Der Karl

Mit dem Versuch, einer von ihnen zu sein, setze ich mich mit einer Bierdose auf eine Holzbank, an einem Platz in einer Stadt in unserem Land. Es ist ein Platz, auf dem am Samstag der Gemüse- und Blumenmarkt die jungen Familien aus den besseren Wohnvierteln zum Bio-Einkauf anlockt. Noch immer herrscht Lockdown, zwar mit offenen Läden aber noch mit geschlossenen Kneipen. In Zeiten zuvor setzte ich mich nach getaner Schreibarbeit gerne mit meiner Lieblingszeitung zu einem Feierabendbier an den Tresen der Bar meines Vertrauens, oft in Gesprächen mit Menschen, die hier mehr als ihre Freizeit verbringen.

Dieses Refugium beim Rosi im «Sternen» oder bei der Martha im «Löwen» wurde ihnen auf amtlichem Wege genommen. Ich kann gut damit leben, mit meiner Liebsten in unserer schönen Wohnung mit vielen Büchern und einem Garten. Aber was ist mit ihnen? Den Sololebenden, die nach Werkstatt und Baustelle, ihrem Alltag durch Hocken an der Bar und sicher mit genug Bier ein Schnippchen schlagen wollen? Was tun die jetzt? Ein Teil von ihnen finden sich hier, auf diesem erwähnten Platz. Mit Dosen bewehrt, besetzen sie die Bänke und Betonmäuerchen rund herum. Ich sitze als Fremder unter ihnen, werde aber mit «Servus» gegrüßt. Sie geben sich freundschaftlich die Ellbogen oder die Fäuste. Diese Formulierung wäre vor Corona wohl anders verstanden worden.

Das Leben in der Kneipe, Beiz oder Beisl (je nach Land) wurde trotz Wind und Wetter auf diesen Platz verlegt, hoffend, die Gefühls-Oase in dieser sich selbstoptimierenden Gesellschaft ersetzen zu können. Ich stehe auf und gehe zum Bus. Mit mir steigt ein alter Mann mit zerzaustem Haar und Maske unter der Nase ein. «Wir haben uns doch grad gesehen…»

«Ja, drüben auf dem Platz»

Er setzt sich hin, schaut mich an.

Ich erfahre von ihm, dass er alt ist, alleinstehend, und zwei Wochen in der Intensivstation lag, wegen Corona. Er drückt den Knopf, lächelt und sagt Tschüss beim Aussteigen.

Laut ist der Protest der Wirtschaft gegen die Corona-Maßnahmen, laut die Nöte der Kulturschaffenden und des Medizinpersonals, doch wer denkt an ihn, den Karl oder Rudi ohne «Sternen» und «Löwen»?

Urs Heinz Aerni

Erschienen in der Zeitung BÜNDNER WOCHE