier in Österreich bitten?»

«Wissen Sie, seit dem Euroknicks damals, und als die Russen und so nicht mehr kamen, und dann die Überteuerung nach der Olympiade, äh und dann noch die Boden­ und Mietpreise …»

«Ja, ja, wir wissen von der Not bei euch, aber …»

«Und dann, als bei der nationalen Abstimmung die Österreicher unseren Antrag zur Übernahme als neues Bundesland ablehnten, dann …»

«Seit dann landen bei uns im Aufnahmezentrum eben Leute wie Sie aus dem Graubünden.»

«Aber ich kann doch all das, was bei Ihnen nun voll angesagt ist.»

«Schon, aber …»

«Was, aber?»

«Wir reden hier nicht bündnerisch, und unseren Schmäh habt Ihr ja auch nicht grad intus, oder?»

«Kann ich doch lernen.»

«Das bezweifle ich, Ihr seid ja heute noch stolz auf die verflossenen Zeiten. Ich gebe ja zu, wir mussten auch lange üben, um das K&K­ Gehabe aus dem Blut zu bringen. Aber jetzt boomt bei uns der Tourismus, da ist eben Austrianess sehr wichtig.»

«Das verstehe ich ja, aber …»

«Nun, wir haben aus Chur die Meldung erhalten, dass Leute in Graubünden gesucht werden und Jobs zu haben seien.» «Ich weiß …»

«Mein Lieber, Sie müssen eben umdenken und sich umschulen lassen.»

«Hmpf.»

«Das sind doch neue Berufe, die Sie erlernen können für Ihre alte Heimat, statt zu uns ins Tirol zu kommen.»

«Och …»

«Das sind doch tolle Herausforderungen! Hier das Blatt mit den Listen der Arbeitsstellen, die bei Ihnen zu haben wären.»

«Aber das habe ich noch nie gemacht.»

«Lesen Sie vor.»

«Assistent bei biologischen Forschungen im Camp der Uni Berlin, Hilfs­arbeiter im Bereich nachhaltige Waldpflege, Kartierung mit Zusatzausbildung in Ornithologie, Begleitung der Reservats­Grenzsicherung, Servicehilfe im Camp der Naturforschergruppe der Uni Cambridge, Raumpflege im Forschungslabor für Biodiversität der Uni Zürich … eben.»

«Was, eben?»

«Habe ich noch nie gemacht, möchte lieber Ratrac fahren, Baukran steuern oder Bike­Pisten ausstecken.»

«Das, mein lieber Bündner, machen wir hier nun selber. Und dazu haben wir mehr als genug Leute, sehr gute sogar, die nach dem Aufbau von Syrien wieder bei uns sind und ihre Erfahrungen auf den Baustellen mitbringen.»
«Also keine Chance für mich?»

«Leider nein. Aber gerne setze ich ein Empfehlungsschreiben auf als Refe­ renz für Ihre Rückkehr nach Graubünden.»

«Aber da wird nicht mehr gebaut, da ist nur noch Wildnis mit wilden Tieren und Forschern.»

«Darum, mein Lieber, beginne ich langsam, Sie zu beneiden.»

 

Der Beitrag ist in der Anthologie „Visionen Graubünden 2050“ im Verlag Somedia erschienen. Der Bündner Regierungsratspräsident, Christian Rathgeb, fragte als Herausgeber viele verschiedene Menschen an und bat um einen Text zur Frage, wie der Kanton Graubünden 2050 aussehen könnte. 

SES

Weg vom Atomstrom?

Heute habe ich Post erhalten von der Schweizerischen Energie-Stiftung. Die Schweiz entscheidet sich für oder gegen Atomkraftwerke.

Alle, die abstimmen können aber noch nicht so recht wissen wie, empfehle ich dieses Quiz: http://www.energiestiftung.ch/quiz.html

Wir hantieren mit einer Technik, die trotz aller Sicherheitsmaßnahmen einen Schaden anrichten könnte, für den wir gegenüber vielen Generationen verantworten müssten.

