Neulich beim Jazz

Mir ist endgültig aufgefallen, dass ein bestimmtes Phänomen nicht nur die Jugend kennt. Also das war so. Eine Jazzband kündigte in einer Kneipe ein Konzert an. Ich habe die schon mal gehört und war begeistert, wie genau und fantasievoll die komponieren und ihren Funk-Jazz-Stil wuchtig mit viel Verve zum Besten geben.

Nun, ich verschickte eine Rundum-E-Mail an ausgesuchte Bekannte und Freunde, von denen ich dachte, dass sie an dieser Musik genauso Spaß haben könnten wie ich. Sicherheitshalber reservierte ich gleich mal einen Tisch für fünf bis acht Personen. Erfreulich war, dass tatsächlich alle Stühle besetzt wurden. Die einen bestellten ihren Drink, die anderen dazu Pasta oder Pizza. Die Stimmung war fröhlich und alle schienen sich auf das Konzert zu freuen. Beim Jazz ist es ja so, dass während der Musik auch gegessen oder das eine oder andere Wort gesagt werden kann. Die sechs Musiker nahmen hinter den Instrumenten ihre Position ein und nach dem Begrüßungsapplaus stellte der Bandleader seine Kollegen vor und dann legten sie los.

Der Groove ging ins Blut, der Rhythmus bannte einen sofort, verspielt und clever zugleich lösten sich Piano, Sax und Gitarre bei den Soli ab, und Percussion, Schlagzeug und der Bass schienen die ganze Band von unten her richtig einzupacken.

Aber, liebe Leserin und Leser, was geschieht bei gewissen Anwesenden, die sich doch so zwischen dem 40. und 60. Altersjahren befinden? Sie greifen während die Musiker da vorne Gas geben, zum Smartphone und scrollen durch ihre Facebookseiten und checken E-Mails. Wir saßen in der ersten Reihe, die Band gab alles und eintrittzahlende Gäste spielen an ihrem Handy rum, als hockten sie in einem Wartesaal. Ich wusste nicht, was ich davon halten soll. Doch alle applaudierten am Schluss und als ich vorsichtig fragte, wie es ihnen denn gefallen habe, meinten die Handymenschen, dass sie das Konzert großartig fanden…

 

Um diese Band geht es, deren Musik ich zur Entdeckung empfehle:

Journeys, mit Philippe Mal am Sax, Willy Kotoun an der Percussion, Ueli Gasser an der Gitarre, Robert Mark am Schlagzeug, Angela Signore am Keyboard oder Klavier und Luciano Maranta am Bass.

Und diese CDs sei Ihnen ins gute Abspielgerät empfohlen: „Transit“ und „New Destination“ www.journeys.ch

Urs Heinz Aerni

Zum 10. Mal heißt es wieder „Berg & Buch“ über Ostern im Hotel Schweizerhof Lenzerheide. Vom 19. bis 22. April 2019.

Es werden wieder viele neue Bücher präsentiert, Geschichten erzählt und Kinder machen Bücher!

Programm:
So macht man Bücher!

In dieser Werkstatt lernen wir, wie man Bücher unkompliziert mit Nadel und Faden bindet. Dazu braucht es neben Nadel und Faden noch Zeichenpapier und einen Fotokarton sowie ein wenig Geduld.
Mit Buntstiften, Wasserfarben oder einer Collage gestalten wir die fertigen Bücher.
Danach experimentieren wir noch mit verschiedenen Textsorten – Zum Beispiel probieren wir Elfchen, Stabreime, Haiku, Schnitzltexte oder die sogenannte „visuelle Poesie“ in der Praxis aus. Im Anschluss können die Kinder ihre Bücher mit nach Hause nehmen.
Geeignet für Kinder im Alter von 7 – 12 Jahren. Melden Sie sich an der Réception an.
Mit dem Künstler und Autor Christian Yeti Beirer. Viele Ausstellungen zeigten von ihm Karikaturen, Kalender-, Buch-, und Plakatillustrationen, von Wien über New York bis Innsbruck. Der Künstler aus Österreich ist zum ersten Mal in Graubünden.

Zeiten: Karfreitag & Ostersonntag ab 16 Uhr und Ostersonntag

Geben Sie Ihrem Gesicht ein neues Antlitz
Der Grafiker, Maler und Karikaturist Ralf-Alex Fichtner wird Sie innert weniger Minuten porträtieren. Sie setzen sich ihm gegenüber und er legt los mit Pinsel, Tusch und Farbe.

