Zwei entdeckte Bücher

Es war in der Pause eines Theorieabends über Vögel in Zürich. Der Verfasser dieser Zeilen kam mit Meret Gut ins Plaudern, auch über Literatur. Sie outete sich als Lyrikerin. Die Neugier war geweckt und führte ihn dazu, sie zu fragen, ob er etwas lesen dürfe. Am nächsten Theorieabend – es ging um Limikolen – händigte sie ihm das Manuskript aus. Noch in der Straßenbahn ließ er sich auf ihrem Wortteppich durch die nächtliche City gleiten. Jedoch nicht im taumelnden Traum der Verklärung, es ist eher eine Art der Erdung, die hier bei der Lektüre geschieht. Als würde man auf einem moosigen weichen Waldboden gehen, irgendwie archaisch, direkt und naturnah. Die 1989 geborene Meret Gut schloss mit einem Master in Molekularbiologie ab, unterrichtet Biologie, kämpft für den Naturschutz … und schreibt Poesie! Eine Poesie, die nach deren Genuss weiter austreibt und gedeiht. Dies zum ersten entdeckten Buch.

Als Radio SRF eine Besprechung eines literarischen Buches über Vögel ankündigte, wurde der Verfasser als Leser und Hobby-Ornithologe hellhörig. Und fürwahr, nach dem Interview mit den beiden Brüdern und Autoren Jürgen und Thomas Roth wurde das Buch beschafft. Jürgen Roth wurde 1968 geboren und lebt als Schriftsteller in Frankfurt am Main, er schreibt für Medien wie FAZ, taz oder die Titanic. Thomas Roth wurde 1971 geboren und lebt als Historiker im Rheinland. Beide fanden schon früh ihre große Liebe zu den Vögeln.

Aus den rund 11´000 Vogelarten besprechen die beiden ausgesuchte Arten wie andere Filme oder Romane. Sie kreisen all die Eigenarten der gefiederten Subjekte fabulierend und aus der Fachliteratur zitierend solchermaßen ein, dass der Lesende zu staunen beginnt. Ein Staunen über den Umstand, wie etwa in alter Zeit die Tierwelt interpretiert wurde und wie Esprit und Witz der Sprache guttun kann. Und erst recht ein Staunen über all das Wunderbare, was in der Welt der Piepmätze geschieht.

 

Urs Heinz Aerni

Die Angaben zu den Büchern: „Einen Knochen tauschen wir“ Gedichte von Meret Gut, Wolfbach Verlag, ISBN 978-3-906929-00-2; „Kritik der Vögel – Klare Urteile über Kleiber, Adler, Spatz und Specht“ von Jürgen und Thomas Roth, Verlag Blumenbar bei Aufbau, ISBN 978-3-351-05032-0

Die drei oben erwähnten Schreibende werden am Festival Sprachsalz 2018 in Hall in Tirol zu Gast sein. Hier gelangt man zum Programm.

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Muss Schreiben legitimiert werden?

Soeben komme ich zurück aus Innsbruck. Dort unterhielt ich mich an einem Podium mit Autorinnen und Autoren über Fragen wie: «Wie gelingt es mir, zeitliche und örtliche Schreiboasen zu finden?», «Wie viel Struktur braucht ein literarischer Text?», «Wie finde ich einen Verlag?», «Was macht ein guter Verlag für mich?», «Warum wird mein Buch in den Medien nicht wahrgenommen?», «Auf was ist bei einer öffentlichen Lesung zu achten?» oder «Ist Schreiben ein monologischer oder dialogischer Akt?»

