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Tun, was geht

Die eidgenössischen Parlamentswahlen sind vorbei und die Resultate zeigen, wie Klima und Umwelt zu Themen Nummer eins wurden und man darf gespannt sein, wie sie die neue personelle Besetzung unter der Bundeshauskuppel herausfordern werden. Und jetzt kam noch von der Schweizer Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) die Info, dass in den letzten zehn Jahren ein Drittel aller Insektenarten verschwunden sind.

An der Frankfurter Buchmesse diskutierten Expertinnen und Fachleute, was denn gegen das Artensterben und die Wetterextreme unternommen werden könne und immer wieder wird die Politik in die Pflicht genommen, was ja auch ihr Job ist, aber dann stellte der Moderator die Frage, was denn jede und jeder im Alltag für den blauen Planeten tun könne und wissen Sie was, ich kann diese Frage nicht mehr hören, deshalb liste ich nun hier ein für allemal auf, was wir als Otto-Normal-Menschen zu tun mächtig sind:

1. Den Rasen nicht mehr oder nur noch wenig mähen. 2. Automotor abstellen beim Um- und Beladen. 3. Wilder und bunter Garten wachsen lassen. 4. Nicht nur Pet, Alu und Glas aus dem Müll sortieren, sondern Plastik, und die neuen Recycling-Angebote nutzen. 5. Jahreszeitgemässer Gemüseinkauf und nur noch Produkte aus der Region verspeisen und trinken. 6. Nächtliches unnötiges Dekorationslicht löschen und alle Standby-Lämpchen an Stromschienen und Elektrogeräte ausschalten. 7. Urlaubsziele an Eisenbahnschienen bevorzugen. 8. Giftfreie Wasch- und Haushaltsputzmittel verwenden. 9. Lokal statt digital einkaufen. 10. Zuwarten mit dem Kauf des neuesten Smartphones oder Tablet. 11. Kein Deluxe-Futter für Haustiere. 12. Weniger Haustiere. 13. Weniger Babys. 14. Entsprechend Abstimmen wie zum Beispiel gegen Baueinzonungen, Pestizide und für Naturpärke. 15. Mehr Leitungswasser trinken als importiertes Mineralwasser. 16. Am Tag wandern statt in der Nacht im Wald biken. 17. Weniger große Räume bewohnen. 18. Den Laubbläser in den Elektroschrott schmeissen. 19. Beim Heimatfußballclub auf Naturrasen plädieren.

Habe ich was vergessen?

Urs Heinz Aerni

Der passende Buchtipp: „Was schulden wir künftigen Generationen? Herausforderung Zukunftsethik“ von Kirsten Meyer, Reclam Verlag

Dieser Beitrag erschien auch in der Zeitung Bündner Woche.

 

Falscher Job?

Der Zürcher Gemeinderat Samuel Balsiger (dessen Partei hier nicht genannt wird, in der Hoffnung, dass sie nicht auch so denkt) meinte in einer Kolumne im Tagblatt der Stadt Zürich, dass die «Klimahysterie eine postreligiöse Form» angenommen habe, dass bei den Rechenmodellen «unzählige Interessen» einflößen, dass es fraglich sei, ob die Klimaveränderung menschengemacht sei, und legte die Verantwortung für den Fortschritt auf die Schultern der Wissenschaft, Forschung und Industrie, nicht der Politik.

Noch nie in der Erdgeschichte wurden so viel fossile Ressourcen aus dem Boden geholt und verbrannt wie während der industriellen Epoche der Menschheit. Kein Lebewesen sonst verbaute in dieser kurzen Zeit solche Dimensionen an natürlichem Boden. Noch nie in der Geschichte schrumpfte die Artenvielfalt in so kurzer Zeit wie seit dem 20. Jahrhundert. Und wir wissen, ohne Artenvielfalt erodiert die Kraft unserer Lebensgrundlage, die Natur. Seit Jahrhunderten nutzte der Mensch die Natur als Lieferant, und wenn nun ein Zeitalter eingeläutet wird, in dem man sich ihrer erinnert und sorgt, liest man im Kommentar des genannten Politiker, dass es sich hier um «Ideologie» handle.