Ralf-Alex Fichtner wurde 1952 in Aue im Erzgebirge geboren und lernte Werkzeugmacher und Plakatmaler. Seit 1987 ist er freischaffender Künstler, Mitglied in Künstlervereinigungen, entwarf viele Auftragsarbeiten, die von Museen und Banken erworben werden. Die größte Arbeit war eine Wandgestaltung einer Bank in Nürnberg.

Zeiten: Während den Osterfeiertagen tagsüber in der Lobby.

„Ohne Krimi geht die Mimi…“
Lesung von und mit Claudia Puhlfürst

Sie nennt sich die „Kriminelle Schreibtischtäterin aus Sachsen“. Die 1962 geborene Claudia Puhlfürst wirkte in der Branche Biologie, Chemie als Dozentin für Anatomie und Physiologie an der medizinischen Fachschule Zwickau. Als Redakteurin und Herausgeberin arbeitete sie für verschiedene Verlage u. a. auch für den DUDEN. Als Schriftstellerin publiziert sie zudem erfolgreich Thrillers und Kriminalromane. „Eine der besten deutschen Psychothriller-Autorinnen!“ Westfalenblatt.

Zeit: Samstag, 20. April um 21 Uhr in der Gabar

Die höchstgelegenste Buchmesse mit Büchern aller Art mit den beiden Buchhändlerinnen Alexandra Vogel und Susanne Müller ist über ganz Ostern geöffnet.

Alle Veranstaltungen und Buchmesse sind frei zugänglich und öffentlich.

Wir freuen uns auf Sie! Claudia und Andreas Züllig-Landolt, Gastgeber und
Urs Heinz Aerni, Kulturverantwortlicher Schweizerhof

Amuse bouche aus dem Bücherfrühling

Es ist Bücherfrühling. Neben meinem Computer steht ein Stapel Bücher; Bücher, die ich empfehle, aber wie soll ich das auf so wenig Platz tun? Ah, ich pflücke daraus je einen Satz, so quasi als Amuse bouche:

«Manchmal ist’s, als schliefen wir um eines Traumes Willen», Hans Ulrich Bänziger aus «Ahnungslose Beute» (Wolfbach). «Ihre Augen wurden feucht, vom Rauch der Kerzen?», Markus Ramseier aus «In einer unmöblierten Nacht» (Haymon). «Ich fühle den Wanderweg mehr unter mir, als ich ihn sehe.», Johanna Romberg aus «Federnlesen» (Lübbe). «Das Sterben ist das Schönste am Tod», Aglaja Veteranyi aus «Wörter statt Möbel» (Der gesunde Menschenversand). «Todesanzeigen enthalten in der Regel drei Informationen, die von größter Bedeutung sind.», Elias Schneitter aus «Über die Jahre» (Anthologie Pyjamaguerilleros). «Die Antworten auf die Frage nach den Grenzen der Pädagogik haben immer einen mythischen Anteil.», Martin Kunz aus «Die stille Erotik der Melancholie» (Bucher). «Die Frau am Empfang sieht uns an, als beträten zwei Aliens ihr Haus.», Beat Glogger aus «Zweimaltot» (Reinhardt). «Nur bin ich nicht die werbeträchtige Luxusuhr, die vom Vater auf seinen Sohn übergeht.», Christof Gasser aus «Blutlauenen» (Emons). «Du müsstest unbedingt mal indische Philosophie lesen, gerade du, Vanessa.», Patrizia Hausheer aus «Was soll das alles» (Arisverlag). «Es ist ihr klar, dass sie Luca nicht einfach aushalten kann.», David Weber aus «Reduit» (Knapp). «Sofort begann es zu schäumen und sich blutrot zu färben.», Alexander Günsberg aus «Tanz der Vexiere» (Münster). «Nun war es Sonntag, sein Veston verbeult und sein Anzug lamentabel.», Benedikt Meyer aus «Nach Ohio» (Zytglogge). «Selbstverständlich habe ich Sie manipuliert, was erwarten Sie?», Markus Bundi aus «Alte Bande» (Septime). «Mein Gott, Anke, ich … ich … wusste ja nicht …», Wolfgang Marx aus «Am grauen Meer» (Kameru). «Im Grunde sah man nur einen Wuschel schwarzer Haare.», Simon Libsig aus «Der Velodieb, der unters Auto kam» (Librium).

