Kennen wir sie, unsere Vögel?

Liebe Leserin, lieber Leser,

2020 sind Kurse und Exkursionen geplant, für alle, die mehr über unsere Vögel erfahren möchten.

In Muri (Aargau) zusammen mit Ruth Grünenfelder

In Erlenbach zusammen mit Iren Schürmann

In Zürich an der Klubschule Migros

Weitere individuelle Exkursionen können direkt hier per Mail gebucht werden. Das können auch gemütliche Spaziergänge am Wasser, im Wald und ja gar in der Stadt sein, denn Vögel findet man überall … noch.

Mit freundlichen Grüßen

Urs Heinz Aern

Hier geht es zum Beitrag „Luftige Migration – Oder wie es dem Menschen bald gelingen wird, auch den Zugvögeln Grenzen zu setzen“

 

Atom- und andere Energien

Kernkraftwerke oder die Atomenergie sorgen für Schlagzeilen:
Zuerst die guten: Atommeiler Philippsburg bei Karlsruhe wird Ende Jahr still gelegt und das älteste Werk der Schweiz, Mühleberg bei Bern wurde heruntergefahren. Rückbau dauert ca. 30 Jahre!
Jetzt die bedenklichen News:
Räumung der Brennstäbe von Fukushima verzögert sich wohl bis 2032. Und Leibstadt (Aargau, Schweiz) musste wegen Störung abgeschaltet werden.
Während auf der ganzen Welt noch viele Atomkraftwerke in Planung sind oder schon gebaut werden, wurde für die Endlagerung der Brennstäbe auf dem ganzen Planeten noch keine Lösung gefunden.
Nebenbei: Hätten die alten Römer schon AKWs gehabt, so säßen wir heute auf ihren Brennstäben.
Und passend zum Thema, sei noch der POLIZEIRUF 111 auf ARD empfhohlen, der sich mit der kriminellen Enerige rund um die Nuklear-Technik beschäftigt:
Für solche, die es genau und noch mehr wissen möchten, sei hier der passende Buchtipp gegönnt…
Nun wünschen wir einen lustigen Rutsch in ein fröhliches 2020!
Ihr
Urs Heinz Aerni

Egal woher

Aufgrund der Getränke-Attacke auf andersdenkende Politiker in Zürich und einer Hakenkreuz-Spray-Aktion auf einem Elsässischen Friedhof begann ich für diese Kolumne über die Bedeutung des Wortes „Dummheit“ zu recherchieren. Beim Blättern im Duden-Herkunftswörterbuch traf eine E-Mail ein, die auf einen Artikel im «Bote der Urschweiz» hinwies, der die Frage stellt, warum so viele Regionalkriminalromane von Schweizer Autorinnen und Autoren hauptsächlich in Verlagen aus Deutschland erscheinen. Angesichts dessen, dass der Schweizer Fußball durch eingewanderte Talente gross wurde, hiesige Konzerne in aller Welt das fette Geschäft machen oder gleich ins Ausland verkauft werden und nicht wenige Souvenirs mit Schweizerkreuz mit dem Zettel „Made in China“ versehen ist, schrumpft die obengenannte Thematik zu einer Nichtigkeit.

Die deutschsprachige Schweiz ist für buchproduzierende Unternehmen in derselben Sprache ein sehr kleiner Markt, jedoch bedeuten Verlage in Deutschland und auch in Österreich für eidgenössische Schreibende ein wichtiges Sprungbrett zu einem großen Publikum. Robert Walser suchte damals in Berlin Anerkennung und Erfolg, heute werden seine Bücher von Suhrkamp Berlin publiziert wie auch diejenigen von Max Frisch und Erica Pedretti. Klaus Merz ist bei Haymon Innsbruck zuhause, Markus Bundi bei Septime Wien, Christine Trüb bei Limbus Innsbruck, Felix Philipp Ingold bei Ritter in Klagenfurt, Lukas Bärfuss bei Wallstein Göttingen, Rolf Lappert bei Hanser München etc. Und Hand aufs Herz was kümmert es den Lesenden, ob ein guter deftiger Thriller der Baslerin Anja Berger bei Droemer Knaur in München erscheint, oder Krimis mit psychologischer Kunst und gesellschaftlicher Brisanz wie beispielsweise von Christine Brand bei Blanvalet in München oder von Christof Gasser bei Emons Köln rauskommen? Hauptsache, sie wiegen guten Lesestoff in den Händen, der süchtig macht. Na also, frohes und fröhliches Lesen wünsche ich Ihnen auch für das kommende Jahr.