Wir produzieren mit dieser Technik einen Abfall, für den wir keine Lösung haben und legen mit dessen Zerstörungspotential genauso vielen Generation eine gewaltige Bürde auf.

Erneuerbare Energie ist eine Chefsache bei Verwaltung und Politik der Länder. Wind, Sonne und Wasser können in Kombination optimaler genutzt werden. Es sei denn, wir überlassen diese Herausforderung ausschließlich dem freien Markt, dann zählt nur Masse und das schnelle Geld.

CEOs denken an die Rentabilität ihrer Zeit im Konzern und selten, an die nachhaltige Wirkung ihrer Strategien.

Vor kurzem sah ich in einem Zürcher Geschäftshaus ein Abfalleimer an einer Steckdose angeschlossen. Ich fragte, was das soll. Antwort: „Der Deckel öffnet sich automatisch, wenn man näherkommt und was einwerfen will.“ Brauchen wir Atomstrom für solchen Unsinn?

Mit einem koordinierten Verzicht auf elektronischen Schnickschnack mit einer Optimierung der kombinierten Stromproduktion durch erneuerbare Energie hätten wir die Chance, unseren nachfolgenden Generationen keine lebensgefährlichen Altlasten hinterlassen zu müssen.

Urs Heinz Aerni

Amina Abdulkadir mit Urs Heinz Aerni im Gespräch

«Alles, nichts und beides»

Sie flackern unruhig, die Kerzen auf den Tischen im Theaterkeller.Ein älterer Herr sortiert die Gläser hinter der Bar und irgendjemand fingert noch an einem Scheinwerfer mit Wackelkontakt herum. Amina Abdulkadir sitzt auf einem Sofa, schaut sich um und ich weiß nicht, ob sie vor ihrem Auftritt nervös ist. Sie ist jung und präsent. Sie hat schon sehr viele Auftritte auf Bühnen und an Ausstellungen hinter sich und gewiss, es kommt noch mehr auf sie zu. Alses soweit ist, hier im Kellertheater, steht sie da, als wüsste sie nicht wieso.Die Stille scheint aus den vollen Reihen wie eine große und leere Sprechblase aufzusteigen. Und diese beginnt Amina nun mit ihrer Poesie zu füllen. Mit sinnierender Ironie … oder mit Charme bestücktem Witz … auf jeden Fall miteiner Text- und Sinneskunst, die fröhlich macht. Sie hoffe beim Publikum, so sagt sie, auf «offene Ohren und mutige Herzen» zu stoßen. Wenn Amina Abdulkadir spricht oder schreibt, so nimmt sie uns mit – oft gar in unser eigenes Herz.
1985 wurde Amina Abdulkadir geboren, in Mogadischu, Somalia. Als kleines Mädchen kam sie in die Schweiz. Schule war – erzählt sie – nicht so ganz ihr Ding, da gab es noch weit interessantere Themen, die ihrer Entdeckung harrten. Lehr- und Aktivzeiten verbrachte sie in der akademischen Welt, dann als Ergotherapeutin, um endlich da zu landen, wo sie hingehört: in der Kunst mit Worten und der Gestaltung. Urs Heinz Aerni
Das Buch: «Alles, nichts und beides» Kurzerzählungen 2015 Edition BAES.

Hier das Interview mit Amina Abulkadir:
https://www.youtube.com/watch?v=99YFnWEQ_4I

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Was ist Schweizer Literatur?

Nein, ich bin kein Schweizer Schriftsteller, sondern ein deutschsprachiger», sagte Catalin Dorian Florescu am 22. September 2012 an einer Literaturveranstaltung am Bodensee, in einem bestimmten und deutlichen Ton, der zu verstehen gab, dass der Begriff «Schweizer Literatur» passé sein soll.

