Impf statt Schimpf

Die journalistische Gattung «Kolumne» stammt aus dem 18. Jahrhundert und schwappte später von der britischen Pressekultur auf den ganzen Kontinenten über. In der Kolumne schreibt regelmäßig eine Autorin oder ein Autor über Beobachtungen, Einschätzungen und Schlussfolgerungen aus dem Leben des Alltags. Das kann von einer seltsamen Begegnung im Bus sein oder beim Anstehen im Bio-Laden. Das Weltgeschehen greift oft mehr als erwünscht in unseren kleinen Alltag ein. Als ein öffentlich Publizierender werde ich logischerweise auch und immer wieder mit der Frage konfrontiert, wie ich es denn mit dem Impfen habe. Deshalb hier und einmalig meine Erklärung, warum ich mich impfen ließ und wieder lassen werde:

  1. Nach eingehender Recherche bin ich zum Schluss gekommen, dass alle zugelassenen Impfstoffe die üblichen und notwendigen Forschungsstufen und Qualitätskontrollen bestanden haben und den bestmöglichen Schutz bieten.
  2. In einer Gesellschaft tragen wir die Verantwortung, dass Mitmenschen bei schweren Erkrankungen oder Unfällen die bestmögliche medizinische und therapeutische Hilfe erhalten. Dies kann –natürlich mit Ausnahmen – durch eine Impfung besser gewährleistet werden.
  3. Auch wenn aus biologischer oder evolutionstechnischer Hinsicht über den Zweck des Impfens gerne weiter diskutiert werden darf, beginnt in einem demokratischen Rechtsstaat mit all seinen Mängeln irgendwann das Vertrauen. Ich schenke den Expertinnen und Experten in Wissenschaft und Medizin das Vertrauen in ihre Arbeit und auch den Verantwortlichen in den Behörden und der Verwaltung, in der Überzeugung, dass sie versuchen, den menschenmöglich besten Job zu machen. Ansonsten müsste ich bei jedem Koch in den Topf oder der Lokführerin über die Schulter schauen.

So, nun freue ich mich wieder auf die großen Geschichten aus unserem kleinen Alltag für die nächste Kolumne.

Urs Heinz Aerni

Diese Kolumne erschien in der Zeitung BÜNDNER WOCHE

Falscher Job?

Der Zürcher Gemeinderat Samuel Balsiger (dessen Partei hier nicht genannt wird, in der Hoffnung, dass sie nicht auch so denkt) meinte in einer Kolumne im Tagblatt der Stadt Zürich, dass die «Klimahysterie eine postreligiöse Form» angenommen habe, dass bei den Rechenmodellen «unzählige Interessen» einflößen, dass es fraglich sei, ob die Klimaveränderung menschengemacht sei, und legte die Verantwortung für den Fortschritt auf die Schultern der Wissenschaft, Forschung und Industrie, nicht der Politik.

Noch nie in der Erdgeschichte wurden so viel fossile Ressourcen aus dem Boden geholt und verbrannt wie während der industriellen Epoche der Menschheit. Kein Lebewesen sonst verbaute in dieser kurzen Zeit solche Dimensionen an natürlichem Boden. Noch nie in der Geschichte schrumpfte die Artenvielfalt in so kurzer Zeit wie seit dem 20. Jahrhundert. Und wir wissen, ohne Artenvielfalt erodiert die Kraft unserer Lebensgrundlage, die Natur. Seit Jahrhunderten nutzte der Mensch die Natur als Lieferant, und wenn nun ein Zeitalter eingeläutet wird, in dem man sich ihrer erinnert und sorgt, liest man im Kommentar des genannten Politiker, dass es sich hier um «Ideologie» handle.

Die Wissenschaft beweist den Artenverluste in Rekordgeschwindigkeit. Forschung und Bildung verdienten Unterstützung, um für eine künftige Lebensqualität in der bestmöglich intakten Umwelt zu sorgen. Und Industrie und Wirtschaft müssten einsehen, dass nicht Maximalrendite das Ziel sein sollte, sondern eine langfristige Existenz. Damit das alles im Interesse der Bürger auch geschieht, braucht es eine Übersicht und Verwaltung. In diese Verwaltung werden Politiker gewählt. Und wenn ein Politiker erklärt, dass dies nicht seine Aufgabe sei, dann hat er den falschen Job und müsste ersetzt werden.

Urs Heinz Aerni

 

Der passende Buchtipp: „Schweizer Staatskunde“ von Ueli Leuthold und Jilline Bornhand, Compendio Bildungsmedien, ISBN 978-3-7155-7757-9

Brauchen wir Helden?

 

Der Gang zum Kiosk war für mich als Kind jeweils ein Ritual mit großer Vorfreude. Ich guckte hoch zur Dame, der Königin der vielen Comicshefte um sie herum. Sie reichte mir feierlich entweder Bessy, Asterix, Superman oder das Zack mit Leutnant Bluberry und Michel Vaillant. Sie retteten uns kleinen Jungs damals nicht nur die Welt, sondern auch den verregneten Mittwochnachmittag.

Helden brauchen wir dann, wenn wir überfordert, verzweifelt und hoffnungslos sind. Helden werden durch Elend und Not geboren oder produziert. Wann braucht es sie nicht? Wenn Machtlosigkeit durch Wissen, Eigenverantwortlichkeit, Kreativität, Mut, Aktivität und Courage verhindert oder umgangen werden kann. Seit der Aufklärung schienen die Chancen gegeben zu sein, von Theokratien und Monarchien abzurücken um sich der Demokratie hin zu entwickeln. Es war Zeit, jedem Einzelnen mehr Verantwortung und Mitspracherecht zu übergeben. Nach dem Wahn von Diktatoren, die zu Weltkriegen, Arbeitslagern und Hirnwäsche führte, schimmerte am Horizont die Hoffnung auf Vernunft und Differenzierung. Was passiert nun?

In der Türkei hieven die Massen einen Machtbesessenen in den Palast, der iliegalerweise in einem Naturschutzgebiet steht. In den USA wird ein polternder Selbstdarsteller ins Weiße Haus gewählt. In Italien glaubten viele das, was ein Macho durch seine eigenen Sender plärrte. In Russland wird nach dem Zarenterror einen neuen Zaren mit Krawatte verehrt. In Deutschland bringt es ein Mann fertig, mit lauten Reden, die Wähler in Rage zu bringen obwohl sein Programm aus dem besteht, was andere schon versprechen. In der Schweiz verlernt man hoffentlich nicht das Zuhören, Abwägen und das Entscheiden im Interesse für Mensch und seine Umwelt. Wenn doch, dann kaufe ich mir am Kiosk meinen Superman.

 

Der Beitrag erschien auch in der Zeitung Bündner Woche