Lustvoll nachdenken?

Martin Kunz ist Philosoph, Pädagoge, Dozent, Autor und Gastgeber im Atelier für Kunst und Philosophie in Zürich – Ein Interview

 

Urs Heinz Aerni: Sie leben in Zürich Albisrieden und betreiben ein Atelier für Kunst und Philosophie, was macht dieser Teil der Stadt Zürich mit Ihnen?

Martin Kunz: Hier habe ich meine Kindheit verbracht. Meine Eltern haben hier in den dreißiger Jahren ein Haus gekauft, um in der Stadt zu sein und doch auch etwas auf dem Land. Die Fellenbergstraße war eine ungeteerte Sackgasse. Und noch in meiner Kindheit, also in den fünfziger Jahren gab es einige Bauern in Albisrieden. Auf dem Schulweg ins Untermoos besuchten wir Jungs ab und zu den Hufschmied an der Altstetterstraße. Amboss und Esse hatten etwas geheimnisvoll Faszinierendes.

Aerni: Sie gingen weg und kamen wieder…

Kunz: Ja, in den achziger Jahren bin ich nach Albisrieden zurückgekehrt, habe das Elternhaus übernommen, meine Tochter kam zur Welt, das war eine Phase der Familienzeit. Allmählich entstand dann in Haus und Garten ein Ort der Begegnung. Wohnzimmerkonzerte fanden statt und vor zwanzig Jahren begannen Markus Huber und ich mit der Reihe „Philosophie im Gartenhaus“. Wir machten und machen das in der Regel zu zweit – er als Philosoph und Mathematiker, ich als Philosoph und eine Art Künstler. Nun steht das Haus nicht mehr, und seit einem Jahr geht alles – noch intensiver – weiter im Atelier beim Hubertus.

Aerni: Man erlebt Sie als Dozierender an der Pädagogischen Hochschule Zürich, als Philosoph im Spital Affoltern am Albis, wir haben uns auch schon in Berlin getroffen, was treibt Sie besonders an?

Kunz: Ich hatte das Privileg, mich in viele Welten hinein begeben zu dürfen: Früh habe ich Klavierunterricht erhalten, später war ich am Konservatorium, ich malte, aber ebenso haben mich Psychologie und Philosophie gepackt. Ich studierte in Zürich und Berlin. So war ich im Verlaufe des Lebens Pädagoge, Psychotherapeut, Mitbegründer einer Künstlergruppe, Musiker, Dozent an einer Kunsttherapieschule, Dozent an der Pädagogischen Hochschule und eben frei tätiger „Diskursmischer“ oder „KünstlerPhilosoph“, wie ich mich manchmal nenne.

Aerni: Was streben Sie an?

Kunz: Mein vermessener, letztlich aus der Frühromantik stammender, aber eigentlich auch ein avantgardistischer Traum ist, dass Philosophie, Religion, Kunst und Lebensgestaltung zu einer Einheit verschmelzen. Was ja nicht wirklich gelingt…

Aerni: Wieso gelingt das denn nicht? Es soll ein „lustvolles Nachdenken“ sein, das Philosophieren, so Ihre Worte auf Ihrer Website.

Kunz: Das älteste Anliegen der Philosophie ist, nach dem gelingenden Leben zu fragen. Wie können wir vermeintliches Glück von wirklichem Glück unterscheiden? Mit der Zeit trat diese ursprüngliche Frage in den Hintergrund und Philosophie verwandelte sich in ein Unternehmen, das in einer eigenartigen Begrifflichkeit sich eher abstrakten Themen widmete als lebenspraktischen Fragen – was natürlich auch sehr faszinierend sein kann.

Aerni: Die Philosophie hat sich in einen sprachlichen Elfenbeinturm vom Alltag der Gesellschaft verabschiedet…

Kunz: Selbst Karl Marx, der die verstiegene Philosophie vom Kopf auf die Füsse stellen wollte, ist ja nicht einfach zu lesen. So wie die einzelnen Wissenschaften, pflegt auch die Philosophie so etwas wie eine Fachsprache.

Aerni: Aber es scheint nun eine Kehrtwendung stattzufinden…

Kunz: Vor einiger Zeit sind nun einzelne Philosophen aus diesem akademischen Raum ausgebrochen und versuchen, philosophisches Denken für alle Interessierten fruchtbar zu machen. Wir tun das schmunzelnd: Die Philosophie ist eine ernste Angelegenheit, aber so ernst auch wieder nicht…

Aerni: Das Nachdenken über das Sein haben ja prominente Autoren wie Alain de Botton, Peter Bieri und Richard David Precht mächtig ins Rollen gebracht. Wird das unserer Welt helfen?