Urs Heinz Aerni

 

Das Buch mit kurzen Texten von Urs Heinz Aerni «Lugano – Konstanz» ist soeben in der Edition Baes in Zirl (Österreich!) erschienen.

„Es braucht Mut“

Ab 14. Dezember präsentieren acht Mal- und Kunsttherapeutinnen in Weggis ihre eigene Kunst. Zu dieser Abschlussausstellung des Moduls „Künstlerische Fähigkeiten IHK“ gibt die Kurleisterin Denise Huber Auskunft. Von Urs Heinz Aerni.

Urs Heinz Aerni: Nicht wenige Stunden und Tage verbrachten hier Mal-  und Kunsttherapeutinnen,die ihre eigenen künstlerischen Talente nachspürten. Was war das Ziel dieses Moduls?

Denise Huber: Die Studierenden erhalten die Möglichkeit, verschiedenste künstlerische Techniken und Herangehensweisen kennenzulernen und auszuprobieren. Sie experimentieren mit unterschiedlichen Materialien und setzen sich vertieft mit einer Arbeit auseinander. Das Modul wird abgeschlossen mit dem Modulzertifikat Künstlerische Fähigkeiten IHK. Dieser Abschluss befähigt die Studierenden, eine eigene künstlerische Arbeit in einer selbst gewählten Technik zu entwickeln und diese zu reflektieren. Das Modulzertifikat Künstlerische Fähigkeiten IHK zählt als Teilabschluss für die Zulassung zur eidgenössisch anerkannten Höheren Fachprüfung Kunsttherrapie (HFP-KST), Fachrichtung Gestaltungs- und Maltherapie.

Aerni: Oft bestehen Hemmungen, sich ins künstlerische Gestalten zu wagen, woran könnte das liegen?

Huber: Wir Mal- und Kunsttherapeuten sind in der therapeutischen Arbeit damit beschäftigt, unterschiedliche Menschen in Prozessen mit bildnerischen Mitteln zu begleiten. Sind also in der Rolle als Therapeuten und nicht als Gestaltende. Dieser Schritt ins eigene gestalterisch-künstlerische Tun ist ein ganz anderer.

Aerni: Und gegen aussen auch ein Mittel, um sich mitteilen zu können, oder?

Huber: Künstlerisches Gestalten oder Kunst, – ist immer Kommunikation mit künstlerischen Mitteln. Es braucht neben der persönlichen, eine gesellschaftliche und universelle Dimension.

Aerni: Mit welchen Auswirkungen könnte man rechnen, bei einer Arbeit der kreativen Art?

Huber: Wenn man sich einer solchen auf ernsthafte Art und Weise stellt, kommt man auf ein Terrain, welche weitergeht, als der gute Geschmack und das bedeutet immer eine Konfrontation mit sich selbst und den gesellschaftlichen Gegebenheiten.

Aerni: Die Ausstellung präsentiert Arbeiten von Künstlerinnen aus Zürich, Basel, Aarau oder Winterthur. Wie wichtig ist das Umfeld für ein Seminar wie dieses?

Huber: Die Teilnehmerinnen des Moduls Künstlerische Fähigkeiten IHK, sind Mal- und Kunsttherapeutinnen, welche sich in diesem Jahr auf einen eigenen künstlerisch-gestalterischen Weg begeben. Das schulische Umfeld wird in der Regel als bereichernd und und „ansteckend“ empfunden. Die Zufriedenheit ist aber auch von dem abhängig, was man aus dem im Unterricht Gelernten macht. Der Anteil an Selbsterfahrungsstunden ist hoch.

Aerni: Die Objekte können recht lange hier in Weggis besichtigt werden. Wo beginnt für Sie die oder eine Kunst zu wirken im Alltagsleben?

Huber:  Eigene gestalterisch-künstlerische Bilder und Werke auszustellen ist ein grosser Schritt und der kostet Mut. Über das Zeigen, wird das was man macht, nach Aussen hin sicht- und austauschbar.