Die Wissenschaft beweist den Artenverluste in Rekordgeschwindigkeit. Forschung und Bildung verdienten Unterstützung, um für eine künftige Lebensqualität in der bestmöglich intakten Umwelt zu sorgen. Und Industrie und Wirtschaft müssten einsehen, dass nicht Maximalrendite das Ziel sein sollte, sondern eine langfristige Existenz. Damit das alles im Interesse der Bürger auch geschieht, braucht es eine Übersicht und Verwaltung. In diese Verwaltung werden Politiker gewählt. Und wenn ein Politiker erklärt, dass dies nicht seine Aufgabe sei, dann hat er den falschen Job und müsste ersetzt werden.

Urs Heinz Aerni

 

Der passende Buchtipp: „Schweizer Staatskunde“ von Ueli Leuthold und Jilline Bornhand, Compendio Bildungsmedien, ISBN 978-3-7155-7757-9

Beten für das Gegenteil?

Es gab Zeiten, da war der große Aletschgletscher im Wallis mit seinen 23 Kilometern eine Gefahr, weil er wuchs. Zwischen dem 17. und 19. Jahrhundert lebte die Bevölkerung in Angst vor Seeausbrüchen, Geröll- und Schlammlawinen. Als „Gegenmaßnahme“ legten die Bewohner ein Gelübde ab, das von Papst Innozenz XI genehmigt werden musste. Darin beteten sie um den Stopp der Ausdehnung des Gletschers. Während all die Jahre des jährlichen Gebetes schleuderte die Zivilisation Gift in die Luft und die Böden, pflanzte Monokulturen, industrialisierte die Landwirtschaft, verbaute Land mit Einkaufszentren und Autobahnen und verwandelte die fossilen Stoffe in Schall und Rauch.

Und, was geschieht? Der Gletscher begann nun zu schmelzen und zu schrumpfen. Die Menschen jubeln nicht, sie sehen sich nun vor einer neuen Gefahr gegenüber: das Wasser für Vieh, Wiesen und eben Mensch droht zu versiegen. Wir befinden uns jetzt im aufgeklärten 21. Jahrhundert. Was tun? Weniger Stickstoffe in die Böden pumpen, weniger fossile Ressourcen verheizen, sparsamer Energie verschwenden, weniger die Landschaft zubetonieren, mehr Verantwortung gegenüber Umwelt übernehmen? Nein, eine neue Bewilligung des Heiligen Vaters einholen um nun in Prozessionen gegen den Gletscherschwund beten zu dürfen.

Ich muss mal den Journalistenverband anrufen und fragen ob es auch ein Gebet gibt für mehr Leserinnen und Leser gibt oder ob ich einfach besser schreiben muss.

Urs Heinz Aerni

Der passende Buchtipp: „Der Dominoeffekt oder die unsichtbaren Fäden der Natur“ von Gianumberto Accinelli, Verlag S. Fischer Sauerländer, ISBN 978-3-7373-5471-4

Mahlzeit! Oder wenn Nebenwirkungen eine gute Sache sind.

Ob hier AKW­ oder Solarstrom durchfließt? Das fragt sich der Verfasser dieser Zeilen, während er vor seinem Computer sitzt und diese Worte schreibt. Und wo dieses Gerät herkommt, und womit und unter welchen Umständen das Gerät gebaut wurde, wagt er sich gar nicht zu fragen. Stattdessen greift er zum Weinglas und nippt am Übersee-Tropfen. Nebenwirkungen müssen mit einkalkuliert sein, wenn es um höhere und edle Ziele geht.

Durchfall, Blähungen, Magenbeschwerden, Sodbrennen oder Schmerzen im Oberbauch, Erbrechen, Übelkeit. Keuchende Atmung und Kurzatmigkeit, Schmerzen und Husten. Blut im Urin.