Kunz: Ja – was hilft unserer Welt? Die Philosophie stellt zunächst kritische Fragen. Gefährlich sind diejenigen, die genau wissen, wie es ist. Philosophie leistet aber noch mehr. David Precht, um einen von Ihnen erwähnten populären Denker herauszugreifen, hat soeben den ersten Band einer Geschichte der Philosophie herausgegeben. Er spricht und schreibt rhetorisch glänzend und gut verständlich. Er will in „die abenteuerlichen Landschaften des Geistes“ einführen.

Aerni: Aber?

Kunz: Philosophen sind sich natürlich nie ganz einig über das, was Philosophie soll. Ich finde, er muss heute unter anderem für einen Zauderrhythmus eintreten.

Aerni: Im Sinne Freuds Erklärung, einerseits nach vorne zu gehen, um andererseits wieder zurück zu gehen um es neu anzugehen…

Kunz: Ja. Er muss überdies zeigen, wie wir trotz Pluralismus und Relativismus die Ideale eines erneuerten Humanismus vertreten können. Ein andere Perspektive ist die der persönlichen Aufklärungsarbeit, die unterdessen über den Mut, selber zu denken, noch hinausgeht: Zusammen mit den Erkenntnissen einer tiefenpsychologisch orientierten anthropologischen Psychologie kann die Philosophie beitragen zur Individuation des einzelnen: Versuche, die Welt in dir zu erkennen und zu gestalten. Damit trägst du zur Gestaltung der Welt da draußen bei. Das Paradoxe zusammen zu denken und zu leben, ist die höchste und schwierigste Integrationsaufgabe, die sich dem Individuum stellt. 

Aerni: Sie verbinden an Ihren Veranstaltungen die Philosophie zudem mit Kunst und Musik. Grenzüberschreitende Disziplinen sollen den Intellekt und wohl auch die Muße anregen. Woran merken Sie, dass es funktioniert?

Kunz: Die Philosophie muss heute, wie schon angetönt, ihre eigenen Grenzen sprengen, indem sie die Psychologie sowie Aspekte religiöser Denktraditionen und eben Kunst und Musik als nichtdiskursive Sprachen miteinbezieht. Im besten Fall führt das zu Denk- und Handlungsfiguren, die unsere instrumentelle Vernunft weitet zu einer Vernunft der Schönheit.

Aerni: Klingt sehr schön.

Kunz: Natürlich ist das oft noch ein Nebeneinander. Die Utopie einer Verschmelzung von Philosophie und Kunst aber bleibt. Wenn die Teilnehmenden nach dem Anlass bereichert sind, berührt und mit einem lachenden Auge nach Hause gehen, dann hat es geklappt. Das andere Auge muss offen bleiben für die Ungeheuerlichkeiten, die sich auf unserer Welt abspielen.

Aerni: Wen besonders möchten Sie für Ihre Anlässe ansprechen?

Kunz: Unsere philosophischen Anlässe richten sich an alle Menschen, die die Dinge gerne von verschiedenen Seiten her bedenken. Es sind keine akademischen Seminare, aber eine gewisse Bereitschaft, auch komplexere Zusammenhänge gedanklich nachvollziehen zu wollen, ist schon wünschenswert. Niemand muss etwas, man darf auch schweigen. Daneben gibt es aber auch Konzerte, literarische Events oder auch einfach mal einen Brunch – mit Interventionen natürlich.

Aerni: Geben Sie uns zum Schluss noch einen Buch- und einen Musik-CD-Tipp?

Kunz: Einen Musik-Tipp zu geben, scheint mir sehr schwierig. Die Hörer sind in der Regel in ihre Soundblasen eingesperrt und hören nur dies oder das: Jazz, Pop, Techno oder Klassik, um nur grobe Unterteilungen zu machen. Menschen, die zur Ruhe kommen, in sich versinken möchten, rate ich zu Spiegel im Spiegel von Arvo Pärt (ECM)

Aerni: Und für Lesende?

