Der Zu­gang durch die Hin­ter­tü­re

Warum kam die Postauto AG in Chur vor einigen Monaten auf die Idee, neu den hinteren Sichteinstieg einzuführen? Viele Jahre war man sich gewohnt, nur vorne einsteigen zu dürfen, damit niemand schwarz fährt. Im Berner Oberland ging mir dann ein Licht auf.
Über 20 Ornithologen wollten hoch auf den Gurnigel fahren, da viele Zugvögel gen Süden ziehen. Der Fahrer war etwas knapp in der Zeit und begann, die Fahrscheine zu verkaufen, Tickets zu knipsen und GA-Besitzer durchzuwinken. Aber unter den mit Fernrohr und -glas bewehrten Reisenden gesellten sich auch Inhaber des neuen Swiss Passes.
Sie wissen, das Nachfolgeprodukt des GA*. Sieht schön patriotisch rot aus. Der Chauffeur nahm das Ding in die Hand und hielt es an ein Gerät, um die Daten zu checken oder auszutauschen.
Ich stand da, sah ihm zu. Hinter mir die Schlange der Passagiere, geduldig, aber unter keimender Anspannung.
Ich versuchte, etwas aufzulockern und sagte zu ihm: «Schauen Sie doch gleich nach, wie viel ich noch auf dem Bankkonto habe.» Die sitzenden Fahrgäste lachten, hinter mir verdrehen die anderen die Augen und der Fahrer verlor die Nerven, da das Gerät nicht flott zu funktionieren schien. Er gab mir diesen Swiss Pass zurück und liess mich durch, zugleich öffnete er die hintere Türe für den Masseneinstieg.
Jetzt sind meine Daten für die Fahrt auf den Gurnigel nicht gespeichert, und es klafft eine Lücke in der Kette der protokollierten Fahrten mit meinem hochroten Swiss Pass. Die Postauto AG in Graubünden traf wohl eine weise Entscheidung.
Liebe Feriengäste, ein fröhliches Einsteigen und gute Fahrt!

*Für Leserinnen und Leser aus Deutschland und Österreich: mit dem Generalabonnement (GA) kann man ein Jahr lang mit fast allen Zügen, Schiffen, Bussen und Straßenbahnen fahren. Das kostet so zwischen 3.000 und 6.000 Franken, ja nach Klasse.

Wich­tig­tue­rei oder ge­nia­ler Trick?

Warum hält er die Hand hoch? Ihnen ist es sicher auch schon aufgefallen, als genauer Beobachter des Geschehens auf den nationalen und internationalen Fußballplätzen: Immer wenn ein Spieler zum Freistoß oder zum Eckball antritt, dann schaut er Richtung Tor und seinen Leuten und – jetzt kommts – er hebt einen Arm hoch.
Was steckt dahinter?
Deutlich, bewusst und demonstrativ. Aber warum tut er das? Ist das ein Zeichen eines einstudierten Tricks? Kaum, denn das machen ja mittlerweile alle. Oder heisst das: «Achtung, ich trete jetzt den Ball» oder «Schaut her, ich lege los» oder «Kameras zu mir»? Macht er das, damit der Torhüter irritiert wird? Handelt es sich um eine Entspannungsübung gegen das Lampenfieber? Hilft es bei der Konzentration oder gar bei der Durchblutung einer der Zehen?
Ein Gast neben mir in einer Hotelbar in Lenzerheide meinte kürzlich, dass die Teamkollegen ihn so besser sähen. Auf Fußball-Internetforen wird intensiv gemutmaßt: Abgesprochene Laufwege, vereinbarte Timings oder Warnung.
Ich weiß nicht.
Nun, exklusiv für Sie, liebe Leserin und lieber Leser, fragte ich den Fußballexperten und Fernsehmoderator Marcel Reif. Und hier seine klare Antwort: «Das mit dem hochgestreckten Arm ist absoluter Nonsens und nur eine modische Wichtigtuerei. Ich freue mich jedenfalls immer, wenn nach der großspurigen Ankündigung der Ball wenigstens halbwegs vernünftig in den Strafraum kommt.»
Jetzt wissen wir es dank dem Experten:
The Show Must Go On.

Hochsensibel?

Urs Heinz Aerni: Brigitte Schorr, Sie befassen sich professionell mit Menschen, deren Nervensysteme auf äußere Reize empfindlicher reagieren als der Durchschnitt. Die Rede ist von Hochsensibilität, kurz HSP. Wo beginnt denn diese im Vergleich zur Normalsensibilität? Wo gibt es dazu Anhaltspunkte im Alltag?

Brigtitte Schorr: Natürlich sind alle Menschen der Wahrnehmung fähig, ob hochsensibel oder nicht. Hochsensible nehmen aber im Gegensatz zu Normalsensiblen alles viel stärker und intensiver wahr – so kann bereits das schrille Geräusch des rasselnden Weckers das Nervensystem nachhaltig in Aufruhr bringen. Alltägliche Geräusche oder Gerüche können gar das innere Gleichgewicht belasten.

Aerni: Kann diese hochsensible Veranlagung auch in eine Stärke umgewandelt werden? Im Beruf zum Beispiel oder generell im Leben?

Schorr: Zur Stärke wird die hohe Wahrnehmungsfähigkeit dann, wenn sie nutzbringend und lebensfreundlich bewusst in die Persönlichkeit integriert wird. Solange der oder die Betroffenen noch dagegen ankämpfen, wird die Hochsensibilität als Feind und Belastung betrachtet.

Aerni: Was geschähe, wenn mehr HSP in die Politik und in die Wirtschaft eingebracht würde?

Schorr: Ich kann mir vorstellen, dass es ethischer, ruhiger, nachdenklicher und vielleicht auch langsamer zuginge. Durch ihre in der Regel hohen Ansprüche an sich selber und andere hätten Hochsensible sicher das Potential, Konflikte zu entschärfen, Konsens zu suchen und eine nachhaltige und bewusste Politik zu verfolgen. Durch ihre Verletzlichkeit suchten sie wahrscheinlich mehr das Gespräch und den Austausch.

Aerni: Sie beraten, geben Vorträge und bilden Fachpersonen aus. Was hat sie motiviert, für die Hochsensibilität aktiv zu werden? Wo sahen Sie, dass ein Handlungsbedarf besteht?

Schorr: Eigentlich wollte ich mich einem Netzwerk anschließen – ich dachte, es müsste doch schon Fachpersonen geben, die sich mit dem Thema beschäftigen und sich darauf spezialisiert haben. Das war aber nicht der Fall. Gleichzeitig erlebe ich, dass das Bedürfnis bei den Betroffenen sehr groß ist, mehr darüber  zu erfahren. In einer Zeit der Unruhe und des schnellen gesellschaftlichen Wandels sind es wohl vor allem zunächst die Hochsensiblen, die da nicht mehr mithalten können oder wollen.

Aerni: Wenn man bei sich selber Verdachtsmomente ausmacht, die Indizien für eine Hochsensibilität sein könnte, was sollte getan werden? Was wären die nächsten Schritte?

Schorr: Zum Einordnen der eigenen Beobachtungen können Fragebogen zum Thema eine gute Hilfestellung sein, sie helfen, das mögliche Bild einzukreisen. Danach könnte man an sich selbst genauer beobachten und sich fragen, wie sich meine hochsensible Veranlagung bemerkbar macht. Oder in welchen Bereichen bin ich besonders empfindlich, in welchen nicht? Wenn der Leidensdruck sehr groß ist, kann das Gespräch mit einer Fachperson hilfreich sein, die sich auf das Thema spezialisiert hat.

Aerni: Wie schuldig ist die Gesellschaft, dass HS zunehmend ein Thema wird? Oder fördert der Zeitgeist  dahinter?