Im Harenberg Literaturlexikon (Ausgabe 1997) wird unter «Schweizerische Literatur» auf Seite 1128 verwiesen: «Übersicht Deutschsprachige Literatur». Beim Aufblättern präsentieren sich Namen in einer Liste ohne Länderangabe mit Geburts- und Todesjahr und den wichtigsten Buchtiteln. «Mehr oder weniger», schrieb Klaus Pezold im Buch «Geschichte der deutschsprachigen Schweizer Literatur im 20. Jahrhundert» (Berlin, 1991), würden Schweizer Autoren «direkt der Literatur der Bundesrepublik zugeordnet, während gleichzeitig die Literatur der DDR und zumeist auch die Österreichs eine gesonderte Darstellung» fänden.

Regional- statt Nationalliteratur?

Angesichts dessen, dass die Schweiz weniger Einwohner als die Bundesländer Baden-Württemberg oder Bayern aufweist, müsste die Frage erlaubt sein, ob nicht eher von einer Regionalliteratur gesprochen werden soll. Also im Vergleich mit der schwäbischen, tirolerischen, hessischen oder niedersächsischen. Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels zeichnet jährlich den «besten Roman in deutscher Sprache aus», also haben durchaus Schreibende aus Österreich und der Schweiz eine Chance. Beim Schweizer Buchpreis hingegen vergibt die Jury eine «Auszeichnung für das beste erzählerische oder essayistische Werk einer Schweizer Autorin beziehungsweise eines Schweizer Autors».

2010 erhielt die als fünfjähriges Mädchen eingewanderte Melinda Nadj Abonji den Deutschen sowie den Schweizer Buchpreis. Der letztjähriger Preisträger in Deutschland, Lutz Seiler, hätte für den Schweizer Preis keine Chance, da er weder Schweizer ist noch in der Schweiz lebt. Wieso dieser Unterschied, wieso keine Schweizer Variante analog zum Deutschen Preis? Warum die geografische, ja, politische Einengung?

Dorothee ElmigerMatthias Zschokke und Thomas Hürlimann stammen aus der Schweiz, leben und schreiben aber in Berlin, Monique Schwitter in Hamburg. Michail Schischkin und Zsuzsanna Gahse sind in Russland und Ungarn geboren, aber mittlerweile in der Schweiz eingebürgert. Wer von den Genannten gehört nun zur Schweizer Literatur? Heinz D. Heisl aus Innsbruck und Birgit Kempker aus Wuppertal haben ihren Wohnsitz in der Schweiz und beide schreiben größtenteils hierzulande an ihren Büchern. Die in Schaffhausen geborene Ursula Fricker lebt schon eine Ewigkeit bei Berlin und ihr Roman «Außer sich» lässt sich weder geografisch noch politisch, sondern nur in seelischen und psychologischen Welten verorten. Silvio Huonder lebt und schreibt ebenso seit vielen Jahren am Schwielowsee in Brandenburg. Nach seinem ortsneutral gehaltenen Roman «Dicht am Wasser» führt «Die Dunkelheit in den Bergen» nach Graubünden, in seinen Herkunftskanton. Mittlerweile ist er Doppelbürger. Sibylle Berg, geboren in Weimar und heute in der Schweiz zu Hause, ist ein Teil des eidgenössischen Literaturschaffens.

Weltliteratur aus dem Hinterland

Der Großteil der in der Schweiz produzierten Literatur ist mit dem gesamtdeutschprachigen Markt verknüpft. Eine Buchhändlerin in Hausach in Baden-Württemberg las das Buch «Spaziergänger Zbinden» des Berners Christoph Simon und war dergestalt begeistert, dass sie es allen ans Herz legte, so dass das Buch im schwarzwälderischen Kinzigtal zum Bestseller wurde. Simon erzählt darin die kleine Welt eines Mannes im Altersheim, von der er bei seinen Spaziergängen einem Zivildienstleistenden erzählt, ja, schwadroniert. Die Lektüre lässt die vielen Gedanken der Hauptfigur zu einer großen Welt im Kopf des Lesenden werden.

