Der Witz – die unterschätzte literarische Gattung

Der Schauspieler Hanspeter Müller-Drossaart und der Journalist Urs Heinz Aerni sind überzeugt, dass die Literaturgattung „Witz“ sehr unterschätzt wird. Die beiden befinden sich nach Recherchen im Pointenfieber und garantieren einen Abend, der sich dem Lachen widmet – und vielleicht mehr?

Datum: Donnerstag, 29. November 2018
Zeit: 19.30 Uhr, anschließend gemütlicher Ausklang

Ort: Mediothek Dällikon (Kanton Zürich) Eintritt: frei, freiwilliger Unkostenbeitrag

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Willkommen in was für einem Land?

Im November kommt der Film von Marc Tschudin „Welcome to Zwitscherland“ in die Schweizer Kinos, eine Art Hommage an ein Land samt seinen gefiederten Mitbewohnern, aber nicht ohne Fragezeichen.

Der Journalist, Filmer und Biologe widmete die letzten drei Jahre einem cineastischen Projekt, das den Alpenstaat mitten in Europa als Porträt einzukreisen versucht. Dies tut er aus der Sicht einer Existensebene, die oft übersehen oder überhört wird, aus der Sicht der Vögel. Tschudin verblüfft mit einer Ästhetik der Bilder, die er oft mit liebevoller Ironie auf die Schweiz mit all seiner Schönheit fokussiert, die allerdings anfällig geworden zu sein scheint.

Eine Geschichte zwischen Ankommen und Abschied

Ist die Schweiz eventuell eine Idee, die gewahrt und weiterentwickelt werden muss? Der Rahmen dieses erzählenden Dokumentarfilms ist eine familienbedingte Rückkehr in die alte Heimat mit einer Überraschung im Haus des Vorfahren, die eine ungewöhnliche Tour de Suisse nach sich zieht, bevor es wieder heißt, Abschied nehmen zu müssen. Aber mit einer neuen Beziehung zu dem Land, aus dem man herkommt.

Die Bandbreite der Vielfalt in Kultur und Natur sei in diesem kleinen Land zwischen großen Staaten immens, davon ist Marc Tschudin überzeugt. Und das visualisiert er in seinem ersten abendfüllenden Film. Szenen mit brütenden Feldlerchen, alles niederwalzenden Kampfpanzern, auf Wellen schaukelnden Reiherenten, tanzenden Menschenmengen, singendem Girlitz und glockenschweren Alpaufzügen veranschaulichen wie Gegensätze aufeinanderprallen oder auch Parallelwelten, die möglich sind, zwischen dem Genfer- und Bodensee, zwischen dem Rhein und dem Ticino oder zwischen dem Jura und dem Engadin.

Geduld mit dem Unberechenbaren

Die Idee zu diesem Projekt entstand während der Arbeiten zum Ausstellungsfilm für die Schweizerische Vogelwarte Sempach. Die Identität eines Landes im Kontext der vielfältigen aber verletzlichen Natur- und Vogelwelt in der Art eines Filmes zu formulieren, trieb Marc Tschudin an, die vielen Orte aufzusuchen, die das ermöglichen. Zu den Herausforderungen hätten nicht nur die Geduld mit der Unberechenbarkeit der Vögel und des Wetters gehört, sondern auch gute Nerven bei der Bewältigung der Administration bei Anfragen und Bewilligungen.

Der Forscher und seine Fragen

Der gebürtige Basler wollte einst Archäologe oder aber Biologe werden; von Expeditionen in abgelegene Wüsten und Urwäldern hatte er geträumt. Er entschied sich für das Biologie-Studium, das ihn schlussendlich in die Welt der Medien führte, vom Printjournalismus über die Fotografie zum Film. Das Besondere, das Irritierende oder gar das Abgründige wollte er entdecken, was er nicht nur in der Welt des Menschen fand, sondern auch in der Naturwissenschaft. Theorien unterschiedlichster Disziplinen, die Suche nach Zusammenhängen und die Hinterfragung unserer Zivilisation und ihrem Verhältnis zur Um- und Mitwelt ließen ihn privat und beruflich nie in Ruhe. Nach Jahren als Dokumentarfilmer und Dozent bei SRF realisierte Marc Tschudin seinen ersten großen Kinofilm über ein Thema, das ihn umtreibt und uns ebenso noch umtreiben wird.

„Welcome to Zwitscherland“ von Marc Tschudin: www.welcome-to-zwitscherland.ch

Und noch ein Tipp für humorige Büchermenschen, die auch zurück zur Natur möchten: „Zurück zur Natur mit Loriot“, Diogenes Verlag, ISBN 978-3-257-02144-8

Zum Tod des Literaten und Wortmenschen Ernst Nef

Ernst Nef (1931 – 2018)

Ernst Nef prägte die Geschichte des Literarischen Clubs Zürich (vormals Lesezirkel Hottingen) als Präsident und Vorstandsmitglied durch seine wunderbare entspannte Art, durch seine Lust an Literatur und dank seiner charmanten Weise der Vermittlung von Autorinnen und Autoren mit ihren Werken.

Ernst Nef wurde 1931 in Basel geboren und wuchs in Krefeld in Deutschland und in Goldach im Kanton St. Gallen auf. Sein Studium der Germanistik, Anglistik und Philosophie in Zürich und London bereitete den Boden, auf dem er sein Schaffen für die Literatur, das Feuilleton und die Sprachkultur weiterentwickelte und mit sehr viel Verve vorantrieb. Seine Arbeit als Gymnasiallehrer und als Literaturkritiker wurde von Schülerinnen und Schülern und der Leserschaft der Zeitungen Tages-Anzeiger, NZZ und Die Zeit sehr geschätzt bzw. gerne gelesen.

Seit 1996 wirkte er für die Zweimonatsschrift „Sprachspiegel“, in der er regelmäßig Artikel über Tendenzen und Trends in unserer Sprache publizierte, mit Esprit, scharfen Beobachtungen und punktueller Ironie.

