Willkommen in was für einem Land?

Im November kommt der Film von Marc Tschudin „Welcome to Zwitscherland“ in die Schweizer Kinos, eine Art Hommage an ein Land samt seinen gefiederten Mitbewohnern, aber nicht ohne Fragezeichen.

Der Journalist, Filmer und Biologe widmete die letzten drei Jahre einem cineastischen Projekt, das den Alpenstaat mitten in Europa als Porträt einzukreisen versucht. Dies tut er aus der Sicht einer Existensebene, die oft übersehen oder überhört wird, aus der Sicht der Vögel. Tschudin verblüfft mit einer Ästhetik der Bilder, die er oft mit liebevoller Ironie auf die Schweiz mit all seiner Schönheit fokussiert, die allerdings anfällig geworden zu sein scheint.

Eine Geschichte zwischen Ankommen und Abschied

Ist die Schweiz eventuell eine Idee, die gewahrt und weiterentwickelt werden muss? Der Rahmen dieses erzählenden Dokumentarfilms ist eine familienbedingte Rückkehr in die alte Heimat mit einer Überraschung im Haus des Vorfahren, die eine ungewöhnliche Tour de Suisse nach sich zieht, bevor es wieder heißt, Abschied nehmen zu müssen. Aber mit einer neuen Beziehung zu dem Land, aus dem man herkommt.

Die Bandbreite der Vielfalt in Kultur und Natur sei in diesem kleinen Land zwischen großen Staaten immens, davon ist Marc Tschudin überzeugt. Und das visualisiert er in seinem ersten abendfüllenden Film. Szenen mit brütenden Feldlerchen, alles niederwalzenden Kampfpanzern, auf Wellen schaukelnden Reiherenten, tanzenden Menschenmengen, singendem Girlitz und glockenschweren Alpaufzügen veranschaulichen wie Gegensätze aufeinanderprallen oder auch Parallelwelten, die möglich sind, zwischen dem Genfer- und Bodensee, zwischen dem Rhein und dem Ticino oder zwischen dem Jura und dem Engadin.

Geduld mit dem Unberechenbaren

Die Idee zu diesem Projekt entstand während der Arbeiten zum Ausstellungsfilm für die Schweizerische Vogelwarte Sempach. Die Identität eines Landes im Kontext der vielfältigen aber verletzlichen Natur- und Vogelwelt in der Art eines Filmes zu formulieren, trieb Marc Tschudin an, die vielen Orte aufzusuchen, die das ermöglichen. Zu den Herausforderungen hätten nicht nur die Geduld mit der Unberechenbarkeit der Vögel und des Wetters gehört, sondern auch gute Nerven bei der Bewältigung der Administration bei Anfragen und Bewilligungen.

Der Forscher und seine Fragen

Der gebürtige Basler wollte einst Archäologe oder aber Biologe werden; von Expeditionen in abgelegene Wüsten und Urwäldern hatte er geträumt. Er entschied sich für das Biologie-Studium, das ihn schlussendlich in die Welt der Medien führte, vom Printjournalismus über die Fotografie zum Film. Das Besondere, das Irritierende oder gar das Abgründige wollte er entdecken, was er nicht nur in der Welt des Menschen fand, sondern auch in der Naturwissenschaft. Theorien unterschiedlichster Disziplinen, die Suche nach Zusammenhängen und die Hinterfragung unserer Zivilisation und ihrem Verhältnis zur Um- und Mitwelt ließen ihn privat und beruflich nie in Ruhe. Nach Jahren als Dokumentarfilmer und Dozent bei SRF realisierte Marc Tschudin seinen ersten großen Kinofilm über ein Thema, das ihn umtreibt und uns ebenso noch umtreiben wird.