Eine gewisse Ähnlichkeit findet sich im lesenswerten Roman «Hungertuch» des Schriftstellers Martin Stadler aus dem Kanton Uri. In diesem dichten Textkonvolut thematisiert Stadler nicht nur die engen Sorgen und Mühen der Bewohner eines Dorfes in der Zentralschweiz, sondern eigentlich die Fragen, die jeden Weltenbürger umtreiben. Und Peter Stamm wurde als Stadtschreiber nach Mainz eingeladen. Vielen Leserinnen und Lesern in Deutschland ist seine Thurgauer Herkunft nicht bewusst.

Allerdings erscheinen immer wieder Bücher, die genau das Gegenteil versuchen, indem sie die Texte und Geschichten bewusst mit dem lokalen Umfeld einfärben. Ein Musterbeispiel dafür ist der Roman «Vrenelis Gärtli» von Tim Krohn, der 2007 ein eidgenössischer Bestseller wurde. Arno Camenisch baut in seiner Trilogie «Sez Ner», «Hinter dem Bahnhof» und «Ustrinkata» Versatzstücke aus dem Rätoromanischen und bündnerische Mundart in den deutschen Text ein. Beide Autoren lassen den melodischen Klangs des Dialekts aus den Kantonen Glarus respektive Graubünden erklingen, was das eigene Lesen zu einem Abenteuer macht und den Duft der Alpenwiesen und Ziegenställe in die virtuelle Nase aufsteigen lässt. Typisch Schweizer Literatur? Da werden Leserinnen und Leser in Deutschland und Österreich heftig nicken, obwohl bei Krohn und Camenisch keine Mundart-Literatur vorliegt, sondern das Schwergewicht auf der Hochsprache liegt.

Die Robert Bosch Stiftung in Stuttgart zeichnet «deutsch schreibende Autoren nicht deutscher Muttersprache» aus. Dazu gehören zum Beispiel Terézia MoraArtur BeckerSudabeh MohafezFeridun ZaimogluIlma Rakusa und Zsuzsa Bánk. Sie alle schreiben auf Deutsch, aber lassen zum Teil Erzählstrukturen und Sprachklänge bewusst aus ihrer ursprünglichen Sprachlandschaft mit einfließen, so dass mit der deutschen Sprache ganz Neues passieren kann. Ihre Bücher werden nicht als polnische oder türkische Literatur in der Presse besprochen – für die einen ein Dilemma, für die anderen ist es ziemlich wurst, Hauptsache, das Buch ist gut.

Literarische Binnengrenze

Schweizer Literatur hört oft binnenmäßig bei der Sprachgrenze Gotthard oder Jura auf. Auch für Verlage und Herausgeber. Als der Literaturprofessor a. D. Peter von Matt mit dem Verleger Dirk Vaihinger von Nagel & Kimche 2002 eine Sammlung der «Schönsten Schweizer Gedichte» veröffentlichte, wurde kritisiert, dass die Lyrik aus der nichtdeutschsprachigen Schweiz fehle. Auch wenn der Titel vielleicht anders hätte heißen sollen, ist die editorische Vorgehensweise nachvollziehbar. Literatur ist sprachspezifisch und funktioniert dementsprechend auch in diesem Sprachraum.

Die Literaturszene und die Buchbranche in der französischen wie italienischen Schweiz richten sich genauso stark auf das gleichsprachige Ausland aus, wie es die deutsche Schweiz tut. Für Hobbypatrioten scheint dieser Umstand störend zu sein, aber für großzügige Geister gehört es zur Schweiz, wie sie eben ist.

Die hartnäckige Nachhaltigkeit in der Wahrnehmung von Frisch und Dürrenmatt als die Schweizer Literatur basiert wohl auf ihrer Auseinandersetzung mit der Schweiz. Es gibt aber drei profanere Gründe, denn Lukas BärfussAdolf Muschg und Peter Bichsel reflektieren auch heute die schweizerische Befindlichkeit.

