Archiv für den Monat Juli 2015

1. August und die Schweiz

Liebe Leserinnen und Leser,

Soeben traf eine Anfrage ein mit der Bitte, Fragen auf den 1. August zu beantworten. 

Was verbindet Sie mit dem 1. August? Was bedeutet er für Sie?

Urs Heinz Aerni: Sommer- und Schulferienzeit, sonst nichts. Wenn Sie jedoch die patriotische Ader anzuzapfen beabsichtigen wollten; außer natürlich die Peinlichkeit, dass Schweizer auf Urlaub im Ausland Raketen anzünden. Stellen Sie sich mal vor, wenn alle Nichtschweizer in der Schweiz an ihrem Nationalfeiertag Feuerwerke starten ließen.

Ah, an ein seltsames Ereignis erinnere ich mich gut. Wir machten mal mit den Eltern Urlaub in Morcote (Tessin), da war ich noch ein kleiner Knirps. Wir saßen am 1. August auf der Terrasse des Hotels am See am Tisch und warteten auf das Abendessen. Da ging eine Palme in Flammen auf weil wohl ein Koch mit seiner Flambierkunst angeben wollte. Und jemand warf eine Fackel auf das Privatboot des Schlagerstars Peter Kraus. Sie brannte ein Loch ins Mahagoniholz. Der Star stand da und fragte den Hoteldirektor: „Warum tun die das?“. Soweit meine Verbindung zum 1. August als Schweizer.

Kennen Sie die Geschichte hinter dem 1. August? Warum ist es dieser Tag, an dem gefeiert wird? (Bitte nicht googeln;)

Aerni: War man nicht lange der Meinung, dass im Jahre 1291 sich drei Guerillakämpfer in den Europäischen Zentralalpen gegen eine Großmacht aus dem Osten verschwörten? Was mehr oder weniger durch Angriffe aus dem Hinterhalt und Steinewerfen gelang, bis dann das Geld das Ruder der Außenpolitik übernahm. Über einen Anführer der Bergkrieger erschien später sogar ein Roman von einem Deutschen Schriftsteller, der ja gar nie in der Gegend war. Später wurde der 1. August wahrscheinlich vom Schweizer Tourismusverband als Produkt ins Sortiment genommen.

Feiern Sie den 1. August in diesem Jahr? In den letzten Jahren? Wenn ja, wie?

Aerni: Wenn Freunde mich besuchen, wird gefeiert. Wenn ich Freunde besuche, wird gefeiert. Das kann aber auch am 30. Juni oder am 17. September geschehen.

Kaufen Sie manchmal 1. August-Produkte? Für Sie oder andere? Was für welche?

Aerni: Ich kaufe sehr viele Produkte aber meistens weiß ich nicht, ob die am 1. August produziert wurden. Muss man das wissen?

Was verbindet Sie mit dem Nationalfeiertag? Was bedeutet er für Sie?

Aerni: Nichts, vielleicht noch, dass man das Label Schweiz neu definieren könnte. Als eine Art Lebensgefühl oder eine Philosophie des Lebens mit einer Haltung der Verantwortung gegenüber der Umwelt und unserem Kontinent. Schweiz könnte für eine Artenvielfalt der Existenzen und Lebensentwürfen stehen. Schweiz als Logo für gutes und genussreiches Leben mit Werten, zu denen alle stehen würden.

Würden Sie sich einbürgern lassen, wenn Sie den Schweizer Pass nicht hätten?

Aerni: Wenn ich in einem Land lebe und mich fürs Wohl, die Rechte, die Umwelt und die Wohnqualität einsetzen möchte, dann stünde eine Einbürgerung an. Siedelt man in der Schweiz in einen anderen Kanton oder in eine andere Stadt, so kann man sofort wählen und abstimmen. Wieso geht das nicht auch für Menschen, die in die Schweiz ziehen und sich hier gesellschaftlich einsetzen möchten? Einbürgerung des Feelings oder der Sympathien willen wär kein Thema. Ich habe viele Freunde, und Lieblingsorte außerhalb der Schweiz, da müsste ich mich gleich mehrfach und parallel einbürgern lassen.

GIs in den Gärten

Seit etwa drei Jahren ist er weg. Unser Grauschnäpper. Auch der Fichtenkreuzschnabel saß vor Jahren zum letzten Mal auf einer Tannenspitze. Das Verschwinden dieser Vögel im Quartier ist die Quittung für das sogenannte verdichtete Bauen, die Opferung von Bäumen zugunsten Ziersträucher und der Auslagerung der Gartenarbeiten an umsatzorientierten Unternehmen.

Man erinnere sich an die Zeiten, in denen der Hauswart mit der Zigarre im Mundwinkel den Vorplatz wischte oder als der Hausbesitzer am Samstag da und dort die Ästchen abzwickte. Heute haben die Wohnungseigentümer für solche und ähnliche Arbeiten keinen Nerv, den verlieren sie lieber im Büro oder auf dem Bike. Deshalb beschließen Eigentümerversammlungen, den „Profis“ auf Auftragsbasis den Umschwung zu überlassen. Dann kommen sie, ausstaffiert mit den Laubbläsern und stürzen sich als Möchtegern-GIs auf jedes herumliegende Blatt. Blitzeblank schaut das dann aus. Im Intervall von wenigen Wochen stehen Männer unter den Bäumen und rechen die dunkle Erde von jedem Laub frei. Maschinell rasiert ein Arbeiter die Lavendelstauden in voller Blütepracht anfangs August. Wohlverstanden, ein Mitarbeiter eines Gartenunternehmens, das wohl im Herbst keine Aufträge annehmen kann.