Und wenn Sie noch Fragen haben sollten, so treffen Sie mich anlässlich «Berg & Buch» vom 18. bis 21. April im Hotel Schweizerhof Lenzerheide.

Diese Kolumne erschien auch in der Zeitung BÜNDNER WOCHE.

Legitim?

Heute lag dieser Prospekt einer Firma, die u. a. Textilien und Schuhe verkauft im Briefkasten. Die junge schwedische Klimaaktivistin Greta Thunberg dient hier als Covergirl und Eye-Catcher.

Es stellen sich hier Fragen, wie:

– Weiß das Mädchen davon und verdient sie was?

– Wurde das Bild offiziell als Presse- oder Agenturbild erstanden aber für ein Werbeprodukt verwendet?

– Wo ist die Grenze zwischen Werbung und Journalismus?

Was meinen Sie?

Urs Heinz Aerni

Amuse bouche für Lesende

Es ist Bücherfrühling. Neben meinem Computer steht ein Stapel Bücher, die ich empfehlen möchte aber wie soll ich das auf so wenig Platz tun? Ah, ich pflücke daraus je ein Satz, so quasi als Amuse bouche:

«Manchmal ist’s, als schliefen wir um eines Traumes Willen», Hans Ulrich Bänziger aus «Ahnungslose Beute» (Wolfbach). «Ihre Augen wurden feucht, vom Rauch der Kerzen?» Markus Ramseier aus «In einer unmöbilierten Nacht» (Haymon). «Ich fühle den Wanderweg mehr unter mir, als ich ihn sehe.» Johanna Romberg aus «Federnlesen» (Lübbe). «Das Sterben ist das Schönste am Tod» Aglaja Veteranyi  aus «Wörter statt Möbel» (Der gesunde Menschenversand). «Todesanzeigen enthalten in der Regel drei Informationen, die von größter Bedeutung sind.» Elias Schneitter aus «Über die Jahre» (Anthologie Pyjamaguerilleros). «Die Antworten auf die Frage nach den Grenzen der Pädagogik haben immer einen mythischen Anteil.» Martin Kunz aus «Die stille Erotik der Melancholie» (Bucher). «Die Frau am Empfang sieht uns an, als beträten zwei Aliens ihr Haus.» Beat Glogger aus «Zweimaltot» (Reinhardt). «Nur bin ich nicht die werbeträchtige Luxusuhr, die vom Vater auf seinen Sohn übergeht.» Christof Gasser aus «Blutlauenen» (Emons). «Du müsstest unbedingt mal indische Philosophie lesen, gerade du, Vanessa.» Patrizia Hausheer aus «Was soll das alles» (Arisverlag). «Es ist ihr klar, dass sie Luca nicht einfach aushalten kann.» David Weber aus «Reduit» (Knapp). «Sofort begann es zu schäumen und sich blutrot zu färben.» Alexander Günsberg aus «Tanz der Vexiere» (Münster). «Nun war es Sonntag, sein Veston verbeult und sein Anzug lamentabel.» Benedikt Meyer aus «Nach Ohio» (Zytglogge). «Selbstverständlich habe ich Sie manipuliert, was erwarten Sie?» Markus Bundi aus «Alte Bande» (Septime). «Mein Gott, Anke, ich … ich … wusste ja nicht …» Wolfgang Marx aus «Am grauen Meer» (Kameru). «Im Grunde sah man nur einen Wuschel schwarzer Haare.» Simon Libsig aus «Der Velodieb, der unters Auto kam» (Librium).

Und wenn Sie noch Fragen haben sollten, so treffen Sie mich anlässlich «Berg & Buch» vom 18. – 21. April im Hotel Schweizerhof Lenzerheide.

Urs Heinz Aerni

 

«Bauchkraulzentrale»?

