Warum nicht AG?

Die Bundesregierung bewilligt den Export von Kriegsmaterial in Länder wie Ägypten, Bahrain, Saudiarabien und in die Vereinigte Arabischen Emirate. Jegliche Werte für Mensch, Gesellschaft und Frieden werden von der Maximalrendite überrollt.
Vorschlag: Die Schweiz ist ja eigentlich eine Eidgenossenschaft, also eine Genossenschaft. Es wäre nun doch an der Zeit, diese Genossenschaft in eine GmbH oder in eine AG umzuwandeln. Dann könnte die Schweiz AG auch die Berge an die Bayern verkaufen, Hauptsache, es gibt Kohle. Und falls Damaskus in Genf beantragen sollte, den Hauptsitz des Internationalen Roten Kreuz übernehmen zu wollen, dann kommt es drauf an, was die be…

Lesen Sie hier die Medienmitteilung der Regierung…

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Warum die vielen Steine in den Gärten?

Esther Dähler ist Ornithologin, Vorstandsmitglied des Natur- und Vogelschutzvereins Zürich-Altstetten. Wir trafen uns im Restaurant Sternen in Zürich-Albisrieden...

 

Urs Heinz Aerni: Sie beobachten Vögel und sind im Vorstand des Vogelschutzvereins Zürich-Altstetten. Was beschäftigt Sie momentan mehr, das Birden oder die Vorstandsarbeit?

Esther Dähler: Eindeutig das Vogelbeobachten. Die Vorstandsarbeit fällt nicht regelmäßig an, und vieles kann ich zum Glück in den Abendstunden erledigen. Im Frühling ist das Vögelbeobachten besonders spannend. Die Zugvögel kehren aus dem Süden zurück. Einige sind bei uns in der Schweiz schon in ihrem Brutgebiet angelangt. Andere machen nur einen Zwischenhalt, um zu fressen, und fliegen danach bis in den hohen Norden weiter. Es ist eine wunderbare Zeit, außergewöhnliche Beobachtungen sind möglich. Aber auch die alltägliche Amsel verleiht mir mit ihrem flötenden Gesang Flügel. Die Vögel singen jeden Tag mehr und lauter, die Brutaktivitäten beginnen. Paare können beim Balzen, beim Nest bauen und schon bald beim Füttern der Jungen beobachtet werden.

Aerni: Sie leben zwar in der Stadt aber nicht weit weg vom Wald, ist hier die Welt noch in Ordnung?

Dähler: Im Wald sind die Vögel weniger gefährdet als im Kulturland oder in den Feuchtgebieten. Aber auch hier ist der Artenrückgang ein Thema. Der Wald ist keineswegs unberührt. Er wird bewirtschaftet und als Erholungsraum intensiv genutzt. Es ist erfreulich, gehen die eintönigen und artenarmen Fichten-Monokulturen zurück. Statt große Flächen kahlzuschlagen werden die reifen Bäume einzeln aus dem Wald geholt. Wobei der Einsatz von großen und schweren Maschinen den Wald erheblich belastet.

Aerni: Gibt es noch etwas Positives zu vermelden?

Dähler: Viel Freude bereiten Aufwertungsmaßnahmen wie Weiher und Hecken, die am Waldrand angelegt wurden. Die Freizeitnutzung hat eben ihre zwei Seiten. Der teilweise 24-Stunden-Betrieb oder das Querfeldeinbiken schränken den Lebensraum und die Ruhe der Wildtiere ein und führen zu Stress. Andererseits gefällt mir, dass es so viele Leute in den Wald zieht. Der Wald wird geschätzt, geliebt, gebraucht.

Aerni: Wir haben hier viele Gärten, was können die Bewohner unternehmen, damit diese unserer Natur und der Vogelwelt gut tun?

Dähler: Einheimische Pflanzen, Bäume, Sträucher und Kräuter sind das Zauberwort. Diese bieten den Vögeln Nistmöglichkeit und ganzjährig Nahrung. Und nicht vergessen: Bäume tun auch uns Menschen gut. Bäume wirken als Staubfilter, kühlen bei hohen Sommertemperaturen, bieten Erholungsraum in der Nähe.

