2,5 Rappen Schlosskultur pro Tag und pro Einwohner

In der Schweizer Gemeinde Bad Zurzach im Kanton Aargau, stimmt die Bevölkerung ab, ob der Unterhalt des privaten aber öffentlich zugänglichen Schlossparks durch die Mitfianzierung der Gemeinde unterstützt werden soll.
Roy Oppenheim ist Kulturschaffender und Kulturvermittler und nimmt dazu Stellung, mit Überlegungen, die Grundsätzliches ansprechen, nämlich dass ein Leben ohne Kultur kein Leben ist und dass die öffentliche Gesellschaft auch hierfür eine maßgebende Verantwortung trägt.
Dieser Gastbeitrag ist zuerst in der Zeitung «Die Botschaft» erschienen.

2,5 Rappen Schlosskultur pro Tag und pro Einwohner. Soviel kostet der umstrittene Beitrag an die Unterhaltskosten im Schlosspark. Die Debatte gibt vor, es gehe um finanzielle Fragen. Im Grunde geht es um die Frage, ob wir Bürger bereit sind, in Partnerschaft mit engagierten Privaten kulturelle Initiativen zu unterstützen.  Aber es geht wohl kaum ums Geld allein; man möchte ein Exempel statuieren und stellt die Frage, die öffentliche Hand eine private Unternehmung finanziell unterstützen soll. Und dabei spielt immer auch ein Stück Neid mit; unsere Eidgenossenschaft hat sich in den letzten Jahrzehnten zu einer «Neidgenossenschaft» entwickelt (so die Luzerner Ständerätin Josi Meier, anlässlich ihrer letzten 1.August-Rede 2004).

Das Schlosspark-Referendum erinnert mich an ein legendäres Kulturreferendum in Basel. Es ging um die Kunstsammlung Peter A. Staechelin. Sein Vater hatte diese Familiensammlung in eine Stiftung überführt. Mit der Auflage, die Bilder dürften nicht verkauft werden, es sei denn, ein Familienmitglied gerate in finanzielle Not. Und in dieser Not befand sich nun aus verschiedenen Gründen der Sohn. Franz Meyer, der damalige Direktor des Kunstmuseums Basel, brachte Politiker, Kunstfreunde und Peter A. Staechelin soweit, dass die Stadt für 8,4 Millionen Franken die beiden Gemälde kaufen konnte. 2,4 Millionen musste von privater Seite erbracht werden, die restlichen 6 Millionen wollte die Stadt zahlen. Doch gegen den Staatsbeitrag wurde das Referendum ergriffen. Was nun folgte, war beispiellos. Die Basler Jugend ging auf die Strasse und kämpfte für den Bilderankauf. Die ganze Stadt war auf den Beinen, sogar der FCB warb mit einer Plakataktion dafür.

Ein legendäres Bettelfest wurde organisiert. Am 17. Dezember 1967 entschied die Basler Stimmbevölkerung an der Urne, dass die zwei Gemälde von Pablo Picasso mit Steuergeldern gekauft werden. «All You Need Is Pablo»: Mit diesem Slogan kämpften junge Basler 1967 für den Ankauf von zwei Picasso-Bildern. Sie bewegten die Basler Stimmbürger dazu, mehr als sechs Millionen Franken auszugeben. Dieser legendäre Volksentscheid führte zu einer wundersamen Picassobilder-Vermehrung. – Pablo Picasso war derart von der Reaktion der Basler Bevölkerung, von der «Jeunesse de Bâle», gerührt, dass er Basel einige millionenschwere Bilder schenkte. Andere Private zogen nach – etwa Maja Sacher u.a. Basel besitzt dank diesen Schenkungen heute eine der weltweit bedeutendsten Picasso-Sammlung. Unbezahlbar…

Bad Zurzach, wo zur Zeit ein Referendum gegen die Beteiligung der Gemeinde an den Unterhaltskosten des Schlossparks in der Höhe von jährlichen 37’000 Franken ergriffen wurde, hat einst einmal eine Pionierrolle in der Kulturförderung gespielt. Zurzach, wie es früher hiess, führte als erste Gemeinde der Schweiz 1958 das «Kulturprozent» (1 Prozent der Steuereinnahmen) ein. Es war Dr. Walter Edelmann, damals Gemeindeammann, der die Idee zum Kulturprozent erfand. Walter Edelmann hatte 1957, ein Jahr zuvor, die «Gemeinnützige Stiftung für Zurzacher Kuranlagen» ins Leben gerufen. Eine Stiftung, die entscheidend zum wirtschaftlichen und kulturellen Aufschwung von Zurzach/Bad Zurzach beigetragen hat – bis heute.

