Geld für Militär statt Bildung in der Schweiz

Heute las ich diese Schlagzeile in der Zeitung!

Die Schweiz lebt nicht von Erdöl, Diamanten oder Gold, sondern von Geist, Wissen und Kreativität. Unser „Gold“ läge in den Köpfen. Die Schweiz wird für sein direktdemokratisches System bestaunt und Bürgerinnen und Bürger stimmen regelmäßig über komplexe und landesbestimmende Themen ab, was Lese- und Entscheidungskompetenzen staatstragend wichtig machen. Und was macht die Bundespolitik wie auch zum Teil die Kantonspolitik? Sie sparen bei Bildung und Schule und investieren mehr ins Militär, Infrastrukturen und Verkehrswesen. Ohne vor allem die zuletzt beiden genannten Bereiche negieren zu wollen, zeigen solche Entscheidungen, wie die immense Wichtigkeit der Bildung und das Sprachvermögen unterschätzt oder verkannt wird. Als würde man dem Goldschürfer den Griff zur Schaufel erschweren.

 

Urs Heinz Aerni

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„Die meisten Frauenfiguren habe ich im Labor entwickelt“

Nach der Lektüre des Buches stellte ich dem Autor Ernest Albert über seinen Roman „Der Metro-Medizinmann“ Fragen.

 

Urs Heinz Aerni: Der Begriff Medizinmann lässt an alte Zeiten denken, dabei spielt Ihr Roman in den 1990er Jahren. Wie weit ist für Sie dieses Jahrzehnt entfernt?

Ernest Albert: In Jahren sind die Neunziger noch nahe, kulturell kommen sie mir bereits wie eine Reise zum Mars vor. Auch meine liebe Exfreundin Seung Hee berichtet, dass sie in Bürounterhaltungen über die damalige cyberdelische Kultur Acht geben muss, keine zwanzigjährigen Kolleginnen zu erschrecken. Diese hören ja teils wieder Schlagermusik und schunkeln in Bierzelten. Aber warum auch nicht? Wenn die Jugend neokonservativ ist, haben wir sie durch Verunsicherung womöglich dazu gebracht.

Aerni: Die Raverszene wurde in den Neunzigern geboren, der Techno kam auf und an diversen Orten Zürichs gab es die illegalen Partys. Wo konnte man Sie damals antreffen?

Albert: Mit Freunden hatte ich bereits in den Achtzigern beliebte Reizüberflutungen auf House-Basis in der Zürcher Flughafenregion veranstaltet. Als die Technobewegung dann fett unterwegs war, gehörten das Brut in Zürich-Altstetten, das alte X-tra an der Hardturmstraße und das Spidergalaxy in der Geroldstraße zu unseren dauerhaft geschätzten Locations. Dies nebst unzähligen Orten für nur wenige Nächte. Wichtig waren zudem Bergfestivals wie die frühen „Visions“ von DekaDance. Sie haben meine Romanfigur „Medizinmann“ mitgeprägt, da auch sie philosophische Kraft aus der Direktbeziehung Großstadt-Hochgebirge zieht.

Aerni: Ihr Roman umkreist einen Mann namens Andres, der sich schwer tut mit der Trennung von Nadine und während er sich in die urbane Ausgeh-Szene mischt, lernt er einen Mann kennen, der sich Medizinmann nennt. Was war die Initialzündung für Ihr Buch?

Albert: Ich hatte bereits „Siggi Minne“ publiziert, einen Roman, der mich laut Rezension im Avantgarde-Medium STRAPAZIN als „bedeutenden Gegenwartsliteraten“ empfahl.

Aerni: Kompliment …

Albert: Vielen Leserinnen und Lesern war jenes Buch jedoch zu experimentell. Also ließ ich mich von Vorbildern wie Raymond Queneau und Stefano Benni zu einem urbanen Märchen inspirieren. Es sollte Tiefgang mit einer einfachen, witzigen und klaren Sprache verbinden – und wurde zum „Metro-Medizinmann“.

Aerni: Ihr Roman liest sich als Spiegel einer Liebes- und Lust-Kultur, die es heute nicht mehr zu geben scheint. Hand aufs Herz, wir beide sind älter und nicht mehr so in der Szene drin; vielleicht gibt es ihn doch noch, den 90er Groove und wir checken es einfach nicht mehr?

