„Zürich ist begeisterungsfähig“

Der Kabarettist Mathias Richling startet seine Tour mit einem neuen Programm Zürich und gibt Auskunft über sein Verhältnis zur Stadt.

Und wir verlosen zwei Gratis-Tickets für die Premiere am 9. September 2022 im Bernhard Theater Zürich (siehe unten).

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Urs Heinz Aerni: Herr Richling, Sie feiern die Premiere Ihres neuen Programms in Zürich. Wenn man ein Verhältnis zu einer Stadt haben kann, wie würden Sie Ihres Zürich gegenüber beschreiben?

Mathias Richling: Ich feiere die Uraufführung meines neuen Programmes mit Begeisterung in Zürich, weil die Zuschauer in Zürich trotz oder gerade wegen aller nachgesagten Reserviertheit enorm begeisterungsfähig sind. Und so ist auch mein Verhältnis zur Stadt herzlich-distanziert.  Man geht durch die Straßen. Die Menschen, soweit sie Zürcher sind, schauen einen freundlich an. Und grüßt man sie dann, sind sie überrascht, dass sie einen erkannt haben.

Aerni: Was würden Sie einer Bekannten in Berlin Zürich beschreiben, ohne den See und die Bahnhofstraße zu erwähnen?

Richling: Der Vergleich mit Berlin ist ideal wegen der enormen Gegensätzlichkeit: Denn im Vergleich mit der bundesdeutschen Hauptstadt ist Zürich nicht offensiv, nicht extrovertiert, nicht überschäumend, sondern diskret, zurückhaltend und man wird in Zürich nicht behelligt mit den Unbillen anderer Leben.

Aerni: Hier in der Schweiz beobachtet man genau, was im nördlichen Nachbarland geschieht. Umgekehrt scheint das nicht der Fall zu sein. Warum?

Richling: Die Schweizer beobachten Deutschland und seine Politik schon deswegen um so ausführlicher, weil stets eine gewisse Häme mitschwingt über unsere Unfähigkeiten. Und außerdem lenkt diese Häme ab von den Qualen über die Politik im eigenen Land.

Aerni: … eine Art Ablenkung…?

Richling: Das Interesse ist also vor allem Selbstheilung. Man steht einfach besser da, wenn man sich vergleicht mit deutscher Politik. Warum dies umgekehrt nicht der Fall ist, mag mit einer gewissen deutschen Überheblichkeit zu tun haben. Es scheint sich für uns nicht zu lohnen. Schade.

Aerni: Ihr aktuelles Programm karikiert mit viel satirischem Biss das Gebaren der Mächtigen in Deutschland und der Welt drum herum. Wieviel Hoffnung sehen Sie als kritischer Geist für unsere Gesellschaft, so ganz unter uns gefragt?

Richling: Wenig. Denn die Erfahrung zeigt – ob beim Klima, bei Corona, bei der Wirtschaft oder beim Krieg – , dass der Mensch, auch der deutsche, erst neigt zu Menschlichkeit, zu Rücksicht, zu Nachsicht, zu Umsicht, wenn er selbst wirklich und existentiell in Not gerät.

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Premiere «Mathias Richling#2023» am 9. September 2022 um 20 Uhr im Bernhard Theater Zürich

Für alle, die mitmachen an der Verlosung: Bitte einfach eine Mail mit Name und Anschrift schicken an: ursaerni@web.de. Viel Glück!

www.bernhard-theater.ch/spielplan/mathias-richling

So oft und gerne der schwäbische Menschen-Beobachter, Politik-Deuter und sarkastische Wahr-Sager Mathias Richling im Fernsehen zu sehen ist: am liebsten kommuniziert er doch direkt und live mit seinem Publikum, was durch pandemische Umstände in den letzten Jahren nicht leicht oder unmöglich war. Richling, der von vielen Kritikern als der beste Parodist der deutschen Kabarett-Szene gefeiert wird, bringt seine jüngsten Beobachtungen wie immer in literarisch anspruchsvoller Form (über seine Texte gibt es bereits Magister-und Doktorarbeiten) und kaum jemand aus Politik und Show bleibt verschont.

