Warum malen Sie mit Flüchtlingen?

Claudia Zürcher ist Kunsttherapeutin und malt mit Flüchtlingen. Sondierung.com stellte ihr Fragen.

 

Urs Heinz Aerni: Sie sind Kunsttherapeutin. Mann nennt es auch begleitetes Malen. Wer sind Ihre Kunden und warum kommen sie zu Ihnen?

Claudia Zürcher: Die kunsttherapeutischen Methoden, mit denen ich arbeite, heißen „Personenorientiertes Malen“ und „Lösungsorientiertes Malen“, die auf dem humanistischen Modell nach Carl Rogers basieren. In mein Malatelier im aargauischen Berikon kommen Menschen, die an sich arbeiten wollen, etwas in ihrem Leben verändern möchten. Sie kommen aber auch mit ganz konkreten Anliegen, einem Symptom wie zum Beispiel Schlafstörungen, Ängste, Beziehungsprobleme.

Aerni: Aber auch Kinder malen bei Ihnen?

Züricher: Richtig, ich biete einen Malnachmittag für Kinder an, bei dem es mehr um pädagogische Aspekte und Entwicklungsförderung geht. Ich arbeite aber auch einmal wöchentlich in einem Flüchtlingszentrum in Bremgarten AG, wo eine Kollegin und ich in einem ambulanten Malatelier den meist traumatisierten Menschen die Möglichkeit zum nonverbalen Ausdruck übers Bild geben.

Aerni: Auf das kommen wir noch zu sprechen. Was kann Malen, was die Sprache nicht mehr kann?

Zürcher: Das therapeutische Malen ist eine langsame Aktivität, bei der nicht nur der Intellekt gefordert wird, sondern auch Körper und Gefühle mit einbezogen werden. Malen fördert die Vernetzung der Gehirnhälften. Wir gehen davon aus, dass ein Mensch auf gleiche Art und Weise ein Bild gestaltet, wie er an Aufgaben im Leben herangeht. Deshalb können beim therapeutischen Malen Verhaltensmuster entdeckt und Entscheidungen auf dem Bild in einem sicheren Rahmen gewagt und geübt werden.

Aerni: Und bei den Flüchtlingen?

Zürcher: Bei der Arbeit mit ihnen fehlt oftmals die gemeinsame Sprache. Durch das Malen können die Flüchtlinge auch ohne Worte ihre Geschichten erzählen, sie verarbeiten und Neues gestalten. Das therapeutische Malen aktiviert Selbstheilungskräfte und trägt so zur Bewältigung ihrer aktuellen Situation bei.

Aerni: Wie sind Sie auf diese Idee gekommen auch mit Flüchtlingen zu arbeiten?

Zürcher: Die Kunsttherapie bietet vielfältige Möglichkeiten und lässt sich auf unterschiedlichste Bedürfnisse zuschneiden. Auf die Idee, mit Flüchtlingen zu malen, kam ich durch den Vortrag einer Mitstudentin am Humanistischen Institut für Kunsttherapie über ihre Arbeit für den gemeinnützigen Verein Flüchtlinge Malen. Eine in Bremgarten wohnhafte Dozentin machte mich darauf aufmerksam, dass ich im Zentrum für Asylsuchende in Bremgarten dasselbe anbieten könnte.

Aerni: Welche Erfahrungen machten Sie mit ihnen bis jetzt?

Zürcher: Ich gehe nach einem Malnachmittag mit den Flüchtlingen ziemlich müde, aber glücklich nach Hause. Manchmal kommen mehr Menschen, als der Malraum fassen kann. Dann sind meine Kollegin und ich vor allem damit beschäftigt, die Malenden mit den benötigten Farben zu versorgen, sie bei Bedarf technisch zu unterstützen, fertige Bilder entgegen zu nehmen, Malende zu verabschieden und neu Hinzugekommene zu begrüßen. Dann bleibt uns für die einzelnen Malenden wenig Zeit. Wenn es weniger voll ist, verweilen die Malenden oft länger, malen mehrere Bilder und scheinen den zwischenmenschlichen Kontakt zu schätzen.

Aerni: Wie reagieren sie denn aufs Malen?

Zürcher: Manche öffnen sich und können Emotionen zulassen, während andere still für sich malen. Manche summen leise vor sich hin. Meist herrscht eine fröhlich angeregte Stimmung unter den Malenden. Wir freuen uns immer, wenn eine Person mehrmals wiederkommt. Dann können wir auch Veränderungen feststellen, zum Beispiel wenn anfangs verschlossene und ängstliche Menschen beginnen, sich zu öffnen, sich mehr zuzutrauen.

Aerni: Wie gehen Sie mit den Erlebnissen um?