Meine Seminare als Literaturagent an den Volkshochschulen sind stets gut besucht und ich beginne jeweils mit den Worten: «Meine Damen und Herren, Sie wissen, dass die Welt auf Ihr Buch wartet.» Ein Lachen geht durchs Auditorium, weil sie wissen: die Welt ist voll von Büchern. Aber, das ist gut so! Schreiben gehört zu den wichtigsten Künsten über die der Mensch verfügt. Schreiben ist der Versuch, zu verstehen, begreifen, einzuschätzen, abwägen, bewältigen und ist ein Mittel für Gegenmaßnahmen. Schreiben ist ein Umkehrschub, der die innere Welt gegen außen stülpen lässt, ein proaktives Agieren. Texte lassen in Seelen blicken, sie lassen erkennen, was in Herz und Sinn des Verfassenden rumort. Texte widerspiegeln Zeitgeist, sie verändern sich analog zur Mediennutzung. Niedergeschriebene Sprache mutiert sich in die Formen der Medien. Das schöne dicke Buch lässt sich noch immer in den Händen von lesenden Menschen finden, im Wartesaal oder auf der Parkbank. Lesende halten sich oft in dichtgedrängten S- und U-Bahnen oben mit einer Hand fest und mit der anderen scrollen Sie Texte auf dem Smartphone. Ohne Text, keine Gesellschaft. Ohne Sprache keine Welt.

An dem erwähnten Anlass in Innsbruck überraschte mich eine Frage besonders: «Wie legitimiere ich mein Schreiben?» Wie bitte? «Ja, meine Freunde und Familie tun sich schwer zu akzeptieren, dass ich viel Zeit fürs Schreiben verwende und zudem ich nicht mal damit Geld verdiene.» Unglaublich, nicht? Da lassen andere teure Drohnen starten, reisen ihrer Fußallmannschaft hinterher und basteln stundenlang an ihrem Opel Manta rum, alles unter dem Akzeptanz-Titel «Hobby». Liebe Schreibende, bleiben Sie dran, lassen Sie nicht nach, tun Sie’s weiter und schenken Sie der Welt neue Texte.

 

Urs Heinz Aerni

Info: Am 24. Und 25. November bietet der Autor den Workshop «Wie veröffentliche ich ein Buch?» in Lenzerheide an. Infos und Anmeldungen: ursaerni@web.de

Der passende Buchtipp: «Frauen, die schreiben, leben gefährlich» von Elke Heidenreich, Insel, 978-3-458-35995-1, CHF 14.90

Diese Kolumne erschien zuerst in der Zeitung BÜNDNER WOCHE

Die Kunst des digitalen Grüßens

Wie grüßen Sie? Also nicht auf der Straße oder im Laden, sondern digital, am Schluss einer E-Mail. Hier herrschen ganz eigene Gesetze. Nirgend sonst in der Kommunikation wird dergestalt mit der Grußformel gespielt und variiert wie im Mail-Verkehr.

Wenn die Presseabteilung eines Verlages anfragt, ob ich ein Buch besprechen möchte, wird immer «herzlich» gegrüßt. Die ungeschriebenen Grußgesetze zeigen den Aggregatszustand der Beziehungen an. Da war zum Beispiel die Dame, mit der ich für ein Projekt zu tun hatte. Wir wechselten via Mail vom «Sie» zum «Du». Jede Mail in der Startphase schloss mit «Liebe Grüße» oder «Herzliche Grüße» oder gar nur mit «Herzlich». Dann kamen die ersten Herausforderungen in Planung und Budgetierung etc. Hier begannen die ersten unterschiedlichen Ansichten und Arbeitsmethoden zum Vorschein zu kommen, also auch Meinungsunterschiede. Demgemäß schienen sich die Grußworte der Stimmungslage anzupassen. Vom «Herzlich» mutierte es sich herunter auf «Beste Grüße» und «Gruß». Wenn kalter Krieg herrscht, so liest man dann wieder «Freundliche Grüße», der eisige Tiefstand in der Austauschkultur. Im Comics hätten die Sprechblasen dann Eiszapfen. Ich wollte es schon mit dem veralteten «Hochachtungsvoll» versuchen aber das wäre eines zu viel aufgesetzt. Wir hüpfen also heutzutage zwischen «Herzlichst», was ja schon eine Umarmung bedeutet, und dem Formalen, wo wir uns fast zwingen müssen, überhaupt zu grüßen. Ich stelle mir die Frage, was heutzutage Freundschaften noch auszuhalten vermögen. Da ich nicht weiß, was Sie von meinen Kolumnen halten, schließe ich mit folgendem Gruß … Moment, in der Kneipe, in der ich diese Zeilen schreibe, grüßt mich der Wirt, der frei heraus erklärt, dass er schwer krank ist …

Da verpixelt mein obiges Gedankenspiel zum Luxusproblem, nicht?

