«Bauchkraulzentrale»?

In der Aargauer Zeitung äußerte sich die Kollegin Anne-Sophie Scholl sehr pointiert über das Kerngeschäft des Journalismus’ unter dem Druck von Schriftstellern (bewusst hier auf die feminine Variante verzichtend), die eine nachhaltige Rezension ihres Buches erwarten oder mindestens eine Mitteilung, wenn ihr Buch auf einer Bestenliste gelandet ist. Ein hierzulande sehr bekannter Schriftsteller hätte sich mit einem Interview schwergetan, da er der Ansicht sei, dass eine Besprechung dem Verkauf seines Buches mehr diente. Und ein anderer Schriftsteller soll sich über die Auswahl des Bildes in der Zeitung geärgert haben und zudem hätte die falsche Person sein Buch besprochen und sie sei trotz Einladung, nie bei einer seiner Lesungen erschienen. Die Kollegin gab dann folgendes zu verstehen: «Wir Journalisten schreiben für unsere Leserinnen und Leser. Wir sind nicht das PR-Büro der Autoren, die Bauchkraulzentrale auch nicht.»

Liebe Zunft der Schriftstellerei, fürwahr, wir alle haben das Pech, mit unserem Leben im Zeitgeist des schrumpfenden Feuilletons gelandet zu sein. Kulturredaktionen wandeln sich zu Abteilungen für Gesellschaft und People, die Printmedien versuchen die wegerodierenden Werbeeinnahmen und Abonnenten mit verdünnter Berichterstattung, pointierten Gastkommentaren, Lokalkolorit und Onlineangebote wett zu machen. Ergo: Schluss mit ausufernden Rezensionen über Bücher, Kunst und Theater, hin zu Tipps und Interviews. Und da, wo es sich noch halten kann, das gute alte Feuilleton, werden überwiegend Bücher aus großen Konzernverlagen besprochen. So ist es nun, lieber Freund der Literatur und des Kulturjournalismus’, wir texten in finsteren Zeiten bis wir uns alle in die passenden Nischen gekuschelt haben, so wie es die Vinyl-Schallplatten-Fans oder die Jazzfreunde mit ihrer CD-Sammlung uns vorgemacht haben.

Urs Heinz Aerni

 

Der passende Buchtipp:

„Feuilleton – Schreiben an der Schnittstelle zwischen Journalismus und Literatur“ von Hildegard Kernmayer und Simone Jung, Transcript Verlag, 978-3-8376-3722-9

 

Kippende Stimmung im stehenden Zug

Nichts geht mehr. Rucksack, Zeitungen und Handys liegen am Boden. Das Licht flackert, der Zug steht still. Mit einem „Hoppla!“ bücke ich mich nach den Sachen im vordersten Waggon der Gotthard-Matterhorn-Bahn, oberhalb von Sedrun. Stille, etwas Ächzen in den blechigen Wänden. Ich ziehe die Fensterscheiben runter und blicke nach vorne,  zur Lok. Sie steckt im Schnee, der sich genau bei der Ausfahrt einer tunnelartigen Galerie breit machte. Eine junge Frau betritt das Abteil: „Hier brennt wenigstens noch Licht, bei uns ist es duster.“ Sie zieht aus ihrem Rucksack zwei Bücher, „hier kann ich wenigstens lesen, bis wir wieder draußen sind“. Die Bücher tragen die Titel: „Das kleine Buch der Ruhe und Gelassenheit“ und „Das Leben ist zu kurz für später“. Dann stolpern drei Männer in voller Ski-Montur ins Abteil, die den Zug irgendwie verlassen wollen, was aber nicht geht. Wir alle kommen ins Gespräch. Die Frau ist Marketingexpertin bei einem Großverteiler, die drei Männer lernten sich über ein Online-Portal für Bergferien kennen, zwei aus Frankfurt, einer aus Basel. Und während ein sehr kümmernder Kondukteur uns allen einen Getränke-Gutschein fürs Bahnhofbuffet verteilt, zeigt sich eine Niederländische Familie großzügig mit leckeren Keksen.

Drei Stunden stecken wir hier fest und die Stimmung wird immer besser. Irgendwann werden wir rückwärts nach Sedrun zurückgezogen und steigen in eine Bar auf Gleisen ein, in der wir die Gutscheine einlösen, bei einem unglaublich witzigen Barkeeper, der so richtig Ballermann-Schlager aus den Lautsprecherboxen scheppern lässt. Nicht oft herrscht in der Bahn solch lebensfröhliche Stimmung, in der über das Leben und den Sinn desselben geplaudert wird. So geschehen am 22. Februar 2019.

Liebe Bahn, falls wieder mal irgendwo vor einem Tunnel Schnee liegen sollte, so ruft mich an, damit ich wieder einsteigen kann.

