„Es gibt Menschen, die vor allem in Bildern, Klängen und Düften denken“

Mit neuen Begriffen zu einem neuen Menschenbild. Die siebente Flugschrift von Rupert Bucher widmet sich dem Begriff der Sprache der Handlung. Diese, als Grundsprache nicht nur des Menschen, sondern aller Lebewesen, soll uns die Wurzeln und Gemeinsamkeiten allen Lebens aufzeigen. Ich stellte dem Denker und Autor Fragen dazu.

Ihre Flugschriftenreihe, deren 7.Band unter dem Titel „Die Sprache der Handlung“ aktuell erschienen ist, steht unter dem Motto „Neues sehen – Neues wagen“. Welcher Grundgedanke findet sich dahinter?

Stellen Sie sich vor, Sie gehen einen Weg, den noch niemand gegangen ist und wissen nicht, wohin er führt – das ist Wagnis. Vernunft, Verstand, Bewusstsein, Unbewusstes, Intuition, Selbst, Fantasie, Trieb, Instinkt, Moral, Gewissen und Sexualität, Erziehung und Rolle sind die Grundbegriffe des autoritären Weltbildes. In diesen ist unser Denken über uns selbst und den Menschen im Allgemeinen fest verankert und mit dem Prinzip der Hierarchie verkettet. Durch deren weitere Verwendung halten wir das alte Weltbild am Leben. Über die Verabschiedung dieser Begriffe das Denken und Handeln frei zu machen, war der erste Schritt.

Das hieße, wir müssten neue Wörter für ein neues Denken erfinden…?

Korrekt. Die Formulierung und Anwendung neuer, von der Geschichte unbelasteter Begriffe, ist das Anliegen der Flugschriftenreihe. Diese kreiert das Gemälde eines neuen Menschenbildes, das dann in der letzten Flugschrift unter dem Titel „Was den Menschen zum Menschen macht!“ zusammengefasst werden soll. In der Gesellschaft sehen wir die Verabschiedung des alten patriarchalen Weltbildes in aller Deutlichkeit am Zerfall der Familien. In allen anderen gesellschaftlichen Organisationen, die noch dem Prinzip der Hierarchie folgen, kämpft der alte Geist um sein Überleben. Es gibt große Betriebe, in denen herrscht in der einen Abteilung ein tyrannischer Vorgesetzter, gleich welchen Geschlechts, der seine Mitarbeiter in die Verzweiflung oder einen Burn-out treibt und in der anderen beobachten wir ein partnerschaftlich-kollegiales Miteinander. Die Zeichen des Umbruchs sind unverkennbar.

Und das neue Sehen? Was zeigt sich diesem?

Ein mächtiges gesellschaftliches Tabu! Die Gewalt der autoritären Frau und ihr verstecktes Matriarchat. Nun kann sie sich nicht mehr hinter dem Bild der heiligen Mutter und des ewigen Opfers verstecken.

Folgt der Aufbau der Reihe einer Systematik, bzw. in welchem Verhältnis stehen die einzelnen Titel der Reihe zueinander?

Ihre Entstehung gleicht dem eines Bildes, einer Skulptur oder eines Gedichts. Über die einzelnen Titel formt sich ein neues Bild des Menschen.

Mit anderen Worten, Sie erschaffen mit all den Büchern eine Art Skulptur, die einen neuen Blick auf den Menschen visualisiert.

Kann man so sagen. In all den Jahrzehnten meiner Arbeit als Psychotherapeut, mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen, sind mir viele Menschen begegnet, die unter der schulischen Rationalitätsdressur, anders kann man das nicht nennen, sehr gelitten haben. Waren das einfach die Dummen, die halt nichts begriffen haben? Gewiss nicht! Es gibt Menschen, die vor allem in Bildern, Klängen und Düften denken, nicht in der logischen Schlussfolgerung.

Also dürfen gewohnte Wörter nicht ins Recycling gelangen, sondern in den verbalen Sondermüll?

Richtig. Es gibt noch weitere Gründe, warum es an der Zeit ist, sich von den alten Begriffen der antiken Sklavenhalter-Gesellschaften, insbesondere der griechisch-römischen Kultur, zu verabschieden. Die Beziehung von Frau und Mann hat sich in den letzten Jahrzehnten grundlegend verändert. Gleichzeitig vollzieht sich der Umbruch in der Kernzelle der Gesellschaft. Die Familien lösen sich auf.

Zudem hat die technische Entwicklung ein schwindelerregendes Tempo angenommen.

All diese Veränderungen und die damit verbundenen Aufgaben sind mit den alten Begriffen aus längst vergangenen Zeiten nicht mehr zu bewältigen. Gemeint sind die Begriffe, in denen sich der Mensch selbst zu verstehen versucht. Wagen wir es, diesen, vom Hauch des autoritären Weltbildes durchwehten Begriffen Adieu zu sagen.

Wen möchten Sie besonders mit der Flugschriftenreihe ansprechen?

