„Hier entsteht Zukunft“

Seit über zehn Jahren leben und arbeiten Kunstschaffende aus allen Gattungen in Basel, auf Einladung der Stiftung Kleiner Margräflerhof. Zur Feier des Jubiläums erschien ein Werk voller Texte, Bilder und Töne. Wir stellten dem Stiftungsgründer aus Pforzheim, Rainer Bartels, Fragen.

Urs Heinz Aerni: Rainer Bartels, Sie feierten vor kurzem zehn Jahre Stiftung Kleiner Markgräflerhof in der Augustinergasse 17, die es Kunstschaffenden ermöglicht, in Basel zu arbeiten und zu leben. Wie kamen Sie eigentlich auf Basel?

Rainer Bartels: Als Studenten waren meine verstorbene Freundin und ich manchmal zum Gelderwerb beim Messebau. Mit einer Brezel vom Fischersteg am Feierabend pfiffen wir – auf die Großbasler Rheinseite blickend – das „Fiddler on the Roof“-Thema: „Wenn ich einmal reich wär!“ Später hatte ich auch ein Unternehmen in Basel. Die Stadt wurde zur zweiten Heimat.

Es kommt vor, dass man aus einem Fenster oben das Üben eines Posaunisten hören und unten durch ein Fenster eine Künstlerin bei den Vorbereitungen für die Vernissage beobachten kann. Wie würden Sie den Wert der Kunst und Kultur für die Welt drum herum beschreiben?

Lassen Sie mich diese allgemeine Frage fokussieren auf die Kunst, die heute geschaffen wird. Hier entsteht Zukunft in allen möglichen, ja auch unmöglichen Facetten. Das ist „front edge“, das ist der Bug im Medium! Was aber Bestand haben wird, was sich durchsetzt und was dann später einmal „unser“ Zeitgeist sein wird, das ist völlig offen. Das macht die Auseinandersetzung mit diesen Themen auch so intensiv.

Die Stiftung bot während den letzten zehn Jahren, als privat geführtes Kulturhaus sogar seit 14 Jahren vielen Kunstschaffenden ein zeitweiliges Refugium. Was sind so die ersten Reaktionen beim Eintreffen Ihrer Stipendiatinnen und Stipendiaten?

Großes Erstaunen über die Dominanz des Hauses, welches gleichsam aus dem Mittelalter, aus seinen Geschichten in die Neuzeit hinübergerettet wurde. Bei einigen Künstlern wurde das Haus selbst als Auseinandersetzung mit seinen Bestandteilen konkreter und geistiger Natur in die Stipendienarbeiten eingebunden.

Für die Stiftung trifft sich regelmäßig der Beirat um Gäste oder Stipendiaten einzuladen oder Anträge zu besprechen. Wie erleben Sie diese Treffen?

Eine Gruppe hochqualifizierter Kultur- und Kunstsachverständiger sowie ehemalige Stipendiaten treffen sich in einem freundschaftlichen Kreis und stellen ihre Vorschläge zur Diskussion. Und dann wird es ernst, sehr ernst, oft auch emotional oder kriegerisch. Jeder will seinen Vorschlag durchsetzen. Nach der Abstimmung tritt dann langsam wieder das freundschaftliche Miteinander ein.

Sie pendeln zwischen ihrem Herkunftsort Pforzheim und ihrem zweiten Wohnsitz Basel. Was macht die beiden Orten ähnlich und worin liegen die größten Unterschiede?

Die Städte verbindet keltische und römische Geschichte und, am wichtigsten, der Humanismus: Der Mensch wird frei, manche Historiker sagen auch, er wird damals „zur Freiheit verdammt“. Erasmus von Rotterdam in Basel, Johannes Reuchlin Phorcensis in Pforzheim beispielsweise; in der Druckkunst hier Petri, da Anshelm. Basel ist merkwürdigerweise nur etwas größer als Pforzheim und hat doch so viel mehr Weltgeltung. In Pforzheim blieb am 23. Februar 1945 fast kein Stein auf dem anderen, Basel hatte letztmals 1356 ein größeres Schadensproblem nach einem Erdbeben mit darauf folgendem Häuserbrand. Also haben wir zwei total verschiedene Stadtbilder mit völlig unterschiedlichen Infrastrukturen. Beide sind auf ihre Weise interessant und pflegebedürftig.

Früher wirkten Sie in der Wirtschaft und heute bewegen Sie sich oft unter Künstlern, Schriftstellerinnen, Musikern und Bildhauerinnen. Zwei völlig andere Welten oder gibt es da auch Ähnlichkeiten?

Ähnlichkeiten weniger, konzertantes Wirken schon eher, gegenseitige Beeinflus- sung sehr stark. Im Buch ist das zu spüren. Darum haben wir auch kein „Verzeichnis“ gemacht sondern eine Abfolge von Anwesenheiten. Da erscheint – nebulös zunächst – ein im Entstehen befindliches Netzwerk. Wichtig sind Bea und Trevor Watson, die sich ehrenamtlich um Haus und Gäste kümmern, wenn wir nicht da sind.

