Es war wohl doch eine Rohrammer

Auf Einladung des Natur- und Vogelschutzvereins Höngg gingen wir im Nuoler Ried (Kanton Schwyz) auf die Pirsch.

Der Bahnhof Lachen SZ machte mit seiner kostenpflichten Toilette gleich etwas Umsatz, als rund 20 Vogelfreunde die S-Bahn aus Zürich verließen. In guter Laune ging es dann schnurstracks durch den mit seinen rund 8600 Einwohner zählenden Hauptortes des Schwyzer Bezirks March, hin zu den weiten Feldern, gesäumt vom Auenwäldchen, Seeanstoß und Bächen.

Alle waren sich bewusst, dass Mitte September vogeltechnisch es sich etwas ruhiger angehen ließ als im Frühling, doch wie sagte ein Teilnehmer: «Wer den Sperling nicht ehrt, ist des Bartgeiers nicht wert». Mit der Wertschätzung jeder Vogelart gegenüber wurde die Gruppe doch erfreulich überrascht. Zuerst zuckten mal alle ihr Fernglas und Spektiv und zoomten an weidenden Kühen und acht Graureihern vorbei auf ein Feld, auf dem rund 150 Große Brachvögel genauso weideten, wie die Milchlieferanten nebenan. Zusammen mit etwa 20 Staren. Ihre für Limikolen typischen Rufe ließen die Vogelkundlergemeinde sich an der Nordsee wähnen.

Sportflieger und ein alpiner Überraschungsgast

Kaum empfahl Rossano vom Leitungsteam, dass man bei neuen Sichtungen rufen soll, wendeten sich alle auf Empfehlung um und bestaunten durch die Linsen Teichhuhn-Familien, Zwergtaucher Löffelenten und Schnatterenten nebst den altbekannten Tauchern und den nicht mehr so schicken Stockenten.

Der Betrieb des kleinen Sportflugplatzes und fahrradfahrende Wochenendsportler schienen die Rabenkrähen mitnichten nervös zu machen aber nicht nur diese. Die Gruppe blieb stehen, weil ein Vordermann lange ins Spektiv blickte und empfahl: «Schaut mal da vorne, in der Wiese vor der Silberweide!» In der Tat, eine Familie Bachstelzen mit Teenies neben einer Schafstelze boten ein nettes Bild, doch er meinte den einsamen, nach Insekten rennenden Steinschmätzer.

Es war eine gute Entscheidung des Leitungsteam vom NV Höngg, diese Exkursion trotz Sturmwarnung von Meteo Suisse nicht zu canceln. Das Septemberlicht, der warme Wind genossen sichtlich alle, so auch direkt vorne am Zürichsee, der meerähnlich vor sich hinbrandete.

Diskustieren und Bestimmen

Was solche Exkursionen auszeichnen, ist der Austausch, ja gar die Debatte, die es vor allem bei zwei Sichtungen gab. Die eine betraf die Frage ob es eine Sumpf- oder Weidenmeise war, die andere über eine mögliche Gold- oder Rohrammer. Es obsiegten die Sumpfmeise und der Rohrammer, gerne immer noch als Rohrspatz im Volksmund genannt aber niemand wusste spontan, woher die Redewendung «Schimpfen wie ein Rohrspatz» kommt.

Recherchen des Verfassers ergab die Erklärung, dass das «oft sehr ausdauernde Singen» in früheren Zeiten oft zu hören war und mit dem Schimpfen über Gott und die Welt am Stammtisch verglichen wurde. Aber eben, damals gab es ihn noch überall, den Rohrammer.

Welche Vögel sonst noch entdeckt wurden, kann auf ornitho.ch gut nachgelesen werden. Eines machte es wieder deutlich: ein in der Natur verbrachter Tag ist ein guter Tag, erst recht, mit Menschen zusammen, die es noch verstehen, diese immer fragiler werdende Umwelt zu bewundern.

