Tötet die Lawine?

„Für diese Verspätung entschuldigen wir uns“. Dieser Satz ist falsch, auch wenn er immer wieder bei Zugfahrten zu hören ist. Die Schuld zu nehmen obliegt dem Geschädigten oder Betroffenen, nicht beim Verursacher. Die Sprache ist genau, kann sehr exakt sein und ist eine Fallgrube für viele Fehler, die wohl auch in dieser Kolumne zu finden sind. Die Sprache gehört sich gepflegt und gehegt, weil sie hilft, die Sinne zu schärfen und Herausforderungen begreifbar zu machen. Neulich ging ich zum Restaurantbesitzer und erklärte, dass ich hier nicht zur Toilette könne. „Warum denn?“, „Nun, an den Türen steht ‚für unser Gäste‘, ich bin aber Kunde und nicht eingeladen“. Okay, ein müdes Lächeln konnte ich ihm abringen. Anderes Beispiel: „Von einer Schneelawine wurden zwei Bergsteiger getötet.“ Verweist „Töten“ nicht auf eine vorsätzliche Tätigkeit, vorgenommen durch ein Subjekt mit Wille und Absicht? Handelt sich hier nicht um einen Zufall, der für die Betroffenen zu einem Unfall wird?
Das Spiel mit der Sprache gipfelte mal in der Durchsage des Schaffners (heute Bahnbegleiter): „Ohne Halt bis zum nächsten Halt.“ Ich glaube, er wurde vom psychiatrischen Dienst der Bundesbahn am Bahnsteig abgefangen und sogar zum Thema in einer Zeitungsnotiz. Ein Meteorologe hätte sich – ohne dass ich das verifizieren könnte – zu diesem Satz hinreißen lassen: „Ein über den Azoren liegendes Tief kommt hinten nicht mehr hoch.“ Nun ja. Diese Szene in einem Zugabteil kann des wahren Sachverhalts nicht gänzlich bestätigt werden, ist aber trotzdem worttechnisch nicht ganz uninteressant: Zwei Männer spielten auf einer Bahnreise Schach. Dann sagte der eine zum anderen: „Sie sind am Zug“. Der andere: „Das heißt hier ‚im Zug'“. Dann die Antwort vom ersten: „Soll ich das Fenster schließen?“
Nun ja, was will ich damit sagen? Dass wir die Sprache nutzen sollen, denn sie macht Spaß, nicht? Neulich las ich in einem WC eines Restaurants „Verlassen Sie bitte die Toilette sauber.“ Ich verkniff mir, den Kellner zu fragen, wo denn die Dusche sei…

Buchtipp: „Deutsch für Profis – Wege zu gutem Stil“ von Wolf Schneider

 

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