Für diese beispiellose Entwicklung war und ist das geschickte Zusammenspiel von privatem Engagement und öffentlicher Hand unabdingbar. Dazu gehören ein kreatives Miteinander, ein soziales Denken, ein Geben und Nehmen. Die besondere helvetische Variante dieses Zusammenspiels ist der soziale Aspekt, dass auch die Bevölkerung am Wohlstand wohlhabender Bürger partizipieren kann. Zurzach hatte dank einer Reihe von bedeutenden Persönlichkeiten und dank dem Kulturprozent bedeutende kulturelle Erfolge: Kunstkollektionen wurden aufgebaut, Skulpturen an wichtigen Orten des Fleckens errichtet; die Gemeinde trat sogar als Käuferin von Kunst auf.

Bad Zurzach verdankt all diesen partnerschaftlichen Aktivitäten seinen guten Ruf – bis heute. Sollte das aktuelle Referendum Ende Monat angenommen werden, wäre das ein schlechtes Fanal für die Zukunft. – Doch es geht hier nicht nur um eine finanzielle Frage; es geht um Kultur, um das nämlich, was uns Menschen zu Menschen macht. In Zeiten der Pandemie könnte man sogar sagen: Zivilisation ist ein Lebensmittel – Kultur ein Überlebensmittel.

Wer in unserer Zeit minimalste kulturelle Unterstützungen durch die öffentliche Hand ablehnt, hat nicht begriffen, um was es im menschlichen Leben geht: um unser seelische Überleben.

Roy Oppenheim



Roy Oppenheitm wurde 1940 in Baden geboren und lebt als Kulturpublizist nach beruflichen Stationen beim Schweizer Radio- und Fernsehen SRF, S Plus und Arttv.ch in Lengnau im Schweizer Kanton Aargau. Unter anderem verfasste er diverse Bücher und produzierte Filme. Weitere Infos sind hier per Mausklick zu finden.

Hier geht es zu weiteren Informationen über das Schloss Bad Zurzach.

P-Mail statt E-Mail

Sie liegen auf dem Tisch, werden selten sofort gelöscht. Die Briefe in Papierform, die aus dem Briefkasten von Hand herausgenommen und geöffnet werden. Nach dem ersten Blick auf die eigene Anschrift und auf die schöne Briefmarke wird der Umschlag gewendet um zu sehen, von wem das Schreiben ist. Eine Handlung der Entschleunigung und bewusster Wahrnehmung. Kein Tastendruck auf «als gelesen markieren» oder «löschen». Angesichts des digitalen Tempos könnte der Werbespruch für das Buch auf den Brief gelten: «Ein Wert, der bleibt.»

Der Absender erwartet nicht eine Reaktion in der nächsten Minute, es reicht Tage später. Erinnern Sie sich, als es Usus war, dass Rechnungen einmal im Monat beglichen wurden mit einem Monatsauszug der Bank? Heute treffen E-Mails ein mit der Info, dass die geschuldeten 15 Euro sofort überwiesen wurden mit der Bitte, das gleich zu überprüfen. Als würde diese Hetze die Wirtschaft ankurbeln dabei generiert sie schlicht mehr Aufwand.

Aus dem Geschäftsbericht der Post ist die Zunahme der Paketpost zu vernehmen und die Abnahme der Briefpost. Damals war man wer, wenn viel Briefpost auf dem Tisch landete, sie beeindruckte die Büro- und Wohnnachbarschaften. Wissen Sie noch, wie genüsslich jedes Couvert mit dem eleganten Brieföffner aufgeschlitzt wurde um daraus in aller Ruhe das Paper zu klauben um zu erfahren, was man von einem wolle? Ein Prozess zur Eröffnung des Arbeitstages, der immer seltener wird. Doch das kann wieder zurückgängig gemacht werden. Wie?