Seine schriftstellerischen Arbeiten waren nicht für die Bestseller-Listen gedacht, die ihn auch nicht besonders interessierten. Seine Themen waren einerseits Persönlichkeiten wie Gottfried Benn, Carl Einstein oder Wolfgang Hildesheimer und andererseits seine Wahrnehmung der Welt und Beobachtungen in der Gesellschaft, die er in lyrische Texte münden ließ, oft so, dass bei der Leserin oder beim Leser ein Schmunzeln nicht zu verhindern war, was ein Buchtitel wie „Mach die Linsen scharf“ (1999) schon verspricht und  wofür er die Ehrengabe des Kantons Zürichs erhielt.

Ob als Vermittler von Literatur oder Schreibender: Ernst Nef gehörte zu den hellen Geistern der gelassenen Art. Er stopfte seine Pfeife, während er fragte oder herzlich lachte.

 

In seinem letzten Buch „Sei’s drum“ ist folgendes zu lesen:

 

In den alten Spiegel schauend entdecke ich

an meinem Kinn das Grübchen der Ehrgeizigen

und wundere mich

wie Menschen sich verstellen können.

 

Eine bedachte und lebensfröhliche Stimme ist nun verstummt. Schön, dass wir sie hören konnten und sie heute noch immer lesen dürfen.

 

Weitere Informationen zu den Publikationen von Ernst Nef finden Sie hier in der Nationalbibliothek Bern.

Der Beitrag erschien zuerst in der P. S. Zeitung Zürich.

Luftige Migration

Oder wie es dem Menschen bald gelingen wird, auch den Zugvögeln Grenzen zu setzen

Elf Küken springen dreißig Meter tief aus dem Festungsloch eines Schlosses im schweizerischen Aargau. Vor zwei Tagen aus dem Ei gepellt und schon knallen sie auf dem Kiesboden auf, wie Tennisbälle. Der Bauer staunt, die Katze faucht und ein Straßenarbeiter dreht sich um. Die elf Gänsesäger-Küken richten sich piepsend auf und schauen zu, wie die Mutter vor ihnen landet. Nun watscheln alle Richtung Bach durch Gärten, Wiesen und über eine Hauptstraße. Sie überleben alle. Vor einem Jahr schaffte es fast keines, dafür wurden die Krähen satt.

Windmühlen gegen den Vogelzug

Es ist doch verrückt, dass Laub- und Rohrsänger tausende Kilometer hinter sich bringen, nur um hier Insekten zu fressen und die nächste Generation ins Nest zu setzen. Alles Wirtschaftsflüchtlinge, die ohne diese Reise nicht überleben könnten. Ein komplexes Atmungssystem, das eher einem Dudelsack gleicht, befähigt Vögel zu Höchstleistungen in dünner Luft, so dass auch mal ein Himalaya-Bergsteiger Gänse über sich hinweg ziehen sieht. Vögel, die Insekten fressen statt Beeren und Samen, müssen dahin, wo auch zwischen November und März das Richtige auf dem Speiseplan steht. Die Zivilisation scheint dieses Gewohnheitsrecht verhindern zu wollen: Strommasten fangen Störche ab, Windräder schlitzen Flussseeschwalben auf, Malteser schießen sich Feldlerchen in den Kochtopf und Alpensegler geraten in die Düsen von Flugzeugen.

Warum in die Ferne schweifen

Als ich diese Zeilen einem Biologen vorlas, meinte er, der Begriff „Reisen“ passe nicht zu den Vögeln, da damit eher Bildungsoder Erholungsreisen gemeint seien. Aber reisen wir nicht oft auch aus Widerwillen? Arbeitssuche, Verwandtenbesuche, Beerdigungen bis hin zur Flucht vor Unterdrückung, Hunger und Krieg. Das Reisen zur Erholung und Weiterbildung begann erst mit den Briten im ausgehenden 19. Jahrhundert.

Vögel haben Gründe für ihre Reisen – und die ändern sich. Rotmilane stellen fest – um es in uns vertraute Worte zu fassen –, dass der Schnee immer mehr ausbleibt und so die Sicht auf herumlaufende Mäuse offenlässt. Störche scheinen sich den Aufwand für ihre Reise an die Feder zu stecken, wenn die Sümpfe nicht mehr gefrieren und die Felder auch im tiefsten Winter alles bieten. Stare sind schon länger Pendler, die sich immer wieder relativ spontan für Norden und Süden entscheiden. Der Wandel des Klimas lässt also die Vögel nicht kalt, sie reagieren.

Was wird mit den Gästen aus dem Norden geschehen? Zu Tausenden bewohnen die Reiherenten Europas hiesige Seen im Winter und bieten nicht nur ein bezauberndes Bild, sondern halten die Wandermuschelbestände im Zaum. Die aus dem Norden kommenden Rotkehlchen ersetzen im winterlichen Wald den Gesang derjenigen, die gen Süden zogen. Im Frühling ist dann Schichtwechsel, dann, wenn die Nordischen wieder nach Hause ziehen und die Heimischen aus dem Süden kommen.

Aber auch der Ruf als Transitland für Zugvögel steht auf dem Spiel. Millionen von Bergfinken überziehen unsere Breitengrade und immer wieder schmücken einige Kraniche unsere Moorgebiete bei einer Rast auf ihrer langen Reise. Vögel mit Namen wie Sichelstrandläufer oder Mornellregenpfeifer verzücken Ornithologen, wenn sie als Durchzugsgäste zu sehen sind.

Ein paar Fakten zum Vogelzug

• Noch immer ist die Navigationstechnik der Zugvögel ein weites Forschungsfeld. Wie stark die topografischen Verhältnisse oder die Sternenkonstellation oder das Learning by Doing eine Rolle spielen, ist unklar und variiert je nach Art. Während die Jungtiere bei Störchen und Kranichen mit den Erwachsenen fliegen, muss der elternlose Kuckuck alleine den Weg in den Süden finden.

• Extreme Wetterverhältnisse können Vögel von der Flugroute abbringen, so kam auch schon mal aus Versehen ein Meisenwaldsänger aus Nordamerika in Westeuropa an.

