Idee für Graubünden?

„Ich beneide Sie!“, sagte mir der Herr am Nachbartisch in einem Hotel irgendwo in Deutschland. Immer wenn ich auf die Frage nach meinen Wohnorten „Lenzerheide“ oder einfach „Graubünden“ nenne, dann beginnen die Augen zu glänzen und man rückt mit den Stühlen näher an mich heran, um noch mehr Fragen zu stellen.

Was macht denn Graubünden so aus, frage ich gerne auf meinen beruflichen Trips im großen Kanton. Immer wieder erstaunlich, was da zurück hallt: Herrliche Bergwelt, der Nationalpark, die weiten Täler, der Dialekt, das Licht, die Seen, die Nähe zu Kühen und sonstigem lieben Vieh, die Wiesen, die glitzernden Flüsse und so fort und so weiter.

OK, OK, meine ich dann jeweils, und was findet Ihr sonst noch so toll? Echt cool sei die Absage an die Olympischen Spiele: „Tut Euch das bloß nicht an, die zocken doch nur ab und hinterlassen Bausünden, die keiner mehr braucht.“ heißt es dann.

Ich hake nach: „Und wo macht Ihr denn so Urlaub?“

Diese Frage lässt die Stühle wieder etwas von mir weg rücken und die begeisterten Blicke verwandeln sich in Verlegenheitsgesten. Die Hotels seien ja schon klasse, die Freundlichkeit legte ja auch enorm zu und weit sei es ja schon nicht aber … diese Preise. Und wenn Bayern und Österreich oder das Südtirol nicht so gleich in der Nachbarschaft lägen…

Fazit: Graubünden genießt einen fantastischen Ruf in Deutschland, der aber wenn es um Geld geht, ziemlich schnell pulverisiert wird. In Zürich lud vor kurzem ein nordisches Möbelhaus zur einer „Ideenmesse“ ein. Ich glaube, ich gehe mal hin und frage, ob die helfen, wie wir Graubünden neu erfinden könnten. Oder hätten Sie eine Idee?

 

Der passende Buchtipp: „Schnee, Sonne und Stars – Wie der Wintertourismus von St. Moritz aus die Alpen erobert hat“ von Michael Lütscher, Verlag NZZ Libro, ISBN 9783038100409

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Service Public?

In der Schweiz wurde eine Volksabstimmung lanciert, mit der Frage, ob der Service Public oder der Grundservice für die Bevölkerung immer mehr unter das Gesetz der freien Wirtschaft geraten soll. Ist es richtig, dass die Grundversorgung für steuerzahlende Bewohnerinnen und Bewohner von marktorientierten und gewinnoptimierenden Konzernen umgesetzt werden? Während in anderen Ländern Wasserleitungssysteme oder Eisenbahnen in privatem Besitz stetig desolater im Unterhalt und im Service werden oder sogar zurück in die staatliche Verwaltung geführt werden müssen, verwandeln sich in der Schweiz Psychiatrische Kliniken und Spitäler in Aktiengesellschaften mit Renditezielen und Dividenden. Wirtschaftsnahe Medien wie die NZZ bekämpfen die Initiative unter anderem als nostalgische Sehnsucht zu alten Systemen als die die Swisscom, die Post und Postfinance PTT hießen.
Es geht nicht um die gute alte Zeit der PTT und auch nicht hauptsächlich um die Löhne der Manager. Es geht darum, dass durch die Teil- und Ganzprivatisierungen von Unternehmen, die die Gesellschaft eines ganzen Landes prägen und steuern, eine renditebedingte Verschlechterung in der Qualität des Services in kleinen Schritten zu beobachten ist. Indikatoren zum Beispiel sind: der Verzicht der Minibar in der Bahn und Unterminierung der Idee des GA, die Schließung von Postfilialen und Briefmarkenautomaten und parallel eine Zunahme von Gebühren bei Postschaltergeschäften wie Ferienumleitungen, Nachsendungen und Einzahlungen sowie die Preisstruktur von Postsendungen ins Ausland, begonnen bei Büchersendungen. Dann sei noch die Annäherung der Programmstrukturen der SRG an Sendeformaten der Privatsender erwähnt und die komplexe Welt der Produkteangebote in der mobilen Telefonie. Wo endet der Service Public und wo soll der freie Markt beginnen? Beim Strom, bei der Feuerwehr oder Bildung, beim Naturschutz oder Wasser?
Statt Steuern, investiere ich mein Geld in einen funktionierenden Staat. Der hat die Aufgabe, eine Grundlage, eine Infrastruktur für die Bürgerinnen und Bürger zu schaffen, die so sich frei entfalten und wirtschaften können. Wenn aber jeder Service in sich selber durch Gebühren und Outsourcing rentabel sein muss, dann frage ich mich, ob ich in einen falschen Staat investiere.