Herzlich, Ihr

Urs Heinz Aerni

 

Der passende Buchtipp: «Duden Ratgeber – Briefe und E-Mails gut und richtig schreiben» Bibliographisches Institut, ISBN 978-3-411-74303-2

Beitrag erschien auch in der Bündner Woche und Berglink Berlin

Kein Schutz und neue Fragen an die Schützenden

Seit 20 Jahren gelang es in der Schweiz nicht mehr, ein neues Refugium für die Natur einzurichten. Die Meldungen über Artensterben und zunehmende Belastung der Umwelt durch Bautätigkeit und Lärm verursachen lediglich Schlagzeilen in den Medien aber kein Umdenken bei Menschen, die stattdessen lieber weiterhin Pilze sammeln oder jagen wollen. Die erneute Ablehnung zu einem Nationalpark im Tessin nach dem Volksnein gegen Nationalparkt Adula nötigt uns folgende Fragen ab:

Was braucht es noch, bis die Gesellschaft feststellt, wie groß ihre Verantwortung gegenüber ihrer Lebensgrundlage, die Natur, eigentlich ist? Wie viele Pflanzen und Tiere müssen noch verschwinden, bis alle merken, dass nun das Steuer herumgerissen werden muss? Aber auch die Verantwortlichen der Umweltverbände müssen sich Fragen gefallen lassen. Zum Beispiel diejenige, ob nicht die bisherigen Konzepte und Mittel in Sachen Kommunikation, Information und Kampagne einer Sanierung bedürfen. Nebst vielen erfolgreichen kleineren Projekten in den Regionen gelang es trotz vielen Spenden und einer beachtlichen Mitgliederzahl den Naturschutzorganisationen nicht, seit dem 1914 gegründeten Bündner Nationalpark einen zweiten zu realisieren. Hier ist kritische Analyse in den eigenen Reihen angesagt. Diese Zeilen entstehen kurz vor dem Urlaub im Österreichischen Nationalpark Neusiedlersee, wo wir sehr gerne unser Feriengeld ausgeben werden, wegen der fantastischen Natur.

Der passende Buchtipp: „Naturschutz – Ein kritischer Ansatz“, Klaus-Dieter Hupke, Springer Spektrum, ISBN 978-3-662-46903-3

Dieser Text erschien zuerst in der BÜNDNER WOCHE

„Es gibt Menschen, die vor allem in Bildern, Klängen und Düften denken“

Mit neuen Begriffen zu einem neuen Menschenbild. Die siebente Flugschrift von Rupert Bucher widmet sich dem Begriff der Sprache der Handlung. Diese, als Grundsprache nicht nur des Menschen, sondern aller Lebewesen, soll uns die Wurzeln und Gemeinsamkeiten allen Lebens aufzeigen. Ich stellte dem Denker und Autor Fragen dazu.

Ihre Flugschriftenreihe, deren 7.Band unter dem Titel „Die Sprache der Handlung“ aktuell erschienen ist, steht unter dem Motto „Neues sehen – Neues wagen“. Welcher Grundgedanke findet sich dahinter?

Stellen Sie sich vor, Sie gehen einen Weg, den noch niemand gegangen ist und wissen nicht, wohin er führt – das ist Wagnis. Vernunft, Verstand, Bewusstsein, Unbewusstes, Intuition, Selbst, Fantasie, Trieb, Instinkt, Moral, Gewissen und Sexualität, Erziehung und Rolle sind die Grundbegriffe des autoritären Weltbildes. In diesen ist unser Denken über uns selbst und den Menschen im Allgemeinen fest verankert und mit dem Prinzip der Hierarchie verkettet. Durch deren weitere Verwendung halten wir das alte Weltbild am Leben. Über die Verabschiedung dieser Begriffe das Denken und Handeln frei zu machen, war der erste Schritt.

Das hieße, wir müssten neue Wörter für ein neues Denken erfinden…?

