Kino made in Switzerland und Filme für die Erde

Das Zurich Filmfestival 2020 ehrt das Gesamtwerk von Rolf Lyssy. Seine Dok- und Spielfilme drehen sich immer um gesellschaftliche Themen, die mit viel Charme, Empathie und Humor eingekreist werden. Sein neuester Streifen „Eden für jeden“, wieder eine Komödie über uns allzu bekannte menschliche Facetten feiert in Zürich Premiere.

Nebst der Erinnerung an unseren Lesungen aus unserem gemeinsamen Buch denke ich an 2012 zurück, als wir in La Punt auf der Bühne über die Rolle des Schweizer Films auf dem Markt diskutierten. Dabei waren auch Oscar-Preisträger Xavier Koller, damalige SRF-Filmkritikerin Monika Schärer und der Filmemacher Paul Riniker. Das Gespräch wurde im Magazin FILMBULLETIN veröffentlicht und ist heute noch hier zu lesen. Viel Vergüngen: „Wir sind halt ein eigenartiges Land“.

Der Verein «Filme für die Erde» zeigt in diversen Ländern, so auch in der Schweiz, Doku-Filme mit Themen wie Umwelt, Naturschutz, Klima und generell über unseren Umgang mit der Erde. Der Schweizer Co-Geschäftsleiterin, Barbara Roth, stellte ich Fragen zu Konzept und Programm und über die Stärke des Filmes bei der Vermittlung von Wissen und Anliegen. Das Interview ist in verschiedenen Medien zu lesen, hier per Link in der Jungfrau Zeitung: «Filme haben die Kraft, viel auszulösen».

Einen fröhlichen Restsommer und viel Vergnügen beim Lesen und mit den vielen neuen Kunstwerken auf der Leinwand.

Urs Heinz Aerni

Talk mit Rolf Lyssy und Urs Heinz Aerni im Dorfmuseum Lengnau (Aargau) 2008.

Barbara Roth ist Co-Präsidentin des Vereins „Filme für die Schweiz“


Fragen zu einer Abstimmungskampagne in der Schweiz

Soeben landete das „Extrablatt“ der Schweizerischen Volkspartei (SVP) in allen Briefkasten zur kommenden Abstimmung. Sie kämpfen mit allen fragwürdigen Mitteln für ihre patriotische und nationalistische Weltsicht. Jetzt für ein Gesetz gegen Einwanderung mit dem Argument, dass die Schweiz übervölkert und verbaut würde.

 

Liebe SVP,

ja es stimmt, die Schweiz wird verbaut, zubetoniert, zersiedelt und der Boden immer mehr versiegelt. Liegt es wirklich an den Menschen, die hierher gekommen sind, die die Arbeit verrichten, die wir „Schweizerinnen“ und „Schweizer“ nicht mehr machen wollen? Frühmorgens in der Straßenbahn sitzen links und rechts von mir in der Tat Menschen, die zur Frühschicht in die Fabrik, in den Küchenservice der Restaurants, zum Regaleinräumen der Großverteiler oder auf Baustellen müssen.

Mich stört es nicht, wenn ich in solchen Momenten kein Schweizerdeutsch höre, sondern dass genau diese Menschen als Ursache für die Vernichtung von natürlichen Landflächen sein sollen.

 

Liebe Funktionärinnen und Funktionäre der SVP,

habt Ihr Euch eigentlich auch schon mal Gedanken gemacht, welche Rollen die Expansionen Eurer Konzerne, die riesigen Villen, Eure Zweit- und Drittwohnung im Engadin und Tessin samt den Rasen, die Parkplätze, Garagen für die SUV’s und die Autos von den Kindern spielen, beim Landverlust Eurer einzigartigen Schweiz?

Was tut Ihr konkret zur Schonung der Ressourcen Eurer kleinen, so innig und heiß geliebten Insel?

Bin gespannt auf Eure Antworten.

 

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Diese Frage wurde via Facebook an Politkerinnen und Politiker der besagten Partei versand. Falls Antworten eintreffen sollten, wären sie hier zu lesen.