Aerni: Da läuft ja eine Kampagne dazu…

Dähler: Genau. BirdLife Schweiz führt eine Kampagne für mehr Bäume und Sträucher im Siedlungsraum durch. Eine informative und reich bebilderte Broschüre erläutert, was die Pflanzen bewirken und warum insbesondere einheimische Pflanzen wichtig sind. Abgerundet wird das Thema mit konkreten Praxistipps.

Aerni: Wenn Sie aus Ihrem Wohnungsfenster schauen, welche Vögel sehen Sie?

Dähler: Ich habe das Glück, am Waldrand zu wohnen. Hier gibt es unglaublich viele Vögel zu sehen. Die Bandbreite reicht vom Rotkehlchen, das uns täglich mit seinem Besuch und Gesang beglückt bis zur bisher einmaligen Sichtung von einem Schwarzspechtpaar. Wir sehen vor allem Meisen, Finken, und Spechte, Vögel die im Garten, im Wald und am Waldrand vorkommen. Auf dem Nachbardach hat sich aber auch schon ein Graureiher niedergelassen, und während der Vogelzugzeit sahen wir den seltenen Gartenrotschwanz. Leider sind unsere Mauersegler-Nistkästen noch nicht besiedelt worden. Hoffentlich lassen sich die Mauersegler diesen Sommer bei uns nieder. Im Gesamten haben wir schon über 40 verschiedene Vogelarten beobachten können.

Aerni: Welche größte Sorge treibt Sie am meisten um?

Dähler: In immer mehr Gärten oder Gartenteilen werden Wiesen und Sträucher durch Steine ersetzt. Diese bieten weder für Pflanzen noch für Tiere Lebensraum. Keine Bienen können da Honig sammeln, keine Blumen können blühen und Schmetterlinge anziehen und auch kein Salat kann wachsen. Den Erwachsenen fehlt in der Sommerhitze der wohltuende Schatten der Bäume, den Kindern fehlen die Sträucher, hinter denen sie sich verstecken können. Was steckt hinter diesen steinigen Bodenbedeckern? Gefällt das oder ist es einfach billig im Unterhalt? Steine brauchen keine Pflege, kein Rasen ist mehr zu mähen und kein Strauch zu schneiden. Fühlen sich die Bewohner in dieser Umgebung wirklich wohl?

Aerni: Welche positive Tendenz freut Sie am meisten?

Dähler: Immer mehr Leute interessieren sich für Vögel oder generell für alles, was kreucht und fleucht. Sie sind unterwegs in Feld und Wald. Sie besuchen die zahlreichen Kurse, die BirdLife anbietet – auch zu weiteren Tieren und Pflanzen. Sie engagieren sich in Natur- und Vogelschutzvereinen und werden vor Ort aktiv. Oft werde ich im Büro oder von Bekannten auf Vögel angesprochen. Sie erzählen mir von einem besonderen Vogel-Erlebnis, worauf eine vage Beschreibung des Vogels folgt. Sie wollen wissen, wie der Vogel heißt, den sie gesehen haben. Nun liegt es an mir, das herauszufinden. Darüber hinaus sind Informationen über das Verhalten, Fressen, Brüten und mehr gewünscht. (Mein) Interesse scheint ansteckend zu sein.

 

Mehr Infos über Bäume und Sträucher in den Gärten findet man hier: http://www.birdlife.ch/de/content/baeume-und-straeucher-im-siedlungsraum.)

Wenn Sie in Zürich in den Vierteln Altstetten oder Albisrieden leben und sich für den am Naturschutzverein Altstetten interessieren, dann können Sie sich hier melden und mehr Informationen wünschen: daehler.e@gmail.com.

„Charakter mit komischem Einschlag“ oder wie eine Schweizerin in der DDR eine Schauspielkarriere versuchte

Wie eine Schweizer Schauspielerin Bühnenerfahrungen in der DDR sammelte. Im Interview gibt die ehemalige Schauspielerin Vernea Keller Einblicke in eine fast surreale Theaterkarriere in der sozialistischen Provinz im alten Ostdeutschland. Sie publizierte dazu auch ein Buch.

 

Sie leben in Basel, geben Deutschunterricht, arbeiteten als Journalistin und als Schauspielerin kamen Sie 1968 mit Brechtstücken über die  Schaubühne Westberlin in die DDR. Genauer Quedlinburg. War das damals Ihr Traumziel?