 

Info:

Abschlussausstellung des Moduls „Künstlerische Fähigkeiten IHK“ im Hotel Rigi in Weggis. Am Samstag, 14. Dezember 2019, 14:00 – 17:00 Uhr findet die Vernissage statt mit den Ausstellenden Jacqueline Aerni, Jeanine Lanbacher, Piacentina Mariano, Claudia Schweikert, Ruth Solazzo, Ursula Staub, Monika R. Wintermantel und Gerda Wüst.

Denise Huber ist Ausbildungsleiterin und Dozentin am Institut für Humanistische Kunsttherapie in Zürich und leitet das Modul Künstlerische Fähigkeiten IHK. Sie ist ausgebildete Kunsttherapeutin (ED), Fachrichtung Gestaltungs- und Maltherapie, Ausbilderin mit eidg. FA, Künstlerin bildende Kunst HF (F+F, Schule für Kunst und Design, Zürich) sowie in psychiatrischer Krankenpflege. www.kunsttherapie.ch

Dieses Interview erschien zuerst in der WOCHEN-ZEITUNG.

Denise Huber – PD
Flyer Ausstellung Weggis

Elke Heidenreich

Am Festival Sprachsalz in Hall bei Innsbruck unterhielt ich mich für DIE REDAKTION mit Elke Heidenreich über Berliner Eigenarten, Ihr Leben mit Büchern und über ein Projekt, das bei ihr momentan auf dem Tisch liegt.

Diesmal gibt es mehr zu sehen und zu hören als zu lesen. Bitte diesen Link betätigen:

Tun, was geht

Die eidgenössischen Parlamentswahlen sind vorbei und die Resultate zeigen, wie Klima und Umwelt zu Themen Nummer eins wurden und man darf gespannt sein, wie sie die neue personelle Besetzung unter der Bundeshauskuppel herausfordern werden. Und jetzt kam noch von der Schweizer Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) die Info, dass in den letzten zehn Jahren ein Drittel aller Insektenarten verschwunden sind.

An der Frankfurter Buchmesse diskutierten Expertinnen und Fachleute, was denn gegen das Artensterben und die Wetterextreme unternommen werden könne und immer wieder wird die Politik in die Pflicht genommen, was ja auch ihr Job ist, aber dann stellte der Moderator die Frage, was denn jede und jeder im Alltag für den blauen Planeten tun könne und wissen Sie was, ich kann diese Frage nicht mehr hören, deshalb liste ich nun hier ein für allemal auf, was wir als Otto-Normal-Menschen zu tun mächtig sind:

1. Den Rasen nicht mehr oder nur noch wenig mähen. 2. Automotor abstellen beim Um- und Beladen. 3. Wilder und bunter Garten wachsen lassen. 4. Nicht nur Pet, Alu und Glas aus dem Müll sortieren, sondern Plastik, und die neuen Recycling-Angebote nutzen. 5. Jahreszeitgemässer Gemüseinkauf und nur noch Produkte aus der Region verspeisen und trinken. 6. Nächtliches unnötiges Dekorationslicht löschen und alle Standby-Lämpchen an Stromschienen und Elektrogeräte ausschalten. 7. Urlaubsziele an Eisenbahnschienen bevorzugen. 8. Giftfreie Wasch- und Haushaltsputzmittel verwenden. 9. Lokal statt digital einkaufen. 10. Zuwarten mit dem Kauf des neuesten Smartphones oder Tablet. 11. Kein Deluxe-Futter für Haustiere. 12. Weniger Haustiere. 13. Weniger Babys. 14. Entsprechend Abstimmen wie zum Beispiel gegen Baueinzonungen, Pestizide und für Naturpärke. 15. Mehr Leitungswasser trinken als importiertes Mineralwasser. 16. Am Tag wandern statt in der Nacht im Wald biken. 17. Weniger große Räume bewohnen. 18. Den Laubbläser in den Elektroschrott schmeissen. 19. Beim Heimatfußballclub auf Naturrasen plädieren.

Habe ich was vergessen?

