„Wir sind das Original“

Hotelier und Präsident des schweizerischen Hotelverbands, Andreas Züllig, ist ein gefragter Mann. Wir wollten von ihm wissen, welche Baustellen ihn beschäftigen und wo er mit seiner Frau Claudia noch ein Hotel übernehmen würde.

Urs Heinz Aerni: Sie stehen oft vor Kameras und Mikrophonen als Vertreter der Schweizer Hotelbranche. Was wollen die Medien so am meisten von Ihnen wissen?

Andreas Züllig: Nach dem 15. Januar 2015 mit dem Euroschock und den darauffolgenden Rückgängen bei den Logiernächten war das bis letztes Jahr natürlich immer wieder das Hauptthema. Warum sinken in gewissen Regionen wie Graubünden und Tessin die Logiernächte so stark? Sind wir in der Schweizer Hotellerie nicht mehr konkurrenzfähig? Und was sind die Maßnahmen, die der Branchenverband unternimmt?

Aerni: Es scheint, dass nach der Stabilisierung des Euro-Franken-Verhältnisses sich auch die Gemüter in der Tourismus-Szene etwas beruhigt hätten. Und doch, die Konkurrenz im Schwarzwald, Bayern oder in Österreich und Südtirol schläft nicht. Wo gilt es in der Schweiz aufzuholen und welche schweizeigenen Stärken müssten gepflegt werden?

Züllig: Im Moment sind die drei W’s Wetter, Wirtschaft und Währung mehr oder weniger positiv. Das ist gut so. Die Herausforderungen waren die letzten Jahre auch sehr unterschiedlich. Die Städte wie Zürich und Basel sind seit Jahren ungebrochen auf Wachstumskurs. Mehr Probleme haben die Berg- und Ferienregionen. Hier sind aber auch strukturelle Defizite für die Situation verantwortlich. Diese Herausforderungen haben übrigens auch die von Ihnen genannten Regionen. Aus Schweizer Sicht wird das eigene Land eher zu kritisch und das nahe Ausland eher zu positiv wahrgenommen.

Aerni: Aber wir haben sie, die hiesigen Stärken…

Züllgi: Unsere Stärken sind sicherlich die lange Tradition im Tourismus. Regionen wie zum Beispiel das Engadin mit Zeitzeugen aus der Gründerzeit des Tourismus kann man in dieser Dichte nur bei uns authentisch erleben. Wir sind das Original. Und wer das erleben und spüren will kann das in dieser Form nur in der Schweiz. Ich glaube das ist eines unserer Stärken. Zusätzlich haben wir sehr gut ausgebildete Fachkräfte, eine hohe Zuverlässigkeit und sehr hohe Qualitätsansprüche. Denken Sie zum Beispiel an das hervorragend ausgebaute Netz öffentlicher Verkehrsmittel. Schon ein paar Kilometer Luftlinie entfernt von uns in Italien kann man sich auf den Fahrplan nicht hundertprozentig verlassen.

Aerni: Und unsere Baustellen?

Züllig: Aufholpotential haben wir sicherlich im Bereich Kooperationen auf allen Stufen. Hier kommt uns leider unser föderales System nicht sehr entgegen. Jede Region und jeder Ort hat das Gefühl alles selber zu machen und zu entwickeln. Das wird in der zunehmend digitalen Welt so nicht mehr funktionieren.

Aerni: Wie sieht das eigentlich innerhalb des Landes aus, in Sachen Wettbewerb zwischen Regionen wie Wallis, Berner Oberland, Zentralschweiz und das Graubünden? Wie nehmen Sie in Ihrer Funktion diesen wahr?

Züllig: Wie schon angetönt fehlt mir hier das vernetzte Denken aus Sicht des Gastes. Nehmen sie das Beispiel eines Bikers, der sich in einem Raum bewegt ohne Orts-, Regionen- oder Kantonsgrenzen. Sie können doch nicht erwarten, dass dieser an jedem Ort ein App aufs Handy lädt nur um die richtige Route zu finden oder einen Tipp für ein schönes Bergrestaurant. Hier herrscht nach meinem Empfinden noch zu viel Kantönligeist. Es gibt Biker in Australien. Es gibt Biker in Hamburg und es gibt Biker in Olten. In dieser Community gibt es keine geografischen Grenzen.

Aerni: Was ist also zu unternehmen?

Züllig: Als Verband versuchen wir die geografischen Grenzen aufzulösen. Über Spezialisierung und Segmentierung versuchen wir die Branche für ein vernetztes Denken zu sensibilisieren. Wir zeigen auch anhand von gut funktionieren Beispielen wie es gehen könnte. Und welche Chance die Digitalisierung in Zukunft mit einer klaren Marktpositionierung haben kann. Umsetzen muss es der Unternehmer und Hotelier dann aber selber.

Aerni: Sie befinden sich in der zweiten Amtsperiode als Präsident des Verbandes hotelleriesuisse und führen mit Ihrer Frau und Team das Hotel Schweizerhof in Lenzerheide. Welche Erfahrungen als Gastgeber konnten Sie in die Verbandspolitik einbringen? Und welche vom Verband in den Alltag des Hoteliers?

