Wo ist Welt?

Irgendwer meinte, dass es auffallend sei, wie viele junge Männer sich unter den Flüchtlingen aus Afrika, Afghanistan oder Syrien befänden. Aber wer denn sonst soll fliehen oder auf die Suche machen, wo Geld fürs Leben zu finden ist?

Mit siebzehn Jahren zog der Sohn eines Müllers und Kleinbauers aus Alvaneu-Bad nach Odessa, wo er eine Bäckerlehre absolvierte. Er hiess Peter Balzer, das war im Jahre 1814. Flurin Lozza verliess Marmorea um sich als Tellerwäscher in Spanien und Frankreich durchzuschlagen. Sie gehören zu den vielen jungen Männern und auch Frauen, die im 19. Jahrhundert Graubünden verliessen um im Ausland ein Auskommen als Söldner, Zuckerbäcker, Cafétiers, Ladendiener und Hausangestellte zu finden. Mir wurde zugetragen, dass der Bürgermeister von Palermo mit seinem Team zum Strand geht, so bald ein neues Flüchtlingsboot angekündigt wird, um die Menschen in Empfang zu nehmen und zu fragen, welche berufliche Erfahrungen sie mitbrächten. Je nach Antwort, organisiere er, dass sie gleich den entsprechenden Branchen zugeteilt würden. Wie gesichert diese Information ist, weiss ich nicht aber es liest sich couragiert an, nicht? So waren sicher die damals ausgewanderten Bündnerinnen und Bündner froh, auf Menschen zu treffen, die sie aufnahmen und engagierten. Basierend auf ein Zitat in einem damaligen Brief in die Heimat lautet das Buch von Donat Rischatsch „Auch hier ist Welt“. Die darin erzählten Geschichten von Menschen im Bündnerland, die das Glück und das Weite suchten, lösten die ersten Kulturtage in Lain, Muldain und Zorten aus, die vom 11. bis 13. Oktober dauern und nicht nur dokumentieren, sondern das Damalige mit dem Jetzigen vermischen, in verschiedenen Disziplinen der Kunst. Das Programm berührt alle Sinne und verführt uns mit Sicherheit zu neuen Zugängen in der Frage, was denn unsere Welt ausmache und wo sie sein könnte.

Urs Heinz Aerni

Der passende Link: https://www.kulturampass.ch

Der Beitrag erscheint auch in der Bündner Woche und auf Berglink.de

Weihwasser gegen Schnaps?

Die Kleinstadt Twer, nordöstlich von Moskau, habe ein Problem. Überdurchschnittlich viele Bewohnerinnen und Bewohner seien hier dem Alkohol verfallen. In ganz Russland sterben pro Jahr Tausende Menschen an den Folgen dieser Sucht. Heuer seien es schon 17 Prozent mehr als im Vorjahr. Nun, zu erwarten wären Gegenmaßnahmen wie Bekämpfung der Armut und Arbeitslosigkeit, Förderung von Aufklärung, Bildung und Eigenkreativität, Gründung von Selbsthilfegruppen, Einrichtung von psychologischen Hilfestellungen, Ausbau des Freizeit- und Vereinsangebots und ähnliches. Doch stattdessen besteigt ein russisch-orthodoxer Geistlicher ein Kleinflugzeug und gießt auf dem Überflug der genannten Stadt aus einemgoldenen Kelch durch eine Luke in 300 Meter Höhe 70 Liter Weihwasser über die Stadt aus. Das solle helfen, nüchtern zu bleiben. Vor ein paar Tagen bestellte ich bei meinem Lieblings-Imbissstand in der Zürcher Altstadt ein Glas Rotwein und ein Poulet-Bein mit Brötchen. Der freundliche junge Mann servierte, wünschte einen guten Appetit und sah etwas verträumt auf den Passantenstrom in der Gasse. Da Schweigen nicht ganz mein Ding ist, fragte ich ihn, ob er hier schon länger arbeite. Im weiteren Gesprächsverlauf erfuhr ich, dass seine Familie aus Mazedonien undSlowenien stamme, er eine ziemlich schlimme Geschichte hinter sich hätte, einem Freund seinen Reichtum durch den Profifußball gönne, auch wenn er selber nur Würstchen verkaufe und, dass er trotz seines zarten Alters von 27 Jahren sich innerlich eher 55 Jahre alt fühle. Er war offen und ehrlich, ich beeindruckt ob seinem Schicksal. Beim Zahlen gab er mir die Hand und dankte warm und innig für diese Konversation.Wer sagt dem russischen Priester, dass es noch andere Methoden gäbe um Menschen zu helfen als Weihwasser aus dem Flugzeug zu kippen?