 

Der wahre Feind

Zum Gastkommentar «Religion als Feindin des Friedens?» von Giuseppe Gracia im Bündner Tagblatt vom 13. August.

«Der Atheismus hat mehr Menschen getötet als alle Religionen», sagt der Churer Bistumsangestellte Giuseppe Gracia mit dem Versuch, diese fragwürdige Aussage mit Zitaten aus der Weltliteratur zu untermauern. Folgende Fragen zu ausgesuchten Kernaussagen im Kommentar gehören debattiert:

Gracia: Kommunismus und Nationalismus forderten 50 Millionen Leben. Stimmt. War Hitler nicht Katholik? Hatte die Katholische Kirche nicht schon immer die Juden als Jesus-Mörder gebrandmarkt, allerdings flankiert von Bewegungen aus der Reformation und Freikirchen? Wurden das Zarenreich und die kommunistische Diktatur nicht getragen von der Orthodoxen Kirche? Ohne hier ausführlich auf all die anderen Diktaturen wie in Chile, Argentinien, Spanien und Ländern in Afrika eingehen zu müssen, stellt sich die Frage, wo die Kirche das Gewissen der Menschenrechte einbrachte, abgesehen von der Befreiungstheologie.

Gracia: Wie frei sind die Menschen wirklich? Wie frei durften Kinder und Jugendliche in Internaten denken und leben? Wie frei sind heute Menschen mit den Altlasten der sexuellen Übergriffe von Männern, die unter einem unbiblischen Gelübde Druck abbauten?

Gracia: Leistungsorientierte Selbstoptimierung generiert Erschöpfungszusammenbrüche, ein spirituelles Vakuum, Depressionen und «Selbstmorde». Stimmt, doch wie vielen depressionskranken Menschen, die keinen Ausweg als Suizid sahen, wurde eine Abdankungsmesse verweigert? Wie viele psychiatrische Patienten wurden in kirchlich geführten Anstalten eingesperrt statt therapiert? Warum wurde die Anerkennung von Geisteskrankheiten erst durch die Wissenschaft ermöglicht? Wie viele unschuldige Frauen wurden als Hexen verbrannt und ertränkt, auf Geheiß der Kirche? Wie viele psychisch kranke Menschen wurden durch Exorzisten und Dämonenaustreibungen gequält statt behandelt?

Gracia: Alle Staaten ohne garantierte Religionsfreiheit sind verbrecherisch. Stimmt. Sind es nicht die säkular und demokratisch gestalteten Staaten, die das bieten? Unterdrücken nicht die sogenannten «theokratisch» getrimmten Regierungen jegliche andersglaubende Lebenshaltung? Jan Hus wurde 1415 in Konstanz trotz gegenteiligem Versprechen auf Befehl der Kirche verbrannt. Verfolgen nicht Banden heute noch im religiösen Wahn sogenannte Ungläubige? Kann sich ein Muslim für eine Arbeit in der Vatikan-Stadt für einen Job bewerben?

Gracia zitiert Rosa Luxemburg: «Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden.» Dachten damals die Kreuzritter das auch, bevor sie im «Verheissenen Land» Schädel von Gross und Klein einschlugen? War das die Gesinnung der Kapitäne und Kriegsherren, die in der Neuen Welt einmarschierten, um den indigenen Völkern den Garaus zu machen, es sei denn, sie, die «Heiden», hätten bereut? Versuchten nicht die Missionare den heimischen Völkern in der Südsee ein Glaubens- und Lebenssystem aufzuzwingen, das sie nicht brauchten? Wie viel Gottessehnsucht und Scheuklappen-Weltsicht führte zu unsäglichem Elend im Jugoslawienkrieg und in Nordirland?

Giuseppe Gracia arbeitet mit Sprache, Text und Denken, und wieso fällt es dem Verfasser schwer, seine Weltsicht nicht als einlullende Betriebsblindheit zu interpretieren, hegend jedoch mit der stillen Hoffnung, dass er im gemütlich eingerichteten Glaubens-Zimmer mal alle vier Wände umstossen wird, um sich neuem frischen Wind auszusetzen.

