Kein Schutz und neue Fragen an die Schützenden

Seit 20 Jahren gelang es in der Schweiz nicht mehr, ein neues Refugium für die Natur einzurichten. Die Meldungen über Artensterben und zunehmende Belastung der Umwelt durch Bautätigkeit und Lärm verursachen lediglich Schlagzeilen in den Medien aber kein Umdenken bei Menschen, die stattdessen lieber weiterhin Pilze sammeln oder jagen wollen. Die erneute Ablehnung zu einem Nationalpark im Tessin nach dem Volksnein gegen Nationalparkt Adula nötigt uns folgende Fragen ab:

Was braucht es noch, bis die Gesellschaft feststellt, wie groß ihre Verantwortung gegenüber ihrer Lebensgrundlage, die Natur, eigentlich ist? Wie viele Pflanzen und Tiere müssen noch verschwinden, bis alle merken, dass nun das Steuer herumgerissen werden muss? Aber auch die Verantwortlichen der Umweltverbände müssen sich Fragen gefallen lassen. Zum Beispiel diejenige, ob nicht die bisherigen Konzepte und Mittel in Sachen Kommunikation, Information und Kampagne einer Sanierung bedürfen. Nebst vielen erfolgreichen kleineren Projekten in den Regionen gelang es trotz vielen Spenden und einer beachtlichen Mitgliederzahl den Naturschutzorganisationen nicht, seit dem 1914 gegründeten Bündner Nationalpark einen zweiten zu realisieren. Hier ist kritische Analyse in den eigenen Reihen angesagt. Diese Zeilen entstehen kurz vor dem Urlaub im Österreichischen Nationalpark Neusiedlersee, wo wir sehr gerne unser Feriengeld ausgeben werden, wegen der fantastischen Natur.

Der passende Buchtipp: „Naturschutz – Ein kritischer Ansatz“, Klaus-Dieter Hupke, Springer Spektrum, ISBN 978-3-662-46903-3

Dieser Text erschien zuerst in der BÜNDNER WOCHE

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Warum die vielen Steine in den Gärten?

Esther Dähler ist Ornithologin, Vorstandsmitglied des Natur- und Vogelschutzvereins Zürich-Altstetten. Wir trafen uns im Restaurant Sternen in Zürich-Albisrieden...

 

Urs Heinz Aerni: Sie beobachten Vögel und sind im Vorstand des Vogelschutzvereins Zürich-Altstetten. Was beschäftigt Sie momentan mehr, das Birden oder die Vorstandsarbeit?

Esther Dähler: Eindeutig das Vogelbeobachten. Die Vorstandsarbeit fällt nicht regelmäßig an, und vieles kann ich zum Glück in den Abendstunden erledigen. Im Frühling ist das Vögelbeobachten besonders spannend. Die Zugvögel kehren aus dem Süden zurück. Einige sind bei uns in der Schweiz schon in ihrem Brutgebiet angelangt. Andere machen nur einen Zwischenhalt, um zu fressen, und fliegen danach bis in den hohen Norden weiter. Es ist eine wunderbare Zeit, außergewöhnliche Beobachtungen sind möglich. Aber auch die alltägliche Amsel verleiht mir mit ihrem flötenden Gesang Flügel. Die Vögel singen jeden Tag mehr und lauter, die Brutaktivitäten beginnen. Paare können beim Balzen, beim Nest bauen und schon bald beim Füttern der Jungen beobachtet werden.

Aerni: Sie leben zwar in der Stadt aber nicht weit weg vom Wald, ist hier die Welt noch in Ordnung?

Dähler: Im Wald sind die Vögel weniger gefährdet als im Kulturland oder in den Feuchtgebieten. Aber auch hier ist der Artenrückgang ein Thema. Der Wald ist keineswegs unberührt. Er wird bewirtschaftet und als Erholungsraum intensiv genutzt. Es ist erfreulich, gehen die eintönigen und artenarmen Fichten-Monokulturen zurück. Statt große Flächen kahlzuschlagen werden die reifen Bäume einzeln aus dem Wald geholt. Wobei der Einsatz von großen und schweren Maschinen den Wald erheblich belastet.

Aerni: Gibt es noch etwas Positives zu vermelden?

Dähler: Viel Freude bereiten Aufwertungsmaßnahmen wie Weiher und Hecken, die am Waldrand angelegt wurden. Die Freizeitnutzung hat eben ihre zwei Seiten. Der teilweise 24-Stunden-Betrieb oder das Querfeldeinbiken schränken den Lebensraum und die Ruhe der Wildtiere ein und führen zu Stress. Andererseits gefällt mir, dass es so viele Leute in den Wald zieht. Der Wald wird geschätzt, geliebt, gebraucht.