Urs Heinz Aerni

Der passende Buchtipp: „Exit – Warum wir weniger Religion brauchen“, Mit Beiträgen von Constanze Kleis, Helmut Ordner, Andreas Altmann, Philipp Möller, Richard Dawkins, Michael Schmidt-Salomon und Hamed Abdel-Samad.Nomen Verlag, ISBN 978-3-939816-61-4

Der Beitrag erschien auch in der Zeitung Bündner Woche

Eine Wahlkampagne mit Fragezeichen

Die Schweizerische Volkspartei SVP (mit nicht unähnlichem Programm wie AfD und FPÖ) behauptet in ihrem Wahlkampf-Extrablatt, dass Feuerwehrleute und das Pflegefachpersonal diese Partei wähle, am 20. Oktober.

Da ich das nicht wusste, fragte ich bei Verbänden nach, ob das stimme. Bin gespannt auf die Antworten…

Ausschnitt aus besagten dem Extra-Wahlkampf-Blatt

Erste Reaktionen auf die Behauptung der SVP finden sich auch hier…

Jagd nach Schwein oder Glück?

Die Kolumne in der Bündner Woche läuft bekanntlich unter «Aufgefallen» und wissen Sie was, zwischen den Abgabeterminen fällt mir sehr Vieles auf, was es verdiente, darüber zu schreiben. Beispiele? Ich wuchs in der Nähe der Grenze zu Deutschland auf und liebte den Radiosender SWF3 mit «Pop Shop» oder Else Stratmann. Nun wollte ich modern sein, kaufte mir ein portables DAB-Radio und höre da, dieses neue System lässt nicht mehr zu, dass wir SWR oder ORF hören können, sondern nur noch CH-Sender von Radio Zentralschweiz bis Radio Argovia, die ziemlich alle denselben Sound bringen. Kurz: Die digitale Revolution engt den audiotechnischen Horizont ein. Im Kanton Solothurn erlegte ein Jäger aus Versehen drei Haus-Wollschweine, in den Wäldern Niederösterreichs wird nach einem Känguru gesucht, von dem jede Spur fehlt, bis zur Drucklegung dieses Textes und in Rom dürfen Touristen sich nicht mehr auf die Spanische Treppe setzen.

Und dieses Buch fiel mir nicht nur vor kurzem auf, sondern in die Hände: Vallotton konnte nicht nur malen, das Schreiben beherrschte er ebenso. Der aus Lausanne stammende Maler und Grafiker (1865 – 1925) verbrachte die letzten 43 Jahre in Paris. Die Stadt ist auch Schauplatz seines Romans, der heute übersetzt vorliegt. Erzählt wird das Leben eines Mannes, der in der Kindheit mit traumatischen Unglücksfällen konfrontiert wurde und doch immer wieder die Lebensfreude zurückgewann. Leidenschaft bilden die Koordinaten dieser Geschichte über die unglückliche Jagd nach dem Glück. Der Unglücksjäger übrigens, bat öffentlich beim Wollschweinbesitzer um Entschuldigung.

Urs Heinz Aerni

Das Buch: „Das mörderische Leben“ von Félix Vallotton, NZZ Libro, ISBN 978-3-03823-586-6

Mob im Web?

Haben Sie gewusst, dass sich Swisscom-Kunden gegen die massive Gebührenerhöhung für Papierrechnungen mit einem Brief erfolgreich wehren können? Doch etwas anderes beschäftigt mich mehr:

Von uns Medienschaffenden wird in der Regel erwartet, Hintergründe erfahren zu wollen, besonnen zu recherchieren, Umstände sachlich einzuschätzen, aufzuklären und mit sprachlichem Feingefühl zu informieren, zu kommentieren und komplexe Ereignisse in unserer komplizierten Welt einzuordnen. Es gab Zeiten, in denen ihre Arbeit auf klar definierten Kanälen wie Zeitung, Magazin, Radio und Fernsehen genossen oder konsumiert und auch die Möglichkeit genutzt werden konnte, sich per Leserbrief an der Debatte einzuschalten. Für das Medium stand eine Redaktion in der Verantwortung, für Qualität der Texte, der Seriosität der Inhalte und der Mäßigung des Tones bei der Meinungsäußerung.

