Verein gegen alles?

Was haben wir gestaunt, ja gelacht über die Gründung der Auto-Partei damals, einer Vereinigung von Autobesitzern, die sich auf politischer Bühne ihr Recht auf geteerte Lebenswege erkämpfen wollten – gibt es die noch? In Deutschland existiert aber auch ein Verein der «Autofreien», die entsprechende Reaktion also. Es werden auch Mitglieder aufgenommen, die «noch ein Auto» haben. Als autobefreiter Bahnbenutzer machte ich mir da schon Beitrittsgedanken, aber dann hielt ich inne. Mich stört ja auch dies und jenes in unserer hoch zivilisierten Welt, und wenn all dem Ungemach des Alltags mit Vereinen, Parteien und Klubs begegnet werden müsste, so fänden wir uns doch laufend an Generalversammlungen wieder. Wenn mir so ein erdverkrusteter Biker auf dem Wanderweg auf 1500 Metern über Meer vor die Füße kommt, dann wäre ein «Klub der Wanderer gegen die Mountainbiker» fällig? Wenn neben mir ein unsäglich alter Schlagersong als Handyklingelton losträllert, dann ruf ich nach der «Partei gegen schlechten Musikgeschmack im iPhone-Format». Wenn eine Bierdose auf dem Seewasser schaukelt, dann wäre ein «Verein gegen Büchsen bei den Fischen» nötig, oder? Und wenn ein Laubbläser gegen nasse liegende Baumblätter lärmt, dann gründen wir eine «Interessengesellschaft gegen Hauswarte im Ghostbusters-Look».

Aber vielleicht gründen wir schlicht einen «Klub der vernünftigen Menschen, die die Umwelt schonen, besonnen genießen und zu künftiger Lebensfröhlichkeit und Gelassenheit aufrufen»?

Oder noch besser, wir tun das alles einfach und falten die Traktanden Papierfliegern.

 

Das passende Buch dazu: „Vereins- und Stiftungsrecht“ von Hans-Michael Riemer, Stämpfli Verlag, ISBN 9783727225628

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„New York ist ein Vulkan“

Der in New York lebende Schweizer Musiker und Komponist Daniel Schnyder erwartet von der Kunstszene mehr Inhalt statt Hüllen. Nun kommt er nach Europa und in die Schweiz für Konzerte.

Urs Heinz Aerni: Sie leben für und von der Musik als Komponist, Saxofonist und Flötist aber nicht in Ihrem Geburtsort Zürich, sondern New York. Was hat diese Stadt, was Zürich nicht hat?

Daniel Schnyder: Zürich ist eine wunderbare Stadt; vielleicht eine der schönsten der Welt.

Aerni: Was macht es denn aus?

Schnyder: Man kann in der Limmat und im See baden. Das kann man im East River sicher nicht, da geht man einmal baden; mit einem Betonklotz am Fuß….

Aerni: Aha, die alten Mafiafilme…

Schnyder: Ja, aber New York hat natürlich eine unglaubliche Anziehungskraft und eine Ästhetik, die jeden fasziniert. Alles ist groß, gewaltig und klotzig, aber auch wunderschön im Detail. Die Stadt hat eine babylonische Qualität. Man sieht alle Arten von Menschen, arm, reich, alle Mischungen, die man sich nur denken kann, man hört alle Sprachen und man findet in allen Bereichen tolle Künstler, die hier ausharren und arbeiten. Die Stadt hat eine andere Dynamik als Zürich.

Aerni: Ist es der Größenunterschied?

Schnyder: Zürich ist saturiert, aufgeräumt, schön, sauber und gemütlich – das ist New York nicht. Aber New York fasziniert, immer wieder neu. New York ist ein Vulkan, der seine Kulturbimssteine weit in alle Länder ausspuckt, wo sie dann viele Jahre später fruchtbare Kulturlandschaften bilden.

Aerni: Wie eben der Jazz.

Schnyder: Genau. Jazz ist da ein tolles Beispiel. Überspitzt gesagt: New York ist die Sonne, Zürich ist Trabant. Wenn es schneit in New York ist das auf der Titelseite des Tages-Anzeigers und der NZZ mit Bild. Wenn es in Zürich schneit, wird das in der New York Times gar nicht wahrgenommen.