Korrekt. Die Formulierung und Anwendung neuer, von der Geschichte unbelasteter Begriffe, ist das Anliegen der Flugschriftenreihe. Diese kreiert das Gemälde eines neuen Menschenbildes, das dann in der letzten Flugschrift unter dem Titel „Was den Menschen zum Menschen macht!“ zusammengefasst werden soll. In der Gesellschaft sehen wir die Verabschiedung des alten patriarchalen Weltbildes in aller Deutlichkeit am Zerfall der Familien. In allen anderen gesellschaftlichen Organisationen, die noch dem Prinzip der Hierarchie folgen, kämpft der alte Geist um sein Überleben. Es gibt große Betriebe, in denen herrscht in der einen Abteilung ein tyrannischer Vorgesetzter, gleich welchen Geschlechts, der seine Mitarbeiter in die Verzweiflung oder einen Burn-out treibt und in der anderen beobachten wir ein partnerschaftlich-kollegiales Miteinander. Die Zeichen des Umbruchs sind unverkennbar.

Und das neue Sehen? Was zeigt sich diesem?

Ein mächtiges gesellschaftliches Tabu! Die Gewalt der autoritären Frau und ihr verstecktes Matriarchat. Nun kann sie sich nicht mehr hinter dem Bild der heiligen Mutter und des ewigen Opfers verstecken.

Folgt der Aufbau der Reihe einer Systematik, bzw. in welchem Verhältnis stehen die einzelnen Titel der Reihe zueinander?

Ihre Entstehung gleicht dem eines Bildes, einer Skulptur oder eines Gedichts. Über die einzelnen Titel formt sich ein neues Bild des Menschen.

Mit anderen Worten, Sie erschaffen mit all den Büchern eine Art Skulptur, die einen neuen Blick auf den Menschen visualisiert.

Kann man so sagen. In all den Jahrzehnten meiner Arbeit als Psychotherapeut, mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen, sind mir viele Menschen begegnet, die unter der schulischen Rationalitätsdressur, anders kann man das nicht nennen, sehr gelitten haben. Waren das einfach die Dummen, die halt nichts begriffen haben? Gewiss nicht! Es gibt Menschen, die vor allem in Bildern, Klängen und Düften denken, nicht in der logischen Schlussfolgerung.

Also dürfen gewohnte Wörter nicht ins Recycling gelangen, sondern in den verbalen Sondermüll?

Richtig. Es gibt noch weitere Gründe, warum es an der Zeit ist, sich von den alten Begriffen der antiken Sklavenhalter-Gesellschaften, insbesondere der griechisch-römischen Kultur, zu verabschieden. Die Beziehung von Frau und Mann hat sich in den letzten Jahrzehnten grundlegend verändert. Gleichzeitig vollzieht sich der Umbruch in der Kernzelle der Gesellschaft. Die Familien lösen sich auf.

Zudem hat die technische Entwicklung ein schwindelerregendes Tempo angenommen.

All diese Veränderungen und die damit verbundenen Aufgaben sind mit den alten Begriffen aus längst vergangenen Zeiten nicht mehr zu bewältigen. Gemeint sind die Begriffe, in denen sich der Mensch selbst zu verstehen versucht. Wagen wir es, diesen, vom Hauch des autoritären Weltbildes durchwehten Begriffen Adieu zu sagen.

Wen möchten Sie besonders mit der Flugschriftenreihe ansprechen?

Alle Menschen auf der Suche nach sich selbst, dem Leben und immer neuer Erkenntnis. Der Leser ist eingeladen, an dem Projekt, mit neu zu formulierenden Begriffen am Entstehen eines gänzlich anderen Menschenbildes unmittelbar teilzunehmen. Über die Lektüre der stetig sich erweiternden Flugschriftenreihe kann der Leser eintauchen in dieses Abenteuer. Er kann in neue Denkwelten vorstoßen, sodass sich ihm unbekannte Einblicke und Einsichten eröffnen werden.

Was erwartet den Lesenden der Flugschriften?