Urs Heinz Aerni

Dieser Beitrag ist auch im BÜNDNER TAGBLATT und in der BÜNDNER WOCHE erschienen.

Buchtipp:

Der Mann hinter INSIDE PARADEPLATZ: Lukas Hässig

Inside Paradeplatz wird abonniert und von Bankern gefürchtet. Der Journalist Lukas Hässig schrieb für verschiedene Zeitungen und Wirtschaftsmedien sowie Bücher über die UBS und das Bankgeheimnis. Seit 2011 betreibt er den News-Blog und sorgte schon mit machen Enthüllungen für viel Unruhe in der Finanzwelt.

Für den Kanal DIE REDAKTION stellte ich Lukas Hässig in Zürich Fragen über seine Arbeit, seine Herausforderungen und seinen Umgang mit Kritik.

Für uns da?

Neulich wollte ich einem Freund in Österreich ein Buch als Geschenk schicken. Am Postschalter verlangte ich nach dem grünen Zollaufkleber. Den gebe es nicht mehr, man müsse sich jetzt im Internet bei der Post einloggen und ein Zollformular ausfüllen mit allen Details wie Inhalt und Gewicht. Dann könne das Paket verschickt werden. Ansonsten müsste ich am Schalter eine zusätzliche Gebühr entrichten. Statt Service also Homeoffice für den Kunden.

Dann lag kurz darauf eine saftige Rechnung der Ausgleichskasse (in der Schweiz obligatorische Altersvorsorge für Freischaffende, sogenannte 1. Säule) im Briefkasten und setzte mit einem fetten Verzugszins-Betrag den buchhalterischen Höhepunkt. Es ging dabei noch um Steuerrechnungen aus früheren Jahren, die durch irgendwelche Verzögerungen verspätet bearbeitet wurden. Die damaligen Steuererklärungen wurden von meiner damit beauftragten Expertin fristgerecht eingereicht. Ich rief an und man erklärte mir, dass ich als Freischaffender verpflichtet sei, die definitive Steuerrechnung der Ausgleichskasse zu melden, damit die AHV-Beiträge berechnet werden können. Das stünde irgendwo auch ge- schrieben.

Während die Krankenkassen im Kanton Zürich automatisch gebührentechnisch auf die Steuerrechnungen reagieren, muss die Ausgleichskasse aktiv informiert werden. Nach dem coronabedingten Totalausfall von dreieinhalb Monatseinkommen kam die Formularschlacht, die das Wirtschaftsamt und die besagte Ausgleichskasse verlangten. Nach gewissenhaftem Ausfüllen, was nicht wenig an Arbeitsstunden kostete, kam von der Ausgleichskasse etwas Geld, das einem durchschnittlichen Monatsumsatz entsprach. Vom Wirtschaftsamt Zürich hieß es später am Telefon, dass keine Unterstützung möglich sei, da ich als Freischaffender ohne Angestellte, Firmenauto, Geschäftslokal mit Sortiment und Miete lediglich ein kleines Risiko für die Gesellschaft sei, falls ich finanziell «hops» ginge. Zugegeben: Salopp von mir zusammengefasst.

«Wir sind für Euch da» sagte Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga an der Medienkonferenz zu Beginn der Covid-19- Krise.

Hmm – wie könnte sie das denn gemeint haben?

Urs Heinz Aerni

Ist auch in der Zeitung Bündner Woche  erschienen

Kulturtipp für Büchermenschen in Graubünden…

„Genießen statt vernichten“

Medien berichteten von der Gefahr der Weinvernichtung wegen zu volle Weinkeller durch gute Erntejahre und pandemiebedingte rückläufige Absätze. Und die nächste Lese ist bald. Das Weingut zum Sternen in Würenlingen macht aus dieser Herausforderung eine Tugend.