Erstens: Nach der Katastrophe des Zweiten Weltkrieges lechzte Deutschland nach Autoren, die deutsch schreiben, aber woanders herkommen.

Zweitens: Die Öffentlichkeit sowie die beiden Autoren liebten und nutzten lange Debatten, Diskussionen mit Bühnenpräsenz, die die heutige Häppchenkultur der Medien fast nicht mehr zulässt.

Drittens: Im Lärm und Getöse der medialen Masse mit Eventzirkus, Promi-Talks und nervösem Klicken im Web verpixelt sich ein Essay, ein kritisches Buch oder ein langes Interview im Kulturteil der Zeitung schneller, als dass ein PC heruntergefahren werden kann.

Pedro Lenz ärgerte sich vor Jahren in einem Interview mit der «Zeit» über die gesellschaftliche Verdummung und appellierte für mehr Solidarität im Land. Doch wie lange hallt dieses Anliegen in einer Gesellschaft nach, die immer mehr einer Maximalrendite nachrennt und Gratisblätter aus den Boxen zupft, weil es nichts kostet?

Fazit: Im 21. Jahrhundert kann die Literatur nur noch dann länderspezifisch eingeordnet werden, wenn konkret sprachliche Referenz angewandt wird.

Ladehemmung im Literaturexport

Die Vermittlung der Literatur ist hierzulande ein anderes und oft auch ärgerliches Thema. Im Verlag Nachtmaschine in Basel erschien 2008 der Roman «Das böse Mädchen Gisela» von Markus Stegmann, das durch den Literatur-Fachausschuss der beiden Basler Kantone mit großer Begeisterung gefördert wurde. Doch nach Erscheinen war es totenstill um die kunstvolle Erzählung aus der Sicht eines Mädchens, das nicht von dieser Welt ist. Der Roman ist im wichtigen Verzeichnis der lieferbaren Bücher (VLB) nicht auffindbar. Entweder bezahlte der Verlag, die Registrierungsgebühr nicht, oder er hat es vergessen. So bleibt der schöne und mit Steuergeldern geförderte Roman für die breite lesende Öffentlichkeit ein Geheimnis (auf der Website des Autoren oder beim Schwabe Verlag ist es heute zu kaufen!).

Anfragen in Buchhandlungen in Berlin, Karlsruhe und Dortmund ergeben, dass der Schweizer Autor Franz Hohler nach wie vor bekannt ist. Dennoch staunten die Buchhändlerinnen jeweils nicht schlecht, als nach dem Titel «Eine Kuh verlor die Nerven» gefragt wurde. Sie kennen seine Titel, die im in den Randomhouse-Konzern integrierten Verlag Luchterhand erschienen sind, aber das erwähnte Buch im Knapp-Verlag in Olten kennen sie nicht.

Die kostenintensive und komplexe Vertriebsstruktur im deutschsprachigen Buchhandel garantiert eine Liefergeschwindigkeit, die fast nur vom Medikamentenvertrieb für Apotheken übertroffen wird. Die schwindelerregende Vertriebsperfektion kostet Geld, das kleinere Verlage sich nicht leisten können. Zwei Beispiele: Von der Krimiautorin Mitra Devi erscheinen die Geschichten der Privatdetektivin Nora Tabani im Appenzeller Verlag. Schöne gebundene Bücher mit vorbildlichem Lektorat. Wegen fehlender Vertriebsvertretung im Ausland bestellt keine Buchhandlung in Österreich oder in Deutschland davon einen Stapel für die Krimiabteilung.