Zürcher: Ich werde oft gefragt, wie ich dieses geballte Flüchtlingselend ertragen könne. Mitfühlen heißt nicht mitleiden. Ich kann keine Verantwortung für ihr Leben und ihre Zukunft übernehmen. Mich berühren ihre Bilder und Erzählungen sehr, aber sie gehören ihnen und nicht mir. Wir Kunsttherapeutinnen möchten den Malenden echten Kontakt anbieten, uns ihre Gesichter merken, uns an ihre Bilder und wenn möglich ihre Geschichten erinnern. Wenn sehr viele Menschen unterschiedlichster Nationalitäten kommen – manchmal sind darunter auch kleine Kinder – wird es für uns schwierig, den verschiedenen Bedürfnissen gerecht zu werden.

Aerni: Erleben Sie auch Konflikte?

Zürcher: Es kommt auch vor, dass ein Malender frustriert den Raum verlässt und sein angefangenes Bild liegen lässt. Das lässt sich leider nicht verhindern, da wir uns ja nicht aufteilen können. Als Gedächtnisstütze, zur Qualitätssicherung und zur Verarbeitung der Erfahrungen fotografieren wir jedes Bild und halten in einem Protokoll unsere kunsttherapeutischen Beobachtungen und Interventionen zu den einzelnen Bildern fest.

Aerni: Sehen Sie hier noch Potenzial und warum?

Zürcher: Die Flüchtlinge sind entwurzelt, haben keinerlei Privatsphäre, verstehen unsere Sprache nicht, sind erschöpft und traumatisiert. Die Zukunft ist ungewiss, Perspektiven fehlen meistens. Gleichzeitig haben sie kaum Möglichkeiten, sich zu beschäftigen. Es wäre schön, wenn auch in anderen Flüchtlingszentren therapeutisches Malen angeboten werden könnte, denn es leistet einen Beitrag zur persönlichen Stabilität der Malenden und damit auch zu einem weniger krankheitsanfälligen und konfliktfreieren Klima in den Zentren.

Aerni: Wie werden Sie unterstützt?

Zürich: Wir würden Bremgarten gerne noch einen weiteren Nachmittag, insbesondere für Kinder, anbieten, wenn wir eine Finanzierung dafür finden würden. Ein kleiner Teil unserer Arbeit wird über Spenden finanziert, das meiste leisten wir bisher aber ehrenamtlich.

 

Weiterführende Links mit Informationen:

Claudia Zürcher Malatelier 8

Humanistisches Institut für Kunsttherapie

Marc Ballhaus im Gespräch mit Prof. Dr. Karl-Heinz Menzen über Kunstherapie

 

„Bitte nicht ans Meer“

Die besten Texte aus dem Blog von Daniela Jäggi mit Themen, die uns alle angehen. Aus der pointierten und ehrlichen Sicht einer Mutter, Mode-Expertin und Unternehmerin, die zudem immer mehr in Hamburg anzutreffen ist…

Urs Heinz Aerni: Daniela Jäggi, nach Lebensjahren als Ehefrau, Mutter und Geschäftsfrau scheint es, dass das Schreiben Sie nun endgültig gepackt hat. Was passiert mit Ihnen, beim Verfassen von eigenen Sätzen?

Daniela Jäggi: Ich lebe in der Geschichte, die ich gerade schreibe. Dabei sehe ich mich durch die Sätze gehen und bin in der Buchstabenwelt, ziemlich weit weg von der Realität.

Tschüss alte Welt?

Ja, das tut gut. Es fühlt sich an wie das Eintauchen in einen Film. Ich sehe was passiert und beschreibe es. Ich lebe in der jeweiligen Geschichte. Dieses Gefühl liebe ich, seit ich einen Stift in der Hand halten kann. Diese Bilder im Kopf und die Phantasie gehören beim Schreiben nur mir.

Aber Sie schreiben es ja auf, so dass es andere mitlesen können…

Richtig, dabei überlege ich auch nicht, wer nun was denkt, wenn er meine Zeilen liest. Das würde den Schreibfluss blockieren. In meiner Buchstabenwelt gelten meine Regeln, und das ist gut so.

Zuerst sind Ihre Texte digital als Blog erschienen und nun viele davon als gedrucktes Buch. Was kann ein Buch, was das Web nicht kann?

Das Buch kann in die Handtasche gepackt werden und es ist für jeden einfach zu handhaben. Es braucht weder Strom noch besondere Kenntnisse. Im Bett dient es als Abendlektüre, auf dem Liegestuhl zur Auflockerung. Es ist pflegeleicht, und wenn es gelesen ist, passt es perfekt ins Bücherregal. Dort steht es jederzeit bereit, um wieder als praktischer Begleiter in den Einsatz zu kommen.