Alle Menschen auf der Suche nach sich selbst, dem Leben und immer neuer Erkenntnis. Der Leser ist eingeladen, an dem Projekt, mit neu zu formulierenden Begriffen am Entstehen eines gänzlich anderen Menschenbildes unmittelbar teilzunehmen. Über die Lektüre der stetig sich erweiternden Flugschriftenreihe kann der Leser eintauchen in dieses Abenteuer. Er kann in neue Denkwelten vorstoßen, sodass sich ihm unbekannte Einblicke und Einsichten eröffnen werden.

Was erwartet den Lesenden der Flugschriften?

2013 betrat ich den Pfad der neuen Worte. Seit 2014 sind jedes Jahr ein bis zwei neue Titel erschienen, was auch in den folgenden Jahren so bleiben soll. Der Leser befindet sich gemeinsam mit dem Autor auf diesem Pfad, von dem niemand weiß, wohin er führen wird. Er ist unmittelbar beteiligt an diesem Projekt gleich einem Fortsetzungsroman, das ist einmalig in dieser Form von Erkenntnisabenteuer.

Wirken sich diese neuen Einsichten für die Leserin und den Leser auch auf die Praxis des Lebens aus? Wenn ja, wie?

Ja gewiss. Mit den neuen Begriffen wird sich seine Wahrnehmung in sozialen Situationen verändern. Er kann dadurch die familiären Muster seiner Herkunft und die anderer in allen erdenklichen Situationen sofort erkennen. Das ist besonders hilfreich in der Partnerschaft, im familiären Alltag mit den Kindern und bei Konflikten im Berufsleben. Aber es geht darüber hinaus um sehr viel mehr: um eine Vision der Überwindung des menschlichen Leidens, der Leere des Nichts, die wir Depression nennen.

Welche Begriffe stellten Sie denn in den vorherigen Büchern auf den Prüfstand?

Die Auseinandersetzung startete mit den Begriffen Trieb, Instinkt, Sexualität, Erziehung und Rationalität, wandte sich dann dem Thema der autoritären Frau zu, um dann bei der Suche nach dem wahren Selbst zu landen. Immer steht im Zentrum, die neuen Begriffe in der konkreten Anwendung vorzustellen. Der Anspruch ist ja, über sie zu vertiefter Erkenntnis vorzudringen.

Im aktuellen, siebten Band der Flugschriftenreihe wird der neue Begriff der Sprache der Handlung eingeführt. Er soll uns die Grundsprache des Menschen, die er mit allen Lebewesen gemeinsam hat, näherbringen. Auch hier erwarten den Leser überraschende Einsichten.

In welches begriffliche Neuland werden Sie uns in den kommenden Bänden entführen?

Der nächste Band wird den Titel „Das Ich-Gesicht“ haben. In ihm wird gezeigt, dass das Ich des Menschen aus den Drehbüchern unserer familiären Geschichte besteht. Ihm folgt dann eine Flugschrift über die Depression, die über das Ich-Gesicht und die Sprache der Handlung ihre Rätselhaftigkeit verliert. Durch den völlig neuen Zugang eröffnen sich die Wege der Bewältigung und der Übergang in eine grundlegend veränderte Lebenshaltung.

Rupert Bucher, geboren 1950 in Lindau am Bodensee. Er studierte Philosophie in München und Marburg, Psychologie an der Christian-Albrechts-Universität und Bildhauerei an der Fachhochschule (ehemalige Muthesius-Schule), beide in Kiel. Seit 1982 zurück in Lindau, arbeitet er als Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut, Psychologischer Psychotherapeut und Supervisor in eigener Praxis.

Das aktuelle Buch oder Flugschrift: Rupert Bucher: „Die Sprache der Handlung“, Bucher Verlag, 978-3-99018-441-7

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Ein Angebot auf Erdoğans innovative Bildungsidee

Sie haben es sicher vernommen: der türkische Machthaber möchte im Westen Schulen einrichten, die Religions- Geschichts- und Kulturlektionen erteilen sollen (siehe Bericht hier per Mausklick).

Nun, dazu schrieb ich ihm einen Gegenvorschlag, den Sie hier lesen können…

 

Der Text erschien auch in der Zeitung BÜNDNER WOCHE

 

 

 

Kritik ohne Kontext?

 

Von einer seriösen Kritik wird heute Differenziertheit und Berücksichtigung des Kontextes des zur Debatte stehenden Objekts oder Subjekts erwartet. Mit anderen Worten, es darf kritisiert werden aber eingedenk der Hintergründe und mit dem Versuch, zu verstehen. Soweit einverstanden? Als ich am 9. Mai 2018 mein «Bündner Tagblatt» aufschlug musste ich den Text «Karl Marx und die Familie» von Domprobst Christoph Casetti (geboren 1943) zweimal lesen. Er kann nicht nachvollziehen, dass sogar Vertreter der Kirche Karl Marx würdigen. Marx (1818 – 1883) sei ein Mitbegründer einer «Ideologie, der etwa 150 Millionen Menschen zum Opfer fielen». Es sei «ein ausdrückliches Ziel» von Marx gewesen, die ‘die Familie zu vernichten’, so Casetti mit Verweis auf den Fall eines todkranken Kleinkindes, das in einem Vatikanischen Kinderkrankenhaus hätte weiterbehandelt werden sollen, obwohl die Liverpooler Ärzte keine Hoffnung mehr sahen.