„Welcome to Zwitscherland“ von Marc Tschudin: www.welcome-to-zwitscherland.ch

Und noch ein Tipp für humorige Büchermenschen, die auch zurück zur Natur möchten: „Zurück zur Natur mit Loriot“, Diogenes Verlag, ISBN 978-3-257-02144-8

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Luftige Migration

Oder wie es dem Menschen bald gelingen wird, auch den Zugvögeln Grenzen zu setzen

Elf Küken springen dreißig Meter tief aus dem Festungsloch eines Schlosses im schweizerischen Aargau. Vor zwei Tagen aus dem Ei gepellt und schon knallen sie auf dem Kiesboden auf, wie Tennisbälle. Der Bauer staunt, die Katze faucht und ein Straßenarbeiter dreht sich um. Die elf Gänsesäger-Küken richten sich piepsend auf und schauen zu, wie die Mutter vor ihnen landet. Nun watscheln alle Richtung Bach durch Gärten, Wiesen und über eine Hauptstraße. Sie überleben alle. Vor einem Jahr schaffte es fast keines, dafür wurden die Krähen satt.

Windmühlen gegen den Vogelzug

Es ist doch verrückt, dass Laub- und Rohrsänger tausende Kilometer hinter sich bringen, nur um hier Insekten zu fressen und die nächste Generation ins Nest zu setzen. Alles Wirtschaftsflüchtlinge, die ohne diese Reise nicht überleben könnten. Ein komplexes Atmungssystem, das eher einem Dudelsack gleicht, befähigt Vögel zu Höchstleistungen in dünner Luft, so dass auch mal ein Himalaya-Bergsteiger Gänse über sich hinweg ziehen sieht. Vögel, die Insekten fressen statt Beeren und Samen, müssen dahin, wo auch zwischen November und März das Richtige auf dem Speiseplan steht. Die Zivilisation scheint dieses Gewohnheitsrecht verhindern zu wollen: Strommasten fangen Störche ab, Windräder schlitzen Flussseeschwalben auf, Malteser schießen sich Feldlerchen in den Kochtopf und Alpensegler geraten in die Düsen von Flugzeugen.

Warum in die Ferne schweifen

Als ich diese Zeilen einem Biologen vorlas, meinte er, der Begriff „Reisen“ passe nicht zu den Vögeln, da damit eher Bildungsoder Erholungsreisen gemeint seien. Aber reisen wir nicht oft auch aus Widerwillen? Arbeitssuche, Verwandtenbesuche, Beerdigungen bis hin zur Flucht vor Unterdrückung, Hunger und Krieg. Das Reisen zur Erholung und Weiterbildung begann erst mit den Briten im ausgehenden 19. Jahrhundert.

Vögel haben Gründe für ihre Reisen – und die ändern sich. Rotmilane stellen fest – um es in uns vertraute Worte zu fassen –, dass der Schnee immer mehr ausbleibt und so die Sicht auf herumlaufende Mäuse offenlässt. Störche scheinen sich den Aufwand für ihre Reise an die Feder zu stecken, wenn die Sümpfe nicht mehr gefrieren und die Felder auch im tiefsten Winter alles bieten. Stare sind schon länger Pendler, die sich immer wieder relativ spontan für Norden und Süden entscheiden. Der Wandel des Klimas lässt also die Vögel nicht kalt, sie reagieren.

Was wird mit den Gästen aus dem Norden geschehen? Zu Tausenden bewohnen die Reiherenten Europas hiesige Seen im Winter und bieten nicht nur ein bezauberndes Bild, sondern halten die Wandermuschelbestände im Zaum. Die aus dem Norden kommenden Rotkehlchen ersetzen im winterlichen Wald den Gesang derjenigen, die gen Süden zogen. Im Frühling ist dann Schichtwechsel, dann, wenn die Nordischen wieder nach Hause ziehen und die Heimischen aus dem Süden kommen.

Aber auch der Ruf als Transitland für Zugvögel steht auf dem Spiel. Millionen von Bergfinken überziehen unsere Breitengrade und immer wieder schmücken einige Kraniche unsere Moorgebiete bei einer Rast auf ihrer langen Reise. Vögel mit Namen wie Sichelstrandläufer oder Mornellregenpfeifer verzücken Ornithologen, wenn sie als Durchzugsgäste zu sehen sind.