Albert: Vielen Dank für Ihre Frage ob das Buch, wenn ich Sie richtig verstehe, nostalgisch motiviert ist.

Aerni: In etwa, ja.

Albert: Ganz klar nein. Alle Gäste unserer Zürcher Buchvernissage waren ja anschließend im „Haus von Klaus“ eingeladen, einem der aktuell angenehmsten Clubs im deutschen Sprachraum. Unter den Freunden, die die Vernissage bereicherten, waren unter anderem Thomas Hess, der kürzlich mit seinen Kollegen die Bar 3000 über der „Zukunft“ analog gerockt hat, und Marius Neukom, der gerade einem der groundigsten Zürcher Orte neues digitales Leben einhaucht – dem ehemaligen Klubi an der Wasserwerkstraße. Über fortgesetztes Grooven freue ich mich also einfach. Dies erstens für mich und meine Liebsten, zweitens für die ehemaligen Kids, die etwas später gekommen sind und drittens für alle Leser, die damit einen natürlicheren Zugang zum Roman haben. Um übrigens die Neunzigerjahre pauschal nostalgisch zu verklären, sind sie mir zu zwiespältig. Das gleiche gilt für Zürich, auch wenn es mir ans Herz gewachsen ist.

Aerni: Ihre Fabulier-Lust ist fast in jeder Zeile spürbar, auch lieben Sie Dialoge. Wie sind Sie vorgegangen, wie haben Sie Ihre Figuren gefunden?

Albert: Die meisten Frauenfiguren habe ich im Labor entwickelt, indem ich ehemalige Freundinnen auf einer interessanten Entwicklungsstufe eingefroren und dann nach einem Steigerungsplan sozusagen an den Buchhelden verfüttert habe. Die meisten Männerfiguren sind abgespaltene Persönlichkeitsanteile von mir. Ich habe die Figuren miteinander quasseln lassen, was die Dialoge ergeben hat. Es gibt aber auch Menschen, die behaupten würden, dass alles, was ich soeben geäußert habe, ein einziger Schwindel ist, zur Unterhaltung erfunden.

Aerni: Wenn ich ein Bild mit einem lesenden Menschen mit Ihrem Buch in den Händen malen würde, wie müsste es aussehen?

Albert: Es müsste aussehen wie einst ein gefesselter Leser des „Zauberbergs“, nachdem dieser Belle-Epoque-Roman endlich, doch noch und in einer längst veränderten Epoche erschienen war, nämlich erst 1924.

Aerni: Wie würde Ihr Roman heißen, wenn Sie nun unser jetziges Jahrzehnt als Kulisse bräuchten?

Albert: Einen Titel für diesen Fall zu improvisieren scheint mir etwas riskant. Aber bezüglich der Gattung könnte ich, da ich inzwischen auch in Wien wohne, urleicht auf den Satire-Geschmack kommen.

Infokasten:

Ernest Albert wurde 1967 in Kalifornien geboren. Er lebt heute als Autor in Zürich und Wien, schrieb früher für das Magazin STRAPAZIN. In Zürich studierte Albert Vergleichende Literaturwissenschaft und promovierte als Soziologe zum Werte- und Gesellschaftswandel. Sein Roman „Der Metro-Medizinmann“ ist im Verlag C. F. Portmann Zürich erschienen: ISBN 978-3-906014-32-6, CHF 28.80. Euro 25,70

Beten für das Gegenteil?

Es gab Zeiten, da war der große Aletschgletscher im Wallis mit seinen 23 Kilometern eine Gefahr, weil er wuchs. Zwischen dem 17. und 19. Jahrhundert lebte die Bevölkerung in Angst vor Seeausbrüchen, Geröll- und Schlammlawinen. Als „Gegenmaßnahme“ legten die Bewohner ein Gelübde ab, das von Papst Innozenz XI genehmigt werden musste. Darin beteten sie um den Stopp der Ausdehnung des Gletschers. Während all die Jahre des jährlichen Gebetes schleuderte die Zivilisation Gift in die Luft und die Böden, pflanzte Monokulturen, industrialisierte die Landwirtschaft, verbaute Land mit Einkaufszentren und Autobahnen und verwandelte die fossilen Stoffe in Schall und Rauch.