Bis irgendwann, jede und jeder die Macht erhielt, dergestalt sich öffentlich äußern zu können, wie es die offiziellen Medien es bis dato kannten. Im World Wide Web und den daraus entstandenen Plattformen der sogenannten Sozialen Medien. Das Resultat? Statt des völkerverbindenden Dialoges, gibt’s nationalistische Hassreden. Statt Förderung von Bildung und Wissen sind egozentrische Verlautbarungen von festbetonierten Weltbildern zu lesen. Es wird pauschalisiert und mit dem Zweihänder ausgeteilt. Und spätestens hier, wäre die Kompetenz von Profi-Medienschaffenden wieder vonnöten, mit kühlem Kopf aufzuklären. Doch stattdessen lese ich von einer Berufskollegin folgenden Kommentar, den sie zum tragischen Fall im Frankfurter Hauptbahnhof auf Facebook postete: „Was hat man sich nur für Dreckspack ins Land geholt????“ Klar, Journalistinnen sind auch nur Menschen aber was denken wir von einem Polizisten, der betrunken am Steuer sitzt?

Urs Heinz Aerni

Der passende Buchtipp: „Ethik des Journalismus – Wie steht es um Ethik und Moral im Journalismus?“ von Hila Kakar, 978-3-639-87423-5, AV Akademikerverlag

Willkommen in was für einem Land?

Jetzt  wird der Film von Marc Tschudin „Welcome to Zwitscherland“ im Fernsehen gezeigt, eine Art Hommage an ein Land samt seinen gefiederten Mitbewohnern, aber nicht ohne Fragezeichen.

Der Journalist, Filmer und Biologe widmete die letzten drei Jahre einem cineastischen Projekt, das den Alpenstaat mitten in Europa als Porträt einzukreisen versucht. Dies tut er aus der Sicht einer Existensebene, die oft übersehen oder überhört wird, aus der Sicht der Vögel. Tschudin verblüfft mit einer Ästhetik der Bilder, die er oft mit liebevoller Ironie auf die Schweiz mit all seiner Schönheit fokussiert, die allerdings anfällig geworden zu sein scheint.

Eine Geschichte zwischen Ankommen und Abschied

Ist die Schweiz eventuell eine Idee, die gewahrt und weiterentwickelt werden muss? Der Rahmen dieses erzählenden Dokumentarfilms ist eine familienbedingte Rückkehr in die alte Heimat mit einer Überraschung im Haus des Vorfahren, die eine ungewöhnliche Tour de Suisse nach sich zieht, bevor es wieder heißt, Abschied nehmen zu müssen. Aber mit einer neuen Beziehung zu dem Land, aus dem man herkommt.

Die Bandbreite der Vielfalt in Kultur und Natur sei in diesem kleinen Land zwischen großen Staaten immens, davon ist Marc Tschudin überzeugt. Und das visualisiert er in seinem ersten abendfüllenden Film, der erfolgreich in den Kinos lief. Szenen mit brütenden Feldlerchen, alles niederwalzenden Kampfpanzern, auf Wellen schaukelnden Reiherenten, tanzenden Menschenmengen, singendem Girlitz und glockenschweren Alpaufzügen veranschaulichen wie Gegensätze aufeinanderprallen oder auch Parallelwelten, die möglich sind, zwischen dem Genfer- und Bodensee, zwischen dem Rhein und dem Ticino oder zwischen dem Jura und dem Engadin.

Geduld mit dem Unberechenbaren

Die Idee zu diesem Projekt entstand während der Arbeiten zum Ausstellungsfilm für die Schweizerische Vogelwarte Sempach. Die Identität eines Landes im Kontext der vielfältigen aber verletzlichen Natur- und Vogelwelt in der Art eines Filmes zu formulieren, trieb Marc Tschudin an, die vielen Orte aufzusuchen, die das ermöglichen. Zu den Herausforderungen hätten nicht nur die Geduld mit der Unberechenbarkeit der Vögel und des Wetters gehört, sondern auch gute Nerven bei der Bewältigung der Administration bei Anfragen und Bewilligungen.