Das war eine Laudatio fürs Gedruckte…

Ach ja: Es macht dieses schöne Geräusch, wenn man darin blättert; eben anders, als das geräuschlose Surfen im Netz! Wer möchte, kann es ans Ende der Welt in den Dschungel mitnehmen – es braucht keinen Internetzugang, um gelesen zu werden. Es riecht nach Papier, und es kann wunderbar als Geschenk verpackt werden.

Sie beobachten und kommentieren, manchmal zwinkernd, verärgert und kritisch, aber stets mit Eigenironie. Kann sich der Blick auf die Umwelt durch das Schreiben verändern?

Und wie! Für mich wird alles sehr viel einfacher, wenn ich schreibe. Und ich nehme das Leben viel gelassener. Dabei habe ich mich aber bewusst entschieden, aktuelle Schreckensnachrichten nicht zum Thema zu machen.

Warum?

Das tun die Tagesmedien schon. Ich versuche Alltagsgeschichten so zu verpacken, dass sich jeder darin irgendwo wieder findet. Die Reaktionen zeigen, dass die Menschen diese Sicht auf die Welt offenbar genauso mögen wie ich. Man soll den Alltag schließlich nicht unnötig schlechter machen, als er ist. Und ein Augenzwinkern muss Platz haben, jeden Tag. Wie trist wäre unser Leben sonst.

Sie tun es täglich, das Schreiben. So zu lesen auf Ihrem Blog, es mache Spaß und Sie würden gerne übertreiben. Beschreiben Sie uns Ihren Schreibort, wie sieht der aus?

Hell, zufrieden und gemütlich. Ich schreibe zu Hause, ab und an auch in den Ferien. Wichtig ist, dass ich mich beim Schreiben wohl fühle, egal wo dies gerade ist. Es kann schon mal vorkommen, dass ich stundenlang ohne das kleinste Nebengeräusch schreibe. In der Regel fällt mir das erst auf, wenn mich die Türklingel oder das Telefon zurück ins Wohnzimmer holt. Fast alle Geschichten entstehen schlussendlich nämlich genau dort: Im Wohnzimmer, am Esstisch, mit meinem Kaffee, einer Flasche Mineralwasser und meinen Notizen.

Sie sind nun auch oft in Hamburg anzutreffen. Was zieht eine Bloggerin und Autorin aus der schönen Schweiz in den Norden Deutschlands?

Nun ja – in erster Linie die Tochter, die in Hamburg studiert. Ansonsten aber die wunderschöne Stadt, welche alles bietet, was man sich nur wünscht. Von Stadtflair über Gourmetkünste aus jedem nur erdenklichen Land. Von Kultur in größter Auswahl bis hin zu Natur in allen nur erdenklichen Formen. Und es hat keine Berge.

Bitte?

Ja, wie schön – es ist nämlich so einfach, zu Fuß überall hin zu kommen. Topfeben und wunderbar abwechslungsreich. Zudem sind die öffentlichen Verkehrsmittel in Hamburg so gut wie immer im Einsatz – man muss also nicht Stunden zuvor schon planen, wann man nun wie wohin gelangen möchte. Mit dem Laptop unterm Arm bieten sich dort täglich unendlich viele Geschichten an. Was will man mehr?

Könnte man eigentlich gleich in einem Tourismus-Prospekt abdrucken. Wo bestehen denn für Sie die größten Unterschiede zwischen der Solothurnischen und der Hamburgerischen Mentalität?

Die Hanseaten sind – abgesehen von den Österreichern – wohl das unkomplizierteste Multikultivölkchen, das ich kenne. Total unverkrampft, witzig und frei Schnauze. Sie haben Witz, nehmen sich selber nicht so ernst und sind offen für Neues. Das sind eigentlich schon die frappantesten Defizite der Solothurner – dem gibt es eigentlich nichts mehr anzufügen … außer, dass es auch in good old Solothurn Ausnahmen gibt (lacht).

Immer wieder ist zu hören und zu lesen, dass sich die Schweizer mit der Deutschen Art des Umgangs schwer tun. Woher kommt das aus Ihrer Sicht?

Aus der Geschichte, die man nun wirklich endlich ruhen lassen sollte. Und möglicherweise aus der forschen und lauten Art mancher Deutschen, mit welcher die diplomatischen und angepassten Schweizer schlecht umgehen können. Wir Schweizer sind doch immer sehr defensiv und reden immer um den heißen Brei – die Deutschen sind laut, forsch und sagen, was sie denken. Das ist wohl das Problem für viele im Umgang miteinander…

Was bei Ihnen anders ist…

Ich mag diese Art und habe deshalb damit überhaupt keine Probleme.

Nun sind Sie auch oft in Hamburg zu Besuch und kennen die Stadt. Was würden Sie einem Gast als erstes zeigen und wohin würden sie mit ihm eher nicht gehen?