Urs Heinz Aerni

 

Die passenden Buchtipps, von der Dame aus dem Zug im Schnee lauten: „Das kleine Buch der Ruhe und Gelassenheit“ und „Das Leben ist zu kurz für später“ beide von Ashley Davis Bush (Heyne und MVG)

Dieser Beitrag erschien auch in der Zeitung Bündner Woche

Vorsicht beim Telefonieren

 

 

Entlassungen, Liebeserklärungen, Qualifikationsgespräche, Rechtsverfahren, intime Gesundheitsprobleme ja Betreibungen waren schon Themen, die ich im Zug oder Bus live bei mir völlig fremden Menschen miterleben durfte. Es wird dergestalt laut telefoniert in der Öffentlichkeit, dass es für jeden Detektiv nur so eine Freude sein dürfte. Ist Ihnen auch aufgefallen, dass die Stimme an einem Telefon in der Regel deutlicher zu vernehmen ist als das Plaudern zweier physisch anwesenden Mitreisenden?

Einmal saß ich im Tram und zu meiner Linken neben mir, telefonierte eine junge und blonde Frau (das mit dem blond ist echt Zufall). Mit ihrem Freund. Es scheint gerade nicht so gut zu laufen mit den beiden. Sie redete laut und über alles. Es wurde immer stiller um uns herum, alle hörten mit, im Tram, als hätten sie alle ausgefahrene Antennen auf dem Kopf, voll auf Empfang. Die Frau vergaß sich und die Umwelt und redete intensiv auf ihre krisengeschüttelte Liebe am anderen Ende ein. Langsam allerdings begann es echt zu nerven, bis bei mir der Geduldsfaden riss und ich handeln musste. Ich rutschte etwas näher zu ihrem Handy hin und sagte mit tiefer Stimme: „Liebling, komm zurück ins Bett.“ Alle schwiegen, die Frau auch, sie schaute mich kurz an und sagte: „Sorry Schatz, aber nein, ich kenne den nicht, wirklich! Ich bin im Tram…“ Ein Grinsen ging durch die Reihe der Fahrgäste und zum Glück musste ich an der nächsten Haltestelle aussteigen, bevor sie zu ende telefonierte. Ob sie mit ihrem Freund heute noch zusammen ist?

Auf jeden Fall meine Damen und Herren, nehmen Sie sich in Acht, wenn sie in meiner Anwesenheit irgendwo über Dinge telefonieren, die mich nichts angehen.

Urs Heinz Aerni

 

Der passende Buchtipp: „Telefonieren – Professionelle Gesprächstechniken“ von Holger Backwinkel und Peter Sturtz, Verlag Haufe Lexware, ISBN 978-3-648-12226-6

Fasnacht? Also echt jetzt!

«Schreiben Sie doch was über Fasnacht» Ganz ehrlich jetzt? Ist echt nicht so mein Ding. Obwohl als ein der Fröhlichkeit zugeneigter Zeitgenosse, fliehe ich vor Konfettischlacht, Guggemusik und herumtanzende Maskierte. Auch wenn ich als kleiner Bub in Cowboy-Montur im Dorf mein Unwesen trieb und später in verrauchten Restaurants das Gelächter und Halligalli noch lustig fand, entschwand im Laufe der Jahre mein Interesse, diesem Treiben einen Sinn oder eine Art Kultur abzugewinnen. Als Ladenbesitzer musste ich damals in Basel vor dem Morgestraich alle Lämpchen ausmachen und das Schaufenster lichtmäßig so abdichten, dass ja nichts die Gasse zu erhellen vermag. Sonst musste mit einer Buße gerechnet werden. Ok, die Schnitzelbänke brillieren teilweise mit ihrem politisch-karikierendem Witz aber Hand auf’s Herz: Was soll das Lärmen und Krachen mit all der Wein- und Bierschwemme? Eine Art Ventil, ein Gegenmittel zur Alltags-Vernünftigkeit? Bekanntlich stammen Karneval, Fasching oder Fasnacht von den uralten Bräuchen rund um die Wintervertreibung respektive deren bösen Geister ab, aus denen dann die Kirche es in sogenannte christliche Symbolik umwandelte und noch das Fasten herausstrich, wohl analog zur Beichte, die alles wieder ins Lot brachte, nachdem die Sau rausgelassen wurde.

Ich habe ja auch Mühe, mit der überregulierten und leistungsorientierten Gesellschaft, die nur noch auf Karriere und Rentabilität pocht. Vielleicht hilft die Fasnacht, aus diesem Hamsterrad auszubrechen, aber nach Aschermittwoch steigen ja alle wieder in dasselbige hinein. Kann es sein, dass während der Pause zwischen zwei Fasnachten man guttäte, mehr zu leben, zu genießen und weniger alles tierisch ernst zu nehmen? «Schmutziger Donnerstag» hieß der Schweizer Tatort 2013, der mitten in der Luzerner Fasnacht spielt. Es habe damals Streit gegeben über den Ruf der Stadt und ihrem urtypischen Fest, unter etwas chaotischen Umständen musste gedreht werden aber, genau diese Folge soll zu den besten Luzerner Tatorts gehört haben, der ja massiv unter Kritik stand. Okay, wenn die Fasnacht den Ruf einer Schweizer Krimiserie zu retten vermag, dann ist das auch nicht schlecht. Aber trotzdem, diese Fasnacht … ist echt nicht mein Ding.

Urs Heinz Aerni

Der passende Buchtipp: «Der Karneval der Tiere» nach Camille Saint-Saëns von Roger Willemsen und Volker Kriegel (Illustrationen), S. Fischer, ISBN 978-3-596-19717-0

Dieser Beitrag erschien auch in den Magazinen Berglink.de und Bündner Woche.