„Es braucht Mut“

Ab 14. Dezember präsentieren acht Mal- und Kunsttherapeutinnen in Weggis ihre eigene Kunst. Zu dieser Abschlussausstellung des Moduls „Künstlerische Fähigkeiten IHK“ gibt die Kurleisterin Denise Huber Auskunft. Von Urs Heinz Aerni.

Urs Heinz Aerni: Nicht wenige Stunden und Tage verbrachten hier Mal-  und Kunsttherapeutinnen,die ihre eigenen künstlerischen Talente nachspürten. Was war das Ziel dieses Moduls?

Denise Huber: Die Studierenden erhalten die Möglichkeit, verschiedenste künstlerische Techniken und Herangehensweisen kennenzulernen und auszuprobieren. Sie experimentieren mit unterschiedlichen Materialien und setzen sich vertieft mit einer Arbeit auseinander. Das Modul wird abgeschlossen mit dem Modulzertifikat Künstlerische Fähigkeiten IHK. Dieser Abschluss befähigt die Studierenden, eine eigene künstlerische Arbeit in einer selbst gewählten Technik zu entwickeln und diese zu reflektieren. Das Modulzertifikat Künstlerische Fähigkeiten IHK zählt als Teilabschluss für die Zulassung zur eidgenössisch anerkannten Höheren Fachprüfung Kunsttherrapie (HFP-KST), Fachrichtung Gestaltungs- und Maltherapie.

Aerni: Oft bestehen Hemmungen, sich ins künstlerische Gestalten zu wagen, woran könnte das liegen?

Huber: Wir Mal- und Kunsttherapeuten sind in der therapeutischen Arbeit damit beschäftigt, unterschiedliche Menschen in Prozessen mit bildnerischen Mitteln zu begleiten. Sind also in der Rolle als Therapeuten und nicht als Gestaltende. Dieser Schritt ins eigene gestalterisch-künstlerische Tun ist ein ganz anderer.

Aerni: Und gegen aussen auch ein Mittel, um sich mitteilen zu können, oder?

Huber: Künstlerisches Gestalten oder Kunst, – ist immer Kommunikation mit künstlerischen Mitteln. Es braucht neben der persönlichen, eine gesellschaftliche und universelle Dimension.

Aerni: Mit welchen Auswirkungen könnte man rechnen, bei einer Arbeit der kreativen Art?

Huber: Wenn man sich einer solchen auf ernsthafte Art und Weise stellt, kommt man auf ein Terrain, welche weitergeht, als der gute Geschmack und das bedeutet immer eine Konfrontation mit sich selbst und den gesellschaftlichen Gegebenheiten.

Aerni: Die Ausstellung präsentiert Arbeiten von Künstlerinnen aus Zürich, Basel, Aarau oder Winterthur. Wie wichtig ist das Umfeld für ein Seminar wie dieses?

Huber: Die Teilnehmerinnen des Moduls Künstlerische Fähigkeiten IHK, sind Mal- und Kunsttherapeutinnen, welche sich in diesem Jahr auf einen eigenen künstlerisch-gestalterischen Weg begeben. Das schulische Umfeld wird in der Regel als bereichernd und und „ansteckend“ empfunden. Die Zufriedenheit ist aber auch von dem abhängig, was man aus dem im Unterricht Gelernten macht. Der Anteil an Selbsterfahrungsstunden ist hoch.

Aerni: Die Objekte können recht lange hier in Weggis besichtigt werden. Wo beginnt für Sie die oder eine Kunst zu wirken im Alltagsleben?

Huber:  Eigene gestalterisch-künstlerische Bilder und Werke auszustellen ist ein grosser Schritt und der kostet Mut. Über das Zeigen, wird das was man macht, nach Aussen hin sicht- und austauschbar.

 

Info:

Abschlussausstellung des Moduls „Künstlerische Fähigkeiten IHK“ im Hotel Rigi in Weggis. Am Samstag, 14. Dezember 2019, 14:00 – 17:00 Uhr findet die Vernissage statt mit den Ausstellenden Jacqueline Aerni, Jeanine Lanbacher, Piacentina Mariano, Claudia Schweikert, Ruth Solazzo, Ursula Staub, Monika R. Wintermantel und Gerda Wüst.

Denise Huber ist Ausbildungsleiterin und Dozentin am Institut für Humanistische Kunsttherapie in Zürich und leitet das Modul Künstlerische Fähigkeiten IHK. Sie ist ausgebildete Kunsttherapeutin (ED), Fachrichtung Gestaltungs- und Maltherapie, Ausbilderin mit eidg. FA, Künstlerin bildende Kunst HF (F+F, Schule für Kunst und Design, Zürich) sowie in psychiatrischer Krankenpflege. www.kunsttherapie.ch

Dieses Interview erschien zuerst in der WOCHEN-ZEITUNG.

