Wo sind sie geblieben, die Vögel im Garten?

Gerade kürzlich sprach mich eine Leserin an, mit der Frage, wo denn die Vögel blieben. Gemeint sind die Buch- und Grünfinken, die Amseln, die Drosseln, der Gimpel und all die Meisen an der Futterstelle im Garten. In diesem Winter liefe gar nichts, meinte sie, sonst hätten sie immer viel Geflatter und Leben vor dem Wohnzimmerfenster. In der Tat, es scheint heuer stiller zu sein an den Futterplätzen. Nun, als Hobbyornithologe ging ich der Sache nach und unter anderem fragte eine Expertin der Vogelwarte Sempach.

Buchnüsschen, Tannenzapfsamen und Beeren waren im Herbst überdurchschnittlich zahlreich. Die Buchen trugen außerordentlich reich, „so reich wie seit rund 30 Jahren nicht mehr“, heißt es von der Vogelwarte. Diese Nüsschen seien für zahlreiche Vogelarten eine gute und energiereiche Nahrung und das führte dazu, dass die Vögel diesen reich gedeckten Futtertisch in den Wäldern mehr nutzten als die Körnchen an den Futterplätzen in den Dörfern. Der Überfluss an Wildfrüchten seien ein Resultat des milden und trockenen Herbstes. Lange lag auch in höheren Lagen kein Schnee und so war die Nahrung überdurchschnittlich sehr gut verfügbar – „die Vögel hatten schlicht keinen Grund, ans Futterhaus zu kommen“ laut Vreni Mattmann von der Vogelwarte. Der Schnee ist im Unterland längstens wieder weg und die Januarkälte alleine mache den hier überwinterten Vögel nichts aus, solange sie Nahrung fänden. Erst eine über mehrere Tage geschlossene und hohe Schneedecke auch in den Wäldern führe dazu, dass Vögel dann auf der Suche nach Nahrung herumstreifen und die Siedlungen aufsuchen.

Aber lassen Sie Ihr Futterhäuschen noch etwas hängen oder stehen, man weiß nie, ob noch der große Schnee kommen wird.

Der passende Buchtipp: „Vögel füttern – aber richtig“ von Peter Berthold und Gabriele Mohr, Kosmos Verlag, 978-3-440-13178-7

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«Beginnen Sie mit dem Singen unter der Dusche»

Barbara Böhi lebt in Zürich, singt auf großen und kleinen Bühnen und gibt hier Einblicke in ihre Arbeit.

Barbara Böhi, Ihre Liebe zur Musik begann mit einem Erlebnis als Kind im Zürcher Opernhaus. Was ist damals passiert?

Ich war etwa acht Jahre alt, durfte zum ersten Mal in meinem Leben in die Oper und saß in der vordersten Reihe im Parkett. Ich war überwältigt vom Gesang. Ich war so nahe an der Bühne, dass ich den Sängerinnen praktisch hinter die Schminke sehen konnte. In diesem Moment wuchs der starke Wunsch, selber auch dort zu stehen und so singen zu können. Nach 20 Jahren stand ich dann auch dort – allerdings nur im Chor –, aber für mich ein ganz besonderer Glücksmoment.

Sie geben Liederabende, singen aber auch mit Orchestern und Chören von der Tonhalle übers KKL bis auch in Kirchen auf dem Lande. Bereitet man sich auch auf die Orte vor?

In meinen nächtlichen Albträumen irre ich im wehenden Abendkleid in Ortschaften und Kirchgemeindehäusern umher und finde den Weg auf die Bühne nicht. Insofern plane ich meinen Weg immer genau ein, mit viel Zeitreserve. Dann braucht es eine Vorbereitung auf die Akustik. Je halliger die Akustik, umso wichtiger wird die Aussprache, je kleiner der Raum, umso feiner kann man singen.

Ihr Favorit?

Die absolut tollste Akustik hat das KKL; man kann einen feinen Ton singen und hat dabei das Gefühl, in der hintersten, obersten Reihe damit präsent zu sein.

Sie entdecken gern, indem Sie zum Bei- spiel auch mal in der Zürcher Zentralbibliothek auf die Suche gehen. Was muss ein Musikstück haben, damit Sie es singen?

Eine Komposition muss sein wie ein altes, staubiges Möbelstück, welches man auf dem Estrich findet. Ein Möbelstück, dem man sofort die gute Holzqualität ansieht, die schöne Form, die gute Verarbeitung. Solche Stücke bieten die Möglichkeit, sie zu restaurieren und ihnen in der heutigen Umgebung zu einer neuen, eindrücklichen Wirkung zu verhelfen.

Neue Musik gehört ebenso in Ihr Repertoire, unter anderem von George Crump, Arvo Pärt oder Luigi Nono. Es ist ein Genre, dass nicht für jedermann leicht zugänglich ist. Hätten Sie einen Tipp?

