Die innere Not auf den Brettern, die die Welt bedeuten

Die innere Not ist die uns nächste, egal ob der immensen Tragödie in Syrien oder Nordafrika. Liegt es an der Machtlosigkeit unsereins im globalen Getriebe der Katastrophen? Diese und andere Fragen stellte ich mir nach dem Verlassen des Kleintheaters Sogar in Zürich. Es wurde der „Der Trafikant“ gespielt nach dem Roman des österreichischen Autors Robert Seethaler. Es handelt von der Geschichte des Jungen Franz Huchels, der wirtschaftsbedingt von seiner Mutter aus dem beschaulichen Salzkammergut nach Wien zur Arbeit geschickt werden musste, als Lehrling bei einem Kriegsinvaliden in einer Zeitungs- und Tabak-Trafik. Dies in den Jahren 1937 und 1938. Es rumort. Durch die selbstherrlichen und marodierenden Nationalsozialisten draußen in der Stadt, und drinnen im Herzen des jungen Franz. Aber dafür sorgt seine Liebe zur drei Jahre älteren Böhmin Anezka mit der er erste erotische Erlebnisse erfuhr. In seiner Liebesnot sucht der Junge beim Stammkunde Sigmund Freud Anschluss mit der Frage: „Stimmt es, dass Sie den Leuten den Schädel wieder geraderichten können?“

Das vielstimmige Stück scheint zu beweisen, wie die vermeintlich große Welt um uns herum immer wieder erodiert, unabhängig wie es um die relevante Welt in uns steht. Auf jeden Fall bannt diese Inszenierung auf der besagten Kleinbühne jede und jeden aber mit dem Effekt eines emotionalen Umkehrschubs. Wie? Der Schauspieler rührte mit seiner brillanten Kunst an unseren Schlaf des Alltags.

Der hier erwähnte Schauspieler ist Hanspeter Müller-Drossaart und wie es zur Idee kam, den „Trafikant“ zu spielen, ist dem Verfasser nicht bekannt, nur eines ist gewiss: die von ihm verkörperte Umsetzung einer Geschichte, die uns alle nie in Ruhe lassen wird, dürfte aus den vielen bisherigen Aufführungen mit guten Gründen herausragen, die da wären: Virtuosität des Allzumenschlichen und der Sprache, Szenische wie technische Raffinesse ohne dem Liebäugeln einer dramaturgische Aufpeppung zu verfallen. Dem Darsteller konnte von den Lippen abgelesen werden, dass die Sache der inneren Not und zugleich des unsäglichen Weltgetöses noch lange nicht ausgestanden ist.

Urs Heinz Aerni

PS: Hanspeter Müller-Drossaart ließ mich wissen, dass er mit dem „Trafikanten“ demnächst auf Tour geht. Also dran bleiben.

Der passende Buchtipp: „Der Trafikant“ von Robert Seethaler, Kein & Aber, ISBN 978-3-0369-5909-2

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„Wort-Wald-Gänge“

Unterwegs im sprachlichen Herkunftsgelände mit Hanspeter Müller-Drossaart. Urs Heinz Aerni im Gespräch mit Hanspeter Müller-Drossaart zu seinem Gedicht-Band in Obwaldner Mundart „zittrige fäkke“.

Urs Heinz Aerni: Nicht nur die Sprache prägt unser Leben seit Kindheit, sondern auch deren soziales Umfeld. In Ihrem Buch widmen Sie sich dem Obwaldnerischen, ein bewusstes Erinnerung an frühere Zeiten via Sprache?

Hanspeter Müller-Drossaart: Angestiftet von Geri Dillier für seinen jährlichen Literatur-Event in der Krone Giswil eine Mundart-Geschichte zu schreiben, wurde mir die Begegnung mit meiner ursprünglichen Heimatsprache zur eindringlichen Begegnung mit meinen Wurzeln. Schreibenderweise wurde mir im steigendem Maße bewusst, wie reichhaltig und umfangreich Sprache und Sozialisation durch meine familiäre lokale Wiege meine Identität fundiert haben. Die ersten Töne und Klänge, die wir auf unserer irdischen Reise wahrnehmen, prägen unser Vertrauen ins Leben unverwechselbar. Da mich mein Beruf in viele Idiome und Fremdsprachen führt, wirkte die Schreibarbeit am „fäkke-Buch“ wie eine heilsame „Rückführung“, ein „Wieder-nach Hause-kommen“ der erkennenden und tröstlichen Art.

Aerni: Beim Lesen oder Hören Ihrer Texte wähnt man sich in einer Art melancholischer wie augenzwinkernder Verbundenheit mit Menschen und Momente. Wieso?

Müller-Drossaart: In der Hoffnung, dass diese Mischung letztlich auch die Leserschaft des Buches ansprechen wird, muss ich gestehen, dass sich mir die Texte in Ihrer Ambivalenz zwischen dunkel sombrierten und heiteren Themen oft von sich aus aufdrängten. Ich wurde mit der Aufgabe beschenkt, den zu beschreibenden Momenten und Ereignissen begrifflichen Zugang, Sprache und Form zu verleihen. Und natürlich erlaubte ich mir da und dort auch mit großer Lust die eigenen Erfahrungen schlitzohrig-erfinderisch zu erweitern und leise lächelnd dem Tschifeler* Heimattheater ein paar weitere erdig-heitere Rollen beizufügen.