Ich würde ihm den Hafen, die Speicherstadt, die tollen Shoppingmöglichkeiten rund um den Gänsemarkt, den Hagenbecker Zoo, die Musicals, die sündige Meile auf St. Pauli und Eimsbüttel, mein Lieblingsquartier. Eher weglassen würde ich die Szene um den Hauptbahnhof und Altona – diese Orte finde ich nicht so toll.

Bereits arbeiten Sie an einem zweiten Buch. Werden wir darin auch Ihre Eindrücke in Deutschland lesen können?

Eher nicht, da ich versuche, mich in meinen Geschichten im Buch nicht auf Orte oder bestimmte Tage und Zeiten festzulegen. Diese Geschichten sollten immer funktionieren. Aber auf dem Blog findet man diverse Stories über Hamburg.

Gäbe es Hamburg nicht, wo würden wir Sie finden und warum?

Zuhause, oder in Österreich. Ich bin keine Weltenbummlerin – mein Radius ist relativ klein aber dafür umso schöner. Hauptsache, man schleppt mich nicht auf eine Insel oder ans Meer – das finde ich grausam langweilig.

Wenn ich ein Bild mit einem lesenden Menschen mit Ihrem Buch in den Händen malen würde, wie müsste es aussehen?

Hell und freundlich. Keine dunklen Farben. Vor meinem geistigen Auge sehe ich ein Haus im Chalet-Stil, vor welchem eine Sitzbank aus Holz steht. Dort sitzt ein zufriedener Mensch mit meinem Buch. Fernab von Lärm und Hektik. Mit einem breiten Grinsen auf dem Gesicht. Das Bild dürfte auf keinen Fall modern sein, das würde nicht zu mir passen. Mir ist bewusst, dass dies wie ein Widerspruch zum Thema Blog steht, aber gerade deswegen erscheinen meine Geschichten auch in Papierform.

Das Buch: Daniela Jäggi: „von süß bis ungenießbar“, Der Blog, wie gedruckt, Rothus Verlag, 2015

Daniela Jäggi (geboren 1967) ist Familienfrau und Unternehmerin. Sie lebt mit ihrem Mann und ihren erwachsenen Kindern am schweizerischen Jurasüdfuß. Als Bloggerin lebt sie täglich ihre Liebe zum Schreiben aus. www.modepraline.com

Jäggi und Aerni beim Gespräch images

Rückblick 2015

Eröffnet hat die Literaturtage in diesem Jahr der Tiroler Autor Thomas Schafferer, der durch seine Vielseitigkeit und Innovation besticht, begleitet wurde er von Wolfgang Peer am Akkordeon. Im Anschluss zeigten Ralf Schlatter und Musiker Michael Wernli wie unterschiedlich eben doch Literaturschaffen sein kann, eine Bestätigung der literarischen Mannigfaltigkeit.

Die Mischung aus Internationalität und verschiedener literarischer Genres bestimmte auch in diesem Jahr das Festival: Nouri Al-Jarrah beispielsweise, ein in London lebender Dichter aus Syrien, war Gast des Klangspuren-Abends. Die anspruchsvolle Komposition „stele.blut“ von Hannes Kerschbaumer bot, verknüpft mit einer zweisprachigen Lesung aus Al-Jarrahs Werk, Impressionen des Schreckens in Syrien. Nach dem Konzert stellte sich die israelische Autorin Lizzie Doron Al-Jarrah mit einer Umarmung vor: „Hi, I’m Lizzie Doron, I am from Israel, we are neighbours.“

Amina Abdulkadir, eine aus Somalia stammende Schweizerin, präsentierte ihr Debüt „Alles, nichts und beides“ mit Texten, die nicht im Buch sind. Der Grund: „Dann hätten Sie es ja schon gelesen.“ Zum Abschluss führte sie das Publikum in die Höhen der griechischen Mythologie, um als personifizierte Helvetia zu landen: „Offensichtlich mit Ovomaltine im Blut.“

Nicht nur in seinen Gedichten, auch sein neuester Roman „Freie Folge“ zeugt von der ganz besonderen lyrischen Stimme von Thomas Kunst. Der im deutschsprachigen Raum wenig bekannte, in Paris lebende Autor Francis Combes ist für Organisator Heinz D. Heisl „die stille Kanone der Poesie“. Da sein einziges ins Deutsche übersetzte Werk „Maskenball auf Minitel“ längst vergriffen ist, wurden für seine Lesung aktuelle Texte ins Deutsche übertragen.

Die US-amerikanische Beat-Szene bekam mit John Giorno und Udo Breger eine Bühne. In seinem unveröffentlichten Text „Road Stops” beobachtet Breger distanziert die Beat-Szene in Europa und Amerika seit den 60er Jahren. Der 78-jährige John Giorno aus Manhattan, eine Ikone der Pop Art und eines der größten Vorbilder für die Spoken Word- und Slam-Gemeinde, bannte mit seinem für die Beat-Bewegung eigenen Duktus das Publikum.