• Sogenannte Kurzzieher wie die Haubenlerche fliegen nach Südeuropa oder Nordafrika, Langzieher wie den Berglaubsänger zieht es bis südlich der Sahara, Südafrika oder gar Südostasien. Vertikalzieher bleiben zwar im Land, aber überwintern eher in tieferen Lagen, so zum Beispiel der Mauerläufer.

• Stare bringen gerne auch mal Geräusche mit aus dem Süden. So kann es vorkommen, dass die nachahmungsfreudigen Vögel einen arabisch anmutenden Geräusche-Teppich hinter die blühenden Obstbäume im Thurgauer Hinterland legen.

Die Natur zieht sich in Reservate zurück

Der Mensch scheint alles daran zu setzen, dass Vögel nicht mehr ziehen können. Damit Vögel zwischen Skandinavien und Afrika oder Südostasien pausieren können, brauchen sie passende Orte – Seen, Feuchtgebiete, Moore, Flachgewässer, weite Brachlandschaften, Kies- und Sandbänke. Doch die Kulturlandschaft verwandelt sich zunehmend in ausgelaugte Felder für die Nahrungsmittel- und Biogasindustrie. Die Zersiedelung der Restlandschaft vernichtet grünes Land im Stundentakt. Die Gärten um die Häuschen und Wohnblocks sind ohne Naturwert: Monokultur in den Hecken, englischer Rasen, der den Boden verlehmen lässt statt Leben bringt, exotische Sträucher ohne Nutzen für Insekten und damit auch für Vögel. Der Artenvielfalt ist damit nicht gedient. Irgendwie scheint der Homo sapiens einen Instinkt zu haben, allen anderen auf dem noch blauen Planeten das Leben schwer zu machen. Gönnen wir doch den Zugvögeln die Reisefreiheit, die auch wir beanspruchen und lassen wir ihnen die Natur, die sie – und wir – so dringend brauchen!

Urs Heinz Aerni

Dieser Beitrag erschien im Magazin Zeitpunkt (Solothurn) und in der Zeitung MALMOE (Wien)

Es war wohl doch eine Rohrammer

Auf Einladung des Natur- und Vogelschutzvereins Höngg gingen wir im Nuoler Ried (Kanton Schwyz) auf die Pirsch.

Der Bahnhof Lachen SZ machte mit seiner kostenpflichten Toilette gleich etwas Umsatz, als rund 20 Vogelfreunde die S-Bahn aus Zürich verließen. In guter Laune ging es dann schnurstracks durch den mit seinen rund 8600 Einwohner zählenden Hauptortes des Schwyzer Bezirks March, hin zu den weiten Feldern, gesäumt vom Auenwäldchen, Seeanstoß und Bächen.

Alle waren sich bewusst, dass Mitte September vogeltechnisch es sich etwas ruhiger angehen ließ als im Frühling, doch wie sagte ein Teilnehmer: «Wer den Sperling nicht ehrt, ist des Bartgeiers nicht wert». Mit der Wertschätzung jeder Vogelart gegenüber wurde die Gruppe doch erfreulich überrascht. Zuerst zuckten mal alle ihr Fernglas und Spektiv und zoomten an weidenden Kühen und acht Graureihern vorbei auf ein Feld, auf dem rund 150 Große Brachvögel genauso weideten, wie die Milchlieferanten nebenan. Zusammen mit etwa 20 Staren. Ihre für Limikolen typischen Rufe ließen die Vogelkundlergemeinde sich an der Nordsee wähnen.

Sportflieger und ein alpiner Überraschungsgast

Kaum empfahl Rossano vom Leitungsteam, dass man bei neuen Sichtungen rufen soll, wendeten sich alle auf Empfehlung um und bestaunten durch die Linsen Teichhuhn-Familien, Zwergtaucher Löffelenten und Schnatterenten nebst den altbekannten Tauchern und den nicht mehr so schicken Stockenten.

Der Betrieb des kleinen Sportflugplatzes und fahrradfahrende Wochenendsportler schienen die Rabenkrähen mitnichten nervös zu machen aber nicht nur diese. Die Gruppe blieb stehen, weil ein Vordermann lange ins Spektiv blickte und empfahl: «Schaut mal da vorne, in der Wiese vor der Silberweide!» In der Tat, eine Familie Bachstelzen mit Teenies neben einer Schafstelze boten ein nettes Bild, doch er meinte den einsamen, nach Insekten rennenden Steinschmätzer.

Es war eine gute Entscheidung des Leitungsteam vom NV Höngg, diese Exkursion trotz Sturmwarnung von Meteo Suisse nicht zu canceln. Das Septemberlicht, der warme Wind genossen sichtlich alle, so auch direkt vorne am Zürichsee, der meerähnlich vor sich hinbrandete.

Diskustieren und Bestimmen

Was solche Exkursionen auszeichnen, ist der Austausch, ja gar die Debatte, die es vor allem bei zwei Sichtungen gab. Die eine betraf die Frage ob es eine Sumpf- oder Weidenmeise war, die andere über eine mögliche Gold- oder Rohrammer. Es obsiegten die Sumpfmeise und der Rohrammer, gerne immer noch als Rohrspatz im Volksmund genannt aber niemand wusste spontan, woher die Redewendung «Schimpfen wie ein Rohrspatz» kommt.

Recherchen des Verfassers ergab die Erklärung, dass das «oft sehr ausdauernde Singen» in früheren Zeiten oft zu hören war und mit dem Schimpfen über Gott und die Welt am Stammtisch verglichen wurde. Aber eben, damals gab es ihn noch überall, den Rohrammer.

Welche Vögel sonst noch entdeckt wurden, kann auf ornitho.ch gut nachgelesen werden. Eines machte es wieder deutlich: ein in der Natur verbrachter Tag ist ein guter Tag, erst recht, mit Menschen zusammen, die es noch verstehen, diese immer fragiler werdende Umwelt zu bewundern.