Urs Heinz Aerni

Der passende Buchtipp: „Was schulden wir künftigen Generationen? Herausforderung Zukunftsethik“ von Kirsten Meyer, Reclam Verlag

Dieser Beitrag erschien auch in der Zeitung Bündner Woche.

 

Liegt es an den langen Nächten?

Nein, es liegt nicht nur an den langen Winternächten, dass Norwegen uns in der Lesekultur was vormacht.  Laut Studien lesen die Norwegerinnen und Norwegen pro Jahr 15,5 Bücher und für weniger als 10’000 Einwohnerinnen und Einwohner steht eine Buchhandlung zur Verfügung. 100 Verlage veröffentlichen jährlich rund 5’000 Titel, davon 60 bis 70 Prozent von einheimischen Schreibenden.

Die Leselust und die Lesequalität werden ermöglicht durch eine vorbildliche staatliche Literaturförderung. Dazu gehört der Verzicht einer Mehrwertsteuer auf Bücher und Mindestabnahme-Garantien für die Verlage durch staatliche Institutionen. Das nimmt den wirtschaftlichen Druck der Verlage, die als Gegenleistung sich mehr auf Qualität konzentrieren, als ständige Kompromisse eingehen zu müssen, die die Quote fordert, und zugleich wird der Zugang zum Buch für das Publikum einfacher und günstiger. Es handelt sich um eine Art bildungstechnische Grundversorgung, so wie wir hier froh sind wenn Sender wie Deutschlandfunk oder 3sat, uns von den unsäglichen Programmen der Privaten retten. In Norwegen spielen auch die öffentlichen Bibliotheken eine immens wichtige Rolle für Rückzugsorte, die Ruhe und Geborgenheit bieten, vor allem auch für Kinder aus nicht einfachen Verhältnissen.

Wie gesagt, es liegt nicht die langen Nächte im Winter, es liegt an der wahrgenommenen politischen Verantwortung, etwas für die Bildungs- und Kulturqualität zu tun. Eine Investition in die Lebensqualität. Richtig, Norwegen ist reich, die Schweiz aber auch…

Urs Heinz Aerni

Hier kann die Buchwelt Norwegens nach der Frankfurter Buchmesse entdeckt werden,  an den Literaturtagen Zofingen vom 25. – 27. Oktober 2019 www.literaturtagezofingen.ch

Wo ist Welt?

Irgendwer meinte, dass es auffallend sei, wie viele junge Männer sich unter den Flüchtlingen aus Afrika, Afghanistan oder Syrien befänden. Aber wer denn sonst soll fliehen oder auf die Suche machen, wo Geld fürs Leben zu finden ist?

Mit siebzehn Jahren zog der Sohn eines Müllers und Kleinbauers aus Alvaneu-Bad nach Odessa, wo er eine Bäckerlehre absolvierte. Er hiess Peter Balzer, das war im Jahre 1814. Flurin Lozza verliess Marmorea um sich als Tellerwäscher in Spanien und Frankreich durchzuschlagen. Sie gehören zu den vielen jungen Männern und auch Frauen, die im 19. Jahrhundert Graubünden verliessen um im Ausland ein Auskommen als Söldner, Zuckerbäcker, Cafétiers, Ladendiener und Hausangestellte zu finden. Mir wurde zugetragen, dass der Bürgermeister von Palermo mit seinem Team zum Strand geht, so bald ein neues Flüchtlingsboot angekündigt wird, um die Menschen in Empfang zu nehmen und zu fragen, welche berufliche Erfahrungen sie mitbrächten. Je nach Antwort, organisiere er, dass sie gleich den entsprechenden Branchen zugeteilt würden. Wie gesichert diese Information ist, weiss ich nicht aber es liest sich couragiert an, nicht? So waren sicher die damals ausgewanderten Bündnerinnen und Bündner froh, auf Menschen zu treffen, die sie aufnahmen und engagierten. Basierend auf ein Zitat in einem damaligen Brief in die Heimat lautet das Buch von Donat Rischatsch „Auch hier ist Welt“. Die darin erzählten Geschichten von Menschen im Bündnerland, die das Glück und das Weite suchten, lösten die ersten Kulturtage in Lain, Muldain und Zorten aus, die vom 11. bis 13. Oktober dauern und nicht nur dokumentieren, sondern das Damalige mit dem Jetzigen vermischen, in verschiedenen Disziplinen der Kunst. Das Programm berührt alle Sinne und verführt uns mit Sicherheit zu neuen Zugängen in der Frage, was denn unsere Welt ausmache und wo sie sein könnte.