Am Büchertisch wurde das Werk von Joachim Zelter eifrig nachgefragt, bei den Lesungen beeindruckte er mit einer Mischung aus Vortragskunst und auf den Punkt formulierter Satire. Zum Glück seiner Leser wollte Zelter, wie er bei einem Gespräch erzählte, den Germanisten in sich abschütteln und sei darum Schriftsteller geworden. Unterhalten hat auch der österreichische Sprach-Experimentator und Wortjongleur Walter Pilar, er erweckte bei seinem Auftritt einen brünftigen Zwölf-Ender zum Leben.

Arno Camenisch, in der Schweiz bereits ein Hype, in Österreich endlich entdeckt, überraschte mit seiner graubündnerischen Sprachmelodie und kritischen Tönen zu den unabsehbaren Folgen der urbanen Prägung der Bergwelt.

Sprachsalz-Abend
Einen kleinen Auszug aus ihrem Werk boten am Sprachsalz-Abend eine Reihe von Autorinnen und Autoren, die bereits tagsüber zu hören waren, darunter Peter Bichsel, der auch bei seiner Lesung am Sonntag Nachmittag das Publikum verzauberte. Der 80-jährige Schweizer Autor begeisterte mit jungenhaftem Charme und seinem unübertroffenen Stil: „Ich bin sehr stolz darauf, dass ich zum zweiten Mal hier sein durfte. Sprachsalz ist bald die einzige Sache, die unverändert wunderbar bleibt.“

Überraschungslesung
Der mit Spannung erwartete Überraschungsgast war Michail Schischkin. In 30 Sprachen übersetzt, gehört er zu den wichtigsten zeitgenössischen Schriftstellern russischer Sprache. Er las aus einem unveröffentlichten Manuskript mit dem Titel „Die Eroberung Izmails“.

Sprachsalz-Club
Spannend und thematisch vielschichtig waren die vier Sprachsalz-Club-Gespräche. Der 1921 geborene Schriftsteller und Fernsehjournalist Georg Stefan Troller emotionalisierte das Publikum im Gespräch mit Felix Mitterer. Er präsentierte druckreif seine Geschichte – die Exilierung, sein Leben in Paris, die Faszination des filmischen Dokumentierens. Am Samstag leitete Alexander Kluy den zweiten Club. Auf der Bühne konnte man Peter Bichsel, Walter Pilar und nochmals Georg Stefan Troller erleben. „Überleben des Lebens“ war das Thema der ehrwürdigen Altherrenrunde und zeigte Parallelen und Widersprüche auf. Der Publikumsmagnet Lizzie Doron schaffte es, im Sprachsalz-Club-Gespräch mit Irene Heisz die Absurdität des Nahost-Konflikts zu verdeutlichen. Zahlreiche Festivalbesucher hatten im Anschluss das Bedürfnis, das Gespräch mit ihr zu suchen. Im abschließenden Club am Sonntag Vormittag suchte Alexander Kluy mit Joachim Zelter, Thomas Schafferer und Amina Abdulkadir Antworten auf die Fragen nach Ideenfindung, dem Schreibprozess und nachhaltiger Zufriedenheit mit dem eigenen Text.

Sprachsalz-Spezial
Die letzte Veranstaltung des diesjährigen Sprachsalz-Festivals war Ernst Jandl gewidmet, der dieses Jahr 90 Jahre alt geworden wäre. Ariela und Thomas SarbacherPetra Rohner und Peter Schweiger präsentierten mit „szenen aus dem wirklichen Leben/Die Humanisten“ eine Hommage an den Wiener Meister des Sprachexperiments.

Die ganz jungen Besucher konnten bei Sprachsalz-Mini unter der Anleitung vonChristian Yeti Beirer eigene kleine Bücher und Lesezeichen herstellen und bekamen insgesamt sechs Extra-Lesungen von den Sprachsalz-Autorinnen und Autoren geboten.

Der Tiroler Wortkünstler Wilfried Schatz präsentierte im Foyer komische und nachdenkliche Wortkreationen und die Pforzheimer Künstlerin Anina Gröger zeichnete mit ihren Lesehintergründen für die künstlerische Gestaltung der Bühnen in den jeweiligen Sälen verantwortlich.

Alle Spenden bei Sprachsalz 2015 werden an die Innsbrucker Gruppe Freedomseekers überwiesen, um deren (Kultur-)Arbeit mit Flüchtlingen zu unterstützen (über 1.500 Euro).