2013 betrat ich den Pfad der neuen Worte. Seit 2014 sind jedes Jahr ein bis zwei neue Titel erschienen, was auch in den folgenden Jahren so bleiben soll. Der Leser befindet sich gemeinsam mit dem Autor auf diesem Pfad, von dem niemand weiß, wohin er führen wird. Er ist unmittelbar beteiligt an diesem Projekt gleich einem Fortsetzungsroman, das ist einmalig in dieser Form von Erkenntnisabenteuer.

Wirken sich diese neuen Einsichten für die Leserin und den Leser auch auf die Praxis des Lebens aus? Wenn ja, wie?

Ja gewiss. Mit den neuen Begriffen wird sich seine Wahrnehmung in sozialen Situationen verändern. Er kann dadurch die familiären Muster seiner Herkunft und die anderer in allen erdenklichen Situationen sofort erkennen. Das ist besonders hilfreich in der Partnerschaft, im familiären Alltag mit den Kindern und bei Konflikten im Berufsleben. Aber es geht darüber hinaus um sehr viel mehr: um eine Vision der Überwindung des menschlichen Leidens, der Leere des Nichts, die wir Depression nennen.

Welche Begriffe stellten Sie denn in den vorherigen Büchern auf den Prüfstand?

Die Auseinandersetzung startete mit den Begriffen Trieb, Instinkt, Sexualität, Erziehung und Rationalität, wandte sich dann dem Thema der autoritären Frau zu, um dann bei der Suche nach dem wahren Selbst zu landen. Immer steht im Zentrum, die neuen Begriffe in der konkreten Anwendung vorzustellen. Der Anspruch ist ja, über sie zu vertiefter Erkenntnis vorzudringen.

Im aktuellen, siebten Band der Flugschriftenreihe wird der neue Begriff der Sprache der Handlung eingeführt. Er soll uns die Grundsprache des Menschen, die er mit allen Lebewesen gemeinsam hat, näherbringen. Auch hier erwarten den Leser überraschende Einsichten.

In welches begriffliche Neuland werden Sie uns in den kommenden Bänden entführen?

Der nächste Band wird den Titel „Das Ich-Gesicht“ haben. In ihm wird gezeigt, dass das Ich des Menschen aus den Drehbüchern unserer familiären Geschichte besteht. Ihm folgt dann eine Flugschrift über die Depression, die über das Ich-Gesicht und die Sprache der Handlung ihre Rätselhaftigkeit verliert. Durch den völlig neuen Zugang eröffnen sich die Wege der Bewältigung und der Übergang in eine grundlegend veränderte Lebenshaltung.

Rupert Bucher, geboren 1950 in Lindau am Bodensee. Er studierte Philosophie in München und Marburg, Psychologie an der Christian-Albrechts-Universität und Bildhauerei an der Fachhochschule (ehemalige Muthesius-Schule), beide in Kiel. Seit 1982 zurück in Lindau, arbeitet er als Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut, Psychologischer Psychotherapeut und Supervisor in eigener Praxis.

Das aktuelle Buch oder Flugschrift: Rupert Bucher: „Die Sprache der Handlung“, Bucher Verlag, 978-3-99018-441-7

Ein Angebot auf Erdoğans innovative Bildungsidee

Sie haben es sicher vernommen: der türkische Machthaber möchte im Westen Schulen einrichten, die Religions- Geschichts- und Kulturlektionen erteilen sollen (siehe Bericht hier per Mausklick).

Nun, dazu schrieb ich ihm einen Gegenvorschlag, den Sie hier lesen können…

 

Der Text erschien auch in der Zeitung BÜNDNER WOCHE

 

 

 

Kritik ohne Kontext?