In der Aargauer Zeitung äußerte sich die Kollegin Anne-Sophie Scholl sehr pointiert über das Kerngeschäft des Journalismus’ unter dem Druck von Schriftstellern (bewusst hier auf die feminine Variante verzichtend), die eine nachhaltige Rezension ihres Buches erwarten oder mindestens eine Mitteilung, wenn ihr Buch auf einer Bestenliste gelandet ist. Ein hierzulande sehr bekannter Schriftsteller hätte sich mit einem Interview schwergetan, da er der Ansicht sei, dass eine Besprechung dem Verkauf seines Buches mehr diente. Und ein anderer Schriftsteller soll sich über die Auswahl des Bildes in der Zeitung geärgert haben und zudem hätte die falsche Person sein Buch besprochen und sie sei trotz Einladung, nie bei einer seiner Lesungen erschienen. Die Kollegin gab dann folgendes zu verstehen: «Wir Journalisten schreiben für unsere Leserinnen und Leser. Wir sind nicht das PR-Büro der Autoren, die Bauchkraulzentrale auch nicht.»

Liebe Zunft der Schriftstellerei, fürwahr, wir alle haben das Pech, mit unserem Leben im Zeitgeist des schrumpfenden Feuilletons gelandet zu sein. Kulturredaktionen wandeln sich zu Abteilungen für Gesellschaft und People, die Printmedien versuchen die wegerodierenden Werbeeinnahmen und Abonnenten mit verdünnter Berichterstattung, pointierten Gastkommentaren, Lokalkolorit und Onlineangebote wett zu machen. Ergo: Schluss mit ausufernden Rezensionen über Bücher, Kunst und Theater, hin zu Tipps und Interviews. Und da, wo es sich noch halten kann, das gute alte Feuilleton, werden überwiegend Bücher aus großen Konzernverlagen besprochen. So ist es nun, lieber Freund der Literatur und des Kulturjournalismus’, wir texten in finsteren Zeiten bis wir uns alle in die passenden Nischen gekuschelt haben, so wie es die Vinyl-Schallplatten-Fans oder die Jazzfreunde mit ihrer CD-Sammlung uns vorgemacht haben.

Urs Heinz Aerni

 

Der passende Buchtipp:

„Feuilleton – Schreiben an der Schnittstelle zwischen Journalismus und Literatur“ von Hildegard Kernmayer und Simone Jung, Transcript Verlag, 978-3-8376-3722-9

 

Kippende Stimmung im stehenden Zug

Nichts geht mehr. Rucksack, Zeitungen und Handys liegen am Boden. Das Licht flackert, der Zug steht still. Mit einem „Hoppla!“ bücke ich mich nach den Sachen im vordersten Waggon der Gotthard-Matterhorn-Bahn, oberhalb von Sedrun. Stille, etwas Ächzen in den blechigen Wänden. Ich ziehe die Fensterscheiben runter und blicke nach vorne,  zur Lok. Sie steckt im Schnee, der sich genau bei der Ausfahrt einer tunnelartigen Galerie breit machte. Eine junge Frau betritt das Abteil: „Hier brennt wenigstens noch Licht, bei uns ist es duster.“ Sie zieht aus ihrem Rucksack zwei Bücher, „hier kann ich wenigstens lesen, bis wir wieder draußen sind“. Die Bücher tragen die Titel: „Das kleine Buch der Ruhe und Gelassenheit“ und „Das Leben ist zu kurz für später“. Dann stolpern drei Männer in voller Ski-Montur ins Abteil, die den Zug irgendwie verlassen wollen, was aber nicht geht. Wir alle kommen ins Gespräch. Die Frau ist Marketingexpertin bei einem Großverteiler, die drei Männer lernten sich über ein Online-Portal für Bergferien kennen, zwei aus Frankfurt, einer aus Basel. Und während ein sehr kümmernder Kondukteur uns allen einen Getränke-Gutschein fürs Bahnhofbuffet verteilt, zeigt sich eine Niederländische Familie großzügig mit leckeren Keksen.

Drei Stunden stecken wir hier fest und die Stimmung wird immer besser. Irgendwann werden wir rückwärts nach Sedrun zurückgezogen und steigen in eine Bar auf Gleisen ein, in der wir die Gutscheine einlösen, bei einem unglaublich witzigen Barkeeper, der so richtig Ballermann-Schlager aus den Lautsprecherboxen scheppern lässt. Nicht oft herrscht in der Bahn solch lebensfröhliche Stimmung, in der über das Leben und den Sinn desselben geplaudert wird. So geschehen am 22. Februar 2019.

