„Wir reden mehr über die Angst“

Andrea Gallasch veröffentlichte im Buch „Angst im Dauermodus“ einen Fall, den sie als Psychotherapeutin behandelte. Wir stellen ihr Fragen dazu und über die Angst allgemein.

 

Urs Heinz Aerni: Sie erzählen in Ihrem Buch die Geschichte des 11-Jährigen Jason, der nach einer Erkrankung seines Vaters in eine schwere Angststörung geriet. Sie haben ihn als Therapeutin begleitet. Vielleicht zuerst mal die Frage: wie geht es dem Jungen heute?

Andrea Gallasch: Das würde ich Ihnen gern beantworten, aber wir haben beschlossen, vorläufig keine Auskunft darüber zu geben, wie es Jason jetzt geht.

Aerni: Warum nicht?

Gallasch: Zum Einen, damit er nicht unter Druck kommt und zum Anderen aus Personenschutzgründen. Im Buch heißt es am Schluss, dass wir nicht wissen, wie es weitergeht. Dabei soll es im Moment bleiben. Bei Angststörungen weiß man übrigens nie genau wie es weitergeht. Rückfälle sind immer, auch Jahre später, möglich.

Aerni: Die Angstspirale von Jason machte ihn fast lebensunfähig, vor allem was das öffentliche und soziale angeht. Wie nahe können oder müssen Sie mitfühlen oder sich eindenken, um ihn zu verstehen?

Gallasch: Bei Menschen mit Ängsten und Depressionen spielen Scham und Einsamkeit eine große Rolle. Deshalb ist es für diese Menschen besonders wichtig, dass man sie gefühlsmäßig von Nahem begleitet und dass man sich gut einfühlen kann. Sonst ist es für sie noch schwieriger, Hilfe anzunehmen. Wenn ihre vorübergehende Unfähigkeit, die Angst zu überwinden nicht verstanden wird oder gar als Manipulation, Kontrolle oder Macht interpretiert wird, scheint mir eine konstruktive Zusammenarbeit nicht möglich und Gefühle von Versagen werden verstärkt.

Aerni: Wie groß könnte die Gefahr sein, dass Sie selbst in einer ähnlichen Spirale landen könnten?

Gallasch: Diese Gefahr sehe ich eigentlich nicht. Eher die Gefahr, dass man selbst die Hoffnung verliert, ungeduldig oder gekränkt reagiert, wenn der erwünschte Erfolg ausbleibt. Das würde Druck und Stress erzeugen, was für die Genesung nicht förderlich ist.

Aerni: Angststörungen und Panikattaken, sind das Zeiterscheinungen? Nehmen diese Probleme im Allgemeinen zu? Wie schätzen Sie das ein?

Gallasch: Ich weiß nicht, ob das der Fall ist. Sicherlich steuert die aktuelle angespannte politische Situation mit den vielen Attentaten, Naturkatastrophen, diktatorischen Regimen und der Flüchtlingswelle zu Angstreaktionen bei.

Aerni: Was ja verständlich sein kann…

Gallasch: Ja, nur hier handelt sich zum Teil um reale Ängste, aber diese können irrationale Ängste aktivieren und sogar hervorrufen.  Aber es gibt noch einen anderen Aspekt. Ich vermute, dass Menschen in der letzten Zeit vermehrt wagen, über ihre Ängste zu reden.

Seit ich mit dem Schreiben dieses Buches begonnen habe, haben sich mehrere Menschen mit ihren Ängsten geoutet, z.B. eine Journalistin in Zürich und eine Sängerin aus Baselland. Es wurde ausführlich in den Medien darüber berichtet. Letztes Jahr gab es in Zürich eine Veranstaltung von Pro Juventute zum Thema Angststörungen. Vor ein paar Jahren waren Angststörungen noch stark tabuisiert. Es ist also schwer zu sagen, ob es wirklich mehr Angststörungen gibt, oder man jetzt einfach mehr darüber redet und hört. Jedenfalls weiß man jetzt, dass es mehr Menschen gibt, die unter Ängsten und Panikattacken leiden, als man bisher angenommen hat. Gemäß einer Studie der Universität Wien entwickelt eine von 10 Personen in ihrem Leben eine Angststörung. Das ist beachtlich.