Tipps zum Gotthard

Der neue Gotthardtunnel wird als Jahrhundertprojekt bezeichnet. Schon fast wird mit dem gleichen Atemzug das Loch aller Löcher zusammen mit dem Eiffelturm und Miss Liberty erwähnt. Ob uns dann die Tessiner näherkommen oder umgekehrt, wird sich weisen, denn trotz Lötschbergtunnel, sind wir immer noch die „Üsserschwyzer“ für die da im Wallis. Aber in Vorfreude auf die 20 Minuten langen Tunnelfahrt ohne Aussicht aber mit der Aussicht während dieser Zeit in schönen Büchern blättern zu können, seien aus der Flut der Gotthard-Novitäten diese drei Titel hervorgehoben:

 

  1. „Gotthard – Gottardo“, herausgegeben von Marianne Burkhalter und Christian Sum, Scheidegger & Spiess

Dieses unglaublich dicke querformatige Werk mit fast 1000 Seiten Papier, liegt schwer auf den Knien aber elegant auf dem Wohnzimmertisch. Es ist ein Kompendium voller historischen Karten, Grafiken und Bauplänen von Postaustos und Lokomotiven. Portraitskizzen von Künstlern, geologische Querschnitte, Konstruktionszeichnungen von Brücken und Weichen. Kurz: Ein Leseschinken mit ungeahnter Tiefe um sich blätternd verheddern zu lassen. Allfälligen Gegnern dieses Bahntunnels könnte man sagen, dass es ohne den Tunnel dieses Prachtsbuch nicht gäbe, was doch schade wäre.

 

2. „Gotthard – Der Pass und sein Mythos“ von Helmut Stalder, Orell Füssli

Stalder ist ein lesenswertes Buch gelungen, dass einen Einstieg ermöglicht in die sagenhafte Welt rund um das Massiv namens Gotthard. Was gefällt, sind nicht nur seine Ausführungen zu Hintergründen von Schlachten und Gerüchten, sondern auch die zahlreichen Zitate aus historischen Schriften. Das Buch zeigt zudem auf, dass der Gotthard eine Art Nerv der nationalen Befindlichkeit ist, der sich mal heilend, mal trennend spüren lässt. Mein Lieblingssatz steht auf Seite 265: „Im Mythos werden historische oder als historisch angesehene Ereignisse in ein Sinnbad getaucht, mit Bedeutung getränkt und zu zeitloser Gültigkeit erhoben.“ Solche Sätze machen ein gutes Sachbuch aus, finde ich.

 

3. „Gotthard“ von Zora del Buono, Novelle, C. H. Beck

Sie ist für so ein Thema die richtige Autorin, die studierte Architektin und Gründungsmitglied der Zeitschrift „mare“, da sie genau zwischen Technologie und Natur pendelt. Ihr Reisebuch zu alten Bäumen gehört in jedes Regal, deshalb pellte ich mit Neugier ihr neuestes Werk aus der Folie um in der Zeit zu landen, als sich damals die Täler vor den Tunnelbaustellen in kochende, dampfende Kleinstädte verwandelten, voll von sehnsüchtigen Arbeitern und dienenden Dirnen mit all den dazugehörenden Geschichten. Während der Lektüre erinnerte ich mich auf ein Leseerlebnis im Jahre 2006 zurück: Wolfgang Mock veröffentlichte damals den Roman „Simplon“ im heute nicht mehr existierenden Verlag Tisch 7 und es gelang ihm, hautnah von den damaligen Arbeitern und Dorfbewohnern zu erzählen, deren Leben sich durch den Tunnelbau völlig veränderte. Ob Simplon oder Gotthard, der Bau einer Verbindung von zwei Bergseiten, verbindet nicht nur Welten, sondern zerstört Leben und weckt neue Liebe.