Die Neue Zürcher Zeitung vom 13. Juni 2020 berichtete von übervollen Weinlagern in der Schweiz, sinkender Absatz und von einer neuen reichen Ernte im Herbst, mit dem Titel „In der Not müssen die Winzer Millionen Liter Wein vernichten“. Das möchte das Weingut zum Sternen in Würenlingen unbedingt verhindern. Mit dem neuen Tafelwein rot und Tafewein weiß engagiert sich das Familienunternehmen mit der Kampagne „Füllhorn – Ein Dank der Natur“ und teilt mit: „Nach einer übermäßigen Fülle an Trauben und qualitativ hochwertigen Veredelungsprozessen sind die Tanks der Weinkeller sowie die Vorräte der Gastronomie aufgrund der Corona-bedingten Ereignisse üppig gefüllt. Mit diesen beiden Tafelweinen können wir die Vorräte aufbrauchen und Platz schaffen, für die kommende Saison ohne weitere Verluste hinnehmen zu müssen.“

Das Weingut lädt Weinfreunde in der Nachbarschaft und weitherum ein, dieses Sommer-Angebot zu nutzen und zu genießen. Der Tafelwein kann per Internet, Telefon bestellt werden, oder wie Winzer Andreas Meier besonders betont, direkt auf dem Weingut in Würenlingen abgeholt werden. „Wir würden uns freuen, wenn Menschen uns direkt besuchen kommen! Wir sind gerne für sie da und zeigen auch die Rebhänge und unsere Weinkeller, als Blick hinter die Kulissen der so reichen Weinkultur in unserer schönen Region.“

Die Region Unteres Aaretal zwischen Würenlingen und Bad Zurzach, zwischen der Aare, dem Naturschutzgebiet Klingnauer Stausee, dem Rhein und Südschwarzwald ist nicht nur reich an südlich ausgerichteten Rebhängen und viel Natur, sondern bietet mit der lebendigen Kulturgeschichte und vielfältigem Angebot an Restaurants und Hotel schöne Entdeckungen im nächsten Urlaub. Deshalb empfiehlt Winzer Andreas Meier dringend, nicht nur einen leeren Kofferraum im Auto mit nach Würenlingen zu bringen, „sondern auch Wanderschuhe und Sonnencreme mit dabei zu haben.“ In anbetracht des großen Jammertals zwischen Wirtschaftskrise und Coronawellen, muss auch mal über so etwas berichtet werden. Prost.

Web: www.weingut-sternen.ch

Auf Berglink erschien mit Andreas Meier und Markus Utiger ein Interview über einen gemeinsamen Wein und Tendenzen in der Weinkultur.

Eine falsche Frage zum Bartgeier

Ein Journalist in der Wochenzeitung aus Zürich, stellte an ein Forscherpaar, das sich mit einer Stiftung für die Wiederansiedlung des Bartgeiers in den Alpen einsetzen, die Frage: «Sind die Bartgeier überhaupt nützlich?»

Jetzt mal ehrlich, gibt es Tiere oder Pflanzen, die im ökologischen System eine überflüssige Rolle einnehmen? Der in alter Zeit als Lämmergeier verschriener Vogel wurde durch bildungsferne Alpenvölker ausgerottet, da dieser nebst jungen Schafen auch Kinder verschleppt haben soll. Heute wurde er nicht nur wieder erfolgreich angesiedelt, sondern man weiß auch mehr über ihn. Wie alle Geier hat auch er es ausschließlich auf Aas abgesehen, aber nicht nur auf Fleischresten und Innereien, sondern der Bartgeier vertilgt blanke Knochen restlos. 70 Prozent seiner Nahrung machen sogar Knochen und das Knochenmark aus, die von einem unempfindlichen Magen samt hoch konzentrierten Säuren zersetzt werden. Ohne innere Verletzung schluckt der Bartgeier bis 20 cm lange Knochen und sollten sie doch zu groß sein, dann lässt er sie auf Felsen fallen, damit sie zersplittern. Oft sind es ausgesuchte Felsplatten und wenn mal was daneben gehen sollte, holt er es sich durch Sturzflug zurück. Falls das Angebot den Bedarf nicht decken sollte, dann konnte auch schon mal beobachtet werden, dass er durch seine Flugkunst Beutetiere zum Absturz bringen kann, gegen Fleisch hat er ja eigentlich nichts. Er reguliert also das Steinwild und räumt erst noch bis zum letzten Knochen auf.