Mit Dank an das Exkursions-Team Esther Juzi und Rossano Stefanelli vom Natur- und Vogelschutzverein Höngg

24. September 2018: Urs Heinz Aerni Zürich (Text), Rossano Stefanelli (Fotos)

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Sprachsalz 2018 in Hall in Tirol

Am kommenden Wochenende bespielen die Internationalen Literaturtage Sprachsalz einmal mehr die Säle, Bühnen und Terrassen des Parkhotel Hall und des Medienturm Ablinger.Garber: Freuen kann man sich u. a. auf Mark Z. Danielewski, Gert Loschütz, Yannick Haenel, Antonia Baum, Que Du Luu, Serhij Zhadan und David Schalko. Der Eintritt ist frei.

TERMINE

Parkhotel-Autoren-Empfang:
DO, 13. September 2018, ab 19.00 Uhr
(Eröffnung, Presse herzlich willkommen!)

Beginnzeiten:
FR, 14. September, ab 13.00 Uhr
SA, 15. September, ab 11.00 Uhr
SO, 16. September, ab 11.00 Uhr

Großer Sprachsalzabend mit David Schalko, Mark Z. Danielewski u. a.:
SA, 15. September, Einlass 18.00 Uhr, Essen 19.00 Uhr, Programmbeginn 20.30 Uhr
Reservierungen erforderlich, Details hier

Das gesamte Programm finden Sie hier

AUTORINNEN und AUTOREN 2018
Thomas Antonic (Österreich), musikalisch begleitet von Michael Fischer
Antonia Baum (Deutschland)
Zora del Buono (Schweiz) Mark Z. Danielewski (USA)
Meret Gut (Schweiz)
Yannick Haenel (Frankreich)
Gert Loschütz (Deutschland)
Que Du Luu (Deutschland)
Jürgen & Thomas Roth (Deutschland)
Robert Rotifer (Österreich/England)
Jaroslav Rudiš (Tschechien)
David Schalko (Österreich)
Bernd Schuchter (Österreich)
Andrzej Stasiuk (Polen)
Serhij Zhadan (Ukraine)

Details zu allen AutorInnen hier

SPRACHSALZ 2018

Alle Autoren und das Detailprogramm sind unter www.sprachsalz.com.
Bildmaterial sowie alle Presseunterlagen finden Sie als Download hier

Für Ihr Interesse und Ihre Unterstützung bedanken sich die Sprachsalz-OrganisatorInnen:
Valerie Besl, Magdalena Kauz, Max Hafele, Heinz D. Heisl, Elias Schneitter, Urs Heinz Aerni, Ulrike Wörner

 

Experimentell und mehrdimensional, hochaktuell und politisch ­– das Spektrum der vorgestellten Texte und Bücher bei den 16. Literaturtagen Sprachsalz (14.–16. September) präsentiert sich literarisch wie inhaltlich welthaltig: Mark Z. Danielewski führt durch kunstvolle Text- und Wahrnehmungsspiralen, Gert Loschütz, Yannick Haenel und Antonia Baum berichten aus der Mitte unserer Gesellschaft und Que Du Luu, Serhij Zhadan und David Schalko erzählen von den Folgen von Krieg und Gewalt. Alle Veranstaltungen sind bei freiem Eintritt zu besuchen.

 

„Das Begreifen der Welt durch Geschichten, aber auch durch die Sprache, die sie ausmacht, ist seit jeher zentrales Anliegen der Texte, die bei Sprachsalz eine Bühne bekommen“, so Magdalena Kauz, die gemeinsam mit Urs Heinz Aerni, Heinz D. Heisl, Elias Schneitter und Ulrike Wörner das Programm verantwortet. Der US-amerikanische Autor Mark Z. Danielewski ist einer der AutorInnen, die beides vereinen: Schon in seinem gefeierten Prosadebüt „Das Haus – House of Leaves“ schickt er seine Leserschaft durch typografische Labyrinthe und Textspiralen und treibt seine Geschichten mit Ironie und Wortspielen lustvoll und unerbittlich voran.

 

GESELLSCHAFT UND POLITIK

Der Verleger und Schriftsteller Bernd Schuchter eröffnet das Festival mit der traditionelle Lesung durch einen Tiroler Autor: In „Herr Maschine oder vom wunderlichen Leben und Sterben des Julien Offray de La Mettrie“ porträtiert Schuchter den französischen Arzt und Philosophen, der das Konzept des Menschen als Maschine vorformuliert hat und damit nicht nur die konservativen Kräfte im Europa des 18. Jahrhunderts gegen sich aufbrachte.