Denise Huber – PD
Flyer Ausstellung Weggis

«Das Handeln ist zentral»

Was bewirkt das Malen? Ein Interview mit Kunst- und Maltherapeutin Irma Grieder.

Wir leben ja in einer bunten Welt, und doch soll Malen recht viel bewirken. Kunsttherapie und Begleitetes Malen bieten Sie und Ihre Kolleginnen an. Nennen Sie mal drei Gründe, warum das guttut?

Beim Malen nehmen Sie sich Zeit für sich und Ihre Kreativität. Durch das Malen kommen Sie in Kontakt mit Ih- ren Bedürfnissen und Wünschen. Sie werden durch das Malen Veränderungen erleben.

Begleitetes Malen gehört zu den Angeboten der Ateliergemeinschaft. Wie muss man sich das vorstellen? Wird beim Malen geredet?

Die wichtigste Tätigkeit ist das Malen, das Auftragen der Farbe auf das Papier. Gesprochen wird, wenn die Arbeit am Bild nicht mehr fließt, wenn Schwierigkeiten auftauchen, dann bin ich als Malbegleiterin da, unterstütze die malende Person und das Bild.

In unserer Gesellschaft geht viel über Kopf und Sprache, welche Nischen füllt denn das Malen aus?

Beim Begleiteten Malen im Atelier ist das Handeln zentral. Viele Menschen erleben beim Malen eine Zeit der Stil- le, der Achtsamkeit und der Fürsorge. Die eigene Intuition kommt zum Tragen, und Ressourcen werden entdeckt, Veränderungen sind dann auch in den Bildern sichtbar.

Und bei Ausnahmezuständen …?Wenn jemand eine Krise durchlebt, hat er oder sie häufig schon Verschiedenes ausprobiert. Das Malen ermöglicht einen anderen Zugang zu einer Fragestellung. Neurobiologische Forschungen haben gezeigt, dass Bilder Gefühle verändern und dadurch heil- sam wirken können.

Was bringt das Begleitete Malen für Menschen, die vielleicht nicht gerade in einer Krise stecken? Lohnt sich auch mal eine Schnupperstunde, obwohl man karriere- oder gefühlsmäßig voll auf Touren ist?

Ja, jeder Mensch kann von der ruhigen und konzentrierten Atmosphäre im Atelier profitieren. Jederzeit sind Entdeckungen und Veränderungen möglich, die kreative Aktivität kann eine willkommene Auszeit vom Alltag bieten; es lohnt sich, das selber zu erleben. Malen wirkt auch präventiv.

Der Klient oder Kunde steht also in Ihrem Atelier, in Malerschürze, und vor einem hängt das weiße Blatt und auf dem Tisch steht eine Reihe von Farbtuben. Wie gehts nun weiter?

Jede Person darf malen, was sie möchte, es gibt in unserem Atelier also kein vorgegebenes Thema. Das Bild entsteht nach und nach; wenn jemand Hilfe braucht, bin ich da und unterstütze.

Sie und Ihre Kolleginnen haben eine Ausbildung für Kunsttherapie oder auch zum Beispiel für «Lösungsorientiertes Malen» hinter sich. Was fordert eine solche Schulung von einem selber ab?

In der Ausbildung sind das eigene Malen und die Auseinandersetzung mit der Biografie zentral. Wertfreies Wahrnehmen vom Entstehungsprozess steht immer wieder im Fokus, dazu braucht es auch ein fundiertes Wissen über psychologische und seelische Prozesse sowie ein breites Inventar an therapeutischen Interventionsmöglichkeiten.

Die da wären?

Es gibt verschiedene maltherapeutische Methoden: Das Begleitete Malen ist prozessorientiert, das heißt, die Bilder werden intuitiv ohne Themenvorgaben gemalt. Beim Lösungsori- entierten Malen wird für ein definiertes Problem eine Veränderung gesucht; dafür werden einfache, klare Bilder geschaffen.

Gibt es für Sie eine Lieblingsfarbe?

Ich liebe alle Farben; welche ich im Moment bevorzuge, hängt von meiner Befindlichkeit, meinen Gefühlen und Bedürfnissen ab. Ich erlebe immer wieder, wie eine Farbe neben einer anderen eine neue Wirkung hervorbringt. Farben und ihre Kom- binationen mit anderen faszinieren mich.

Das Interview ist in der Zeitung ZÜRICHBERG erschienen.