Das ist unter «Nebenwirkungen» zu lesen im Beipackzettel eines Medikamentes gegen Kopfschmerzen. Risiken gehören zum Willen nach Besserung. So ist das Gesetz aller Dinge inklusive Natur – auch Umwelt genannt. Tiergerechte Produktion verteuert nun mal das Biofleisch oder die Bio­Eier.

Perforation des Augapfels, Pupillenerweiterung und Herabhängen des Oberlides. Vordrängen des Augapfels mit Bewegungseinschränkung. Verzögerte Wundheilung.

Das alles muss in Kauf genommen werden, wenn eine bakterielle Augenentzündung bekämpft werden soll, so steht es geschrieben. Das nimmt man eben nicht zum Spaß auf sich. Giftfreie Kartoffeln und Karotten gibt es nun mal nicht gleich um die Ecke im Billigangebot. Auch das Angehustet-Werden, im gedrängten Stehen im Schweißdunst Deines Nächsten in der S-Bahn ist der gerechte Preis beim Verzicht auf das eigene Auto mit Sitzheizung und Lieblingsmusik. Von nichts kommt nichts!

Angstzustände, Schlaflosigkeit, Verwirrtheit, Depression, Schweißausbruch, Realitätsverlust, Persönlichkeitsstörungen, Verlust des Kurzzeitgedächtnisses und Panikattacken.

Das könnte das Rahmenprogramm sein, wenn Sie ein Medikament gegen «Angst- und Spannungszuständen» einzunehmen gedenken. Da muss man durch, oder glauben Sie, dass beim Hobeln keine Späne fallen? Ne, ne; wenn schon denn schon! Oder erwarten Sie, dass wir mit Billigflug nach Wien das Kerosin aus den Tannennadeln oder den Fluglärm wegbringen? Ja, es tut weh, der teure Inter-City-Fahrschein sowie das Freinehmen zweier zusätzlicher Arbeitstage. Man kommt nicht drum herum.

Wassersammlung im Gewebe (Oedeme), Alpträume, vermehrte Schweißproduktion, Haarausfall und Potenzstörungen.

Das alles und mehr blüht Ihnen, wenn Sie medikamentös gegen Bluthochdruck angehen möchten. Apropos blühen: Klar ist der Rasen nicht mehr so teppichmäßig, wenn Sie auf das Giftsprühen verzichten und logisch sind die Tomaten nicht mehr so formvollendet wenn Sie die Insektenvernichtungsbombe im Keller stehen lassen.

Ohnmachtsanfälle, abnormale Ejakulation (z.B. Samenerguss in die Harnblase), langandauernde, schmerzhafte Erektion ohne sexuelle Stimulation.

Solche Überraschungen liefert ein Medikament gegen «gutartige Prostatavergrößerung». Da können wir nichts dagegen tun, Naturgesetz. Das Höhere, das Langfristige, das Wichtige eben zählt. Unser blauer Planet macht uns das schon lange vor. Artensterben, Eisschmelze, Überschwemmungen, Ozonlöcher, übersäuerte Böden, Plastik im Meer und in den Hälsen von Walen, Verlehmung der Wiesenerde, Geschwüre und Verunstaltungen nach Supergaus, verstopfte Kläranlagen durch Zigarettenkippen, geschlechtslose Forellen wegen der Antibabypille, Volksaufstände mit dazugehören- den Massakern und Foltertechniken, ausgefischte Meere, sterbende Ameisen dank Laubbläser, fades Getreide durch Monokultur, Zugsverspätungen durch Suizide nach Karrieredruck mit Burnout etc.

Nebenwirkungen, alles Nebenwirkungen für eine größere Sache! Kollateralschäden für ein hehres Ziel der Erde: die Beseitigung eines Störfaktors. Nur Geduld, bald hat sie es geschafft…

Laut Beipackzettel eines Medikamentes gegen Harninkontinenz bei Tieren, hier noch eine weitere Nebenwirkung: Fehlende Fresslust.
 Kann das vielleicht … auch Menschen verabreicht werden?