Schorr: Ich spreche nicht gerne in Begriffen wie Schuld – das ist ein sehr großes Wort. Allerdings gibt es Verantwortung und da kann man in unserer Gesellschaft allerdings beobachten, dass die Verantwortung sensiblen Menschen gegenüber nicht genügend wahrgenommen wird. Hochsensible haben oftmals ein seismografisches Gespür für das, was nötig ist. Wenn zum Beispiel normalsensible Politiker oder Manager lernen würden, Hochsensible bewusst in ihre Entscheidungen miteinzubeziehen, wäre so eine Katastrophe wie die Finanzkrise wahrscheinlich nicht passiert…

Brigitte Schorr studierte Soziologie, Verhaltens- und Erziehungswissenschaften und gründete in der Schweiz das Institut für Hochsensibilität. In ihrem neuen Buch „Hochsensible Mütter“ (Hänssler Verlag) liefert sie Denkanstöße und Anregungen für Mütter, die mit der Flut von Reizen mit ihrem Wahrnehmungsvermögen an Grenzen stoßen.

Der Link zum Buch…

Das Interview mit Brigitte Schorr auf RADIO FREIRAD Innsbruck

„Wort-Wald-Gänge“

Unterwegs im sprachlichen Herkunftsgelände mit Hanspeter Müller-Drossaart. Urs Heinz Aerni im Gespräch mit Hanspeter Müller-Drossaart zu seinem Gedicht-Band in Obwaldner Mundart „zittrige fäkke“.

Urs Heinz Aerni: Nicht nur die Sprache prägt unser Leben seit Kindheit, sondern auch deren soziales Umfeld. In Ihrem Buch widmen Sie sich dem Obwaldnerischen, ein bewusstes Erinnerung an frühere Zeiten via Sprache?

Hanspeter Müller-Drossaart: Angestiftet von Geri Dillier für seinen jährlichen Literatur-Event in der Krone Giswil eine Mundart-Geschichte zu schreiben, wurde mir die Begegnung mit meiner ursprünglichen Heimatsprache zur eindringlichen Begegnung mit meinen Wurzeln. Schreibenderweise wurde mir im steigendem Maße bewusst, wie reichhaltig und umfangreich Sprache und Sozialisation durch meine familiäre lokale Wiege meine Identität fundiert haben. Die ersten Töne und Klänge, die wir auf unserer irdischen Reise wahrnehmen, prägen unser Vertrauen ins Leben unverwechselbar. Da mich mein Beruf in viele Idiome und Fremdsprachen führt, wirkte die Schreibarbeit am „fäkke-Buch“ wie eine heilsame „Rückführung“, ein „Wieder-nach Hause-kommen“ der erkennenden und tröstlichen Art.

Aerni: Beim Lesen oder Hören Ihrer Texte wähnt man sich in einer Art melancholischer wie augenzwinkernder Verbundenheit mit Menschen und Momente. Wieso?

Müller-Drossaart: In der Hoffnung, dass diese Mischung letztlich auch die Leserschaft des Buches ansprechen wird, muss ich gestehen, dass sich mir die Texte in Ihrer Ambivalenz zwischen dunkel sombrierten und heiteren Themen oft von sich aus aufdrängten. Ich wurde mit der Aufgabe beschenkt, den zu beschreibenden Momenten und Ereignissen begrifflichen Zugang, Sprache und Form zu verleihen. Und natürlich erlaubte ich mir da und dort auch mit großer Lust die eigenen Erfahrungen schlitzohrig-erfinderisch zu erweitern und leise lächelnd dem Tschifeler* Heimattheater ein paar weitere erdig-heitere Rollen beizufügen.

Aerni: Ihre Texte in der obwaldnerischen Mundart heimeln auch Bündner, Zürcher oder Schaffhauser an. Was passiert mit uns in solchen Momenten Ihrer Meinung nach?

Müller-Drossaart: Mir scheint, unsere globale Sehnsucht, immer und überall die Welt als Ganzes bei sich zu haben, fördert auf der Kehrseite das Gefühl von fehlender Verortung, von Heimatlosigkeit. Wir sollten den Boden, den seelischen wie den physischen kennen, wo wir die ersten Schritte gemacht haben, wo wir laufen lernten. Wenn wir Dialekte hören, sprechen, erinnern uns die Klänge an unsere eigenen Orte, führen uns in konkrete Lebensräume, deren wir uns für zugehörig fühlen oder die uns Wohlbefinden und Geborgenheit ahnen lassen.

Aerni: Ihre Gedichte vermitteln Vertrautheit zu den Protagonisten. Wie würden Sie die Herausforderung zwischen Empathie und Ironie beschreiben?

Müller-Drossaart: Zur Vertrautheit mit den „Rollen“ meiner Lyrik: Auch als Dichtender bleibe ich ein Schauspieler. Das heißt die tragendste Regel gegenüber den in den Gedichten sprechenden und/oder beschriebenen Figuren ist der Respekt ihrer Glaubwürdigkeit und ihrer Befindlichkeit gegenüber- auch wenn die Welt, in der sie für Momente zitiert werden noch so klein ist! Ich möchte den Figuren treu sein, in ihrer Größe und ihrer Beschränktheit. Das janusköpfige Paar Einfühlung und ironische Distanz dient dem dichterischen Anspruch dem Leser universelle Einsichten zu ermöglichen.

Aerni: Und…

Müller-Drossaart: …Die Herausforderung besteht darin, nicht in einem überheblichen besserwisserischen Gestus die Figuren zu verraten.

Aerni: Ihre Karriere führte Sie über Theaterbühnen, Drehorten und Studios quer durch die deutschsprachigen Ländern wieder zurück zu Ihrem Ursprungsort, zumal sprachlich. Was war die Initialzündung dafür?

Müller-Drossaart: Der unmittelbare Anlass war wie zuvor benannt, die Anfrage meines Redaktors Geri Dillier, an seinem Literaturanlass schreibenderweise mitzuwirken. Aber im Kern hatte sich seit längerer Zeit der Wunsch entwickelt, die wirklichen eigenen Sprachwurzeln ernsthaft und jenseits jeglicher Idealisierung zu befragen. Erfahren habe ich einen unerschöpflichen Reichtum im gedanklich-begrifflichen aber auch im rein klanglich-atmosphärischen Ausdruck.

Aerni: Sie gehen auf Lesetour mit ihrem Buch, auf was können sich die Besucher gefasst machen?

Müller-Drossaart: Ich möchte in meiner Vortragsweise deutlich machen, wie verbindlich der Dialekt in mir rumort, mit welch differenzierter Musikalität die manchmal blühende, manchmal karge Sprache dieser besonderen Innerschweizer Mundart Räume zum Klingen bringt, die unsere Freude am Be-Greifen von Welt erfüllend befriedigen kann. Gemeinsam durch den Wort-Wald gehen und sich wundern über die Vielfalt!

 

Tschifeler* Die Obwaldner werden von den Nidwaldnern in zärtlicher Stichelei gerne als Heu-Räuber bezeichnet, die früher nächtlicherweise nid dem Wald schlichen, und in Rückentragkörben, eben den Tschiferen, den Nidwaldnischen das kostbare Viehfutter entwendet haben sollen. Hanspeter Müller-Drossaart

 

Das Buch:

Hanspeter Müller-Drossaart: zittrigi fäkke, Gedichte in Obwaldner Mundart. Beiliegend eine CD mit sämtlichen Gedichten, gesprochen vom Autor., ISBN/EAN: 9783952450109, Seitenzahl: 128, Format: 230 x 140 mm, Gebunden

 

Der Autor:

Hanspeter Müller-Drossaart wurde 1955 in Sarnen (Schweiz) geboren und lebt heute als Schauspieler und Kabarettist mit seiner Familie bei Zürich. Mit Filmen wie«Grounding» und «Die Herbstzeitlosen» wurde er dem breiten Publikum bekannt. Ein vertrauter Name ist er Literaturfreunden als Leser im «Literaturclub» (3sat) und in der Sendung «52 beste Bücher» von Radio SRF2 Kultur. Große Theatererfolge feierte er u. a. mit „Top Dogs“ und „Dällebach Kari“. Nach dem Kabarett-Stück«Menü 3» ist Müller-Drossaart mit «Himmelhoch» auf Tour. Aktuell ist er auch inKrimi– und Fernsehfilmen zu sehen.

Gibt es eine Schweizer Literatur und warum Kleingedrucktes sie hemmt.

Nein, ich bin kein Schweizer Schriftsteller, sondern ein deutschsprachiger», sagte Catalin Dorian Florescu am 22. September 2012 an einer Literaturveranstaltung am Bodensee, in einem bestimmten und deutlichen Ton, der zu verstehen gab, dass der Begriff «Schweizer Literatur» passé sein soll.

