Ist das Heilmittel auch die Ursache?

Wenn eine „verlorene Seele“ durch Prediger und Missionare von Süchten befreit wird, ist das ja was Gutes, nicht? Auch wenn die Geld- und Machtgier der großen Religionen die Entwicklung von Zivilisationen eher prägte. Mit heiligen Symbolen, Schwertern und Maschinengewehren wurden ganze Kulturen überrannt und niedergetrampelt. Nicht nur vom Abendland aus Richtung Osten und Süden; unter den Völkern vor der Kolonialzeit und im Altertum sah es nicht anders aus: Kopf ab bei einem Nein zum Übertritt. Überzeugt vom eigenen Weltbild, versuchte der Mensch immer, andere davon zu überzeugen, und wenn dann noch eine Heilshoffnung durch diese Tätigkeit gestärkt wird, erst recht. Es liegt nun mal in seinem Naturell (Gott weiß warum), dass der Mensch erstens nach Antworten und Erlösung sucht, und zweitens, bei deren Fündigkeit, anderen davon enthusiastisch Mitteilung machen will. Dann nistet sich die Mehrheit in einen kuscheligen Glauben, der für alles eine Antwort weiß. Oft ist die Suche dann abgeschlossen, und der Absolutheitsanspruch würgt jegliches bescheidene Weiterfragen- oder gar suchen ab. Die Gründer von Religionen und Glaubensbewegungen wünschten nun mal das Weitersagen ihrer Botschaften, und wenn das heute Missionare zwischen Steppen und Dschungel, in Einkaufsstraßen oder vor Kameras tun, kommt dann und wann eine gestrandete Seele vom Alkohol oder Glücksspiel los. Gut und schön. Nur die Frage, warum er zur Sucht gekommen ist, könnte uns wieder zum Anfang eines Kreislaufes führen: Siehe oben.

Der passende Buchtipp: „Religion, Gewalt und Krieg“ von Heinz-Günther Stobbe, Kohlhammer Verlag

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Wissen, Kampfmittel gegen Gewalt?

Es ist wieder mal so weit. Der futuristisch anmutende ICE von Zürich nach Lausanne bleibt unter dem Metallgewölbe des Oltner Bahnhofs stehen. Da sitzen sie nun, die lärmenden Schulklassen, das Rentnerehepaar, der amerikanische Tourist und die gegenüber sitzenden jungen Damen. Die eine strickend, die andere in die Elektronik des Handys und der Kopfhörer abtauchend. Zehn Minuten … eine halbe Stunde, und das alles ohne plärrende Orientierung durch die Lautsprecher. Die Luft wird stickig, die Stimmung gereizt. Kopfschütteln, Fingertrommeln, Aufstehen und Hinsetzen kündigen aufkommende Aggressionen an. Unsicherheit entsteht durch Unwissenheit. Warum geht es nicht weiter? Was ist passiert? In diesem Moment versagt unsere Informationsgesellschaft einmal mehr. Wie viele Passagiere hätten ihr Königreich für eine Erklärung zur rechten Zeit gegeben … Können Wissen, Information oder Aufklärung aufsteigende Aggressivität dämpfen? Führt vernetztes Verstehen zu Geduld und Nachsicht? Die Meinungen gehen auseinander.  Simone de Beauvoir sagte mal: «Die Unwissenheit ist eine Situation, die den Menschen so hermetisch abschließt wie ein Gefängnis.» Die festsitzenden Zugreisenden hätten bei diesen Worten kräftig applaudiert.

Wissen ist nicht Wissen

In diesem anscheinend grundlos stehenden Zug sitzen Menschen, die vielleicht einen PC zusammensetzen, ein langes Gedicht aufsagen oder chemische Formeln erklären könnten. Doch trotz all dem hier versammelten Konzentrat an Wissen und Fähigkeiten kommt der Zug nicht ins Rollen, und das Klima wird auch nicht besser – in jeder Hinsicht. So vielfältig unsere pluralistische Gesellschaft sich präsentiert, so einfältig kann spezifisches Wissen oder fachkompetente Kenntnis in gewissen Situationen des Lebens sein. Ein Fakt, der im Alltag wie in großen Weltanschauungsfragen ersichtlich wird. Thomas Avenarius bestätigt in einem Artikel in der Süddeutschen Zeitung die oft erwähnten Verdachtsmomente, dass junge Menschen in gewissen Koranschulen eher eine «Gehirnwäsche denn eine theologische Bildung» erführen. Dass diese Problematik aber nicht als islamisches Phänomen betrachtet werden darf, sondern alle Ideologien und Religionen betrifft, bestätigt Dr. Arthur Schärli, Präsident der Allgemeinen Berufsschule Zürich: «Wenn man daran denkt, was in früheren Jahrhunderten im Namen des Christentums oder auch heute noch in Nordirland – geschehen ist, dann nützt hier auch ‹vertiefte Kenntnis› nicht besonders viel.»