Aerni: Wir haben hier viele Gärten, was können die Bewohner unternehmen, damit diese unserer Natur und der Vogelwelt gut tun?

Dähler: Einheimische Pflanzen, Bäume, Sträucher und Kräuter sind das Zauberwort. Diese bieten den Vögeln Nistmöglichkeit und ganzjährig Nahrung. Und nicht vergessen: Bäume tun auch uns Menschen gut. Bäume wirken als Staubfilter, kühlen bei hohen Sommertemperaturen, bieten Erholungsraum in der Nähe.

Aerni: Da läuft ja eine Kampagne dazu…

Dähler: Genau. BirdLife Schweiz führt eine Kampagne für mehr Bäume und Sträucher im Siedlungsraum durch. Eine informative und reich bebilderte Broschüre erläutert, was die Pflanzen bewirken und warum insbesondere einheimische Pflanzen wichtig sind. Abgerundet wird das Thema mit konkreten Praxistipps.

Aerni: Wenn Sie aus Ihrem Wohnungsfenster schauen, welche Vögel sehen Sie?

Dähler: Ich habe das Glück, am Waldrand zu wohnen. Hier gibt es unglaublich viele Vögel zu sehen. Die Bandbreite reicht vom Rotkehlchen, das uns täglich mit seinem Besuch und Gesang beglückt bis zur bisher einmaligen Sichtung von einem Schwarzspechtpaar. Wir sehen vor allem Meisen, Finken, und Spechte, Vögel die im Garten, im Wald und am Waldrand vorkommen. Auf dem Nachbardach hat sich aber auch schon ein Graureiher niedergelassen, und während der Vogelzugzeit sahen wir den seltenen Gartenrotschwanz. Leider sind unsere Mauersegler-Nistkästen noch nicht besiedelt worden. Hoffentlich lassen sich die Mauersegler diesen Sommer bei uns nieder. Im Gesamten haben wir schon über 40 verschiedene Vogelarten beobachten können.

Aerni: Welche größte Sorge treibt Sie am meisten um?

Dähler: In immer mehr Gärten oder Gartenteilen werden Wiesen und Sträucher durch Steine ersetzt. Diese bieten weder für Pflanzen noch für Tiere Lebensraum. Keine Bienen können da Honig sammeln, keine Blumen können blühen und Schmetterlinge anziehen und auch kein Salat kann wachsen. Den Erwachsenen fehlt in der Sommerhitze der wohltuende Schatten der Bäume, den Kindern fehlen die Sträucher, hinter denen sie sich verstecken können. Was steckt hinter diesen steinigen Bodenbedeckern? Gefällt das oder ist es einfach billig im Unterhalt? Steine brauchen keine Pflege, kein Rasen ist mehr zu mähen und kein Strauch zu schneiden. Fühlen sich die Bewohner in dieser Umgebung wirklich wohl?

Aerni: Welche positive Tendenz freut Sie am meisten?

Dähler: Immer mehr Leute interessieren sich für Vögel oder generell für alles, was kreucht und fleucht. Sie sind unterwegs in Feld und Wald. Sie besuchen die zahlreichen Kurse, die BirdLife anbietet – auch zu weiteren Tieren und Pflanzen. Sie engagieren sich in Natur- und Vogelschutzvereinen und werden vor Ort aktiv. Oft werde ich im Büro oder von Bekannten auf Vögel angesprochen. Sie erzählen mir von einem besonderen Vogel-Erlebnis, worauf eine vage Beschreibung des Vogels folgt. Sie wollen wissen, wie der Vogel heißt, den sie gesehen haben. Nun liegt es an mir, das herauszufinden. Darüber hinaus sind Informationen über das Verhalten, Fressen, Brüten und mehr gewünscht. (Mein) Interesse scheint ansteckend zu sein.

 

Mehr Infos über Bäume und Sträucher in den Gärten findet man hier: http://www.birdlife.ch/de/content/baeume-und-straeucher-im-siedlungsraum.)

Wenn Sie in Zürich in den Vierteln Altstetten oder Albisrieden leben und sich für den am Naturschutzverein Altstetten interessieren, dann können Sie sich hier melden und mehr Informationen wünschen: daehler.e@gmail.com.