Im Harenberg Literaturlexikon (Ausgabe 1997) wird unter «Schweizerische Literatur» auf Seite 1128 verwiesen: «Übersicht Deutschsprachige Literatur». Beim Aufblättern präsentieren sich Namen in einer Liste ohne Länderangabe mit Geburts- und Todesjahr und den wichtigsten Buchtiteln. «Mehr oder weniger», schrieb Klaus Pezold im Buch «Geschichte der deutschsprachigen Schweizer Literatur im 20. Jahrhundert» (Berlin, 1991), würden Schweizer Autoren «direkt der Literatur der Bundesrepublik zugeordnet, während gleichzeitig die Literatur der DDR und zumeist auch die Österreichs eine gesonderte Darstellung» fänden.

Regional- statt Nationalliteratur?

Angesichts dessen, dass die Schweiz weniger Einwohner als die Bundesländer Baden-Württemberg oder Bayern aufweist, müsste die Frage erlaubt sein, ob nicht eher von einer Regionalliteratur gesprochen werden soll. Also im Vergleich mit der schwäbischen, tirolerischen, hessischen oder niedersächsischen. Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels zeichnet jährlich den «besten Roman in deutscher Sprache aus», also haben durchaus Schreibende aus Österreich und der Schweiz eine Chance. Beim Schweizer Buchpreis hingegen vergibt die Jury eine «Auszeichnung für das beste erzählerische oder essayistische Werk einer Schweizer Autorin beziehungsweise eines Schweizer Autors».

2010 erhielt die als fünfjähriges Mädchen eingewanderte Melinda Nadj Abonji den Deutschen sowie den Schweizer Buchpreis. Der letztjähriger Preisträger in Deutschland, Lutz Seiler, hätte für den Schweizer Preis keine Chance, da er weder Schweizer ist noch in der Schweiz lebt. Wieso dieser Unterschied, wieso keine Schweizer Variante analog zum Deutschen Preis? Warum die geografische, ja, politische Einengung?

Dorothee Elmiger, Matthias Zschokke und Thomas Hürlimann stammen aus der Schweiz, leben und schreiben aber in Berlin, Monique Schwitter in Hamburg. Michail Schischkin und Zsuzsanna Gahse sind in Russland und Ungarn geboren, aber mittlerweile in der Schweiz eingebürgert. Wer von den Genannten gehört nun zur Schweizer Literatur? Heinz D. Heisl aus Innsbruck und Birgit Kempker aus Wuppertal haben ihren Wohnsitz in der Schweiz und beide schreiben größtenteils hierzulande an ihren Büchern. Die in Schaffhausen geborene Ursula Fricker lebt schon eine Ewigkeit bei Berlin und ihr Roman «Außer sich» lässt sich weder geografisch noch politisch, sondern nur in seelischen und psychologischen Welten verorten. Silvio Huonder lebt und schreibt ebenso seit vielen Jahren am Schwielowsee in Brandenburg. Nach seinem ortsneutral gehaltenen Roman «Dicht am Wasser» führt «Die Dunkelheit in den Bergen» nach Graubünden, in seinen Herkunftskanton. Mittlerweile ist er Doppelbürger. Sibylle Berg, geboren in Weimar und heute in der Schweiz zu Hause, ist ein Teil des eidgenössischen Literaturschaffens.

Weltliteratur aus dem Hinterland

Der Großteil der in der Schweiz produzierten Literatur ist mit dem gesamtdeutschprachigen Markt verknüpft. Eine Buchhändlerin in Hausach in Baden-Württemberg las das Buch «Spaziergänger Zbinden» des Berners Christoph Simon und war dergestalt begeistert, dass sie es allen ans Herz legte, so dass das Buch im schwarzwälderischen Kinzigtal zum Bestseller wurde. Simon erzählt darin die kleine Welt eines Mannes im Altersheim, von der er bei seinen Spaziergängen einem Zivildienstleistenden erzählt, ja, schwadroniert. Die Lektüre lässt die vielen Gedanken der Hauptfigur zu einer großen Welt im Kopf des Lesenden werden.

Eine gewisse Ähnlichkeit findet sich im lesenswerten Roman «Hungertuch» des Schriftstellers Martin Stadler aus dem Kanton Uri. In diesem dichten Textkonvolut thematisiert Stadler nicht nur die engen Sorgen und Mühen der Bewohner eines Dorfes in der Zentralschweiz, sondern eigentlich die Fragen, die jeden Weltenbürger umtreiben. Und Peter Stamm wurde als Stadtschreiber nach Mainz eingeladen. Vielen Leserinnen und Lesern in Deutschland ist seine Thurgauer Herkunft nicht bewusst.

Allerdings erscheinen immer wieder Bücher, die genau das Gegenteil versuchen, indem sie die Texte und Geschichten bewusst mit dem lokalen Umfeld einfärben. Ein Musterbeispiel dafür ist der Roman «Vrenelis Gärtli» von Tim Krohn, der 2007 ein eidgenössischer Bestseller wurde. Arno Camenisch baut in seiner Trilogie «Sez Ner», «Hinter dem Bahnhof» und «Ustrinkata» Versatzstücke aus dem Rätoromanischen und bündnerische Mundart in den deutschen Text ein. Beide Autoren lassen den melodischen Klangs des Dialekts aus den Kantonen Glarus respektive Graubünden erklingen, was das eigene Lesen zu einem Abenteuer macht und den Duft der Alpenwiesen und Ziegenställe in die virtuelle Nase aufsteigen lässt. Typisch Schweizer Literatur? Da werden Leserinnen und Leser in Deutschland und Österreich heftig nicken, obwohl bei Krohn und Camenisch keine Mundart-Literatur vorliegt, sondern das Schwergewicht auf der Hochsprache liegt.

Die Robert Bosch Stiftung in Stuttgart zeichnet «deutsch schreibende Autoren nicht deutscher Muttersprache» aus. Dazu gehören zum Beispiel Terézia Mora, Artur Becker, Sudabeh Mohafez, Feridun Zaimoglu, Ilma Rakusa und Zsuzsa Bánk. Sie alle schreiben auf Deutsch, aber lassen zum Teil Erzählstrukturen und Sprachklänge bewusst aus ihrer ursprünglichen Sprachlandschaft mit einfließen, so dass mit der deutschen Sprache ganz Neues passieren kann. Ihre Bücher werden nicht als polnische oder türkische Literatur in der Presse besprochen – für die einen ein Dilemma, für die anderen ist es ziemlich wurst, Hauptsache, das Buch ist gut.

Literarische Binnengrenze

Schweizer Literatur hört oft binnenmäßig bei der Sprachgrenze Gotthard oder Jura auf. Auch für Verlage und Herausgeber. Als der Literaturprofessor a. D. Peter von Matt mit dem Verleger Dirk Vaihinger von Nagel & Kimche 2002 eine Sammlung der «Schönsten Schweizer Gedichte» veröffentlichte, wurde kritisiert, dass die Lyrik aus der nichtdeutschsprachigen Schweiz fehle. Auch wenn der Titel vielleicht anders hätte heißen sollen, ist die editorische Vorgehensweise nachvollziehbar. Literatur ist sprachspezifisch und funktioniert dementsprechend auch in diesem Sprachraum.

Die Literaturszene und die Buchbranche in der französischen wie italienischen Schweiz richten sich genauso stark auf das gleichsprachige Ausland aus, wie es die deutsche Schweiz tut. Für Hobbypatrioten scheint dieser Umstand störend zu sein, aber für großzügige Geister gehört es zur Schweiz, wie sie eben ist.

Die hartnäckige Nachhaltigkeit in der Wahrnehmung von Frisch und Dürrenmatt als die Schweizer Literatur basiert wohl auf ihrer Auseinandersetzung mit der Schweiz. Es gibt aber drei profanere Gründe, denn Lukas Bärfuss, Adolf Muschg und Peter Bichsel reflektieren auch heute die schweizerische Befindlichkeit.

Erstens: Nach der Katastrophe des Zweiten Weltkrieges lechzte Deutschland nach Autoren, die deutsch schreiben, aber woanders herkommen.