Verena Keller:  Ein Engagement am Berliner Ensemble bei Helene Weiger oder am Deutschen Theater Berlin bei Benno Besson!

Sie haben viele Briefe an Ihren Vater geschrieben. War das möglicherweise ein Mittel zum Überleben in der Theaterprovinz?

Keller: Ja, sicher, denn es fehlte mir in Quedlinburg in den ersten Jahren an einem intellektuellen Partner, mit dem ich mich austauschen konnte. Dazu kam, dass mein Vater Marxist war und bei der Gründung der DDR selbst gerne als Dozent der Psychologie an der Humboldtuniversität gearbeitet hätte.

Aber das klappte nicht…

Keller: Ja, die SED-Genossen nahmen ihn nicht, weil er in ihren Augen nur ein „Waldwiesen-Kommunist“ war. Mein Vater, der als privat Gelehrter in der Schweiz lebte, interessierte sich für jedes Detail, das ich in der DDR erlebte. Das motivierte mich, ihm die Licht- und Schattenseiten des realsozialistischen Alltags hinter dem Eisernen Vorhang mit akribischer Genauigkeit zu schildern.

In Ihrem Buch „Silvester in der Milchbar“ beschreiben Sie zum Teil anekdotisch Ihre Zeit in der DDR der siebziger Jahre. Wie blicken Sie heute auf diese Zeit zurück?

Keller: Ich lebte von 1968-1976 in der DDR. Ich war damals jung, nach anfänglicher Einsamkeit fand ich viele gute Freunde. Ich konnte meinen Lieblingsberuf ausüben. In meinem Fach „Charakter mit komischem Einschlag“ bekam ich fast in jedem Stück eine kleine Rolle. Im Ensemble wurde ich  geschätzt als „Sonnenschein“. Wir hatten auf dem Hexentanzplatz ob Thale ein Bergtheater, wo wir von Pfingsten bis anfangs Juli täglich vor über 1000 Zuschauern spielten. Auf der Bühne konnte ich sogar reiten.

Hört sich etwas nach ‚Goldene Zeiten’ an.

Keller: Insgesamt war dies die schönste und sorgloseste Zeit in meinem Leben. Wer einmal engagiert war, konnte nicht mehr entlassen werden. Wenn man gehen wollte, musste man selber kündigen.

Wie frei war man in den Rollen und bei den Texten in der DDR? Saßen regelmäßig staatliche Aufpasser im Publikum oder lasen Zensoren die Manuskripte, wie kann man sich das vorstellen?

Keller: Es gab vier Kategorien von Stücken: Klassisches Erbe, sozialistische Gegenwartsliteratur, Literatur aus den sozialistischen Bruderländern, sozial-kritische Gegenwartsliteratur aus dem Westen. In jedem Spielplan mussten diese Kategorien harmonisch verteilt sein. Die Konzeption der Inszenierungen war meistens so: die Bösen, die das Volk ausbeuteten, waren die westlichen Kapitalisten. Die Guten, welche für die Befreiung des Volkes von ihren Unterdrückern kämpften, waren die Kommunisten.

Wen überrachst’s…

Keller: Den Sozialismus betrachtete man als die Fortsetzung des klassischen Humanismus oder als praktische Umsetzung des Urchristentums. Heikel waren die realsozialistischen Gegenwartsstücke.

Furcht vor keimenden Widerstand?

Keller: Oft enthielten sie unter dem Deckmäntelchen der Poesie Kritik an der DDR. Da gab es Regisseure, welche diese „leise Kritik an der Arbeiterklasse“ entweder ausblendeten oder betonten. Der „Rat des Kreises Abteilung Kultur“, den es in jeder Stadt gab hatte die Pflicht, diese Tendenzen zu beobachten. Darum kamen die Delegierten dieser Abteilung an jede Premiere.

Wie seid Ihr damit umgegangen?

Keller: An den Städtischen Bühnen Quedlinburg machten wir das so: Zur Premiere spielten wir eine Version des Stückes, wo diese „kritische Sicht der Arbeiterklasse“ unterdrückt wurde, und nach der Premiere spielten wir wieder die Version, wo diese Kritik betont wurde. Das machte uns und dem Publikum großen Spaß, und die Vorstellungen waren fast immer ausverkauft.

Eine leise Verständigung zwischen Publikum und den Kulturschaffenden?