Aerni: Im Buch beschreiben Sie den Weg, den Kampf und die Fortschritte von Jason. Wo liegen Ihre Behandlungsansätze?

Gallasch: Ich arbeite mit sehr verschiedenen Methoden. Sie sind im Buch alle erwähnt und werden anhand von konkreten Situation möglichst einfach erklärt und beschrieben. Meine Grundausbildung ist die Psychoanalyse. Ich habe Zusatzausbildungen in Psychodrama, klinischer Hypnose, systemischer Familientherapie und Traumatherapie. In der Behandlung von Jason war eine neuere Methode aus der Traumatherapie besonders hilfreich. Es handelt sich um EMDR kurz für Eye Movement Desensitization Reprozessing. Auch verhaltenstherapeutische Ansätze, die sich in der Angstbehandlung sehr bewährt haben, kommen zum Einsatz.

Aerni: Wie dürfen wir uns das konkret vorstellen?

Gallasch: In der Behandlung von Angststörungen lege ich besonderen Wert darauf, dass neben dem Gespräch auch bildhafte und kreative Vorgehensweisen ihren Platz haben, denn es ist oft schwierig, Angstgefühle verbal zu beschreiben. Ich gehe ressourcenorientiert vor, d.h. ich schaue nicht so sehr auf das was krankhaft ist, sondern was schon geholfen hat und weiterhelfen könnte. Mit anderen Worten: Ich konzentriere mich ebenso sehr auf die Stärken der Patienten. Positive Bilder helfen, diese Ressourcen besser abrufbar zu machen. Ich versuche alles Mögliche auszuprobieren, was hilft zu stabilisieren und was positive Veränderungen in Gang bringen kann. Das kann auch ein Uno-Spiel sein. Ängste gehen oft über mehrere Generationen und haben Auswirkungen auf das Familien- und Helfersystem. Da ist mein systemisches Wissen von Nutzen. Als Traumatherapeutin ist es mir darüber hinaus wichtig, spezifische Reaktionen auf Traumatisierungen zu erkennen, anzugehen und den Betroffenen altersgerecht zu erklären.

Aerni: Wo kommt Ihr Wissen aus der Psychoanalyse zum Einsatz?

Gallasch: Nun, nicht zuletzt scheint es mir in allen Therapien sinnvoll, dass wir mit dem Bewussten und dem Unbewussten arbeiten, z.B. auch mit Träumen. Oder dass mit und in der therapeutischen Beziehung gearbeitet wird. Oft werden alte Beziehungsmuster auf die Beziehung zur Therapeutin übertragen und können in Richtung Veränderung genutzt werden. In der Psychoanalyse befasst man sich auch mit dem, was sich im Individuum abspielt – dem Innerpsychischen.

Aerni: Die Angst gibt es ja in vielen Variationen und Intensität – von Platzangst über Versagerangst bis hin zur totalen Angst vor der Welt da draußen. Wie würden Sie den Kippzustand beschreiben, der dann zu einer Behandlung führen müsste?

Gallasch: Häufig bestimmt der Leidensdruck über diesen Kipppunkt. Bei einem Kind kann es sein, dass die Umgebung schneller an eine Belastungsgrenze kommt. Fast alle Menschen, die unter Ängsten leiden, lernen zu vermeiden und zu rationalisieren. Z.B. sagen sie: „Ich mag keine Menschenmengen, deshalb gehe ich nicht an die Herbstmesse“. In Wirklichkeit können sie vielleicht nicht, weil sie ein mulmiges Gefühl bekommen oder gar in Panik geraten. Durch diese Vermeidung engt sich der Aktionsradius immer mehr ein.