Zweitens: Die Öffentlichkeit sowie die beiden Autoren liebten und nutzten lange Debatten, Diskussionen mit Bühnenpräsenz, die die heutige Häppchenkultur der Medien fast nicht mehr zulässt.

Drittens: Im Lärm und Getöse der medialen Masse mit Eventzirkus, Promi-Talks und nervösem Klicken im Web verpixelt sich ein Essay, ein kritisches Buch oder ein langes Interview im Kulturteil der Zeitung schneller, als dass ein PC heruntergefahren werden kann.

Pedro Lenz ärgerte sich vor Jahren in einem Interview mit der «Zeit» über die gesellschaftliche Verdummung und appellierte für mehr Solidarität im Land. Doch wie lange hallt dieses Anliegen in einer Gesellschaft nach, die immer mehr einer Maximalrendite nachrennt und Gratisblätter aus den Boxen zupft, weil es nichts kostet?

Fazit: Im 21. Jahrhundert kann die Literatur nur noch dann länderspezifisch eingeordnet werden, wenn konkret sprachliche Referenz angewandt wird.

Ladehemmung im Literaturexport

Die Vermittlung der Literatur ist hierzulande ein anderes und oft auch ärgerliches Thema. Im Verlag Nachtmaschine in Basel erschien 2008 der Roman «Das böse Mädchen Gisela» von Markus Stegmann, das durch den Literatur-Fachausschuss der beiden Basler Kantone mit großer Begeisterung gefördert wurde. Doch nach Erscheinen war es totenstill um die kunstvolle Erzählung aus der Sicht eines Mädchens, das nicht von dieser Welt ist. Der Roman ist im wichtigen Verzeichnis der lieferbaren Bücher (VLB) nicht auffindbar. Entweder bezahlte der Verlag, die Registrierungsgebühr nicht, oder er hat es vergessen. So bleibt der schöne und mit Steuergeldern geförderte Roman für die breite lesende Öffentlichkeit ein Geheimnis (auf der Website des Autoren oder beim Schwabe Verlag ist es heute zu kaufen!).

Anfragen in Buchhandlungen in Berlin, Karlsruhe und Dortmund ergeben, dass der Schweizer Autor Franz Hohler nach wie vor bekannt ist. Dennoch staunten die Buchhändlerinnen jeweils nicht schlecht, als nach dem Titel «Eine Kuh verlor die Nerven» gefragt wurde. Sie kennen seine Titel, die im in den Randomhouse-Konzern integrierten Verlag Luchterhand erschienen sind, aber das erwähnte Buch im Knapp-Verlag in Olten kennen sie nicht.

Die kostenintensive und komplexe Vertriebsstruktur im deutschsprachigen Buchhandel garantiert eine Liefergeschwindigkeit, die fast nur vom Medikamentenvertrieb für Apotheken übertroffen wird. Die schwindelerregende Vertriebsperfektion kostet Geld, das kleinere Verlage sich nicht leisten können. Zwei Beispiele: Von der Krimiautorin Mitra Devi erscheinen die Geschichten der Privatdetektivin Nora Tabani im Appenzeller Verlag. Schöne gebundene Bücher mit vorbildlichem Lektorat. Wegen fehlender Vertriebsvertretung im Ausland bestellt keine Buchhandlung in Österreich oder in Deutschland davon einen Stapel für die Krimiabteilung.

«Boarding Time» heißt der letzte Kriminalroman des Berners Peter Hänni über die Erprobung von Freundschaften von drei Touristen in Südafrika wegen einem Mord. Hierzulande genießen beide Schreibende Erfolge, gute Besprechungen und Absatzzahlen von 3000 bis 5000 Exemplaren, die für Schweizer Verhältnisse erfreulich sind. Ab deutscher und österreichischer Grenze ist jedoch Schluss mit der Präsenz. Erscheinen diese Romane später als ­Taschenbücher, in diesen Fällen beim Unionsverlag und dtv, dann interessiert sich das Feuilleton nicht mehr dafür, da es keine Novitäten mehr sind. Mit anderen Worten: Eine ausgeklügelte und kostenintensive Buchhandelsstruktur lässt gewisse Verlage aus kaufmännischen Gründen verzichten, mit der Erstausgabe im benachbarten Ausland zu werben.

Hemmendes Kleingedrucktes

Hemmend für eine Artenvielfalt der Literatur können auch die Teilnahmebedingungen für den Schweizer Buchpreis sein, die besagen, dass teilnehmende Verlage Mitglied des Schweizer Buchhändler- und Verleger-Verbandes (SBVV), des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels oder des Hauptverbandes des österreichischen Buchhandels sein «müssen». Was, wenn der Verlag sich eine Verbandsmitgliedschaft nicht leisten kann, aber schöne Literatur macht? Genau genommen müsste von einem verbandsinternen Wettbewerb die Rede sein und nicht von der Auszeichnung einer Kunst. Zusätzlich muss der Verlag «rechtlich selbstständig» sein. Wieso eigentlich? Der Christoph Merian Verlag ist zwar Mitglied beim SBVV, aber rechtlich in einer Stiftung eingebettet, also nicht als Unternehmen selbstständig. Im Wolfbach Verlag, eine Edition mit langjähriger Tradition und eine Marke eines Unternehmens in Deutschland, erscheint eine wunderschöne Lyrik-Reihe, herausgegeben von Markus Bundi. Da erscheinen Texte von Christian Haller, Beat Brechbühl, Klaus Merz oder der jungen Eva Seck. Gilt die Mitgliedschaft der Mutterfirma mit anderem Namen beim Börsenverein des Deutschen Buchhandels für die Eingabe beim Schweizer Buchpreis? Hätte die feine Edition BAES mit Sitz im österreichischen Zirl als Herausgeberin von junger Schweizer Literatur wie Daniela Dill oder Amina Abdulkadir überhaupt Chance beim Buchpreis? Unnötige Bedingungen und komplexe Regeln können für so manchen Text die Starterlaubnis verhindern.

In Anbetracht dessen, dass Schweizer Textilunternehmen in Indien produzieren, Schweizer Lebensmittelketten nach Deutschland expandieren und der Schweizer Buchhandel bis zu 85 Prozent vom deutschen Marktangebot lebt, müsste sich der Schweizer Buchpreis für die allgemein deutschsprachige Literatur öffnen, so dass eine Autorin oder ein Autor aus Österreich oder Deutschland das Preisgeld in Basel abholen dürfte, wie Melinda Nadj Abonji es 2010 in Frankfurt konnte. Nebenbei: Geerntete Äpfel auf Französischem Boden im Besitz eines Schweizer Bauern gelten als in der Schweiz produzierte Produkte…

Ein Blick in die ins Haus flatternden Verlagsprospekte kann den professionellen Kulturpessimisten wieder beruhigen. Kleine und neue Verlage wagen dem Bestsellerstrom mit neuen Büchern Paroli zu bieten. Verlage wie Silberburg, Luftschacht, Klever, Kyrene, Edition BAES, Limbus, Arco, Ink Press, Pudelundpinscher, Knapp, Schwarzdruck, Edition Meerauge, Edition Laurin, Babel oder Dahlemer Verlagsanstalt tun dies hartnäckig und mit Erfolg. Noch nie gehört? Unbedingt entdecken aber fragen Sie nicht, wo die verbandstechnisch Mitglied sind.

„Der Franken ist keine Casinowährung“

Andreas Meier ist Winzer, Unternehmer und kandidiert für die CVP Aargau als Nationalrat. Aus der Menge von Kandidaten und Politisierenden aller Farben und Meinungen, wurde er ausgewählt, ein paar Fragen zu aktuellen Themen zu beantworten.

 

Urs Heinz Aerni: Aus verschiedenen Gründen waren alle Atomkraftwerke nicht am Netz. Wo sehen Sie die Handlungsansätze für unseren Energieverbrauch?

Andreas Meier:  Begrifflich werden Strom und Energie leider immer wieder vermischt. Die Revisionen und die zusätzlichen Abschaltungen sind im Sommer eher verkraftbar als in den Wintermonaten wenn die Schweiz 8000 MW Strom benötigt. Eine Momentbetrachtung in diesem Sommer ergab einen Verbrauch über die gesamte Schweiz von 2700 MW, davon wurden 1100 MW importiert, im Wesentlichen aus AKWs und thermischen Kraftwerken.