Mit Dank an das Exkursions-Team Esther Juzi und Rossano Stefanelli vom Natur- und Vogelschutzverein Höngg

24. September 2018: Urs Heinz Aerni Zürich (Text), Rossano Stefanelli (Fotos)

Sprachsalz 2018 in Hall in Tirol

Am kommenden Wochenende bespielen die Internationalen Literaturtage Sprachsalz einmal mehr die Säle, Bühnen und Terrassen des Parkhotel Hall und des Medienturm Ablinger.Garber: Freuen kann man sich u. a. auf Mark Z. Danielewski, Gert Loschütz, Yannick Haenel, Antonia Baum, Que Du Luu, Serhij Zhadan und David Schalko. Der Eintritt ist frei.

TERMINE

Parkhotel-Autoren-Empfang:
DO, 13. September 2018, ab 19.00 Uhr
(Eröffnung, Presse herzlich willkommen!)

Beginnzeiten:
FR, 14. September, ab 13.00 Uhr
SA, 15. September, ab 11.00 Uhr
SO, 16. September, ab 11.00 Uhr

Großer Sprachsalzabend mit David Schalko, Mark Z. Danielewski u. a.:
SA, 15. September, Einlass 18.00 Uhr, Essen 19.00 Uhr, Programmbeginn 20.30 Uhr
Reservierungen erforderlich, Details hier

Das gesamte Programm finden Sie hier

AUTORINNEN und AUTOREN 2018
Thomas Antonic (Österreich), musikalisch begleitet von Michael Fischer
Antonia Baum (Deutschland)
Zora del Buono (Schweiz) Mark Z. Danielewski (USA)
Meret Gut (Schweiz)
Yannick Haenel (Frankreich)
Gert Loschütz (Deutschland)
Que Du Luu (Deutschland)
Jürgen & Thomas Roth (Deutschland)
Robert Rotifer (Österreich/England)
Jaroslav Rudiš (Tschechien)
David Schalko (Österreich)
Bernd Schuchter (Österreich)
Andrzej Stasiuk (Polen)
Serhij Zhadan (Ukraine)

Details zu allen AutorInnen hier

SPRACHSALZ 2018

Alle Autoren und das Detailprogramm sind unter www.sprachsalz.com.
Bildmaterial sowie alle Presseunterlagen finden Sie als Download hier

Für Ihr Interesse und Ihre Unterstützung bedanken sich die Sprachsalz-OrganisatorInnen:
Valerie Besl, Magdalena Kauz, Max Hafele, Heinz D. Heisl, Elias Schneitter, Urs Heinz Aerni, Ulrike Wörner

 

Experimentell und mehrdimensional, hochaktuell und politisch ­– das Spektrum der vorgestellten Texte und Bücher bei den 16. Literaturtagen Sprachsalz (14.–16. September) präsentiert sich literarisch wie inhaltlich welthaltig: Mark Z. Danielewski führt durch kunstvolle Text- und Wahrnehmungsspiralen, Gert Loschütz, Yannick Haenel und Antonia Baum berichten aus der Mitte unserer Gesellschaft und Que Du Luu, Serhij Zhadan und David Schalko erzählen von den Folgen von Krieg und Gewalt. Alle Veranstaltungen sind bei freiem Eintritt zu besuchen.

 

„Das Begreifen der Welt durch Geschichten, aber auch durch die Sprache, die sie ausmacht, ist seit jeher zentrales Anliegen der Texte, die bei Sprachsalz eine Bühne bekommen“, so Magdalena Kauz, die gemeinsam mit Urs Heinz Aerni, Heinz D. Heisl, Elias Schneitter und Ulrike Wörner das Programm verantwortet. Der US-amerikanische Autor Mark Z. Danielewski ist einer der AutorInnen, die beides vereinen: Schon in seinem gefeierten Prosadebüt „Das Haus – House of Leaves“ schickt er seine Leserschaft durch typografische Labyrinthe und Textspiralen und treibt seine Geschichten mit Ironie und Wortspielen lustvoll und unerbittlich voran.

 

GESELLSCHAFT UND POLITIK

Der Verleger und Schriftsteller Bernd Schuchter eröffnet das Festival mit der traditionelle Lesung durch einen Tiroler Autor: In „Herr Maschine oder vom wunderlichen Leben und Sterben des Julien Offray de La Mettrie“ porträtiert Schuchter den französischen Arzt und Philosophen, der das Konzept des Menschen als Maschine vorformuliert hat und damit nicht nur die konservativen Kräfte im Europa des 18. Jahrhunderts gegen sich aufbrachte.

Kann Literatur die Welt verändern? Der französische Schriftsteller Yannick Haenel erzählt Geschichten aus der Mitte unserer Gesellschaft: In seinem gesellschaftstheoretischen Roman „Die bleichen Füchse“ über die Festung Europa begleitet er seinen Helden bei dessen Kampf für humane Werte und untersucht das entpolitisierte Frankreich von heute auf rebellische Unterströmungen.

Ausgangspunkt von Gert Loschütz‘ Roman „Ein schönes Paar“ – mit dem er soeben für den Deutschen Buchpreis nominiert wurde – ist die politische Teilung Deutschlands und die daraus resultierenden privaten Folgen: Der Tod der Eltern und die anschließende Spurensuche führen den Ich-Erzähler in die eigene Kindheit zwischen Ost und West und zu den Geheimnissen einer Liebes- und Ehegeschichte.

Auch die deutsche Journalistin und Autorin Antonia Baum widmet „Tony Sonprano stirbt nicht“ einer Eltern-Kinder-Beziehung: Ihr berührendes Buch über den Tod und das Schreiben erzählt von Kindern, die ständig um das Leben ihres risikoverliebten Vaters fürchten, und darüber wie es sich anfühlt, wenn aus Fiktion plötzlich Realität wird.

Das Dunkle und Undurchschaubare, die Geheimnisse der Menschen und der Orte, an denen sie leben: Das sind die großen Themen der Schweizer Autorin Zora del Buono. Im Roman „Hinter Büschen, an eine Hauswand gelehnt“ prägen die Ereignisse um Edward Snowden und den WikiLeaks-Skandal eine radikale Liebesgeschichte zwischen einer Dozentin und einem Studenten.