Ein paar Fakten zum Vogelzug

• Noch immer ist die Navigationstechnik der Zugvögel ein weites Forschungsfeld. Wie stark die topografischen Verhältnisse oder die Sternenkonstellation oder das Learning by Doing eine Rolle spielen, ist unklar und variiert je nach Art. Während die Jungtiere bei Störchen und Kranichen mit den Erwachsenen fliegen, muss der elternlose Kuckuck alleine den Weg in den Süden finden.

• Extreme Wetterverhältnisse können Vögel von der Flugroute abbringen, so kam auch schon mal aus Versehen ein Meisenwaldsänger aus Nordamerika in Westeuropa an.

• Sogenannte Kurzzieher wie die Haubenlerche fliegen nach Südeuropa oder Nordafrika, Langzieher wie den Berglaubsänger zieht es bis südlich der Sahara, Südafrika oder gar Südostasien. Vertikalzieher bleiben zwar im Land, aber überwintern eher in tieferen Lagen, so zum Beispiel der Mauerläufer.

• Stare bringen gerne auch mal Geräusche mit aus dem Süden. So kann es vorkommen, dass die nachahmungsfreudigen Vögel einen arabisch anmutenden Geräusche-Teppich hinter die blühenden Obstbäume im Thurgauer Hinterland legen.

Die Natur zieht sich in Reservate zurück

Der Mensch scheint alles daran zu setzen, dass Vögel nicht mehr ziehen können. Damit Vögel zwischen Skandinavien und Afrika oder Südostasien pausieren können, brauchen sie passende Orte – Seen, Feuchtgebiete, Moore, Flachgewässer, weite Brachlandschaften, Kies- und Sandbänke. Doch die Kulturlandschaft verwandelt sich zunehmend in ausgelaugte Felder für die Nahrungsmittel- und Biogasindustrie. Die Zersiedelung der Restlandschaft vernichtet grünes Land im Stundentakt. Die Gärten um die Häuschen und Wohnblocks sind ohne Naturwert: Monokultur in den Hecken, englischer Rasen, der den Boden verlehmen lässt statt Leben bringt, exotische Sträucher ohne Nutzen für Insekten und damit auch für Vögel. Der Artenvielfalt ist damit nicht gedient. Irgendwie scheint der Homo sapiens einen Instinkt zu haben, allen anderen auf dem noch blauen Planeten das Leben schwer zu machen. Gönnen wir doch den Zugvögeln die Reisefreiheit, die auch wir beanspruchen und lassen wir ihnen die Natur, die sie – und wir – so dringend brauchen!

Urs Heinz Aerni

Dieser Beitrag erschien im Magazin Zeitpunkt (Solothurn) und in der Zeitung MALMOE (Wien)

Es war wohl doch eine Rohrammer

Auf Einladung des Natur- und Vogelschutzvereins Höngg gingen wir im Nuoler Ried (Kanton Schwyz) auf die Pirsch.

Der Bahnhof Lachen SZ machte mit seiner kostenpflichten Toilette gleich etwas Umsatz, als rund 20 Vogelfreunde die S-Bahn aus Zürich verließen. In guter Laune ging es dann schnurstracks durch den mit seinen rund 8600 Einwohner zählenden Hauptortes des Schwyzer Bezirks March, hin zu den weiten Feldern, gesäumt vom Auenwäldchen, Seeanstoß und Bächen.