Aerni: Bleiben wir bei der Elektrizität…

Meier: Mit der Energiewende sollen gemäß Bundessrat keine weiteren Großkraftwerke  mehr gebaut werden, die entstehende Lücke soll mit Energiesparen und nachwachsender Energie gefüllt werden. Dem Bürger wird eine sehr unrealistische Illusion vorgerechnet. Mit technologischen Innovationen und einer ressourcenschonenden Lebensweise soll es demnach in Zukunft möglich sein, mit 2000 Watt Primärenergiebedarf und einer Tonne CO2 pro Person und Jahr zu leben – dies ohne Kompromisse bei der Lebensqualität oder beim Wohlstand. Aktuell liegen die jährlichen Schweizer Durchschnittswerte inklusive importierten Konsumgütern bei 8300 Watt und rund 12,5 Tonnen CO2 pro Person, Tendenz weiter leicht steigend. Es braucht kein hellseherisches Talent um vorauszusagen, dass wir eher neue, moderne Großkraftwerke der nächsten Generation erstellen, als dass wir die gesteckten Energieziele erreichen.

Aerni: Kommen wir zu einem anderen Thema, das uns alle beschäftigt. Im Nahen Osten und in Afrika spielen sich menschliche Tragödien ab, was auch durch die Flüchtlingswelle zeigt. Welche Rolle spielt das C im Parteikürzel CVP für Sie zu diesen Problemen?

Meier:  Die Bilder der Flüchtlingsströme, berühren mich, sind beklemmend. Das C steht für die  Werte einer christlich sozialisierten Gesellschaft. In der Flüchtlingsfrage ist daher eine Großherzigkeit eine Schweizer Tradition und ist in der Bundesverfassung manifestiert. Beispiele in der Geschichte finden wir in der Aufnahme der Bourbaki-Armee, bei den polnischen Soldaten im Zweiten Weltkrieg, Ungarnaufstand, Prager Frühling, Boatpeople, Balkankriese und weitere mehr.

Aerni: Das waren große Herausforderungen aber wo klemmt es denn heute?

Meier: Eine Soforthilfe durch befristete Aufnahme ist nicht mit Asyl zu verwechseln. Nach der Genfer Konvention erhält Asyl nur, wer politisch verfolgt und bedroht wird. Große Migrationsströme aus Kriegsgebieten oder Armut fallen rechtlich in eine vorläufige Aufnahme als Hilfeleistung.

Aerni: Was gehört alles zu dieser „Soforthilfe“?

Meier: Allem voran ist Flexibilität auf allen Stufen und in allen Bereichen gefragt; vom Miltär über den Zivilschutz bis hin zu Rettungsorganisationen. Ein mittelfristiges und langfristiges Ziel ist jedoch zuerst eine Verhinderung der Traumatisierung der betroffenen Menschen und dass sie wieder in ihre Heimat zurückkehren und leben können. Eigene Erfahrungen im Umgang Menschen mit Status „F“ („Vorläufig aufgenommenen Ausländer“ Anm. d. Red.) zeigten mir in der Vergangenheit leider eine schwierige und ungenügende Integration und folglich keine glückliche Existenz in diesem Land.

Aerni: Also wo sehen Sie vor allem den Handlungsbedarf langfristig?

Meier: Aufklärung in den Herkunftsländern, Bekämpfung der Schlepperermafia, geordnete Rückführung und Hilfe zum Neuaufbau einer Existenz, z.B. durch Vermittlung von Kleinkrediten sollten unsere Strategie bestimmen.

Aerni: Große Ziele?

Meier: Ganz klar, nicht jedem Flüchtling wird dieses Ideal gelingen, nicht jeder Kredit wird zurückbezahlt, insgesamt sind die Chancen aber höher als die Risiken, wenn wir noch über Generationen eine „Diaspora“ durch Sozialhilfe stützen müssten, wie es Frankreich mit seinen Banlieus erlebt.

Aerni: Klingt das nicht etwas administrativ technisch?

Meier: Ich gebe Ihnen Recht, Schicksal trifft uns alle aber Lösungen sind nun mal nur mal auf technischem und politischem Weg möglich. Es gibt viel Leid auf dieser Welt und solches habe ich selber schon ansehen müssen – beispielsweise in Karthum mit fliehenden Müttern mit Kleinkindern aus dem Krieg des Süd-Sudan, in einem Aidsspital in Zambia, bei Menschen ohne Perspektive im Flüchtlingslager Zouerat in Mauretanien. Auch unter uns und hier in der Schweiz erleben wir individuelle Schicksalsschläge…

Aerni: Ja, aber genau die CVP hat doch angesichts der von Ihnen beschriebenen Umständen eine besondere Verantwortung…

Meier: Richtig, ich nehme mich dieser Verantwortung an, es gibt noch viel zu tun.

Aerni: Wir wechseln in die Wirtschaft. Unternehmen stehen vor großen Herausforderungen: Starker Franken, freie Märkte und Regulierung durch die Behörden. Wo sehen Sie den dringendsten Handlungsbedarf?

Meier: Unser Land ist seit dem 15. Januar (Aufhebung der Stützung des Schweizer Franken gegenüber dem Euro durch die Nationalbank) noch teurer geworden, der Stau am Zoll legt uns den Wettbewerbsnachteil für die Schweiz vor Augen und ist Anlass zur Sorge! Die Quantitative Lockerung  für neue Staatsanleihen in der EU, auch QE, quantitative easing (Ausweitung der Geldbasis durch Zentralbanken als Mittel gegen Rezession oder Deflation. Anm. d. Red.), ist seit letztem Januar atemberaubend. Die 1140 Mia Euro neue Staatanleihen im Rahmen vom QE vom Januar ist das größte geldpolitische Experiment der Geschichte. Die Anleger flüchten mit dem Geld in Länder mit hoher Bonität…

Aerni: unter anderem in die Schweiz…

Meier: Richtig. Der Franken ist keine Casinowährung, er ist stabil – stabil steigend seit vielen Jahrzehnten.

Aerni: Was zu unserem Problem wird.

Meier: Wie schon in der Vergangenheit geschehen, entsteht dadurch eine Verteuerung unserer Produkte, was die Industrie und das Gewerbe fordert. Es heißt, die Wirtschaft hätte genug Zeit gehabt sich auf diesen Kurssprung vorzubereiten. ‚Innovation‘ sei gefragt. Tatsächlich sind wir sehr innovativ aber in der praktischen Umsetzung verlieren wir leider Vorsprung oft an andere Länder.

Aerni: Gegenmittel?

Meier: Ein gutes Beispiel in die richtige Richtung zeigen Bund und Kanton mit dem Park „Innovaare“. An sich keine eigentliche Staatsaufgabe, braucht es für solche Anschubprojekte aber den nötigen Mut. Wir dürfen es staatspolitisch wagen, innovativ starke Unternehmen anzubinden und zu fördern.

Aerni: Der Staat als Antriebsmotor?

Meier: Da, wo es nötig wird, ja. Die Privatwirtschaft wie die Behörden möchten   nachhaltige und wirtschaftlich stabile Verhältnisse, das geht nur durch Kooperation statt durch ledigliche Koexistenz. Die Chancen stehen damit gut, eine neue Schlüsselindustrie zu generieren, von der letztlich auch viele weitere Unternehmen profitieren. Gut bezahlte Arbeitsstellen haben ein Haushaltsbudget in dem auch eine gute Flasche Wein noch gut drin liegt.

Aerni: Über was würden Sie gerne noch reden?

Meier: Das Wort „Freihandelsabkommen“ stünde noch … ist weites Feld.

Weitere Informationen über Andreas Meier finden Sie auf der Website und auf Facebook

 

 

Warum malen Sie mit Flüchtlingen?

Claudia Zürcher ist Kunsttherapeutin und malt mit Flüchtlingen. Sondierung.com stellte ihr Fragen.