Der Forscher und seine Fragen

Der gebürtige Basler wollte einst Archäologe oder aber Biologe werden; von Expeditionen in abgelegene Wüsten und Urwäldern hatte er geträumt. Er entschied sich für das Biologie-Studium, das ihn schlussendlich in die Welt der Medien führte, vom Printjournalismus über die Fotografie zum Film. Das Besondere, das Irritierende oder gar das Abgründige wollte er entdecken, was er nicht nur in der Welt des Menschen fand, sondern auch in der Naturwissenschaft. Theorien unterschiedlichster Disziplinen, die Suche nach Zusammenhängen und die Hinterfragung unserer Zivilisation und ihrem Verhältnis zur Um- und Mitwelt ließen ihn privat und beruflich nie in Ruhe. Nach Jahren als Dokufilmer und Dozent bei SRF realisierte Marc Tschudin seinen ersten großen Kinofilm über ein Thema, das ihn umtreibt und uns ebenso noch umtreiben wird.

Der Film kann nun auf SRF in der Mediathek gesehen werden…

Persönliche Notiz: Meine Wenigkeit durfte Marc Tschudin auf vielen seinen Filmreisen nicht nur begleiten und assistieren, sondern schoss noch diverse Fotos während seiner Arbeit (die im Magazin Berglink zu sehen sind) und räumte für eine Szene die ganze Bibliothek aus dem Raum.

Weitere Informationen zum Filmprojekt finden Sie auch hier…

Vorsicht beim Draufkleben

Offeriert man in Deutschland einen Umtrunk mit Häppchen beim Antritt einer neuen Arbeitsstelle oder zum Abschied von der Firma, können die «Ausgaben als Werbungskosten bei der Steuererklärung geltend gemacht werden». Das war im «Offenburger Tageblatt» zu lesen. «Dabei sollten die Kosten zur beruflichen Stellung und der Anzahl der Gäste passen», heisst es weiter. Also darf sich einAngestellter in der Spedition nicht dieselbe Apéro-Dimension leisten wie der CEO einer Privatbank. Wie das in der Schweiz ist, weiß ich grad nicht, aber ich durfte Folgendes lernen:

Ich gab bei der Post ein Paket nach Hamburg auf. Wissend, dass Schweizer Briefmarken im Ausland geschätzt werden, klebte ich eine schöne Anzahl als Anzahlung aufs Paket. Die Dame am Schalter sah mich an, zog die Augenbrauen hoch und sagte: «Leider dürfen wir Ihnen diese Briefmarken für dieses Paket mit diesem Gewicht nicht anrechnen.» Ich: «Wie meinen?» Sie: «Entweder nehmen Sie diese Briefmarken wieder ab oder nehmen etwas aus dem Paket, aber diese Marken sind nicht gültig.» Nach dem misslungenen Versuch, die nicht wenigen Franken als Briefmarken vom Karton abzukniefeln, resignierte ich und sie klebte eine computergedruckte neue Frankatur von etwa 50 Franken darüber. Ich schenkte der Post Geld, weil ich nicht wusste, dass Briefmarken von der Post für ein Postpaket ab einem bestimmten Gewicht nicht mehr als Zahlungsmittel gelten. Wüssten Sie einen Volkshochschulkurs für mich zum Thema wie etwa «Wie werde ich ein kompetenter Postkunde»?

Urs Heinz Aerni

Der passende Buchtipp: Zumstein Katalog Schweiz Liechtenstein 2019, kartonierter Einband, 978-3-909278-80-0. Vermerk: Achtung, diese schönen Briefmarken gelten nicht mehr als Zahlungsmittel für Pakete ins Ausland ab einem bestimmten Gewicht…

Politische Information oder eher…?