Mit Gutes tun. Zahlen Sie pro Bettelbrief von Stiftungen, Kinderheimen, Igelschützerinnen, Selbsthilfegruppen, Patiententransportvereinen, Parteien einen kleinen Betrag Ihrer Wahl. Also überall etwas, statt nur einmal viel. Sie werden sich wundern, wie viel Echo Sie damit auslösen. Ihr Briefkasten wird voll sein mit Spendenbestätigungen (steuerlich absetzbar) und gleich wieder mit Gesuchen mit Geschenken wie Kugelschreiber, Katzenkarten und Schneeflocken-Sticks.

Und Ihre Nachbarn, die Ihre gesellschaftliche Bedeutung immer unterschätzt haben, werden staunen.

Urs Heinz Aerni

Ganz ehrlich? Ja, es ist Werbung in eigener Sache.

Liebe Freunde und Bekannte,

Der Hamburger Fotograf Tom Krausz machte ganz spezielle Fotografien von Vögeln, so quasi von Auge zu Auge. Dann fragte der Verleger Robert Galitz die Elke Heidenreich und mich, ob wir zu den jeweiligen Viechern und Bilder was Schönes schreiben. Es darf informativ sein aber es soll unterhalten, eine Art Lesebuch mit Bildern.

Das haben wir dann getan und nun ist das Buch da. Im coronabedingten kleinen Kreise wurde es in der Galerie Lindenhof in Zürich gefeiert und da die Veranstaltung am 13. Dezember 2020 im Kaufleuten Zürich alles andere als sicher ist, sei es mir erlaubt, Euch wissen zu lassen, dass das Lese- oder auch Geschenkbuch nun im Handel erhältlich ist.

In Deutschland zum Beispiel hier: https://eissing.buchhandlung.de/shop/article/43445911/urs_heinz_aerni_elke_heidenreich_aves_voegel_charakterkoepfe_.html

In Österreich zum Beispiel hier: https://www.heyn.at/item/45051342?back=b84de40a1dde4a3776c254c8a949dbd7

In der Schweiz zum Beispiel hier: https://www.zumgeeren.ch/artikel.html?id=34389864

Oder bei mir direkt…

Ich danke Euch fürs Durchlesen. Als Kleinstunternehmer kommt man halt um Werbung für Selbstgemachtes nicht drum herum.

Bleibt weiterhin gesund und fröhlichen Gemüts.

Herzliche Grüße

Urs Heinz Aerni

Angaben zum Buch: „Aves/Vögel – Charakterköpfe“, Tom Krausz, Elke Heidenreich, Urs Heinz Aerni, Dölling und Galitz Verlag, 2020, ISBN 978-3-86218-133-9

www.ursheinzaerni.com

Der Unvollendete

Der Dramatiker und Autor Lukas Linder schreibt vom glückssuchenden Anatol und schmückt damit das Programm der Literaturtage Zofingen vom 23. bis 25. Oktober 2020.

Dem in Bern lebenden Autor Lukas Linder liest man die Lust, mit schrägen Figuren zu spielen und das gewonnene Handwerk am Theater zu Papier zu bringen, aus jeder Zeile. Die Nichtakzeptanz, dass die guten Tage längst passé sind, scheint ein perfekter Nährboden für allerlei Visionen und Übungen der Unmöglichkeiten zu sein. Kauzigkeit kann im Alltag nerven, in den Romanen lieben wir sie, die kauzigen, schrulligen und weltfremden Charakteren.

Der Umstand, dass Linder auch das polnische Lodz als sein zweiter Wohnort nennt, könnte der Verdacht zulassen, dass der großartige André Kaminski (1923-1991) mit polnischen Wurzeln mit seiner Kunst, das Allzumenschliche liebevoll zu karikieren, etwas Pate stand. Vom verdientermaßen erfolgreichen Erstling steigt bekanntlich in der Literaturszene die Spannung auf das zweite Buch. Erst recht, wenn dazwischen nur zwei Jahre liegen.