 

Von einer seriösen Kritik wird heute Differenziertheit und Berücksichtigung des Kontextes des zur Debatte stehenden Objekts oder Subjekts erwartet. Mit anderen Worten, es darf kritisiert werden aber eingedenk der Hintergründe und mit dem Versuch, zu verstehen. Soweit einverstanden? Als ich am 9. Mai 2018 mein «Bündner Tagblatt» aufschlug musste ich den Text «Karl Marx und die Familie» von Domprobst Christoph Casetti (geboren 1943) zweimal lesen. Er kann nicht nachvollziehen, dass sogar Vertreter der Kirche Karl Marx würdigen. Marx (1818 – 1883) sei ein Mitbegründer einer «Ideologie, der etwa 150 Millionen Menschen zum Opfer fielen». Es sei «ein ausdrückliches Ziel» von Marx gewesen, die ‘die Familie zu vernichten’, so Casetti mit Verweis auf den Fall eines todkranken Kleinkindes, das in einem Vatikanischen Kinderkrankenhaus hätte weiterbehandelt werden sollen, obwohl die Liverpooler Ärzte keine Hoffnung mehr sahen.

Im 19. Jahrhundert der industriellen Sklaverei, Kaiserlichen Herrlichkeiten und Unterdrückung der Völker in den Kolonien sah ein Advokatensohn aus Jüdischem Hause in Trier die Zeit gekommen, die festgefahrenen Denkstrukturen zu Gunsten des schuftenden Teils der Gesellschaft zu hinterfragen. Vor mehr als 2000 Jahren soll es einen Hebräer gegeben haben, der es wagte, neue Ein- und Aussichten zu veröffentlichen, um einem mit sturen Regeln zubetonierten Volk neue Horizonte der Befreiung aufzuzeigen. Weder er konnte ahnen, dass in seinem Namen ganze Völker abgeschlachtet wurden, mit einer Befehlszentrale in Rom, noch konnte Marx wissen, dass Extremisten mit seinem Denkmodell immenses Elend verursachten, nicht nur in Sibirien.

Dass ein Domprobst im 21. Jahrhundert das Denken eines Mannes aus dem 19. Jahrhundert dergestalt auf einen Punkt reduziert, um Werbung für den Vatikan bei einem Streit zwischen Ärzten, Eltern und Behörden zu machen, lässt den Verdacht zu, dass die Bildungsinstitute, an denen er studierte, einen heutigen Stresstest nicht überstünden. Oder übersieht der Verfasser in seiner Kritik einen relevanten Kontext?

Urs Heinz Aerni

 

Der passende Buchtipp: «Wo denken wir hin? Lebensthemen, Zivilisationsprozesse, demokratische Verantwortung» von Hans-Peter Waldhoff, Christine Morgenroth, Angela Moré und Michael Kopel, Psychosozial Verlag

Die innere Not auf den Brettern, die die Welt bedeuten

Die innere Not ist die uns nächste, egal ob der immensen Tragödie in Syrien oder Nordafrika. Liegt es an der Machtlosigkeit unsereins im globalen Getriebe der Katastrophen? Diese und andere Fragen stellte ich mir nach dem Verlassen des Kleintheaters Sogar in Zürich. Es wurde der „Der Trafikant“ gespielt nach dem Roman des österreichischen Autors Robert Seethaler. Es handelt von der Geschichte des Jungen Franz Huchels, der wirtschaftsbedingt von seiner Mutter aus dem beschaulichen Salzkammergut nach Wien zur Arbeit geschickt werden musste, als Lehrling bei einem Kriegsinvaliden in einer Zeitungs- und Tabak-Trafik. Dies in den Jahren 1937 und 1938. Es rumort. Durch die selbstherrlichen und marodierenden Nationalsozialisten draußen in der Stadt, und drinnen im Herzen des jungen Franz. Aber dafür sorgt seine Liebe zur drei Jahre älteren Böhmin Anezka mit der er erste erotische Erlebnisse erfuhr. In seiner Liebesnot sucht der Junge beim Stammkunde Sigmund Freud Anschluss mit der Frage: „Stimmt es, dass Sie den Leuten den Schädel wieder geraderichten können?“

Das vielstimmige Stück scheint zu beweisen, wie die vermeintlich große Welt um uns herum immer wieder erodiert, unabhängig wie es um die relevante Welt in uns steht. Auf jeden Fall bannt diese Inszenierung auf der besagten Kleinbühne jede und jeden aber mit dem Effekt eines emotionalen Umkehrschubs. Wie? Der Schauspieler rührte mit seiner brillanten Kunst an unseren Schlaf des Alltags.