 

KRIEG UND DIE FOLGEN

Der ukrainische Schriftsteller Serhij Zhadan widmet sich den Folgen von Krieg und Gewalt: Seine Bücher spiegeln die aktuelle Situation in der Ostukraine, voll Absurdität, Anarchie und Chaos, unmittelbar und authentisch wider. Die Auseinandersetzung mit dem Krieg im Donbass findet nun mit seinem Roman „Internat“ ihren vorläufigen Höhepunkt, in dem Zhadan die vertraute Umgebung in ein unheimliches apokalyptisches Territorium verwandelt.

Die Texte des polnischen Schriftstellers Andrzej Stasiuk sind im Unterwegssein verankert: Er begibt sich an die östliche Peripherie, in die Grenzgebiete und zu den Übergängen, um in den Landschaften die Spuren der Geschichte zu finden. So auch in seinem aktuellen Werk „Der Osten“, einer Summe seines Reisens und Schreibens über Europa jenseits des Grauens einer kriegerischen Vergangenheit und Gegenwart.

Das tschechische Multitalent Jaroslav Rudiš schlüpft in seinem brillanten Monolog „Nationalstraße“ in den Kopf und den Körper eines Schlägers zur Zeit der samtenen Revolution in Prag. Rudiš hat sich als Romancier einen Namen gemacht, aber auch als Dramatiker, Verfasser der verfilmten Graphic-Novel-Trilogie „Alois Nebel“ und als Musiker, unter anderem mit der Kafka Band.

Von der Suche nach Glück und Identität handelt Que Du Luus „Im Jahr des Affen“: Als gebürtige Chinesin flüchtete Du Luu nach Ende des Vietnamkriegs wie Millionen andere Boatpeople über das Meer. Auch in ihrem klugen, unterhaltsamen und hochaktuellen Entwicklungsroman steht eine chinesische Einwandererfamilie zwischen Vergangenheit und Gegenwart, Tradition und neuer deutscher Heimat im Zentrum.

Regisseur und Schriftsteller David Schalko gelingt in seinem neuen Roman „Schwere Knochen“ ein faszinierender Einblick in das Innere von Menschen, deren Seele durch den Nationalsozialismus zerstört wurde: Inspiriert durch wahre Begebenheiten, erzählt mit viel schwarzem Humor und großer Empathie zeichnet Schalko ein Porträt der österreichischen Nachkriegsgesellschaft und ihre Unterweltszene zwischen furiosem Gangster- und atypischem Heimatroman.

 

TEXTE UND BILDER

Beeinflusst von US-amerikanischen Beatautoren bedient sich der österreichische Autor und Musiker Thomas Antonic in seinem zweisprachigen Buch „Flackernde Felsbilder übler Nachtvögel / Flickering Cave Paintings of Noxious Nightbirds“ der Assoziation: Mittels Montage- und cut-up-Techniken mischt er Zitate, Gesprächs- und Gedankensplitter zu einem furiosen wie rauschhaften Szenarium. Bei Sprachsalz wird er musikalisch von Michael Fischer begleitet.

Berauschend sind auch die Naturerlebnisse, die die Schweizer Molekularbiologin und Lyrikerin Meret Gut in ihrem Debüt zeichnet: Der Band „Einen Knochen tauschen wir“ versammelt Hymnen auf das starke, erschöpfende Leben, auf Nacktheit und Natur, aber auch auf Melancholie und Verflüchtigung.

AMUSE BOUCHE

Die Sprachsalz-Reihe „Amuse Bouche“ stellt auch in diesem Jahr Autoren vor, die auf verschiedenen Ebenen mit ihrem Werk präsent sind: Der in London lebende Schweizer Kulturjournalist Hanspeter „Düsi“ Künzler spricht mit dem österreichischen Musiker, Musikjournalisten und Radiomoderator Robert Rotifer darüber, was Songs von Singer-Songwritern mit Literatur zu tun haben. Rotifer, der seit 20 Jahren in England lebt, hat zuletzt das Album „Not Your Door“ veröffentlicht, in dem er unter anderem an seine Großmutter, die Widerstandskämpferin und Kommunistin Irma Schwager, erinnert.

Ein Spaziergang in Hall mit Vogelschau erwartet die BesucherInnen bei „Amuse Bouche – unter Vögeln“: Urs Heinz Aerni spricht mit dem Schriftsteller und Journalisten Jürgen Roth und dem Historiker Thomas Roth über ihre witzige Naturkunde „Kritik der Vögel“, in der die beiden eine Auswahl aus 11.000 Vogelarten präsentieren und mit Hilfe von Fallbeispielen bis heute unbeantwortete Fragen stellen.

 

SPRACHSALZ-CLUB

Einmal mehr wird im Rahmen von drei Sprachsalz-Clubs auch über das Schreiben gesprochen: „Wie ist das mit dem Schreiben in Tirol?“ fragt Boris Schön bei einer Lesung mit Gespräch den Schriftsteller und Verleger Bernd Schuchter. Moderiert von Alexander Kluy gibt Mark Z. Danielewski Einblicke in seine experimentellen und konzeptuellen Arbeitsprozesse. „Wie weit darf ich gehen? Und wann tut es weh?“ ist das Thema einer Diskussion über Autobiografie, Erinnern und Historie mit Sprachsalz-AutorInnen und Alexander Kluy.

 

SPRACHSALZ-GALA

Der Festabend am Sprachsalz-Samstag bietet Kulinarisches und Literarisches: Neben Lesungen – etwa von Mark Z. Danielewski oder David Schalko – gibt es ein Sprachsalz-Menü. Einlass 18.00 Uhr, ab 19.00 Uhr Vorspeise und Hauptgänge, Lesungen ab 20.30 Uhr, Dessertpause. Reservierung nur mit Menü möglich (VVK à 39 Euro/Person, ohne Getränke): online https://www.sprachsalz.com/reservationen/ oder unter reservation@sprachsalz.com bzw. T: 0043 676 5126635.

