Szene in einem Asylbüro in Innsbruck

«Setzen Sie sich.»

«Dangge.»

«Sie suchen also bei uns einen Job.»

«Ja, wissen Sie …»

«Was für Berufserfahrungen bringen Sie denn mit?»

«Nun, ich arbeitete als Skilehrer, Pistenfahrzeugfahrer, Schneekanonen­
bediener, als Gondelbahntechniker, Münzleerer der Billettautomaten …»

«Hmm …»

«Ich habe auch im Service ausgeholfen, an der Bar Drinks gemixt, den Touristinnen in den Pelzmantel geholfen und …»

«Okay, okay, klingt ja alles gut und schön. Das sind natürlich alles Erfahrun­ gen, die wir hier im Tirol brauchen können. Wie schaut es denn mit Sprache und Umgangsformen aus?»

«Mein Bündnerdeutsch kam immer saugut an, denn natürlich habe ich Englisch, Russisch und Italienisch gebüffelt. Aber seit die Touris immer mehr wegblieben …»

«Wir kennen euer Problem. Aber dass Sie gleich um einen Asylantrag bei uns hier in Österreich bitten?»

«Wissen Sie, seit dem Euroknicks damals, und als die Russen und so nicht mehr kamen, und dann die Überteuerung nach der Olympiade, äh und dann noch die Boden­ und Mietpreise …»

«Ja, ja, wir wissen von der Not bei euch, aber …»

«Und dann, als bei der nationalen Abstimmung die Österreicher unseren Antrag zur Übernahme als neues Bundesland ablehnten, dann …»

«Seit dann landen bei uns im Aufnahmezentrum eben Leute wie Sie aus dem Graubünden.»

«Aber ich kann doch all das, was bei Ihnen nun voll angesagt ist.»

«Schon, aber …»

«Was, aber?»

«Wir reden hier nicht bündnerisch, und unseren Schmäh habt Ihr ja auch nicht grad intus, oder?»

«Kann ich doch lernen.»

«Das bezweifle ich, Ihr seid ja heute noch stolz auf die verflossenen Zeiten. Ich gebe ja zu, wir mussten auch lange üben, um das K&K­ Gehabe aus dem Blut zu bringen. Aber jetzt boomt bei uns der Tourismus, da ist eben Austrianess sehr wichtig.»

«Das verstehe ich ja, aber …»

«Nun, wir haben aus Chur die Meldung erhalten, dass Leute in Graubünden gesucht werden und Jobs zu haben seien.» «Ich weiß …»

«Mein Lieber, Sie müssen eben umdenken und sich umschulen lassen.»

«Hmpf.»

«Das sind doch neue Berufe, die Sie erlernen können für Ihre alte Heimat, statt zu uns ins Tirol zu kommen.»

«Och …»

«Das sind doch tolle Herausforderungen! Hier das Blatt mit den Listen der Arbeitsstellen, die bei Ihnen zu haben wären.»

«Aber das habe ich noch nie gemacht.»

«Lesen Sie vor.»

«Assistent bei biologischen Forschungen im Camp der Uni Berlin, Hilfs­arbeiter im Bereich nachhaltige Waldpflege, Kartierung mit Zusatzausbildung in Ornithologie, Begleitung der Reservats­Grenzsicherung, Servicehilfe im Camp der Naturforschergruppe der Uni Cambridge, Raumpflege im Forschungslabor für Biodiversität der Uni Zürich … eben.»

«Was, eben?»

«Habe ich noch nie gemacht, möchte lieber Ratrac fahren, Baukran steuern oder Bike­Pisten ausstecken.»

«Das, mein lieber Bündner, machen wir hier nun selber. Und dazu haben wir mehr als genug Leute, sehr gute sogar, die nach dem Aufbau von Syrien wieder bei uns sind und ihre Erfahrungen auf den Baustellen mitbringen.»
«Also keine Chance für mich?»

«Leider nein. Aber gerne setze ich ein Empfehlungsschreiben auf als Refe­ renz für Ihre Rückkehr nach Graubünden.»

«Aber da wird nicht mehr gebaut, da ist nur noch Wildnis mit wilden Tieren und Forschern.»

«Darum, mein Lieber, beginne ich langsam, Sie zu beneiden.»

 

Der Beitrag ist in der Anthologie „Visionen Graubünden 2050“ im Verlag Somedia erschienen. Der Bündner Regierungsratspräsident, Christian Rathgeb, fragte als Herausgeber viele verschiedene Menschen an und bat um einen Text zur Frage, wie der Kanton Graubünden 2050 aussehen könnte. 

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