Aerni: Und doch finden Sie durch ihre Tour und „Residence“-Einladungen immer wieder zurück in die Schweiz. Wie erleben Sie die hiesige Musikszene und deren Entwicklung?

Schnyder: Die Schweiz hat viele tolle junge Musiker! Das Potential ist groß. Leider gibt es zu wenig Selbstvertrauen und leider kaum Vertrauen der Gesellschaft und deren öffentlichen Institutionen in die eigenen Künstlerinnen und Künstler.  Die Schweiz ist ein extremes Kulturimportland.

Aerni: Haben wir Hemmungen?

Schnyder: Hier herrscht in weiten Kreisen noch ein recht romantisches Künstlerverständnis.

Aerni: Wie meinen Sie das?

Schnyder: Man muss Fahrradfahren – am besten ein altes altes rostiges – und arm sein, sonst ist die Kunst gleich anbiedernd, kommerziell und nicht randständig und revolutionär genug. Das ist natürlich absurd.

Aerni: Sie reden von der hiesigen Kulturförderung…

Schnyder: Immer wieder hört man bei offiziell bezahlten Kulturunterstützern die Meinung: „Ja dae häts doch nümmä nötig, dä isch so erfolgrich…“. In Amerika geht das grad umgekehrt.  Da denk ich, dass trotz Swissness etc usw in dem Bereich des kulturellen Selbstverständnisses noch einiges entwickelt werden kann.

Aerni: Mentalitätsfrage?

Schnyder: Ja, vielleicht liegt das ja auch in der Natur des Schweizers, dass er das Eidgenössische, also das Kollektiv fördert und dem Individuum kritisch gegenübersteht: „dä mues gar nöd maine etc….’’. Das hat natürlich politisch gesehen auch seine Vorteile, kulturell ist das aber nicht gut. Das heißt dann man investiert alles Geld in Musikschulen und andere Hüllen, aber nicht in die Menschen, die den Inhalt machen. Also schlussendlich hat man 10 0000 Hüllen und keinen Inhalt; dann muss man den Inhalt importieren… Ja. So geschehen in der ganzen Schweiz überall wo man hinschaut.

Aerni: Was raten Sie denn unserem Nachwuchs?

Schnyder: Ich rate allen jungen Schweizer Künstlerinnen und Künstler, die nicht in jungen Jahren schon institutionalisiert werden wollen – in Schulen oder Orchestern -, wie der „Grüne Heinrich“ von Gottfried Keller halt nach Deutschland zu ziehen. Auch wenn nichts draus wird, ist es trotzdem ein Versuch wert. Zuhause bleiben geht wegen der Größe des Landes und der Mentalität nicht. Verstehen sie mich richtig:, ich liebe die Schweiz und ich bin Schweizer…

Aerni: Keine Bange, Sie werden sicher richtig verstanden. Sie spielen in der Tonhalle Zürich aber auch im La Marotte in Affoltern am Albis. Gibt es eigentlich eine Provinz? Wenn ja, was macht sie aus?

Schnyder: Es gibt im Sinne des Jazz keine Provinz. Das ist eine internationale Musik mit einer klitzekleinen Hörerschaft; aber das weltweit. An Jazz ist nichts Provinzielles dran. Jazz ist Antiprovinzmusik per Definitionem.

Aerni: Unsere Gesellschaft wird von Musik überflutet. Einerseits durch Berieselung auf Bahnhöfen und in Einkaufszentren, andererseits tragen wir unsere ganze Sammlung im iPod mit und können sie überall hören. Hat der Umgang mit der Musik eine Veränderung erfahren mit deren Umgang und Genuss?

Schnyder: Ja; das Problem ist; Musik ist nun omnipräsent und … gratis.  Niemand in der jungen Generation will überhaupt noch was zahlen für einen Tonträger. Das kann man alles direkt streamen. No need to pay for it. Und alle Musik ist vorhanden: alles auf Knopfdruck da.  Das führt dazu, dass eine Entwertung der Musik stattgefunden hat. Das wiederum hat mittelfristig gewaltige Konsequenzen für die Recording Industrie. Ich denke, dass die professionelle Kunst der Tonaufnahme – also so richtig in einem guten Tonstudio – ein Auslaufmodell ist; niemand will das bezahlen. Da ist null Geld drin im Moment.