Aerni: … was dann das Leben immer mehr zusammenschnürt?

Gallasch: Ja, Jason konnte nie allein zur Schule gehen oder allein einschlafen, was aber niemand bemerkt hatte. Dann konnte er gar nicht mehr zur Schule und schließlich konnte er sich nicht mehr allein außer Haus begeben oder blieb wie gelähmt im Bett liegen. Wenn jemand unter einer Spinnen- oder Schlangenphobie leidet, kann er hierzulande meistens damit leben. Es braucht eine Motivation, um ein Angstproblem beseitigen zu wollen. Manchmal ist es vergleichbar mit der Wahl zwischen dem Löwen und dem Abgrund. Meiner Erfahrung nach werden Ängste leider meistens erst dann angegangen, wenn es nicht mehr anders geht. Dann wird auch die Behandlung viel schwieriger, weil eine ganze Reihe von Folgeproblemen mitbehandelt werden müssen, z.B. negative Erfahrungen, Kränkungen, gehäuftes Erleben von Hilflosigkeit, ausgeschlossen Sein, etc.

Aerni: Was tun?

Gallasch: Persönlich empfehle ich bei Ängsten immer, sie möglichst schnell zu behandeln und genau zu erörtern, was der Gewinn oder der Verlust sein kann, wenn sie behoben werden. Manchmal ziehen es Menschen vor, beim alt Bewährten zu bleiben, auch wenn das mit Einschränkungen verbunden ist.

Aerni: Reden Sie auch über Ihre Ängste?

Gallasch: Selbstverständlich, aber es kommt darauf an, mit wem ich darüber rede. Mit Menschen, die offen über ihre Gefühle reden und persönliche Aussagen nicht einfach weitererzählen werden, kann ich offener reden als mit anderen. Ich finde es wichtig, dass wir uns in vertrauensvollen Beziehungen und Situationen auch über schwierige Gefühle austauschen können. Das ist eine Bereicherung und oft auch eine Entlastung. Aber wir sollen uns auch schützen und abwägen können, was wir wo preisgeben.

Aerni: Also mehr privat und nicht im Beruf, nehme ich an.

Gallasch: In den Therapien reden die TherapeutInnen nicht oder relativ wenig über ihre Gefühle, außer diese sind im therapeutischen Beziehungskontext von Bedeutung. Bei Kindern spielt sich das ein wenig anders ab. Da Angst so extrem schambesetzt sein kann, ist es manchmal wichtig, sich auch als reale Person einzubringen. Hin und wieder erzähle ich einem Kind zum Beispiel, wie sehr ich Angst hatte, als ich beim Schwimmunterricht im Vierwaldstättersee zum ersten Mal ins Wasser springen musste, in ein schwarzes, kaltes Loch, das mich zu verschlingen drohte. Dass mich ein älteres, erfahrenes Mädchen an die Hand nahm, war ausgesprochen hilfreich. Manchen Kindern ermöglicht das, offener über ihre Ängste zu reden.

Aerni: Was gibt, Ihrer Meinung nach, etwas Positives an der Angst?

Gallasch: Abgesehen von der sogenannten Signal-Angst, z.B. vor Feuer oder Autoverkehr, die ja lebensnotwenig ist, bin ich immer wieder beeindruckt davon, welche Entwicklung Menschen im Verlauf einer Angstbehandlung durchmachen. Sie lernen sich und ihre Umgebung viel besser kennen. Meistens müssen sie sich, wie Jason im Buch, mit allen möglichen Gefühlen vermehrt auseinandersetzen. Sie lernen, diese besser zu spüren und zu benennen und vor allem, damit umzugehen.

Aerni: Das heißt, dass die Angst auch ein Weg zur Selbsterkenntnis sein kann?

