„Ich brauche Abstecher“

Stefanie Kunckler präsentiert mit Ymonos eine neue CD und gibt im Interview Auskunft über ihre Musik und ihr Verhältnis zu Zürich. Interview: Urs Heinz Aerni

Ymonos besteht aus vier Herren und Ihnen als Frau am Bass. Wie haben Sie eigentlich dieses Instrument entdeckt?

Stefanie Kunckler: Schon von klein auf wurde ich von meinem Vater an Jazzkonzerte mitgenommen. Er selbst spielte Klavier und hatte ein Trio mit Kontrabass und Schlagzeug. Es war also nicht überraschend, dass ich den Bass später für mich entdeck- te. Dass ich eine Frau bin, darüber habe ich in diesem Zusammenhang nicht nachgedacht.

«Le jour avec les yeux fermés» lautet die neue CD. Lässt sich mit geschlossenen Augen auch besser spielen?

Ja, sofern man dabei keine Noten lesen soll . . . Natürlich kann ich das nur für mich beantworten. Ich beobachte aber schon bei vielen, dass sie die Augen schließen. Der Zugang zum Inneren erscheint auch mir auf diese Weise besser sichtbar.

Melancholie und Poesie sind zwei Begriffe, die zu Ihrer Musik passen. Oder gäbe es noch bessere?

Melancholie trifft es sehr schön. Sie hat für mich viel mit Beseeltheit zu tun, man ist von etwas erfüllt, vielleicht Sehnsucht, Zuneigung, Frust, Elan oder anderes. Mit Melancholie verbinde ich auch nachdenklich sein, vielleicht anhalten und um mich blicken, beobachten, vielleicht die Richtung ändern. Die Musik, welche ich für dieses Ensemble schreibe, drückt diese Bewegungen im musikalischen Sinne aus.

Sie komponieren Ihre Stücke selber. Entstehen die beim Spielen mit Ihren Kollegen, notieren Sie zuerst Noten oder sin- gen Sie sich da auch ein, beim Spazieren oder so?

Haha, singen tue ich für mich am Bass tatsächlich oft, ich weiss nicht, ob das meine Bandkollegen auch machen. Damit ich heute Musik schreiben kann wie für Ymonos, musste ich erst einmal viel Gelerntes aus dem Studium wieder loswerden. Dazu stand ich fast täglich an den Bass, drückte Record und spielte drauflos, oft sang ich dazu. Nach einiger Zeit zeichnete sich in den Auf- nahmen ein Stil, eine Richtung ab, welche ich seither verfolge. In die Proben bringe ich dann fertige Noten mit. Wer welchen Part übernimmt und ob das Ganze überhaupt etwas taugt, das probieren wir dann gemeinsam aus. Vielleicht sollten wir das beim nächsten Mal zuerst singen.

Sie leben in Zürich, Ihre CD präsentieren Sie hier in Zürich-West. Wie erleben Sie den Wandel der Stadt?

Aus musikalischer Sicht schätze ich vor allem die Vielfalt. Wer die erleben will, muss aber schon etwas graben. Es gibt kleine, unscheinbare Orte, an denen wie aus dem Nichts Großes stattfinden kann. In bekannteren Veranstaltungsorten herrscht hingegen je länger, je mehr eine aufgedrückte Stimmung. Vielleicht ist genau dies eine Entwicklung, die den «Untergrund» antreibt, wo Vielfalt wächst und «Echtes» gehört werden will.

Ist Zürich eine Stadt der Muse? Oder braucht es halt doch Abstecher in andere Orte?

Nun, als Landei – im Aargau aufgewachsen – bin ich sehr froh über Zürich und besonders Zürich-West! Hier kann ich mich frei bewegen und schon mal singend durchs Quartier oder über den Friedhof Sihlfeld spa- zieren. Aber auch die Abstecher brauche ich. Diese relativieren meine Wahrnehmung und befreien die Seele und – vor allem – das Ohr.

Besuchen Sie die Website von Stefanie Kunckler hier…

Das Interview erschien zuerst in der Zeitung Zürich West

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