Kann Literatur die Welt verändern? Der französische Schriftsteller Yannick Haenel erzählt Geschichten aus der Mitte unserer Gesellschaft: In seinem gesellschaftstheoretischen Roman „Die bleichen Füchse“ über die Festung Europa begleitet er seinen Helden bei dessen Kampf für humane Werte und untersucht das entpolitisierte Frankreich von heute auf rebellische Unterströmungen.

Ausgangspunkt von Gert Loschütz‘ Roman „Ein schönes Paar“ – mit dem er soeben für den Deutschen Buchpreis nominiert wurde – ist die politische Teilung Deutschlands und die daraus resultierenden privaten Folgen: Der Tod der Eltern und die anschließende Spurensuche führen den Ich-Erzähler in die eigene Kindheit zwischen Ost und West und zu den Geheimnissen einer Liebes- und Ehegeschichte.

Auch die deutsche Journalistin und Autorin Antonia Baum widmet „Tony Sonprano stirbt nicht“ einer Eltern-Kinder-Beziehung: Ihr berührendes Buch über den Tod und das Schreiben erzählt von Kindern, die ständig um das Leben ihres risikoverliebten Vaters fürchten, und darüber wie es sich anfühlt, wenn aus Fiktion plötzlich Realität wird.

Das Dunkle und Undurchschaubare, die Geheimnisse der Menschen und der Orte, an denen sie leben: Das sind die großen Themen der Schweizer Autorin Zora del Buono. Im Roman „Hinter Büschen, an eine Hauswand gelehnt“ prägen die Ereignisse um Edward Snowden und den WikiLeaks-Skandal eine radikale Liebesgeschichte zwischen einer Dozentin und einem Studenten.

 

KRIEG UND DIE FOLGEN

Der ukrainische Schriftsteller Serhij Zhadan widmet sich den Folgen von Krieg und Gewalt: Seine Bücher spiegeln die aktuelle Situation in der Ostukraine, voll Absurdität, Anarchie und Chaos, unmittelbar und authentisch wider. Die Auseinandersetzung mit dem Krieg im Donbass findet nun mit seinem Roman „Internat“ ihren vorläufigen Höhepunkt, in dem Zhadan die vertraute Umgebung in ein unheimliches apokalyptisches Territorium verwandelt.

Die Texte des polnischen Schriftstellers Andrzej Stasiuk sind im Unterwegssein verankert: Er begibt sich an die östliche Peripherie, in die Grenzgebiete und zu den Übergängen, um in den Landschaften die Spuren der Geschichte zu finden. So auch in seinem aktuellen Werk „Der Osten“, einer Summe seines Reisens und Schreibens über Europa jenseits des Grauens einer kriegerischen Vergangenheit und Gegenwart.

Das tschechische Multitalent Jaroslav Rudiš schlüpft in seinem brillanten Monolog „Nationalstraße“ in den Kopf und den Körper eines Schlägers zur Zeit der samtenen Revolution in Prag. Rudiš hat sich als Romancier einen Namen gemacht, aber auch als Dramatiker, Verfasser der verfilmten Graphic-Novel-Trilogie „Alois Nebel“ und als Musiker, unter anderem mit der Kafka Band.

Von der Suche nach Glück und Identität handelt Que Du Luus „Im Jahr des Affen“: Als gebürtige Chinesin flüchtete Du Luu nach Ende des Vietnamkriegs wie Millionen andere Boatpeople über das Meer. Auch in ihrem klugen, unterhaltsamen und hochaktuellen Entwicklungsroman steht eine chinesische Einwandererfamilie zwischen Vergangenheit und Gegenwart, Tradition und neuer deutscher Heimat im Zentrum.

Regisseur und Schriftsteller David Schalko gelingt in seinem neuen Roman „Schwere Knochen“ ein faszinierender Einblick in das Innere von Menschen, deren Seele durch den Nationalsozialismus zerstört wurde: Inspiriert durch wahre Begebenheiten, erzählt mit viel schwarzem Humor und großer Empathie zeichnet Schalko ein Porträt der österreichischen Nachkriegsgesellschaft und ihre Unterweltszene zwischen furiosem Gangster- und atypischem Heimatroman.