In allen Briefkästen lag das «Extrablatt» der Schweizerischen Volkspartei, kurz SVP. Die Schlagzeilen und die Tonart in diesem Printprodukt schlagen jeden Versuch, nur ein bisschen Verständnis für diese Partei aufbringen zu wollen, endgültig in den Wind. Ein paar Beispiele:

Klimawandel: «Links-grüne Ideologen versuchen, diese Situation schamlos auszunutzen, um ihre untauglichen Rezepte salonfähig zu machen.»

Als parteiloser Journalist bin ich für ein Verbot von Gift in der Landwirtschaft, den Umverlad von LKWs auf die Schiene durch die Alpen und ein Stopp der Zersiedelung von noch grünen Landschaften. Was soll daran ein untaugliches Rezept sein?

Und der Parteipräsident Albert Rösti schreibt: «Auf die schrille Panikmache soll der sozialistische Umbau unserer Gesellschaft folgen.» Oder: «Hinter dem grünen Mäntelchen verstecken sich roter Zwang und knallharte Machtpolitik.»

Wie viel Macht ballt sich hinter den Konzernen, denen Expansion über alles geht, lieber Herr Rösti?

«Schon in der Bibel drohten Propheten mit dem Untergang der Menschheit. Warum? Man kann über verängstigte Menschen Macht ausüben.» (Peter Keller, SVP Hergiswil). Wir wissen nicht, ob Herr Keller an die Bibel und den dazugehörenden Gott glaubt, wenn ja, dann hat er ein Problem, denn die Propheten wurden ja von Gott gesandt um sein Volk zu warnen…

Im Versuch, moderat zu bleiben, darf durchaus erwähnt werden, dass die Beiträge von Nadja Pieren aus Heimiswil (BE) oder Walter Wobmann aus Gretzenbach (SO) oder Marcel Dettling aus Oberiberg (SZ) oder Andreas Aebi aus Alchensdorf (BE) Anlass geben, um am runden Tisch weiter zu diskutieren. Nebenbei sei vermerkt, dass nirgends ein Text aus einer Großstadt zu lesen ist.

Wenn aber Roger Köppel meint, es gäbe «keinen wissenschaftlichen Beweis», dass «der Mensch einen maßgeblichen Einfluss aufs Klima» habe, und dass hauptsächlich die Zuwanderung die Umwelt belaste aber unseren Verbrauch an Wohnbedarf, die Swimmingpools, die im Ausland mit Billiglöhnen produzierten Produkte mit Schweizer Label und das zunehmende Geschäft mit der Fliegerei nirgends erwähnt, degradiert er dieses «Extrablatt» als oberflächliches Werbemittel, das eigentlich nicht in den Briefkästen landen durfte auf denen ein Reklameverbot klebt. Im Impressum steht: «Bei dieser Zeitung handelt es sich weder um Werbung noch um Reklame, sondern um eine politische Information. Darum darf sie auch in jene Briefkästen verteilt werden, auf denen sich ein Stopp-Kleber befindet.»

Wenn jedoch ein namenloser Maturand in diesem Blatt folgendes sagt: «Ich sehe aus wie ein Hippie. Auch bei Regen und Schnee laufe ich mit Sandalen und kurzen Hosen herum. Für meine Maturaarbeit entwickle ich eine Schneekanone für den Garten. Und ich wähle SVP, weil sie sich für eine starke und eigenständige Schweiz einsetzt», dann ist das keine politische Information, sondern Kabarett.

Urs Heinz Aerni

Migros statt St. Moritz

Als ich über die Finanzpolitik der Gemeinde St. Moritz recherchieren wollte, erhielt ich von der Migros Genossenschaft einen Brief mit Stimmkarte zur „Urabstimmung“ auf der man der Geschäftsleitung den Rechnungsbericht absegnen kann oder auch nicht. Dazu liegt ein Brief u. a. mit diesem Text: „Statutengemäß haben Sie das Recht, zur Jahresrechnung Stellung zu nehmen. Die Urabstimmung, dem obersten Organ der Migros, messen wir große Bedeutung bei.“Auf der Website steht: „Die Migros gehört den Leuten … Über 2 Millionen Genossenschafter sind Besitzer der Migros.“ Und weiter unten: „Die Mitglieder sind verpflichtet, die Interessen der Genossenschaft in guten Treuen zu wahren.“