 

SPRACHSALZ-MINI

Auch in diesem Jahr bietet Sprachsalz-Mini mit einer Buchwerkstatt für Kinder Einblicke hinter die Kulissen und lädt zum Selbermachen ein. Währenddessen wird es kurze Leseeinheiten von Sprachsalz-Autorinnen und -Autoren mit Texten für Kinder geben. (Eintritt frei, für Kinder von 7–12 Jahren, Material wird zur Verfügung gestellt – Anmeldung empfohlen: https://www.sprachsalz.com/programm/sprachsalz-mini/

 

Sprachsalz-Audiofiles

Sprachsalz stellt bereits während dem Festival Audiofiles und vereinzelt auch Videos im Sprachsalz Audio-Archiv online zur Verfügung. Teile des Festivals können so nachgehört werden, auch dank der Unterstützung durch das Innsbrucker Zeitungsarchiv. https://www.sprachsalz.com/audios/

 

„Wir sind das Original“

Hotelier und Präsident des schweizerischen Hotelverbands, Andreas Züllig, ist ein gefragter Mann. Wir wollten von ihm wissen, welche Baustellen ihn beschäftigen und wo er mit seiner Frau Claudia noch ein Hotel übernehmen würde.

Urs Heinz Aerni: Sie stehen oft vor Kameras und Mikrophonen als Vertreter der Schweizer Hotelbranche. Was wollen die Medien so am meisten von Ihnen wissen?

Andreas Züllig: Nach dem 15. Januar 2015 mit dem Euroschock und den darauffolgenden Rückgängen bei den Logiernächten war das bis letztes Jahr natürlich immer wieder das Hauptthema. Warum sinken in gewissen Regionen wie Graubünden und Tessin die Logiernächte so stark? Sind wir in der Schweizer Hotellerie nicht mehr konkurrenzfähig? Und was sind die Maßnahmen, die der Branchenverband unternimmt?

Aerni: Es scheint, dass nach der Stabilisierung des Euro-Franken-Verhältnisses sich auch die Gemüter in der Tourismus-Szene etwas beruhigt hätten. Und doch, die Konkurrenz im Schwarzwald, Bayern oder in Österreich und Südtirol schläft nicht. Wo gilt es in der Schweiz aufzuholen und welche schweizeigenen Stärken müssten gepflegt werden?

Züllig: Im Moment sind die drei W’s Wetter, Wirtschaft und Währung mehr oder weniger positiv. Das ist gut so. Die Herausforderungen waren die letzten Jahre auch sehr unterschiedlich. Die Städte wie Zürich und Basel sind seit Jahren ungebrochen auf Wachstumskurs. Mehr Probleme haben die Berg- und Ferienregionen. Hier sind aber auch strukturelle Defizite für die Situation verantwortlich. Diese Herausforderungen haben übrigens auch die von Ihnen genannten Regionen. Aus Schweizer Sicht wird das eigene Land eher zu kritisch und das nahe Ausland eher zu positiv wahrgenommen.

Aerni: Aber wir haben sie, die hiesigen Stärken…

Züllgi: Unsere Stärken sind sicherlich die lange Tradition im Tourismus. Regionen wie zum Beispiel das Engadin mit Zeitzeugen aus der Gründerzeit des Tourismus kann man in dieser Dichte nur bei uns authentisch erleben. Wir sind das Original. Und wer das erleben und spüren will kann das in dieser Form nur in der Schweiz. Ich glaube das ist eines unserer Stärken. Zusätzlich haben wir sehr gut ausgebildete Fachkräfte, eine hohe Zuverlässigkeit und sehr hohe Qualitätsansprüche. Denken Sie zum Beispiel an das hervorragend ausgebaute Netz öffentlicher Verkehrsmittel. Schon ein paar Kilometer Luftlinie entfernt von uns in Italien kann man sich auf den Fahrplan nicht hundertprozentig verlassen.

Aerni: Und unsere Baustellen?

Züllig: Aufholpotential haben wir sicherlich im Bereich Kooperationen auf allen Stufen. Hier kommt uns leider unser föderales System nicht sehr entgegen. Jede Region und jeder Ort hat das Gefühl alles selber zu machen und zu entwickeln. Das wird in der zunehmend digitalen Welt so nicht mehr funktionieren.

Aerni: Wie sieht das eigentlich innerhalb des Landes aus, in Sachen Wettbewerb zwischen Regionen wie Wallis, Berner Oberland, Zentralschweiz und das Graubünden? Wie nehmen Sie in Ihrer Funktion diesen wahr?

Züllig: Wie schon angetönt fehlt mir hier das vernetzte Denken aus Sicht des Gastes. Nehmen sie das Beispiel eines Bikers, der sich in einem Raum bewegt ohne Orts-, Regionen- oder Kantonsgrenzen. Sie können doch nicht erwarten, dass dieser an jedem Ort ein App aufs Handy lädt nur um die richtige Route zu finden oder einen Tipp für ein schönes Bergrestaurant. Hier herrscht nach meinem Empfinden noch zu viel Kantönligeist. Es gibt Biker in Australien. Es gibt Biker in Hamburg und es gibt Biker in Olten. In dieser Community gibt es keine geografischen Grenzen.

Aerni: Was ist also zu unternehmen?

Züllig: Als Verband versuchen wir die geografischen Grenzen aufzulösen. Über Spezialisierung und Segmentierung versuchen wir die Branche für ein vernetztes Denken zu sensibilisieren. Wir zeigen auch anhand von gut funktionieren Beispielen wie es gehen könnte. Und welche Chance die Digitalisierung in Zukunft mit einer klaren Marktpositionierung haben kann. Umsetzen muss es der Unternehmer und Hotelier dann aber selber.

Aerni: Sie befinden sich in der zweiten Amtsperiode als Präsident des Verbandes hotelleriesuisse und führen mit Ihrer Frau und Team das Hotel Schweizerhof in Lenzerheide. Welche Erfahrungen als Gastgeber konnten Sie in die Verbandspolitik einbringen? Und welche vom Verband in den Alltag des Hoteliers?