Liebe Bahn, falls wieder mal irgendwo vor einem Tunnel Schnee liegen sollte, so ruft mich an, damit ich wieder einsteigen kann.

Urs Heinz Aerni

 

Die passenden Buchtipps, von der Dame aus dem Zug im Schnee lauten: „Das kleine Buch der Ruhe und Gelassenheit“ und „Das Leben ist zu kurz für später“ beide von Ashley Davis Bush (Heyne und MVG)

Dieser Beitrag erschien auch in der Zeitung Bündner Woche

Vorsicht beim Telefonieren

 

 

Entlassungen, Liebeserklärungen, Qualifikationsgespräche, Rechtsverfahren, intime Gesundheitsprobleme ja Betreibungen waren schon Themen, die ich im Zug oder Bus live bei mir völlig fremden Menschen miterleben durfte. Es wird dergestalt laut telefoniert in der Öffentlichkeit, dass es für jeden Detektiv nur so eine Freude sein dürfte. Ist Ihnen auch aufgefallen, dass die Stimme an einem Telefon in der Regel deutlicher zu vernehmen ist als das Plaudern zweier physisch anwesenden Mitreisenden?

Einmal saß ich im Tram und zu meiner Linken neben mir, telefonierte eine junge und blonde Frau (das mit dem blond ist echt Zufall). Mit ihrem Freund. Es scheint gerade nicht so gut zu laufen mit den beiden. Sie redete laut und über alles. Es wurde immer stiller um uns herum, alle hörten mit, im Tram, als hätten sie alle ausgefahrene Antennen auf dem Kopf, voll auf Empfang. Die Frau vergaß sich und die Umwelt und redete intensiv auf ihre krisengeschüttelte Liebe am anderen Ende ein. Langsam allerdings begann es echt zu nerven, bis bei mir der Geduldsfaden riss und ich handeln musste. Ich rutschte etwas näher zu ihrem Handy hin und sagte mit tiefer Stimme: „Liebling, komm zurück ins Bett.“ Alle schwiegen, die Frau auch, sie schaute mich kurz an und sagte: „Sorry Schatz, aber nein, ich kenne den nicht, wirklich! Ich bin im Tram…“ Ein Grinsen ging durch die Reihe der Fahrgäste und zum Glück musste ich an der nächsten Haltestelle aussteigen, bevor sie zu ende telefonierte. Ob sie mit ihrem Freund heute noch zusammen ist?

Auf jeden Fall meine Damen und Herren, nehmen Sie sich in Acht, wenn sie in meiner Anwesenheit irgendwo über Dinge telefonieren, die mich nichts angehen.

Urs Heinz Aerni

 

Der passende Buchtipp: „Telefonieren – Professionelle Gesprächstechniken“ von Holger Backwinkel und Peter Sturtz, Verlag Haufe Lexware, ISBN 978-3-648-12226-6

Fasnacht? Also echt jetzt!

«Schreiben Sie doch was über Fasnacht» Ganz ehrlich jetzt? Ist echt nicht so mein Ding. Obwohl als ein der Fröhlichkeit zugeneigter Zeitgenosse, fliehe ich vor Konfettischlacht, Guggemusik und herumtanzende Maskierte. Auch wenn ich als kleiner Bub in Cowboy-Montur im Dorf mein Unwesen trieb und später in verrauchten Restaurants das Gelächter und Halligalli noch lustig fand, entschwand im Laufe der Jahre mein Interesse, diesem Treiben einen Sinn oder eine Art Kultur abzugewinnen. Als Ladenbesitzer musste ich damals in Basel vor dem Morgestraich alle Lämpchen ausmachen und das Schaufenster lichtmäßig so abdichten, dass ja nichts die Gasse zu erhellen vermag. Sonst musste mit einer Buße gerechnet werden. Ok, die Schnitzelbänke brillieren teilweise mit ihrem politisch-karikierendem Witz aber Hand auf’s Herz: Was soll das Lärmen und Krachen mit all der Wein- und Bierschwemme? Eine Art Ventil, ein Gegenmittel zur Alltags-Vernünftigkeit? Bekanntlich stammen Karneval, Fasching oder Fasnacht von den uralten Bräuchen rund um die Wintervertreibung respektive deren bösen Geister ab, aus denen dann die Kirche es in sogenannte christliche Symbolik umwandelte und noch das Fasten herausstrich, wohl analog zur Beichte, die alles wieder ins Lot brachte, nachdem die Sau rausgelassen wurde.