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Spaß beim Sparen

Energiekrise, Stromlücke und Wassermangel treiben die Medien und die Fachleute um. Die Politik debattiert, Behörden warnen und bitten um sparsamen Umgang mit den Mitteln, die wir zum Leben brauchen. Wir müssen nicht erst handeln wenn es brenzlig oder wenn es im Geldbeutel leerer wird. Wir können daraus einen Sport machen, der Spass machen kann und sogar die Gesundheit fördert:

Kühleres oder kaltes Duschen mobilisiert unseren Kreislauf und die Abwehrkräfte unseres Immunsystems. Weniger oder nur alle paar Tage rasieren lässt uns Kerle verwegener aussehen und wir sparen Geld für den Rasierschaum. Den Rasen nicht mehr mähen, lässt die Schmetterlinge tanzen und das Geld für Benzin oder Strom ist auch gespart. Stromschienen ausstecken oder Standby-Lampen ausmachen sorgt für weniger Elektrosmog in unserem Kopf.

Ein feines Steak nur am Samstag reguliert den Cholesterinhaushalt und fördert die Vorfreude. Wasser trinken aus einer Glas- statt PET-Flasche verschafft weniger Mikroplastik in der Lunge.

Mit erster Klasse im Zug sitzen statt eingepfercht im Flieger lässt das Reisen zum Teil des Urlaubs werden. Früher Lichterlöschen am Abend unterstützt das haptische Kennenlernen der eigenen Wohnung und die Treppen steigen statt den Fahrstuhl nehmen – egal wie hoch das Haus ist, erspart das Abo eines Fitness-Centers und erhöht die Durchblutung.

Ah, noch ein Tipp für alle, die sich in Kommunikation üben möchten. Des Öfteren sind hauptsächlich Männer zu beobachten, die im stehenden Wagen das Navi einstellen oder am Handy fummeln während der Motor im Stillstand brummt. Überwinden Sie Ihre innere Hemmung, gehen zu ihm hin und machen bei geschlossener Scheibe eine deutliche Bewegung des Zündschlüsseldrehens oder bei offenem Fenster fragen Sie freundlich, ob er den Motor nicht ausmachen könne. Die einen machen den Daumen hoch und drehen den Schlüssel, die anderen steigen aus und gehen mit einer recht agressiv gestalteten Mimik auf Sie zu. Egal ob Sie Ihre Nahkampfkenntnisse in Einsatz bringen müssen oder sich gut mit Ihrem Hausarzt verstehen, es war für eine gute Sache und ein Training für ihre Sozialkompetenz.

Urs Heinz Aerni

Buchtipp: «Klima schützen kinderleicht – Mit vielen praktischen Tipps» von Maik Meuser und Nicole Kallwies Meuser, Penguin Verlag

Dieser Beitrag ist zuerst in der Zeitung BÜNDNER WOCHE erschienen.

Sommer-Wettbewerb

In der aktuellen Ausgabe der Wochenzeitung NOVITATS gibt es eine Wettbewerbsfrage:

Warum heißen die Stockenten eigentlich so? Sicher nicht, weil sie einen stocksauren Eindruck machen.

Die Zeitung verlost 1 Buch „Vögel – Charakterköpfe“ von Tom Krausz, Elke Heidenreich und Urs Heinz Aerni

Ihre Antwort mit Postanschrift kann direkt an diese Adresse gemailt werden: novitats@somedia.ch

Viel Erfolg!

Heinz Aerni wird 90!

Morgen gibt’s was zu feiern. Mein Herr Papa wird Neunzig.