Aerni: Ihre Texte in der obwaldnerischen Mundart heimeln auch Bündner, Zürcher oder Schaffhauser an. Was passiert mit uns in solchen Momenten Ihrer Meinung nach?

Müller-Drossaart: Mir scheint, unsere globale Sehnsucht, immer und überall die Welt als Ganzes bei sich zu haben, fördert auf der Kehrseite das Gefühl von fehlender Verortung, von Heimatlosigkeit. Wir sollten den Boden, den seelischen wie den physischen kennen, wo wir die ersten Schritte gemacht haben, wo wir laufen lernten. Wenn wir Dialekte hören, sprechen, erinnern uns die Klänge an unsere eigenen Orte, führen uns in konkrete Lebensräume, deren wir uns für zugehörig fühlen oder die uns Wohlbefinden und Geborgenheit ahnen lassen.

Aerni: Ihre Gedichte vermitteln Vertrautheit zu den Protagonisten. Wie würden Sie die Herausforderung zwischen Empathie und Ironie beschreiben?

Müller-Drossaart: Zur Vertrautheit mit den „Rollen“ meiner Lyrik: Auch als Dichtender bleibe ich ein Schauspieler. Das heißt die tragendste Regel gegenüber den in den Gedichten sprechenden und/oder beschriebenen Figuren ist der Respekt ihrer Glaubwürdigkeit und ihrer Befindlichkeit gegenüber- auch wenn die Welt, in der sie für Momente zitiert werden noch so klein ist! Ich möchte den Figuren treu sein, in ihrer Größe und ihrer Beschränktheit. Das janusköpfige Paar Einfühlung und ironische Distanz dient dem dichterischen Anspruch dem Leser universelle Einsichten zu ermöglichen.

Aerni: Und…

Müller-Drossaart: …Die Herausforderung besteht darin, nicht in einem überheblichen besserwisserischen Gestus die Figuren zu verraten.

Aerni: Ihre Karriere führte Sie über Theaterbühnen, Drehorten und Studios quer durch die deutschsprachigen Ländern wieder zurück zu Ihrem Ursprungsort, zumal sprachlich. Was war die Initialzündung dafür?

Müller-Drossaart: Der unmittelbare Anlass war wie zuvor benannt, die Anfrage meines Redaktors Geri Dillier, an seinem Literaturanlass schreibenderweise mitzuwirken. Aber im Kern hatte sich seit längerer Zeit der Wunsch entwickelt, die wirklichen eigenen Sprachwurzeln ernsthaft und jenseits jeglicher Idealisierung zu befragen. Erfahren habe ich einen unerschöpflichen Reichtum im gedanklich-begrifflichen aber auch im rein klanglich-atmosphärischen Ausdruck.

Aerni: Sie gehen auf Lesetour mit ihrem Buch, auf was können sich die Besucher gefasst machen?

Müller-Drossaart: Ich möchte in meiner Vortragsweise deutlich machen, wie verbindlich der Dialekt in mir rumort, mit welch differenzierter Musikalität die manchmal blühende, manchmal karge Sprache dieser besonderen Innerschweizer Mundart Räume zum Klingen bringt, die unsere Freude am Be-Greifen von Welt erfüllend befriedigen kann. Gemeinsam durch den Wort-Wald gehen und sich wundern über die Vielfalt!

 

Tschifeler* Die Obwaldner werden von den Nidwaldnern in zärtlicher Stichelei gerne als Heu-Räuber bezeichnet, die früher nächtlicherweise nid dem Wald schlichen, und in Rückentragkörben, eben den Tschiferen, den Nidwaldnischen das kostbare Viehfutter entwendet haben sollen. Hanspeter Müller-Drossaart

 

Das Buch:

Hanspeter Müller-Drossaart: zittrigi fäkke, Gedichte in Obwaldner Mundart. Beiliegend eine CD mit sämtlichen Gedichten, gesprochen vom Autor., ISBN/EAN: 9783952450109, Seitenzahl: 128, Format: 230 x 140 mm, Gebunden

 

Der Autor:

Hanspeter Müller-Drossaart wurde 1955 in Sarnen (Schweiz) geboren und lebt heute als Schauspieler und Kabarettist mit seiner Familie bei Zürich. Mit Filmen wie«Grounding» und «Die Herbstzeitlosen» wurde er dem breiten Publikum bekannt. Ein vertrauter Name ist er Literaturfreunden als Leser im «Literaturclub» (3sat) und in der Sendung «52 beste Bücher» von Radio SRF2 Kultur. Große Theatererfolge feierte er u. a. mit „Top Dogs“ und „Dällebach Kari“. Nach dem Kabarett-Stück«Menü 3» ist Müller-Drossaart mit «Himmelhoch» auf Tour. Aktuell ist er auch inKrimi– und Fernsehfilmen zu sehen.