Kunz: Ein Buch, das mir einfällt, wenn ich an Menschen denke, die sich von der Religion entfernt haben, aber dennoch oder umso mehr auf Sinnsuche sind, wäre: Woran glaubt ein Atheist? Spiritualität ohne Gott von André Comte-Sponville (Diogenes-Verlag)

Martin Kunz ist Philosoph, Pädagoge, Dozent, Autor und Gastgeber im Atelier für Kunst und Philosophie in Zürich

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Leserbriefe: Woher oder Wie?

Leserbriefe in den Zeitungen sind ganz wichtig. Sie seien einerseits ein Ausdrucksmittel der demokratischen und öffentlichen Debatten und andererseits eine sehr gute Möglichkeit für die Medien,  Seiten bedrucken zu können, die fast nichts kosten. Leserbriefe würden auch gerne gelesen und nach dem Wetterbericht und Sport am schnellsten aufgeblättert, so hört man.

Aber ein Trend irritiert. In nicht wenigen Blättern wird am Schluss des Lesebriefs nicht nur Vor- und Nachname der Verfasserin oder des Verfassers erwähnt, sondern auch die Übermittlungsart statt Wohnort. Beispiel: statt: „Hans Muster, Thusis“ steht dann „Hans Muster, per E-Mail“. Die Zeitung Südkurier in Deutschland erwähnt sogar die Postleitzahl des Absenders aber immer mehr liest man „per E-Mail“. Warum denn? Werden Leserbriefe mit Teilanonymität nun zugelassen?

Spielt es eine Rolle, ob ein Leserbrief mittels Briefpost, E-Mail oder Rauchzeichen in der Redaktion eintrifft? Das soll einer verstehen. Nach diesem Modus müsste also jeder eingesandte Leserbrief nach seiner Übermittlungstechnik dokumentiert sein. Also so: „Hans Muster, per Brief, transportiert durch die Österreichische Bundespost in Zusammenarbeit mit der Schweizer Post“ oder „Hans Muster, per B-Postbrief, aufgegeben bei der Postagentur in Flensburg Altstadt„. Wenn wir es genau nehmen möchten, dann müsste es heißen: „Diese Kolumne wurde auf einem iPad nach einem Bier der Marke Falken und einem doppelten Espresso der Marke Illy auf einem Eichentisch im Seerestaurant Steinbock in Rapperswil verfasst und dank erzeugtem Strom der Kraftwerke Zervreila AG und dem WLAN-Angebot von Sunrise übermittelt.“ Aber … wen interessiert’s?

Leserbriefe im SÜDKURIER
Leserbriefe im SÜDKURIER

„Hier entsteht Zukunft“

Seit über zehn Jahren leben und arbeiten Kunstschaffende aus allen Gattungen in Basel, auf Einladung der Stiftung Kleiner Margräflerhof. Zur Feier des Jubiläums erschien ein Werk voller Texte, Bilder und Töne. Wir stellten dem Stiftungsgründer aus Pforzheim, Rainer Bartels, Fragen.

Urs Heinz Aerni: Rainer Bartels, Sie feierten vor kurzem zehn Jahre Stiftung Kleiner Markgräflerhof in der Augustinergasse 17, die es Kunstschaffenden ermöglicht, in Basel zu arbeiten und zu leben. Wie kamen Sie eigentlich auf Basel?

Rainer Bartels: Als Studenten waren meine verstorbene Freundin und ich manchmal zum Gelderwerb beim Messebau. Mit einer Brezel vom Fischersteg am Feierabend pfiffen wir – auf die Großbasler Rheinseite blickend – das „Fiddler on the Roof“-Thema: „Wenn ich einmal reich wär!“ Später hatte ich auch ein Unternehmen in Basel. Die Stadt wurde zur zweiten Heimat.

Es kommt vor, dass man aus einem Fenster oben das Üben eines Posaunisten hören und unten durch ein Fenster eine Künstlerin bei den Vorbereitungen für die Vernissage beobachten kann. Wie würden Sie den Wert der Kunst und Kultur für die Welt drum herum beschreiben?

Lassen Sie mich diese allgemeine Frage fokussieren auf die Kunst, die heute geschaffen wird. Hier entsteht Zukunft in allen möglichen, ja auch unmöglichen Facetten. Das ist „front edge“, das ist der Bug im Medium! Was aber Bestand haben wird, was sich durchsetzt und was dann später einmal „unser“ Zeitgeist sein wird, das ist völlig offen. Das macht die Auseinandersetzung mit diesen Themen auch so intensiv.