Aerni: Und?

Schnyder: Also, wir werden viele Duo- und Triosachen haben, aber immer weniger neue Orchesterwerke oder Kammermusikwerke. Die Aufnahmen werden Liveaufnahmen sein und die Qualität wird einfach Dokumentation sein. Das sieht man schon jetzt bei den Besten der Besten wie bei den Berliner Philharmonikern als Beispiel.

Aerni: Was erwartet das Publikum am 26. Oktober in Affoltern, wenn Sie zusammen mit Marcin Grochowina, Graziella Rossi und Helmut Vogel auftreten?

Schnyder: Wir werden Bernstein ausleuchten. Lenny war einer der charismatischsten und universellsten Musiker des zwanzigsten Jahrhunderts, und ein typischer New Yorker. Lenny ist ein Produkt New Yorks. Sein Leben ist so schillernd und verblüffend, dass sie sich garantiert allerbestens unterhalten. Musikalisch werden wir natürlich Stücke von Bernstein spielen – auch die Knüller –  aber auch das Umfeld ausloten! Gustav Mahler, aber auch Cole Porter etc. sind mit dabei…

Aerni: Wenn ich ein Gemälde malen müsste, mit einem Menschen, der Ihre Musik hört, wie müsste es aussehen?

Schnyder: Hm … interessante Frage. Ich schreib natürlich viele Arten von Musik. Also es gibt den meditierenden Menschen, der da sitzt und die Musik wahrnimmt, dann aber auch den denkenden Menschen der konzentriert, mit geschlossenen Augen zuhört, aber dann auch den tanzenden Menschen und den spielenden Menschen also den homo ludens, dann natürlich auch den Narren. Wie es von Buddha ganz verschiedene Buddhas gibt, je nach Wochentag, so ist das auch bei meiner Musik und meinen Hörern.

 

Infos:

Daniel Schnyder wurde 1961 in Zürich geboren und lebt seit 1992 als erfolgreicher Komponist, Saxophonist und Flötist in New York. Seine Musik findet prägt die verschiedensten Bereichen mit, wie Neue Musik, Klassik oder Jazz. Er reist über zu Konzertbühnen auf der ganzen Welt und wurde mit diversen Preisen ausgezeichnet. Mehr Informationen sind hier zu finden: www.danielschnyder.com

Handschriften von Herrmann Hesse

Auf der Reise in Deutschland vertraute mir ein Herr an, dass er zu Hause Originalhandschriften von Herrmann Hesse habe. Die würden schon lange bei ihm lagern. Ich bat um Beispiele, die heute eintrafen. In der Tat, es scheinen echte Briefe und Notizen zu sein. Nun, veranlasse ich mal die nächsten Schritte, da der Herr sich bereit erklärte, diese Blätter der interessierten Öffentlichkeit und der Literaturwissenschaft zur Verfügung zu stellen. Wir werden sehen, wie es weiter gehen soll und ich halte Euch auf dem Laufenden.

Meine Dentalhygienikerin, sein Kampf und mein Zahn

Am Samstag sagte meine Dentalhygienikerin, dass sie in ihrer Lieblingsbuchhandlung versucht habe, die neue und kommentierte Ausgabe „Mein Kampf“ zu lesen. Sie habe aufhören müssen, da sie kein Wort verstand. Ich versuchte herauszufinden, ob sie den Text des Massenmörders meine oder die Kommentare der Historiker. Das wisse sie nicht aber sie würde mich engagieren für eine Anleitungsberatung. Wieso nicht, dachte ich. Aber sie hätte auch aus einem anderen Grund aufgehört zu lesen: Plötzlich standen zwei Rabbiner vor ihr…
Nun habe sie sich beschlossen, einfach eine Biografie über diesen österreichischen Überzeugungsdeutscher zu lesen. Und der Zahnärztin zeigte sie einen Zahn, der durchs Kauen gespalten wurde. „Tja, der muss leider raus“…
Eine gute Woche, wünsche ich.