„Der Unvollendete“ lautet der Titel des neuen Romans von Linder. Nach Alfred befassen wir uns mit Anatol. Statt des Heldentums, soll hier das Glück gefunden werden. Auch Anatol mutet sich zu, etwas erreichen zu wollen. Wir schauen ihm zu, amüsiert, da und dort vielleicht auch mit einem Wiedererkennungslachen und Staunen ob Settings wie diesem hier: „In seinem Bett küsste sich überhaupt niemand. In seinem Bett hörte man sich die Erinnerungen von Alt-Bundesräten an und machte sich ein paar gedankliche Notizen. Andererseits: So atmete doch kein Mensch, der einem Alt-Bundesrat zuhörte.“

Lukas Linder reist am Wochenende vom 23. bis 25. Oktober von Bern nach Zofingen, mit seinem neuen Buch unterm Arm. Da heuer das vorgesehene Gastland Kanada, das nach der Frankfurter Buchmesse in den Aargau hätte kommen sollen, nicht an den Literaturtagen teilnehmen kann, haben sich die Verantwortlichen entschlossen, dem heimischen Schaffen und Verlegen eine Bühne zu geben. Ein Fest der Worte und Gedanken soll es sein, von der Sprachmusik von Leontina Lergier-Caviezel, über die Liebe in den Bergen von Thomas Röthlisberger und duftender Erde von Samira El-Maawi bis hin zum Schicksal einer „illegalen Pfarrerin“ von Christina Caprez. Viele Überraschungen, vieles zu entdecken.

ZOFINGEN
23.-25. Oktober
www.literaturtagezofingen.ch

Link: Buch und Autor

Der Beitrag erschien zuerst im Kulturmagazin AKUU

Charakterköpfe

Liebe Leserin, lieber Leser,

Als Freischaffender kommt man nicht umhin, auch Eigenwerbung zu machen, aber wie, ohne dass es peinlich wird? Im Frühling rief mich der Verleger Robert Galitz an und fragte mich, ob ich zusammen mit Elke Heidenreich Texte zu Fotografien von Tom Krausz verfassen möchte. Während meiner Bedenkzeit wurden mir Schwarzweißbilder gesandt, die einfach zum schriftlichen Schwadronieren verlockten. Nun ist das Buch erschienen. Und hier lesen Sie, um was es geht

„Von Andenkondor bis Zebrafink, von Blaubussard bis Ypecaharalle – sie alle bannen uns mit ihren eindringlichen Blicken in den eindrucksvollen Schwarz-Weiß-Fotografien von Tom Krausz. Mit Texten von Elke Heidenreich und Urs Heinz Aerni versehen sind 60 Vogelportraits in dem Buch »Aves | Vögel. Charakterköpfe« versammelt, das im Dölling und Galitz Verlag erscheint.  Über ein schwules Pärchen aus der Familie der Humboldtpinguine schreibt Elke Heidenreich ebenso humor- und liebevoll wie über den Basstölpel, der im wahrsten Sinne ein Tölpel sei, da Vertreter seine Gattung sich immer wieder zutraulich auf Schiffsdecks niederließen – ohne zu begreifen, dass man sie dort eben fangen und braten würde.

An Heidenreichs Seite notiert der Schweizer Autor Urs Heinz Aerni seine Beobachtungen zur Harpyie und ihrem Gastauftritt in der US-amerikanischen Fantasyserie »Game of Thrones« oder warnt davor, mit einem Zwergspitz spazieren zu gehen, wenn ein Blaubussard im Anflug ist. Der krallt sich nämlich Beutetiere bis drei Kilo.