Die 14. Literaturtage Sprachsalz finden von 16. bis 18. September 2016 statt. Erstmalig gibt es vom 6. bis 8. Mai 2016 auch eine Sprachsalz-Ausgabe in Pforzheim/Deutschland, Details folgen.

http://www.sprachsalz.com
WEBLOG: http://www.sprachsalz.com/weblog/

Den Bericht von Fernsehen ORF sehen Sie hier…

SPRACHSALZ AUTORINNEN und AUTOREN 2015

 

FÖRDERER, SPONSOREN, PARTNER:
Kooperationspartner: Medienturm Ablinger.Garber, Klangspuren
Hauptsponsoren: Stadt Hall, Land Tirol, Bundeskanzleramt KUNST, Parkhotel Hall, Bank Austria
Weitere Sponsoren und Partner: Kulturregion Hall-Wattens, Kultur.Tirol, KulturKontakt Austria, ParkIn Hall, Pro Helvetia, Retterwerk Mercedes, Restaurant Welzenbacher, Tirol Kliniken Hall, Tiroler Versicherung, Tiroler Tageszeitung, Der Standard, Innsbrucker Zeitungsarchiv IZA, Literar mechana, ULB Universitäts- und Landesbibliothek, Schweizerische Eidgnossenschaft – Schweizer Botschaft in Wien, Fondation Bartels Basel, Lampe Reisen, Wiederin Buchhandlung

Relevante Aussagen?

Ein Schweizer, ein Italiener und ein Serbe hätten den Überfall begangen. So stehts in der Zeitung. Wie relevant sind die Aussagen für den Lesenden? Hilft es? Nützt es? Wer will es wissen? Wäre es auch interessant, zu erfahren, ob bei der Schlägerei oder beim Autounfall ein Aargauer, ein Walliser und ein Luzerner involviert sind? Wieso nicht? Bei der Massenkollision auf der A1 bei Härkingen durch Nebel waren Autolenker aus dem Thurgau, aus St. Gallen, Schaffhausen und dem Jura beteiligt. Im Zürcher Lokalblatt könnte doch darauf verwiesen werden, dass ein Wollishofer, ein Stettbacher und ein Albisrieder im Nachtclub nach Belästigungen des Personals verhaftet wurden. Und in der Quartierzeitung müsste folglich erwähnt sein, dass die prügelnden Gäste von der Hinterhofstraße, der Oberaustraße und der Mittelgasse kommen und einer sogar am Waldweg wohnt.

Urs Heinz Aerni

 

Deutsche Wespe

Es gibt sie, die Gemeine Deutsche Wespe. Die Schweizer Zeitung Obersee Nachrichten thematisiert eine Wespenplage mit einer unterschwelligen Anspielung auf das Nachbarland Deutschland. Ist die Art der Schlagzeile und des Leads eine versteckte Form einer antideutschen Kampagne? Oder fällt das nur den Übersensiblen auf? Wir fragten bei ausgesuchten Personen nach und hier sind die ersten Rückmeldungen:

 

Das soll ernst gemeint sein? Rainer Weiss, Frankfurt

Eine Gegenschlagzeile: Tragisch: Schweizer Bakterien fressen Journalistenhirn Silvio Huonder, Berlin

Im Radio SRF1 ist ein Beitrag dazu zu hören, von Thomas C. Breuer, Rottweil

Auf wissenschaftliche Informationen zur Deutschen Wespe verweist per Link Ulrike Wörner, Esslingen

Seid froh, dass es keine deutschen Drohnen oder gar Pferde sind … Marc Berger, Gransee

Wir schicken die Deutschen Wespen in die Schweiz, um über den erhöhten Verkauf des Schweizer Produkts Antibrumm die eidgenössische Wirtschaft anzukurbeln. Dank des jetzigen Wechselkurses können wir uns in Deutschland Antibrumm nicht mehr leisten und mussten darum unsere Wespen um den Besuch im Nachbarland bitten. Stefan Weidle, Bonn

Fragen an Claude Cueni

«Giganten» heißt der aktuelle Roman des Schweizer Schriftstellers Claude Cueni, eine Geschichte über eine Rivalität zwischen zwei Meistern der Monumentalarchitektur aus dem 19. Jahrhundert. Ich stellte dem Autor Fragen zum Buch und zum Schreiben.

Herr Cueni, steht man in der Krone der Freiheitsstatue in New York oder unter dem Eiffelturm in Paris, dann liegt das Wort Gigantismus in der Tat auf der Zunge. Sie nähern sich nun in Ihrem Roman den beiden Erschaffern dieser Bauwerke. Erinnern Sie sich noch, was oder wo die Initialzündung dafür war?

CLAUDE CUENI: Als Bub hat mich Bartholdis Löwe von Belfort sehr beeindruckt, ich habe später oft sein Geburtshaus in Colmar besucht, das heute ein Museum ist, aber es gibt keine eigentliche Initialzündung, ich speichere vieles intuitiv und im Laufe der Jahre entsteht ein Stoff für einen Roman.