GIs in den Gärten

Seit etwa drei Jahren ist er weg. Unser Grauschnäpper. Auch der Fichtenkreuzschnabel saß vor Jahren zum letzten Mal auf einer Tannenspitze. Das Verschwinden dieser Vögel im Quartier ist die Quittung für das sogenannte verdichtete Bauen, die Opferung von Bäumen zugunsten Ziersträucher und der Auslagerung der Gartenarbeiten an umsatzorientierten Unternehmen.

Man erinnere sich an die Zeiten, in denen der Hauswart mit der Zigarre im Mundwinkel den Vorplatz wischte oder als der Hausbesitzer am Samstag da und dort die Ästchen abzwickte. Heute haben die Wohnungseigentümer für solche und ähnliche Arbeiten keinen Nerv, den verlieren sie lieber im Büro oder auf dem Bike. Deshalb beschließen Eigentümerversammlungen, den „Profis“ auf Auftragsbasis den Umschwung zu überlassen. Dann kommen sie, ausstaffiert mit den Laubbläsern und stürzen sich als Möchtegern-GIs auf jedes herumliegende Blatt. Blitzeblank schaut das dann aus. Im Intervall von wenigen Wochen stehen Männer unter den Bäumen und rechen die dunkle Erde von jedem Laub frei. Maschinell rasiert ein Arbeiter die Lavendelstauden in voller Blütepracht anfangs August. Wohlverstanden, ein Mitarbeiter eines Gartenunternehmens, das wohl im Herbst keine Aufträge annehmen kann.

Gekillte Frösche

Gut, da gibt es die Architektin, die um ihre Neo-Bauhaus-Wohnblöcke Natur- und Magerwiesen wachsen und nur zweimal jährlich mähen lässt, soll ja auch nicht unerwähnt im löblichen Sinne bleiben. Die Freude darob erblasst ziemlich schnell angesichts deren Hausbesitzerin nebenan, die ihren Naturgarten in einen golfplatzartigen Rasen verwandeln lässt, da sie durch ihre Reisen keine Zeit für solche Nebensächlichkeiten hat. Nett sind zwar die beiden kleinen Weiher mitten drin aber die Rasenmäher lassen den winzigen Jungfröschen bei der Auswanderung keine Chancen mehr und nimmt sie alle unter die Messer.
Und wenn hier noch von dem Ehepaar erzählt werden soll, das eine stolze und schöne Tanne für eine abendliche Strapazierung der solariumgeprüfte Haut durch die untergehende Sonne fällen lässt, dann könnte man sich in Rage schreiben.

Neue Märkte

Sind wir soweit, dass Gärten und Grünanlagen in Vorstadtquartieren durch die Pro Natura vor gewinnmaximierenden Gärtnereien geschützt werden muss? Kann es sein, dass der ehemalige Anwalt fürs Grüne dank Renditedruck zum Feind für naturnahe Oasen wird? Ja, richtig, wir leben ja alle von Geld, Umsatz, Gewinn. Aber wir leben länger, besser und fröhlicher wenn ökologische Vielfalt auch vor der Haustüre statt findet. Liebe Unternehmen der grünen Zunft, wie wäre eine Verlagerung von Nullachtfünfzen-Dienstleistungen auf naturnahe Pflege mit dementsprechender Aufklärungs- und Beratungsangeboten? Wetten, dass ein geschäftsmäßiges „Brachland“ nur darauf wartet, bearbeitet zu werden?

Nun, kurz vor Abgabe dieses Artikels sah ich in einer Nauturwiese vor dem Nachbarswohnblock zwei Gartenbauangestellte kauern, rupfend am Gras. Ich sprach einer der beiden an und machte ein Kompliment über diesen naturnahen Flecken. Er sah mich verdutzt an und fuchtelte mit der Hand ab und zeigte auf seinen Kollegen. Der Kollege drehte sich um und sagte: „Der versteht kein Deutsch“. Ich wiederholte meine Begeisterung zu diesem Konzept der Naturwiese. Der Mann stand auf, an der Harke stützend gab er zur Antwort: „Keine Ahnung, was Sie meinen, wir müssen da nur bestimmte Gräser ausreißen … aber ich sag es dem Chef weiter“.
Nickend ging ich weiter und stellte mir die Frage ob ich mich mit diesem Herrn nicht eher über das nächste Formel 1-Rennen hätte unterhalten sollen.

Buchtipp zum Thema: Hecken für naturnahe Gärten von Dietrich, Gregor; ISBN 978-3-7040-2155-7