Keller: Der politische Diskurs innerhalb der DDR fand über das Medium Theater statt, und nicht über die Zeitungen oder das Fernsehen, wie im Westen.

Ihr Engagement dauerte dort fast zehn Jahre. Machten Sie eher Schluss mit der Schauspielkunst oder mit der DDR?

Keller: Ich war acht Jahre an den Städtischen Bühnen Quedlinburg engagiert, zuletzt auch noch als Assistentin in der Dramaturgie. Nach diesen acht Jahren hatte ich genug von der Provinz Ich wollte unbedingt nach Ostberlin und bewarb mich erneut am Berliner Ensemble und am Deutschen Theater. Ich wurde nicht einmal zum Vorsprechen eingeladen.

Die letzten Hoffnungsblasen platzten, was machten Sie dann?

Keller: Nun hieß es eben, nach neuen Ufern schwimmen! In einem Verlag oder auf einer Redaktion, was mich auch noch interessiert hätte, konnte man mich nicht einstellen, da ich Bürgerin des „feindlichen, kapitalistischen Auslandes“ war. Schließlich fand ich Arbeit bei der Kirche, die ja vom Staat getrennt war. Ich konnte als Direktionssekretärin der Predigerschule Paulinum arbeiten. Eine Wohnung in Berlin gab es nicht für mich, aber ich durfte zusammen mit den Theologiestudenten im Sprachenkonvikt wohnen.

Wie lange blieben Sie?

Keller: Dies machte ich drei Monate. Dann kam ein Angebot aus Zeitz als Dramaturgie-Assistentin mit Spielverpflichtung. Der Oberspielleiter, der mich aus Quedlinburg kannte, wollte mich unbedingt haben, aber der Intendant lehnte schlussendlich ab, weil ich keine Kaderakten hatte. Der Intendant aus Quedlinburg hatte, da ich Schweizerin war, nie eine solche Akte über mich geführt. Der Intendant aus Zeitz war ein Bürokrat und verlangte das.

Spätestens jetzt hat es Ihnen wohl gereicht…

Keller: Ja, da hatte ich die Nase voll, brach meine Zelte ab und ging nach diesen „Lehr- und Wanderjahren“ wieder zurück in die Schweiz.

Nun leben und arbeiten Sie in Basel, mit welchen Gefühlen und Gedanken sehen Sie den Werdegang des vereinten Deutschlands heute?

Keller: Da ich noch viele Freunde habe in der ehemaligen DDR, reise ich fast jedes Jahr dorthin. Die ersten Jahre nach der Wende waren schwierig. Durch die Auflösung der maroden Betriebe in Landwirtschaft und Industrie gab es viele Arbeitslose. Aber inzwischen haben die neuen Bundesländer, auch dank der finanziellen Unterstützung der alten Bundesländer, mächtig aufgeholt.

Was Sie auch so empfinden?

Keller: Häuser, Straßen, öffentliche Anlagen und Bahnhöfe wurden renoviert. Alles ist blitzsauber und glänzt. Wogegen in den westlichen Städten, auch zum Teil in Westberlin, der Glanz abgenommen hat. Dort fehlen das Geld und die Lust, alles zu renovieren. In den westlichen Städten leben sehr viele Ausländer, Asylsuchende und Romas, die dem Stadtbild, etwa in Kreuzberg-Mitte, den Aspekt einer anonymen, multikulturellen Urbanität verleihen. In den neuen Bundesländern leben die Deutschen eher unter sich. Die Fremden sind die neugierigen Touristen, die den Osten, der jetzt endlich auch frei und kapitalistisch ist, kennenlernen wollen.

Hand auf’s Herz, würden Sie sich das wieder antun, als Schauspielerin in die DDR der tristen sechziger Jahre zu arbeiten?

Keller: Na klar!

Da bin ich aber gespannt.

Keller: Erstens handelte es sich bei meinem Aufenthalt um die 70er Jahre unter Erich Honecker und nicht um die 60er Jahre unter Walter Ulbricht. Diese Jahre waren nicht trist. Unter Honecker und Willy Brandt herrschte der Geist der Koexistenz. Es gab einen Wettbewerb zwischen den beiden Systemen freie Marktwirtschaft und Planwirtschaft. Die DDR stieg auf zur stärksten Industriemacht des Ostblocks.