Während die Charakterbeschreibungen des Bildhauers Bartholdi und des Ingenieurs Eiffel der Realität näherkommen, basiert der Konflikt – unter anderem natürlich durch eine Frau – auf Fantasie. Wie kann man sich die Arbeit zwischen Wahrheit und Fiktion vorstellen? Wo lagen die Herausforderungen?

Der Roman besteht aus historisch gesicherten Fakten, die ich einer fiktiven Dramaturgie unterzogen habe. Ursprünglich schrieb ich einen klassischen historischen Roman und bewegte mich eng an der historischen Zeitschiene.

Aber Sie kamen schlussendlich davon ab.
Ja, irgendwie haben die historischen Figuren in meiner Fantasie ein Eigenleben entwickelt und diese Szenen fand ich wesentlich spannender und bewegender. Ich schrieb den Roman deshalb neu. Es ist sicher ein wesentlich besseres Buch geworden, aber immer noch auf Fakten basierend.

Historische Stoffe haben Sie als Romancier schon immer fasziniert, nun befinden wir im Roman «Giganten» in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Eigentlich die Epoche, die unsere heutige Gesellschaft maßgeblich gestaltete. Haben Ihre Recherchen neue Schlussfolgerungen zu unserer Geschichte ermöglicht?

Meine letzten Romane spielen im 17., 18. und 19. Jahrhundert. Eigentlich erlebt jede Generation Finanz- und Wirtschaftskrisen, Enteignungen, Verarmung, Kriege, Epidemien – das ist historisch betrachtet so alltäglich wie die vier Jahreszeiten. Wer nur die Gegenwart kennt, denkt, so was sei heute nicht mehr möglich. Aber diese „Katastrophen werden sich immer wieder ereignen, denn die Natur des Menschen verändert sich nicht. Er bleibt ein rücksichtsloser Jäger, der nur an seinen eigenen Nutzen denkt.

Beim Lesen wähnt man sich auch immer wieder im Alltäglichen dieser Zeit. Können Sie sich einfach aus der Gegenwart ausklinken?

Ja, das ist nie ein Problem. Kaum habe ich das erste Wort geschrieben, sitze ich in einer anderen Epoche, und selbst wenn links und rechts Bauarbeiter hämmern und bohren, nehme ich das nicht mehr wahr.

Wie machen Sie das?

Ich brauche auch keine besonderen Arbeitsbedingungen. Ich schreibe beinahe wie unter Hypnose, weil ich in Gedanken Tag und bei meinen Figuren bin.

Was kann die Belletristik besser als ein Sachbuch? Warum die Form des literarischen Erzählens?

Der historische Roman ist ein Film, der nur mit der Fantasie der Leser vollendet wird. Es entsteht ein prächtiges Gemälde, ein Unikat. Das Sachbuch hingegen besteht aus Fakten, Zahlen, Tabellen, Abbildungen: Der Inhalt ist für alle Leser gleich. Es geht um Informationen, nicht um Emotionen.

Wenn ich ein Gemälde mit einem lesenden Menschen mit Ihrem Buch in den Händen malen müsste, wie sollte das aussehen?

Ich würde das Gemälde eines Orientalisten des 19. Jahrhunderts nehmen. Wüsten, Ruinenstädte, Beduinen und im Bild sitzt ein Mensch des 21. Jahrhunderts, der durch seine zeitgenössische Kleider auffällt. Witzig wäre natürlich auch ein Leser in einem Pariser Bistro des 19. Jahrhunderts.

Herr Cueni, vielen Dank.

 

Claude Cueni wurde 1965 in Basel geboren und schrieb historische Romane, Thriller, Theaterstücke, Hörspiele und viele Drehbücher, unter anderem für TV-Serien wie «Tatort»«Eurocops»«Peter Strohm» und «Cobra 11». Sein historischer Roman «Das große Spiel», die wahre Geschichte des Papiergelderfinders John Law, belegte Platz eins der Schweizer Bestsellerliste und wurde bisher in 13 Sprachen übersetzt. Zuletzt erschien 2014 der Bestseller«Script Avenue», in dem Cueni, anders als in seinen bisherigen Büchern, nicht die Geschichten ande- rer, sondern seine eigene erzählt. Cueni ist an Leukämie erkrankt und lebt in Basel.

Die Ethik der Zeugung

Eine Beobachtung im Zug.

In Schwarz sitzen junge Leute mit allerleiVariationen von Frisuren zwischen langen Strähnen und kahl geschorenen Schädelflächen im Zugabteil. Hunde unter den Sitzen gähnen und schauen der Entleerung von Red-Bull- und Bierdosen zu, als hofften sie, das Blech würde sich in blutige Knochen verwandeln. Die Jungs reden über Sex und Zeugung: «Also ehrlich, ich möchte nicht während einer Gruppensexparty gezeugt werden.» Der andere schaut ihn ziemlich verdutzt an.