Dem früheren Architekten, Musiker, Gemeinderat von Fislisbach und Großrat im Kanton Aargau und dem heute fröhlichen Vater, Großvater und Ur-Großvater wünschen wir alle für den 7. August von Herzen einen wunderschönen Geburtstag!

Momentaufnahmen

Erschienen in der Zeitung REUSSBOTE

Reisen

Es gab Zeiten, da reiste ich viel. Ich korrigiere, ich reise auch jetzt gerne, aber anders. Warum reisen wir überhaupt? Um die Welt kennen und verstehen zu lernen? Um den Alltag mit Exotik zu übertünchen? Oder die Arbeitskollegin neidisch zu machen und beim Grill die Gastgeber zu beeindrucken? Aber eigentlich funktioniert das heute nicht mehr, alle können es sich leisten, durch die Welt zu jetten, und tun es auch. Umwelt hin oder her. 

Ja, sie gehören an einen prominenten Platz im Lebensalbum, die Tage in Namibia, Ägypten, Malediven, Malta, Madeira, USA etc. Ich weiss nicht, wie Sie es mit dem Reisen während und nach der Pandemie hatten. Als stolzer Generalabonnement-Besitzer (oder SwissPass) entdeckte ich die Vielfalt an Natur und Kultur der Schweiz aufs Neue. Beim Studieren des GA-Netzes stieß ich auf die famose Möglichkeit, ins Ausland zu reisen ohne Aufpreis. Also besuchten wir alle Nachbarländer mit dem GA, genossen andere Mentalitäten und neue Naturschönheiten. Es sind bezaubernde Orte mit klangvollen Namen: Thonon-les-Bains mit französischem Charme am Wasser. Porlezza mit Italianità in Architektur und Kulinarik. Feldkirch mit österreichischem Schmäh in schmucker Altstadt. Mals mit südtirolischem Weitblick ins Tal. Weil am Rhein zwischen Weinbergen und Curry-Wurst nach Berliner Vorbild. Die Liste wäre noch zu verlängern mit Tirano, Luino, Evian-les-Bains, Divonne-les-Bains, Delle, Schopfheim, Waldshut, Konstanz, Friedrichshafen, Lindau, Hohenems, Malbun, Landeck-Zams, Nauders, Livigno, Bormio, Chiavenna, Menaggio, Luino, Domodossola … Sind das nicht Namen von Sehnsuchtsorten? Alle GA-tauglich.

Falls Sie jedoch das GA oder den SwissPass nicht haben sollten, so bleiben Sie im Land und gehen in die Buchhandlung Ihres Vertrauens und kaufen dieses Buch: «Eine Weltreise durch die Schweiz» von Artur Kilian Vogel (Wörterseh Verlag), das mit grandiosen Bildern zeigt, dass auch hier die Welt stattfindet. Gute Reise. 

Urs Heinz Aerni

Alle Jahre wieder, zum Leidwesen der Vögel

Im ganzen Land wird zur Nationalfeier am 1. August Feuerwerke gezündet, auch immer mehr in privaten Gärten. Welche Auswirkungen hat das auf die Vögel? Fragen an die Leiterin der Vogelpflegestation Voliere Zürich, Elisabeth Schlumpf.

Urs Heinz Aerni: Frau Schlumpf jedes Jahr wird über die Auswirkungen der Feuerwerke auf die Natur und die Tiere diskutiert. Wie verhalten sich eigentlich die Vögel wenn es draußen knallt?

Elisabeth Schlumpf:  Sie erschrecken und fliegen in Panik davon. Bei den Wasservögeln kommt noch die Verschmutzung der Gewässer durch herumliegende Raketenreste und Russ dazu.

Aerni: Könnte es sein, dass die Vögel das Feuerwerk als ein Gewitter empfinden?

Schlumpf: Ein Wetterwechsel spüren die Vögel vorher schon, durch Wind, Bewölkungszunahmen oder näherkommendes Donnergrollen. Die Knallerei der Feuerwerke komme ohne Ankündigung und plötzlich. Zudem meistens in der Nacht und somit sind vor allem die ruhenden Tiere besonders betroffen.