So gruppiert sich um die sensiblen Vogelporträts von Krausz mit den Geschichten von Heidenreich und Aerni ein Gesamtkunstwerk – ergänzt um ein Essay zur Physiognomie der Vögel von Literaturwissenschaftler Dietmar Schmidt sowie biologische Kurzmerkmale und Silhouetten aller 60 Vögel des Buches.“

Quelle: Natalie Fingerhut, Dölling und Galitz Verlag, Hamburg

Das Buch ist im Buchhandel erhältlich oder per Mail hier mit Rechnung bestellbar: buch-news@web.de

176 Seiten, 90 Duplexabbildungen, Hardcover mit Fadenheftung und Lesebändchen, 19,5 x 25,5 cm ISBN 978-3-86218-133-9, € 32,00 

Mit Durst und Hunger auf dem Zürichsee

Eine Kritik über die Strategie bezüglich Gäste-Service der Zürichsee Schifffahrt

Am Montagabend, 20. September 2020 bestieg ich mit Begleitung das Schiff in Meilen mit Ziel Bürkliplatz. Wir beabsichtigen 1. Klasse zu buchen, etwas zu essen und zu trinken. Dann wurde uns mitgeteilt, dass kein Restaurant an Bord in Betrieb sei. Auch keine Getränke. Und nicht mal einen Getränkeautomaten stünde zur Verfügung.

Wir standen da, schauten uns an, hatten eine Stunde Schifffahrt vor uns auf dem Zürichsee in einem der reichsten Kantone der Schweiz ohne einen einzigen Tropfen zu trinken. Mitfühlend bot ein ZSG-Mitarbeiter an, Wasser bieten zu können, falls es schwierig werden sollte.

Es ist unfassbar, wie eine kleinspartenmäßig geplante wirtschaftliche Struktur dafür sorgt, Gäste, Passagiere und Kunden zu enttäuschen.

Es ist nicht nachvollziehbar, dass nach dem 5-Franken-Zuschlag-Coup nun eine weitere Sparaktion den Ruf des Kantons Zürich und seinem touristischen Angebot beschädigt wird. Eine Aktion, die weder auf dem Neuenburgersee, auf dem Rhein, auf dem Vierwaldstättersee oder Bodensee bekannt ist oder angewandt wird. Es ist peinlich, als Zürcher einer Begleitung einen solchen Zustand erklären zu müssen.

Einmal mehr scheint eine kurzfristige Rendite wichtiger zu ein als die mittel- und langfristige Image- und Finanzplanung. Auch in Zeiten von Corona.

Eine Schifffahrt ist ein ganzheitliches Erlebnis, mit allem Drum und Dran: die Fortbewegung, saubere Toiletten, freundliche Crew, einem gut ausgebildeten Kapitän, gepflegtes Ambiente, genug Rettungsringe und eben eine Verpflegung, da ja Menschen transportiert werden sollen, nicht Holzlatten oder Altpapier beispielsweise. Wären die WC-Reinigung, das gedruckte Werbematerial und der Strom für das Licht auch an wirtschaftliche Subunternehmen ausgelagert worden, müssten wir dann mit dem Schlimmsten rechnen?

Verpflegung der Passagiere – ohne die es ja keine Schifffahrt gäbe – gehört zu einem Rundum-Angebot der ZSG. Wenn das nicht mehr der Fall ist, können die Abteilungen Akquise, Marketing und Werbung auch gleich weggespart werden.

Zu guter Letzt wird der Zürichsee zum ersten See, auf dem Touristen und Heimaturlauber nur noch rudern dürfen.

Urs Heinz Aerni

 

PS: Falls Sie es doch mal wagen sollten, ein Passagierschiff auf dem schönen Zürichsee zu besteigen, dann einfach das Survival-Set nicht vergessen.

Hier geht es zum Fahrplan der ZSG…

Kino made in Switzerland und Filme für die Erde

Das Zurich Filmfestival 2020 ehrt das Gesamtwerk von Rolf Lyssy. Seine Dok- und Spielfilme drehen sich immer um gesellschaftliche Themen, die mit viel Charme, Empathie und Humor eingekreist werden. Sein neuester Streifen „Eden für jeden“, wieder eine Komödie über uns allzu bekannte menschliche Facetten feiert in Zürich Premiere.

