Egal woher

Aufgrund der Getränke-Attacke auf andersdenkende Politiker in Zürich und einer Hakenkreuz-Spray-Aktion auf einem Elsässischen Friedhof begann ich für diese Kolumne über die Bedeutung des Wortes „Dummheit“ zu recherchieren. Beim Blättern im Duden-Herkunftswörterbuch traf eine E-Mail ein, die auf einen Artikel im «Bote der Urschweiz» hinwies, der die Frage stellt, warum so viele Regionalkriminalromane von Schweizer Autorinnen und Autoren hauptsächlich in Verlagen aus Deutschland erscheinen. Angesichts dessen, dass der Schweizer Fußball durch eingewanderte Talente gross wurde, hiesige Konzerne in aller Welt das fette Geschäft machen oder gleich ins Ausland verkauft werden und nicht wenige Souvenirs mit Schweizerkreuz mit dem Zettel „Made in China“ versehen ist, schrumpft die obengenannte Thematik zu einer Nichtigkeit.

Die deutschsprachige Schweiz ist für buchproduzierende Unternehmen in derselben Sprache ein sehr kleiner Markt, jedoch bedeuten Verlage in Deutschland und auch in Österreich für eidgenössische Schreibende ein wichtiges Sprungbrett zu einem großen Publikum. Robert Walser suchte damals in Berlin Anerkennung und Erfolg, heute werden seine Bücher von Suhrkamp Berlin publiziert wie auch diejenigen von Max Frisch und Erica Pedretti. Klaus Merz ist bei Haymon Innsbruck zuhause, Markus Bundi bei Septime Wien, Christine Trüb bei Limbus Innsbruck, Felix Philipp Ingold bei Ritter in Klagenfurt, Lukas Bärfuss bei Wallstein Göttingen, Rolf Lappert bei Hanser München etc. Und Hand aufs Herz was kümmert es den Lesenden, ob ein guter deftiger Thriller der Baslerin Anja Berger bei Droemer Knaur in München erscheint, oder Krimis mit psychologischer Kunst und gesellschaftlicher Brisanz wie beispielsweise von Christine Brand bei Blanvalet in München oder von Christof Gasser bei Emons Köln rauskommen? Hauptsache, sie wiegen guten Lesestoff in den Händen, der süchtig macht. Na also, frohes und fröhliches Lesen wünsche ich Ihnen auch für das kommende Jahr.

Urs Heinz Aerni

 

Das Buch mit kurzen Texten von Urs Heinz Aerni «Lugano – Konstanz» ist soeben in der Edition Baes in Zirl (Österreich!) erschienen.

Beginnt ein Label zu schwanken?

Es ist schon lange her, die Veranstaltung auf Einladung des Verlegers Dirk Vaihinger von Nagel & Kimche zum Austausch ins schöne Hotel Waldstätterhof in Brunnen am Vierwaldstättersee. Es versammelten sich Autorinnen, Verleger, Buchhändlerinnen, Journalisten und anderweitig Publizierende. Wir saßen in einem feudalen Saal, das Fenster stand offen und gab die Sicht frei auf die Urner Berge hinter gleißendem Wasser und vor stahlblauem Himmel. Als die Podienteilnehmenden fast alle zugleich und mit etwas Sehnsucht rausschauten, fuhr in diesem Moment ein hornendes Schiff vorbei mit wehender Schweizer Flagge. Da konnte der damalige Hanser-Verleger und heute freischaffender Lyriker Michael Krüger, nicht anders als auszurufen: «Was sorgt sich die Schweiz, schaut Euch das an, diese herrlich glitzernden Berge!» so sinngemäß, wie gesagt, ist schon eine Weile her. Da ergriff der beliebteste Literaturwissenschaftler Peter von Matt das Wort, zeigend mit dem Finger auf die selben Berge: «Und drinnen, drinnen donnert die Hölle!» Das Publikum verstand sofort die Anspielung der beiden Medaillenseiten der Schweiz. Betrachten wir die sogenannte Kehrseite derselben. Was macht sie den aus, die Schweiz oder die Idee der Schweiz? Müssen wir uns Sorgen machen um die die zahlreichen Gütesiegel, die für ein Lebensprinzip namens Schweiz garantieren? Nach dem Grounding der Swissair, zerkratzten die UBS und die Credit Suisse mit ihren Risikogeschäften ziemlich das Image des Alpenstaates und die Raiffeisen stolperte im Expansionswahn gleich hinterher. Ähnlich wie sich die Schweizerische Post immer mehr vom Otto Normalverbraucher entfernt, verspielte die Postauto AG dank den Gelüsten auf mehr Boni das Vertrauen der landesweiten Mitinhabern, sprich Steuerzahler. Die SBB, wohl lernunfähig und beratungsresistent, schliddert immer mehr in die Negativzeilen mit ihrer Preispolitik bei Kindern mit Rentnern und als aufstrebenden Immobilien-Giganten mit Fokus auf Rendite, koste was es wolle. Das Gesundheitssystem verlässt das gemeinnützige Ideal durch Privatisierung von Spitälern und psychiatrischen Kliniken. Es wird ständig diskutiert, wer die Kosten für die Räumungsarbeiten in Bondo bezahlen soll, was die Sicherheit am WEF in Davos kostet und in Bundesbern wird über die Kürzung der Sozialleistungen für Menschen am Rand der satten Gesellschaft debattiert.

Sie haben Recht, jetzt sieht es der Verfasser doch allzu pessimistisch. Wir haben ja unsere SRF gerettet, die Zürcher Kantonsregierung schuf den 5-Frankenzuschlag auf den Schiffen ab und schlussendlich sind unsere Seen inzwischen so sauber, dass überall darin gebadet werden kann, auch wenn die Berufsfischer für sich engmaschigere Fangnetze reklamieren, da die Fische nicht mehr so groß werden, wie damals im trüben Wasser … jetzt muss ich schauen, dass ich mich nicht verheddere.

Urs Heinz Aerni

(Die Kolumne erschien zuerst in der Zeitung Bündner Woche)

Der passende Buchtipp: „Total alles über die Schweiz“, Susann Sitzler, Folio Verlag, ISBN 978-3-85256-673-3