Die Ethik der Lebensentstehung; eine Frage, die sogar Zeitgenossen beschäftigt, die, was das Äußere betrifft, darauf bedacht sind, der Umwelt zu verstehen zu geben, dass sie auf gar nichts etwas geben.

GIs in den Gärten

Seit etwa drei Jahren ist er weg. Unser Grauschnäpper. Auch der Fichtenkreuzschnabel saß vor Jahren zum letzten Mal auf einer Tannenspitze. Das Verschwinden dieser Vögel im Quartier ist die Quittung für das sogenannte verdichtete Bauen, die Opferung von Bäumen zugunsten Ziersträucher und der Auslagerung der Gartenarbeiten an umsatzorientierten Unternehmen.

Man erinnere sich an die Zeiten, in denen der Hauswart mit der Zigarre im Mundwinkel den Vorplatz wischte oder als der Hausbesitzer am Samstag da und dort die Ästchen abzwickte. Heute haben die Wohnungseigentümer für solche und ähnliche Arbeiten keinen Nerv, den verlieren sie lieber im Büro oder auf dem Bike. Deshalb beschließen Eigentümerversammlungen, den „Profis“ auf Auftragsbasis den Umschwung zu überlassen. Dann kommen sie, ausstaffiert mit den Laubbläsern und stürzen sich als Möchtegern-GIs auf jedes herumliegende Blatt. Blitzeblank schaut das dann aus. Im Intervall von wenigen Wochen stehen Männer unter den Bäumen und rechen die dunkle Erde von jedem Laub frei. Maschinell rasiert ein Arbeiter die Lavendelstauden in voller Blütepracht anfangs August. Wohlverstanden, ein Mitarbeiter eines Gartenunternehmens, das wohl im Herbst keine Aufträge annehmen kann.

Gekillte Frösche

Gut, da gibt es die Architektin, die um ihre Neo-Bauhaus-Wohnblöcke Natur- und Magerwiesen wachsen und nur zweimal jährlich mähen lässt, soll ja auch nicht unerwähnt im löblichen Sinne bleiben. Die Freude darob erblasst ziemlich schnell angesichts deren Hausbesitzerin nebenan, die ihren Naturgarten in einen golfplatzartigen Rasen verwandeln lässt, da sie durch ihre Reisen keine Zeit für solche Nebensächlichkeiten hat. Nett sind zwar die beiden kleinen Weiher mitten drin aber die Rasenmäher lassen den winzigen Jungfröschen bei der Auswanderung keine Chancen mehr und nimmt sie alle unter die Messer.
Und wenn hier noch von dem Ehepaar erzählt werden soll, das eine stolze und schöne Tanne für eine abendliche Strapazierung der solariumgeprüfte Haut durch die untergehende Sonne fällen lässt, dann könnte man sich in Rage schreiben.

Neue Märkte

Sind wir soweit, dass Gärten und Grünanlagen in Vorstadtquartieren durch die Pro Natura vor gewinnmaximierenden Gärtnereien geschützt werden muss? Kann es sein, dass der ehemalige Anwalt fürs Grüne dank Renditedruck zum Feind für naturnahe Oasen wird? Ja, richtig, wir leben ja alle von Geld, Umsatz, Gewinn. Aber wir leben länger, besser und fröhlicher wenn ökologische Vielfalt auch vor der Haustüre statt findet. Liebe Unternehmen der grünen Zunft, wie wäre eine Verlagerung von Nullachtfünfzen-Dienstleistungen auf naturnahe Pflege mit dementsprechender Aufklärungs- und Beratungsangeboten? Wetten, dass ein geschäftsmäßiges „Brachland“ nur darauf wartet, bearbeitet zu werden?

Nun, kurz vor Abgabe dieses Artikels sah ich in einer Nauturwiese vor dem Nachbarswohnblock zwei Gartenbauangestellte kauern, rupfend am Gras. Ich sprach einer der beiden an und machte ein Kompliment über diesen naturnahen Flecken. Er sah mich verdutzt an und fuchtelte mit der Hand ab und zeigte auf seinen Kollegen. Der Kollege drehte sich um und sagte: „Der versteht kein Deutsch“. Ich wiederholte meine Begeisterung zu diesem Konzept der Naturwiese. Der Mann stand auf, an der Harke stützend gab er zur Antwort: „Keine Ahnung, was Sie meinen, wir müssen da nur bestimmte Gräser ausreißen … aber ich sag es dem Chef weiter“.
Nickend ging ich weiter und stellte mir die Frage ob ich mich mit diesem Herrn nicht eher über das nächste Formel 1-Rennen hätte unterhalten sollen.

Buchtipp zum Thema: Hecken für naturnahe Gärten von Dietrich, Gregor; ISBN 978-3-7040-2155-7