 

Weitere Informationen über den neuen Bahntunnel durch den Gotthard finden Sie hier…

Was ist Deutsch?

«Wir müssen gogen lugen, sonst scheissen uns die Indianer aben . . .», sagte damals mein kleiner Bruder und schlich weiter durch die Prärie unseres Nachbargartens im aargauischen Hinterland. Auf dem Pausenplatz imitierten wir Otto mit perfektem Bühnendeutsch, und alle Filmszenen mit Bud Spencer und Terence Hill spielten wir sequenzweise natürlich in Fernsehdeutsch nach. Deutsch war die Sprache der Medien. Auch der damals äusserst beliebte Radiosender SWF 3 liess uns die Gags von Starmoderatoren nachahmen. Eine Befürchtung, uns könnte der Dialekt deswegen abhandenkommen, war mitnichten vorhanden. Das war in den siebziger Jahren.

Geschehen vor kurzem an einer literarischen Veranstaltung in Zürich: Auf der Bühne saßen drei Schweizer Autoren und ein bekannter Moderator. Sie debattierten über das Schreiben und das Leben damit. Eine Dame im Publikum fiel durch heftiges Kopfschütteln und empörtes Flüstern auf. Sie versuchte sich zu melden, doch der Moderator reagierte nicht. Sie erhob sich und ging aus dem Saal. Wie sich später herausstellte, handelte es sich um eine Frau aus Genf, die nur die Hochsprache verstand und Eintrittsgeld in der Annahme bezahlt hatte, dass ein öffentlicher Kulturanlass in dieser gehalten werde. Zwei Niederländer, die in Bivio Skitouren planten, konnten mit dem Wetterbericht auf SRF nichts anfangen; da sie weder Bern- noch Walliserdeutsch verstanden, mussten sie den Receptionisten am Empfang bemühen, um die entsprechenden Informationen zu erhalten.

Verfolgt man die gegenwärtige Diskussion über unseren Umgang mit der Hochsprache Deutsch, so wähnt man sich zum Teil in einem Umfeld, das langsam Züge einer geistigen Landesverteidigung annimmt. Davon abgesehen, dass das nördliche Nachbarland nun einmal unser größter Geschäftspartner und Kulturlieferant ist und der alpine Nachbar im Osten ebenso wichtig ist, gibt es noch genug Gründe, die Schriftsprache als die Geschäfts- und Landessprache zu akzeptieren, ohne dass wir unsere Eigenarten gefährdet sehen.

Vor Jahren wurden die sprachlichen Fertigkeiten der Schweizer Rekruten getestet, mit verheerendem Ergebnis. Nur eine Minderheit konnte einen Zeitungsartikel einigermassen sinngemäss zusammenfassen. Das Sprachbewusstsein wurde dann auch im Kontext mit der Lebenszufriedenheit und der Karrieremöglichkeit untersucht, es ergaben sich klare Zusammenhänge. Problemdefinierung, Zieldeklarierung und Standortbestimmung sind halt nur über Sprache möglich. Fehlt die dazu nötige Fertigkeit, wird es für den Betroffenen schwierig. Ob es nun Schweizer sind, die in wortkargen Verhältnissen aufwachsen, oder Migranten, die sich hier zurechtfinden wollen; die Dominanz des Dialekts in Schulen, Radio und Fernsehen macht ihnen das Leben nicht einfach.

Wortgewandtheit ist gefragt bei Bewerbungsschreiben, Vorstellungsgesprächen oder Krisensitzungen. Sie muss gebildet werden, und an ihr muss gefeilt werden, ob gesprochen oder geschrieben. Obschon die Mehrsprachigkeit der Schweizer gelobt wird, fühlen sich viele Zeitgenossen in der offiziellen Sprache nur bedingt zu Hause und zeigen Hemmungen in der Anwendung derselben. Zwei Beispiele: Im Schnellzug zwischen Zürich und Olten erklärte der Schaffner Fahrradtouristen aus Deutschland, dass die Velos in einen anderen Waggon gehörten. Die Sportsfreunde fragten zurück mit: «Bitte?» – als hätte der Schaffner, der immer wieder vom Schrift- ins Schweizerdeutsch kippte, einen Datenstau in der Sprachschnittstelle. Oder ein Beispiel von der Leipziger Buchmesse: Die junge Assistentin eines Messestands für Schweizer Verlage wurde von Besuchern aus Österreich mit Fragen zum hiesigen Bücherschaffen angesprochen. Die Schweizerin zeigte sich dermaßen um Worte ringend, dass sie das Gespräch mit einem Stapel Prospekte und mit dem Wunsch für einen schönen Tag abkürzte.