Und zweitens?

In der DDR fühlte man sich moralisch in der besseren Hälfte von Deutschland! Wer sich in der schlechteren Hälfte fühlte, konnte einen Ausreiseantrag stellen. Allerdings herrschte bei der Bewilligung solcher Anträge bekanntlich die reine, staatliche Willkür. In der Zeit zwischen Stellung des Antrags und Erlaubnis zur Ausreise wurde der betreffende DDR-Bürger zum Landesverräter. Er durfte nicht mehr arbeiten und wurde von den staatlichen Stellen schikaniert, das konnte bis zur Gefängnisstrafe führen. Freizügigkeit gab es nur für Rentner. Ab 60 war jeder DDR-Bürger „grenzmündig“. Das Reiseverbot für junge Menschen fand ich das einzig wirklich Negative am DDR-Staat!

Lassen wir diesen Satz mal so stehen, beschreiben Sie zum Schluss Ihr Wunsch-Zielpublikum für Ihr Buch.

Keller: Mein Zielpublikum ist das Milieu, in dem ich aufgewachsen bin: aufgeklärte, humanistisch gebildete Bürger, welche die klassische, deutsche Kultur lieben. Theologen und religiös-soziale Pazifisten, die irgend einen historischen Bezug haben zur Kultur der DDR, zu einem deutschen Staat, der 28 Jahre lang, vom Mauerbau 1961 bis zum Fall der Mauer, 1989, hinter dem Eisernen Vorhang versteckt war.

 

Verena Regina Keller wurde 1945 in Zürich geboren, besuchte hier die Schauspiel-Akademie. Nach ersten Engagements an der Schaubühne unter Hartmut Lange in Westberlin wirkte sie fast zehn Jahre in der DDR, hauptsächlich in Quedlinburg. Nach Ihrer Rückkehr in die Schweiz 1976, spielte Keller am Claque Theater Baden. Dann wechselte sie in den Kultur-Journalismus und studierte Kunst-, Kirchen- und Literaturgeschichte mit anschließender Lehrtätigkeit. Heute ist Verena Keller Doktorandin für Kunstgeschichte in Basel. 

 

Das Buch: Verena Keller: Silvester in der Milchbar, Erinnerungen einer Schweizer Schauspielerin an die DDR, und ein großes Abenteuer.

 

 

Ethik oder Ästhetik?

Liebe Leserin, lieber Leser,

Von Frau Katja Hachenberg aus Karlsruhe erhielt ich folgende Frage: „Was ist wichtiger für die Zukunft der Menschheit: Ethik oder Ästhetik?

Kann Ethik hässlich sein? Der Begriff Ästhetik wird definiert durch soziales Umfeld, Erziehung und geprägtes Weltbild. In einem Auengebiet – mäanderndes Gewässer mit phasen- und stellenweise Überflutungen und schiefen oder gar toten Bäumen – stehen zwei Wandersleute und schütteln den Kopf und kommentieren diese Landschaft als hässlich, zerstört, unwirklich oder gar öde. Aber dass genau hier eine hohe Biodiversität herrscht mit dynamischer Entwicklung für Flora und Fauna und großer Bandbreite von Lebensformen, wissen die beiden vielleicht nicht, weil sie sich lieber einen schönen Park vorstellen, mit grünem und kurzgeschnittenen Rasen, kanalisiertem Bächlein und da ein zurechtgestutzter Strauch und dort ein schöner Baum mit womöglicher exotischer Herkunft.

Woher stammen die Vorstellungen von Ästhetik, die jedoch den Naturgesetzen widersprichen? Wieso kann das Schöne falsch sein und der Ethik schaden, wenn sie darunter verstanden wird, dass alle Lebensformen auf dieser Erde eine ihr würdigen Daseinsberechtigung haben sollen? Wenn die Ethik auf dem Wissen der Exsistenzgrundlage aller Lebewesen ruht, dann müsste die Ästhetik an vielen Orten neu definiert werden. Aber die Deformierung einer Ästhetik, die gegen die Gesetze der Natur verstößt, hat ja auch einen Nährboden, bloß welchen?

Urs Heinz Aerni

Tipp für inspirierende Lektüre: Hanno Rauterberg: Die Kunst und das gute Leben. Edition Suhrkamp, 9783518126967 Seitenzahl: 206