Aerni: Werden mehr verletzte Vögel nach einer solchen Nacht, wie auch nach einer Silvesternacht zu Ihnen in die Pflegestation gebracht?

Schlumpf: Wir erhalten jeweils mehr Meldungen über tote Vögel, die mit hoher Wahrscheinlichkeit unter Panik in Mauern und Scheiben geflogen sind.

Aerni: Gibt es Lärm, an den sich Vögel gewöhnen können?

Schlumpf: Die Lautstärke muss nicht immer ein Problem sein, denken wir an natürliche Lärmquellen, wie z.B. Wasserfälle, Bäche etc. und auch an regelmäßigen Lärm wie Straßen oder Eisenbahn können sich die Vögel recht gut gewöhnen, denken wir zum Beispiel an den Damm zwischen Rapperswil und Pfäffikon an Oberen Zürichsee, wo die Ko-Existenz zwischen Verkehr und Vogelschutzgebiet erstaunlich gut funktioniert. Das Problem ist das plötzliche Knallen und das dazugehörende Lichtgewitter, das die Tiere sehr verängstigt.

Aerni: Was würden Sie sich wünschen und was raten Sie Menschen, die Tiere besitzen wenn es dann wieder die Raketen gezündet werden?

Schlumpf: Am besten darauf verzichten. Auch wenn ein Feuerwerk Tradition und für uns Menschen sicher sehr schön ist, sollte man Traditionen nach dem heutigen Stand des Wissens überdenken. Alle Wildtiere, wie auch Haustiere würden es danken, in dem sie uns erhalten bleiben.

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Elisabeth Schlumpf ist Geschäftsführerin der Voliere am Mythenquai und die Vogelpflegestation, wo verletzte einheimische Vögel gepflegt und wieder ausgewildert werden. Die Voliere nimmt auch Vögel zur Ferienpension auf und unterhält exotische Vögel aus Zuchthaltungen, zum Teil Arten, die vor dem Aussterben bedroht sind. Die Voliere-Gesellschaft Zürich wird durch Spenden und Gönnerbeiträge finanziert. www.voliere.ch

Depesche mit diesen Themen:

Der ARD-Tatort beschäftigte sich mit dem Streit um den Kormoran am Bodensee, doch nicht der Vogel ist das Problem. Hier zu lesen.

„China würde mich rausschmeißen“ meint die SRF-Korrespondentin Karin Wenger im Interview, das hier per Mausklick zu lesen ist: Kurier

Nicht jeder Jungvobel braucht Hilfe. Die Vogelpflegestation Voliere Zürich teilt mit, dass Passanten zu viele und unnötig junge Vögel bringen. Was ist zu tun, wenn beim Spazieren ein junger aus dem Nest gefallener Jungvogel gesichtet wird? Hier geht es zum Beitrag.

Nächste Veranstaltungen:

Gespräch mit der Künstlerin und Autorin Nana Pernod zu ihrem neuen Buch im Atelier für Kunst und Philosophie in Zürich

Gespräch mit der SRF-Korrespondentin Karin Wenger über ihre Zeit in Asien in Thun

Im Juli startet das KulturNatur-Programm im Hotel Schweizerhof Lenzerheide (Graubünden)

Ausblicke:

Nahreisen in die Geschichte und Vogelwelt im Säuliamt (Kanton Zürich)

Literaturfestival Sprachsalz in Hall in Tirol

Literaturtage Zofingen mit Spanien als Gastland

Einen fröhlichen Sommer wünscht Ihnen: Urs Heinz Aerni

PS: Das Foto stammt aus Monza (Italien)

«Musik ist eine gute menschliche Investition»

Die Musiklegende Pepe Lienhard geht mit BigBand und sieben Sängerinnen und Sänger auf große Schweizer Tournee mit «Music was my firstl love». Im Interview zeigt sich dankbar, zuversichtlich obwohl ihn auch etwas wütend machen kann.