Alle waren sich bewusst, dass Mitte September vogeltechnisch es sich etwas ruhiger angehen ließ als im Frühling, doch wie sagte ein Teilnehmer: «Wer den Sperling nicht ehrt, ist des Bartgeiers nicht wert». Mit der Wertschätzung jeder Vogelart gegenüber wurde die Gruppe doch erfreulich überrascht. Zuerst zuckten mal alle ihr Fernglas und Spektiv und zoomten an weidenden Kühen und acht Graureihern vorbei auf ein Feld, auf dem rund 150 Große Brachvögel genauso weideten, wie die Milchlieferanten nebenan. Zusammen mit etwa 20 Staren. Ihre für Limikolen typischen Rufe ließen die Vogelkundlergemeinde sich an der Nordsee wähnen.

Sportflieger und ein alpiner Überraschungsgast

Kaum empfahl Rossano vom Leitungsteam, dass man bei neuen Sichtungen rufen soll, wendeten sich alle auf Empfehlung um und bestaunten durch die Linsen Teichhuhn-Familien, Zwergtaucher Löffelenten und Schnatterenten nebst den altbekannten Tauchern und den nicht mehr so schicken Stockenten.

Der Betrieb des kleinen Sportflugplatzes und fahrradfahrende Wochenendsportler schienen die Rabenkrähen mitnichten nervös zu machen aber nicht nur diese. Die Gruppe blieb stehen, weil ein Vordermann lange ins Spektiv blickte und empfahl: «Schaut mal da vorne, in der Wiese vor der Silberweide!» In der Tat, eine Familie Bachstelzen mit Teenies neben einer Schafstelze boten ein nettes Bild, doch er meinte den einsamen, nach Insekten rennenden Steinschmätzer.

Es war eine gute Entscheidung des Leitungsteam vom NV Höngg, diese Exkursion trotz Sturmwarnung von Meteo Suisse nicht zu canceln. Das Septemberlicht, der warme Wind genossen sichtlich alle, so auch direkt vorne am Zürichsee, der meerähnlich vor sich hinbrandete.

Diskustieren und Bestimmen

Was solche Exkursionen auszeichnen, ist der Austausch, ja gar die Debatte, die es vor allem bei zwei Sichtungen gab. Die eine betraf die Frage ob es eine Sumpf- oder Weidenmeise war, die andere über eine mögliche Gold- oder Rohrammer. Es obsiegten die Sumpfmeise und der Rohrammer, gerne immer noch als Rohrspatz im Volksmund genannt aber niemand wusste spontan, woher die Redewendung «Schimpfen wie ein Rohrspatz» kommt.

Recherchen des Verfassers ergab die Erklärung, dass das «oft sehr ausdauernde Singen» in früheren Zeiten oft zu hören war und mit dem Schimpfen über Gott und die Welt am Stammtisch verglichen wurde. Aber eben, damals gab es ihn noch überall, den Rohrammer.

Welche Vögel sonst noch entdeckt wurden, kann auf ornitho.ch gut nachgelesen werden. Eines machte es wieder deutlich: ein in der Natur verbrachter Tag ist ein guter Tag, erst recht, mit Menschen zusammen, die es noch verstehen, diese immer fragiler werdende Umwelt zu bewundern.

Mit Dank an das Exkursions-Team Esther Juzi und Rossano Stefanelli vom Natur- und Vogelschutzverein Höngg

24. September 2018: Urs Heinz Aerni Zürich (Text), Rossano Stefanelli (Fotos)

Wo sind sie geblieben, die Vögel im Garten?

Gerade kürzlich sprach mich eine Leserin an, mit der Frage, wo denn die Vögel blieben. Gemeint sind die Buch- und Grünfinken, die Amseln, die Drosseln, der Gimpel und all die Meisen an der Futterstelle im Garten. In diesem Winter liefe gar nichts, meinte sie, sonst hätten sie immer viel Geflatter und Leben vor dem Wohnzimmerfenster. In der Tat, es scheint heuer stiller zu sein an den Futterplätzen. Nun, als Hobbyornithologe ging ich der Sache nach und unter anderem fragte eine Expertin der Vogelwarte Sempach.