Der hier erwähnte Schauspieler ist Hanspeter Müller-Drossaart und wie es zur Idee kam, den „Trafikant“ zu spielen, ist dem Verfasser nicht bekannt, nur eines ist gewiss: die von ihm verkörperte Umsetzung einer Geschichte, die uns alle nie in Ruhe lassen wird, dürfte aus den vielen bisherigen Aufführungen mit guten Gründen herausragen, die da wären: Virtuosität des Allzumenschlichen und der Sprache, Szenische wie technische Raffinesse ohne dem Liebäugeln einer dramaturgische Aufpeppung zu verfallen. Dem Darsteller konnte von den Lippen abgelesen werden, dass die Sache der inneren Not und zugleich des unsäglichen Weltgetöses noch lange nicht ausgestanden ist.

Urs Heinz Aerni

PS: Hanspeter Müller-Drossaart ließ mich wissen, dass er mit dem „Trafikanten“ demnächst auf Tour geht. Also dran bleiben.

Der passende Buchtipp: „Der Trafikant“ von Robert Seethaler, Kein & Aber, ISBN 978-3-0369-5909-2

Beginnt ein Label zu schwanken?

Es ist schon lange her, die Veranstaltung auf Einladung des Verlegers Dirk Vaihinger von Nagel & Kimche zum Austausch ins schöne Hotel Waldstätterhof in Brunnen am Vierwaldstättersee. Es versammelten sich Autorinnen, Verleger, Buchhändlerinnen, Journalisten und anderweitig Publizierende. Wir saßen in einem feudalen Saal, das Fenster stand offen und gab die Sicht frei auf die Urner Berge hinter gleißendem Wasser und vor stahlblauem Himmel. Als die Podienteilnehmenden fast alle zugleich und mit etwas Sehnsucht rausschauten, fuhr in diesem Moment ein hornendes Schiff vorbei mit wehender Schweizer Flagge. Da konnte der damalige Hanser-Verleger und heute freischaffender Lyriker Michael Krüger, nicht anders als auszurufen: «Was sorgt sich die Schweiz, schaut Euch das an, diese herrlich glitzernden Berge!» so sinngemäß, wie gesagt, ist schon eine Weile her. Da ergriff der beliebteste Literaturwissenschaftler Peter von Matt das Wort, zeigend mit dem Finger auf die selben Berge: «Und drinnen, drinnen donnert die Hölle!» Das Publikum verstand sofort die Anspielung der beiden Medaillenseiten der Schweiz. Betrachten wir die sogenannte Kehrseite derselben. Was macht sie den aus, die Schweiz oder die Idee der Schweiz? Müssen wir uns Sorgen machen um die die zahlreichen Gütesiegel, die für ein Lebensprinzip namens Schweiz garantieren? Nach dem Grounding der Swissair, zerkratzten die UBS und die Credit Suisse mit ihren Risikogeschäften ziemlich das Image des Alpenstaates und die Raiffeisen stolperte im Expansionswahn gleich hinterher. Ähnlich wie sich die Schweizerische Post immer mehr vom Otto Normalverbraucher entfernt, verspielte die Postauto AG dank den Gelüsten auf mehr Boni das Vertrauen der landesweiten Mitinhabern, sprich Steuerzahler. Die SBB, wohl lernunfähig und beratungsresistent, schliddert immer mehr in die Negativzeilen mit ihrer Preispolitik bei Kindern mit Rentnern und als aufstrebenden Immobilien-Giganten mit Fokus auf Rendite, koste was es wolle. Das Gesundheitssystem verlässt das gemeinnützige Ideal durch Privatisierung von Spitälern und psychiatrischen Kliniken. Es wird ständig diskutiert, wer die Kosten für die Räumungsarbeiten in Bondo bezahlen soll, was die Sicherheit am WEF in Davos kostet und in Bundesbern wird über die Kürzung der Sozialleistungen für Menschen am Rand der satten Gesellschaft debattiert.