 

Urs Heinz Aerni: Sie sind Kunsttherapeutin. Mann nennt es auch begleitetes Malen. Wer sind Ihre Kunden und warum kommen sie zu Ihnen?

Claudia Zürcher: Die kunsttherapeutischen Methoden, mit denen ich arbeite, heißen „Personenorientiertes Malen“ und „Lösungsorientiertes Malen“, die auf dem humanistischen Modell nach Carl Rogers basieren. In mein Malatelier im aargauischen Berikon kommen Menschen, die an sich arbeiten wollen, etwas in ihrem Leben verändern möchten. Sie kommen aber auch mit ganz konkreten Anliegen, einem Symptom wie zum Beispiel Schlafstörungen, Ängste, Beziehungsprobleme.

Aerni: Aber auch Kinder malen bei Ihnen?

Züricher: Richtig, ich biete einen Malnachmittag für Kinder an, bei dem es mehr um pädagogische Aspekte und Entwicklungsförderung geht. Ich arbeite aber auch einmal wöchentlich in einem Flüchtlingszentrum in Bremgarten AG, wo eine Kollegin und ich in einem ambulanten Malatelier den meist traumatisierten Menschen die Möglichkeit zum nonverbalen Ausdruck übers Bild geben.

Aerni: Auf das kommen wir noch zu sprechen. Was kann Malen, was die Sprache nicht mehr kann?

Zürcher: Das therapeutische Malen ist eine langsame Aktivität, bei der nicht nur der Intellekt gefordert wird, sondern auch Körper und Gefühle mit einbezogen werden. Malen fördert die Vernetzung der Gehirnhälften. Wir gehen davon aus, dass ein Mensch auf gleiche Art und Weise ein Bild gestaltet, wie er an Aufgaben im Leben herangeht. Deshalb können beim therapeutischen Malen Verhaltensmuster entdeckt und Entscheidungen auf dem Bild in einem sicheren Rahmen gewagt und geübt werden.

Aerni: Und bei den Flüchtlingen?

Zürcher: Bei der Arbeit mit ihnen fehlt oftmals die gemeinsame Sprache. Durch das Malen können die Flüchtlinge auch ohne Worte ihre Geschichten erzählen, sie verarbeiten und Neues gestalten. Das therapeutische Malen aktiviert Selbstheilungskräfte und trägt so zur Bewältigung ihrer aktuellen Situation bei.

Aerni: Wie sind Sie auf diese Idee gekommen auch mit Flüchtlingen zu arbeiten?

Zürcher: Die Kunsttherapie bietet vielfältige Möglichkeiten und lässt sich auf unterschiedlichste Bedürfnisse zuschneiden. Auf die Idee, mit Flüchtlingen zu malen, kam ich durch den Vortrag einer Mitstudentin am Humanistischen Institut für Kunsttherapie über ihre Arbeit für den gemeinnützigen Verein Flüchtlinge Malen. Eine in Bremgarten wohnhafte Dozentin machte mich darauf aufmerksam, dass ich im Zentrum für Asylsuchende in Bremgarten dasselbe anbieten könnte.

Aerni: Welche Erfahrungen machten Sie mit ihnen bis jetzt?

Zürcher: Ich gehe nach einem Malnachmittag mit den Flüchtlingen ziemlich müde, aber glücklich nach Hause. Manchmal kommen mehr Menschen, als der Malraum fassen kann. Dann sind meine Kollegin und ich vor allem damit beschäftigt, die Malenden mit den benötigten Farben zu versorgen, sie bei Bedarf technisch zu unterstützen, fertige Bilder entgegen zu nehmen, Malende zu verabschieden und neu Hinzugekommene zu begrüßen. Dann bleibt uns für die einzelnen Malenden wenig Zeit. Wenn es weniger voll ist, verweilen die Malenden oft länger, malen mehrere Bilder und scheinen den zwischenmenschlichen Kontakt zu schätzen.

Aerni: Wie reagieren sie denn aufs Malen?

Zürcher: Manche öffnen sich und können Emotionen zulassen, während andere still für sich malen. Manche summen leise vor sich hin. Meist herrscht eine fröhlich angeregte Stimmung unter den Malenden. Wir freuen uns immer, wenn eine Person mehrmals wiederkommt. Dann können wir auch Veränderungen feststellen, zum Beispiel wenn anfangs verschlossene und ängstliche Menschen beginnen, sich zu öffnen, sich mehr zuzutrauen.

Aerni: Wie gehen Sie mit den Erlebnissen um?

Zürcher: Ich werde oft gefragt, wie ich dieses geballte Flüchtlingselend ertragen könne. Mitfühlen heißt nicht mitleiden. Ich kann keine Verantwortung für ihr Leben und ihre Zukunft übernehmen. Mich berühren ihre Bilder und Erzählungen sehr, aber sie gehören ihnen und nicht mir. Wir Kunsttherapeutinnen möchten den Malenden echten Kontakt anbieten, uns ihre Gesichter merken, uns an ihre Bilder und wenn möglich ihre Geschichten erinnern. Wenn sehr viele Menschen unterschiedlichster Nationalitäten kommen – manchmal sind darunter auch kleine Kinder – wird es für uns schwierig, den verschiedenen Bedürfnissen gerecht zu werden.

Aerni: Erleben Sie auch Konflikte?

Zürcher: Es kommt auch vor, dass ein Malender frustriert den Raum verlässt und sein angefangenes Bild liegen lässt. Das lässt sich leider nicht verhindern, da wir uns ja nicht aufteilen können. Als Gedächtnisstütze, zur Qualitätssicherung und zur Verarbeitung der Erfahrungen fotografieren wir jedes Bild und halten in einem Protokoll unsere kunsttherapeutischen Beobachtungen und Interventionen zu den einzelnen Bildern fest.

Aerni: Sehen Sie hier noch Potenzial und warum?

Zürcher: Die Flüchtlinge sind entwurzelt, haben keinerlei Privatsphäre, verstehen unsere Sprache nicht, sind erschöpft und traumatisiert. Die Zukunft ist ungewiss, Perspektiven fehlen meistens. Gleichzeitig haben sie kaum Möglichkeiten, sich zu beschäftigen. Es wäre schön, wenn auch in anderen Flüchtlingszentren therapeutisches Malen angeboten werden könnte, denn es leistet einen Beitrag zur persönlichen Stabilität der Malenden und damit auch zu einem weniger krankheitsanfälligen und konfliktfreieren Klima in den Zentren.

Aerni: Wie werden Sie unterstützt?

Zürich: Wir würden Bremgarten gerne noch einen weiteren Nachmittag, insbesondere für Kinder, anbieten, wenn wir eine Finanzierung dafür finden würden. Ein kleiner Teil unserer Arbeit wird über Spenden finanziert, das meiste leisten wir bisher aber ehrenamtlich.

 

Weiterführende Links mit Informationen:

Claudia Zürcher Malatelier 8

Humanistisches Institut für Kunsttherapie

Marc Ballhaus im Gespräch mit Prof. Dr. Karl-Heinz Menzen über Kunstherapie

 

„Bitte nicht ans Meer“

Die besten Texte aus dem Blog von Daniela Jäggi mit Themen, die uns alle angehen. Aus der pointierten und ehrlichen Sicht einer Mutter, Mode-Expertin und Unternehmerin, die zudem immer mehr in Hamburg anzutreffen ist…

Urs Heinz Aerni: Daniela Jäggi, nach Lebensjahren als Ehefrau, Mutter und Geschäftsfrau scheint es, dass das Schreiben Sie nun endgültig gepackt hat. Was passiert mit Ihnen, beim Verfassen von eigenen Sätzen?

Daniela Jäggi: Ich lebe in der Geschichte, die ich gerade schreibe. Dabei sehe ich mich durch die Sätze gehen und bin in der Buchstabenwelt, ziemlich weit weg von der Realität.

Tschüss alte Welt?

Ja, das tut gut. Es fühlt sich an wie das Eintauchen in einen Film. Ich sehe was passiert und beschreibe es. Ich lebe in der jeweiligen Geschichte. Dieses Gefühl liebe ich, seit ich einen Stift in der Hand halten kann. Diese Bilder im Kopf und die Phantasie gehören beim Schreiben nur mir.