Buchnüsschen, Tannenzapfsamen und Beeren waren im Herbst überdurchschnittlich zahlreich. Die Buchen trugen außerordentlich reich, „so reich wie seit rund 30 Jahren nicht mehr“, heißt es von der Vogelwarte. Diese Nüsschen seien für zahlreiche Vogelarten eine gute und energiereiche Nahrung und das führte dazu, dass die Vögel diesen reich gedeckten Futtertisch in den Wäldern mehr nutzten als die Körnchen an den Futterplätzen in den Dörfern. Der Überfluss an Wildfrüchten seien ein Resultat des milden und trockenen Herbstes. Lange lag auch in höheren Lagen kein Schnee und so war die Nahrung überdurchschnittlich sehr gut verfügbar – „die Vögel hatten schlicht keinen Grund, ans Futterhaus zu kommen“ laut Vreni Mattmann von der Vogelwarte. Der Schnee ist im Unterland längstens wieder weg und die Januarkälte alleine mache den hier überwinterten Vögel nichts aus, solange sie Nahrung fänden. Erst eine über mehrere Tage geschlossene und hohe Schneedecke auch in den Wäldern führe dazu, dass Vögel dann auf der Suche nach Nahrung herumstreifen und die Siedlungen aufsuchen.

Aber lassen Sie Ihr Futterhäuschen noch etwas hängen oder stehen, man weiß nie, ob noch der große Schnee kommen wird.

Der passende Buchtipp: „Vögel füttern – aber richtig“ von Peter Berthold und Gabriele Mohr, Kosmos Verlag, 978-3-440-13178-7

Die Migranten der Lüfte

Selbst den Zugvögeln setzt der Mensch Grenzen

Der Sprung ist vielleicht ihre grösste Reise. Elf Küken springen dreissig Meter tief aus dem Festungsloch eines Schlosses im Aargau. Vor zwei Tagen aus dem Ei gepellt und schon knallen sie auf dem Kiesboden auf, wie Tennisbälle. Der Bauer staunt, die Katze faucht und ein Strassenarbeiter dreht sich um. Die Küken richten sich piepsend auf und schauen zu, wie die Mutter der elf jungen Gänsesäger vor ihnen landet. Nun watscheln alle Richtung Bach durch Gärten, Wiesen und über eine Hauptstrasse. Sie überleben alle. Vor einem Jahr schaffte es fast keiner, dafür wurden die Krähen satt. Warum nur müssen diese Wasservögel da zuoberst im Schloss nisten? Das wissen nur allfällige Götter und ein paar Wissenschaftler.

 

Windmühlen gegen den Vogelzug?

Es fehlt hier an Platz, zu beschreiben, wie Zweig- und Rohrsänger tausende Kilometer hinter sich bringen, nur um hier Insekten zu fressen und die nächste Generation ins Nest zu setzen. Alles Wirtschaftsflüchtlinge, die ohne diese Reise nicht überleben könnten. Ein komplexes Atmungssystem, das eher einem Dudelsack gleicht, befähigt Vögel zu Höchstleistungen in dünner Luft, so dass auch mal ein Himalaya-Bergsteiger Gänse über sich hinweg ziehen sieht. Vögel, die Insekten fressen statt Beeren und Samen, müssen dahin, wo auch zwischen November und März das Richtige auf dem Speiseplan steht. Die Zivilisation scheint dieses Gewohnheitsrecht verhindern zu wollen: Strommasten fangen Störche ab, Windräder schlitzen Flussseeschwalben auf, Malteser schiessen sich Feldlerchen in den Kochtopf und Alpensegler geraten in die Düsen von Flugzeugen.

 

Warum in die Ferne schweifen…

Als ich diese Zeilen einem Biologen vorlas, meinte er, der Begriff «Reisen» passe nicht zu den Vögeln, da damit eher Bildungs- oder Erholungsreisen gemeint seien. Aber reisen wir nicht oft auch aus Widerwillen? Arbeitssuche, Verwandtenbesuche, Beerdigungen bis hin zur Flucht vor Unterdrückung, Hunger und Krieg. Das Reisen zur Erholung und Weiterbildung begann erst mit den Briten im ausgehenden 19. Jahrhundert.