Der Kleine Markgräflerhof ist der Kultur vom Keller bis zum Dachziegel gewidmet, wie sehen Sie das Haus in den nächsten zehn Jahren?

Herabgefallene Dachziegel und defekte Fensterläden hat es schon gegeben. Jetzt müssen wir noch den Holzbock bekämpfen. Jedoch im ständigen Wechsel der Stipendiaten und Gäste wird das Haus immer frisch belebt. Im rhythmischen Wechsel der Beiratsfunktionsträger bleiben Entscheidungen immer aktuell, also up-to-date.

Ich bin zwar kein Künstler, aber wenn ich einer wäre und in das schöne Haus möchte, was müsste ich dafür tun?

Na, dann suchen Sie sich einen Beirat heraus, der Sie vorschlagen möchte. Das wäre Ihre größte Hürde. Diesen Beirat finden Sie im Zweifel auf unserer Homepage. Sie sind Autor, also werden sie dann auf einer Beiratssitzung mit 2 bis 4 weiteren Autoren zu einer Mehrheitsentscheidung gebracht. Bei den Musikern ist das so ähnlich. Bei den Bildenden Künstlern liegen meist 5 bis 15 Vorschläge auf dem Tisch. Dieser Tisch steht unten auf der Rheinterrasse bei gutem Wetter und oben im Lädeli alternativ, wenn es regnet oder nebelt.

Danke für das Gespräch.

 

Infos zum Buch:

Der Fluss: unbekümmert

10 Jahre Stiftung Bartels Fondation „Zum Kleinen Markgräflerhof“ Basel

Der Kleine Markgräflerhof in Basel ist ein besonderer Genius loci. Der Münsterberg hoch über dem Rhein, auf dem er steht, ist seit der Keltenzeit besiedelt. Das Haus in der Augustinergasse wurde 1201 erstmals urkundlich erwähnt. Selbst für eine Stadt wie Basel, die eine große Kontinuität aufweisen kann, ist das alt. Die Bartels Fondation, die 2014 ihr zehnjähriges Bestehen feiert, sieht sich einer der großen Basler Traditionen verpflichtet, dem Humanismus. Der Pforzheimer Unternehmer Rainer Bartels hat in der Stadt eine zweite Heimat gefunden und mit dem Kleinen Markgräflerhof ein Atelierhaus geschaffen, das Künstlern aller Sparten offen steht.

Anlässlich des 10. Geburtstages der Stiftung hat er die ehemaligen Stipendiaten, darunter bildende und darstellende Künstler sowie Musiker und Autoren, gebeten, einen Fragebogen auszufüllen und für diese Publikation Arbeiten zur Verfügung zu stellen. Der Leser schaut mit ihren Augen auf die Stadt, lernt die verschiedenen Winkel des Hauses kennen, die Lieblingsorte in der Stadt und auch ein bisschen sie selbst. Das Buch lässt den Stifter, den Architekten und auch den Archäologen, der die Ausgrabungen vor dem Umbau geleitet hat, zu Wort kommen. Gewidmet aber ist es den Künstlern und dem Haus, das sie zum Leben erwecken. Mit den Arbeiten, die in dieser Dokumentation gezeigt werden, wird es zum Gästebuch. Was die Gäste am meisten beeindruckte? Der sich ständig verändernde Fluss.

Der Fluss: unbekümmert – 10 Jahre Stiftung Bartels Fondation „Zum Kleinen Markgräflerhof“ Basel, Hg: Stiftung Bartels Fondation Basel, 334 Seiten, 26 x 17,5 cm, deutsch, 214 Abbildungen, Hardcover, gebunden, 27,90 EUR / 32,50 SFR, Modo Verlag Freiburg, ISBN 978-3-86833-153-0

Basisinformation: Stiftung Bartels Fondation 
Die Kulturstiftung ist eine private Einrichtung des Stifters Rainer Bartels, der sich seit Jahren für die Förderung zeitgenössischer Kunst in allen Bereichen einsetzt. Nach Verkauf einiger seiner Firmenbeteiligungen entschloss er sich, ein Kulturhaus in Basel zu errichten. Daraus folgte logisch, dieses in eine Stiftung umzuwandeln. Die Stiftungsgründung erfolgte im März 2004. Zum Jahreswechsel 2004/2005 kam das Haus Nr. 17 der Augustinergasse als Donation hinzu (Der Kleine Markgräflerhof von 1376).
Es werden bis zu 4 Ateliers kostenlos zur Förderung zeitgenössischer Kunst durch Vergabe von Stipendien an Künstler zur Verfügung gestellt. Es sollen die Sparten »Bildende Kunst«, »Musik«, »Literatur« und »sonstige Formen zeitgenössischer Kunst« durch entsprechende Künstler Einzug finden. Weitere Infos finden sie hier…

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