Der Buchautor und Professor für Geschichte und Germanistik Bernhard von Arx (1924 – 2012) aus Zürich plädierte für die Breite der Bildung: «An höheren technischen Lehranstalten kann oft nur noch von Ausbildung statt Bildung gesprochen werden. Dies als Folge des heutigen Trends, unter dem Druck der Wirtschaft genügend Fachkräfte (und eben nicht gebildete Menschen) heranzuzüchten. Das kommt davon, dass seit der industriellen Revolution im 19. Jahrhundert der Glaube an die unbeschränkte Machbarkeit dank Forschung immer mehr gewachsen ist. Dazu tritt die immer stärkere Spezialisierung, sodass sich etwa zwei Physiker mit derselben Grundausbildung nicht mehr ohne weiteres verstehen.»

Michael Forcher, Historiker und ehemaliger Verleger in Innsbruck, formuliert den Gedanken, wie eventuell eine «bessere Gesellschaft» als Reaktion darauf installieren könnte, «dass man die Schwächeren weniger unterdrückt, wenn man Geige spielt statt Börsenkursen nachhechelt, wenn Harmoniebedürfnis gegenüber Konkurrenzkampf aufholt».

Wissen ist Macht, Unwissen macht ohnmächtig

Auf die Weltgeschichte zurückblickend, muss die Tatsache registriert werden, wie Wissen bewusst als Manipulierinstrumentarium angewandt wurde. Bei Lichte betrachtet, dürfte man jedoch auch zur Überlegung gelangen, dass Unwissenheit dienlich für die Beeinflussung war. Gerne wird auf die Nazi-Zeit verwiesen, da ja die dominierenden Schergen nicht dumm oder ungebildet gewesen seien. Nun, waren sie wirklich gebildet? Kann man von Bildung reden, wenn mit großer Wortgewaltigkeit um sich geschlagen und eine gut durchdachte Rhetorik eingesetzt wird? Es ist keine historische Neuentdeckung, wenn beschrieben wird, wie Massen durch inszenierte Dramaturgie in alle gewünschten Richtungen bewegt worden sind. Wie verhielten sich die gebildeten Menschen, oder anders formuliert, die Menschen, die im Bilde waren? Wie viele machten sich ein kritisches Bild? Eine Frage, die nicht befriedigend zu beantworten ist. Allerdings werden in totalitären Systemen diejenigen verfolgt, die hinterfragen, die mehr wissen wollen oder zu zweifeln wagen. Wissen kann Macht generieren oder die Macht entmächtigen. Die Reformation wurde unter anderem durch die in Volkssprachen übersetzten Bibeln möglich. Das Volk begann zu lesen und zu wissen. Es begann Eigenverantwortung wahrzunehmen. Das eigene Schicksal konnte in die eigenen Händen genommen werden. Aus war es mit dem Fatalismus oder dem blinden Vertrauen gegenüber Zeitgenossen, die sich als Seelen- und Wissensverantwortliche sahen. Die daraus wiederum entstandene neue Gewalt durch Kriege, Aufstände und Revolten manifestierte erneut die Begrenztheit des Weiterdenkens. Trotzdem kann Gewalt durch Verständnis verhindert werden. Dieses Verständnis basiert auf Verstehen und Verstehen wiederum auf Wissen.

Bescheid zu wissen, ist beruhigend. Ein Aufatmen der Erleichterung geht durch die ICE-Sitzreihen, als der Schaffner mit lockerer Krawatte und gewinnendem Lächeln dann doch noch mit Red und Antwort für das zögerliche Fahrverhalten erscheint. Als die Fahrgäste zu verstehen geben, wie ärgerlich die Dreiviertelstunde mit stummen Lautsprechern war, sagt der verblüffte Mann: «Das habe ich gar nicht gewusst.»

Hoffen wir für 2016 auf fahrende Züge und auf Frieden, gestützt aufs Wissen und Verstehen.

 

Das Cover stammt von diesem Buch: „Eine Geschichte des Lesens“ von Alberto Manguel, ISBN/EAN: 9783596175154, 480 S.