Und was gaben die Geier-Experten zur Antwort? «Vielleicht hat er nur einen Nutzen in sich selbst. Während andere Geier das Aas entsorgen und damit auch helfen, Krankheiten zu vermeiden, bietet der Bartgeier keinen vergleichbaren Service an.» Und die Kollegin meint, dass die Bartgeier als «Flagships» benutzt werden, weil er «viele Sympathien» genössen.

Solche Antworten öffnen Tor und Tür zum Abschuss von Tieren, deren „Nützlichkeit“ in Frage gestellt würden und liefern dem Artenschutz damit einen Bärendienst.

Urs Heinz Aerni

 

Surftipps:

Infos und schöne Bilder zum Bartgeier von Michael Gerber

Alpenzoo Innsbruck über den Bartgeier

WWF über den Bartgeier

Hier geht es zum oben erwähnten Interview in der Wochenzeitung WOZ

 

„Theater, ein Fest des Augenblicks!“

Der bekannte Schauspieler Hanspeter Müller-Drossaart steht oft auf dem Dreh-Set und ebenso leidenschaftlich auf der Bühne. Nach der Tournee mit „Der Trafikant“ von Robert Seethaler, folgt nun die Umsetzung des Romans „Bajass“ von Flavio Steimann. Er erklärt, warum und wie er mit der cornabedingten Auftrittspause umgeht.

 

Urs Heinz Aerni: Ihre Umsetzung des Romans „Der Trafikant“ von Robert Seethalers heimste sehr viel Lob seitens Publikum und Kritik ein, und Auftritte stehen noch bevor. Nun bringen Sie den Roman von Flavio Steimann „Bajass“ auf die Bühne, der zwar weniger bekannt ist aber irgendwie eine atmosphärische Verwandtschaft zum „Trafikant“ zu haben scheint. Warum haben Sie sich für „Bajass“ entschieden?

Hanspeter Müller-Drossaart:  Als ich vor ein paar Jahren den Roman las, hat es mich schlichtweg umgehauen: Was für ein Stoff! Was für wunderbare atmosphärische Bilder! Eine berührende Kriminalgeschichte in eine großartige, ungemein elaborierte und kunstvolle Sprache gesetzt. Die von Buschi Luginbühl und mir am Radio SRF produzierte und erfolgreiche Hörspielfassung des Romans hat die Idee bekräftigt: „Bajass“ muss als nächstes Werk auf die Erzähltheater-Bühne!

Aerni: Während der „Trafikant“ sich kurz vor und während dem Zweiten Weltkrieg in der Weltstadt Wien abspielte, führen Sie nun mit „Bajass“ die Besucherinnen und Besucher in die Zeit von ca. 1910 in die ländliche Provinz der Schweiz. Wo lagen die Herausforderung-en für Sie bei der Sprachausarbeitung ohne den Wienerischen Sound?

Müller-Drossaart: Die größere Nähe meiner eigenen Identität zum helvetisch-bäuerlichen Wesen, galt es in der darstellerischen Ansiedlung sozusagen als Fundament zu setzen, um in der Reibung mit der gestalteten Sprache spannende Farben zu erreichen. Flavio Steimann setzt immer wieder ganz bewusst seltene, zeitbezogene Helvetismen ein, die uns in die Welten der Geschichte begleiten. Diese ausgeklügelten Sprachnoten fordern viel Übung in gedanklicher und artikulatorischer Geläufigkeit. Mund-und Hirn-Handwerk sozusagen.

Aerni: Was muss ein Text mitbringen, damit er von Ihnen auf die Bühne getragen wird?