Ich habe ja auch Mühe, mit der überregulierten und leistungsorientierten Gesellschaft, die nur noch auf Karriere und Rentabilität pocht. Vielleicht hilft die Fasnacht, aus diesem Hamsterrad auszubrechen, aber nach Aschermittwoch steigen ja alle wieder in dasselbige hinein. Kann es sein, dass während der Pause zwischen zwei Fasnachten man guttäte, mehr zu leben, zu genießen und weniger alles tierisch ernst zu nehmen? «Schmutziger Donnerstag» hieß der Schweizer Tatort 2013, der mitten in der Luzerner Fasnacht spielt. Es habe damals Streit gegeben über den Ruf der Stadt und ihrem urtypischen Fest, unter etwas chaotischen Umständen musste gedreht werden aber, genau diese Folge soll zu den besten Luzerner Tatorts gehört haben, der ja massiv unter Kritik stand. Okay, wenn die Fasnacht den Ruf einer Schweizer Krimiserie zu retten vermag, dann ist das auch nicht schlecht. Aber trotzdem, diese Fasnacht … ist echt nicht mein Ding.

Urs Heinz Aerni

Der passende Buchtipp: «Der Karneval der Tiere» nach Camille Saint-Saëns von Roger Willemsen und Volker Kriegel (Illustrationen), S. Fischer, ISBN 978-3-596-19717-0

Dieser Beitrag erschien auch in den Magazinen Berglink.de und Bündner Woche.

Vom Zwang, schönen Sätzen hinterherzujagen

Auf Anfrage der Verkehrsvertriebe Glattal AG (VBG) in Zürich sollte ich eine Geschichte schreiben, die sich der Ortschaft Dällikon widmet. Ich fuhr hin, sah mir das Dorf an und schickte dann diesen Text, der nun in dem Buch „Unterwegs – 25 Gute-Fahrt-Geschichten“ erschienen ist.

 

Vom Zwang, schönen Sätzen hinterherzujagen

Arthur hat ein Problem, ein massives. Er liebt schöne Sätze. Er liebt sie so sehr, dass von einer Sucht gesprochen werden muss. Arthur leidet unter dem Zwang, schönen Sätze hinterherzujagen und sie zu sammeln. Arthur leidet unter der Schön-Sätze-Sucht. Um stressfreie Phasen zu haben, saß er in seiner kleinen Wohnung, trank Tee und lauschte dem Straßenlärm wohl wissend, wie viele interessante Sätze da draußen gesagt werden.

Ein Freund riet ihm, sich mehr zu bewegen, irgendwo, wo es nicht von schönen Sätzen wimmelt. Er riet ihm, einen Ort aufzusuchen, von dem gesagt wird, dass er zwar bewohnt ist aber nirgends schöne Sätze zu finden seien. Da könne er mal in einem Dorf sein unter Passanten, aber bar jeglicher Gefahr rückfällig zu werden. Auf seine Frage, wo das denn sei, hieß es: «Dän … warte, nein Dällikon ist’s. Genau, Dällikon. Da kommst Du prima mit der ÖV hin.»

Der Bus 491 hält, entfaltet die Tür, Arthur steigt aus. Nun steht er mitten in diesem Dällikon, bereits etwas irritiert, da er mit dem Bus zweimal an der Gemeindebibliothek Regensdorf vorbeifahren musste. Wollte der Bus ihn vielleicht provozieren und fuhr extra zweimal da vorbei? Zum Glück war die Bibliothek zu.