Gallasch: Viele Mensch wissen nachher mehr über ihre verletzlichen und schwachen, ihre sensiblen Seiten. Sie können natürlich auch andere Menschen besser verstehen und sich in sie hineinfühlen. Sie schätzen die wieder gewonnene Freiheit oft umso mehr, wenn sie sie zurückerobert haben. Ganz häufig machen sie die Erfahrung, dass es zwar uneinfühlende, zynische und entwertende, aber auch besonders einfühlende und engagierte Menschen gibt, wie z.B. die eine Lehrerin von Jason. Nicht zuletzt lernen sie über die Ängste ihren eigenen Mut und ihre Ausdauer kennen, und dass man vorübergehend Hilfe in Anspruch nehmen kann, ohne lebenslänglich von einem Therapeuten oder einem anderen Menschen abhängig zu bleiben.

Infos

Andreas Gallasch-Stebler arbeitet als Fachpsychologin und Psychotherapeutin in Basel und ist Mutter zweier erwachsenen Kinder. Nach ihrem Buch „Nächste Station Erde“ über die Langzeittherapie eines traumatischen Kindes, erschien im Babst Verlag „Angst im Dauermodus – Vom Mut eines ängstlichen Kindes“ ISBN 978-3-95853-229-8

Advertisements

ON/OFF

In dem aktuellen abendfüllenden Kabarett-Programm zeigen die beiden Künstler fulminant wie der Digitalisierungswahn uns umzingelt, vereinnahmt und die eigene Kontrolle entgleiten lässt. Bevor die Lachtränen vertrocknen, hüpft uns die Frage wie ein Pop-up-Fenster vor die Augen: „Wie können wir das stoppen?“ Besuchen Sie das Programm von Lapsus aber vergessen Sie Ihr Handy nicht…

Hier finden Sie alle Informationen über Lapsus…

 

 

 

Versäuft da ein Vogel?

„Du, da versäuft ein Vogel.“ Das sagte ein Feriengast zu seiner Frau in Andermatt, als sie zusahen, wie ein kleiner Vogel mit weißer Brust im Bach auf Eisschollen stand und immer wieder ins Wasser verschwand. Der Herr hatte sich getäuscht, es handelte sich um eine Wasseramsel bei flinker Nahrungssuche. Der kompakte, rundlich gebauter Vogel erinnert an eine Amsel. Man findet ihn an Flüssen im Unterland bis zu den Bergbächen auf 2600 Metern über Meer. Bleiben Sie beim Wandern über Brücken stehen, sehen Sie den Bach hoch und runter und plötzlich sehen Sie da einen Vogel, auf einem Stein stehen, knicksend und immer wieder ins Wasser springend. Er schwimmt, taucht und steht dann wieder auf dem Stein und so geht das ständig. Er ernährt sich von Wasserinsekten, Köcher- und Steinfliegenlarven, Würmer, kleinen Fischchen und Kaulquappen. Es ist der einzige Singvogel, der taucht und schwimmt. Sein dichtes Gefieder lässt null Wasser an die Haut. Durch spezielle Schluss- und Schutztechnik an den Augen und an der Nasenöffnung kann er wie fast kein anderer Vogel im Wasser auf die Nahrungssuche gehen. Also wenn Sie beim nächsten Spaziergang was Kleines mit weißer Vorderseite unten im Bach sehen, dann bleiben Sie stehen, vielleicht ist es unsere Wasserkünstlerin.