«Boarding Time» heißt der letzte Kriminalroman des Berners Peter Hänni über die Erprobung von Freundschaften von drei Touristen in Südafrika wegen einem Mord. Hierzulande genießen beide Schreibende Erfolge, gute Besprechungen und Absatzzahlen von 3000 bis 5000 Exemplaren, die für Schweizer Verhältnisse erfreulich sind. Ab deutscher und österreichischer Grenze ist jedoch Schluss mit der Präsenz. Erscheinen diese Romane später als ­Taschenbücher, in diesen Fällen beim Unionsverlag und dtv, dann interessiert sich das Feuilleton nicht mehr dafür, da es keine Novitäten mehr sind. Mit anderen Worten: Eine ausgeklügelte und kostenintensive Buchhandelsstruktur lässt gewisse Verlage aus kaufmännischen Gründen verzichten, mit der Erstausgabe im benachbarten Ausland zu werben.

Hemmendes Kleingedrucktes

Hemmend für eine Artenvielfalt der Literatur können auch die Teilnahmebedingungen für den Schweizer Buchpreis sein, die besagen, dass teilnehmende Verlage Mitglied des Schweizer Buchhändler- und Verleger-Verbandes (SBVV), des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels oder des Hauptverbandes des österreichischen Buchhandels sein «müssen». Was, wenn der Verlag sich eine Verbandsmitgliedschaft nicht leisten kann, aber schöne Literatur macht? Genau genommen müsste von einem verbandsinternen Wettbewerb die Rede sein und nicht von der Auszeichnung einer Kunst. Zusätzlich muss der Verlag «rechtlich selbstständig» sein. Wieso eigentlich? Der Christoph Merian Verlag ist zwar Mitglied beim SBVV, aber rechtlich in einer Stiftung eingebettet, also nicht als Unternehmen selbstständig. Im Wolfbach Verlag, eine Edition mit langjähriger Tradition und eine Marke eines Unternehmens in Deutschland, erscheint eine wunderschöne Lyrik-Reihe, herausgegeben von Markus Bundi. Da erscheinen Texte von Christian HallerBeat BrechbühlKlaus Merz oder der jungen Eva Seck. Gilt die Mitgliedschaft der Mutterfirma mit anderem Namen beim Börsenverein des Deutschen Buchhandels für die Eingabe beim Schweizer Buchpreis? Hätte die feine Edition BAES mit Sitz im österreichischen Zirl als Herausgeberin von junger Schweizer Literatur wie Daniela Dill oder Amina Abdulkadir überhaupt Chance beim Buchpreis? Unnötige Bedingungen und komplexe Regeln können für so manchen Text die Starterlaubnis verhindern.

In Anbetracht dessen, dass Schweizer Textilunternehmen in Indien produzieren, Schweizer Lebensmittelketten nach Deutschland expandieren und der Schweizer Buchhandel bis zu 85 Prozent vom deutschen Marktangebot lebt, müsste sich der Schweizer Buchpreis für die allgemein deutschsprachige Literatur öffnen, so dass eine Autorin oder ein Autor aus Österreich oder Deutschland das Preisgeld in Basel abholen dürfte, wie Melinda Nadj Abonji es 2010 in Frankfurt konnte. Nebenbei: Geerntete Äpfel auf Französischem Boden im Besitz eines Schweizer Bauern gelten als in der Schweiz produzierte Produkte…

Ein Blick in die ins Haus flatternden Verlagsprospekte kann den professionellen Kulturpessimisten wieder beruhigen. Kleine und neue Verlage wagen dem Bestsellerstrom mit neuen Büchern Paroli zu bieten. Verlage wie Silberburg, Luftschacht, Klever, Kyrene, Edition BAES, Limbus, Arco, Ink Press, Pudelundpinscher, Knapp, Schwarzdruck, Edition Meerauge, Edition Laurin, Babel oder Dahlemer Verlagsanstalt tun dies hartnäckig und mit Erfolg. Noch nie gehört? Unbedingt entdecken aber fragen Sie nicht, wo die verbandstechnisch Mitglied sind.

