Recherche auf Schienen

Diese Kolumne ist Journalistinnen und Journalisten gewidmet, die vor dem Computer mit einem Schreib- oder Recherchestau sitzen, nicht weiterkommen als am Bleistift kauend aus dem Fenster sehen.

Vor kurzem fuhr ich mit dem Zug nach Klagenfurt und Chur. «Wenn schon denn schon» sagte ich mir und buchte 1. Klasse in Vorfreude auf gemütlich ruhige Fahrten. Das mit der ersten Klasse hat geklappt aber mit dem Rest nicht. Den Laptop ließ ich allerdings offen, denn es gab viel zu Schreiben.

«Sie ist fachlich sehr gut aber menschlich zeigt sie Defizite. Nein, eine Lohnerhöhung kann ich nicht unterschreiben, im Gegenteil, vielleicht täte es ihr gut, eine neue Herausforderung zu suchen.»

«Ja, es ist ein Ärztepaar aus Norddeutschland und sie würden sich freuen, in unserer neuen Klinik in  […] zu arbeiten, nur wie finden wir eine Wohnung für sie? Sie wären bereit, eine Miete zu bezahlen aber nur höchstens bis…»

«Die Finanzierung ist noch nicht gesichert, da unser Partner in Spanien zur Fusion noch kein grünes Licht gab.»

«Du, wie der Chef mit mir spricht ist eine Frechheit. Das kann ich nicht akzeptieren und werde da oben mal mächtig den Tarif durchgeben.»

«… aber der Arzt hat mir doch das Rezepte verschrieben und es wäre furchtbar nett von Ihnen, wenn ich Morgen Vormittag zur Apotheke dürfte. Wissen Sie, der Krankheitsverlauf war etwas kompliziert, denn…»

Richtig, der Daten- und Persönlichkeitsschutz samt der Vertraulichkeitsverpflichtung werden laut und deutlich in der Eisenbahn aufgehoben. Vor allem in der ersten Klasse, in der sichtlich gestresste Berufsleute nicht anders können, als während der Fahrt das ganze menschliche und betriebsinterne Innenleben nach außen zu stülpen.

Ich erfuhr von Entlassungen, Budgetkürzungen, Baupläne, Verhandlungen mit Behörden und Managern, intimste Sehnsüchte, kriegsähnliche Zustände im Betriebsklima und in einem Fall sogar könnte man von krimineller Energie reden. Auffallend ist, dass deutlich mehr Männer dergestalt wichtigtuend telefonieren und somit ihre soziale Inkompetenz öffentlich bekannt machen.

Also ein Fundus für Medienschaffende und lasst Euch von der Redaktion das Zugs-Ticket bezahlen, läuft unter «Recherche-Aufwand». In einigen Fällen wäre es vielleicht sogar sinnvoller, gleich die Polizei ins Abteil zu setzen.

Nun liebe Kolleginnen und Kollegen, weiterhin frohes Schaffen.

Urs Heinz Aerni

Buchtipp: „Professionell telefonieren“ Die Kolumne erscheint auch in der Zeitung Bündner Woche

Veröffentlicht von

Urs Heinz Aerni

Urs Heinz Aerni wirkt als freischaffender Journalist BR ZPV, Kommunikationsberater, Kulturvermittler und Vogelbeobachter. Weitere Informationen: www.ursheinzaerni.com

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