Die Stiftung bot während den letzten zehn Jahren, als privat geführtes Kulturhaus sogar seit 14 Jahren vielen Kunstschaffenden ein zeitweiliges Refugium. Was sind so die ersten Reaktionen beim Eintreffen Ihrer Stipendiatinnen und Stipendiaten?

Großes Erstaunen über die Dominanz des Hauses, welches gleichsam aus dem Mittelalter, aus seinen Geschichten in die Neuzeit hinübergerettet wurde. Bei einigen Künstlern wurde das Haus selbst als Auseinandersetzung mit seinen Bestandteilen konkreter und geistiger Natur in die Stipendienarbeiten eingebunden.

Für die Stiftung trifft sich regelmäßig der Beirat um Gäste oder Stipendiaten einzuladen oder Anträge zu besprechen. Wie erleben Sie diese Treffen?

Eine Gruppe hochqualifizierter Kultur- und Kunstsachverständiger sowie ehemalige Stipendiaten treffen sich in einem freundschaftlichen Kreis und stellen ihre Vorschläge zur Diskussion. Und dann wird es ernst, sehr ernst, oft auch emotional oder kriegerisch. Jeder will seinen Vorschlag durchsetzen. Nach der Abstimmung tritt dann langsam wieder das freundschaftliche Miteinander ein.

Sie pendeln zwischen ihrem Herkunftsort Pforzheim und ihrem zweiten Wohnsitz Basel. Was macht die beiden Orten ähnlich und worin liegen die größten Unterschiede?

Die Städte verbindet keltische und römische Geschichte und, am wichtigsten, der Humanismus: Der Mensch wird frei, manche Historiker sagen auch, er wird damals „zur Freiheit verdammt“. Erasmus von Rotterdam in Basel, Johannes Reuchlin Phorcensis in Pforzheim beispielsweise; in der Druckkunst hier Petri, da Anshelm. Basel ist merkwürdigerweise nur etwas größer als Pforzheim und hat doch so viel mehr Weltgeltung. In Pforzheim blieb am 23. Februar 1945 fast kein Stein auf dem anderen, Basel hatte letztmals 1356 ein größeres Schadensproblem nach einem Erdbeben mit darauf folgendem Häuserbrand. Also haben wir zwei total verschiedene Stadtbilder mit völlig unterschiedlichen Infrastrukturen. Beide sind auf ihre Weise interessant und pflegebedürftig.

Früher wirkten Sie in der Wirtschaft und heute bewegen Sie sich oft unter Künstlern, Schriftstellerinnen, Musikern und Bildhauerinnen. Zwei völlig andere Welten oder gibt es da auch Ähnlichkeiten?

Ähnlichkeiten weniger, konzertantes Wirken schon eher, gegenseitige Beeinflus- sung sehr stark. Im Buch ist das zu spüren. Darum haben wir auch kein „Verzeichnis“ gemacht sondern eine Abfolge von Anwesenheiten. Da erscheint – nebulös zunächst – ein im Entstehen befindliches Netzwerk. Wichtig sind Bea und Trevor Watson, die sich ehrenamtlich um Haus und Gäste kümmern, wenn wir nicht da sind.

Der Kleine Markgräflerhof ist der Kultur vom Keller bis zum Dachziegel gewidmet, wie sehen Sie das Haus in den nächsten zehn Jahren?

Herabgefallene Dachziegel und defekte Fensterläden hat es schon gegeben. Jetzt müssen wir noch den Holzbock bekämpfen. Jedoch im ständigen Wechsel der Stipendiaten und Gäste wird das Haus immer frisch belebt. Im rhythmischen Wechsel der Beiratsfunktionsträger bleiben Entscheidungen immer aktuell, also up-to-date.

Ich bin zwar kein Künstler, aber wenn ich einer wäre und in das schöne Haus möchte, was müsste ich dafür tun?

Na, dann suchen Sie sich einen Beirat heraus, der Sie vorschlagen möchte. Das wäre Ihre größte Hürde. Diesen Beirat finden Sie im Zweifel auf unserer Homepage. Sie sind Autor, also werden sie dann auf einer Beiratssitzung mit 2 bis 4 weiteren Autoren zu einer Mehrheitsentscheidung gebracht. Bei den Musikern ist das so ähnlich. Bei den Bildenden Künstlern liegen meist 5 bis 15 Vorschläge auf dem Tisch. Dieser Tisch steht unten auf der Rheinterrasse bei gutem Wetter und oben im Lädeli alternativ, wenn es regnet oder nebelt.