Müller-Drossaart: Als erstes muss er mich überraschend am Leselust-Schlawittchen packen! Alsdann sollte der Stoff und die Personen bewegend und relevant sein und das Ganze in einer sinnlichen Sprache.

Aerni: Das aktuelle Stück ist ein Kriminalfall, in etwa auch in der Glauserischen Manier. Würden Sie dem zustimmen?

Müller-Drossaart:  Eindeutig! Wir verfolgen einen alternden Kriminalkommissar, einen „Menschenjäger und Fallensteller“ wie er sich selber beschreibt in seinem letzten Kriminalfall, wo er, wie der uns bekannte Wachtmeister Studer aus Friedrich Glausers Romanen mit einer analytischen aber auch menschlich-warmen Zugewandtheit zum schuldigen Täter eine eigene Vorstellung von Gerechtigkeit entwickelt.

Aerni: Das große Publikum kennt sie durch Filme wie „Grounding“, „Die Herbszeitlosen“ oder „Sennentuntschi“ oder durch TV-Serien wie „Bozen Krimi“. Was fasziniert Sie am reduzierten Spiel mit Text und Mimik auf der Kleinkunstbühne?

Müller-Drossaart:  Die unmittelbare Begegnung zwischen Sprache und Publikum! Die unaufwendige, karge Form des  Geschichten-Erzählens, wo die Bilder in den Köpfen der Zuhörenden und Zu-schauenden entstehen können- Jetzt im Moment, unverfälscht im analogen Spiel.

Aerni: Mittlerweile publizierten Sie als Autor zwei erfolgreiche Mundart-Lyrik-Bände. Wenn Sie ein Buch lesen, wie schnell geht es, dass Sie die passenden Stimmen dazu im Kopf hören?

Müller-Drossaart: Zuweilen, in besonders glückhaften Momenten reden die Figuren direkt aus den Sätzen heraus, springen auf die Zunge! Dieser schauspielerische Kern-Reflex ist sehr genussvoll und ermöglicht mir theatrale Polyphonien im Kopf! die ganze commedie humaine marschiert manchmal vor meinen Augen auf!

Aerni: Trotz digitalisierte Unterhaltungsindustrie scheint das Schauspiel auf der Bühne durch real existierende Menschen noch zu funktionieren. Warum?

Müller-Drossaart: Weil es jetzt im selben Raum im gemeinsamen Kontakt zwischen Künstlern und Publikum stattfindet und dadurch etwas Einmaliges zum Ausdruck kommt. Genau diese Menschen des Abends werden nie mehr so zusammenkommen! Theater ist, wenn’s gelingt eine Feier des Augenblicks!

Aerni: In welcher Gemütsverfassung sollte das Publikum Ihre aktuelle Aufführung besuchen kommen?

Müller-Drossaart: schaulustig, geschichtsgierig und verführungsbereit!

Aerni: Es wurden viele bis alle Kulturanlässe wegen Corona abgesagt. Wie gehen Sie damit um?

Müller-Drossaart: Ich versuche im Dialog mit den Veranstaltern unbedingt Verschiebedaten zu organisieren, was in vielen Fällen möglich ist, aber die aktuell leere Familienkassennot nicht erleichtert. Daneben erhöhe ich die Arbeit an weiteren Projekten, die ich später als selbständig tätiger Kunstschaffender anbieten kann. Es gibt viel zu tun.

Aerni:  Sie wirken auch als Schriftsteller, vielleicht eine Zukunft abseits der Bühne und des Films?

Müller-Drossaart: Glücklicherweise habe ich in den letzten Jahren bereits meine anderen «art-skills» erforscht und weiterentwickelt. Der Umgang mit Sprache und Inhalten kann in verschiedenen Medien stattfinden und das kreative Schreiben kommt mir sehr entgegen. Da der Spielraum Schweiz im weitesten Sinne gesehen, sehr klein ist, muss man als Schauspieler erfinderisch auch Grenzbereiche erforschen, um eine kontinuierliche Existenz zu finden.