Sie haben Recht, jetzt sieht es der Verfasser doch allzu pessimistisch. Wir haben ja unsere SRF gerettet, die Zürcher Kantonsregierung schuf den 5-Frankenzuschlag auf den Schiffen ab und schlussendlich sind unsere Seen inzwischen so sauber, dass überall darin gebadet werden kann, auch wenn die Berufsfischer für sich engmaschigere Fangnetze reklamieren, da die Fische nicht mehr so groß werden, wie damals im trüben Wasser … jetzt muss ich schauen, dass ich mich nicht verheddere.

Urs Heinz Aerni

(Die Kolumne erschien zuerst in der Zeitung Bündner Woche)

Der passende Buchtipp: „Total alles über die Schweiz“, Susann Sitzler, Folio Verlag, ISBN 978-3-85256-673-3

Eine Kolumne mit gleich zu drei Sachen

Das neue Online-Magazin «Republik» gewann viele zahlende Lesende, die sich einen offenen, kritischen und unabhängigen Journalismus wünschten. Mit Spannung aufgeladener Anlauf- und Vorbereitungszeit gespickt mit vielen originellen Newslettern und Infomails wurde die «Republik» vor ein paar Monaten live im Web aufgeschaltet. Die Texte sind gut, die Recherchen brillant, die Themen und Stoffe ausgesucht und die Kompetenz der Mitwirkenden überzeugend. Aber: Warum muss ich mich immer wieder per E-Mail-Bestätigung einloggen, wenn mich im Gegensatz Netflix auf jedem Gerät via IP-Adresse gleich erkennt? Warum bietet Republik nicht einzelne Beiträge zum Verkauf an, wie es zum Beispiel Somedia mit Einzelausgaben der Zeitungen tut? Und, was soll ich tun, wenn ich Texte der Dimension von Reportagen und des Feuilletons doch halt lieber auf Papier lese als am Schirm? Obwohl ich doch einen schönen Betrag für ein Jahres-Abo überwies, ertappe ich mich, dass ich für ausführliche Lektüre dann doch eher die NZZ am Samstag, «Die Zeit», den «Wiener Falter», die «Wochenzeitung», den «Zeitpunkt», die «Reportagen» oder den «Merkur» am Kiosk kaufe, statt lesend mein Abo bei «Republik» einlöse?

Die zweite Sache betrifft die Holzfäll-Unternehmen und Forstverantwortlichen. Unseren Wäldern geht es nicht ganz so schlecht, liefern uns heimisches Holz für Möbel und Wärme und über den industriell-maschinellen Holzschlag mit verlehmten Boden danach, wurde schon oft debattiert. Was aber stört, ist der Umstand, dass die Plastik-Markierungen, die den Leuten und Maschinen den Weg weisen, nach getaner Arbeit recht oft vergessen gehen. Der wandernde Tourist stößt immer wieder mitten im Wald auf oft weiß-roten Plastikfetzen an Ästen, die vor sich hingammeln. Der Kampf gegen den zerstörerischen Plastik beginnt beim PET-Sammeln, gebührenpflichtige Plastiktüten und rigorose Maßnahmen in Skandinavien aber endet beim Einsammeln der Kennzeichnungen für den Forstbetrieb?

Und zu guter Letzt ein Wort an die Bewohnerinnen und Bewohner der Gemeinde Urdorf, eingeklemmt in der Zürcher Agglo aber am schönen Waldhang: Was habt Ihr mit der Beiz namens «Bahnhöfli» gemacht? Auf einer Wanderung kehrte ich dort auf ein Weizenbier ein. Ich mag orientalische Musik, ebenso auch die Küche und von mir aus können auch die neuen Bildschirme den Sportwettenden das richtige Rennpferd zeigen aber schön wäre es, wenn der Herr hinter dem Tresen wüsste, was ein Weizenbier ist und noch wichtiger, dass er mich versteht, obwohl mein Hochdeutsch nicht so schlecht sein soll.

So liebende Lesende, die nächste Kolumne beschäftigt sich wieder mit einer Frage, die Sie umhauen wird.

Urs Heinz Aerni

Der passende Buchtipp: «Richtig reklamieren» von Otto N. Bretzinger, Verlag Bräutigam, ISBN 978-3-86336-614-9

Diese Kolumne erschien zuerst in der Zeitung „Bündner Woche“