 

Der Beitrag erschien schon in der TAGES-WOCHE Basel, auf BERGLINK Berlin und in der PS ZEITUNG Zürich und wird hier nochmals publiziert, da es sich an den Fragestellungen nichts verändert hat.

Reclam

Was ist Ihr Kommentar zu Trump?

Wir haben nach Kommentaren gefragt und diese Antworten erhalten. Schreiben Sie uns auch Ihre Meinung.

Ein ungehobelter, respektloser, sexistischer und aufwieglerischer Präsident an der Spitze des mächtigsten Landes der Welt: Der Ausgang der Wahlen in den USA erschüttert mich. Wir sind damit gefordert, uns weiterhin und noch stärker für Werte wie gesellschaftliche Offenheit und Vielfalt, für Toleranz und Gleichberechtigung, für soziale Sicherheit und den Schutz von Minderheiten einzusetzen. Corine Mauch, Stadtpräsidentin Zürich

In der Sekunde, in der mir klar wurde, wer für mehrere Jahre der nächste amerikanischer Präsident sein wird, habe ich beschlossen, ihn in meinen Nennungen als den an der Seite der neuen First Lady, Melanie Trump, stehenden Mann zu führen, der mächtigsten Fist Lady der Welt. Es war schließlich Melanie Trump, die im Wahlkampf als erste die Frage an die Wählerinnen und Wähler ihres in ihrem Interesse und im Interesse aller Frauen in den USA kandidierenden Mannes aufgeworfen hat: „Wollen wir ein Land, in dem Frauen respektiert werden?“ Die Antwort ist eindeutig ausgefallen. Amerika will dieses Land sein, ein Land, in dem Frauen respektiert werden.
Es müssen zwar selbstverständlich auch noch ein paar andere Dinge respektiert werden, wie die Gewaltentrennung, vor allem von Staat und Privatangelegenheiten, oder die Menschenrechte, vor allem für sozial Schwache und rechtlich Schutzlose, aber darum wird sich die neue First Lady nach ihren eigenen Worten in Zukunft ohnedies intensiv kümmern. Sicher in Begleitung ihres Mannes, der an ihrer Seite viel von ihr lernen kann, das ihm zugute kommt, wenn er bei der nächsten Wahl zum wichtigsten Unterstützer ihrer Kandidatur für das Amt der ersten Präsidentin der Vereinigten Staaten von Amerika werden wird. Gerhard Ruiss, Schriftsteller und Autor in Wien                                                                                
Sie haben einen Hirnschaden gegen Hillary antreten lassen – und den Hirnschaden gewählt. Sie hätten auch einen Joghurt oder einen Rasenmäher gewählt. Man erträgt sie einfach nicht. Christoph Simon, Schriftsteller und Kabarettist in Bern

Was das Trump-Trauma angeht, da fehlen mir ehrlich gesagt die Worte! Ulrich Land, Hörspielautor und Kriminalschriftsteller in Freiburg

Kommentar auch unter Einbezug der Wahlen in Österreich um den Nationalpräsidenten: Nationalismus uralt ist gleich neu. Am wichtigsten ist der eigene Sieg. Dann kann man auch großzügig sein. Für den Moment. Der Feind ist das FREMDE, die FREMDE, der FREMDE. Man will gar nicht wissen, WAS oder WER das eigentlich ist. FREMD muss FREMD bleiben. Sonst funktioniert der Motor Angst nicht. Schranken durch demokratischen Grundkonsens, Respekt, Mitgefühl darf es nicht geben, es geht um MEHR. Religiöse Werte werden missbraucht, um das eigene Konzept zu heiligen. Bündnispartner sind alle, die zustimmen. Und andere Nationalisten. Das System ist böse, man verspricht Rettung und Heil. Nicht durch Taten, sondern in dem man die ANDEREN an den Pranger stellt. Das Nationale verbrämt sich sozial durch den Kampf gegen die ANDEREN, gegen DIE DA OBEN. Es bietet sich als Lösung an. Für alles. National und sozial. Hatten wir schon. Eva Rossmann, Autorin in Wien 