Urs Heinz Aerni

Der passende Link: https://www.kulturampass.ch

Der Beitrag erscheint auch in der Bündner Woche und auf Berglink.de

Jagd nach Schwein oder Glück?

Die Kolumne in der Bündner Woche läuft bekanntlich unter «Aufgefallen» und wissen Sie was, zwischen den Abgabeterminen fällt mir sehr Vieles auf, was es verdiente, darüber zu schreiben. Beispiele? Ich wuchs in der Nähe der Grenze zu Deutschland auf und liebte den Radiosender SWF3 mit «Pop Shop» oder Else Stratmann. Nun wollte ich modern sein, kaufte mir ein portables DAB-Radio und höre da, dieses neue System lässt nicht mehr zu, dass wir SWR oder ORF hören können, sondern nur noch CH-Sender von Radio Zentralschweiz bis Radio Argovia, die ziemlich alle denselben Sound bringen. Kurz: Die digitale Revolution engt den audiotechnischen Horizont ein. Im Kanton Solothurn erlegte ein Jäger aus Versehen drei Haus-Wollschweine, in den Wäldern Niederösterreichs wird nach einem Känguru gesucht, von dem jede Spur fehlt, bis zur Drucklegung dieses Textes und in Rom dürfen Touristen sich nicht mehr auf die Spanische Treppe setzen.

Und dieses Buch fiel mir nicht nur vor kurzem auf, sondern in die Hände: Vallotton konnte nicht nur malen, das Schreiben beherrschte er ebenso. Der aus Lausanne stammende Maler und Grafiker (1865 – 1925) verbrachte die letzten 43 Jahre in Paris. Die Stadt ist auch Schauplatz seines Romans, der heute übersetzt vorliegt. Erzählt wird das Leben eines Mannes, der in der Kindheit mit traumatischen Unglücksfällen konfrontiert wurde und doch immer wieder die Lebensfreude zurückgewann. Leidenschaft bilden die Koordinaten dieser Geschichte über die unglückliche Jagd nach dem Glück. Der Unglücksjäger übrigens, bat öffentlich beim Wollschweinbesitzer um Entschuldigung.

Urs Heinz Aerni

Das Buch: „Das mörderische Leben“ von Félix Vallotton, NZZ Libro, ISBN 978-3-03823-586-6

Wo beginnt der Wahn?

„Wir lieben nicht, wir tanzen wie Nachtfalter um das künstliche Licht“, dies schrieb Christine Lavant in ihren Aufzeichnungen, die 1946 entstanden sind. Damals zeigte sich der Verleger begeistert, doch seinem Wunsch, den Schluss „fromm“ zu gestalten, konnte die Autorin nicht entsprechen. Jahrzehntelang lag das Manuskript brach. Erfreulicherweise ist nun dieser bemerkenswerte Text als Buch greifbar. Christine Lavant begab sich damals freiwillig in eine „Irren-Anstalt“. Die Ich-Erzählerin beschreibt in berührender Weise die Zustände im Heim, das Leben der Insassen und des Personals. Auch die eigene Person ist Bestandteil der schonungslosen Analyse. Vermutlich hätte das Buch in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts einen Skandal ausgelöst, und wahrscheinlich bewegen diese Worte auch die Leserin und den Leser heute zutiefst. Die Nähe zwischen Genialität und Wahn, Ironie und Zerfall war und ist heute noch oft die Ursuppe großer Literatur, was Namen wie Joesph Roth, Friedrich Glauser oder Robert Walser bestätigen. Christine Lavant beweist mit ihren neu zu entdeckenden Texten zudem einmal mehr, dass die Grenze zwischen Wahn und „Normalität“ alles andere als klar ist.

Das Buch: „Aufzeichnungen aus dem Irrenhaus“ von Christine Lavant, Wallstein Verlag, 978-3-8353-1967-7,  (2001 wiederaufgelegt vom Otto Müller Verlag)