Im 19. Jahrhundert der industriellen Sklaverei, Kaiserlichen Herrlichkeiten und Unterdrückung der Völker in den Kolonien sah ein Advokatensohn aus Jüdischem Hause in Trier die Zeit gekommen, die festgefahrenen Denkstrukturen zu Gunsten des schuftenden Teils der Gesellschaft zu hinterfragen. Vor mehr als 2000 Jahren soll es einen Hebräer gegeben haben, der es wagte, neue Ein- und Aussichten zu veröffentlichen, um einem mit sturen Regeln zubetonierten Volk neue Horizonte der Befreiung aufzuzeigen. Weder er konnte ahnen, dass in seinem Namen ganze Völker abgeschlachtet wurden, mit einer Befehlszentrale in Rom, noch konnte Marx wissen, dass Extremisten mit seinem Denkmodell immenses Elend verursachten, nicht nur in Sibirien.

Dass ein Domprobst im 21. Jahrhundert das Denken eines Mannes aus dem 19. Jahrhundert dergestalt auf einen Punkt reduziert, um Werbung für den Vatikan bei einem Streit zwischen Ärzten, Eltern und Behörden zu machen, lässt den Verdacht zu, dass die Bildungsinstitute, an denen er studierte, einen heutigen Stresstest nicht überstünden. Oder übersieht der Verfasser in seiner Kritik einen relevanten Kontext?

Urs Heinz Aerni

 

Der passende Buchtipp: «Wo denken wir hin? Lebensthemen, Zivilisationsprozesse, demokratische Verantwortung» von Hans-Peter Waldhoff, Christine Morgenroth, Angela Moré und Michael Kopel, Psychosozial Verlag

Die innere Not auf den Brettern, die die Welt bedeuten

Die innere Not ist die uns nächste, egal ob der immensen Tragödie in Syrien oder Nordafrika. Liegt es an der Machtlosigkeit unsereins im globalen Getriebe der Katastrophen? Diese und andere Fragen stellte ich mir nach dem Verlassen des Kleintheaters Sogar in Zürich. Es wurde der „Der Trafikant“ gespielt nach dem Roman des österreichischen Autors Robert Seethaler. Es handelt von der Geschichte des Jungen Franz Huchels, der wirtschaftsbedingt von seiner Mutter aus dem beschaulichen Salzkammergut nach Wien zur Arbeit geschickt werden musste, als Lehrling bei einem Kriegsinvaliden in einer Zeitungs- und Tabak-Trafik. Dies in den Jahren 1937 und 1938. Es rumort. Durch die selbstherrlichen und marodierenden Nationalsozialisten draußen in der Stadt, und drinnen im Herzen des jungen Franz. Aber dafür sorgt seine Liebe zur drei Jahre älteren Böhmin Anezka mit der er erste erotische Erlebnisse erfuhr. In seiner Liebesnot sucht der Junge beim Stammkunde Sigmund Freud Anschluss mit der Frage: „Stimmt es, dass Sie den Leuten den Schädel wieder geraderichten können?“

Das vielstimmige Stück scheint zu beweisen, wie die vermeintlich große Welt um uns herum immer wieder erodiert, unabhängig wie es um die relevante Welt in uns steht. Auf jeden Fall bannt diese Inszenierung auf der besagten Kleinbühne jede und jeden aber mit dem Effekt eines emotionalen Umkehrschubs. Wie? Der Schauspieler rührte mit seiner brillanten Kunst an unseren Schlaf des Alltags.

Der hier erwähnte Schauspieler ist Hanspeter Müller-Drossaart und wie es zur Idee kam, den „Trafikant“ zu spielen, ist dem Verfasser nicht bekannt, nur eines ist gewiss: die von ihm verkörperte Umsetzung einer Geschichte, die uns alle nie in Ruhe lassen wird, dürfte aus den vielen bisherigen Aufführungen mit guten Gründen herausragen, die da wären: Virtuosität des Allzumenschlichen und der Sprache, Szenische wie technische Raffinesse ohne dem Liebäugeln einer dramaturgische Aufpeppung zu verfallen. Dem Darsteller konnte von den Lippen abgelesen werden, dass die Sache der inneren Not und zugleich des unsäglichen Weltgetöses noch lange nicht ausgestanden ist.

Urs Heinz Aerni

PS: Hanspeter Müller-Drossaart ließ mich wissen, dass er mit dem „Trafikanten“ demnächst auf Tour geht. Also dran bleiben.

Der passende Buchtipp: „Der Trafikant“ von Robert Seethaler, Kein & Aber, ISBN 978-3-0369-5909-2