Kippende Stimmung im stehenden Zug

Nichts geht mehr. Rucksack, Zeitungen und Handys liegen am Boden. Das Licht flackert, der Zug steht still. Mit einem „Hoppla!“ bücke ich mich nach den Sachen im vordersten Waggon der Gotthard-Matterhorn-Bahn, oberhalb von Sedrun. Stille, etwas Ächzen in den blechigen Wänden. Ich ziehe die Fensterscheiben runter und blicke nach vorne,  zur Lok. Sie steckt im Schnee, der sich genau bei der Ausfahrt einer tunnelartigen Galerie breit machte. Eine junge Frau betritt das Abteil: „Hier brennt wenigstens noch Licht, bei uns ist es duster.“ Sie zieht aus ihrem Rucksack zwei Bücher, „hier kann ich wenigstens lesen, bis wir wieder draußen sind“. Die Bücher tragen die Titel: „Das kleine Buch der Ruhe und Gelassenheit“ und „Das Leben ist zu kurz für später“. Dann stolpern drei Männer in voller Ski-Montur ins Abteil, die den Zug irgendwie verlassen wollen, was aber nicht geht. Wir alle kommen ins Gespräch. Die Frau ist Marketingexpertin bei einem Großverteiler, die drei Männer lernten sich über ein Online-Portal für Bergferien kennen, zwei aus Frankfurt, einer aus Basel. Und während ein sehr kümmernder Kondukteur uns allen einen Getränke-Gutschein fürs Bahnhofbuffet verteilt, zeigt sich eine Niederländische Familie großzügig mit leckeren Keksen.

Drei Stunden stecken wir hier fest und die Stimmung wird immer besser. Irgendwann werden wir rückwärts nach Sedrun zurückgezogen und steigen in eine Bar auf Gleisen ein, in der wir die Gutscheine einlösen, bei einem unglaublich witzigen Barkeeper, der so richtig Ballermann-Schlager aus den Lautsprecherboxen scheppern lässt. Nicht oft herrscht in der Bahn solch lebensfröhliche Stimmung, in der über das Leben und den Sinn desselben geplaudert wird. So geschehen am 22. Februar 2019.

Liebe Bahn, falls wieder mal irgendwo vor einem Tunnel Schnee liegen sollte, so ruft mich an, damit ich wieder einsteigen kann.

Urs Heinz Aerni

 

Die passenden Buchtipps, von der Dame aus dem Zug im Schnee lauten: „Das kleine Buch der Ruhe und Gelassenheit“ und „Das Leben ist zu kurz für später“ beide von Ashley Davis Bush (Heyne und MVG)

Dieser Beitrag erschien auch in der Zeitung Bündner Woche

Tötet die Lawine?

„Für diese Verspätung entschuldigen wir uns“. Dieser Satz ist falsch, auch wenn er immer wieder bei Zugfahrten zu hören ist. Die Schuld zu nehmen obliegt dem Geschädigten oder Betroffenen, nicht beim Verursacher. Die Sprache ist genau, kann sehr exakt sein und ist eine Fallgrube für viele Fehler, die wohl auch in dieser Kolumne zu finden sind. Die Sprache gehört sich gepflegt und gehegt, weil sie hilft, die Sinne zu schärfen und Herausforderungen begreifbar zu machen. Neulich ging ich zum Restaurantbesitzer und erklärte, dass ich hier nicht zur Toilette könne. „Warum denn?“, „Nun, an den Türen steht ‚für unser Gäste‘, ich bin aber Kunde und nicht eingeladen“. Okay, ein müdes Lächeln konnte ich ihm abringen. Anderes Beispiel: „Von einer Schneelawine wurden zwei Bergsteiger getötet.“ Verweist „Töten“ nicht auf eine vorsätzliche Tätigkeit, vorgenommen durch ein Subjekt mit Wille und Absicht? Handelt sich hier nicht um einen Zufall, der für die Betroffenen zu einem Unfall wird?
Das Spiel mit der Sprache gipfelte mal in der Durchsage des Schaffners (heute Bahnbegleiter): „Ohne Halt bis zum nächsten Halt.“ Ich glaube, er wurde vom psychiatrischen Dienst der Bundesbahn am Bahnsteig abgefangen und sogar zum Thema in einer Zeitungsnotiz. Ein Meteorologe hätte sich – ohne dass ich das verifizieren könnte – zu diesem Satz hinreißen lassen: „Ein über den Azoren liegendes Tief kommt hinten nicht mehr hoch.“ Nun ja. Diese Szene in einem Zugabteil kann des wahren Sachverhalts nicht gänzlich bestätigt werden, ist aber trotzdem worttechnisch nicht ganz uninteressant: Zwei Männer spielten auf einer Bahnreise Schach. Dann sagte der eine zum anderen: „Sie sind am Zug“. Der andere: „Das heißt hier ‚im Zug'“. Dann die Antwort vom ersten: „Soll ich das Fenster schließen?“
Nun ja, was will ich damit sagen? Dass wir die Sprache nutzen sollen, denn sie macht Spaß, nicht? Neulich las ich in einem WC eines Restaurants „Verlassen Sie bitte die Toilette sauber.“ Ich verkniff mir, den Kellner zu fragen, wo denn die Dusche sei…

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