Und, was geschieht? Der Gletscher begann nun zu schmelzen und zu schrumpfen. Die Menschen jubeln nicht, sie sehen sich nun vor einer neuen Gefahr gegenüber: das Wasser für Vieh, Wiesen und eben Mensch droht zu versiegen. Wir befinden uns jetzt im aufgeklärten 21. Jahrhundert. Was tun? Weniger Stickstoffe in die Böden pumpen, weniger fossile Ressourcen verheizen, sparsamer Energie verschwenden, weniger die Landschaft zubetonieren, mehr Verantwortung gegenüber Umwelt übernehmen? Nein, eine neue Bewilligung des Heiligen Vaters einholen um nun in Prozessionen gegen den Gletscherschwund beten zu dürfen.

Ich muss mal den Journalistenverband anrufen und fragen ob es auch ein Gebet gibt für mehr Leserinnen und Leser gibt oder ob ich einfach besser schreiben muss.

Urs Heinz Aerni

Der passende Buchtipp: „Der Dominoeffekt oder die unsichtbaren Fäden der Natur“ von Gianumberto Accinelli, Verlag S. Fischer Sauerländer, ISBN 978-3-7373-5471-4

Bergsommer

Ab 9. Juli bin ich wieder voll und ganz im Einsatz für das  Hotel Schweizerhof Lenzerheide in Lenzerheide (Graubünden).

Mit den Gästen geht es auf die Berge, in die Wälder, in Schluchten, in Museen, zu Bauern, zu Brauereien und vieles mehr. Die Links führen zum Detailprogramm in den fünf Wochen. In Vorfreude auf den Bergsommer in Graubünden.

https://www.schweizerhof-lenzerheide.ch/…/Kulturprogramm-Wo…

PS: Das Bild zeigt, dass wir beim Wandern auch Pausen machen…

Und junge Hotelgäste können mit Profis zusammen ihre Geschichten aufs Papier bringen:

Genießen Sie den Sommer und auf bald wieder!

Urs Heinz Aerni

Donna Leon und die Amerikanisierung

Donna Leon signierte die Bücher und hörte freundlich zu, als die Leser ihr an einer Veranstaltung in Zürich Komplimente machten oder Fragen stellten. Das war damals so etwa beim fünften Fall von
Commissario Brunetti. Die sehr sympathische Lady erklärte dann im Gespräch, dass ihre Krimis nicht ins Italienische übersetzt werden, damit sie weiterhin in Venedig leben könne. Mittlerweile gibt es ja schon den 23. Fall ihres Kommissars und die Autorin genießt eine riesige Fangemeinde im deutschsprachigen Raum und in Grossbritannien. Sie lebt übrigens ja auch regelmäßig im Schweizer Kanton Graubünden. Auf die Frage, warum ihre Romane in ihrer Heimat, den Vereinigten Staaten, keinen ähnlichen Anklang fänden, meinte die Bestsellerautorin: «Brunetti philosophiert übers Leben und seine Frau ist Literaturdozentin. Meinen Sie, das interessiert die Amerikaner?»

Wie gesagt, diese Situation liegt schon einige Jahre zurück. Seit damals habe ich Frau Leon nur noch einmal kurz an einem Verlagsfest getroffen, aber zur Lage der amerikanischen Nation kamen wir nicht mehr ins Gespräch. Liebend gerne hätte ich ihre Meinung zu dem ganzen Zirkus erfahren, mit dem superreichen Präsidenten namens Donald Trump als Clown in der Manege. Sie hätte vielleicht die Augen verdreht und mir zu verstehen gegeben, dass Inszenierungen von politischen Selbstdarstellern auch in Europa langsam amerikanische Züge annehmen.

Vielleicht hätte sie mir gezeigt, wie überhaupt hier bei uns alles amerikanisiert würde, von den Polizeiuniformen in gewissen Schweizer Kantonen aber auch Bundesländern über das Fernsehprogramm bis hin zu den Weihnachtsmännern, die in der Shoppingmeile «ho ho ho» rufen. Sie hätte als Wahlschweizerin vielleicht vor den selben Fehlern wie der Ökonomisierung der Grundversorgung oder der Sparprogramme an den Schulen bei der Allgemeinbildung gewarnt.