 

TEXTE UND BILDER

Beeinflusst von US-amerikanischen Beatautoren bedient sich der österreichische Autor und Musiker Thomas Antonic in seinem zweisprachigen Buch „Flackernde Felsbilder übler Nachtvögel / Flickering Cave Paintings of Noxious Nightbirds“ der Assoziation: Mittels Montage- und cut-up-Techniken mischt er Zitate, Gesprächs- und Gedankensplitter zu einem furiosen wie rauschhaften Szenarium. Bei Sprachsalz wird er musikalisch von Michael Fischer begleitet.

Berauschend sind auch die Naturerlebnisse, die die Schweizer Molekularbiologin und Lyrikerin Meret Gut in ihrem Debüt zeichnet: Der Band „Einen Knochen tauschen wir“ versammelt Hymnen auf das starke, erschöpfende Leben, auf Nacktheit und Natur, aber auch auf Melancholie und Verflüchtigung.

AMUSE BOUCHE

Die Sprachsalz-Reihe „Amuse Bouche“ stellt auch in diesem Jahr Autoren vor, die auf verschiedenen Ebenen mit ihrem Werk präsent sind: Der in London lebende Schweizer Kulturjournalist Hanspeter „Düsi“ Künzler spricht mit dem österreichischen Musiker, Musikjournalisten und Radiomoderator Robert Rotifer darüber, was Songs von Singer-Songwritern mit Literatur zu tun haben. Rotifer, der seit 20 Jahren in England lebt, hat zuletzt das Album „Not Your Door“ veröffentlicht, in dem er unter anderem an seine Großmutter, die Widerstandskämpferin und Kommunistin Irma Schwager, erinnert.

Ein Spaziergang in Hall mit Vogelschau erwartet die BesucherInnen bei „Amuse Bouche – unter Vögeln“: Urs Heinz Aerni spricht mit dem Schriftsteller und Journalisten Jürgen Roth und dem Historiker Thomas Roth über ihre witzige Naturkunde „Kritik der Vögel“, in der die beiden eine Auswahl aus 11.000 Vogelarten präsentieren und mit Hilfe von Fallbeispielen bis heute unbeantwortete Fragen stellen.

 

SPRACHSALZ-CLUB

Einmal mehr wird im Rahmen von drei Sprachsalz-Clubs auch über das Schreiben gesprochen: „Wie ist das mit dem Schreiben in Tirol?“ fragt Boris Schön bei einer Lesung mit Gespräch den Schriftsteller und Verleger Bernd Schuchter. Moderiert von Alexander Kluy gibt Mark Z. Danielewski Einblicke in seine experimentellen und konzeptuellen Arbeitsprozesse. „Wie weit darf ich gehen? Und wann tut es weh?“ ist das Thema einer Diskussion über Autobiografie, Erinnern und Historie mit Sprachsalz-AutorInnen und Alexander Kluy.

 

SPRACHSALZ-GALA

Der Festabend am Sprachsalz-Samstag bietet Kulinarisches und Literarisches: Neben Lesungen – etwa von Mark Z. Danielewski oder David Schalko – gibt es ein Sprachsalz-Menü. Einlass 18.00 Uhr, ab 19.00 Uhr Vorspeise und Hauptgänge, Lesungen ab 20.30 Uhr, Dessertpause. Reservierung nur mit Menü möglich (VVK à 39 Euro/Person, ohne Getränke): online https://www.sprachsalz.com/reservationen/ oder unter reservation@sprachsalz.com bzw. T: 0043 676 5126635.

