Schöne neue genormte Welt

Jede Treppe hat die selben Stufenhöhe, alle Briefumschläge und Briefpapiere sind in der Größe definiert. Instanzen wie das Deutsche Institut für Normierung geben Maße und Formen vor, in denen wir uns bewegen und arbeiten. Die DIN ISO 272 beispielsweise regelt bei der Luft- und Raumfahrt die Aufbockpunkte am Luftfahrzeug. DIN ISO 7331 widmet sich den Skistöcken im Alpin-Skilauf für die sicherheitstechnischen Anforderungen. Wie heißt die Nummer für den Leitfaden bei der Behandlung von Reklamationen in Organisationen? Genau das ist die DIN ISO 10002. Noch ein Beispiel? Gerne: da wäre DIN ISO/IEC 28360 für die Ermittlung der chemischen Emissionsraten von elektronischen Bürogeräten. Als die EU wollte, dass jedes Restaurant Olivenöl nur noch in geschlossenen Flaschen auf den Tisch stellen sollen, hagelte es Proteste. In Zürich stieß der Entscheid des Stadtrates, einen gut laufenden Imbissstand an der Limmat abzureißen, weil er nicht ins Stadtbild passe auf Unverständnis. Die Kultur des Normierens zieht auch immer mehr in das Gesundheitssystem, durch definierte Höchst- oder Tiefstwerte von Cholesterin, Zucker oder Eisen. Die Menge an absolvierten Schritte, die mindestens nötig sind, um fit zu bleiben mausert sich zu einer Doktrin. Ein Arzt sagte einem älteren Patienten, dass das Medikament an über 600 Klienten in seinem Alter getestet wurde. Der Herr antwortete: „Aber da war ich ja gar nicht dabei.“

Der Normen-Wahn führt dazu, dass die Individualität neutralisiert wird, oft so, dass die Opfer es gar nicht bemerken. Zeigen Sie mir einen „Einzelkämpfer“ ohne die Tattoos am Nacken, Oberarm oder oberhalb seinem Hintern. Ich rasierte meinen Fünftage- und später Vollbart ab, als ich mich in der Stadt nur noch Bärtigen gegenübersah. Seit Fußballer Ihre Haarpracht seitig wegschneiden aber oben in die Höhe gestalten lassen, wähne ich mich in nicht wenigen Lokalen mitten zwischen Fußballern. Die Dekoration der Nachrichtenstudios der großen Fernsehanstalten gleichen sich dergestalt an, dass nur noch die Sprache individuell zu sein scheint. Es macht sich ein Einheitsbrei breit, in Sachen Lebensführung, Alltagssprache, Outfit ja bis hin zur Messlust jedes Pulses im eigenen Körper. Man will wissen, wie viel Schritte pro Tag, wie wie viele Pulsschläge in der Minute und wie viele Orgasmen im Monat erledigt wurden. Alles muss gezählt, gespeichert, ausgewertet und registriert sein. Um daraus wohl wieder neue Normen zu definieren.

Auf eine fehlende Norm bin ich allerdings sauer. Das Elektrokabel und die Kopfhörer des neuen iPhone passen weder ins alte iPad geschweige in ein anderes Smartphone!

 

Urs Heinz Aerni

 

Der passende Buchtipp: „DIN EN ISO 14001:2015 – Vergleich mit DIN EN ISO 14001:2009, Änderungen und Auswirkungen – Mit den deutschen Texten der Normen“ von Bernhard Schwager und Katherina Wührl, Beuth Verlag, ISBN 978-3-410-25991-6, Fr. 309.00

Dieser Beitrag erschien zuerst in der Zeitung Bündner Woche

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