Kommt nach der Panik der Mut?

Eisbären leiden nicht nur durch den Eisschwund, sondern auch unter Abenteuern. Es geschah am 11. April 2017. Evelyne Binsack stand mit einer Expeditions-Gruppe kurz vor dem Ziel, dem Nordpol. Eine japanische Kollegin verköstigt sich während einer Pause mit Salami und legt diesen auf den Schlitten. Eisbären brauchen für ihr Überleben eine gute Nase und genau eine solche treibt ein Tier direkt auf die Menschen zu. Der Bär frisst die Salami vom verwaisten Schlitten, doch die Angst der Abenteurer führt zu einem Warnschuss mit der Signalpistole und zu einem gezielten Schuss, der den Bären trifft. Evelyn Binsack gibt in einem TV-Interview zu, dass der Gruppenführer diesen Vorfall verschweigen wollte, doch sie rapportiert alles der Polizei. Dieses Ereignis „machte mich so hilf- und ratlos, dass es es für mich fertig und Schluss ist, mit solchen Sachen.“ Eine Nachricht vom 19. April lässt Binsack wissen, dass der Bär durch die Verletzung am Kopf nicht mehr jagen und richtig fressen könne und wohl einen Hungertod erleiden werde.

Dieser Vorfall und der Tod des Extrembergsteigers Ueli Steck löste eine breite Debatte aus, über die Frage, was das alles soll. Binsack erntete Applaus über Ihren Entscheid, mit dem sportmotiviertem Extremreisen aufzuhören und noch mehr dafür, dass sie die peinliche Tragödie um den Eisbären nicht verheimlichte. War es Mut? Oder war ihr klar, dass früher oder später die Sache doch ans Tageslicht gekommen wäre? Die Angst vor dem Versagen und der Enthüllung lässt eigentlich nur einen Gegenangriff zu, eine Strategie, die jeder Medienberater empfiehlt. Warum tun sich Menschen das überhaupt an? Sind Extrem-Abenteurer mutig? Wem müssen sie sich beweisen? War es vielleicht die Angst, ein durchschnittliches Leben führen zu müssen ohne Anerkennung? Der Schuss auf den Eisbären war nicht eine feige Tat, sondern ein Reflex aus der puren Panik. Die Deklaration der Feigheit bekommt die Tat erst aus der Sicht des Publikums vor der Glotze in beheizter Stube. Braucht die Welt solche Helden, die einen Mut präsentieren, den es gar nicht gibt? Gier und Lust generieren Taten, über die andere staunen. Eveylne Binsack erhielt 2016 von der SRF-Sendung „Glanz & Gloria“ den Golden Glory in der Kategorie „Crazy“. Vielleicht brauchte es hier Mut, diesen Preis abzuholen.

Urs Heinz Aerni

Der passende Buchtipp: „Wie Angst mutig macht“ von Gerhard Buzek, Verlag Business Village

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