 

SPRACHSALZ-MINI

Auch in diesem Jahr bietet Sprachsalz-Mini mit einer Buchwerkstatt für Kinder Einblicke hinter die Kulissen und lädt zum Selbermachen ein. Währenddessen wird es kurze Leseeinheiten von Sprachsalz-Autorinnen und -Autoren mit Texten für Kinder geben. (Eintritt frei, für Kinder von 7–12 Jahren, Material wird zur Verfügung gestellt – Anmeldung empfohlen: https://www.sprachsalz.com/programm/sprachsalz-mini/

 

Sprachsalz-Audiofiles

Sprachsalz stellt bereits während dem Festival Audiofiles und vereinzelt auch Videos im Sprachsalz Audio-Archiv online zur Verfügung. Teile des Festivals können so nachgehört werden, auch dank der Unterstützung durch das Innsbrucker Zeitungsarchiv. https://www.sprachsalz.com/audios/

 

„Wir sind das Original“

Hotelier und Präsident des schweizerischen Hotelverbands, Andreas Züllig, ist ein gefragter Mann. Wir wollten von ihm wissen, welche Baustellen ihn beschäftigen und wo er mit seiner Frau Claudia noch ein Hotel übernehmen würde.

Urs Heinz Aerni: Sie stehen oft vor Kameras und Mikrophonen als Vertreter der Schweizer Hotelbranche. Was wollen die Medien so am meisten von Ihnen wissen?

Andreas Züllig: Nach dem 15. Januar 2015 mit dem Euroschock und den darauffolgenden Rückgängen bei den Logiernächten war das bis letztes Jahr natürlich immer wieder das Hauptthema. Warum sinken in gewissen Regionen wie Graubünden und Tessin die Logiernächte so stark? Sind wir in der Schweizer Hotellerie nicht mehr konkurrenzfähig? Und was sind die Maßnahmen, die der Branchenverband unternimmt?

Aerni: Es scheint, dass nach der Stabilisierung des Euro-Franken-Verhältnisses sich auch die Gemüter in der Tourismus-Szene etwas beruhigt hätten. Und doch, die Konkurrenz im Schwarzwald, Bayern oder in Österreich und Südtirol schläft nicht. Wo gilt es in der Schweiz aufzuholen und welche schweizeigenen Stärken müssten gepflegt werden?

Züllig: Im Moment sind die drei W’s Wetter, Wirtschaft und Währung mehr oder weniger positiv. Das ist gut so. Die Herausforderungen waren die letzten Jahre auch sehr unterschiedlich. Die Städte wie Zürich und Basel sind seit Jahren ungebrochen auf Wachstumskurs. Mehr Probleme haben die Berg- und Ferienregionen. Hier sind aber auch strukturelle Defizite für die Situation verantwortlich. Diese Herausforderungen haben übrigens auch die von Ihnen genannten Regionen. Aus Schweizer Sicht wird das eigene Land eher zu kritisch und das nahe Ausland eher zu positiv wahrgenommen.

Aerni: Aber wir haben sie, die hiesigen Stärken…

Züllgi: Unsere Stärken sind sicherlich die lange Tradition im Tourismus. Regionen wie zum Beispiel das Engadin mit Zeitzeugen aus der Gründerzeit des Tourismus kann man in dieser Dichte nur bei uns authentisch erleben. Wir sind das Original. Und wer das erleben und spüren will kann das in dieser Form nur in der Schweiz. Ich glaube das ist eines unserer Stärken. Zusätzlich haben wir sehr gut ausgebildete Fachkräfte, eine hohe Zuverlässigkeit und sehr hohe Qualitätsansprüche. Denken Sie zum Beispiel an das hervorragend ausgebaute Netz öffentlicher Verkehrsmittel. Schon ein paar Kilometer Luftlinie entfernt von uns in Italien kann man sich auf den Fahrplan nicht hundertprozentig verlassen.

Aerni: Und unsere Baustellen?

Züllig: Aufholpotential haben wir sicherlich im Bereich Kooperationen auf allen Stufen. Hier kommt uns leider unser föderales System nicht sehr entgegen. Jede Region und jeder Ort hat das Gefühl alles selber zu machen und zu entwickeln. Das wird in der zunehmend digitalen Welt so nicht mehr funktionieren.

Aerni: Wie sieht das eigentlich innerhalb des Landes aus, in Sachen Wettbewerb zwischen Regionen wie Wallis, Berner Oberland, Zentralschweiz und das Graubünden? Wie nehmen Sie in Ihrer Funktion diesen wahr?