Swiss mit „Swissair-Komplex“?

Historiker Benedikt Meyer hat die Geschichte der Swissair untersucht. Sein Buch «Im Flug. Schweizer Airlines und ihre Passagiere 1919–2002» erscheint nun in zweiter Auflage. Ein Gespräch über Aufstieg und Fall einer Schweizer Ikone.

Welche Rolle spielte die Swissair im Selbstverständnis der Schweiz?
Benedikt Meyer: Eine extrem wichtige: Die Schweiz und die Swissair waren kaum zu trennen. Das fängt schon beim Namen an, das Land verschmolz mit der Fluggesellschaft. Und nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Landeswappen zum Firmenlogo. Und zwar, weil der Bund das per Gesetz von der privaten Firma verlangte.

Aber es funktionierte.
Ja. Die Swissair war das perfekte Symbol für die Erfolgsgeschichte der Schweiz im 20. Jahrhundert. Die Wirtschaft florierte, das Land kam voran und parallel dazu erschloss die Swissair Destination um Destination. Die Leute waren stolz auf die Nationalairline und diese trat patriotisch auf. Sie legte Wert auf Schweizer Tugenden, wie Pünktlichkeit, Präzision oder Mehrsprachigkeit. Der Historiker Jakob Tanner nannte sie treffend «fliegende Nationalhymne».

Gibt es andere Fluggesellschaften, die eine ähnliche Bedeutung für ihr Land haben oder hatten?
So ziemlich jede. Die Fluggesellschaften wurden seit dem Ersten Weltkrieg stark patriotisch aufgeladen. Das hatte einen Grund: Man musste dem «kleinen Mann von der Strasse» erklären, warum er mit seinen Steuern ein Transportmittel für die oberen zehntausend subventionieren sollte.

Man konnte sich via Airlines quasi ein Label geben.
Die Fluggesellschaften haben gewaltige Prestigeerfolge erreicht. Air India landete 1948 in London. Die kolonisierten Inder landen selbstständig im Herzen des Empire, das war für Indien ein wichtiges Zeichen. Oder Japan Airlines: Die startete 1951 mit einer Maschine und wird 1982 zur weltgrössten Fluggesellschaft. Oder schauen Sie sich mal die Streckennetze von Pan Am, Swissair, British oder Aeroflot an. Das war eine symbolische Eroberung der Welt. Max Hymans von Air France sprach auch von der «zivilisierenden Wirkung» seiner Fluggesellschaft.

Wie sieht das heute aus?
Heute setzt beispielsweise die Türkei noch auf die Symbolik einer grossen Fluggesellschaft. Die Golfstaaten investieren ebenfalls massiv in die Airlines als weitherum sichtbare Symbole ihres Aufstiegs. Weitere grosse Airlines aus kleinen Ländern ­waren Singapore oder Cathay Pacific in Hongkong.

Was hat die Swissair denn ausgezeichnet? Was hat sie besser gemacht als die anderen?
Das Wichtigste war das Allerlangweiligste: Die Swissair war zuverlässig. Wenn Sie irgendwohin fliegen, wollen Sie sicher sein, dass der Flug klappt. Bei der Swissair gab es in 71 Jahren einen einzigen Streiktag – und der war vom Bundesrat bewilligt.

Viel war ja damals auch vom guten Service die Rede.
Die Swissair-Leute waren motiviert und haben gute Arbeit geleistet. Besonders überrascht hat mich die Werbung. Die hatte einen eigenen Stil, war oft wirklich witzig und teilweise sogar frech. In einer Anzeige hat die Swissair dazu geraten, auch mal mit anderen Airlines zu fliegen, die seien nämlich auch ganz nett. Das nenne ich Chuzpe.