Lassen Sie sich herausfordern und überraschen. Hören Sie ohne Erwartungen und Vorurteile. Lauschen Sie mit geschlossenen Augen. Denken Sie sich Bilder, Landschaften, Gefühle dazu. So werden Sie sich durch diese Musik neue klangliche Erlebniswelten erschließen können.

Es wird sogar eigens für Sie komponiert, so von Franz Furrer-Münch. Reden Sie da dann auch mit?
Oh ja. Ich sagte Franz Furrer-Münch einmal, dass es für mich so schwierig sei, in all den Dissonanzen meine Einsatztöne zu finden. Er war so ein feiner, sensibler Mensch und so komponierte er mir beim nächsten Werk viele diskrete Töne vor meinen Einsätzen. Irgendwann merkte ich, dass er aus lauter Rücksicht zu viele solche Töne schrieb. Da fragte ich mich, ob ich mit meinem Wunsch wohl seine Kreativität unnötig eingeschränkt hatte. Form von Kultur kann man dieses Vertrauen wieder finden und vielleicht sogar die Hoffnung, dass das Gute und Schöne gewinnen wird.

In einem Interview mit dem Schweizer Fernsehen SRF gaben Sie mal Auskunft über oft gemachte Fehler beim Singen. Ich singe überhaupt nicht, möchte es aber gern mal versuchen. Wo soll ich anfangen?

Oh, wunderbar, dass Sie singen möchten! Beginnen Sie unter der Dusche! Singen Sie nach Herzenslust, wann immer es Ihnen danach ist. Wenn Sie auch ein wenig Noten lesen können oder gar Tenor sind, dann rollen Ihnen die Chöre den roten Teppich aus. Wenn die Stimme gar nicht anspringt und das für Sie ein großes Problem ist, dann kommen Sie ins SingStimmZentrum Zürich.

Ein Kompetenzzentrum für Menschen in Schlieren bei Zürich, die singen . . .
Genau, Das Zentrum habe ich mit der HNO-Ärztin und Phoniaterin Dr. med. Salome Zwicky vor vier Jahren gegründet. In unserem Zentrum werden alle Probleme rund um die Sing- und Sprechstimme umfassend abgeklärt und interdisziplinär angegangen. Als Kompetenzzentrum bieten wir rund um alle Fragen zur Singstimme Therapien, Gesangsunterricht, Weiterbildungen und Vorträge an.

Sie leben in Zürich-Altstetten, diesem Stadtteil im Westen, der sich schnell verändert. Was lieben Sie an Ihrem Stadtviertel? Oder was würden Sie gern verändert haben?

Ich liebe an diesem Stadtteil, dass er sich verändert! Genau wie in der Musik suche ich das Neue, Herausfordernde und Lebendige. Da bin ich in Altstetten genau richtig.

Weitere Informationen über Barbara Böhi und Konzertdaten: www.barbara-boehi.ch

Das Interview wurde auch veröffentlicht in der Zeitung Zürich West

Gutschein für Nichtlesende

In der Straßenbahn traf ich Adrian*. Ich kenne ihn noch vom Zivilschutz her. Wir haben zusammen Patienten zwischen Krankenhäusern und Wohnheimen transportiert – ist lange her. Adrian ist ein netter Kerl, stolzer Familienvater und auf der Bank verschiebt er Millionen von Zürich in alle Welt. Er liest „20 Minuten“ und „Blick am Abend“ aber nicht mehr. Er gesteht, dass er sich mit dem Bücherlesen schwertut. Nach vier Seiten verlässt ihn der Wille, ja die Freude. Er sei eben ein Filmfreak aber im gleichen Atemzug gibt er zu, dass dies natürlich kein Ersatz fürs Lesen sei. „Aber was tun?“ fragt er frei und offen und rollt das Gratisblatt zusammen.

Geht es Ihnen vielleicht ähnlich? Wenn ja, dann verwandeln wir nun diese Kolumne in einen GUTSCHEIN. Schneiden Sie diese Kolumne aus und legen Sie diese einer Bibliothekarin oder Buchhändlerin in die Hände und sagen Sie zu ihr: „Bitte lesen Sie das“:

Liebe Buchhändlerin, liebe Bibliothekarin,

Geben Sie dieser Person ein Buch, das die Lust des Lesens entflammt oder wiedererweckt. Es soll süchtig machen und bewirken, dass die Dame oder der Herr wiederkommt und gierig ruft: „Ich will mehr!“ Nehmen Sie sich Zeit, und wandeln Sie durch die Regale während der Gutscheinbesitzer der Lektüre harrend irgendwo Platz nimmt.

Tja, meine Leserinnen und Leser, so finden Sie gewiss den Weg zu einem Leseerlebnis der neuen Art und dann werden Sie vom Balkon herunterschreien: „Wie konnte ich ohne Bücher so lange leben!“. Es grüßt, Ihr Lesens-Retter.

Urs Heinz Aerni

*Name wurde aus Schutzgründen geändert.

 

Das passende Buch: „Eine Geschichte des Lesens“ von Alberto Manguel, S. Fischer Verlag, ISBN 9783596175154