Urs Heinz Aerni: Sie gelten als eine lebende Legende der Schweizer Musikgeschichte. Ist das ein Kompliment?

Pepe Lienhard: Es ehrt mich natürlich schon, aber in der Regel gehören Legenden eher der Vergangenheit an und ich bin definitiv noch aktiv stecke voller Pläne und Tatendrang.

Aerni: Sie waren 37 Jahre Orchesterleiter von Udo Jürgens, spielten mit Stars zusammen wie Frank Sinatra, Whitney Housten oder Quincy Jones. Und auch heute stehen viele Konzerttermine an, auch in Orten wie Affoltern am Albis, Cham, Thun oder Luzern. Ganz unter uns: verspüren Sie auch mal Ermüdungserscheinungen?

Lienhard: Ehrlich gesagt stehe ich immer noch ausgesprochen gerne auf der Bühne und es ist für mich keine Belastung heute hier und morgen da zu spielen. Nach den Konzerten geht es nicht mehr auf die Gasse wir früher, das erlaubt das Alter natürlich nicht. Solange die Gesundheit mitmacht und die Leute unsere Musik hören will, mache ich mit Freude weiter.

Aerni: Sie erlebten als Musiker auch einen grossen Wandel in der Art, wie Musik konsumiert wird, von der Schallplatte bis zum digitalen Streamen. Verändert das auch unser Verhältnis zum bewussten Musikhören?

Lienhard: Ja, ich denke schon, dass sich das Musikhören wandelt. Manchmal habe ich das Gefühl, dass Musik auf digitalen Hörsystemen mit dem Daumen beliebig rauf und runter geschoben wird. Die jüngeren Generationen hören kaum mehr längere Musikstücke oder schauen zum Musikhören noch was anderes auf dem Handy an. Zu meinem 75. Geburtstag haben wir ein Streaming- Konzert aus dem Theater Rigiblick gemacht. Die Crew, die das Konzert technisch begleitet hat war völlig überrascht, wie viele Menschen das ganze Konzert, über eine Stunde, durchgehend geschaut haben.

Aerni: Ein Ausnahmeerlebnis also?

Lienhard: Ja, das erleben die sonst nicht so. Da wird rein und rausgezappt. Gleichzeitig gibt es ja doch auch wieder einen Trend hin zur Schallplatte, doch bleibt dies wohl eine Nische. CDs hört ja auch kaum noch wer – entsprechend haben wir unsere neue CD «Music was my first love» mit einem Download-Code versehen.

Aerni: Und, wie hören Sie?

Lienhard: Ich für mich höre nach wie vor Schallplatten und CDs. Zuhause lasse ich mich auch nicht den ganzen Tag von Musik berieseln. Ich höre und geniesse sie sehr bewusst.

Aerni: Wie oft denken Sie auch mit etwas Sehnsucht an die gute alte Zeit, wie damals mit dem Hit «Swiss Lady» oder die Tourneen mit Udo Jürgens?

Lienhard: Natürlich sind dies einmalige Erinnerungen und ich denke mit viel Freude und vor allem Dankbarkeit daran zurück. Im Sextett waren wir jung und ungebunden. Spielten elf Monate im Jahr. Ich fuhr zweimal im Jahr nach Hause und wechselte die Sommer – oder Wintergarderobe.

Aerni: Wir leben grad in einer komplizierten und unschönen Welt. Wie und wo könnten wir mit der Musik noch mehr Gutes tun?

Lienhard: Musik verbindet, tröstet, beschwingt. Sie hat in schlimmsten Zeiten stets grosse Wichtigkeit. Sie darf nie aufhören zu spielen. Das dürfen wir uns nie nehmen lassen. Wenn ich zum Beispiel höre, dass in gewissen islamischen Ländern den Mädchen das Singen verboten wird, macht mich das fassungslos und auch wütend. Wir tun gut daran, Kindern den Zugang zum gemeinsamen Musizieren zu ermöglichen. Ich glaube das ist eine sehr gute, menschliche Investition.