Sei`s drum. Er sieht sich um. «Casa da Nico», eine Pizzeria. Ohne nach einer Zeitung zu verlangen, bestellt er eine Pizza Calzone. Erste Entzugserscheinungen stellen sich ein. Nichts zu lesen, geht irgendwie nicht, er steht auf, sieht sich um; keine Zeitungen, nichts. Glück gehabt, bis er auf einem Tisch ein Heft liegen sieht. Nach Blicken links und rechts, schnappt er sich dieses und setzt sich wieder, gierig aufblätternd. Er kannte das Heft nicht: «BEST OF KANTON ZÜRICH». Na ja, man liest halt, was in die Hände fällt. «Zürichs Offenheit und Vielfalt machen unsere Stadt einzigartig» schreibt die Stadtpräsidentin im Vorwort. Arthur stellt erleichtert fest, dass ein solcher Satz seine Sucht mitnichten aktiviert und blättert weiter. Er hält inne: «Mein Aktionsfeld bedingt ein laufendes Gagen-Verhältnis zu vielen Leuten.» Arthurs linke Braue beginnt zu zucken, was meint dieser Beat Schlatter damit? Irgendwie unorthodox formuliert. Denkt der nur ans Geld oder was …? Arthur muss sich beherrschen und stellt fest, dass er nicht mehr stöbert, sondern sucht, nach guten Sätzen. Die Pizza lenkt ihn ab.

Arthur geht durchs Dorf. Einfamilienhäuser mit Vorgärten, bewacht von kleinen fahrenden Geräten, die von Geisterhand über den sonnenverbrannten Rasen ruckeln. Arthur wird nervös, vor einem alten Haus bleibt er stehen und sieht hoch: «Sys Huus ist myn und doch nyt myn. Der nach mir komet dem wird’s auch nyt syn. Ach Gott! Wer wird der Letzte syn» Das kann doch nicht wahr sein! Dällikon wird dem Schön-Satzsüchtigen Arthur zum Verhängnis. Jetzt beginnt er zu rennen, auf der Flucht vor seiner Sucht, wieder bleibt er stehen: «Für die nachfolgenden Gräber ist die gesetzliche Ruhezeit von 20 Jahren abgelaufen. Die Ruhestätten werden im September aufgehoben.» Arthur entsinnt sich nicht, so etwas schon mal in einem Buch gelesen zu haben.

Weiter Arthur, lass Dich nicht reinziehen. Ein Plakat beim Gemeindehaus mit dem Titel «Sauhund? Sauerei!» übersieht er, doch schon fällt er in die nächste Satzfalle: «Wer die verlangte Mindestleistung das erste Mal und auch in der ersten bzw. zweiten Wiederholung nicht erreicht, gilt als verblieben und wird in einen Verbliebenenkurs aufgeboten.» Arthur schwankt, was für ein Satz, was für ein Wort! «Verbliebenenkurs». Schweißperlen auf den Unterarmen, die Brillengläser schlagen an. Ist Dällikon der falsche Ort für Schön-Sätze-Süchtige?

«Vom 1. Januar an können alle eintragungsbedürftigen aber nicht eingetragenen dinglichen Rechte gegenüber gutgläubigen Dritten nicht mehr geltend gemacht werden und verlieren, sofern sie nicht binnen zwei Jahren von dem gennannten Zeitpunkt an zur Eintragung gelangen, ihre Wirkung, auch unter den Parteien.» Was für ein schönes Konstrukt, hier, wo er doch vor solchen Zeilen floh! Arthur stolpert, weg von diesen Sätzen. Er fiebert durchs Dorf, seine Sinne gieren nach Sätzen. Jetzt steht Arthur vor einem Schaufenster: «Mediothek». Das wurde ihm verheimlicht, Dällikon hat eine Bibliothek, voll von Büchern mit schönen Sätzen! In der Auslage verheißen Schülerarbeiten Lese-Kicks; «Kleinkaliber-schießen» von einem Simon, 6. Klasse oder hier «Sun Diego / Spongebozz Gunshot», was für herrliche Wörter! Arthur klebt am Glas. «Ich muss da rein! All die Sätze, sie warten auf mich…»

Wie Arthur es schaffte, in die Mediothek zu gelangen, ist bis zur Drucklegung dieses Textes nicht bekannt. Trotz intensiver Suche durch seine Therapeutin und den Behörden, bleibt Arthur nicht auffindbar. Der gut gemeinte Ratschlag für einen Süchtigen nach schönen Sätzen, sich in Dällikon davon zu erholen, ist offensichtlich falsch. Falls Sie, liebe Leserin, lieber Leser, mit einem Patienten ähnlicher Symptome zu tun haben sollten, so schicken Sie ihn vielleicht nach Dänikon aber sicher nicht nach Dällikon.

Urs Heinz Aerni

 

Auch hier wurde dieser Beitrag publiziert…

Mit einer Illustration von Ruedi Widmer