Die sprachliche Kompetenz ist nicht allein an der Beherrschung von Fremdsprachen festzumachen, sondern auch an der eloquenten Handhabung des Werkzeuges, mit dem wir uns erklären, mit dem wir fragen, uns austauschen und bilden. Wird dies durch einen Mix aus Bruchstücken aus anderen Sprachelementen – ob Mundart oder Fremdsprachen – fragmentiert, besteht die Gefahr einer Verunsicherung bezüglich sozialer Sicherheit, verunmöglicht es gar die eigene Positionierung in der Gesellschaft. Ohne die Dialektvielfalt zu schwächen, bringt die konzentrierte Kultivierung des Hochdeutschen nur Vorteile für die Rede- und Lesekompetenz. Und Hand aufs Herz, in einem Land, das ohne Bodenschätze, aber dafür mit Handel, Kultur und Tourismus existiert, kann eine aktiv gebrauchte Hochsprache nur nützen. Das Bühnendeutsch überlassen wir den Schauspielern.

Buchtipp: Variantenwörterbuch des Deutschen Die Standardsprache in Österreich, der Schweiz, Deutschland, Liechtenstein, Luxemburg, Ostbelgien und Südtirol sowie Rumänien, Namibia und Mennonitensiedlungen. Wird neu herausgegeben aber ältere Ausgaben sind noch erhältlich.

Pforzheim?

Eine Stadt mit Problemen wie viele andere auch. Hier leben rund 120.000 Einwohner, die Stadt schmiegt sich in bewaldete Täler im Bundesland Baden-Württemberg. Die alten Römer waren auch hier, die Alliierten bombardierten im 2. Weltkrieg ziemlich alles weg, statt wie vorgesehen Karlsruhe, doch da spielte das Wetter nicht mit. So musste die City schnell und oft auch unschön wieder aufgebaut werden. Nach Zeiten des wirtschaftlichen Aufbruchs kamen auch wieder schlechtere Zeiten, was die Arbeitslosigkeit und die daraus auslösende Unsicherheit zum Ausdruck bringen. Das Programm des Stadttheaters bietet ein hochkarätiges und sehr engagiertes Programm und die Hochschule für Gestaltung, Technik, Wirtschaft und Recht lässt das Stadtbild mit rund 6.000 Studierenden verjüngen, dazu tragen zudem die traditionsreichen Goldschmiede- und Uhrmacherschulen bei. Pforzheim führt ein großes Potenzial für den Tourismus, denn hierher könnte es Menschen ziehen, die Natur lieben, gerne Fahrrad fahren, Wandern, Vögel beobachten und auch gerne lecker essen.

Und für Menschen, die schöne Bücher, originelle Worte und überraschende Geschichten finden möchten, wäre Pforzheim bis zum Sonntag ein Mekka. Das Parkhotel mit dem anschließenden Stadttheater verwandelt sich in einen Gebäudekomplex, in dem es nur so wimmelt von Sätzen.

Zu diesen Wort-Lieferanten gehören diese Gäste:

Viv Albertine (England)John Burnside (Schottland)Safiye Can (Deutschland)Jón Gnarr (Island)Yannick Haenel (Frankreich)Takashi Hiraide (Japan)Jack Hirschman (USA)Vigdis Hjorth (Norwegen)Claire Keegan (Irland)Rolf Lappert (Schweiz)OHNE ROLF (Schweiz)Gerhard Rühm & Monika Lichtenfeld (Österreich)Ed Sanders (USA)Christoph Simon (Schweiz)Patrica Smith (USA)Michael Stavarič (Österreich)Martin von Arndt (Deutschland)Joachim Zelter (Deutschland)Nell Zink (USA)

Und bevor Sie packen, hier finden Sie noch alle wichtigen Informationen.