Aber Sie schreiben es ja auf, so dass es andere mitlesen können…

Richtig, dabei überlege ich auch nicht, wer nun was denkt, wenn er meine Zeilen liest. Das würde den Schreibfluss blockieren. In meiner Buchstabenwelt gelten meine Regeln, und das ist gut so.

Zuerst sind Ihre Texte digital als Blog erschienen und nun viele davon als gedrucktes Buch. Was kann ein Buch, was das Web nicht kann?

Das Buch kann in die Handtasche gepackt werden und es ist für jeden einfach zu handhaben. Es braucht weder Strom noch besondere Kenntnisse. Im Bett dient es als Abendlektüre, auf dem Liegestuhl zur Auflockerung. Es ist pflegeleicht, und wenn es gelesen ist, passt es perfekt ins Bücherregal. Dort steht es jederzeit bereit, um wieder als praktischer Begleiter in den Einsatz zu kommen.

Das war eine Laudatio fürs Gedruckte…

Ach ja: Es macht dieses schöne Geräusch, wenn man darin blättert; eben anders, als das geräuschlose Surfen im Netz! Wer möchte, kann es ans Ende der Welt in den Dschungel mitnehmen – es braucht keinen Internetzugang, um gelesen zu werden. Es riecht nach Papier, und es kann wunderbar als Geschenk verpackt werden.

Sie beobachten und kommentieren, manchmal zwinkernd, verärgert und kritisch, aber stets mit Eigenironie. Kann sich der Blick auf die Umwelt durch das Schreiben verändern?

Und wie! Für mich wird alles sehr viel einfacher, wenn ich schreibe. Und ich nehme das Leben viel gelassener. Dabei habe ich mich aber bewusst entschieden, aktuelle Schreckensnachrichten nicht zum Thema zu machen.

Warum?

Das tun die Tagesmedien schon. Ich versuche Alltagsgeschichten so zu verpacken, dass sich jeder darin irgendwo wieder findet. Die Reaktionen zeigen, dass die Menschen diese Sicht auf die Welt offenbar genauso mögen wie ich. Man soll den Alltag schließlich nicht unnötig schlechter machen, als er ist. Und ein Augenzwinkern muss Platz haben, jeden Tag. Wie trist wäre unser Leben sonst.

Sie tun es täglich, das Schreiben. So zu lesen auf Ihrem Blog, es mache Spaß und Sie würden gerne übertreiben. Beschreiben Sie uns Ihren Schreibort, wie sieht der aus?

Hell, zufrieden und gemütlich. Ich schreibe zu Hause, ab und an auch in den Ferien. Wichtig ist, dass ich mich beim Schreiben wohl fühle, egal wo dies gerade ist. Es kann schon mal vorkommen, dass ich stundenlang ohne das kleinste Nebengeräusch schreibe. In der Regel fällt mir das erst auf, wenn mich die Türklingel oder das Telefon zurück ins Wohnzimmer holt. Fast alle Geschichten entstehen schlussendlich nämlich genau dort: Im Wohnzimmer, am Esstisch, mit meinem Kaffee, einer Flasche Mineralwasser und meinen Notizen.

Sie sind nun auch oft in Hamburg anzutreffen. Was zieht eine Bloggerin und Autorin aus der schönen Schweiz in den Norden Deutschlands?

Nun ja – in erster Linie die Tochter, die in Hamburg studiert. Ansonsten aber die wunderschöne Stadt, welche alles bietet, was man sich nur wünscht. Von Stadtflair über Gourmetkünste aus jedem nur erdenklichen Land. Von Kultur in größter Auswahl bis hin zu Natur in allen nur erdenklichen Formen. Und es hat keine Berge.

Bitte?

Ja, wie schön – es ist nämlich so einfach, zu Fuß überall hin zu kommen. Topfeben und wunderbar abwechslungsreich. Zudem sind die öffentlichen Verkehrsmittel in Hamburg so gut wie immer im Einsatz – man muss also nicht Stunden zuvor schon planen, wann man nun wie wohin gelangen möchte. Mit dem Laptop unterm Arm bieten sich dort täglich unendlich viele Geschichten an. Was will man mehr?

Könnte man eigentlich gleich in einem Tourismus-Prospekt abdrucken. Wo bestehen denn für Sie die größten Unterschiede zwischen der Solothurnischen und der Hamburgerischen Mentalität?

Die Hanseaten sind – abgesehen von den Österreichern – wohl das unkomplizierteste Multikultivölkchen, das ich kenne. Total unverkrampft, witzig und frei Schnauze. Sie haben Witz, nehmen sich selber nicht so ernst und sind offen für Neues. Das sind eigentlich schon die frappantesten Defizite der Solothurner – dem gibt es eigentlich nichts mehr anzufügen … außer, dass es auch in good old Solothurn Ausnahmen gibt (lacht).

Immer wieder ist zu hören und zu lesen, dass sich die Schweizer mit der Deutschen Art des Umgangs schwer tun. Woher kommt das aus Ihrer Sicht?

Aus der Geschichte, die man nun wirklich endlich ruhen lassen sollte. Und möglicherweise aus der forschen und lauten Art mancher Deutschen, mit welcher die diplomatischen und angepassten Schweizer schlecht umgehen können. Wir Schweizer sind doch immer sehr defensiv und reden immer um den heißen Brei – die Deutschen sind laut, forsch und sagen, was sie denken. Das ist wohl das Problem für viele im Umgang miteinander…

Was bei Ihnen anders ist…

Ich mag diese Art und habe deshalb damit überhaupt keine Probleme.

Nun sind Sie auch oft in Hamburg zu Besuch und kennen die Stadt. Was würden Sie einem Gast als erstes zeigen und wohin würden sie mit ihm eher nicht gehen?

Ich würde ihm den Hafen, die Speicherstadt, die tollen Shoppingmöglichkeiten rund um den Gänsemarkt, den Hagenbecker Zoo, die Musicals, die sündige Meile auf St. Pauli und Eimsbüttel, mein Lieblingsquartier. Eher weglassen würde ich die Szene um den Hauptbahnhof und Altona – diese Orte finde ich nicht so toll.

Bereits arbeiten Sie an einem zweiten Buch. Werden wir darin auch Ihre Eindrücke in Deutschland lesen können?

Eher nicht, da ich versuche, mich in meinen Geschichten im Buch nicht auf Orte oder bestimmte Tage und Zeiten festzulegen. Diese Geschichten sollten immer funktionieren. Aber auf dem Blog findet man diverse Stories über Hamburg.

Gäbe es Hamburg nicht, wo würden wir Sie finden und warum?

Zuhause, oder in Österreich. Ich bin keine Weltenbummlerin – mein Radius ist relativ klein aber dafür umso schöner. Hauptsache, man schleppt mich nicht auf eine Insel oder ans Meer – das finde ich grausam langweilig.

Wenn ich ein Bild mit einem lesenden Menschen mit Ihrem Buch in den Händen malen würde, wie müsste es aussehen?

Hell und freundlich. Keine dunklen Farben. Vor meinem geistigen Auge sehe ich ein Haus im Chalet-Stil, vor welchem eine Sitzbank aus Holz steht. Dort sitzt ein zufriedener Mensch mit meinem Buch. Fernab von Lärm und Hektik. Mit einem breiten Grinsen auf dem Gesicht. Das Bild dürfte auf keinen Fall modern sein, das würde nicht zu mir passen. Mir ist bewusst, dass dies wie ein Widerspruch zum Thema Blog steht, aber gerade deswegen erscheinen meine Geschichten auch in Papierform.

Das Buch: Daniela Jäggi: „von süß bis ungenießbar“, Der Blog, wie gedruckt, Rothus Verlag, 2015

Daniela Jäggi (geboren 1967) ist Familienfrau und Unternehmerin. Sie lebt mit ihrem Mann und ihren erwachsenen Kindern am schweizerischen Jurasüdfuß. Als Bloggerin lebt sie täglich ihre Liebe zum Schreiben aus. www.modepraline.com

Jäggi und Aerni beim Gespräch images

Rückblick 2015

Eröffnet hat die Literaturtage in diesem Jahr der Tiroler Autor Thomas Schafferer, der durch seine Vielseitigkeit und Innovation besticht, begleitet wurde er von Wolfgang Peer am Akkordeon. Im Anschluss zeigten Ralf Schlatter und Musiker Michael Wernli wie unterschiedlich eben doch Literaturschaffen sein kann, eine Bestätigung der literarischen Mannigfaltigkeit.