Züllig: Wie schon angetönt fehlt mir hier das vernetzte Denken aus Sicht des Gastes. Nehmen sie das Beispiel eines Bikers, der sich in einem Raum bewegt ohne Orts-, Regionen- oder Kantonsgrenzen. Sie können doch nicht erwarten, dass dieser an jedem Ort ein App aufs Handy lädt nur um die richtige Route zu finden oder einen Tipp für ein schönes Bergrestaurant. Hier herrscht nach meinem Empfinden noch zu viel Kantönligeist. Es gibt Biker in Australien. Es gibt Biker in Hamburg und es gibt Biker in Olten. In dieser Community gibt es keine geografischen Grenzen.

Aerni: Was ist also zu unternehmen?

Züllig: Als Verband versuchen wir die geografischen Grenzen aufzulösen. Über Spezialisierung und Segmentierung versuchen wir die Branche für ein vernetztes Denken zu sensibilisieren. Wir zeigen auch anhand von gut funktionieren Beispielen wie es gehen könnte. Und welche Chance die Digitalisierung in Zukunft mit einer klaren Marktpositionierung haben kann. Umsetzen muss es der Unternehmer und Hotelier dann aber selber.

Aerni: Sie befinden sich in der zweiten Amtsperiode als Präsident des Verbandes hotelleriesuisse und führen mit Ihrer Frau und Team das Hotel Schweizerhof in Lenzerheide. Welche Erfahrungen als Gastgeber konnten Sie in die Verbandspolitik einbringen? Und welche vom Verband in den Alltag des Hoteliers?

Züllig: Es ist nach meiner Meinung wichtig tagtäglich mit den Herausforderungen der Branche konfrontiert zu sein. Diese Erfahrung kann ich in meiner täglichen Arbeit in der Öffentlichkeit und in der Politik einbringen. Ich rede also nicht nur theoretisch von den Herausforderungen der Hotellerie, sondern versuche diese auch im eigenen Betrieb zu meistern. Sei es der Fachkräftemangel, die hohe Regulierungsdichte oder eben das veränderte Reiseverhalten durch die Digitalisierung. Als Verbandspräsident muss ich mich natürlich mit verschiedenen Dossiers aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft auseinandersetzen. Entsprechend erhalte ich natürlich Informationen sehr früh und kann mich zum Teil im Betrieb schon darauf vorbereiten.

Aerni: Sie sind selbst auch gerne und oft auf Reisen. In welche Atmosphäre möchten Sie gerne beim Betreten eines Hotels als Gast landen?

Züllig: Das ist sehr unterschiedlich und hängt sehr stark mit dem Ort zusammen, in den wir reisen. In Mallorca zum Beispiel schätzen wir eine umgebaute Finca direkt am Meer. In Berlin bevorzugen wir eher in hippes Designhotel.

Aerni: Gibt es doch etwas, was generell ein gutes Hotel auszeichnet?

Züllig: Ja, was überall stimmen muss, ist die Liebe zum Detail. Sei es bei der Auswahl der Materialen bei der Einrichtung, oder welche speziellen Restaurantangebote vorhanden sind. Wir wollen uns vor allem Inspirieren und Begeistern lassen. Dazu suchen wir natürlich spezielle Hotels an speziellen Orten mit kreativen Konzepten. Und solche gibt es viele, im Ausland, aber auch in der Schweiz.

Aerni:  Wenn Sie wieder zusammen mit Ihrer Frau Claudia, ein neues Hotel übernehmen würden, wo müsste es stehen?

Züllig: Einen weiteren Standort mit dem Schweizerhof-Geist könnten wir uns sehr gut im Tessin vorstellen. Nach unserer Meinung wäre das eine optimale Ergänzung. Auch im Tessin kann man den touristischen Pioniergeist aus den 50er und 60er Jahre auf moderne und zeitgemässe Art wiederaufleben lassen. Eine Zeit in der das Tessin ein Sehnsuchtsort war.

 

INFO

Andreas Zülligs Karriere begann als Koch, dann absolvierte er in Lausanne die Hotelfachschule und übernahm mit seiner Frau Claudia vor über 26 Jahren das Viersterne-Hotel Schweizerhof in Lenzerheide. Das Präsidium des Hotelverbandes hoteliersuisse hat er seit 2015 inne.

Das Interview ist auch im Berliner Magazin Berglink erschienen.