Aerni: Sie scheinen in allen Musiksparten zu Hause zu sein, von Schlager über Swing und Jazz bis Pop. Welchen Radiosender schalten Sie beim Autofahren ein?

Lienhard: Radio Swiss Jazz oder SRF1 – dies vor allem kurz vor Mittag, wenn es ums Essen geht!

Aerni: Zu guter Letzt: Was man einem Fischer oder einem Jäger wünscht, ist ja bekannt. Was dürfen wir Ihnen als Musiker wünschen?

Lienhard: Eine erfolgreiche Tournee wäre ganz wunderbar. Vielen Dank!

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Seit über 50 Jahre steht Pepe Lienhard auf der Bühne in vielen Musikwelten wie von Eurovisions-Songcontest bis Montreux Jazz Festival, von TV-Gala und Ländler-Juuzer. Er war 37 Jahre lang Orchesterleiter von Udo Jürgens. Solomusiker, Bandleader, Arrangeur, Talkmaster, Gastredner. Er blickt zurück auf die Zusammenarbeit mit Superstars wie Frank Sinatra, Whitney Houston, Quincy Jones. Weitere Infos zur neuen Tournee finden sich auf:

www.pepe-lienhard.ch

PS: Das Bild stammt vom Konzert in Bonstetten zu Ehren des 20jährigen Jubiläums des Kulturkellers La Marotte in Affoltern am Albis (Kanton Zürich)

Rechtfertigung

Ein Gastbeitrag von Corina Burkhardt

Hast du dich heute schon vor dir selbst gerechtfertigt? Dich mittels Gedankenkraft davon überzeugt, dass deine Handlung sein muss, obwohl deine Wahrnehmung einen anderen Standpunkt vertritt? Sich vor dem Gegenüber glaubhaft zu rechtfertigen ist eine Kunst, sich vor sich selbst rauszureden, die Königsdisziplin. Das merke ich spätestens, wenn die Rotweinflasche mich wiederholt anlächelt und meine Gedanken dem Gesundheitsbewusstsein den Garaus machen wollen. Soll ich auf ein drittes Glas verzichten, wenn ich doch ahne, was mein Arzt dazu sagen würde? Nein. Schließlich habe ich mehrmals gehört, dass Rotwein gesund ist. Er verfügt über einen hohen Gehalt an Polyphenolen und kann sogar Krebs vorbeugen. Das wusste bereits Opa und ist deshalb auch neunzig geworden.

Wenn eigene Wahrnehmungen kollidieren, kommt es zu einem Fest der Rechtfertigungen. Da feiern Kuchenstücke und Traumkörper plötzlich im ein und demselben Raum und bringen uns buchstäblich zur Verzweiflung. Wir versuchen Umweltbewusstsein mit dem nächsten Flug und gute Vorsätze mit Faulheit zu vereinbaren, um die negativen Gefühle irgendwie abzulegen. Dafür verteidigen wir unsere Handlung, lassen uns Ausreden einfallen und lügen, dass sich die Balken biegen. Dabei endet das Rechtfertigen erst, wenn der innere Richter mit dem Hämmerchen alle Wahrnehmungen stummgeschlagen hat, die uns kein Wohlwollen versprechen. Daraufhin folgt die Handlung ‒ und was passiert danach? Ja, genau. Das Gedankenkarussell lädt auf eine nächste Runde ein. Bitte einsteigen. Denn selbst wenn eine Rechtfertigung für den Augenblick funktioniert, folgt in den meisten Fällen eine gleiche oder ähnliche Situation, in der wir erneut mit unseren Wahrnehmungen konfrontiert werden. Es kommt zu einer fortwährenden Verhandlung, bei der die immer gleichen Argumente vorgelegt und verabschiedet werden.