Danke für das Gespräch.

 

Infos zum Buch:

Der Fluss: unbekümmert

10 Jahre Stiftung Bartels Fondation „Zum Kleinen Markgräflerhof“ Basel

Der Kleine Markgräflerhof in Basel ist ein besonderer Genius loci. Der Münsterberg hoch über dem Rhein, auf dem er steht, ist seit der Keltenzeit besiedelt. Das Haus in der Augustinergasse wurde 1201 erstmals urkundlich erwähnt. Selbst für eine Stadt wie Basel, die eine große Kontinuität aufweisen kann, ist das alt. Die Bartels Fondation, die 2014 ihr zehnjähriges Bestehen feiert, sieht sich einer der großen Basler Traditionen verpflichtet, dem Humanismus. Der Pforzheimer Unternehmer Rainer Bartels hat in der Stadt eine zweite Heimat gefunden und mit dem Kleinen Markgräflerhof ein Atelierhaus geschaffen, das Künstlern aller Sparten offen steht.

Anlässlich des 10. Geburtstages der Stiftung hat er die ehemaligen Stipendiaten, darunter bildende und darstellende Künstler sowie Musiker und Autoren, gebeten, einen Fragebogen auszufüllen und für diese Publikation Arbeiten zur Verfügung zu stellen. Der Leser schaut mit ihren Augen auf die Stadt, lernt die verschiedenen Winkel des Hauses kennen, die Lieblingsorte in der Stadt und auch ein bisschen sie selbst. Das Buch lässt den Stifter, den Architekten und auch den Archäologen, der die Ausgrabungen vor dem Umbau geleitet hat, zu Wort kommen. Gewidmet aber ist es den Künstlern und dem Haus, das sie zum Leben erwecken. Mit den Arbeiten, die in dieser Dokumentation gezeigt werden, wird es zum Gästebuch. Was die Gäste am meisten beeindruckte? Der sich ständig verändernde Fluss.

Der Fluss: unbekümmert – 10 Jahre Stiftung Bartels Fondation „Zum Kleinen Markgräflerhof“ Basel, Hg: Stiftung Bartels Fondation Basel, 334 Seiten, 26 x 17,5 cm, deutsch, 214 Abbildungen, Hardcover, gebunden, 27,90 EUR / 32,50 SFR, Modo Verlag Freiburg, ISBN 978-3-86833-153-0

Basisinformation: Stiftung Bartels Fondation 
Die Kulturstiftung ist eine private Einrichtung des Stifters Rainer Bartels, der sich seit Jahren für die Förderung zeitgenössischer Kunst in allen Bereichen einsetzt. Nach Verkauf einiger seiner Firmenbeteiligungen entschloss er sich, ein Kulturhaus in Basel zu errichten. Daraus folgte logisch, dieses in eine Stiftung umzuwandeln. Die Stiftungsgründung erfolgte im März 2004. Zum Jahreswechsel 2004/2005 kam das Haus Nr. 17 der Augustinergasse als Donation hinzu (Der Kleine Markgräflerhof von 1376).
Es werden bis zu 4 Ateliers kostenlos zur Förderung zeitgenössischer Kunst durch Vergabe von Stipendien an Künstler zur Verfügung gestellt. Es sollen die Sparten »Bildende Kunst«, »Musik«, »Literatur« und »sonstige Formen zeitgenössischer Kunst« durch entsprechende Künstler Einzug finden. Weitere Infos finden sie hier…

Tötet die Lawine?