Ich weiß es nicht, aber ich könnte es mir vorstellen.

Der passende Buchtipp: „Abc 4 USA – Amerika verstehen“ von Arthur Honegger, Stämpfli Verlag

Der Beitrag ist auch in der Zeitung BÜNDNER WOCHE erschienen.

Witz, eine verkannte Kunst?

Meine Güte, was haben wir in der Lobby gelacht. Nach einer Veranstaltung mit dem Schauspieler Hanspeter Müller-Drossaart in Lenzerheide lud ich ihn zu einem Drink ein und die Gäste setzten sich zu uns. Er zeigte sich auch nach dem offiziellen Programm als begnadeter Erzähler von Witzen und er kennt eine Unmenge davon. Da war mir wieder klar, dass der Witz eine unterschätzte Konversations-Kunst ist. „Witz“ gehört sprachhistorisch zu den Wortfamilien Verstand und Wissen, so das Herkunftswörterbuch Duden. Im 17. Jahrhundert kam im Deutschen die Verwendung im Sinne von „Esprit, Gabe des geistreichen Formulierens“ auf. „Witzeln“ oder „Spötteln“ standen im 16. Jahrhundert für „klug reden“. Witze werden erzählt um Dummheit und Nichtwissen bloß zu stellen. Ein Scherz funktioniert nur, wenn alle wissen, was die Realität ist. Ohne wahre Tatsachen gäbe es den Humor nicht. Wenn jemand einen Witz erzählt, muss er voraussetzen können, dass seine Zuhörer genug gebildet sind, um diesen zu verstehen. Die Konsumenten müssen also ein Mindestwissen haben, so dass sie die erzählte Geschichte als eine Unmöglichkeit erkennen. Satire, Comedy und Kabarett sind Formen des Witzes, zugeschnitten auf ein passendes Publikum, je nach Ort und Anlass. Der Witz legt Schwachstellen im System bloß und deckt Mängel in der Gesellschaft und Politik auf. Wer welche Art von Witz erzählen darf, ist auch eine Frage der Position. Während die Herkunft der Appenzeller-, Österreicher- oder Ostfriesenwitze  unterschiedlich interpretiert wird, haben die Jüdischen Witze eine tiefe historische Kultur. Und wenn Sie mal eine Gesellschaft unterhalten möchten, dann sind Sie sich bewusst, dass der Inhalt des Witzes Ihren Geist und Stil widerspiegelt. Das ist das eine. Nun kommt aber die zweite maßgebende Herausforderung! Der Witz ist erst gelungen, wenn er auch entsprechend mit Rhetorik, Modulation und Charakterspiel zum Besten gegeben wird. Und hier wäre für so manchen Witzliebhaber noch ein Workshop fällig. Stimmts?

Der passende Buchtipp: „Soll das ein Witz sein?“ von Helmuth Karasek, Heyne Verlag

Diese Kolumne erschien zuerst in der Zeitung Bündner Woche

Lernen aus einem großen Denkfehler der SBB?

Soviel ich weiß, möchte die SBB (Schweizerischen Bundesbahnen) noch immer die mobile Minibar abschaffen, aus Gründen der unzureichenden Rentabilität. Warum sind solche Entscheide ein Riesenfehler?

Nehmen wir als Beispiel ein Hotel. Die Gäste freuen sich auf ein breites Angebot an Service und Einrichtungen wie Wellness, Hallenbad, Bikes, Abendessen, Zimmerservice, Lobby, Fitnessraum, Billard oder Ausflüge mit Guide. Die Auswahl und die Aussicht, das alles benutzen zu können ohne zu müssen, beglückt den Gast und befeuert die Vorfreude. Was aber, wenn der Gast in seinem Urlaub mal den Pool nicht benutzt, dafür zwei Ausflüge bucht? Oder er ginge dreimal Billardspielen aber nie ins Hamam? Würde deshalb der Pool trockengelegt und das Hamam zugesperrt werden? Mitnichten!