Hört sich gut an, nicht? Aber ich kann mich nicht erinnern, dass ich als Mitbesitzer die Löhne in der Chefetage mitbestimmen, die Ladenöffnungszeiten kürzen, Billigfleisch aus dem Sortiment entfernen, nicht perfekt geformte Zwiebeln trotzdem mit ins Sortiment nehmen und mich für Begrünung auf allen Flachdach-Filialen engagieren konnte. Ersetzt die jährliche Urabstimmungskarte der Migros-Genossenschaft die sogenannten Mitwirkungsrechte? Als ich begann, in „meiner“ Migros Kunden zu beraten, wie in den TV-Spots, stellte mich der Filialleiter zur Rede. Und im Engadin fühle ich mich als Genossenschafter so richtig verloren, weit und breit keine Migros! Aber da gibt es ja noch den anderen, auch so mit roten Buchstaben…

 

Urs Heinz Aerni

Der passende Lesetipp für alle Engadinnerinnen und Engadiner, die sich trotzdem als Genossenschafter für einen Grossverteiler engagieren möchten: Die Coopzeitung erscheint wöchentlich. Ergänzung: Die erste Migros soll ja 2021 in Samedan eröffnet werden…

 

Diese Kolumne erschien in der Zeitung BÜNDNER WOCHE

«Medienmitteilung» und Ihre Aussagekraft

Auch Presse- und Medienmitteilungen sind erstellte Texte, die einerseits für den Absender und seine Angebote werben aber auch Inhalte vermitteln, die je nach Medium kommentiert oder genau so übernommen werden kann. Die Solothurner Literaturtage gehören in der Schweiz zu den wichtigsten Anlässen rund um die Kunstdisziplin Sprache. Wir schauten uns mal das Schlusscommuniqué der 41. Ausgabe genauer an.

(Originaltext in normaler Schrift, Kommentare fett und kursiv)


 

Erfolgreiche 41. Solothurner Literaturtage

Schlusscommuniqué | Solothurn, 2. Juni 2019 (Sperrfrist 17.30 Uhr)

Dieses Communiqué traf um 16:57 Uhr ein. Aus welchen Gründen muss man für das Veröffentlichen bis 17:30 Uhr warten?

Mit seiner Lesung aus dem Roman «Heimkehr» beschloss Thomas Hürlimann heute die 41. Solothurner Literaturtage.

Ein Fakt ohne Attribute. War es langweilig? War Hürlimann in Form? Schien die Sonne durch die Fenster, las er die richtigen Passagen? Herrschte etwas Melancholie im Raume darüber, dass alles schon vorbei ist?

Gleichzeitig begeisterte der deutsche Spoken Word Künstler Dalibor Marković das Publikum

Ah jetzt kommt eine positive Wertung. Warum? Was zeichnen seine Auftritte aus? Was haben alle Zuhausegebliebene verpasst?

und Rolf Hermann und Tabea Steiner sprachen über das ihre Bücher verbindende Thema: die Familie in der Literatur.

Was meinen die beiden dazu? Gäbe es dazu bemerkenswerte Zitate?

Die drei Schlussveranstaltungen stehen für die Vielgestaltigkeit der Literatur, die an den Solothurner Literaturtagen auch dieses Jahr wieder bei Sonnenschein gefeiert, gehört, diskutiert und gelesen wurde. Reina Gehrig, Geschäftsleiterin der Solothurner Literaturtage, freut sich: «Die Solothurner Literaturtage zeigen, wie lebendig und vielfältig die Schweizer Literatur ist».

Ist sie das nicht ständig und immer? Woran konnte man dies gerade in dieser Ausgabe des Festivals festmachen? Ist die Österreicher oder die Irische Literatur nicht genau so lebendig? Bestand eine Debatte, dass sie langweilig wäre, die Schweizer?

Mit über 200 gut besuchten Veranstaltungen, über 70 Autor*innen und Übersetzer*innen, die in Solothurn zu Gast waren und rund 17‘800 verzeichneten Eintritten (Hochrechnung 16.00 Uhr) ziehen die Veranstalter*innen eine durchwegs positive Bilanz. Ausserdem waren noch mehr Personen als im letzten Jahr beim «Literarischen Flanieren» am Freitag- und Samstagabend unterwegs.