Züllig: Es ist nach meiner Meinung wichtig tagtäglich mit den Herausforderungen der Branche konfrontiert zu sein. Diese Erfahrung kann ich in meiner täglichen Arbeit in der Öffentlichkeit und in der Politik einbringen. Ich rede also nicht nur theoretisch von den Herausforderungen der Hotellerie, sondern versuche diese auch im eigenen Betrieb zu meistern. Sei es der Fachkräftemangel, die hohe Regulierungsdichte oder eben das veränderte Reiseverhalten durch die Digitalisierung. Als Verbandspräsident muss ich mich natürlich mit verschiedenen Dossiers aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft auseinandersetzen. Entsprechend erhalte ich natürlich Informationen sehr früh und kann mich zum Teil im Betrieb schon darauf vorbereiten.

Aerni: Sie sind selbst auch gerne und oft auf Reisen. In welche Atmosphäre möchten Sie gerne beim Betreten eines Hotels als Gast landen?

Züllig: Das ist sehr unterschiedlich und hängt sehr stark mit dem Ort zusammen, in den wir reisen. In Mallorca zum Beispiel schätzen wir eine umgebaute Finca direkt am Meer. In Berlin bevorzugen wir eher in hippes Designhotel.

Aerni: Gibt es doch etwas, was generell ein gutes Hotel auszeichnet?

Züllig: Ja, was überall stimmen muss, ist die Liebe zum Detail. Sei es bei der Auswahl der Materialen bei der Einrichtung, oder welche speziellen Restaurantangebote vorhanden sind. Wir wollen uns vor allem Inspirieren und Begeistern lassen. Dazu suchen wir natürlich spezielle Hotels an speziellen Orten mit kreativen Konzepten. Und solche gibt es viele, im Ausland, aber auch in der Schweiz.

Aerni:  Wenn Sie wieder zusammen mit Ihrer Frau Claudia, ein neues Hotel übernehmen würden, wo müsste es stehen?

Züllig: Einen weiteren Standort mit dem Schweizerhof-Geist könnten wir uns sehr gut im Tessin vorstellen. Nach unserer Meinung wäre das eine optimale Ergänzung. Auch im Tessin kann man den touristischen Pioniergeist aus den 50er und 60er Jahre auf moderne und zeitgemässe Art wiederaufleben lassen. Eine Zeit in der das Tessin ein Sehnsuchtsort war.

 

INFO

Andreas Zülligs Karriere begann als Koch, dann absolvierte er in Lausanne die Hotelfachschule und übernahm mit seiner Frau Claudia vor über 26 Jahren das Viersterne-Hotel Schweizerhof in Lenzerheide. Das Präsidium des Hotelverbandes hoteliersuisse hat er seit 2015 inne.

Das Interview ist auch im Berliner Magazin Berglink erschienen.

 

Die Basler Versicherung bekämpft Hagel mit Gift – Fragen

Sie haben es sicher vernommen: Die Basler Versicherung chartert ein Flugzeug, dass bei Hagelgefahr die Wolken mit einem Gift besprüht, das die Hagelkörner kleiner machen soll.

Hier ein Bericht im Tages-Anzeiger.

BirdLife Schweiz meint dazu: “ Gift versprühen für 10% weniger Hagel – das macht aus unserer Sicht keinen Sinn. Das Gift gelangt in die Böden und ins Wasser. -> nicht nachhaltig.“

Nun, ich bat von der Basler Versicherung eine Stellungnahme dazu und erhielt diese Rückmeldung:

 

Sehr geehrter Herr Aerni

Die Basler Versicherung hat ein ökotoxikologisches Gutachten für das Bundesamt für Zivilluftfahrt (BAZL) und das Bundesamt für Umwelt (BAFU) zum Einsatz des Hagelfliegers erstellen müssen.

Dabei haben wir aus einer Liste des BAFU ein Gutachter-Institut wählen können. Das erstellte Gutachten bescheinigt dem Einsatz von Silberjodid in bezug auf die angewandte Methode und Menge die Unbedenklichkeit für Wasser und Boden.
In dem Gutachten wird von einem internationalen Wert ausgegangen, der für Silberjodid massgeblich im Hinblick auf die Umweltschädlichkeit ist.
Es handelt sich dabei um den sogenannten PNEC-Wert. PNEC steht für Predictive-No-Effect-Concentration. Per Definition die Konzentration im Umweltkompartiment, welche auch bei langfristiger Exposition keinen Einfluss auf Umweltorganismen hat.
Das Gutachten hat ergeben, dass wir mit der Methode des Hagelfliegers diesen Wert um ein Mehrfaches unterschreiten.

Dr. Krähenbühl, Leiter klinische Toxikologie der Universität Basel, hat gegenüber Telebasel erklärt, dass Silberjodid in der Form als unbedenklich zu qualifizieren sei. Es habe z.B. in Gewässern aus Gebieten, in denen der Hagelflieger aktiv war, gegenüber Gewässern aus nicht betroffenen Regionen keine erhöhte Silberjodid-Konzentration festgestellt werden können. In anderen Ländern wie z.B. Deutschland und Österreich wird die Methode des Hagelfliegers bereits seit Jahren angewendet – in Österreich seit 1978!

Die Verwendung von Silberjodid zur Hagelbekämpfung ist aber auch in der Schweiz nicht neu. Der Hagelabwehrverband Ostschweiz beispielsweise bekämpft seit Jahren die Hagelbildung vom Boden aus. Mit Raketen werden die Gewitterwolken mit Silberjodid ‚geimpft‘.
Einzig die effizientere Verwendung eines Hagelfliegers ist für die Schweiz ein Novum.

Sehr geehrter Herr Aerni, die Basler Versicherung ist sich ihrer Verantwortung gegenüber Mensch, Flora und Fauna sehr bewusst. Wir haben in den letzten 2.5 Jahren alle erdenklichen Auswirkungen eines Hagelfliegereinsatzes sorgfältig geprüft und sind zum Schluss gekommen, dass wir es versuchen möchten. Auch wenn die Wirksamkeit der Methode kontrovers diskutiert wird.

Freundliche Grüsse
Sacha Truffer
lic. iur.
Leiter Kundenzufriedenheit
Mitglied der Direktion
Basler Versicherungen

Diese ausführliche Stellungnahme ist beeindruckend. Was meinen Sie dazu? Lohnende Aktion oder zusätzliche Belastung für Flora und Fauna?