Vögel haben Gründe für ihre Reisen – und die ändern sich. Rotmilane stellen fest – um es in uns vertraute Worte zu fassen – dass der Schnee immer mehr ausbleibt und so die Sicht auf herumlaufende Mäuse offen lässt. Störche scheinen sich den Aufwand für ihre Reise an die Feder zu stecken, wenn die Sümpfe nicht mehr gefrieren und die Felder auch im tiefsten Winter alles bieten. Stare sind schon länger Pendler, die sich immer wieder relativ spontan für Norden und Süden entscheiden. Der Wandel des Klimas lässt also die Vögel nicht kalt, sie reagieren.

Was wird mit den Gästen aus dem Norden geschehen? Zu Tausenden bewohnen Reiherenten aus dem Norden Europas die hiesigen Seen im Winter und bieten nicht nur ein bezauberndes Bild, sondern halten die Wandermuschelbestände im Zaum. Die aus Norden kommenden Rotkehlchen ersetzen im winterlichen Wald den Gesang derjenigen, die gen Süden zogen. Im Frühling ist dann Schichtwechsel, dann, wenn die Nordischen wieder nach Hause ziehen und die Heimischen aus dem Süden kommen.

Aber auch der Ruf als Transitland für Zugvögel steht auf dem Spiel. Millionen von Bergfinken überziehen unser Land und immer wieder schmücken einige Kraniche unsere Moorgebiet bei einer Rast auf ihrer langen Reise. Vögel mit Namen wie Sichelstrandläufer oder Mornellregenpfeifer verzücken Ornithologen, wenn sie als Durchzugsgäste zu sehen sind.

 

Die Natur zieht sich in Reservate zurück

Aber der Mensch scheint alles daran zu setzen, dass Vögel nicht mehr ziehen können. Damit Vögel zwischen Skandinavien und Afrika oder Südostasien pausieren können, brauchen sie passende Orte – Seen, Feuchtgebiete, Moore, Flachgewässer, weite Brachlandschaften, Kies- und Sandbänke.

Doch die Kulturlandschaft verwandelt sich zunehmend in ausgelaugte Felder für die Massenproduktion der Nahrungsmittel- und Biogasindustrie. Die Zersiedelung der Restlandschaft um die Dörfer vernichtet grünes Land im Stundentakt. Die Gärten um die Häuschen und Wohnblocks sind ohne Naturwert: Monokultur in den Hecken, englischer Rasen, der den Boden verlehmen lässt statt Leben bringt, exotische Sträucher ohne Nutzen für Insekten und damit auch für Vögel. Der Artenvielfalt istdamit nicht gedient. Irgendwie scheint der Homo sapiens ein Instinkt zu haben, allen anderen auf dem noch blauen Planeten das Leben schwer zu machen. Gönnen wir doch den Zugvögeln die Reisefreiheit, die auch wir beanspruchen und lassen wir ihnen die Natur, die sie – und wir – so dringend brauchen!

 

 

Ein paar Fakten zum Vogelzug:

  • Noch immer ist die Navigationstechnik der Zugvögel ein weites Forschungsfeld. Wie stark die topografischen Verhältnisse oder die Sternekonstellation oder das Learning by Doing eine Rolle spielen, ist je nach Art unklar. Während die Jungtiere bei Störchen und Kranichen mit den Erwachsenen mitfliegen, muss der elternlose Kuckuck den Weg in den Süden finden.
  • Extreme Wetterverhältnisse können schon mal Vögel von der Flugroute abbringen, so kam auch schon mal aus Versehen ein Meisenwaldsänger aus Nordamerika in Westeuropa an.
  • Sogenannte Kurzzieher wie die Haubenlerche fliegen nach Südeuropa oder Nordafrika, Langzieher wie der Berglaubsänger zieht es bis südlich der Sahara, Südafrika oder gar Südostasien und Vertikalzieher bleiben zwar im Land aber überwintern eher in tieferen Lagen, so zum Beispiel der Mauerläufer.
  • Stare bringen gerne auch mal Geräusche mit aus dem Süden. So kann es vorkommen, dass die nachahmungsfreudigen Vögel einen arabisch anmutenden Geräusche-Teppich hinter die blühenden Obstbäume im Thurgauer Hinterland legen.