Aerni:  Humor, Witz und Kabarett gehörten stets ins Programm Ihrer Schauspiel-Laufbahn. Können Sie etwas aus diesen Kompetenzen für die Realität des Lebens schöpfen?

Müller-Drossaart: Ja, gewiss! Humor in seiner ursprünglichen Bedeutung von «Lebenssaft» wird in der akuten Pandemiezeit plötzlich mehr als eine frivole Koketterie mit fernen, fiktiven Untergangsfabeln. Wir sind angehalten, unsere Werte zu befragen und aufs Wesentliche zurück zu finden. Der schwertriefenden moralische Entrüstung und Schuld-Menetekelei, die in diesen Tagen auch ihre verurteilenden Runden dreht, gilt es mit Verstand und ironisch befragender Distanz zu begegnen. Humor hilft uns, nicht in die Abgründe des Ausweglosen zu versinken. Witz, Geist nicht als Strafnebel, sondern als die konstruktive Kraft der Erkenntnis zur Lösung der Probleme.

Ein weiteres Interview mit Hanspeter Müller-Drossaart mit Ausschnitten des aktuellen Stückes ist auf dem Sender DIE REDAKTION zu sehen. Hier per Mausklick.

Über aktuelle Projekte von Hanspeter Müller-Drossaart erfahren Sie hier mehr: www.hanspeter-mueller-drossaart.com

 

Info: Hanspeter Müller-Drossaart, 1955 in Sarnen geboren, in Erstfeld aufgewachsen, war als Schauspieler am Schauspielhaus Zürich und dem Wiener Burgtheater tätig. Die Öffentlichkeit kennt Hanspeter Müller-Drossaart aus TV- und Film- Produktionen sowie auch als Vorleser bei Radio und Fernsehen («Literaturclub» SRF/3sat). Von ihm sind die beiden Gedichtbände «zittrigi fäkke» in Obwaldner Mundart und der Urner Lyrikband «gredi üüfe». Mit dem literarischen Bühnenstück «Bajass»  tourt er durch die ganze Schweiz.

 

 

 

Zweihänder

Am 30. April verschüttete ich Kaffee, als ich in der «Südostschweiz» Seite 12 aufschlug. In einem Leserbrief verglich Assunta Collenberg-Deplazes aus Lumbrein den WWF mit den alten Römern und die heutigen Bauern mit den Sklaven in der Arena, umringt von Löwen – sprich heute Wölfen. Liebe Frau Collenberg-Deplazes, erlauben Sie mir den Versuch, hier aufzuzeigen, dass Ihr Vergleich doch recht deplatziert ist.

Die alten Römer überrannten Völker, zerstörten für Millionen von Menschen ein eigenständiges Leben, Freiheit, die Existenz. Bis jetzt – auch nach intensiven Recherchen – kann ein ähnliches Gebaren weder dem WWF noch ähnlichen Organisationen wie Greenpeace, Pro Natura oder BirdLife angelastet werden.

Zu den Löwen. Die bedauernswerten Geschöpfe verloren damals durch Jagd, Fang und einer nicht artgerechten Haltung ihre Würde. Das macht aggressiv und hungrig. Während die Löwen in die Städte transportiert wurden, lebten hier bei uns die Wölfe, bevor wir Menschen «Hä?» sagen konnten. Wenn wir bei diesem Bild bleiben möchten, kommen wir nicht umhin, zu konstatieren, dass es genau umgekehrt wäre. Die Menschen (also die Römer) überrannten Täler und Wälder, verbauten und holzten, verdrängten und jagten, erschossen und vergifteten einen Großteil der Lebewesen, die da waren. Mit dem Effekt des schnellsten Artensterbens, das der blaue Planet je erlebt hatte. Deplatziert ist auch der Vergleich mit den heutigen Bauern und Hirten mit den damaligen Sklaven. Mir ist nicht bekannt, dass die bemitleidenswerten Menschen in der Arena Mittel zur Verteidigung gehabt hätten wie: Rechtliche Massnahmen, Kompensationszahlungen, Schutzmaßnahmen (Herdenhunde, Zäune etc) und die Chance, vor der Menge, also der Öffentlichkeit, sich zu äußern, Hilfen zu beantragen und eine Debatte anzustoßen.