Nebst der Erinnerung an unseren Lesungen aus unserem gemeinsamen Buch denke ich an 2012 zurück, als wir in La Punt auf der Bühne über die Rolle des Schweizer Films auf dem Markt diskutierten. Dabei waren auch Oscar-Preisträger Xavier Koller, damalige SRF-Filmkritikerin Monika Schärer und der Filmemacher Paul Riniker. Das Gespräch wurde im Magazin FILMBULLETIN veröffentlicht und ist heute noch hier zu lesen. Viel Vergüngen: „Wir sind halt ein eigenartiges Land“.

Der Verein «Filme für die Erde» zeigt in diversen Ländern, so auch in der Schweiz, Doku-Filme mit Themen wie Umwelt, Naturschutz, Klima und generell über unseren Umgang mit der Erde. Der Schweizer Co-Geschäftsleiterin, Barbara Roth, stellte ich Fragen zu Konzept und Programm und über die Stärke des Filmes bei der Vermittlung von Wissen und Anliegen. Das Interview ist in verschiedenen Medien zu lesen, hier per Link in der Jungfrau Zeitung: «Filme haben die Kraft, viel auszulösen».

Einen fröhlichen Restsommer und viel Vergnügen beim Lesen und mit den vielen neuen Kunstwerken auf der Leinwand.

Urs Heinz Aerni

Talk mit Rolf Lyssy und Urs Heinz Aerni im Dorfmuseum Lengnau (Aargau) 2008.

Barbara Roth ist Co-Präsidentin des Vereins „Filme für die Schweiz“


Fragen zu einer Abstimmungskampagne in der Schweiz

Soeben landete das „Extrablatt“ der Schweizerischen Volkspartei (SVP) in allen Briefkasten zur kommenden Abstimmung. Sie kämpfen mit allen fragwürdigen Mitteln für ihre patriotische und nationalistische Weltsicht. Jetzt für ein Gesetz gegen Einwanderung mit dem Argument, dass die Schweiz übervölkert und verbaut würde.

 

Liebe SVP,

ja es stimmt, die Schweiz wird verbaut, zubetoniert, zersiedelt und der Boden immer mehr versiegelt. Liegt es wirklich an den Menschen, die hierher gekommen sind, die die Arbeit verrichten, die wir „Schweizerinnen“ und „Schweizer“ nicht mehr machen wollen? Frühmorgens in der Straßenbahn sitzen links und rechts von mir in der Tat Menschen, die zur Frühschicht in die Fabrik, in den Küchenservice der Restaurants, zum Regaleinräumen der Großverteiler oder auf Baustellen müssen.

Mich stört es nicht, wenn ich in solchen Momenten kein Schweizerdeutsch höre, sondern dass genau diese Menschen als Ursache für die Vernichtung von natürlichen Landflächen sein sollen.

 

Liebe Funktionärinnen und Funktionäre der SVP,

habt Ihr Euch eigentlich auch schon mal Gedanken gemacht, welche Rollen die Expansionen Eurer Konzerne, die riesigen Villen, Eure Zweit- und Drittwohnung im Engadin und Tessin samt den Rasen, die Parkplätze, Garagen für die SUV’s und die Autos von den Kindern spielen, beim Landverlust Eurer einzigartigen Schweiz?

Was tut Ihr konkret zur Schonung der Ressourcen Eurer kleinen, so innig und heiß geliebten Insel?

Bin gespannt auf Eure Antworten.

 

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Diese Frage wurde via Facebook an Politkerinnen und Politiker der besagten Partei versand. Falls Antworten eintreffen sollten, wären sie hier zu lesen.

 

Der wahre Feind

Zum Gastkommentar «Religion als Feindin des Friedens?» von Giuseppe Gracia im Bündner Tagblatt vom 13. August.

«Der Atheismus hat mehr Menschen getötet als alle Religionen», sagt der Churer Bistumsangestellte Giuseppe Gracia mit dem Versuch, diese fragwürdige Aussage mit Zitaten aus der Weltliteratur zu untermauern. Folgende Fragen zu ausgesuchten Kernaussagen im Kommentar gehören debattiert:

Gracia: Kommunismus und Nationalismus forderten 50 Millionen Leben. Stimmt. War Hitler nicht Katholik? Hatte die Katholische Kirche nicht schon immer die Juden als Jesus-Mörder gebrandmarkt, allerdings flankiert von Bewegungen aus der Reformation und Freikirchen? Wurden das Zarenreich und die kommunistische Diktatur nicht getragen von der Orthodoxen Kirche? Ohne hier ausführlich auf all die anderen Diktaturen wie in Chile, Argentinien, Spanien und Ländern in Afrika eingehen zu müssen, stellt sich die Frage, wo die Kirche das Gewissen der Menschenrechte einbrachte, abgesehen von der Befreiungstheologie.