Weil der Pool oder das Hamam oder sonst ein Angebot in sich selber nicht rentabel sein muss. Alle Optionen gehören zum Gesamtbild des Hotels. Dieses Gesamtkonzept definiert ein Label, eine Marke mit einer ausstrahlenden Attraktivität, die entsprechend wirkt und Kundschaft generiert. Dasselbe gilt für Destinationen, Regionen ja sogar Kantone. Sogenannte strukturarme dafür naturreiche Gegenden müssen für das Label Graubünden mit urbanen und mainstreamigen gekoppelt und als Ganzheit angepriesen werden. Denkte jedes Tal im Alleingang ans liebe Geld, würde es zur totalen Verschandelung der Landschaft führen, die weder Biker, Snöber noch Naturfreunde und Wanderer locken könnte. Wenn Konzerne wie die Bahn für jeden einzelnen Service eine eigene Rendite erwirtschaften wollten, dann verlöre das Reisen mit dem Zuge den Ruf, von dem sie bisher lebten.

Erschienen in der Bündner Woche

Der passende Buchtipp: „Nachhaltigkeits-Marketing-Management“ von Christin Emrich, Verlag De Gruyter

Brauchen wir Helden?

 

Der Gang zum Kiosk war für mich als Kind jeweils ein Ritual mit großer Vorfreude. Ich guckte hoch zur Dame, der Königin der vielen Comicshefte um sie herum. Sie reichte mir feierlich entweder Bessy, Asterix, Superman oder das Zack mit Leutnant Bluberry und Michel Vaillant. Sie retteten uns kleinen Jungs damals nicht nur die Welt, sondern auch den verregneten Mittwochnachmittag.

Helden brauchen wir dann, wenn wir überfordert, verzweifelt und hoffnungslos sind. Helden werden durch Elend und Not geboren oder produziert. Wann braucht es sie nicht? Wenn Machtlosigkeit durch Wissen, Eigenverantwortlichkeit, Kreativität, Mut, Aktivität und Courage verhindert oder umgangen werden kann. Seit der Aufklärung schienen die Chancen gegeben zu sein, von Theokratien und Monarchien abzurücken um sich der Demokratie hin zu entwickeln. Es war Zeit, jedem Einzelnen mehr Verantwortung und Mitspracherecht zu übergeben. Nach dem Wahn von Diktatoren, die zu Weltkriegen, Arbeitslagern und Hirnwäsche führte, schimmerte am Horizont die Hoffnung auf Vernunft und Differenzierung. Was passiert nun?

In der Türkei hieven die Massen einen Machtbesessenen in den Palast, der iliegalerweise in einem Naturschutzgebiet steht. In den USA wird ein polternder Selbstdarsteller ins Weiße Haus gewählt. In Italien glaubten viele das, was ein Macho durch seine eigenen Sender plärrte. In Russland wird nach dem Zarenterror einen neuen Zaren mit Krawatte verehrt. In Deutschland bringt es ein Mann fertig, mit lauten Reden, die Wähler in Rage zu bringen obwohl sein Programm aus dem besteht, was andere schon versprechen. In der Schweiz verlernt man hoffentlich nicht das Zuhören, Abwägen und das Entscheiden im Interesse für Mensch und seine Umwelt. Wenn doch, dann kaufe ich mir am Kiosk meinen Superman.

 

Der Beitrag erschien auch in der Zeitung Bündner Woche

Wird die Vielfalt des Marktes übersehen?

Ziemlich geschafft setzte ich mich in Leipzig in den Zug, der mich zurück in den alpinen Süden bringen wird. Aber ich bin wieder beeindruckt von den unglaublich vielen neuen Büchern, die an der Buchmesse präsentiert wurden. Im deutschsprachigen Raum erscheinen pro Jahr rund 100.000 neue Titel allein im Bereich Belletristik.

Mir wurde gesagt, dass kein anderer Sprach- raum eine so gigantische Vielfalt an Büchern aufweise, Jahr für Jahr. Ein Zeichen für Aufklärung, offene Gesellschaft und agile Intellektualität weit und breit? Das ist ein anderes Thema.