Es stellt sich die Frage, ob wir womöglich zu hart mit uns ins Gericht gehen. Ich glaube, das hängt von der Dissonanz ab und welche Wichtigkeit wir Wahrnehmungen zusprechen. Dabei scheint es nicht elementar, die Rechtfertigungen komplett verschwinden zu lassen. Immerhin gewähren sie uns einen Blick auf unsere Einstellungen, Wünsche und Absichten. Führen sie jedoch stets zu einem negativen Gefühlszustand, sollten wir versuchen einsichtig zu sein, bevor wir uns möglicherweise Erfolgen, Erlebnissen oder gar Zielen berauben.

Corina Burkhardt

Corina Burkhardt wurde im Jahr 1988 in der Schweizer Stadt Baden geboren. Heute lebt sie, gemeinsam mit ihrem Partner und zwei Katzen, in der Nähe ihrer Heimatstadt. Sie studiert angewandte Psychologie und schreibt nebenbei mit großer Leidenschaft Liebes- und Jugendromane. Am liebsten vereint sie beide Genres in einer Geschichte. Außerdem ist die Autorin verrückt nach Kaffee, mag es zu reisen und kann sich stundenlang in eine Serie vertiefen. Mit ihren Lesern tauscht sie sich gerne über Facebook oder Instagram aus. Weitere Informationen unter: www.corina-burkhardt.ch

RONDINE MONTANA

Irgendwas zischt mir über den Kopf beim Wandern im südlichen Graubünden bei Grono. Kaum versuchte ich, das fliegende Etwas zu erkennen, muss ich mich wieder ducken vor einer Scheinattacke. Beim zweiten Angreifer wird es klar, es sind Felsenschwalben. Ich stehe unter einer niedrigen Brücke, und in der Lücke zwischen der Trägersäule und dem Beton der Straße kann ich ein Nest ausmachen. Und diesem Nest bin ich wohl zu nahe gekommen. Schnurstracks gehe ich meines Weges, auch wenn dieser Vogel nicht für physische Feindberührungen bekannt ist.

Wie alle Schwalben segeln die Felsenschwalben durch Schluchten und über Felder, um Insekten zu fangen. Und wie alle anderen Schwalben kehrt sie dem Norden im Herbst den Rücken und im Frühling denselben dem Süden. Sie gehört allerdings zu den Ersten, die nördlich der Alpen eintreffen, wenn im März noch Schnee liegt. Es besteht also durchaus die Möglichkeit, dass Sie beim Skiliftanstehen eine Felsenschwalbe vorbeiziehen sehen. Bemerkenswerterweise bevölkert diese Schwalbe zwar die Alpen und das Jura, aber nicht nördlicher als Zentralfrankreich, Süddeutschland und in Ungarn bis zum Donaudelta. Sie wählt lieber das raue Klima auf 2600 Meter über Meer als den hohen Norden.

Erfreulicherweise darf vermeldet werden, dass die Bestände dieses Vogels hierzulan- de stabil und ungefährdet sind. Und es lohnt sich, zum Beispiel beim Umsteigen, am Bahnhof Tiefencastel herumzuschauen. Hier sitzen auf den Fenstersimsen die Teenager, wartend auf Futter. Oder wenn Sie das Hotel gegenüber der Post in Len- zerheide verlassen, dann schauen Sie schräg links auf das Gebäude mit der Tem- peraturanzeige. Dort in den Nischen unter dem Dach können jedes Jahr Felsen- schwalben bewundert werden. Und ja, hier können Sie die Vögel aus sicherer Distanz beobachten und müssen sich nicht ducken.

Urs Heinz Aerni

PS: Der Vogelbeobachter bietet in der Sommersaison auf der Lenzerheide und in Chur Vogelspaziergänge an. Anfragen: ursaerni@web.de