Welche Rolle spielte die ­internationale politische ­Funktion der Schweiz ?
Die Swissair hatte gute Verbindungen, in Afrika beispielsweise war sie unheimlich stark. Weiter könnte man auch ein paar Dinge erwähnen, welche die Schweiz international interessant gemacht haben, wie das Bankgeheimnis oder der UNO-Standort Genf. Besonders angetan haben es mir aber auch die Leute an der Spitze. Die meisten konnten richtig gut rechnen und waren sehr vernünftige Leute. Sie haben beispielsweise das für viele schönste Flugzeug der Geschichte – die Super Constellation – nicht gekauft, weil das hässliche Konkurrenzprodukt im Betrieb ein bisschen billiger war.

Bei den Banken hat man gesagt, die sind «too big to fail», und hat sie deswegen mit Steuergeldern gerettet. Wäre das nicht auch beim Swissair-Grounding eine Option gewesen?
Nein. Erstens war das Grounding 2001. Davor hat man jahrzehntelang überall liberalisiert, privatisiert und war überzeugt, dass der Staat so wenig wie möglich in den Markt eingreifen soll. Grosse Interventionen wurden erst mit der Finanzkrise 2008 wieder möglich. Zweitens: Wenn Sie in eine Gesellschaft investieren, die vor dem Kollaps steht, dann müssen Sie einen Plan haben, was Sie mir ihr machen. Und den gab es für die Swissair nicht. Die Swissair war zu gross, zu teuer und seit Jahren nicht mehr profitabel.

Die Krise war absehbar?
Die Swissair befand sich schon lange auf dem falschen Kurs und Mario Corti hat das Steuer nicht herumgerissen. Die Reformen hatten nicht die gewünschte Wirkung, es brauchte einen Neuanfang.

Der Swissair-Untergang war ja für viele eine Katastrophe, man denke auch an den Spielfilm.
Das Grounding wird aber masslos überbewertet. Warum die Swissair am 2. Oktober 2001 kein Geld in der Kasse hatte, ist letztlich ein Detail. Viel wichtiger wäre die Frage, wie sie es von der «fliegenden Bank» zum bankrotten Scherbenhaufen gebracht hat.

Sie haben Ihre Dissertation 2014 beendet. Verfolgen Sie die heutige Aviatikszene noch?
Ja, aber aus sicherer Distanz. Die Schweizer Fliegerwelt ist stellenweise ziemlich absurd. Die Swiss beispielsweise hat grosse Komplexe wegen der Swissair. Einerseits hat sie die Marke gekauft und tut alles dafür, in den USA oder in Asien für die umbenannte Swissair gehalten zu werden. Wenn man die Swiss aber auf die Swissair anspricht, heisst es «Wir haben nichts damit zu tun». Aus juristischer Sicht ist das okay. Aus menschlicher Sicht ist es Quatsch. Sie können ein Erbe nicht für sich beanspruchen und es gleichzeitig ausschlagen.

Aber es gibt ja noch immer die Fans und Freunde der Swissair.
Ja, es gibt die Swissair-Ehemaligen und das ist eine ganz spezielle Geschichte. Da gibt es durchaus kritische Geister. Andere hingegen schwelgen in einer Zeit, die es nie gegeben hat, und lassen die «Swissair-Familie» hochleben. Mir fehlt da der kritische Diskurs. Ein Jumbopilot im letzten Dienstjahr verdiente 1990 230 000 Franken. Es folgte ein Jahrzehnt voller Probleme und Verluste und wie viel verdiente ein Pilot derselben Kategorie im Jahr 2000? 300 000 Franken. Trotzdem habe ich noch keinen Piloten getroffen, der das mit der Misere der Swissair in Verbindung gebracht hätte. Viel lieber schiesst man auf einfache Ziele, auf diesen oder jenen Manager, der am Debakel schuld sein soll. Das ist doch Unsinn, eine Firma wie die Swissair versenkt keiner im Alleingang.

Das Buch: Im Flug, Benedikt Meyer, Ausgabe: 2., unveränderte Auflage (2016), Chronos Verlag,  ISBN/EAN: 9783034012386, Seitenzahl: 370

«Das Handeln ist zentral»

Was bewirkt das Malen? Ein Interview mit Kunst- und Maltherapeutin Irma Grieder.