Ein aufgeföhnter, rassistischer, frauengrapschender Steuerhinterzieher kann Präsident werden – das Land der unbegrenzten Möglichkeiten … Gabrielle Alioth, Schriftstellerin in County Louth, Irland

Schmerzhafte Koinzidenz. Gerade bin ich in Tokyo. Das Wetter ist herrlich, nie in diesem Jahr war der Blick auf den Fuji klarer. Hier in Japan schreibt man das heutige Datum so: 11/9. Ein gleichlautendes Datum kennt die Welt bereits. Es war auch eine Art Weltuntergang. Ich bin Amerikanistin. Ich fühle mich geradezu mental wie körperlich angegriffen von diesem Wahlergebnis. Und weiß nicht ein noch aus.. Wie meine Familie in den USA. Nora Gomringer, Schriftstellerin in Bamberg aber live aus Japan

hahahha: no comment! Daniel Schnyder, Musiker in New York

Donald Trump ist der ultimative Weckruf an alle Medien, nicht mehr am Volk vorbei zu schreiben/berichten. Das Volk hat gewählt zwischen dem Elefanten im Porzellanladen und einer verhärteten intellektuellen Strategin. Die USA bekommt was sie verdient. Europa, inklusive Schweiz, werden vor Trump knien, seine Hand küssen und ihm folgen. Wie immer. Alles bleibt gut. Heidi Lang, Autorin in Zürich

z.b. 9.11.2016

morgens

die nachbarn

freundlich

grüssen

verbündete suchen

gegen

trump

Guy Krneta, Schriftsteller in Basel

Buchtipp: „Kleine Geschichte der USA“, Reclam Verlag. Viellicht hilft es etwas.

Stämpfli Verlag

Verein gegen alles?

Was haben wir gestaunt, ja gelacht über die Gründung der Auto-Partei damals, einer Vereinigung von Autobesitzern, die sich auf politischer Bühne ihr Recht auf geteerte Lebenswege erkämpfen wollten – gibt es die noch? In Deutschland existiert aber auch ein Verein der «Autofreien», die entsprechende Reaktion also. Es werden auch Mitglieder aufgenommen, die «noch ein Auto» haben. Als autobefreiter Bahnbenutzer machte ich mir da schon Beitrittsgedanken, aber dann hielt ich inne. Mich stört ja auch dies und jenes in unserer hoch zivilisierten Welt, und wenn all dem Ungemach des Alltags mit Vereinen, Parteien und Klubs begegnet werden müsste, so fänden wir uns doch laufend an Generalversammlungen wieder. Wenn mir so ein erdverkrusteter Biker auf dem Wanderweg auf 1500 Metern über Meer vor die Füße kommt, dann wäre ein «Klub der Wanderer gegen die Mountainbiker» fällig? Wenn neben mir ein unsäglich alter Schlagersong als Handyklingelton losträllert, dann ruf ich nach der «Partei gegen schlechten Musikgeschmack im iPhone-Format». Wenn eine Bierdose auf dem Seewasser schaukelt, dann wäre ein «Verein gegen Büchsen bei den Fischen» nötig, oder? Und wenn ein Laubbläser gegen nasse liegende Baumblätter lärmt, dann gründen wir eine «Interessengesellschaft gegen Hauswarte im Ghostbusters-Look».

Aber vielleicht gründen wir schlicht einen «Klub der vernünftigen Menschen, die die Umwelt schonen, besonnen genießen und zu künftiger Lebensfröhlichkeit und Gelassenheit aufrufen»?

Oder noch besser, wir tun das alles einfach und falten die Traktanden Papierfliegern.

 

Das passende Buch dazu: „Vereins- und Stiftungsrecht“ von Hans-Michael Riemer, Stämpfli Verlag, ISBN 9783727225628