Gekillte Frösche

Gut, da gibt es die Architektin, die um ihre Neo-Bauhaus-Wohnblöcke Natur- und Magerwiesen wachsen und nur zweimal jährlich mähen lässt, soll ja auch nicht unerwähnt im löblichen Sinne bleiben. Die Freude darob erblasst ziemlich schnell angesichts deren Hausbesitzerin nebenan, die ihren Naturgarten in einen golfplatzartigen Rasen verwandeln lässt, da sie durch ihre Reisen keine Zeit für solche Nebensächlichkeiten hat. Nett sind zwar die beiden kleinen Weiher mitten drin aber die Rasenmäher lassen den winzigen Jungfröschen bei der Auswanderung keine Chancen mehr und nimmt sie alle unter die Messer.
Und wenn hier noch von dem Ehepaar erzählt werden soll, das eine stolze und schöne Tanne für eine abendliche Strapazierung der solariumgeprüfte Haut durch die untergehende Sonne fällen lässt, dann könnte man sich in Rage schreiben.

Neue Märkte

Sind wir soweit, dass Gärten und Grünanlagen in Vorstadtquartieren durch die Pro Natura vor gewinnmaximierenden Gärtnereien geschützt werden muss? Kann es sein, dass der ehemalige Anwalt fürs Grüne dank Renditedruck zum Feind für naturnahe Oasen wird? Ja, richtig, wir leben ja alle von Geld, Umsatz, Gewinn. Aber wir leben länger, besser und fröhlicher wenn ökologische Vielfalt auch vor der Haustüre statt findet. Liebe Unternehmen der grünen Zunft, wie wäre eine Verlagerung von Nullachtfünfzen-Dienstleistungen auf naturnahe Pflege mit dementsprechender Aufklärungs- und Beratungsangeboten? Wetten, dass ein geschäftsmäßiges „Brachland“ nur darauf wartet, bearbeitet zu werden?

Nun, kurz vor Abgabe dieses Artikels sah ich in einer Nauturwiese vor dem Nachbarswohnblock zwei Gartenbauangestellte kauern, rupfend am Gras. Ich sprach einer der beiden an und machte ein Kompliment über diesen naturnahen Flecken. Er sah mich verdutzt an und fuchtelte mit der Hand ab und zeigte auf seinen Kollegen. Der Kollege drehte sich um und sagte: „Der versteht kein Deutsch“. Ich wiederholte meine Begeisterung zu diesem Konzept der Naturwiese. Der Mann stand auf, an der Harke stützend gab er zur Antwort: „Keine Ahnung, was Sie meinen, wir müssen da nur bestimmte Gräser ausreißen … aber ich sag es dem Chef weiter“.
Nickend ging ich weiter und stellte mir die Frage ob ich mich mit diesem Herrn nicht eher über das nächste Formel 1-Rennen hätte unterhalten sollen.

Buchtipp zum Thema: Hecken für naturnahe Gärten von Dietrich, Gregor; ISBN 978-3-7040-2155-7

Offene Rechnungen

Ein Trend? In verschiedenen Restaurants scheint es in Mode zu kommen, dass nicht abgeschlossene Rechnungen bestehen bleiben, nachdem der Gast zahlte und ging. Als Beleg nimmt er jeweils eine unfertige Quittungen mit.

Unfertige Rechnungen

Unfertige Rechnungen

Was sind die Gründe? Diese in den Kassensystemen noch offene Posten könnten ohne das Stornierungsprozedere einfach wieder gelöscht werden. Das hieße, all diese Verkäufe gingen an der offiziellen Buchhaltung und der Steuer vorbei.

Ob solche Absichten hinter diesen Aktionen stehen, kann hier nicht beantwortet werden.

 

FIFA und seine hauseigene Zeitung

Die wöchentliche hauseigene Zeitung der FIFA heißt Weekly und wird von einem Chefredakeur geleitet, der früher bei der NZZ arbeitete. Er schreibt gut und weiß alles über Fußball. Angesichts der Korrupitions-Krise und den Gerüchten rund um seinen Präsidenten wurde mit der Chefredaktion der Weekly Kontakt aufgenommen und Fragen über die Arbeit platziert.

Bei der Neulancierung dieses Magazins 2013 wurde im Titel das große FIFA auf ein kleines Logo im neuen Titel Weekly geschrumpft. Damals hieß es auch, dass Debatten mit Beteiligung der Leserschaft geplant seien und auf Grußworte oder Editorials durch den Präsidenten verzichtet würde. Heute finden sich im Heft keine Diskussionen mit der Leserschaft und regelmäßig schreibt Sepp Blatter seine Kolumnen.

Die Fragen an die Chefredaktion von Weekly bleiben unbeantwortet respektive man verwies uns an die Medienabteilung. Wir legten dort unser Anliegen mit den Fragen vor, das war vor rund einer halben Woche. Weder eine Absage noch ein Kommentar ging bis zum Zeitpunkt der Verfassung dieser Zeilen ein.

Weekly von der FIFA kann man kostenlos auch online lesen, hier anklicken…