„Für diese Verspätung entschuldigen wir uns“. Dieser Satz ist falsch, auch wenn er immer wieder bei Zugfahrten zu hören ist. Die Schuld zu nehmen obliegt dem Geschädigten oder Betroffenen, nicht beim Verursacher. Die Sprache ist genau, kann sehr exakt sein und ist eine Fallgrube für viele Fehler, die wohl auch in dieser Kolumne zu finden sind. Die Sprache gehört sich gepflegt und gehegt, weil sie hilft, die Sinne zu schärfen und Herausforderungen begreifbar zu machen. Neulich ging ich zum Restaurantbesitzer und erklärte, dass ich hier nicht zur Toilette könne. „Warum denn?“, „Nun, an den Türen steht ‚für unser Gäste‘, ich bin aber Kunde und nicht eingeladen“. Okay, ein müdes Lächeln konnte ich ihm abringen. Anderes Beispiel: „Von einer Schneelawine wurden zwei Bergsteiger getötet.“ Verweist „Töten“ nicht auf eine vorsätzliche Tätigkeit, vorgenommen durch ein Subjekt mit Wille und Absicht? Handelt sich hier nicht um einen Zufall, der für die Betroffenen zu einem Unfall wird?
Das Spiel mit der Sprache gipfelte mal in der Durchsage des Schaffners (heute Bahnbegleiter): „Ohne Halt bis zum nächsten Halt.“ Ich glaube, er wurde vom psychiatrischen Dienst der Bundesbahn am Bahnsteig abgefangen und sogar zum Thema in einer Zeitungsnotiz. Ein Meteorologe hätte sich – ohne dass ich das verifizieren könnte – zu diesem Satz hinreißen lassen: „Ein über den Azoren liegendes Tief kommt hinten nicht mehr hoch.“ Nun ja. Diese Szene in einem Zugabteil kann des wahren Sachverhalts nicht gänzlich bestätigt werden, ist aber trotzdem worttechnisch nicht ganz uninteressant: Zwei Männer spielten auf einer Bahnreise Schach. Dann sagte der eine zum anderen: „Sie sind am Zug“. Der andere: „Das heißt hier ‚im Zug'“. Dann die Antwort vom ersten: „Soll ich das Fenster schließen?“
Nun ja, was will ich damit sagen? Dass wir die Sprache nutzen sollen, denn sie macht Spaß, nicht? Neulich las ich in einem WC eines Restaurants „Verlassen Sie bitte die Toilette sauber.“ Ich verkniff mir, den Kellner zu fragen, wo denn die Dusche sei…

Buchtipp: „Deutsch für Profis – Wege zu gutem Stil“ von Wolf Schneider

 

Das Aufräumen nach dem Lesen

Überall liegen Bücher. Das sieht ja wieder aus, also wirklich! Wir Büchernarren haben es ja nicht einfach. Kennen Sie solche Abende, an denen man auf dem Sofa rumlümmelt, da reinliest, dort weiterblättert und in einem anderen Buch sich festliest? Man legt das eine Buch weg, um zum nächsten zu greifen. Das Kerzenlicht flackert, der Wein funkelt und die Bücher stapeln sich auf dem Tisch, auf dem Boden. Die Stunden zerrieseln, die Blätter rascheln und man fühlt sich puddelwohl. Es wird spät in der Nacht, der letzte Buchdeckel wird zugeklappt, ächzend erhebt man sich aus dem Polster. Die Beine über die am Boden liegenden Bücher hebend, geht es Richtung Heia und kaum versinkt man im Bett wird noch ein Buch vom Nachttischstapel aufgeschlagen, bevor dann gänzlich in den Nachtschlaf weggedämmert wird. Am anderen Morgen liegen sie da, die Bücher, überall. Die Aufräumlust hält sich sehr in Grenzen, denn der nächste Abend kommt bestimmt. Schließlich wohne ich hier, ich lebe und lese hier. Warum soll alles wieder zurück in die Regale gestellt werden? Bücher gehören zur Wohnung wie Stühle, Schränke, Bilder oder ein Klavier. Bücher sind kein schmutziges Geschirr und keine leeren Dosen. Bücher sind Wohn- und Gebrauchsgegenstände, mit dem Recht auf Präsenz zwischen den vier Wänden. Und doch, heute Abend kommen Gäste … die wohl staunend über die Wälzer und Novellen stolpern. Ich komme nicht umhin, ich muss aufräumen.

Genau das ist das Ungerechte: Da kann einer eine Nacht lang den größten Schlamassel im Fernsehen oder am PC gucken und von einem Chaos zum nächsten Salat klicken, und macht er die Glotze aus, so ist sofort aufgeräumt. Keine Spuren außer einem Standby-Lämpchen. Das ist doch gemein, nicht?

Buchtipp zum Thema:

Titel: Wohnen mit Büchern
Autoren/Herausgeber: Damian Thompson
Übersetzer: Brigitte Beier
Ausgabe: 1. Neuausgabe, ISBN/EAN: 9783836927338, Seitenzahl: 160
Format: 26 x 22,5 cm