Die Mischung aus Internationalität und verschiedener literarischer Genres bestimmte auch in diesem Jahr das Festival: Nouri Al-Jarrah beispielsweise, ein in London lebender Dichter aus Syrien, war Gast des Klangspuren-Abends. Die anspruchsvolle Komposition „stele.blut“ von Hannes Kerschbaumer bot, verknüpft mit einer zweisprachigen Lesung aus Al-Jarrahs Werk, Impressionen des Schreckens in Syrien. Nach dem Konzert stellte sich die israelische Autorin Lizzie Doron Al-Jarrah mit einer Umarmung vor: „Hi, I’m Lizzie Doron, I am from Israel, we are neighbours.“

Amina Abdulkadir, eine aus Somalia stammende Schweizerin, präsentierte ihr Debüt „Alles, nichts und beides“ mit Texten, die nicht im Buch sind. Der Grund: „Dann hätten Sie es ja schon gelesen.“ Zum Abschluss führte sie das Publikum in die Höhen der griechischen Mythologie, um als personifizierte Helvetia zu landen: „Offensichtlich mit Ovomaltine im Blut.“

Nicht nur in seinen Gedichten, auch sein neuester Roman „Freie Folge“ zeugt von der ganz besonderen lyrischen Stimme von Thomas Kunst. Der im deutschsprachigen Raum wenig bekannte, in Paris lebende Autor Francis Combes ist für Organisator Heinz D. Heisl „die stille Kanone der Poesie“. Da sein einziges ins Deutsche übersetzte Werk „Maskenball auf Minitel“ längst vergriffen ist, wurden für seine Lesung aktuelle Texte ins Deutsche übertragen.

Die US-amerikanische Beat-Szene bekam mit John Giorno und Udo Breger eine Bühne. In seinem unveröffentlichten Text „Road Stops” beobachtet Breger distanziert die Beat-Szene in Europa und Amerika seit den 60er Jahren. Der 78-jährige John Giorno aus Manhattan, eine Ikone der Pop Art und eines der größten Vorbilder für die Spoken Word- und Slam-Gemeinde, bannte mit seinem für die Beat-Bewegung eigenen Duktus das Publikum.

Am Büchertisch wurde das Werk von Joachim Zelter eifrig nachgefragt, bei den Lesungen beeindruckte er mit einer Mischung aus Vortragskunst und auf den Punkt formulierter Satire. Zum Glück seiner Leser wollte Zelter, wie er bei einem Gespräch erzählte, den Germanisten in sich abschütteln und sei darum Schriftsteller geworden. Unterhalten hat auch der österreichische Sprach-Experimentator und Wortjongleur Walter Pilar, er erweckte bei seinem Auftritt einen brünftigen Zwölf-Ender zum Leben.

Arno Camenisch, in der Schweiz bereits ein Hype, in Österreich endlich entdeckt, überraschte mit seiner graubündnerischen Sprachmelodie und kritischen Tönen zu den unabsehbaren Folgen der urbanen Prägung der Bergwelt.

Sprachsalz-Abend
Einen kleinen Auszug aus ihrem Werk boten am Sprachsalz-Abend eine Reihe von Autorinnen und Autoren, die bereits tagsüber zu hören waren, darunter Peter Bichsel, der auch bei seiner Lesung am Sonntag Nachmittag das Publikum verzauberte. Der 80-jährige Schweizer Autor begeisterte mit jungenhaftem Charme und seinem unübertroffenen Stil: „Ich bin sehr stolz darauf, dass ich zum zweiten Mal hier sein durfte. Sprachsalz ist bald die einzige Sache, die unverändert wunderbar bleibt.“

Überraschungslesung
Der mit Spannung erwartete Überraschungsgast war Michail Schischkin. In 30 Sprachen übersetzt, gehört er zu den wichtigsten zeitgenössischen Schriftstellern russischer Sprache. Er las aus einem unveröffentlichten Manuskript mit dem Titel „Die Eroberung Izmails“.

Sprachsalz-Club
Spannend und thematisch vielschichtig waren die vier Sprachsalz-Club-Gespräche. Der 1921 geborene Schriftsteller und Fernsehjournalist Georg Stefan Troller emotionalisierte das Publikum im Gespräch mit Felix Mitterer. Er präsentierte druckreif seine Geschichte – die Exilierung, sein Leben in Paris, die Faszination des filmischen Dokumentierens. Am Samstag leitete Alexander Kluy den zweiten Club. Auf der Bühne konnte man Peter Bichsel, Walter Pilar und nochmals Georg Stefan Troller erleben. „Überleben des Lebens“ war das Thema der ehrwürdigen Altherrenrunde und zeigte Parallelen und Widersprüche auf. Der Publikumsmagnet Lizzie Doron schaffte es, im Sprachsalz-Club-Gespräch mit Irene Heisz die Absurdität des Nahost-Konflikts zu verdeutlichen. Zahlreiche Festivalbesucher hatten im Anschluss das Bedürfnis, das Gespräch mit ihr zu suchen. Im abschließenden Club am Sonntag Vormittag suchte Alexander Kluy mit Joachim Zelter, Thomas Schafferer und Amina Abdulkadir Antworten auf die Fragen nach Ideenfindung, dem Schreibprozess und nachhaltiger Zufriedenheit mit dem eigenen Text.

Sprachsalz-Spezial
Die letzte Veranstaltung des diesjährigen Sprachsalz-Festivals war Ernst Jandl gewidmet, der dieses Jahr 90 Jahre alt geworden wäre. Ariela und Thomas SarbacherPetra Rohner und Peter Schweiger präsentierten mit „szenen aus dem wirklichen Leben/Die Humanisten“ eine Hommage an den Wiener Meister des Sprachexperiments.

Die ganz jungen Besucher konnten bei Sprachsalz-Mini unter der Anleitung vonChristian Yeti Beirer eigene kleine Bücher und Lesezeichen herstellen und bekamen insgesamt sechs Extra-Lesungen von den Sprachsalz-Autorinnen und Autoren geboten.

Der Tiroler Wortkünstler Wilfried Schatz präsentierte im Foyer komische und nachdenkliche Wortkreationen und die Pforzheimer Künstlerin Anina Gröger zeichnete mit ihren Lesehintergründen für die künstlerische Gestaltung der Bühnen in den jeweiligen Sälen verantwortlich.

Alle Spenden bei Sprachsalz 2015 werden an die Innsbrucker Gruppe Freedomseekers überwiesen, um deren (Kultur-)Arbeit mit Flüchtlingen zu unterstützen (über 1.500 Euro).

Die 14. Literaturtage Sprachsalz finden von 16. bis 18. September 2016 statt. Erstmalig gibt es vom 6. bis 8. Mai 2016 auch eine Sprachsalz-Ausgabe in Pforzheim/Deutschland, Details folgen.

http://www.sprachsalz.com
WEBLOG: http://www.sprachsalz.com/weblog/

Den Bericht von Fernsehen ORF sehen Sie hier…

SPRACHSALZ AUTORINNEN und AUTOREN 2015

 

FÖRDERER, SPONSOREN, PARTNER:
Kooperationspartner: Medienturm Ablinger.Garber, Klangspuren
Hauptsponsoren: Stadt Hall, Land Tirol, Bundeskanzleramt KUNST, Parkhotel Hall, Bank Austria
Weitere Sponsoren und Partner: Kulturregion Hall-Wattens, Kultur.Tirol, KulturKontakt Austria, ParkIn Hall, Pro Helvetia, Retterwerk Mercedes, Restaurant Welzenbacher, Tirol Kliniken Hall, Tiroler Versicherung, Tiroler Tageszeitung, Der Standard, Innsbrucker Zeitungsarchiv IZA, Literar mechana, ULB Universitäts- und Landesbibliothek, Schweizerische Eidgnossenschaft – Schweizer Botschaft in Wien, Fondation Bartels Basel, Lampe Reisen, Wiederin Buchhandlung