Züllig: Es ist nach meiner Meinung wichtig tagtäglich mit den Herausforderungen der Branche konfrontiert zu sein. Diese Erfahrung kann ich in meiner täglichen Arbeit in der Öffentlichkeit und in der Politik einbringen. Ich rede also nicht nur theoretisch von den Herausforderungen der Hotellerie, sondern versuche diese auch im eigenen Betrieb zu meistern. Sei es der Fachkräftemangel, die hohe Regulierungsdichte oder eben das veränderte Reiseverhalten durch die Digitalisierung. Als Verbandspräsident muss ich mich natürlich mit verschiedenen Dossiers aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft auseinandersetzen. Entsprechend erhalte ich natürlich Informationen sehr früh und kann mich zum Teil im Betrieb schon darauf vorbereiten.

Aerni: Sie sind selbst auch gerne und oft auf Reisen. In welche Atmosphäre möchten Sie gerne beim Betreten eines Hotels als Gast landen?

Züllig: Das ist sehr unterschiedlich und hängt sehr stark mit dem Ort zusammen, in den wir reisen. In Mallorca zum Beispiel schätzen wir eine umgebaute Finca direkt am Meer. In Berlin bevorzugen wir eher in hippes Designhotel.

Aerni: Gibt es doch etwas, was generell ein gutes Hotel auszeichnet?

Züllig: Ja, was überall stimmen muss, ist die Liebe zum Detail. Sei es bei der Auswahl der Materialen bei der Einrichtung, oder welche speziellen Restaurantangebote vorhanden sind. Wir wollen uns vor allem Inspirieren und Begeistern lassen. Dazu suchen wir natürlich spezielle Hotels an speziellen Orten mit kreativen Konzepten. Und solche gibt es viele, im Ausland, aber auch in der Schweiz.

Aerni:  Wenn Sie wieder zusammen mit Ihrer Frau Claudia, ein neues Hotel übernehmen würden, wo müsste es stehen?

Züllig: Einen weiteren Standort mit dem Schweizerhof-Geist könnten wir uns sehr gut im Tessin vorstellen. Nach unserer Meinung wäre das eine optimale Ergänzung. Auch im Tessin kann man den touristischen Pioniergeist aus den 50er und 60er Jahre auf moderne und zeitgemässe Art wiederaufleben lassen. Eine Zeit in der das Tessin ein Sehnsuchtsort war.

 

INFO

Andreas Zülligs Karriere begann als Koch, dann absolvierte er in Lausanne die Hotelfachschule und übernahm mit seiner Frau Claudia vor über 26 Jahren das Viersterne-Hotel Schweizerhof in Lenzerheide. Das Präsidium des Hotelverbandes hoteliersuisse hat er seit 2015 inne.

Das Interview ist auch im Berliner Magazin Berglink erschienen.

 

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Idee für Graubünden?

„Ich beneide Sie!“, sagte mir der Herr am Nachbartisch in einem Hotel irgendwo in Deutschland. Immer wenn ich auf die Frage nach meinen Wohnorten „Lenzerheide“ oder einfach „Graubünden“ nenne, dann beginnen die Augen zu glänzen und man rückt mit den Stühlen näher an mich heran, um noch mehr Fragen zu stellen.

Was macht denn Graubünden so aus, frage ich gerne auf meinen beruflichen Trips im großen Kanton. Immer wieder erstaunlich, was da zurück hallt: Herrliche Bergwelt, der Nationalpark, die weiten Täler, der Dialekt, das Licht, die Seen, die Nähe zu Kühen und sonstigem lieben Vieh, die Wiesen, die glitzernden Flüsse und so fort und so weiter.

OK, OK, meine ich dann jeweils, und was findet Ihr sonst noch so toll? Echt cool sei die Absage an die Olympischen Spiele: „Tut Euch das bloß nicht an, die zocken doch nur ab und hinterlassen Bausünden, die keiner mehr braucht.“ heißt es dann.

Ich hake nach: „Und wo macht Ihr denn so Urlaub?“

Diese Frage lässt die Stühle wieder etwas von mir weg rücken und die begeisterten Blicke verwandeln sich in Verlegenheitsgesten. Die Hotels seien ja schon klasse, die Freundlichkeit legte ja auch enorm zu und weit sei es ja schon nicht aber … diese Preise. Und wenn Bayern und Österreich oder das Südtirol nicht so gleich in der Nachbarschaft lägen…

Fazit: Graubünden genießt einen fantastischen Ruf in Deutschland, der aber wenn es um Geld geht, ziemlich schnell pulverisiert wird. In Zürich lud vor kurzem ein nordisches Möbelhaus zur einer „Ideenmesse“ ein. Ich glaube, ich gehe mal hin und frage, ob die helfen, wie wir Graubünden neu erfinden könnten. Oder hätten Sie eine Idee?

 

Der passende Buchtipp: „Schnee, Sonne und Stars – Wie der Wintertourismus von St. Moritz aus die Alpen erobert hat“ von Michael Lütscher, Verlag NZZ Libro, ISBN 9783038100409