Wir leben ja in einer bunten Welt, und doch soll Malen recht viel bewirken. Kunsttherapie und Begleitetes Malen bieten Sie und Ihre Kolleginnen an. Nennen Sie mal drei Gründe, warum das guttut?

Beim Malen nehmen Sie sich Zeit für sich und Ihre Kreativität. Durch das Malen kommen Sie in Kontakt mit Ih- ren Bedürfnissen und Wünschen. Sie werden durch das Malen Veränderungen erleben.

Begleitetes Malen gehört zu den Angeboten der Ateliergemeinschaft. Wie muss man sich das vorstellen? Wird beim Malen geredet?

Die wichtigste Tätigkeit ist das Malen, das Auftragen der Farbe auf das Papier. Gesprochen wird, wenn die Arbeit am Bild nicht mehr fließt, wenn Schwierigkeiten auftauchen, dann bin ich als Malbegleiterin da, unterstütze die malende Person und das Bild.

In unserer Gesellschaft geht viel über Kopf und Sprache, welche Nischen füllt denn das Malen aus?

Beim Begleiteten Malen im Atelier ist das Handeln zentral. Viele Menschen erleben beim Malen eine Zeit der Stil- le, der Achtsamkeit und der Fürsorge. Die eigene Intuition kommt zum Tragen, und Ressourcen werden entdeckt, Veränderungen sind dann auch in den Bildern sichtbar.

Und bei Ausnahmezuständen …?Wenn jemand eine Krise durchlebt, hat er oder sie häufig schon Verschiedenes ausprobiert. Das Malen ermöglicht einen anderen Zugang zu einer Fragestellung. Neurobiologische Forschungen haben gezeigt, dass Bilder Gefühle verändern und dadurch heil- sam wirken können.

Was bringt das Begleitete Malen für Menschen, die vielleicht nicht gerade in einer Krise stecken? Lohnt sich auch mal eine Schnupperstunde, obwohl man karriere- oder gefühlsmäßig voll auf Touren ist?

Ja, jeder Mensch kann von der ruhigen und konzentrierten Atmosphäre im Atelier profitieren. Jederzeit sind Entdeckungen und Veränderungen möglich, die kreative Aktivität kann eine willkommene Auszeit vom Alltag bieten; es lohnt sich, das selber zu erleben. Malen wirkt auch präventiv.

Der Klient oder Kunde steht also in Ihrem Atelier, in Malerschürze, und vor einem hängt das weiße Blatt und auf dem Tisch steht eine Reihe von Farbtuben. Wie gehts nun weiter?

Jede Person darf malen, was sie möchte, es gibt in unserem Atelier also kein vorgegebenes Thema. Das Bild entsteht nach und nach; wenn jemand Hilfe braucht, bin ich da und unterstütze.

Sie und Ihre Kolleginnen haben eine Ausbildung für Kunsttherapie oder auch zum Beispiel für «Lösungsorientiertes Malen» hinter sich. Was fordert eine solche Schulung von einem selber ab?

In der Ausbildung sind das eigene Malen und die Auseinandersetzung mit der Biografie zentral. Wertfreies Wahrnehmen vom Entstehungsprozess steht immer wieder im Fokus, dazu braucht es auch ein fundiertes Wissen über psychologische und seelische Prozesse sowie ein breites Inventar an therapeutischen Interventionsmöglichkeiten.

Die da wären?

Es gibt verschiedene maltherapeutische Methoden: Das Begleitete Malen ist prozessorientiert, das heißt, die Bilder werden intuitiv ohne Themenvorgaben gemalt. Beim Lösungsori- entierten Malen wird für ein definiertes Problem eine Veränderung gesucht; dafür werden einfache, klare Bilder geschaffen.

Gibt es für Sie eine Lieblingsfarbe?

Ich liebe alle Farben; welche ich im Moment bevorzuge, hängt von meiner Befindlichkeit, meinen Gefühlen und Bedürfnissen ab. Ich erlebe immer wieder, wie eine Farbe neben einer anderen eine neue Wirkung hervorbringt. Farben und ihre Kom- binationen mit anderen faszinieren mich.

Das Interview ist in der Zeitung ZÜRICHBERG erschienen.