Die Wasseramsel ist der Vogel des Jahres und die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift Ornis beschäftigt sich in der Titelgeschichte mit ihm. Einzelnummern können hier bestellt werden:

http://www.birdlife.ch/node/1141

„Ich schreibe wie ein galoppierendes Pferd“

Künstler und Schriftsteller Giorgio Avanti gibt Auskunft zu seinem neuen Buch «Bourgeoiserien». 

urs heinz aerni: Der Titel deines neuesten Buches heißt «Bourgeoiserien». Dieser Begriff erinnert mich an geblümte Tapeten, Nippes und Nierentischchen. Der Titel ist ja ganz witzig, aber … 

giorgio avanti: Der Titel «Bourgeoiserien» ist Programm und bezieht sich auf groß- und kleinbürgerliche Episoden aus dem Umfeld der fiktiven Figur Jakob. Sie sind im 20. und 21. Jahrhundert angesiedelt, aus dem Leben gegriffen, gesellschaftskritisch, ironisch, skurril, schmerzlich, aber auch lustvoll und komisch. Es geht um das Schicksal von Fahrenden, von Homosexuellen, um die Irritation zwischen Katholizismus und Protestantismus. Einige Geschichten widerspiegeln Alltags- und Beziehungsbilder, erzählen von Untreue, Verzweiflung und Bigotterie. Dazwischen finden sich allerhand schräge Beobachtungen, Impressionen von Reisen nach Bäretswil oder Saigon sowie Betrachtungen aus dem Innenleben des Erzählers.

aerni: Du kommentierst, erzählst und beschreibst. Ist die sprachliche Aufzeichnung von Vergangenem vielleicht ein nochmaliges Erleben von Vergangenem, eine Wiederholung in Zeitlupe? 

avanti: Ja, Erlebtes, Bilder aus der fernen und nahen Vergangenheit werden beim Schreiben wieder präsent, oftmals klarer, intensiver, bunter. Es ist eine Art des Sichinnewerdens und unmittelbaren Wahrnehmens, auch von längst Vergessenem.

aerni: Heißt das, die Charaktere deiner Erzählungen existieren tatsächlich? 

avanti: Die Geschichten sind teils autobiografisch, aus der Vergangenheit und dem Jetzt notiert, spontan hingeworfen oder vom Hörensagen nacherzählt. Die Grenze zwischen «Dichtung und Wahrheit» ist oft fließend. Das verhält sich ähnlich wie bei meinen Bildern: Da gibt es schrille, überzeichnete Figuren, die der künstlerischen Fantasie oder dem Traum entspringen. Aber natürlich schöpfe ich auch aus der Erinnerung. Die Bezüge sind manchmal offensichtlich, oft expressiv, nur angedeutet oder verschlüsselt – aber nie naturalistisch.

aerni: Hilft das Malen für das Schreiben oder ist es umgekehrt? Oder haben Schreiben und Malen nichts miteinander zu tun?

avanti: Beides gebiert Abbilder und Geschichten. Deshalb ist Malen Schreiben, und Schreiben ist Malen. Das Blatt Papier ist die Leinwand, Worte und Emotionen werden zu Farbe und Pinselstrich.

aerni: Wo schreibst du am liebsten?

avanti: Da bin ich völlig ungebunden. Meistens schreibe ich reisend, sei es im Kopf, in Graubünden, im Bisistal, in Paris, Venedig, Kambodscha oder sonst wo. Ich schreibe dort, wo mich etwas anfällt, mir etwas einfällt. Es kommt schon vor, dass ich dann meine Eingebungen auf Papierservietten am Frühstückstisch, auf einen Bierteller in einer Beiz, einen Stadtplan oder in mein schwarzes Tagebuch, so ich es zur Hand habe, kritzle.

aerni: Deine Bücher fallen auch durch eine sorgfältige Gestaltung auf. Liest das Auge mit? 

avanti: Ohne Auge kein Lesen. Das klingt banal. Aber schließlich ist es immer das Auge des Lesers, das einen Text – subjektiv – gestaltet und vereinnahmt. Wichtig ist folglich, wie der Leser den Inhalt mitgestaltet, miterlebt, und sich dabei selber erlebt und projiziert. Jegliches Lesen ist Interpretieren. «Nimm mein Auge und schau», pflegte mein Vater zu sagen. Dabei ist die Gestaltung eines Buchs, wie es daherkommt, wie es in der Hand liegt, wie es sich anfühlt, ein entscheidender Faktor. So ist die Gestaltung stets auch ein Indiz für den Inhalt und spielt prima vista – Liebe auf den ersten Blick – eine durchaus wichtige Rolle. Das Buch soll den Leser anspringen, ihn neugierig machen und zu weiteren Entdeckungen anregen.