Gendergerechte Sprachfindung ist bekanntlich ein riesiges Thema, ist die Version mit dem Sternchen eine gute Lösung für den Lesefluss? Was spräche gegen «Autorinnen und Autoren» und «Übersetzende»? Dass die Quote für Veranstaltende nicht unwesentlich ist, leuchtet ein, würde eine runde Zahl nicht reichen und müsste man nicht dann genauer darauf eingehen, wenn die Zahl der Eintritte massiv zurück ginge?

Zu den Publikumsmagneten gehörte die Lesung von Ruth Schweikert. Sie präsentierte ihr berührendes Buch «Tage wie Hunde», in dem sie offen und schonungslos über ihre Krebserkrankung schreibt. Offen und humorvoll vermittelte sie das ernste Thema einem gebannt lauschenden Publikum.

Ah, hier wird einen ein Stimmungsbild mit etwas mehr Content vermittelt, so dass man gerne da gewesen wäre.

Weitere Höhepunkte waren unter anderem die Veranstaltungen mit Milena Moser, Martin R. Dean, Lukas Hartmann und Angelika Overath.

Was macht ein Höhepunkt aus? Der illustre Name? Wie unterscheiden sich die Lesungen von den anderen?

Sehr gut besucht war auch das ganze Spoken Word Programm.

Was natürlich sehr erfreulich ist.

Ein Höhepunkt im diesjährigen Programm war die Lesung des internationalen Bestsellerautors Ferdinand von Schirach im bis auf den letzten Platz gefüllten Landhaussaal. Auch die beiden Autorinnen Nell Zink und Judith Schalansky zogen das Solothurner Publikum in ihren Bann.

Warum war von Schirach auch ein Höhepunkt? Weil der Saal voll war? Wie schafften es, Zink und Schalansky diesen Bann zum Publikum?

Eine grosse Überraschung war Zerocalcare: Nach seiner Lesung signierte der italienische Graphic Novel Zeichner drei Stunden für die zum Teil aus Italien angereisten Fans.

Wieso überraschte Zerocalcare? Seine Art der Kunst, sein Auftreten?

Starke Beiträge von Nachwuchsautorinnen prägten die 41. Ausgabe. Während Julia von Lucadou und Gianna Molinari mit ihren erfolgreichen Debüts das Publikum zu begeistern vermochten, fanden auch noch unbekanntere Stimmen, wie die von Sabine Gisin oder von Shelley Kästner grossen Anklang beim neugierigen Literaturtage-Publikum.

Eine Medienmitteilung muss keine Berichterstattung sein, sie könnte aber da und dort mit einem Brocken Inhalt dokumentieren, warum Begeisterung ausgelöst wurde oder wie die Begeisterung zu spüren war oder wie die Neulinge selber das Alles wahrnahmen.

Noch unveröffentlichte Texte gab es im «Skriptor» zu entdecken, wo Nachwuchsautor*innen ihre Manuskripte zur Diskussion stellten und spannende Auseinandersetzungen ermöglichten.

Dass unveröffentlichte Texte Bestandteil des Programmes war, wurde schon im Vorfeld angekündigt aber worin bestanden die Auseinandersetzungen und ist heutzutage nicht all zu viel «spannend»?

Die Solothurner Literaturtage sind ein Ort für Diskussionen und Dialoge. Welche Machtstrukturen herrschen im Literaturbetrieb vor und wie ist mit ihnen umzugehen? Diese aktuelle Frage diskutierten Annette Hug, Silvia Ricci Lempen und Dani Landolf auf einem Podium. Annette Hug sprach von einem «Zwischenfazit» in Bezug auf die Stellung von Frauen im Literaturbetrieb: Vieles sei schon erreicht, Probleme sehe sie aber beispielsweise bei der Kanonbildung und bei der Förderung, wo es immer noch strukturelle Diskriminierung gebe.

Hier erfahren wir etwas mehr, in welche Richtung die Diskussion ging. Dass Dani Landolf Geschäftsführer des Schweizer Buchhändler- und Verlegerverbandes (SBVV) ist, wissen vielleicht nicht alle Adressaten dieser Medienmitteilung und seine Rolle in diesem Thema ist ja auch nicht ganz uninteressant, oder?