 

Lesetipps:

Rob Hume: Vögel – beobachten und bestimmen. Verlag Dorling, Kindersley

Daniel Lingenhöhl: Vogelwelt im Wandel – Trends und Perspektiven. Verlag Wiley-VCH

Delarze, Gonseth, Eggenberg, Vust: Lebensräume der Schweiz – Ökologie, Gefährdung, Kennarten. Verlag Ott

Dieser Beitrag wurde zuerst im Magazin ZEITPUNKT publiziert.

Warum die vielen Steine in den Gärten?

Esther Dähler ist Ornithologin, Vorstandsmitglied des Natur- und Vogelschutzvereins Zürich-Altstetten. Wir trafen uns im Restaurant Sternen in Zürich-Albisrieden...

 

Urs Heinz Aerni: Sie beobachten Vögel und sind im Vorstand des Vogelschutzvereins Zürich-Altstetten. Was beschäftigt Sie momentan mehr, das Birden oder die Vorstandsarbeit?

Esther Dähler: Eindeutig das Vogelbeobachten. Die Vorstandsarbeit fällt nicht regelmäßig an, und vieles kann ich zum Glück in den Abendstunden erledigen. Im Frühling ist das Vögelbeobachten besonders spannend. Die Zugvögel kehren aus dem Süden zurück. Einige sind bei uns in der Schweiz schon in ihrem Brutgebiet angelangt. Andere machen nur einen Zwischenhalt, um zu fressen, und fliegen danach bis in den hohen Norden weiter. Es ist eine wunderbare Zeit, außergewöhnliche Beobachtungen sind möglich. Aber auch die alltägliche Amsel verleiht mir mit ihrem flötenden Gesang Flügel. Die Vögel singen jeden Tag mehr und lauter, die Brutaktivitäten beginnen. Paare können beim Balzen, beim Nest bauen und schon bald beim Füttern der Jungen beobachtet werden.

Aerni: Sie leben zwar in der Stadt aber nicht weit weg vom Wald, ist hier die Welt noch in Ordnung?

Dähler: Im Wald sind die Vögel weniger gefährdet als im Kulturland oder in den Feuchtgebieten. Aber auch hier ist der Artenrückgang ein Thema. Der Wald ist keineswegs unberührt. Er wird bewirtschaftet und als Erholungsraum intensiv genutzt. Es ist erfreulich, gehen die eintönigen und artenarmen Fichten-Monokulturen zurück. Statt große Flächen kahlzuschlagen werden die reifen Bäume einzeln aus dem Wald geholt. Wobei der Einsatz von großen und schweren Maschinen den Wald erheblich belastet.

Aerni: Gibt es noch etwas Positives zu vermelden?

Dähler: Viel Freude bereiten Aufwertungsmaßnahmen wie Weiher und Hecken, die am Waldrand angelegt wurden. Die Freizeitnutzung hat eben ihre zwei Seiten. Der teilweise 24-Stunden-Betrieb oder das Querfeldeinbiken schränken den Lebensraum und die Ruhe der Wildtiere ein und führen zu Stress. Andererseits gefällt mir, dass es so viele Leute in den Wald zieht. Der Wald wird geschätzt, geliebt, gebraucht.

Aerni: Wir haben hier viele Gärten, was können die Bewohner unternehmen, damit diese unserer Natur und der Vogelwelt gut tun?