Zwei entdeckte Bücher

Es war in der Pause eines Theorieabends über Vögel in Zürich. Der Verfasser dieser Zeilen kam mit Meret Gut ins Plaudern, auch über Literatur. Sie outete sich als Lyrikerin. Die Neugier war geweckt und führte ihn dazu, sie zu fragen, ob er etwas lesen dürfe. Am nächsten Theorieabend – es ging um Limikolen – händigte sie ihm das Manuskript aus. Noch in der Straßenbahn ließ er sich auf ihrem Wortteppich durch die nächtliche City gleiten. Jedoch nicht im taumelnden Traum der Verklärung, es ist eher eine Art der Erdung, die hier bei der Lektüre geschieht. Als würde man auf einem moosigen weichen Waldboden gehen, irgendwie archaisch, direkt und naturnah. Die 1989 geborene Meret Gut schloss mit einem Master in Molekularbiologie ab, unterrichtet Biologie, kämpft für den Naturschutz … und schreibt Poesie! Eine Poesie, die nach deren Genuss weiter austreibt und gedeiht. Dies zum ersten entdeckten Buch.

Als Radio SRF eine Besprechung eines literarischen Buches über Vögel ankündigte, wurde der Verfasser als Leser und Hobby-Ornithologe hellhörig. Und fürwahr, nach dem Interview mit den beiden Brüdern und Autoren Jürgen und Thomas Roth wurde das Buch beschafft. Jürgen Roth wurde 1968 geboren und lebt als Schriftsteller in Frankfurt am Main, er schreibt für Medien wie FAZ, taz oder die Titanic. Thomas Roth wurde 1971 geboren und lebt als Historiker im Rheinland. Beide fanden schon früh ihre große Liebe zu den Vögeln.

Aus den rund 11´000 Vogelarten besprechen die beiden ausgesuchte Arten wie andere Filme oder Romane. Sie kreisen all die Eigenarten der gefiederten Subjekte fabulierend und aus der Fachliteratur zitierend solchermaßen ein, dass der Lesende zu staunen beginnt. Ein Staunen über den Umstand, wie etwa in alter Zeit die Tierwelt interpretiert wurde und wie Esprit und Witz der Sprache guttun kann. Und erst recht ein Staunen über all das Wunderbare, was in der Welt der Piepmätze geschieht.

 

Urs Heinz Aerni

Die Angaben zu den Büchern: „Einen Knochen tauschen wir“ Gedichte von Meret Gut, Wolfbach Verlag, ISBN 978-3-906929-00-2; „Kritik der Vögel – Klare Urteile über Kleiber, Adler, Spatz und Specht“ von Jürgen und Thomas Roth, Verlag Blumenbar bei Aufbau, ISBN 978-3-351-05032-0

Die drei oben erwähnten Schreibende werden am Festival Sprachsalz 2018 in Hall in Tirol zu Gast sein. Hier gelangt man zum Programm.

Muss Schreiben legitimiert werden?

Soeben komme ich zurück aus Innsbruck. Dort unterhielt ich mich an einem Podium mit Autorinnen und Autoren über Fragen wie: «Wie gelingt es mir, zeitliche und örtliche Schreiboasen zu finden?», «Wie viel Struktur braucht ein literarischer Text?», «Wie finde ich einen Verlag?», «Was macht ein guter Verlag für mich?», «Warum wird mein Buch in den Medien nicht wahrgenommen?», «Auf was ist bei einer öffentlichen Lesung zu achten?» oder «Ist Schreiben ein monologischer oder dialogischer Akt?»

Meine Seminare als Literaturagent an den Volkshochschulen sind stets gut besucht und ich beginne jeweils mit den Worten: «Meine Damen und Herren, Sie wissen, dass die Welt auf Ihr Buch wartet.» Ein Lachen geht durchs Auditorium, weil sie wissen: die Welt ist voll von Büchern. Aber, das ist gut so! Schreiben gehört zu den wichtigsten Künsten über die der Mensch verfügt. Schreiben ist der Versuch, zu verstehen, begreifen, einzuschätzen, abwägen, bewältigen und ist ein Mittel für Gegenmaßnahmen. Schreiben ist ein Umkehrschub, der die innere Welt gegen außen stülpen lässt, ein proaktives Agieren. Texte lassen in Seelen blicken, sie lassen erkennen, was in Herz und Sinn des Verfassenden rumort. Texte widerspiegeln Zeitgeist, sie verändern sich analog zur Mediennutzung. Niedergeschriebene Sprache mutiert sich in die Formen der Medien. Das schöne dicke Buch lässt sich noch immer in den Händen von lesenden Menschen finden, im Wartesaal oder auf der Parkbank. Lesende halten sich oft in dichtgedrängten S- und U-Bahnen oben mit einer Hand fest und mit der anderen scrollen Sie Texte auf dem Smartphone. Ohne Text, keine Gesellschaft. Ohne Sprache keine Welt.

An dem erwähnten Anlass in Innsbruck überraschte mich eine Frage besonders: «Wie legitimiere ich mein Schreiben?» Wie bitte? «Ja, meine Freunde und Familie tun sich schwer zu akzeptieren, dass ich viel Zeit fürs Schreiben verwende und zudem ich nicht mal damit Geld verdiene.» Unglaublich, nicht? Da lassen andere teure Drohnen starten, reisen ihrer Fußallmannschaft hinterher und basteln stundenlang an ihrem Opel Manta rum, alles unter dem Akzeptanz-Titel «Hobby». Liebe Schreibende, bleiben Sie dran, lassen Sie nicht nach, tun Sie’s weiter und schenken Sie der Welt neue Texte.

 

Urs Heinz Aerni

Info: Am 24. Und 25. November bietet der Autor den Workshop «Wie veröffentliche ich ein Buch?» in Lenzerheide an. Infos und Anmeldungen: ursaerni@web.de

Der passende Buchtipp: «Frauen, die schreiben, leben gefährlich» von Elke Heidenreich, Insel, 978-3-458-35995-1, CHF 14.90

Diese Kolumne erschien zuerst in der Zeitung BÜNDNER WOCHE