Auch abseits der grossen Bühnen wurde diskutiert. Die aktuelle Situation der Buchbranche lieferte Gesprächsstoff für das neue Format «Branchengespräche». Vertreter*innen der Buchbranche tauschten sich in angeregten Diskussionen mit dem Publikum über virulente Themen aus.

Gute Idee, auch das Gewerbe miteinzubinden, das ja für diese Kultur eine tragende Rolle spielt. So ein oder drei Sätze zur aktuellen Lage des Buchhandels wären noch «spannend», nicht?

Auch Übersetzer*innen und Autor*innen traten miteinander in einen Dialog. So diskutierten die Übersetzerin Maja Pflug und die Autorin Raffaella Romagnolo über ihre gemeinsame Arbeit.

Und, können Sie es gut zusammen, die beiden?

Von einer anderen Seite präsentierten sich die Autor*innen am Abend beim Literarischen Flanieren: Sie dichteten spontan, mixten Drinks an der Literaturtage Bar oder trafen sich auf ein Glas Wein – Besucher*innen konnten sich dazusetzen.

Hört sich entspannt an, man wäre gerne dabei gewesen, oder?

Die Schriftsteller-Nati * begeisterte das Publikum in der belebten Hafebar,

Als Korrespondent für Medien in Deutschland und Österreich, von denen man ja ebenso auf Resonanz hofft, muss erklärt werden, was damit gemeint ist, mit «Nati» – also Nationalmannschaft der fußballspielenden Schriftsteller – und Schriftstellerinnen glaub auch. Also doch eher Nationalteam, korrekterweise?

das Autorinnen-Kollektiv Rauf (unter anderem mit Tabea Steiner, Katja Brunner und Michelle Steinbeck) widmete zwei Abende den «Alten Meisterinnen» der Literatur.

Verstehen wir das richtig? Es gibt ein Autorinnen-Kollektiv (also nur Frauen) mit dem Namen «Rauf»? So ein zwei Worte über Zweck und Ort es Sitzes würden neugierig machen, oder?

Meisterinnen bestritten auch die Eröffnung der 41. Solothurner Literaturtage. Nationalratspräsidentin Marina Carobbio Guscetti lobte den Mut von Autor*innen und forderte das Publikum dazu auf, den Mut zu haben, Veranstaltungen in anderen Sprachen zu besuchen.

Die Überleitung von den «Alten Meisterinnen» der Literatur zu den «Meisterinnen» der Festivals-Eröffnung zeugt von kreativer Lust der Abteilung Kommunikation, doch während die Erstgenannten literarische Meisterleistung vollbrachten, ist nicht klar, worin solche bei der Eröffnung erbracht wurden und es ist ja nur von einer «Meisterin», der Nationalratspräsidentin, mit Namen die Rede. Gab es noch andere, Nichtgenannte?

Die vier Autorinnen Amina Abdulkadir, Laura Di Corcia, Rinny Gremaud und Leontina Lergier-Caviezel reagierten in ganz unterschiedlichen, eigenwilligen Texten in allen vier Landessprachen auf die Eröffnungsrede von Nell Zink.

Eigenwilligkeit ist ein großes Wort, das gerne benutzt wird, um Irritation zu umschreiben und was war die Kernaussage der Eröffnungsrede von Nell Zink?

Auch für die Kleinsten boten die Solothurner Literaturtage ein vielfältiges Programm. Im Vorfeld der Solothurner Literaturtage fanden vom 27. bis 29. Mai 2019 die Jugend- und Kinderliteraturtage (JuKiLi) statt, die um die 2‘100 Kinder und Jugendliche begeisterten.

Wenn ein ganzes Programm für Kinder und Jugendliche mit so viel Besuchenden über die Bühne ging, dürfte die Frage erlaubt sein, warum nicht mehr oder mit einer gesonderten Medienmitteilung darüber berichtet wird. Denn die Literaturszene und die Buchbranche baut ja auf die Lesenden von Morgen. Wo wären wir in Jahren ohne sie?

Urs Heinz Aerni

 

 

Nachtrag: Der Schriftsteller und Druckkünstler Beat Brechbühl wird heuer 80 Jahre alt und die Solothurner Literaturtage ehrte ihn mit der Ausstellung „Das Leben ist rund wie ein Dreieck“ und Lesungen.