Die Frage, wie wir mit den Lebewesen, die vor uns in den Alpen ihre Daseinsberechtigung hatten, umgehen sollen, muss gemeinsam am runden Tisch diskutiert werden. Jedoch der besagte Leserbrief gleicht einem Zweihänder aus der Römerzeit.

Urs Heinz Aerni

Ist zuerst in der Zeitung BÜNDNER WOCHE erschienen.

Freiheit oder Risiko?

In der NZZ AM SONNTAG erklären Expertinnen und Experten, dass das Sars-CoV-2 nur ein Ziel hat: sich vermehren und verbreiten. Das ist ein Naturgesetz. Deshalb sind bei allen Viren laufende Mutationen zu beobachten, um sich neuen Situationen anzupassen. Was bei Corona, für das es noch kein Impfmittel gibt im Gegensatz zu den Grippe-Viren, anders ist und wie viel wir noch nicht wissen, macht dieser Bericht deutlich, den Sie hier lesen können:

https://nzzas.nzz.ch/wissen/corona-bulletin-8-sauerstoffsaettigung-zuhause-messen-ld.1555703#subtitle-wie-das-coronavirus-mutiert-second

Parallel zu diesem noch großen Unwissen seitens Wissenschaftler über das Phänomen Corona, werden die Proteste gegen die Schutzmaßnahmen der Regierungen und Behörden lauter. Nun, in der Tat könnte diese Krise den Machthabern mit diktatorischen Gelüsten und Parteien mit nationalistischen Vorstellungen in die Hände spielen. Und doch, haben die demokratisch gewählten Behörden die Pflicht und die Verantwortung, das Leben und die Gesundheit über wirtschaftliche Interessen zu stellen.

Immer mehr Menschen gehen nun auf die Straßen und verlangen das normale Leben zurück. Zu ihnen gesellen sich aber immer mehr Leute, die Corona als normale Grippe abtun oder sogar behaupten, dass es ein Produkt von Gehimdiensten sei. Über die verschiedenen Maßmahmen und Entscheidungen der Regierungen kann und soll diskutiert werden. Diese Krise sei eine „demokratische Zumutung“, so die Deutsche Bundeskanzerlin Angela Merkel und zeigt, wie jetzt die Demokratien mit ihrer Meinungsvielfalt und Pluralismus auf dem Prüfstand stehen.

Dass sich jetzt immer mehr Menschen öffentlich getrauen, Theorien zu verbreiten, deren Quellen und Absicherungen mehr als fraglich sind, verblüfft einerseits und überrascht andererseits nicht, denn solche Bewegungen sind immer wieder entstanden, von der Spanischen Grippe, in Zeiten von Kriegen oder nach Umweltkatastrophen.

Doch heute? Noch nie war der Zugang zu Wissen und Bildung so einfach und frei. Die Aufklärung hätte bewirken sollen, sich von Halbwahrheiten, seltsamen Glaubensbkundungen und ungesicherte Thesen befreien zu können. Und was geschieht stattdessen? Menschen gehen lärmend auf die Plätze und Straßen und pauken Meinungen in die Luft, als hätten sie das ganze Wissen der Welt unter ihrem Schädel.

Im sogenannten Zeitalter der Kommunikation fristet nach wie vor eine Kunst ein Schattendasein. Die Kunst, Fragen zu stellen mit dem Ziel, das eigene Verstehen zu optimieren und anzuerkennen, dass diese Fähigkeit nie enden wird.

Urs Heinz Aerni

Die Bilder stammen vom Fotografen Konstanin Weiss von einer Demonstration am 10. Mai 2020 in Zürich.

© Konstantin Weiss, Dottikon (Schweiz) 10. Mai 2020 in Zürich

© Kontantin Weiss, Dottikon (Schweiz) 10. Mai 2020 in Zürich