aerni: Nach mehreren Publikationen mit Erzählungen und Gedichten von dir, stellt sich die Frage, wann du ein Romanprojekt in Angriff nehmen wirst. 

avanti: Dazu fehlt mir schlichtweg die Geduld. Ich schreibe wie ich male: ungeduldig, oftmals gehetzt, von innen getrieben, quasi wie ein galoppierendes Pferd. Aber wer weiß, vielleicht lerne ich noch traben oder einfach gehen. Dann wäre ein Roman schon vorstellbar.

aerni: Wenn ich ein Bild eines lesenden Menschen mit deinem Buch in den Händen malen müsste, wie sollte dieses aussehen? 

avanti: Eine lächelnde Frau, das aufgeschlagene Buch in ihrer Hand betrachtend, auf dem Schoß eine schnurrende rote Katze, daneben ein Mann, das Buch auf dem Kopf balancierend, im Vordergrund eine Flasche Bordeaux.

Giorgio Avanti lebt als Künstler und Autor bei Zug (Schweiz)

 
Titel: BourgeoiserienUntertitel: Kurzgeschichten Autor:Giorgio Avanti ISBN:978-3-99018-395-3 Format:Fester Einband Verlag: Bucher GmbH & Co.KG

Eulen für den Frieden

Im latenten Krisengebiet Nahost könnten Schleiereulen mehr bewirken als Friedenstauben und erst recht mehr als mit Dickschädel bestückte Politiker. Der Zoologieprofessor Yossi Leshem aus Tel Aviv erfand ein Mittel zur Völkerverständigung. Entstanden ist es durch sein Hauptanliegen: den Schutz der Schleiereule in einem notorischen Krisengebiet. Der Nahe Osten gehört zu den wichtigsten Routen von Millionen Zugvögeln; sie überfliegen den Jordangraben, die Grenze zwischen Jordanien, Israel und dem Westjordanland. Während sich unten Menschen gegenseitig beschiessen und belagern, segeln oben andere Erdbewohner, die sich keinen Deut um den gigantischen Streit bei der «Krone der Schöpfung» kümmern. Dazu gehören die Schleiereulen, die aus Aberglauben und durch die Zerstörung ihres Lebensraums fast ausgerottet wurden. Bauern vergiften Mäuse mit Pestiziden, die wiederum im Magen der Eule landen. Leshem gelingt es aber immer mehr, den Bauern zu beweisen, dass Eulen besser als Gift gegen die zu vielen Mäuse wirken. Mittlerweile geht die Mäuseplage zurück und die Bestände der Eulen stabilisieren sich. Munitionskästen der israelischen Armee wurden zu Nistkästen für die Schleiereule umfunktioniert und das Projekt löst eine grenzübergreifende Verständigung aus, von der die Politik nur träumen kann. Gegenüber dem Magazin Welt der Tiere sagt Leshem: «In den letzten Jahren fanden in Jordanien wiederholt Seminare für Dutzende Lehrer – Palästinenser und Israeli – statt; und wir arbeiten zusammen wie die besten Freunde! Nur die Politik versagt»

(Wurde auch im Magazin Zeitpunkt veröffentlicht)

Der passende Buchtipp: 

Titel: Eulen
Untertitel: Ein Portrait
Editor: Judith Schalansky
Übersetzer: Meike Herrmann ,  Nina Sottrell
Autor: Desmond Morris
EAN: 9783957570888
ISBN: 978-3-95757-088-8
Format: Fester Einband
Herausgeber: Matthes + Seitz