Dähler: Einheimische Pflanzen, Bäume, Sträucher und Kräuter sind das Zauberwort. Diese bieten den Vögeln Nistmöglichkeit und ganzjährig Nahrung. Und nicht vergessen: Bäume tun auch uns Menschen gut. Bäume wirken als Staubfilter, kühlen bei hohen Sommertemperaturen, bieten Erholungsraum in der Nähe.

Aerni: Da läuft ja eine Kampagne dazu…

Dähler: Genau. BirdLife Schweiz führt eine Kampagne für mehr Bäume und Sträucher im Siedlungsraum durch. Eine informative und reich bebilderte Broschüre erläutert, was die Pflanzen bewirken und warum insbesondere einheimische Pflanzen wichtig sind. Abgerundet wird das Thema mit konkreten Praxistipps.

Aerni: Wenn Sie aus Ihrem Wohnungsfenster schauen, welche Vögel sehen Sie?

Dähler: Ich habe das Glück, am Waldrand zu wohnen. Hier gibt es unglaublich viele Vögel zu sehen. Die Bandbreite reicht vom Rotkehlchen, das uns täglich mit seinem Besuch und Gesang beglückt bis zur bisher einmaligen Sichtung von einem Schwarzspechtpaar. Wir sehen vor allem Meisen, Finken, und Spechte, Vögel die im Garten, im Wald und am Waldrand vorkommen. Auf dem Nachbardach hat sich aber auch schon ein Graureiher niedergelassen, und während der Vogelzugzeit sahen wir den seltenen Gartenrotschwanz. Leider sind unsere Mauersegler-Nistkästen noch nicht besiedelt worden. Hoffentlich lassen sich die Mauersegler diesen Sommer bei uns nieder. Im Gesamten haben wir schon über 40 verschiedene Vogelarten beobachten können.

Aerni: Welche größte Sorge treibt Sie am meisten um?

Dähler: In immer mehr Gärten oder Gartenteilen werden Wiesen und Sträucher durch Steine ersetzt. Diese bieten weder für Pflanzen noch für Tiere Lebensraum. Keine Bienen können da Honig sammeln, keine Blumen können blühen und Schmetterlinge anziehen und auch kein Salat kann wachsen. Den Erwachsenen fehlt in der Sommerhitze der wohltuende Schatten der Bäume, den Kindern fehlen die Sträucher, hinter denen sie sich verstecken können. Was steckt hinter diesen steinigen Bodenbedeckern? Gefällt das oder ist es einfach billig im Unterhalt? Steine brauchen keine Pflege, kein Rasen ist mehr zu mähen und kein Strauch zu schneiden. Fühlen sich die Bewohner in dieser Umgebung wirklich wohl?

Aerni: Welche positive Tendenz freut Sie am meisten?

Dähler: Immer mehr Leute interessieren sich für Vögel oder generell für alles, was kreucht und fleucht. Sie sind unterwegs in Feld und Wald. Sie besuchen die zahlreichen Kurse, die BirdLife anbietet – auch zu weiteren Tieren und Pflanzen. Sie engagieren sich in Natur- und Vogelschutzvereinen und werden vor Ort aktiv. Oft werde ich im Büro oder von Bekannten auf Vögel angesprochen. Sie erzählen mir von einem besonderen Vogel-Erlebnis, worauf eine vage Beschreibung des Vogels folgt. Sie wollen wissen, wie der Vogel heißt, den sie gesehen haben. Nun liegt es an mir, das herauszufinden. Darüber hinaus sind Informationen über das Verhalten, Fressen, Brüten und mehr gewünscht. (Mein) Interesse scheint ansteckend zu sein.

 

Mehr Infos über Bäume und Sträucher in den Gärten findet man hier: http://www.birdlife.ch/de/content/baeume-und-straeucher-im-siedlungsraum.)

Wenn Sie in Zürich in den Vierteln Altstetten oder Albisrieden leben und sich für den am Naturschutzverein Altstetten interessieren, dann können Sie sich hier melden und mehr Informationen wünschen: daehler.e@gmail.com.