Gracia: Wie frei sind die Menschen wirklich? Wie frei durften Kinder und Jugendliche in Internaten denken und leben? Wie frei sind heute Menschen mit den Altlasten der sexuellen Übergriffe von Männern, die unter einem unbiblischen Gelübde Druck abbauten?

Gracia: Leistungsorientierte Selbstoptimierung generiert Erschöpfungszusammenbrüche, ein spirituelles Vakuum, Depressionen und «Selbstmorde». Stimmt, doch wie vielen depressionskranken Menschen, die keinen Ausweg als Suizid sahen, wurde eine Abdankungsmesse verweigert? Wie viele psychiatrische Patienten wurden in kirchlich geführten Anstalten eingesperrt statt therapiert? Warum wurde die Anerkennung von Geisteskrankheiten erst durch die Wissenschaft ermöglicht? Wie viele unschuldige Frauen wurden als Hexen verbrannt und ertränkt, auf Geheiß der Kirche? Wie viele psychisch kranke Menschen wurden durch Exorzisten und Dämonenaustreibungen gequält statt behandelt?

Gracia: Alle Staaten ohne garantierte Religionsfreiheit sind verbrecherisch. Stimmt. Sind es nicht die säkular und demokratisch gestalteten Staaten, die das bieten? Unterdrücken nicht die sogenannten «theokratisch» getrimmten Regierungen jegliche andersglaubende Lebenshaltung? Jan Hus wurde 1415 in Konstanz trotz gegenteiligem Versprechen auf Befehl der Kirche verbrannt. Verfolgen nicht Banden heute noch im religiösen Wahn sogenannte Ungläubige? Kann sich ein Muslim für eine Arbeit in der Vatikan-Stadt für einen Job bewerben?

Gracia zitiert Rosa Luxemburg: «Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden.» Dachten damals die Kreuzritter das auch, bevor sie im «Verheissenen Land» Schädel von Gross und Klein einschlugen? War das die Gesinnung der Kapitäne und Kriegsherren, die in der Neuen Welt einmarschierten, um den indigenen Völkern den Garaus zu machen, es sei denn, sie, die «Heiden», hätten bereut? Versuchten nicht die Missionare den heimischen Völkern in der Südsee ein Glaubens- und Lebenssystem aufzuzwingen, das sie nicht brauchten? Wie viel Gottessehnsucht und Scheuklappen-Weltsicht führte zu unsäglichem Elend im Jugoslawienkrieg und in Nordirland?

Giuseppe Gracia arbeitet mit Sprache, Text und Denken, und wieso fällt es dem Verfasser schwer, seine Weltsicht nicht als einlullende Betriebsblindheit zu interpretieren, hegend jedoch mit der stillen Hoffnung, dass er im gemütlich eingerichteten Glaubens-Zimmer mal alle vier Wände umstossen wird, um sich neuem frischen Wind auszusetzen.

Urs Heinz Aerni

Dieser Beitrag ist auch im BÜNDNER TAGBLATT und in der BÜNDNER WOCHE erschienen.

Buchtipp:

Der Mann hinter INSIDE PARADEPLATZ: Lukas Hässig

Inside Paradeplatz wird abonniert und von Bankern gefürchtet. Der Journalist Lukas Hässig schrieb für verschiedene Zeitungen und Wirtschaftsmedien sowie Bücher über die UBS und das Bankgeheimnis. Seit 2011 betreibt er den News-Blog und sorgte schon mit machen Enthüllungen für viel Unruhe in der Finanzwelt.

Für den Kanal DIE REDAKTION stellte ich Lukas Hässig in Zürich Fragen über seine Arbeit, seine Herausforderungen und seinen Umgang mit Kritik.