Der Anwalt für Autoren

Als Literaturagent und Vermittler erhalte ich erfreulich viel Manuskripte, die einen Verlag suchen und meine Seminare «Wie veröffentliche ich ein Buch» sind sehr gut besucht. Es wird also geschrieben, was das Zeug hält. In der Rolle des Anwalts für Autoren kritisiere ich nicht öffentlich Bücher, ich äußere mich lobend. Aber das könnte sich ändern, denn auch angesichts der Mannigfaltigkeit der aktuellen Literaturszene schrumpfen die Besprechungen in den Kultur- und Feuilletonseiten der Medien zur Einfältigkeit.

Ganz ehrlich, ich habe nichts gegen Martin Suter, Lukas Bärfuss oder Milena Moser. Sie treffen mit ihren Werken viele lesende Her- zen. Doch warum rollt jede Zeitung, jede Li- teratursendung und jedes Heft gleich den roten Teppich aus, wenn von ihnen ein neues Buch das Licht der Buchhandlung erblickt? Wieso besprechen alle Kritiker immer gleich und sofort dieselben Bestseller?

Literarische Biodiversität

Die literarische Biodiversität gehört beachtet und macht unsere Kultur reich. Wenn schon immer mehr Platz und Geld für die Kulturseiten weggespart wird, warum wird dann auf den übrig gebliebenen Zeilen nicht mehr Platz für Bücher reserviert, die nicht schon überall in aller Munde sind?

Möchten sich die Kritiker auf den Buchdeckeln der zweiten Auflage mit Zitat erwähnt sehen? Stehen die Redaktionen in irgendeiner Schuld der Verlage? Besteht zwischen den Rezensenten eine Wette beim Besprechen? Dabei gibt es eine grosse Flut an neuen Büchern, von denen gesagt werden kann, dass es auch glücklich machen kann, diese zu entdecken. Liebe Literaturkritiker, greifen Sie ein Buch aus dem Stapel und wenn wieder ein Suter herauskommen sollte, so können Sie das auch Ihren Kollegen überlassen. Sie werden überrascht sein, was es sonst noch Schönes zu lesen gibt.

Diese Kolumne erschien auch in der Zeitung BÜNDNER WOCHE

Das war der Kulturwinter 2017 im Hotel Schweizerhof Lenzerheide

Mit der 9. BERG & BUCH endet der Kulturwinter des Hotels Schweizerhof Lenzerheide.“So bald ich endlich die Fütterungszeiten im Zoo kannte, wollten die Kinder lieber in den Europapark.“ Eine der vielen Szenen aus dem aktuellen Programm von Christoph Simon. Oder haben Sie auch schon versucht den Trennstab des Kassenfließbandes in der Migros zu kaufen? Gar nicht so einfach. Simon vergnügte das Publikum mit Wahrnehmungen eines jungen Vaters so treffend, dass das Lachen bei vielen aus einem Wiedererkennen herrührte. Falls Sie sein Programm „Zweite Chance“ noch nicht erlebt haben sollten; er ist damit auf Tour durch die Schweiz.

Die 9. BERG & BUCH mit vielen Büchern in der Lobby, einer Duo-Lesung mit Sandra Lüpkes und Jürgen Kehrer in der Gemeindebibliothek, dem Loblied auf die Literatur von Manuela Hofstätter von Lesefieber.ch und dem Kabarett mitten aus dem Leben von Christoph Simon war der Schlusspunkt des Winter-Kulturprogramms 2017 im Hotel Schweizerhof Lenzerheide.

Durch den Winter 2017 verführten Künstlerinnen, Kabarettisten, Schriftsteller, Filmer, Käser und Kartoffelbauern in andere Welten. In der Reihe „Talk am Berg“ 2017 waren diese Gäste dabei: Mona Vetsch, Marc Tschudin, Martin Bienerth, Marcel Heinrich, René Schnoz und OHNE ROLF.

Für die Frühlings- und Sommersaison stehen Exkursionen mit BirdLife auf dem Programm und ein reiches Angebot an Ausflügen in den Sommerferien. Zudem bietet MouTeenCamp Schreibworkshops mit Gabrielle Alioth, Ralf Schlatter, Ruth Grünenfelder und Arno Rautenberg. Und das Kulturprogramm für den nächsten Winter steht schon … fast.